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Archiv für die Kategorie 'Philosophie'

Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Dienstag, 31. Januar 2017

Lesung: Steve Ayan, „Lockerlassen“ – 6.2.2017 / 19:00 Uhr Hospitalhof Stuttgart

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt:Der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen, das schon in der zweiten Auflage 2016 bei Klett-Cotta erschienen ist, kann missverstanden werden. Es geht nicht um weniger Überlegung und Nachdenken sondern um die missliche Konzentrierung per dauerndem Nachsinnen auf das eigene Ich. Habe ich das richtig gemacht? Hätte ich nicht…? Oder sollte ich das oder das jetzt machen? Was denkt der /die über mich?

Bei manchen kommt das Gedankenkarussell überhaupt nicht zur Ruhe, dreht sich mal langsamer, mal schneller und wirkt – und das ist entscheidend – wie eine Fremdbestimmung über den eigenen Willen: „So paradox es klingen mag: In vielen Fällen habe wir tatsächlich mehr davon, wenn wir uns und unserem Tun weniger Aufmerksamkeit schenken.“ S. 15 Natürlich kann man das Nachdenken nicht einfach abschalten, so leicht geht das nicht. Aber, und davon ist der Autor dieses Buches überzeugt, man kann wieder die Herrschaft über sein Denken gewinnen und dieses (Selbst-)“Bewußtseinsfimmel“ S. 17 reduzieren. Die menschliche Natur will ja auch etwas ganz anders: Sartre erklärt in L’être et le néant (1943), der Mensch überschreitet ständig seine Situation (vgl. Gerhard Seel, > « La morale de Sartre . Une reconstruction », Le Portique [Online], 16 | 2005, Online since 15 June 2008, connection on 31 January 2017. URL : http://leportique.revues.org/737, Absatz 13 und 14) Der Mensch sei sich immer voraus und dadurch definiert er sich, lehrt der > Existenzialismus Sartrescher Prägung.

Kennen Sie das, wenn jemand ständig sagt, ich mache mir Sorgen, ich fürchte, dass… und dazu eine Unsicherheit ausstrahlt. Ist eine Perspektive erstmal gesichert oder hat die Person ihr Vergnügen an neuen Situationen und am Ausprobieren wiedergefunden, hören die Sorgen auf, und dahin will Ayan seine Leser bringe: „Die Krux am Zu-viel-Denken ist tatsächlich, dass viele es nicht für ihr Problem, sondern für ihre Lösung halten.“ S. 21 „Mut zur Selbstvergessenheit“ schlägt Ayan vor. Richtig gute Ideen gibt es beim Rasieren oder beim Umgraben oder bei einem Waldspaziergang oder man findet etwas, was man gar nicht gesucht hat: > Serendipität – oder bei Ayan, S. 31-33 – gibt es im ersten Kapitel. Dann kommt im zweiten Kapitel die Unterscheidung zwischen Geist und Körper dran, der mehr mitdenkt, als der Geist findet. Drittes Kapitel: Wird alles durch Abwägen besser? Am besten man lässt den Teig ruhen, die Angelegenheit präsentiert sich am andern Tag in einem ganz anderen Licht. Das vierte Kapitel erklärt das ständige Überschreiten. Assoziationen sind das Stichwort. Komischerweise kommen in den Pausen des Denkens oft die allerbesten Ideen, womit wir wieder beim ruhigen Moment des Rasierens sind.

ayan-lockerlassenSerendipität. Wann waren sie zum letzten Mal in einem > Buchladen und haben dort einfachmal geguckt und dies oder jenes Buch in die Hand genommen? Das muss man Ihnen nicht sagen, aber rund 40-50 % der Bücher, die Sie dort erwerben können, sind in der Lage Ihren Entscheidungen und damit Lebensumständen einen Kick wohin auch immer zu geben. Überraschende Begegnungen, ganz so, als ob sie rechts oder links herumgehen. Gedanklich lässt sich das alles nicht erzwingen, durch Nachsinnen und Nachdenken schon gar nicht, sondern durch ihr eigene Aktion. Sie fühlen sich unwohl und denken dauernd nach und hadern mit sich und der Welt. Ein Gespräch mit einem Freund, einer Freundin, der Besuch eines Cafés, der Gang ins Kino, die Verabredung zu einem Museumsbesuch, eine Kurzreise, ein Ausflug können alles auf den Kopf stellen, so als wenn sie einen spannenden Roman lesen und plötzlich merken, dass Sie ein paar Stationen zu weit gefahren sind. Wenn Sie das wegen etwaiger Folgen und Konsequenzen nicht besonders aufregt, dann haben Sie das Buch von Ayan richtig gut verstanden.

Sich auf neue Ideen einlassen. Neugierig sein. Das ist ein Modus, der Sie für die Serendipität empfänglich macht. Ziehen sie keine voreiligen Schlüsse, (vgl. S. 41) lassen Sie die Dinge auf sich wirken, genießen Sie Kunst und Literatur: „Serendipität heißt, Unsicherheit anzunehmen, statt sich davor zu fürchten und sich davon verrückt machen zu lassen,“ fasst Ayan diese Gedanken zusammen. Ablenkung ist ein eigener Abschnitt bei Ayan: S.48 ff.

Ayan meinte nicht weniger denken, sondern kreativer, abschweifender denken, Lust am Ausprobieren. Lesen Sie das „Intermezzo: Der Forscher“ S. 57 ff.

Embodiment: Wie reagiert der Körper auf Gedanken, was macht er aus ihnen und sie aus ihm? Lesen Sie bis S. 87 und es geht ihnen gleich ein bisschen anders. Übrigens Selbstaufmerksamkeit kann eingübte Mechanismen durcheinander bringen. So ist das auch, wenn zu viel nachgedacht wird: „Auf Analyse folgt Paralyse,“ zitiert Ayan Sian Beilock. Also schließen Sie die Tür ab und denken Sie darüber nach, ob Sie es auch wirklich tun. Rechts um, zweimal, Tür wirklich zu? Wenn Sie in der Garage im Auto sitzen: Ist die Tür zu? Wieviel Prozent der Nichtleser dieses Buches steigen nochmal aus,um nachzugucken, ob die Tür auch zu ist?

In Ayans Buch lernen Sie auch Nützliches über die Intuitionsforschung. (S. 96) „Das war Intutition,“ hat Ihnen sicher schon mal jemand gesagt. Bis S. 133 lernen Sie hier u.a, wie Entscheidungen zustande kommen. Gibt es Pausen im Gehirn? Das Unbewußte? Lesen Sie das 5. Kapitel über unsere graue Masse, die jedem SuperPC haushochüberlegen ist. Und wir machen so wenig daraus? Im 5. Kapitel geht es um „Epiphanie – („Berauschende Momente spenden Kraft und Sinn.“ S. 214) oder Die Macht der guten Momente“ S. 173 ff.

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Daniel-Pascal Zorn, Vortrag zur dialektischen Analyse populistischer Argumentation

Dienstag, 31. Januar 2017

Erscheinungstermin 11.03.2017

Berlin | Vortrag Mittwoch 1.2.2017 18 h 15
Vortrag zur dialektischen Analyse populistischer Argumentation
Zentrum für Antisemitismusforschung
TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin

Demokratisches Handeln und Denken muss immer eingeübt werden, nur so kann man sich Gegnern und Feinden demokratischen Denkens erfolgreich entgegenzustellen, so lautet die Grundthese dieses Buches. Zorn erinnert mit der > Logik für Demokraten den Leser an die argumentativen Auseinandersetzungen, die ein Demokrat immer wieder neu aufnehmen muss. Seine Analysen populistischer Argumentation und totalitärer Denkweisen geben dem Leser Instrumente an die Hand, um die Demokratie wirkungsvoll gegen ihre Feinde zu verteidigen. Es werden auch diejenigen einzuladen, die mit dem Konzept der Demokratie noch nichts oder nichts mehr anfangen können. In diesem Buch kann man erfahren, warum es geradewegs vernünftig ist, demokratisch zu denken.

Daniel-Pascal Zorn, Jahrgang 1981, Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler hat sich auf Theoriestrategien und Analyse reflexiver Strukturen in Philosophie, Kultur- und Sozialwissenschaft spezialisiert. Er hat bisher Arbeiten zu Carl Schmitt, Michel Foucault, Michel de Certeau, zu den Vorsokratikern, zu Leibniz und Bergson vorgelegt. Außerdem hat er sich mit fantastischer und reflexiver Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts (Lovecraft, Borges, Eco, Ende, Handke) beschäftigt.

Di 14.3.2017
Daniel-Pascal Zorn „Logik für Demokraten. Eine Anleitung“
Stiftung Geißstraße, Stuttgart

Do 23.03.2017 19:30 Uhr
Daniel-Pascal Zorn
Leipzig | Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion mit Andrea Röpke, Ralf Fücks, Michael Wildt / Moderation: Bastian Wierzioch
Zeitgeschichtliches Forum, Grimmaische Str. 6, 04109 Leipzig

Mo 24.04.2017 19:00 Uhr
Daniel-Pascal Zorn, Über Populismus
Berlin | Vortrag
Diskussionsrunde mit Jan-Werner Müller / Moderation: Stefanie Schüler-Springorum
Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin

DO 01.06.17, 19:00 – 21:00 Uhr
Buchvorstellung: Daniel-Pascal Zorn > Logik für Demokraten
Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstr. 33, 70174 Stuttgart

Daniel-Pascal Zorn > Die Kunst der Rchtfertigung. Reflexive Philosophie im 21. Jahrhundert: „In diesem Blog soll es einerseits um die großen Fragen gehen, aus der Perspektive einer reflexiven Logik: was ist genau unter ‚Toleranz‘ zu verstehen? Was meint ‚Meinungsfreiheit‘ oder ‚Freiheit‘ überhaupt? Was können wir eigentlich von der Welt erkennen? Ist ‚Fortschritt‘ eine Kategorie, die alle Lebensbereiche betrifft? Wozu müssen wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen.“

Rupert Neudeck – 1939-2016

Dienstag, 31. Mai 2016

Heute ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren gestorben.

Die Überraschung war groß, als Rupert Neudeck zu Beginn der Tagung Albert Camus und die Kunst (14. bis 16. November 2003) im Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee plötzlich vor mir stand. Er hielt einen Vortrag mit dem Titel Camus der Journalist. Mein Thema > Kunst, Moral und Freiheit bei Camus, er sprach über die politische Ethik von Camus als Journalist, und nach seinem Vortrag berichtete Rupert Neudeck den Tagungsteilnehmern über die Geschichte der Hilfsorganisation CAP ANAMUR und über seine neue Organisation > Grünhelme. Waren das spannende Konferenztage, hier das Buch Albert Camus. Kunst und Moral, mit dabei Neudeck, der La Peste explizit als Lehrbuch für eine moralische und politische Ethik verstand und daraus sein so radikal humanitäres Engagement entwickelte und erklärte. Im Gespräch mit dem Journalisten Rambert, der eine Rechtfertigung für das Verlassen der Stadt hören möchte, sagt ihm der Arzt Rieux, man müsse sich nicht schämen, sein Glück zu suchen. Aber Rambert bekommmt dann noch in allerletzter Sekunde so ganz haarscharf die Kurve: „Ganz am Schluß rettet der windige Bursche Rambert dann doch noch die Würde des Journalismus,“ schreibt Neudeck.“ „Man kann sich schämen, allein glücklich zu sein“; „Mais il peut y avoir de la honte à être heureux tout seul“, Das sagt er dem Arzt Dr. Rieux, der ihn vorher exkulpiert hatte.“ Das ist die Ethik des Journalisten Neudeck.

Neudeck studierte Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie. 1961 hörte er erst einmal mit dem Studium auf und war 9 Jahre in einem Jesuitenorden. Mit einer Dissertation über die „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“ beendete er 1972 sein Studium. Er war der Initiator und Begründer der Aktion Camp Anamur, der Frachter, mit dem er und seine Helfer mehr als 10.000 Flüchtlinge vor der Küste von Vietnam gerettet haben. Neudeck war Journalist beim DLF und ließ einmal verlauten, diese viele Vorschriften die es für solche Einsätze gibt, seien zu nichts nütze, man müsse einfach anfangen und den Menschen in ihrer Not zu Hilfe kommen. Er nahm auf die Fahrt mit der Cap Anamur ein Paket Bücher mit und verteilte La Peste von Camus an seine Helfer. In seinem Vortag am 29. Januar 2010 im Institut français in Bonn erzählte er davon. La Peste, so Neudeck, ist die Bibel der NGOs: > Rupert Neudeck parle de La Peste: Der Film von seinem Vortrag, den wir in diesem Artikel zeigen, auch wenn es nur ein Minuten sind, zeichnete die Passage auf, in der er die Bedeutung von Cammus‘ La Peste für seine Moral und seine Ethik kurz prägnant auf den Punkt brachte. In unseren unruhigen Zeiten in Europa und vor allem im Nahen Osten bräuchten wir ganz viele von seiner Art. Sein bedingungsloser Humanismus, sein kompromissloses Eintreten für die Menschenrechte, sein unaufhaltbarer Wille, Menschen in Not zu helfen, werden uns sehr fehlen.

> So wie Neudeck über Camus schreibt, gilt das auch für Neudeck selbst: „Rambert posa sa derniere question“, steht bei Neudeck; „Und Rieux wendet sich ihm zu und schlägt ihm alles aus der Hand: Entschuldigen Sie, Rambert, aber ich weiß es nicht. Er sagt also den Satz, den kein Journalist sagen darf. „Je ne le sais pas“. Und: Bleiben Sie einfach mit uns, solange Sie das wollen.
Und noch schlimmer, er reißt ihm auch noch sein individuelles Räppelchen aus der Hand und sagt. „Rien au monde ne va qu’on détourne de ce qu’on aime. Et pourtant je m’en détourne, moi aussi, sans que je puisse savoir pourquoi.“ – Schon wieder sagt der Arzt Rieux, daß er etwas nicht weiß. Damit erledigt er den räsonierenden Journalisten. Das sei eine Tatsache, sagt Rieux. Das müsse man zur Kenntnis nehmen und daraus die Konsequenzen ziehen. Welche Konsequenzen? – fragt der Journalist. Wie kann man aus etwas, das man nicht richtig weiß und zu definieren verfügt, Konsequenzen ziehen? Rambert, sagt Rieux, man kann nicht immer zur gleichen Zeit alles wissen und heilen. Also heilen wir so schnell es geht. Das ist am dringendsten. Ende der Durchsage. Man muß etwas tun, auch wenn man nicht immer ganz genau weiß, was.“ Nicht lange zögern, aufstehen, helfen, damit andere in Not überleben.

Lesebericht: Arno Gruen, Wider den Gehorsam

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Dieses Buch müssen Sie ständig mitführen, solange bis alle um Sie herum gefragt haben, wo haben Sie denn das her?

> Arno Gruen hat einen bemerkenswerten Essay verfasst: > Wider den Gehorsam: „Die Angst ungehorsam zu sein, führt dazu, sich dem Unterdrücker unterzuordnen,“ (S. 9) so lautet der Schlüsselsatz im Prolog, der die Idee zu diesem Buch in einem markanten Satz zusammenfasst. Gruen ist ein Aufklärer: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ schrieb Kant 1784 und Pico della Mirandola (1463–1494) ließ Gott nichts Anderes sagen: > De hominis dignitate / Über die Würde des Menschen (posthum 1496, Übertragung: D. Becker): «Dir, Adam, habe ich keinen bestimmten Ort, kein eigenes Aussehen und keinen besonderen Vorzug verliehen, damit du den Ort, das Aussehen und die Vorzüge, die du dir wünschest, nach eigenem Beschluss und Ratschlag dir erwirbst. Die begrenzte Natur der anderen ist in Gesetzen enthalten, die ich vorgeschrieben habe. Von keinen Schranken eingeengt sollst du deine eigene Natur selbst bestimmen nach deinem Willen, dessen Macht ich dir überlassen habe. Ich stellte dich in die Mitte der Welt, damit du von dort aus alles, was ringsum ist, besser überschaust. Ich erschuf dich weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich, damit du als dein eigener, gleichsam freier, unumschränkter Baumeister dich selbst in der von dir gewählten Form aufbaust und gestaltest. Du kannst nach unten in den Tierwesen entarten; du kannst nach oben, deinem eigenen Willen folgend, im Göttlichen neu erstehen.»

Gruen erinnnert daran, dass das Bedürfnis nach Gehorsam ein „grundlegender Aspekt unserer Kultur ist“ (S. 10). Die Furcht vor dem Ungehorsam begleitet uns schon in der Kindheit. Und Gruens Essays passt irgendwie auf alle Biographien seiner Leser. Macht entsteht durch die Angst, nicht wohlzutun. Ob das eine der Erklärungen ist, wie es zu dem Desaster des Dritten Reichs kommen konnte? vgl. S. 14 f., S. 31 ff., S. 39 ff. S. 69 Der terrorisierte Mensch hat eine Tendenz, sich mit seinem Peiniger zu identifizieren, in der Hoffnung sich selber retten zu können, schreibt Gruen auf S. 16. In der Kindheit ist das schon angelegt und äußert sich in der Angst davor, der Erzieher könne verstimmt sein.


„Die Vielfalt bei Klett-Cotta erstaunt mich immer wieder, und sie treibt diesen Blog am besten an. Kaum war ich mit der Lektüre des Romans von Jonathan Littell fertig, kam die Biographie über > Arno Gruen. Jenseits des Wahnsinns der Normalität dran. Sie lag auf meinem Bücherlesestapel ganz oben – …“ Weiterlesen
Monika Schiffer
> Arno Gruen. Jenseits des Wahnsinns der Normalität – Biografie
ca. 50 sw-Abbildungen
180 S., ISBN: 978-3-608-94449-5


Demokratie stärken, so lautet Gruens These, heißt die Umstände und die Gründe für „kritiklosen, blinden Gehorsam“ (S. 21) offenzulegen. Kindererziehung soll zur Selbständigkeit führen. Beobachten Sie Mütter und Väter z. B. im Zug oder in der S-Bahn, wie viele Hinweise, Verbote, Ermahnungen, Aufforderungen etc. muss sich der Nachwuchs ständig anhören. Was sagte noch > Jean-Jaques Rousseau? Der erste Satz seines Romans Émile ou de l’éducation lautet: „Tout est bien, sortant des mains de l’Auteur des choses ; tout dégénère entre les mains de l’homme.“ Er wollte, dass man den Zögling beobachtet und den „Émile“ liest, um daraus Schlüsse zu ziehen: „Man müsste, um ihn zu beurteilen, ihn ganz geformt sehen, man sollte seine Neigungen beobachten, seine Fortschritte sehen und seinem Gang folgen, in einem Wort, man sollte den einfachen Menschen in ihm erkennen. Man wird einige Schritte in diese Richtung tun, wenn man diese Schrift gelesen haben wird.“ „Il faudroit, pour en juger, le voir tout formé ; il faudroit avoir observé ses penchants, vu ses progrès, suivi sa marche ; il faudroit, en un mot, connaître l’homme naturel. Je crois qu’on aura fait quelques pas dans ces recherches après avoir lu cet écrit.“ Rousseau möchte seinen Zögling zur Selbständigkeit erziehen.

Was ist aber, wenn der Erzieher diese Selbständigkeit nicht im Auge hat?

Wie kommt es zu dem Kadavergehorsam? Das Sein der Eltern zum Eigenen machen, ist eine Tendenz, die Gruen mit der Erinnerung an Klaus Barbie, „der Gestapo-Schlächter von Lyon“ illustriert. Beim Verhör hatte Barbie gesagt: „Als ich Jean Moulin vernahm, hatte ich das Gefühl, dass er ich selber war.“ (S. 40) Der Schlächter tut das Unheil seinem verworfenen Selbst an, erklärt Gruen und meint damit der Feind im Anderen ist in uns selber. (vgl. S. 40) Es ist der Selbstwertlust des Kindes, den Gruen anklagt. (S. 44) Hass und Unterdrückung werden nicht gegen den Unterdrücker gerichtet, sondern an Andere weitergegeben. Ein Hinweis darauf, wie Macht funktioniert. Es ist nicht einfach, autonom, eigenständig authentisch (vgl. S. 48) zu werden.

Finden wir aus diesem Gehorsam? Wie kann die Anpassung überwunden werden? Schon 1932 beschrieb Ferenczi die Umwidmung von Angst und Terror in eine Scheingeborgenheit (S. 69) Geschichte erinnert immer wieder an die Taten der Großen, und wie Menschen die Verantwortung für sich selbst aufgeben verlieren oder sie ihnen einfach genommen wird: „Der Verlust des Selbst steht in einem engen Zusammenhang mit unseren politischen und gesellschaftlichen Problemen,“ lautet Gruens Fazit.

Wie oft und überall finden wir Situationen, in denen uns Meinung und Handlungen vorgeschrieben werden, die wir wider besseres Wissen nur ausführen, weil wir zu bequem sind, Konflikte auszutragen, unsere Meinung wohlbegründet zu artikulieren.

Empathie gibt es auch in der Politik und Gruen erinnert an Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt, Willy Brandt oder Olaf Palme. > Riace ist die reale Utopie, die Gruen im Auge hat.

Haben Sie das Buch schon? Passt in jedes Notizbuch. Sollte immer wieder mal auf dem Tisch liegen, Anlässe es als Programm vorzuzeigen oder es einfach nur sehen zu lassen, gibt es ständig.

> Arno Gruen
> Wider den Gehorsam
3. Aufl. 2014, 97 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94891-2

Jetzt wird das nächste Buch gelesen:

Nachgefragt: Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern

Dienstag, 14. Oktober 2014

Erst der > Lesebericht zum Buch, dann der Artikel Nachgfragt… zum Buch, so wollen wir es in der Tradition dieses Blogs auch heute handhaben.

Auf dem Stand von Klett-Cotta bei der Frankfurter Buchmesse haben wir Urlrich Raulff getroffen, den Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Sein Buch > Wiedersehen mit den Siebzigern mit dem Untertitel „Die wilde Zeit des Lesens“ ist gerade bei Klett-Cotta erschienen.

Ulrich Raulff hat Geschichte und Philosophie in Marburg, Frankfurt und Paris studiert. Er war Feuilletonchef der FAZ, danach leitender Redakteur der SZ. Seit zehn Jahren leitet er das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Für sein Buch »Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben« erhielt Raulff 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch und Essayistik. Jetzt ist bei Klett-Cotta sein Band von Ihnen über die siebziger Jahren erschienen. Sind das Erinnerungen an seine Studien oder eher an den Geist der 70er Jahre? Wir wollten auch wissen, Was hat ihn in Marburg mehr geprägt, der Kontakt mit den akademischen Lehrern Wolfgang Abendroth “das große Tier, das Haupt der Marburger Schule” (S. 12), Hans Heinz Holz wurde Philosophie-Professor, Reinhard Brandt. Gert Mattenklott, Heinz Schlaffer und andere oder war es der Stoff den er dort gelernt hat?

Marburg war eine Art Freilichttheater, in dem man den Stil von 68 noch ziemlich lange studieren konnte,” (S. 10). Was war das dieser Stil von 68?

“Im Rückblick erscheinen die frühen Siebziger als Zeit des politischen Niedergangs. Was im Augenblick des Ausbruchs 68 heiße Lava gewesen war, war erstarrt in ideologischen Kleinstpositionen, was umfassende Vision gewesen war, zersplittert in tausend Rechthabereien.” (S. 26) Waren die Post68 Studenten politischer als ihre Vorgänger?

Ob sich Ulrich Raulff noch an seinen allerersten Besuche auf der Frankfurter Buchmesse erinnert? In welchen Rollen kamer zu welchen Ständen? Netzwerkbildung: Was war wichtiger tagsüber der Messebesuch oder abends die Verlagspartys?

Paris, Chartier, Collège de France, wenig später bin ich Ihm in Paris auf seinen Spuren gefolgt. Vielleicht saßen wir später wirklich mal irgendwann zusammen in der Bibliothèque nationale oder trafen uns im Keller an den Karteikästen. Wenn wir auch unterschiedliche Bücher gelesen haben, der Rahmen war unveränderlich genau gleich. Aber Foucault, Deleuze haben sie uns heute noch was zu sagen? Was war in seinen Erinnerung damals so aufregend an ihren Werken? Auf Deutsch waren die noch nicht zu haben. Sie haben sich dann erst mal mit dem Wörterbuch ans Übersetzen gemacht.

Die siebziger Jahre gingen nicht ohne die Gründung einer Zeitschrift zustande. Tumult. Zeitschrift für Verkehrswissenschaft. Wie war Urlich Raulff daran beteiligt, wo stand diese Zeitschrift?

Ulrich Raulff,
> Wiedersehen mit den Siebzigern
Die wilden Jahre des Lesens
1. Aufl. 2014, 170 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94893-6

Robert Spaemann feiert seinen 85. Geburtstag

Montag, 7. Mai 2012

Robert Spaemann ist heute der bedeutendste konservative Philosoph im In­- und Ausland. Jahrgang 1927, Günter Grass, Martin Walser und Joseph Ratzinger. Robert Spaemann feiert an diesem Samstag seinen 85. Geburtstag. Rechtzeitig zu seinem Festtag erscheint bei lLett-Cotta der Band > Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen. Dieses Buch ist die Aufzeichnung eines langen Gesprächs mit Stephan Sattler, in dem Spaemann seine Suche nach dem »was in Wahrheit ist« erläutert. Seine Mutter tanzte bei Mary Wigman, und sein Vater war Kunsthistoriker. Seine Eltern lebten in der Berliner Bohème der Zwanziger Jahre, sie waren links und athetistisch. 1942, nach dem Tod seiner Mutter, wird der Vater zum katholischen Priester geweiht. Zwei Jahre später desertiert Spaemann und versteckt sich bei einem Bauer. Robert Spaemann studierte Philosophie, Romanistik und Theologie in Münster, München und Fribourg, und wurde 1952 bei Joachim Ritter in Münster promoviert. 1962 wurde er in den Fächern Philosophie und Pädagogik in Münster habilitiert. An der TH Stuttgart lehrte er Philosophie von 1962 bis 1992. Danach lehrte er an den Universitäten Heidelberg und München, wo er 1992 emeritiert wurde. Spaemann war Gastprofessor in Paris, Rio de Janeiro, Louvain-la-Neuve sowie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Er hat die Ehrendoktorwürde der Universitäten Fribourg, Pamplona, Washington sowie Santiago de Chile. Robert Spaemann hat viele Werke Werke über die Ideengeschichte der Neuzeit, über Naturphilosophie, Anthropologie, Ethik und politische Philosophie verfasst. Seien Bücher sind in 14 Sprachen übersetzt worden.

Robert Spaemann bei einer Podiumsdiskussion über > Jean-Jacques Rousseau am 25. April 2012 in der > Stuttgarter Stadtbibliothek

Von der Vielfalt seines Vaters Heinrich hat Spaemann sehr profitiert: „Nächst Gott verdanke ich, wie mein Vater mir erzählte, meine Existenz der Malerin Käthe Kollwitz. Sie muss den genialischen jungen westfälischen Kunstgeschichtsstudenten, Dichter und Bauhaus-Schüler Heinrich Spaemann als Mitarbeiter der legendären »Sozialistischen Monatshefte« kennengelernt und gemocht haben. Mein Vater war dort zuständig für Film und Varieté, also damals zum Beispiel für Charlie Chaplin, Buster Keaton, Sergej Eisenstein, Josephine Baker und den Mozart der Jongleure, Rastelli. Ich besaß als Kind einen der Bälle, die Rastelli nach der Vorstellung ins Publikum geworfen hatte.“

Im Haus den „Psychologen Alexander Mette (später Präsident des Psychologenverbandes der DDR) … ereignete sich später (es war der letzte Besuch) auch die Wende im Leben meiner Eltern, der Blutsturz meiner Mutter, der ihrer tänzerischen Laufbahn ein Ende setzte. Dass sie im Himmel wieder würde tanzen können, war ihr gewiss. Dies und ein gleichzeitiger Anfall dämonischen Wahnsinns bei Mette war der Beginn einer gänzlichen Neuorientierung meiner Eltern, die, beginnend mit der Lektüre Rousseaus über Jean Cocteaus Briefwechsel mit Maritain schließlich zum Weggang von Berlin nach Münster und am Ende in den Schoß der katholischen Kirche führte. … Ergänzend ist nur noch zu sagen, dass mein Vater sich Jahre nach dem Tod meiner Mutter entschloss, Priester zu werden. Er wurde 1942 vom Bischof von Münster, Graf Galen, geweiht.“

Die bewegenden Stationen seiner Biographie, die er in diesem Gespräch berichtet werden von Spaemann auch in seinem > Werk immer wieder reflektiert.

Ein Gespräch mit Robert Spaemann über die Atomenergie: > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter:

> Ein unstillbares Verlangen nach Wahrheit.Der Philosoph Robert Spaemann wird heute 85 Jahre alt.
Im Gespräch mit Stephan Sattler erzählt er „Über Gott und die Welt“ Von Martin Mosebach,
in DIE WELT, 5. Mai 2012

> Robert Spaemann
Unter Mitarbeit von Stephan Sattler
> Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen
1. Aufl. 2012, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94737-3

Weitere Beiträge auf diesem Blog zu den Büchern von Robert Spaemann:

> Nachgefragt: Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze
> http://blog.klett-cotta.de/philoosophie/leseberichtrobert-spaemann-nach-uns-die-kernschmelze/

> Rechtzeitig abschalten: Das Ende der Atomkraft
> Rousseau – Mensch oder Bürger
> Robert Spaemann – Freiheit und Wahrheit
> Robert Spaemann feierte seinen 80. Geburtstag
> Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht
> Das unsterbliche Gerücht: Robert Spaemann, Michael Klett
> Das unsterbliche Gerücht: Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne

Lesebericht:
Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze

Freitag, 10. Juni 2011

Die Novelle für das 13. Atomrechtsänderungsgesetz, die den Ausstieg Deutschlands aus der Erzeugung der Atomenergie mit Fristen festschreiben will, kommt nach dem Atomunfall von Fukushima nicht überraschend. Je geographisch näher uns ein noch nicht einmal in dieser fatalen Dimension sich ereignender Atomunfall wieder in Japan uns rücken würde, umso eher würden bei uns alle Atommeiler definitiv abgeschaltet werden. Und nicht nur bei uns in Deutschland. Für so eine These scheint viel zu sprechen. Befürworter der Atomenergie haben bisher erkennen ein Restrisiko anerkannt oder in Kauf genommen und meinen ein kleines Restrisiko sei beherrschbar. Auch sie müssen erkennen, dass selbst ein Rest Imponderabilien enthält, deren Gefahren nur theoretisch der Wahrscheinlichkeitsrechnung unterliegen, im Grunde genommen sehr real sind. Restlaufzeiten, „Robustheitsgrad“ (steht in der Begründung zur Drucksache 340/11 des Entwurfs eines Dreizehnten Gesetztes zur Änderung des Atomgesetzes, 6.6.2011, S. 5). Energieeffizienz gehört auch zu den Ausdrücken, mit denen der Umgang mit den gefährlichen Meilern beschrieben wird.

Das Buch des Philosophen Robert Spaemann > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter kommt, auch wenn die Bundesregierung den Gesetzesentwurf über das Erlöschen der „Berechtigung zum Leistungsbetrieb einer Anlage zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“ jetzt auf den Weg gebracht ist, keinesfalls zu spät, sondern genau im richtigen Moment, um eine nicht nur politische, sondern auch ethische Diskussion zum Ausstieg aus dem Atomzeitalter zu begleiten. Soll das Vorhaben gelingen, soll die Energieproduktion sicherer werden, wird Deutschland auch mit seinen europäischen Partnern über dieses Thema sprechen müssen. Ein nur nationales Abschalten reicht bei diesem Thema nicht. Auch nach dem der letzte Meiler in Deutschland abgeschaltet worden ist, müssen wir und die nächsten Generationen sich noch lange mit dem atomaren Erbe auseinandersetzen.

Die Hybris des Menschen im Umgang mit der Atomkraft besteht eben in seiner Überheblichkeit, leichtfertig zu glauben, Naturgewalten bändigen zu können, auf Wahrscheinlichkeiten, es werde nichts Unvorhergesehenes passieren, und so frei zu sein, künftige Generationen mit dem atomaren Müll zu belasten. Spaemanns Buch enthält Aufsätze zur politischen Ethik, zur Energiepolitik und Interviews zur Atomenergie. Der Aufsatz von 1979 (in: Scheidewege, Vierteljahresschrift für skeptisches Denken) „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“ enthält den philosophischen und ethischen Rahmen oder Hintergrund, vor dem die Atomdebatte schon längst sich hätte immer bewegen müssen. Stattdessen hat man sich mit Begriffe wie Restlaufzeit oder gar Restrisiko zufriedengegeben. Angela Merkel hat gestern in ihrer Regierungserklärung gesagt „Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima akzeptiert, weil ich überzeugt war, dass es in einem Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Jetzt ist es eingetreten.“ Versteht man die Kanzlerin richtig, ist dieses Restrisiko jetzt doch der Grund für den anvisierten Stopp der Atomenergie in Deutschland. Aber das Restrisiko gab es auch schon vorher. Man muss also fragen, kommt die Einsicht in den Ausstieg nicht ein bisschen spät? Durfte man den Ausstieg so lange hinauszögern? Und man muss sich auch fragen, ob ein Land wie Deutschland alleine aus der Atomenergie aussteigen kann, wenn die Nachbarländer weiter produzieren? Diesen Ausstieg kann man eigentlich nur als ein politisches Signal verstehen.

Die Lektüre von Spaemanns zeigt, dass es sich um keine zufällige Auswahl handelt. Sein erster Aufsatz über die Folgen der technischen Eingriffe in die Natur liest wie ein kurzgefasster präzise angelegter Philosophiekurs. Der 2. Aufsatz in ihren Band mit dem Titel Ethische Aspekte der Energiepolitik stammt von 1980. Er stellt die Frage nach der Moral in der Energiepolitik? Gibt es die? Und warum hadern heute noch in der Koalition einige Abgeordnete mit dem Atomausstieg? Ihnen geht alles zu schnell, sie haben Sorgen vor Versorgungslücken, auch berechtigte Sorgen vor dem Klimaschutz – angesichts der Schäden eines Atomunfalls? Spaemann ist kein bisschen fortschrittsfeindlich. 1988 sagen Sie in einem Gespräch „Ich plädiere für die Rückkehr zu einem Fortschritt im Plural.“ Fortschritt nicht in Raten, sondern ethisch begründet, könnte eine Zusammenfassung lauten.

„Nach uns die Kernschmelze“ lautete der Titel Ihres Aufsatzes in der FAZ im Oktober 2006. Spaemann sprach von einer „Begründungspflicht“ der Politik, der man damals beim Ausstieg aus dem Ausstieg wohl nicht nachgekommen ist. Die Lektüre seiner Aufsätze und Gespräch zeigt, dass das „Prinzip“ Hoffnung nicht alleiniger Pate eines jeden Großprojekts sein kann.

Betrachtet man die Entfesselung der Naturgewalten in Japan durch das Erdbeben und indirekt auch durch den Menschen mit nahezu ebenso schwerwiegenden Folgen ist man schon versucht zu fragen „Wo war Gott“?, so wie Spaemann dies im März für Christ und Welt (Beilage in Die Zeit) gefragt worden sind. Und es stellt sich die Frage, ob der von der Bundeskanzlerin verkündete Atomausstieg von Dauer sein wird? Handelt es sich lediglich um eine politische Entscheidung oder ist jetzt doch ein wenig politische Ethik auch in das Bundeskanzleramt und in den Bundestag eingezogen?

Nach der Lektüre bin ich auf den Besuch bei Professor Spaemann gut vorbereitet. Nach dem Gespräch mit ihm erscheint – wenn die Technik nicht wieder unvorhergesehen zickt – morgen abend hier der nächste Beitrag zu seinem Buch: Nachgefragt. Im übrigen hat das Buch meine Skepsis gegenüber den Terminen und Restlaufzeiten nur noch mehr verstärkt. Der definitive Ausstieg kommt schneller als von der Bundesregierung geplant.

> Robert Spaemann
> Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter
1. Aufl. 2011, 108 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94754-0

Lesebericht: R. Greene & K.S. Mohammad
Die Untoten und die Philosophie

Dienstag, 3. August 2010

Bei Tropen ist ein Buch erschienen, das uns, wie das Vorwort in seinem letzten Absatz es uns in Aussicht stellt, auf den Tag vorbereiten soll, wenn die Toten aus ihren Gräbern steigen und allerlei drastisches Unheil anrichten. Ob die Lektüre des Buches dann von Vorteil sein wird, mögen die Autoren nicht versprechen, aber man wird zumindest über das „ausgekochte philosophische Vokabular“ verfügen, um den Horror in einige „treffende Worte fassen“ zu können, bevor man selbst sich in die Untoten einreihen darf oder muss. Das ist doch gar kein so geringer Trost und sollte Anreiz genug sein, dieses Buch zu lesen, um sich gegen alles Kommende zu schützen und zu wappnen.

Als das letzte > Paket ankam, war ich schon etwas erstaunt wegen dieses Titels > Die Untoten und die Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren Aber weiten wir mal unseren Horizont, vielleicht haben die Autoren des Vorworts doch ein wenig Recht. Von Vampiren, Werwölfen und Zombies etwas lernen? Da ist wirklich etwas dran. Schließlich geht es hier um die letzten Fragen der Philosophie, um Leben und Tod, vor allem aber um die wichtige Strömungen der Philosophie. Literaturwissenschaftler, Philosophen und Politologen haben sich die Zombies durch ihre Fachbrillen genauer angesehen und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Entstanden ist dabei eine zeimlich schräge aber doch klige Bildungsreise in und durch die Welt der Untoten.

Die Untoten sind nicht erst mit dem > »Biss« von Stephenie Meyer wiederauferstanden. Vampire und Zombies üben seit langer Zeit eine anhaltenden Faszination auf Leser und Filmfans aus. Richard Greene und K. Silem Mohammad ist es in diesem Buch gelungen nachzuweisen, dass Zombies nicht nur Schrecken und Furcht verbreiten, sondern dass ihr Auftauchen Fragen an die Philosophie stellt, die zu einigem Nachdenken anregt.

Im übrigen ist alles eine Frage der Definition. Die beiden Herausgeber des Bandes „definieren Untote als Wesen, die zu einer bestimmten Zeit lebten und starben, dann aber zurückkehrten dergestalt, dass sie jetzt nicht »ruhen«. Aus diesem Grund gehen alle Vampire, Mumien, Gespenster sowie die meisten Zombies als Untote durch, dazu eine Handvoll wandelnder Skelette (wie das Lost Skeleton of Cadavra aus dem 2001 erschienenen Film von Larry Blamire) und eine bunte Mischung anderer quicklebendiger Leichen wie etwa die manipulierten Toten in Donnie Darko – Fürchte die Dunkelheit.“ Natürlich stellt sich die Frage, ob es wirklich schlecht ist untot zu sein. Richard Green geht kaltblütig an das Thema und wägt es nach allen Richtungen ab und kommt zu dem Schluss, da es „(objektiv)“ nicht unbedingt schlecht sei, ein Untoter zu sein. Vielleicht ist das aber nur der erfolgreiche Versuch, uns die Furcht vor der Lektüre dieses Buches zu nehmen.

(Der Internet Explorer 7 mag > das Buch zum Blättern nicht anzeigen?) Haben wir also die Hürde des Titelblatts mit dem Zombie überwunden und uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass jetzt die Untoten und allerlei Grausamkeiten auf dem Leseprogramm stehen, geht es bei William D. Larkin gleich um eine Grundfrage der Philosophie, die er anhand der Zoombiethematik aufrollt, es geht um die personale Identität und die Frage, wer wir eigentlich sind. René Descartes („Ich denke, also bin ich,“) tritt auf. Die Angst vor Zombies gründet vielleicht in der Furcht, man könne selbst aus irgendeinem Grund in eine solche Rolle schlüpfen. Und das ist nichts anderes als die Frage, ob das Leben nach dem Tod in irgendeiner Weise weitergeht. Und wenn es Zombies wirklich gibt, sollte man sich schon darauf vorbereiten und auf diese Hilfestellung des Tropen verlags vertrauen.

Sicher, die meisten unserer Zietgenossen runzeln die Stirn und greifen zum nächsten Buch. Aber so einfach darf man sich das doch nicht machen. Adam Borrows erinnert an Martin Heidegger sein 1927 erschienenes Buch Sein und Zeit und erklärt uns die Zusammenhänge zischen den Untoten und der Fundamentalontologie. Vampire und Zombies als Anleitung zum Nachdenken über metaphysische Fragestellungen? Das funktioniert. Es ist der Vergleich mit Zombies, der etwas über die wahre Natur der Menschen vermittelt, erklärt Borrows nach der Lektüre von Vaney the Vampire – or Feast of Blood, 1847.

Aristoteles (384-322 v. Chr.) kommt auch vor, und Matthew Walker gibt zu erkennen, dass man die Nikomachische Ethik kenn sollte, um über Zombies mitreden zu können. Baruch Spinoza (1632-1677) wird von K. Silem Mohammed als Gewährsmann für seine Überlegungen mitgebracht. Hier geht es wieder um Leben und Tod. Spinoza war sich schon sicher, dass der Tod keineswegs eine klare Sache ist. Man muss sich auch mit der Seele beschäftigen (ders., Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes, 1977), um hinter die Geheimnisse des Körpers zu kommen. Dale Jacquette hat bei Seneca (1-65), Epistulae morales ad Lucilium nachgeschlagen, um sich über Grundsatzfragen der Moral un der Ethik von Gladiatoren schlauzumachen. Wayne Yuen macht es uns mit der Zusammenfassung seines Beitrags glasklar: „Wir Menschen sind Vampire.“ Aber die Wahl, was wir essen, zeigt, ob wir Vampire oder edel sind. Douglas Glenn Whitman bringt die Fragen seiner Kollegen in diesem band auf den Punkt und fragt nach den Gefühlen und der Vernunft von Vampiren und diskutiert schließlich die Frage nach dem Freien Willen. Rousseau und Hobbes werden auch noch befragt, wenn es darum geht angesichts der Perspektiven der Verrohung doch über einen Gesellschaftsvertag nachzudenken.

So verdorben das Personal dieses Buches, all die Vamps und Zombies, auch ist, mit dem sich die Autoren beschäftigen, so ist das Buch doch ein wunderbares Plädoyer für die Philosophie. Sie ist die Königsdisziplin, die uns immer noch lehrt, die richtigen Fragen zu stellen. Dieses Buch idemonstriert eine vergnügliche praktische Anwendung grundelgender philosophischer Fragen.

Richard Greene / K. Silem Mohammad
> Die Untoten und die Philosophie
Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren
Aus dem Amerikanischen von Christina Schmutz und Frithwin Wagner-Lippok (Orig.: The Undead and Philosophy, Chicken Soup for the soulless)
1. Aufl. 2010
288 Seiten
ISBN: 978-3-608-50403-3

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