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Robert Spaemann feiert seinen 85. Geburtstag

Montag, 7. Mai 2012

Robert Spaemann ist heute der bedeutendste konservative Philosoph im In­- und Ausland. Jahrgang 1927, Günter Grass, Martin Walser und Joseph Ratzinger. Robert Spaemann feiert an diesem Samstag seinen 85. Geburtstag. Rechtzeitig zu seinem Festtag erscheint bei lLett-Cotta der Band > Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen. Dieses Buch ist die Aufzeichnung eines langen Gesprächs mit Stephan Sattler, in dem Spaemann seine Suche nach dem »was in Wahrheit ist« erläutert. Seine Mutter tanzte bei Mary Wigman, und sein Vater war Kunsthistoriker. Seine Eltern lebten in der Berliner Bohème der Zwanziger Jahre, sie waren links und athetistisch. 1942, nach dem Tod seiner Mutter, wird der Vater zum katholischen Priester geweiht. Zwei Jahre später desertiert Spaemann und versteckt sich bei einem Bauer. Robert Spaemann studierte Philosophie, Romanistik und Theologie in Münster, München und Fribourg, und wurde 1952 bei Joachim Ritter in Münster promoviert. 1962 wurde er in den Fächern Philosophie und Pädagogik in Münster habilitiert. An der TH Stuttgart lehrte er Philosophie von 1962 bis 1992. Danach lehrte er an den Universitäten Heidelberg und München, wo er 1992 emeritiert wurde. Spaemann war Gastprofessor in Paris, Rio de Janeiro, Louvain-la-Neuve sowie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Er hat die Ehrendoktorwürde der Universitäten Fribourg, Pamplona, Washington sowie Santiago de Chile. Robert Spaemann hat viele Werke Werke über die Ideengeschichte der Neuzeit, über Naturphilosophie, Anthropologie, Ethik und politische Philosophie verfasst. Seien Bücher sind in 14 Sprachen übersetzt worden.

Robert Spaemann bei einer Podiumsdiskussion über > Jean-Jacques Rousseau am 25. April 2012 in der > Stuttgarter Stadtbibliothek

Von der Vielfalt seines Vaters Heinrich hat Spaemann sehr profitiert: “Nächst Gott verdanke ich, wie mein Vater mir erzählte, meine Existenz der Malerin Käthe Kollwitz. Sie muss den genialischen jungen westfälischen Kunstgeschichtsstudenten, Dichter und Bauhaus-Schüler Heinrich Spaemann als Mitarbeiter der legendären »Sozialistischen Monatshefte« kennengelernt und gemocht haben. Mein Vater war dort zuständig für Film und Varieté, also damals zum Beispiel für Charlie Chaplin, Buster Keaton, Sergej Eisenstein, Josephine Baker und den Mozart der Jongleure, Rastelli. Ich besaß als Kind einen der Bälle, die Rastelli nach der Vorstellung ins Publikum geworfen hatte.”

Im Haus den “Psychologen Alexander Mette (später Präsident des Psychologenverbandes der DDR) … ereignete sich später (es war der letzte Besuch) auch die Wende im Leben meiner Eltern, der Blutsturz meiner Mutter, der ihrer tänzerischen Laufbahn ein Ende setzte. Dass sie im Himmel wieder würde tanzen können, war ihr gewiss. Dies und ein gleichzeitiger Anfall dämonischen Wahnsinns bei Mette war der Beginn einer gänzlichen Neuorientierung meiner Eltern, die, beginnend mit der Lektüre Rousseaus über Jean Cocteaus Briefwechsel mit Maritain schließlich zum Weggang von Berlin nach Münster und am Ende in den Schoß der katholischen Kirche führte. … Ergänzend ist nur noch zu sagen, dass mein Vater sich Jahre nach dem Tod meiner Mutter entschloss, Priester zu werden. Er wurde 1942 vom Bischof von Münster, Graf Galen, geweiht.”

Die bewegenden Stationen seiner Biographie, die er in diesem Gespräch berichtet werden von Spaemann auch in seinem > Werk immer wieder reflektiert.

Ein Gespräch mit Robert Spaemann über die Atomenergie: > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter:

> Ein unstillbares Verlangen nach Wahrheit.Der Philosoph Robert Spaemann wird heute 85 Jahre alt.
Im Gespräch mit Stephan Sattler erzählt er “Über Gott und die Welt” Von Martin Mosebach,
in DIE WELT, 5. Mai 2012

> Robert Spaemann
Unter Mitarbeit von Stephan Sattler
> Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen
1. Aufl. 2012, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94737-3

Weitere Beiträge auf diesem Blog zu den Büchern von Robert Spaemann:

> Nachgefragt: Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze
> http://blog.klett-cotta.de/philoosophie/leseberichtrobert-spaemann-nach-uns-die-kernschmelze/

> Rechtzeitig abschalten: Das Ende der Atomkraft
> Rousseau – Mensch oder Bürger
> Robert Spaemann – Freiheit und Wahrheit
> Robert Spaemann feierte seinen 80. Geburtstag
> Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht
> Das unsterbliche Gerücht: Robert Spaemann, Michael Klett
> Das unsterbliche Gerücht: Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne

Lesebericht:
Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze

Freitag, 10. Juni 2011

Die Novelle für das 13. Atomrechtsänderungsgesetz, die den Ausstieg Deutschlands aus der Erzeugung der Atomenergie mit Fristen festschreiben will, kommt nach dem Atomunfall von Fukushima nicht überraschend. Je geographisch näher uns ein noch nicht einmal in dieser fatalen Dimension sich ereignender Atomunfall wieder in Japan uns rücken würde, umso eher würden bei uns alle Atommeiler definitiv abgeschaltet werden. Und nicht nur bei uns in Deutschland. Für so eine These scheint viel zu sprechen. Befürworter der Atomenergie haben bisher erkennen ein Restrisiko anerkannt oder in Kauf genommen und meinen ein kleines Restrisiko sei beherrschbar. Auch sie müssen erkennen, dass selbst ein Rest Imponderabilien enthält, deren Gefahren nur theoretisch der Wahrscheinlichkeitsrechnung unterliegen, im Grunde genommen sehr real sind. Restlaufzeiten, “Robustheitsgrad” (steht in der Begründung zur Drucksache 340/11 des Entwurfs eines Dreizehnten Gesetztes zur Änderung des Atomgesetzes, 6.6.2011, S. 5). Energieeffizienz gehört auch zu den Ausdrücken, mit denen der Umgang mit den gefährlichen Meilern beschrieben wird.

Das Buch des Philosophen Robert Spaemann > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter kommt, auch wenn die Bundesregierung den Gesetzesentwurf über das Erlöschen der “Berechtigung zum Leistungsbetrieb einer Anlage zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität” jetzt auf den Weg gebracht ist, keinesfalls zu spät, sondern genau im richtigen Moment, um eine nicht nur politische, sondern auch ethische Diskussion zum Ausstieg aus dem Atomzeitalter zu begleiten. Soll das Vorhaben gelingen, soll die Energieproduktion sicherer werden, wird Deutschland auch mit seinen europäischen Partnern über dieses Thema sprechen müssen. Ein nur nationales Abschalten reicht bei diesem Thema nicht. Auch nach dem der letzte Meiler in Deutschland abgeschaltet worden ist, müssen wir und die nächsten Generationen sich noch lange mit dem atomaren Erbe auseinandersetzen.

Die Hybris des Menschen im Umgang mit der Atomkraft besteht eben in seiner Überheblichkeit, leichtfertig zu glauben, Naturgewalten bändigen zu können, auf Wahrscheinlichkeiten, es werde nichts Unvorhergesehenes passieren, und so frei zu sein, künftige Generationen mit dem atomaren Müll zu belasten. Spaemanns Buch enthält Aufsätze zur politischen Ethik, zur Energiepolitik und Interviews zur Atomenergie. Der Aufsatz von 1979 (in: Scheidewege, Vierteljahresschrift für skeptisches Denken) „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“ enthält den philosophischen und ethischen Rahmen oder Hintergrund, vor dem die Atomdebatte schon längst sich hätte immer bewegen müssen. Stattdessen hat man sich mit Begriffe wie Restlaufzeit oder gar Restrisiko zufriedengegeben. Angela Merkel hat gestern in ihrer Regierungserklärung gesagt „Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima akzeptiert, weil ich überzeugt war, dass es in einem Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Jetzt ist es eingetreten.“ Versteht man die Kanzlerin richtig, ist dieses Restrisiko jetzt doch der Grund für den anvisierten Stopp der Atomenergie in Deutschland. Aber das Restrisiko gab es auch schon vorher. Man muss also fragen, kommt die Einsicht in den Ausstieg nicht ein bisschen spät? Durfte man den Ausstieg so lange hinauszögern? Und man muss sich auch fragen, ob ein Land wie Deutschland alleine aus der Atomenergie aussteigen kann, wenn die Nachbarländer weiter produzieren? Diesen Ausstieg kann man eigentlich nur als ein politisches Signal verstehen.

Die Lektüre von Spaemanns zeigt, dass es sich um keine zufällige Auswahl handelt. Sein erster Aufsatz über die Folgen der technischen Eingriffe in die Natur liest wie ein kurzgefasster präzise angelegter Philosophiekurs. Der 2. Aufsatz in ihren Band mit dem Titel Ethische Aspekte der Energiepolitik stammt von 1980. Er stellt die Frage nach der Moral in der Energiepolitik? Gibt es die? Und warum hadern heute noch in der Koalition einige Abgeordnete mit dem Atomausstieg? Ihnen geht alles zu schnell, sie haben Sorgen vor Versorgungslücken, auch berechtigte Sorgen vor dem Klimaschutz – angesichts der Schäden eines Atomunfalls? Spaemann ist kein bisschen fortschrittsfeindlich. 1988 sagen Sie in einem Gespräch „Ich plädiere für die Rückkehr zu einem Fortschritt im Plural.“ Fortschritt nicht in Raten, sondern ethisch begründet, könnte eine Zusammenfassung lauten.

“Nach uns die Kernschmelze” lautete der Titel Ihres Aufsatzes in der FAZ im Oktober 2006. Spaemann sprach von einer “Begründungspflicht” der Politik, der man damals beim Ausstieg aus dem Ausstieg wohl nicht nachgekommen ist. Die Lektüre seiner Aufsätze und Gespräch zeigt, dass das “Prinzip” Hoffnung nicht alleiniger Pate eines jeden Großprojekts sein kann.

Betrachtet man die Entfesselung der Naturgewalten in Japan durch das Erdbeben und indirekt auch durch den Menschen mit nahezu ebenso schwerwiegenden Folgen ist man schon versucht zu fragen „Wo war Gott“?, so wie Spaemann dies im März für Christ und Welt (Beilage in Die Zeit) gefragt worden sind. Und es stellt sich die Frage, ob der von der Bundeskanzlerin verkündete Atomausstieg von Dauer sein wird? Handelt es sich lediglich um eine politische Entscheidung oder ist jetzt doch ein wenig politische Ethik auch in das Bundeskanzleramt und in den Bundestag eingezogen?

Nach der Lektüre bin ich auf den Besuch bei Professor Spaemann gut vorbereitet. Nach dem Gespräch mit ihm erscheint – wenn die Technik nicht wieder unvorhergesehen zickt – morgen abend hier der nächste Beitrag zu seinem Buch: Nachgefragt. Im übrigen hat das Buch meine Skepsis gegenüber den Terminen und Restlaufzeiten nur noch mehr verstärkt. Der definitive Ausstieg kommt schneller als von der Bundesregierung geplant.

> Robert Spaemann
> Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter
1. Aufl. 2011, 108 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94754-0

Lesebericht: R. Greene & K.S. Mohammad
Die Untoten und die Philosophie

Dienstag, 3. August 2010

Bei Tropen ist ein Buch erschienen, das uns, wie das Vorwort in seinem letzten Absatz es uns in Aussicht stellt, auf den Tag vorbereiten soll, wenn die Toten aus ihren Gräbern steigen und allerlei drastisches Unheil anrichten. Ob die Lektüre des Buches dann von Vorteil sein wird, mögen die Autoren nicht versprechen, aber man wird zumindest über das “ausgekochte philosophische Vokabular” verfügen, um den Horror in einige “treffende Worte fassen” zu können, bevor man selbst sich in die Untoten einreihen darf oder muss. Das ist doch gar kein so geringer Trost und sollte Anreiz genug sein, dieses Buch zu lesen, um sich gegen alles Kommende zu schützen und zu wappnen.

Als das letzte > Paket ankam, war ich schon etwas erstaunt wegen dieses Titels > Die Untoten und die Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren Aber weiten wir mal unseren Horizont, vielleicht haben die Autoren des Vorworts doch ein wenig Recht. Von Vampiren, Werwölfen und Zombies etwas lernen? Da ist wirklich etwas dran. Schließlich geht es hier um die letzten Fragen der Philosophie, um Leben und Tod, vor allem aber um die wichtige Strömungen der Philosophie. Literaturwissenschaftler, Philosophen und Politologen haben sich die Zombies durch ihre Fachbrillen genauer angesehen und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Entstanden ist dabei eine zeimlich schräge aber doch klige Bildungsreise in und durch die Welt der Untoten.

Die Untoten sind nicht erst mit dem > »Biss« von Stephenie Meyer wiederauferstanden. Vampire und Zombies üben seit langer Zeit eine anhaltenden Faszination auf Leser und Filmfans aus. Richard Greene und K. Silem Mohammad ist es in diesem Buch gelungen nachzuweisen, dass Zombies nicht nur Schrecken und Furcht verbreiten, sondern dass ihr Auftauchen Fragen an die Philosophie stellt, die zu einigem Nachdenken anregt.

Im übrigen ist alles eine Frage der Definition. Die beiden Herausgeber des Bandes “definieren Untote als Wesen, die zu einer bestimmten Zeit lebten und starben, dann aber zurückkehrten dergestalt, dass sie jetzt nicht »ruhen«. Aus diesem Grund gehen alle Vampire, Mumien, Gespenster sowie die meisten Zombies als Untote durch, dazu eine Handvoll wandelnder Skelette (wie das Lost Skeleton of Cadavra aus dem 2001 erschienenen Film von Larry Blamire) und eine bunte Mischung anderer quicklebendiger Leichen wie etwa die manipulierten Toten in Donnie Darko – Fürchte die Dunkelheit.” Natürlich stellt sich die Frage, ob es wirklich schlecht ist untot zu sein. Richard Green geht kaltblütig an das Thema und wägt es nach allen Richtungen ab und kommt zu dem Schluss, da es “(objektiv)” nicht unbedingt schlecht sei, ein Untoter zu sein. Vielleicht ist das aber nur der erfolgreiche Versuch, uns die Furcht vor der Lektüre dieses Buches zu nehmen.

(Der Internet Explorer 7 mag > das Buch zum Blättern nicht anzeigen?) Haben wir also die Hürde des Titelblatts mit dem Zombie überwunden und uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass jetzt die Untoten und allerlei Grausamkeiten auf dem Leseprogramm stehen, geht es bei William D. Larkin gleich um eine Grundfrage der Philosophie, die er anhand der Zoombiethematik aufrollt, es geht um die personale Identität und die Frage, wer wir eigentlich sind. René Descartes (“Ich denke, also bin ich,”) tritt auf. Die Angst vor Zombies gründet vielleicht in der Furcht, man könne selbst aus irgendeinem Grund in eine solche Rolle schlüpfen. Und das ist nichts anderes als die Frage, ob das Leben nach dem Tod in irgendeiner Weise weitergeht. Und wenn es Zombies wirklich gibt, sollte man sich schon darauf vorbereiten und auf diese Hilfestellung des Tropen verlags vertrauen.

Sicher, die meisten unserer Zietgenossen runzeln die Stirn und greifen zum nächsten Buch. Aber so einfach darf man sich das doch nicht machen. Adam Borrows erinnert an Martin Heidegger sein 1927 erschienenes Buch Sein und Zeit und erklärt uns die Zusammenhänge zischen den Untoten und der Fundamentalontologie. Vampire und Zombies als Anleitung zum Nachdenken über metaphysische Fragestellungen? Das funktioniert. Es ist der Vergleich mit Zombies, der etwas über die wahre Natur der Menschen vermittelt, erklärt Borrows nach der Lektüre von Vaney the Vampire – or Feast of Blood, 1847.

Aristoteles (384-322 v. Chr.) kommt auch vor, und Matthew Walker gibt zu erkennen, dass man die Nikomachische Ethik kenn sollte, um über Zombies mitreden zu können. Baruch Spinoza (1632-1677) wird von K. Silem Mohammed als Gewährsmann für seine Überlegungen mitgebracht. Hier geht es wieder um Leben und Tod. Spinoza war sich schon sicher, dass der Tod keineswegs eine klare Sache ist. Man muss sich auch mit der Seele beschäftigen (ders., Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes, 1977), um hinter die Geheimnisse des Körpers zu kommen. Dale Jacquette hat bei Seneca (1-65), Epistulae morales ad Lucilium nachgeschlagen, um sich über Grundsatzfragen der Moral un der Ethik von Gladiatoren schlauzumachen. Wayne Yuen macht es uns mit der Zusammenfassung seines Beitrags glasklar: “Wir Menschen sind Vampire.” Aber die Wahl, was wir essen, zeigt, ob wir Vampire oder edel sind. Douglas Glenn Whitman bringt die Fragen seiner Kollegen in diesem band auf den Punkt und fragt nach den Gefühlen und der Vernunft von Vampiren und diskutiert schließlich die Frage nach dem Freien Willen. Rousseau und Hobbes werden auch noch befragt, wenn es darum geht angesichts der Perspektiven der Verrohung doch über einen Gesellschaftsvertag nachzudenken.

So verdorben das Personal dieses Buches, all die Vamps und Zombies, auch ist, mit dem sich die Autoren beschäftigen, so ist das Buch doch ein wunderbares Plädoyer für die Philosophie. Sie ist die Königsdisziplin, die uns immer noch lehrt, die richtigen Fragen zu stellen. Dieses Buch idemonstriert eine vergnügliche praktische Anwendung grundelgender philosophischer Fragen.

Richard Greene / K. Silem Mohammad
> Die Untoten und die Philosophie
Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren
Aus dem Amerikanischen von Christina Schmutz und Frithwin Wagner-Lippok (Orig.: The Undead and Philosophy, Chicken Soup for the soulless)
1. Aufl. 2010
288 Seiten
ISBN: 978-3-608-50403-3

Lesebericht: Die Beatles und die Philosophie

Mittwoch, 28. April 2010

Im Frühjahr ist bei Tropen der Band > Die Beatles und die Philosophie und dem Untertitel Klüger werden mit der besten Band aller Zeiten, erschienen, den Michael Baur und Steven Baur herausgegeben haben und der von Susanne Held und Christoph Trunk übersetzt worden ist. Welch ein Lesevergnügen! Schon bei den ersten Kapiteln bin ich wieder im alten Partykeller und höre die Songs der Beatles “A Day In the Life”, “A Hard Day’s Night”, “Don’t Let Me Down”, “Fixing a Hole”, “I’ve Got A Feeling”, “Mr. Moonlight”, “Strawberry Fields Forever”, “Yellow Submarine”, und so viele andere. Dann nach etwa 80 Seiten hielt ich es doch nicht mehr aus und holte mir dem Zeitalter gemäß die CDs mit den Beatles-Songs, die ich aus Nostalgie schon vor einigen Jahren gekauft hatte.

Die Frage, ob Philosophen über die Beatles schreiben können, braucht gar nicht gestellt zu werden. Und ob sie das können. Alle Autoren dieses Bandes ist es wunderbar gelungen, die Ohrwürmer von damals zu entschlüsseln und dabei einen spannenden Aus- und Einblick in die Philosophie zu vermitteln. David Detmer hat den Skeptizismus und die Erkenntnistheorie bei den Beatles untersucht. Es geht in vielen ihrer Songs um Wissen und Erkenntnis, genau genommen um die Frage, wie Wissen erlangt wird. Grund genug, dass ein Epistemologe, der einen Hauptzweig der Philosophie vertritt, sich die Liedtexte der Beatles genauer ansehen sollte: “I’m a Loser”, die Dinge sind manchmal nicht so, wie sie scheinen. Es geht auch um die Selbsttäuschung: “Nowhere Man”, der nur sieht, was er will. Michael Baur untersucht den idealistischen Monismus in Zusammenhang mit den Beatles. Der Monismus will den Zusammenhang von Allem mit einem großen Ganzen zeigen. Baur geht aber hier über sein Thema hinaus und erklärt Zusammenhänge zwischen der Popkultur und der Philosophie. Das ist spannend, weil er gleichzeitig Parallelen zu anderen Themen der Beatles herstellt und immer wieder ihre Songs als Belege für seine Ausführungen nennt. DIe Verbundenheit aller Dinge kommt z. B. in “All you Need is Love” zum Ausdruck.

Hegel, Liebe und Gemeinschaft ist das Thema von Jacob M. Held: “I am a Walrus”:”Ich bin hier und du bist hier, und du bist ich und wir sind alle zusammen, bringt hier die Liebe auf den Punkt. Peggy J. Bowers hat “She’s a Woman” wiedergehört und hat sich die Beatles und die feministische Ethik der Fürsorge angesehen. Notieren Sie sich die philosophischen Begriffe, die in diesem Buch genannt werden, und Sie haben nach der Lektüre den Index eines Philosophie-Lehrbuchs vor sich liegen. Oder andersherum, die Autoren dieses Buches schieben Ihnen ganz nebenbei, während Sie sich beim Lesen an die Songs der Beatles erinnern, ein Lehrbuch der Philosophie unter. Das machen sie ganz unaufdringlich und sehr geschickt. Sie ertappen sich dabei, gerne mehr über die Philosophie wissen zu wollen. Hegel, Schelling, Nietzsche, Heidegger, Sartre u.a. Philosophen kommen vor und ergänzen mit ihren Gedankengebäuden die Lebendigkeit der Beatle-Texte. Die > Beatles-Songs – das waren Zeiten! – und die Philosophie verweisen beide aufeinander. Nebenbei erzählt Peggy J. Bowers, wie sich die Beatles Ende der 50er Jahre zusammengefunden haben. Sie erzählt von dem “prickelnden Lebensgefühl”: “Here comes the Sun”, und wie George sich an seine Freundin wendet: “Liebling, das Lächeln kehrt auf ihre Gesichter zurück. Liebling, es war doch jahrelang verschwunden. Hier kommt die Sonne. Hier kommt die Sonne. Alles ist gut.” Aber ihre Liedtexte erzählen auch von Gleichgültigkeit und bemerken sehr wohl das Nebeneinander in den sozialen Beziehungen: “I’m looking through you”.

Dann kommt die Sozialphilosophie dran. Scott Calef untersucht die Kritik der Beatles an der Konsumkultur “You Say that You’ve Got Eyerything You Want”. Im Rauch des Konsums geht die Solidarität verloren. Die Beatles setzen diesem Verlust Ihr “Come together” entgegen oder “Getting better oder auch “I’m fixing a Hole”. Steven Baur hat einen interessanten Beitrag über Karl Marx und die Beatles verfasst. Marx ist es auch, der als einziger Philosoph es auf ein Cover der Beatles geschafft hat: Sergeants Pepper’s Lonley Harts Club Band: “We all want to Change your Head.” Oder sie melden sich mit “I’m Only Sleeping” zu Wort, um der pausenlosen Geschäftigkeit einen Ruhepool entgegenzusetzen.

Und dann das großartige Kapitel über die Existenzphilosophie: “Think for Yourself”. Michel H. Hoffheimer und Joseph A. Hoffheimer über George zu Sein und Etwas: “A Day in Life” und die Parallelen zur Philosophie > Jean-Paul Sartres steht hier im Mittelpunkt. “Savoy Truffle” schriebt George 1968 und behauptet “Man ist, was man isst.” Und der Autodidakt sagt zu Roquentin in La Nausée (1938): “Das Leben hat den Sinn, den sie ihm geben.” Die Unaufrichtigkeit, die Sartre 1943 in L’être et le néant
definiert, wird von ihm mit einem Beispiel illustriert: Eine Frau lässt sich verführen tut aber so, als merke sie nicht, dass der Mann sie zu verführen versucht, während sie genau das will: “Norwegian Wood”. Sartre erläutert, dass der Mensch für sich selber und sein Handeln verantwortlich ist: John und Paul sagen 1965 in “The Word” “Sag das Wort, und du wirst frei sein.”

Ronald Lee Ziegler beschreibt die Beatles als Ersatzgurus östlicher Philosophie: “Realize It’s All Within Yourself”. Jere O’Neill Surber hat sich “I’d Love to Trun You on” und die Ethik der Beatles einer Bewußtseinserweiterung angesehen. Hier geht es auch wieder um Sartre und Heidegger, aber Surber meint die Beatles gehen u. a. auch mit ihren kosmischen Visionen noch über beide hinaus: “Here, There and Everywhere”. James B. Southe schreibt über Die Beatles und die Praxis der Philosophie: “But I Can Show You a Better Time”. James Crooks untersucht Die Postmoderne der Beatles: “Take a Sad Song and Make It Better”, und Rick Mayrock hat Parallelen zwischen Nietzsche und den Beatles entdeckt.

Im letzten Teil geht es um “Number Nine, Number Nine, Number Nine”: Das Spiel der Beatles mit Sprache und Unterschieden. Alexander R. Eodice hat sich “And of Course Henry the Horse Dances the Waltz” vorgespielt und analysiert Lennons lyrische Sprachspiele. Richard Falkenstein und John Zeis tragen ihre Überlegungen unter dem Titel Vielfältiges Spiel mit Unterschieden vor, und schließlich hat Michael Caputo versteckte Hinweise auf den Tod von Paul McCartney gesammelt.

Schade, das Buch hätte auf meinem Lesestapel ganz oben liegen müssen. Vielleicht hatte ich keine Daumenprobe gemacht. Beatles und Philosophie? Denkt sich wohl auch mancher im Buchladen. > Blättern sie mal in dem Buch!. Ein IPad zeigt die Leseprobe nicht an. Dann hier: > Leseprobe. Hören Sie ihre Songs? Nein, dann blättern Sie ein bisschen weiter. Jetzt? Sehen Sie, so ging es mir auch.

Nachgefragt: > Tom Kraushaar über die Beatles und die Philosophie

Michael Baur / Steve Baur
> Die Beatles und die Philosophie
Klüger werden mit der besten Band aller Zeiten
Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden ohne Schutzumschlag
319 Seiten
ISBN: 978-3-608-50402-6

Michael Baur & Steve Baur
Die Beatles und die Philosophie

Freitag, 12. März 2010

A Day In the Life, A Hard Day’s Night, Don’t Let Me Down, Fixing a Hole, I’ve Got A Feeling, Mr. Moonlight, Strawberry Fields Forever, Yellow Submarine, und so viele andere > Beatles-Songs, das waren Zeiten! Und jetzt erscheint bei Klett-Cotta mit dem Titel > Die Beatles und die Philosophie und dem Untertitel Klüger werden mit der besten Band aller Zeiten ein Buch von Michael Baur und Steve Baur. Love, Liebe kommt immer wieder in ihren Songs vor. Also wird die Liebe gemäß der Beatles erstmal von den Autoren definiert:

“Die Vorstellung von Liebe, wie die Beatles sie vertreten, beruht auf wechselseitiger respektvoller Abhängigkeit. Liebe ist die Beziehung zwischen Menschen, die in nichtparasitärer, hilfsbereiter Art aufeinander verwiesen sind. Wir können also nicht gleichzeitig einerseits egoistisch nur an unsere eigenen Interessen denken und andererseits behaupten, liebende Menschen zu sein. Wer nur an sich selbst denkt und damit anderen schadet, der schadet letztlich auch sich selbst, da er sich die Sichtweise verbaut, die es ihm ermöglichen würde, andere zu respektieren und sich selbst als Mitglied einer Gemeinschaft zu entfalten. Das ist allerdings eine umstrittene Behauptung, was die Reaktion auf die Beatles belegt. Ihre Songs und ihre Botschaften werden häufig als gescheiterte »Hippie«-Ideale oder naive jugendliche Träumereien abgetan. Einer von Liebe geprägten Haltung wird Idealismus im abwertenden Sinn – als Weltfremdheit – vorgeworfen. Dieser Zynismus erwächst aus einem ganz bestimmten, weitverbreiteten Verständnis der menschlichen Natur.”

Aber es geht auch um soziale Beziehungen innerhalb von Gruppen, und die beiden Autoren haben zuallererst die Beatles selbst im Blick: (Wie präsent ihre Melodien sind! Seit ich diesen Beitrag schreibe, gehen sie mir im Kopf herum, gerade eben wollte ich lauter stellen.)

“Stellen wir uns die Beatles als beispielhafte Vertreter einer idealen, rücksichtsvollen sozialen Welt vor, in der jeder Einzelne durch seine Beziehung zu den anderen gefördert und verbessert wird. Jedes Mitglied wächst durch seine Funktion in der Band; durch diese Funktion kann jeder das für sich als Person Optimale erreichen. Ringo ist ein besserer Mensch, weil er ein Beatle ist, und das gilt genauso für George, John und Paul. Man darf ja mit vollem Recht davon ausgehen, dass jeder der Vier nicht der wäre, der er ist, wenn er kein Beatle wäre, und als Beatle ist jeder Einzelne ein wünschenswertes Optimum. Entscheidend bei dieser Vorstellung ist der Umstand, dass jedes Mitglied nicht ausschließlich seine eigenen Interessen verfolgen darf , diese Einschränkung aber ist für jedes einzelne Mitglied von Vorteil. Jedes Mitglied kann nur in der Gemeinschaft echte Größe entwickeln. Und durch die gemeinsame Anstrengung aller Mitglieder wächst die Band als Ganze! ”

Bei der Gesprächsrunde mit den beiden verlegerischen Geschäftsführern von Klett-Cotta, – in anderthalb Stunden konnten wir gar nicht den Berg der Neuerscheinungen dieses Frühjahrs abarbeiten – hat Herr Kraushaar auf meine erstaunte Frage, dieses Buch falle doch aus ihrem Rahmen bei Klett-Cotta, oder? erklärt, wieso dieser Band über die Beatles in das Programm aufgenommen wurde:

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Möchte Sie mal > in das Buch gucken? Probelesen?
Michael Baur / Steve Baur
> Die Beatles und die Philosophie
Klüger werden mit der besten Band aller Zeiten
Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden ohne Schutzumschlag
Seiten: 319
ISBN: 978-3-608-50402-6

Das Doppelheft des MERKUR.
Gibt es heute noch Helden?

Montag, 12. Oktober 2009

MERKURDas neue Sonderheft des > MERKUR beschäftigt sich mit Helden: Heldengedenken. Über das heorische Phantasma lautet sein Titel.

In Ihrer Einleitung bestätigen die Herausgeber, dass das Heroische nicht gerade aktuell ist. Aber es werden zunehmend die “Helden des Alltags” genannt, die die etwas Gutes tun, aber ncht immer Helden im strengeren Sinn sein müssen. Das Unalltägliche macht den Helden aus. “Es ist eher die Abweichung, die das Heroische kennzeichnet, nicht die Erfüllung einer vorgegebenen moralischen Norm. Und es ist auch nicht nur die Tat als solche, sondern der Gestus, die Kühnheit des Tuns, die uns das Heroische erkennen lässt.”

Die erste Abteilung des Heftes stellt die Vielfalt des Temas vor: Helden im Alltag, Helden in der englischen und deutschen Geschichte (Giles MacDonogh) und Helden in der “postheroischen” Epoche (Niels Weber). Oder wie sehen Jugendliche heute Helden? Sven Tetzlaff schreibt über den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Josef H. Reichholf widmet sich grundsätzlichen Fragen: “Zur Soziobiologie des Heroischen”.

Im zweiten Teil werden die unterschiedlichen Typen der Helden betrachtet: Achill (Arbogast Schmitt) und Don Quijote (Hans-Ulrich Gumbrecht), Satan (Peter-André Alt) und der Dandy als Held (Karin Westerwelle). Und Siegfried Kohlhammer untersucht Dichter und Denker als Helden: “Der Hammer redet”, obwohl Heinz Schlaffer ihn daran erinnert: “Die Vorstellung, ein Schriftsteller sei ein Held entbehrt nicht der Komik.” Heinrich Detering untersucht Brechts Helden.

Im dritten Teil geht es um – die Kriegshelden sind verschwunden – den Helden im Western: Ritus und Geste (Karl heinz Bohrer): “Lakonie ist die Kennmarke des Verhaltens des Westernhelden.” Martin Seel hat sich den Film The Searchers von John Ford noch einmal angesehen: Ethan Edwards und einige seiner Verwandten und Josef Früchtl denkt über die Selbstreflexion der Heldenfigur im Film nach: Und diesen Unsinn glauben wir. schließlich hat der Comiczeichner Andy Bleck aus Köln “den verwundeten Sokrates” nach einer Geschichte von Bertold Brecht illustriert.

Held sein liegt einem nicht so recht. Mit den Durchblättern habe ich auch etwas gezögert und es nicht gelich oben auf meinen Bücherstapel gelegt. Das Heft scheint auch nicht so recht zu den gegenwärtigen Themen zu passen. Aber die Art und Weise, wie das Thema aufgefächert, von verschiedenen Seiten diskutiert wird, und dann auf den Punkt gebracht wird, macht es zu einer interessanten Lektüre für alle, die über den Tellerrand des politisch Gewöhnlichen und über das Alltagsgeschehen gerne mal hinausschauen, um sich Anregungen zu holen, sich inspirieren zu lassen oder ganz einfach um mal nachzusehen, wie die Herausgeber und die Autoren sich der Helden angenommen haben. Die Vielfalt der Themen in diesem Heft passen vorzüglich zusammen und sind von den Herausgebern einleuchtend geordnet worden.

> MERKUR

Das Bücherregal

Donnerstag, 6. August 2009

Ein Blick auf das Regal mit den in den letzten Monaten gelesenen Bücher. Eine Backlist zum Anklicken. Einige Bücher > Eine ganze Epoche: Livia und ihre Geschichte, > Kap der Finsternis, > Alle Wasser laufen ins Meer, Die Prophetenmorde, u v. m., s. a. > Die Vielfalt bei Klett-Cotta im Bild haben meine Kollegen ausgeliehen, alle anderen stehen hier auf dem Backlist-Regal und können einzeln angeklickt werden:

Die Welt der Hetären Kommen sie mit nach Venedig Vnedig, Wien und die Osmanen Der Hellenismus Der Untergang Roms Botschaften des Schönen Der Name des Windes Die Brautprinzessin Eros der Freiheit Die Türkei Alles über die Globalisierung Alles über die Liebe Nachgefragt: Massimo Carlotto Eskorta City Matthew Eck Johann Friedrich Cotta Die Traumjäger Träumer des Absoluten das unsterbliche Gerücht Über Jean-Jacques Rousseau Drogen Douglas Hofstadter

Herausnehmen können Sie hier leider kein Buch, aber Sie können jedes anklicken und gucken.

Der Stapel der Neuerscheinungen wächst unaufhörlich:

> Das Herbstprogramm (IV): Hobbit Presse – Der Herr der Ringe
> Das Herbstprogramm 2009 (III)
> Das Herbstprogramm von Klett-Cotta (II)
> Das Herbstprogramm von Klett-Cotta (I)

Am Mittwoch, 15.4., im ERSTEN:
Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben

Mittwoch, 15. April 2009

Gerhard Gnauck, > ARD zeigt Marcel Reich-Ranickis Leben als Film, DIE WELT, 4. März 2009. Der Film wird am Mittwoch, dem 15. April, 20 Uhr 15 in der ARD gezeigt: > Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben

> Nachgefragt: Gerhard Gnauck, Wolke und Weide
Es geht um Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre. Der Autor, Korrespondent der WELT in Warschau, hat für sein Buch den Titel Wolke und Weide gewählt, zu dem er sich durch das Gedicht von Rajzel Zychlinski “opgerissn, opgeschlissn” hat inspirieren lassen.

Gerhard Gnauck, Pakt mit dem Teufel Weltwoche, 15.04.2009, Ausgabe 16/09
“Wie tief war Reich-Ranicki in die Geheimdienst-Machenschaften der polnischen Kommunisten verstrickt? Ein Biografie und ein Spielfilm geben unterschiedliche Antworten.”

Eros der Freiheit
Plädoyer für eine radikale Aufklärung

Montag, 6. Oktober 2008

Ulrike AckermanntUlrike Ackermann hat ein Plädoyer für eine radikale Aufklärung verfaßt, das jetzt unter der Überschrift > Eros der Freiheit bei Klett-Cotta erschienen ist.

Sie hat eine interessante Darstellung der Freiheit mit ihren Fallstricken und Chancen vorgelegt. Das Buch richtet sich an ein breites Publikum aber auch an Studenten und Schüler, die hier viele Anregungen z.B. für Referate finden werden. Das Buch könnte auch ein Seminar begleiten, in dem die einzelnen Kapitel als Themen abgehandelt werden – und ist wahrscheinlich auch so entstanden?

“Taugt unsere Zivilisationsgeschichte [noch als, w.] Erfolgsmodell?” fragt sie und verweist im > Prolog auf die Freiheitsmüdigkeit der Bürger. Ihr Essay behandelt die Potentiale der Freiheit aber auch ihr Dilemma, das sich in der Sehnsucht nach und in der Angst vor Freiheit ausdrückt. Es geht um den Eros, den die Vernunft nicht in den Griff kriegt, und der die Freiheit nutzt, um Gutes und Böses anzurichten. (vgl. S. 10) Dieses Doppelgesicht der Freiheit ist das eigentliche Thema ihres Buches. Aus ihm leitet sie die Kritik am Zustand unseres Gemeinwesens ab, aus ihm liest sie unsere nicht immer verfolgten Chancen. “Gottvater Staat” wird es wohl richten, meinen heute immer noch zu viele, und die Politiker nutzen dieses Gott- oder Staatsvertrauen gerne aus und begnügen sich mit halbherzigen Reformen. Nicht aus der Demokratie, sondern aus dem Sozialstaat beziehen die Deutschen ihre Identität, (vgl. S. 17) lautet eine These der Autorin, mit der sie auch auf die Entmündigung des Bürgers verweist. (vgl. S. 27, bes. S. 31-36): “Indem die Bürger die zunehmende Verrechtlichung privater Freiräume akzeptieren, billigen sie dem Staat die Rolle des Tugendwächters und intervenierenden Pädagogen anstandslos zu,” so lautet ihr Urteil.

Unter den Überschriften “Renaissance des Religiösen” und “Herausforderung Islam” stellt sie kritische Fragen hinsichtlich der geduldeten Abschottung der muslimischen Minderheit, die hierzulande mit jedem Bau einer Moschee zunimmt. In diesem Zusammenhang erinnert sie auch an Ayaan Hirsi Ali und ihre Warnungen vor “der schleichenden Scharia in Europa” (S. 51): Ackermanns Erklärungen sprechen eine deutliche Sprache: “Ein tiefsitzendes Schuldgefühl angesichts der europäischen Kolonialgeschichte speist den Multikulturalismus und schürt die westlichen Selbstzweifel, die sich bis zum Selbsthaß steigern und die eigenen Werte und Traditionen radikal in Frage stellen.” (S. 57)

Besonders interessant finde ich ihre Kapitel “Die Wiege der individuellen Freiheit” und die folgenden, in denen sie die historische Entwicklung der Freiheit ausgehend von Aristoteles über die Renaissance und die Aufklärung bis heute skizziert. Das ist eine gedrängte und zugleich präzise Geschichte der politischen Ideen, die auch wegen der vielen Parallelen zu heutigen Intellektuellen sehr lesenwert ist. Jeder freut sich, wenn seine Denker auch genannt werden, wenn diese fehlen, sollte man sich für die Werke aller anderen aber auch interessieren, die Ackermann nicht ohne Grund als ihre Gewährsleute nennt. Bei ihrem Ansatz, die Entwicklung der Freiheit in einer historischen Perspektive zu zeigen, muß > Jean-Paul Sartre nicht unbedingt genannt werden, wenn es aber um die Chancen und die Angst geht, die die Freiheit mit sich bringt, dürfte sein Werk allerdings nicht fehlen.

Im “Kapitel “Praktische Umsetzung und Ernüchterung” erzählt Ackermann, wie die Revolutionäre in Frankreich mit der Freiheit umgingen und wie ihre Tugendwächter den Bogen überspannten. Mit ihrem sehr klaren Überblick über die politischen Gruppierungen dieser Epoche zeigt sie, wie wir “das Dilemma zwischen politischer und individueller Aufklärung” (S. 100) von der Aufklärung geerbt haben, d. h. mit der Aufklärung ist die “abgründige Seite der Vernunft abhanden gekommen” (S. 102). Nur wenn der Blick auf das Individuum seine “rationale und irrationale” (S. 153) Seite umfaßt, kann der Kampf um die Freiheit erst wirklich verständlich werden. Erst dann sieht man, daß die Freiheit in unserer Zeit immer in Gefahr ist, wegen der Angst vor ihr nicht gesehen und nicht wahrgenommen zu werden. In Ackermanns schönen Worten: “Eros… wird überrumpelt von Bänglichkeit.” (S. 156) Es ist wahrlich ein Plädoyer, was die Autorin verfaßt hat. Und sie nutzt in vollem Ausmaß das historische Wissen, die Geschichte, um unseren Standort und unsere nicht ausgeschöpften Möglichkeiten zu demonstrieren.

Am nächsten Dienstag, 14.10. 2008 um 20.00 Uhr, wird Ulrike Ackermann im Literaturhaus in Darmstadt ihr Buch vorstellen.

Darmstadt: Buchmessenabend: Lesung und Gespräch
Massimo Carlotto liest im Rahmen des Buchmessenabends aus Die dunkle Unermesslichkeit des Todes,
Ulrike Ackermann stellt ihr neues Buch > Eros der Freiheit – Plädoyer für eine radikale Aufklärung vor.

Im Anschluss findet ein Gespräch mit Tom Kraushaar über den Verlag Klett-Cotta und sein Imprint Tropen statt.

Literaturhaus Darmstadt, Kasinostr. 3, 64293 Darmstadt

> Ackermann, Ulrike
> Eros der Freiheit. Für eine radikale Aufklärung
1. Aufl. 2008, 168 Seiten
ISBN: 978-3-608-94305-4

Ulrike AckermanntEbenfalls von Ulrike Ackermann ist bei Klett-Cotta erschienen:

> Sündenfall der Intellektuellen. Der deutsch-französische Streit nach 1945
Mit einem Vorwort von Francois Bondy, 1. Aufl. 2000, geb. mit Schutzumschlag, zahlr. Abb., 267 Seiten, ISBN: 978-3-608-94278-1
Preis EUR [D] 20.00* / SFr 38.70*

Ulrike Ackermann – Eros der Freiheit

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Ulrike AckermanntMit jedem neuen Paket wird der Bücherstapel immer höher. Eben kam > Eros der Freiheit von Ulrike Ackermann an. Der Klappentext erwähnt die Zäsur von 1989, die die Grenzen des “real existierenden Sozialismus” und die des “prosperierenden Wohlfahrtsstaats in Europa” aufzeigte. Statt zu diesem Zeitpunkt die Chance zu ergreifen, den Sozialstaats zu modernisieren und als “Aufbruch in die Freiheit” zu nutzen, “überwiegt bis heute die Angst vor Veränderung, Innovation und Flexibilisierung.” Und – so der Klappentext – Ulrike Ackermann stellt die Frage, “Trifft es zu, daß in Deutschland die Liebe zur Freiheit und der Bürgersinn nie sehr ausgeprägt waren?” Hat man bisher Freiheit nur über den Sozial- und Wohlfahrtsstaat definiert?

Weil Sie hier auf einem Blog sind, darf ich an meinen > Vortrag auf dem Stuttgarter Barcamp vom letzten Wochenende erinnern, bei dem es um die französische Blogosphäre und insbesondere um die rund 2000 Blogs ging, auf denen während der Präsidentschaftswahl 2007 disktutiert wurde und auch heute noch diskutiert wird: > www.blogpole.fr. Diese Seite gibt es auch für die USA, > www.presidentialwatch08.com, auf der rund 380 analysiert werden. In Deutschland gibt es auch > einige wenige Blogs von Politikern aber bei weitem nicht in dem gleichen Umfang. Ob diese Beobachtung ein Hinweis darauf ist, daß bei uns “Fantasie und Kreativität”, die Ulrike Ackermann als Voraussetzung für die Freiheit ansieht z. B. im politischen Bereich Nachholbedarf haben? Blogs, auf denen ein Politiker seein Arbeit dokumentiert und so für Kommentare seiner Leser öffnet, sind bei uns noch echte Seltenheit. Rund 50 > Abgeordnete der Nationalversammlung in Paris bloggen, bei uns sind es nur einige sehr wenige.- Genug. Ich bin gespannt. Jetzt lese ich das Buch.

Das Motto des Prologs lautet “Denn was ist Freiheit? Die Möglichkeit zu leben, wie du willst.” Meint sie tatsächlich eine so absolute Freiheit? Diese Aussage stammt von Cicero: > Paradoxa Stoicorum 5, 1, 34. (46. Chr.), ein Werk, in dem Cicero einige ethische Grundsätze der Stoiker untersucht. Paradox nennt Cicero diese Überlegungen, weil sie eben nicht als Allgemeingut akzeptiert sind. Das fünfte Paradoxon trägt die Überschrift “Der Weise allein ist frei, und jeder Thor ist ein Sklave.” In dem von Ulrike Ackermann zitierten Abschnitt heißt es weiter: “34. Denn was ist Freiheit? Die Macht so zu leben, wie man will. Wer lebt nun so, wie er will, außer demjenigen, welcher zu jeder Zeit dem Sittlichrechten folgt? welcher seine Pflichten freudig erfüllt, welcher sich einen wohl überlegten und bedachten Lebenswandel gesetzt hat, welcher den Gesetzen zwar nicht aus Furcht gehorcht, aber sie befolgt und ehrt, weil er dieß für das Heilsamste erkennt, welcher Nichts sagt, Nichts thut, Nichts endlich denkt als gern und frei, dessen sämmtliche Entschließungen und sämmtliche Handlungen aus ihm selbst hervorgehen und auf ihn selbst wieder zurückgehen, und bei welchem Nichts mehr gilt, als sein eigener Wille und sein eigenes Urtheil, welchem sogar die Schicksalsgöttin, der man doch die größte Gewalt zuertheilt, weichen muß?…”

Also meint das Motto möglicherweise nicht eine absolute Freiheit, so wie Stirner sie 1842 “Ich bab mein Sach auf Nichts gestellt,” in der “Einzige und sein Eigentum andeutete? – “Warum ist die Freiheit in unserem Land so unbeliebt und liberales Denken so schwach verankert,” mit dieser Generalkritik beginnt der Prolog. dann setzt sie Freiheitsmündigkeit mit Paternalismus gleich. Der Bürger als Tugendwächter möchte von der Wiege zur Bahre versorgt werden. Und sie fragt ob unsere Zivilisationsgeschichte noch ein Erfolgmodell ist. – > Bald mehr.

Vgl. David Hesse, > Unschärfen der Freiheit, NZZ Folio 12/06 – Thema: Freiheit

> Ackermann, Ulrike
> Eros der Freiheit. Für eine radikale Aufklärung
1. Aufl. 2008, 168 Seiten
ISBN: 978-3-608-94305-4

Rousseau – Mensch oder Bürger

Sonntag, 7. September 2008

Robert SpaemannÜber kleine Bücher kann man leicht leicht die längsten Beiträge schreiben. Der gerade erschienene Band von Robert Spaemann über Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) enthält seinen Habilitationsvortag vom Januar 1962 in Münster über das Thema “Natürliche Existenz und politische Existenz” bei Rousseau. Dann folgt sein 1973 publizierter Vortrag über den ersten “Discours”, den Rousseau 1750 mit dem Titel “Über den Einfluß der schönen Künste auf den Staat” verfasste. Der Aufsatz von 1967 zur “Vorgeschichte des Naturbegriffs im 18. Jahrhundert”, systematisiert die Überlegungen der ersten beiden Beiträge und verdeutlicht die Implikationen des Naturbegriffs. Der letzte Beitrag (1978) dieses Bandes fragt, ob Rousseaus Emile ein Traktakt über die Erziehung war oder nur Träume eines Visionärs enthielt?

Rousseau ist für > Robert Spaemann eine “exemplarische Existenz” und somit ein “Signum der Moderne” (S. 9, 15). Rousseau hat den “neuzeitlichen, nichtteleologischen Naturbegriff” (S. 17) untersucht, also eine Natur als Anfang, der kein Ende vorherbestimmt ist. Daraus ergibt sich die permanente Revolte gegen jede Art von Institution, da diese die Natur immer unterdrückt. Oder es geht darum, die Natur den Bedingungen ihrer Erhaltung zu unterwerfen. Das ist Spaemanns Ansatz, mit dem er wichtige Werke Rousseaus untersucht. Rousseau hat die eben genannten beiden Ansätze zugleich verfolgt, ohne ihre Synthese zu versuchen. Dadurch wird er auch zum Intellektuellen par excellence, der nicht auf eine Aussage festzulegen ist, den man gerne in eine bestimmte Schublade steckt, oder rechts oder links einordnet. Das geht mit Rousseau nicht: Folglich bezeichnet Spaemann Rousseau als “Vater aller modernen Modernisme und Antimodernismen”. (S. 17)

Spaemanns Aufsätze können auch als eine spannende, politische und philosophische Biographie Rousseaus gelesen werden. Er erinnert daran, auf welche Kritik sein Werk noch 1912 bei seinem 200. Geburtstag stieß. Spaemanns Habilitationsvortrag berichtet zunächst von der Rezeptionsgeschichte und erklärt dann die die Dissoziation von Bürger und Mensch. In mehreren Passagen wird deutlich, dass die Rousseau immer mal wieder zugeschriebene Forderung > “Zurück zur Natur” mit Rousseau nichts zu tun hat. Rousseau entwickelt den “homme naturel” in seiner zweiten Preisschrift über den “Ursprung der Ungegelichheit unter den Menschen.” (cf. S. 36 f.) Natur wird von ihm nach Aristoteles mit Asozialität und Sprachlosigkeit gleichgesetzt. Die “Denaturierung” des Menschen erfolgt durch seine politische Existenz. Eine Rückkehr ist überhaupt nicht im Sinne Rousseaus, wohl aber eine tiefgreifende Reflexion über die negativen und positiven Entwicklungsbedingungen in der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang sind seine beiden Werke Über den Gesellschaftsvertrag (1754, ersch. 1762) und “Emile oder Über die Erziehung” (1762) wieder neu zu lesen.

Wolmar in der Nouvelle Héloïse (1758, ersch. 1761) sagt, dass alle natürlichen Fähigkeiten des Menschen sich erst im “état civil” sich entfalten könnten. (S. 40). – Blogbeiträge haben den Nachteil, nicht zu lang sein zu dürfen. Wenn ich aber alle Lesefrüchte, die hier zu pflücken sind, vortragen würde, dürfte ich an diese Regel nicht denken. Am meisten gefällt mir die Verbindung zwischen den Beiträgen Spaemanns, womit die Entwicklung des Denkens Rousseaus und sein Einfluß auf die Moderne so eindrucksvoll demonstriert wird. – “Emile oder Über die Erziehung” ist für Spaemann zu Recht eine “unerschöpfliche Quelle der Inspiration”. Beobachtung des Kindes, die Erfahrungen des Kindes, das Kennenlernen der eigenen Kompetenzen, “die Erfahrung der Freiheit” (S. 126) stehen hier im Vordergrund (S. 144). Und sie erfahren hier, wieso Rousseau der “Erfinder der antiautoritären Erziehung” (S. 132) ist. Rousseau hatte das Kind “als eine eigenständige, in sich selbst gerechtfertigte Gestalt des Menschseins” (S. 138) entdeckt, und damit ist er heute so manchen Pädagogiktrakten immer noch weit überlegen.

> Robert Spaemann
> Rousseau – Mensch oder Bürger
Das Dilemma der Moderne
Auflage: 1. Aufl. 2008
156 Seiten
ISBN: 978-3-608-94245-3

Jean Améry, Werke, Band 1-9

Montag, 19. Mai 2008

Jean Améry, WerkeMit dem > Band 9. Materialien liegt die > Ausgabe der Werke Jean Amérys bei Klett-Cotta jetzt vollständig vor.
Dieser letzte Band ist unentbehrlich für die Benutzung der ganzen Ausgabe dieser neun Bände. Band 9 enthält auch ein Personen-Gesamtregister für die Werkausgabe: > Jean-Paul Sartre ist der Autor, der mit Abstand am häufigsten und und manchmal auch zur Recht kritisch in seinem Werk genannt wird.

Der Materialienband beginnt mit einem langen Gespräch (S. 43-152), das Ingo Hermann mit Jean Améry am 20. Juli 1978, drei Monate vor seinem Tod, geführt hat. Dieses Gespräch ist eine sehr gute Einführungen in das Gesamtwerk Amérys und steht zu Recht am Beginn dieses Bandes. Jedes seiner Themen wird hier erwähnt: Humanismus, sein Judentum, Exil, Gewalt, Ideologien, die Aufklärung, der Schriftsteller und seine Wirkung, um hier nur einige Stichwörter zu nennen, die sein Denken maßgeblich bestimmten.

Jean Améry, Werke, Band 9
“Noch einmal also: Wer war Jean Améry? Er war ein deutsch schreibender Jude aus Österreich, der mit dem Geburtsnamen Hans Mayer hieß und der sich später, nach 1945, jenseits der deutschen und österreichischen Grenzen, durch Umstellung der Buchstaben in den französischen Jean Améry verwandelte. Ein Journalist, Publizist und Schriftsteller. En Kulturkritiker und Philosoph. Ein homme de lettre in einem in Deutschland seltenen und ungewöhnlichen Sinn. Dichter und Pamphletist.” (Hanjo Kesting, Der Tod des Geistes als Person. Leben und Werk des jean Améry, in: Jean Améry, Werke, Band 9, S. 372 f.) Zu seinem Judentum sagte Améry: “Ich habe jeden Morgen das Schulgebet gesprochen und mir darüber keine weiteren Gedanken gemacht, zumal ich katholisch erzogen wurde, wie das so heißt.” (S. Gespräch mit Ingo Herrmann, S. 46) und “Seit Hitler bin ich ein Jude. Hitler hat mich als Juden erfunden. Ich habe eine volljüdischen, glaubensjüdischen, allerdings nicht praktizierenden Vater gekannt,” (S. 104) und er zitiert Sartres “Überlegungen zur Judenfrage”: “Jude ist einer, der von den anderen als Jude angesehen wird.” (S. 106)

Der Materialienband enthält in seinem zweiten Teil Rezensionen zu seinen Werken von u.a. Wolfram Schütte, Günter Kunert, Alfred Andersch, Primo Levi und Lothar Baier. Im 3. Teil Wirkung stehen Nachrufe und Erinnerungen von Alfred Andersch, Henryk M. Broder, Hanjo Kesting, Imre Kertész, Jan Philipp Reemstma , W. G. Sebald, Helmut Heißenbüttel, Hans Paeschke und anderen, die das Vermächtnis Amérys würdigen.

“Die existentialphilosophische Position, die Améry, an Sartre sich orientierend, bezog, bedeutete keinerlei Zugeständnis an die Geschichte sie exemplifiziert vielmehr die Notwendigkeit anhaltenden Protestes, eine Dimension, die der deutschen Nachkriegsliteratur so auffallenderweise mangelte.” (W. G. Sebald, Mit den Augen des Nachtvogels. Über jean Améry, in: Werke, Band 9, S. 515 f.)

Jean Améry, > Band 9. Materialien,
mit einer ausführlichen Bibliographie seiner Werke, S. 609-841
und einem Personen-Gesamtregister für die Bände 1-8.
herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard
1. Aufl. 2008 gebunden, 900 Seiten, ISBN: 978-3-608-93569-1

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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