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Archiv für die Kategorie 'Psychologie'

Gelesen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Donnerstag, 14. September 2017

Gerade erschienen, aufgeschlagen und sofort ohne aufzuhören gelesen. Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben. Haben wir gestern noch den Anfang dieses Romans, die Fakten hier vorgestellt > Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, so können wir hier nur daran erinnern, Rémi, der kleine Nachbarjunge ist tot. Im Wald von Saint-Eustache.

Der Leichnam wird gefunden werden, es wird Nachforschungen geben. In der kleinen Stadt Beauval kennt jeder jeden. Da bleibt eigentlich nichts verborgen. Schaut man genauer hin, gibt es so manches, von dem man beim Spaziergang durch dieses Städtchen nichts ahnt. Ob das überall so ist? Lemaitre stellt ihre Bewohner nacheinander vor, sie sind alle in irgendeiner Form im sozialen Netz von Beauval gefangen, es gibt aber auch Konventionen, die verletzt werden. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet und empfindsame Naturen müssen sich nicht hineindenken in die Ereignisse, der Sog der Geschichte, des Dramas belegt sie mit Beschlag.

Ein Bericht der Fakten würde hier so viele Seiten füllen wie dieses Buch vorzuweisen hat. Dazu kommt natürlich die Ebene, auf der die Spannung geschaffen wird. Aber auch auf dieser Ebene werden wir hier kein Wort über den Fortgang der Ereignisse verlieren. Wenn es ein Mord war, wird der Mörder auch gefunden werden. Es gibt noch eine weitere Dimension dieses Romans. Außer der Handlung, der Aufbau der Spannung gibt es auch die Art und Weise, wie die Gespräche der Protagonisten der ersten Reihe mit denen der Nebenfiguren verknüpft werden. Da wird man sich schon täuschen lassen und die Ordnung dieser Personen bald wieder revidieren. Ein Trick des Autors, und um aus dem Leser einen Einwohner von Beauval zu machen. Bald kennen sie die Personen und erwarten dies oder jedes von ihnen. Die einen brechen plötzlich aus, warum und wieso wird gar nicht immer gesagt. Sind es die Verhältnisse im Städtchen, die sozialen Beziehungen, die dazu die Motive liefern? Oder sind es die stets bekannten Versuchungen, die, wenn ihnen nachgegeben wird, und nicht nur in Beauval, den Lauf der Dinge immer ändern, sans appel? Wendungen drehen im Leben nicht immer nur aufgrund von Ereignissen, Entscheidungen einzelner, oft kommt ein ganzes Bedingungsgefüge zusammen, das über das Schicksal Einzelner entscheidet, ein Schicksal, über das ihnen die Kontrolle entgleitet. Auch in diesem Roman gibt es Entscheidungs-, Handlungsmöglichkeiten für die Protagonisten. Sie können dies und jenes tun. Und warum sie es tun? Verantwortung, Angst, Furcht, Gier, Selbstlosigkeit, Sorgen, Stolz. Was treibt die Bewohner von Beauval und sonst irgendwo an?

Sie kennen das schon, spannende Bücher lassen Sie an Ihrer Zielstation vorbeifahren. Sich Zeit nehmen für diesen Roman? Fangen Sie einfach an zu lesen, Sie werden vor der letzten Seite nicht aufhören.

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar 2015

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 2014

Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Mittwoch, 13. September 2017

Wir hatten in letzter Zeit schon öfters Bücher, diie man vor der letzten Seite nicht aus der Hand Legt. Die gerade erschienene Übersetzung von Tobias Scheffel, des Romans von Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben gehört auch zu ihnen. „Roman“ steht hinter dem Titel, das ist aber nicht alles. Auf der französischen Wikipedia zu diesem Roman, der 2016 in Frankreich erschien, steht „Trois jours et une vie est un roman psychologique et noir de…“, der ihre Aufmerksamkeit allerspätestens total in dem Moment vereinnahmt, als Antoine im Wald auf den Nachbarsjungen Rémi Desmedts trifft, dessen Vater den Hund Odysseus der eigenen Familie, nachdem er überfahren worden war, mit einer Kugel erlöst und in einem Sack hinten im Garten zum Bauschutt legt.

Der Einzelgänger Antoine ist total verstört und fühlt sich von dem Bild des Sacks mit dem toten Hund im Garten verfolgt. Nichts geht mehr für ihn. Die Einkäufe, die als Aufgabe auf dem Mitteilungsbrett zu Hause ihm aufgetragen werden, erledigt er, ohne die Verkäufer anzusehen, noch mit ihnen zu sprechen. Er geht in den Wald, wo er alleine eine Baumhütte gebaut hat und zerstört sie und weint fassungslos. Dann steht auf einmal Rémi vor ihm.

Jeder Leser wird die Geschichte bis hierhin wahrscheinlich genauso erzählen. Das sind die Fakten, die Ereignisse und die Einsamkeit von Antoine. Der Fortgang der Geschichte ist keineswegs zwingend. Es gäbe verschiedene Szenarien. Aber Antoine ist zu aufgewühlt und als er dann noch merkt, dass Rémi seine Wut irgendwie nicht teilt, sondern sich nur irrsinnig erschrocken über die so offenkundige Wut von Antoine zeigt – der Erzähler fügt hinzu, Rémi glaube, Odysseus sei nur gerade mal wieder weggelaufen, schlägt Antoine zu.: „Blind vor Zorn packte er einen Stock…“ und versteckt dann die Leiche.

à suivre

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 16th 2014

Nachgefragt: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 4. Mai 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen sein Buch zu einer Pflichtlektüre für alle. die mit FLüchtlingskindern zu tun haben… Bitte weiterlesen: > Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute. Das ist auch unser Blogprinzip: Lesen und dann nachfragen.
Wir haben Hans Hopf gestern im Verlagshaus von Klett-Cotta getroffen und konnten nachfragen:

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

Die KINDER sind auf dem Titel mit Versalien und in fetter Schrift hervorgehoben. Um sie geht es, um Flüchtlingskinder gestern und heute. Um die eigene Kindheit des Autors, um die Erzählung, wie er seine eigenen Traumata überwinden konnte, und wie dann seine Interesse dafür entstand, wie man das macht? Kindern zu helfen, damit sie die Erinnerungen an Vertreibung und Flucht zusammen mit den damit verbundenen Gräueltaten bewältigen können. Nochmal, das Buch ist ein Pflichtlektüre für alle, die mit Flüchtlingskinder umgehen, aber auch für alle, die sich an der Diskussion um Flüchtlinge beteiligen, und besonders für diejenigen, die im Alltag sich abfällig über Flüchtlinge äußern. Und dann aber auch für Politiker.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6


Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Kennen Sie auffällige Jungen? Unkonzentriert? Fahrig? Unangepasst? Probleme mit den Affekten? Immer auf dem Sprung, als Zappelphilipp nicht zu bändigen? Probleme mit der Verarbeitung von Impulsen – seinen und denen anderer? Motorische Unruhe? Verhaltensauffällig, verhaltensabweichend, dann kommt doch irgendwann der Gedanke auf, die Eltern müssten den Jungen untersuchen lassen: ADHS? > Bitte weiterlesen – mit Video.

> Hans Hopf – Website

Hans Hopf, > Die Psychoanalyse des Jungen
1. Aufl. 2014, 404 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-94775-5

Lesebericht: Wolfgang Hantel-Quitmann, Die Othello-Falle

Dienstag, 25. April 2017

Wenn etwas schiefläuft, jede Art von Konflikt, schuld sind immer die Anderen. Fast ohne Ausnahme sehen sich viele immer als Opfer: „Wir leben scheinbar in einer Welt von Tätern und Opfern,“ schreibt Wolfgang Hantel-Quitmann, Die Othello-Falle, S. 11. „Scheinbar“ deutet seine These schon an. Immer Opfer der Anderen? Wie wäre es denn, wenn diejenigen, die sich so beklagen „Opfer ihres eigenen Denkens“ (ib.) wären? > Othello, der Mohr von Venedig von Shakespeare (1603/04) ist der Pate dieses Buches. Der eifersüchtige Held, der falsch denkt, falsche Denkweisen verinnerlicht hat, fühlt sich überzeugt von der Untreue seiner Desdemona und tötet sie. Es ist nicht so gut, dass zu glauben, was man sich so vorstellt oder denkt. Manchmal nehmen wir etwas für die Realität, weil wir so bequem denken, es müsste oder könnte so sein. Und so ein verqueres Denken kann schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Beziehungen und auf uns selbst haben. Also untersuchen wir Fehler unseres Denkens und passen künftig ein bisschen mehr auf unsere Schlussfolgerungen auf, denn die könnten sehr fehlerhaft sein.

Die Othello-Falle wird in vier Kapiteln abgehandelt: 1. Verwirrungen der Gefühle – Eifersucht und Schuld, 2. Verwirrungen des Verstandes – Irrtum und Denkfehler, 3.Verwirrungen der Beziehungen – Täuschung und Intrige. Und dann die Schlussfolgerung: Du sollst nicht alles glauben, was Du denkst! – Wege aus der Othello-Falle.

Manchmal legt man sich etwas zurecht, so dass es einem in den Kram passt, man schämt sich, der Realität ins Auge zu sehen, es könnte einem ja ein Zacken aus der Krone brechen. Scham wehrt die eigene Schuld ab. (Nebenbei bemerkt: Populisten machen das auch so, sie setzen Behauptungen in die Welt, falsche Fakten und leiten dann flugs ein Programm daraus ab, das die Wähler überzeugen soll.) Freud sagt aber dazu: „Jeder Mensch ist für sein eigenes Unterbewusstsein verantwortlich.“ (S. 12) Auch wenn in es in diesem Buch um „Fallen und Verwirrungen, die uns in intimen Beziehungen begegnen können“ geht, so sind Parallelen zur ungeprüften Übernahme von Fakten in der Online-Welt nicht zu übersehen. Man glaubt so gerne das, was gerade in das eigene Weltbild passt. (vgl. S. 20) Überwiegt das eigene Wunschdenken, klappt es nicht so recht mit der Realitätsprüfung, (vgl. S. 22) und Othello erliegt der Intrige Jagos.

In diesem Zusammenhang ist Eifersucht ein echtes Hindernis, Misstrauen gegenüber anderen abzubauen. Eifersucht und Phantasie gehören zusammen. Das mit der Eifersucht ist echt kompliziert, weil sie als (falsche) Projektion erlebt wird: „Nicht ich bin eifersüchtig, sondern du!“ (S. 27) Also werden die Fehler beim Anderen gesucht: Achterbahnfahren ist vorprogrammiert und der Streit nicht mehr fern. Zum Thema Phantasie rät Hantel-Quitmann zur Lektüre von Lewis Carrrolls
Alice im Wunderland (1865). (S. 40 f.)

Kann man seinen Gefühlen trauen? Und ist die Ehe eine Möglichkeit dem Misstrauen und der Eifersucht zu entfliehen, (vgl. S. 49) fragt der Autor vor dem Kapitel Die Ehe-Falle (S. 49-54), der Titel verrät seien Einstellung zu dieser Institution. Die nächsten Kapitel „Die ideale Ehe ist auch keine Lösung“ und der gute Vorschlag „Die Ehen nur auf fünf Jahre abschließen“ stammt aus Goethes Wahlverwandtschaften, wo der Graf erklärt: „Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine schöne, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen.“ Die Vertragsverlängerung müssten sich die beiden Partner verdienen. Also, so eine Art TÜV.

Schuldgefühle hat oft derjenige, der die Beziehung beenden möchte, und Hantel-Quitmann fügt hinzu, er halte die Verteilung von Schuldgefühlen oft für ungerecht. (vgl. S. 61) Das hängt damit zusammen, das man oft die Realität nicht wahrnimmt, darüber nicht nachdenkt, sondern nur Informationen mit den vorhandenen vergleicht, und sich nur ungerne der Gefahr aussetzt, vorhandene Überzeugungen revidieren zu müssen. (vgl. S. 77.)

Meinungen, Ansichten, Überzeugungen, Vergessen, Irrtümer das alles gehört zur einer Psychopathologie des Alltagslebens (vgl. S. 121-130)

Die Menge der literarischen Titel, die Hantel-Quitmann besonders im Kapitel über die Täuschungen als Beispiele angibt, verleitet zu einer strenge Prüfung der eigenen Bibliothek oder zu einem Gang in die Landesbibliothek.

Im letzten Kapitel stellt der Autor die Strategien vor, mit denen man der Othello-Falle entgehen kann. Lesen Sie dieses Kapitel aber nicht zuerst, denn die Kenntnisse aus den vorhergehenden drei Kapitel sind notwendig, um die folgenden Strategien gewinnbringend in ihr Weltbild einbauen zu können. Nochmal, es geht darum, dem zu entgehen, was wir immer schon gedacht haben. Mut zur Wahrheit und die Überwindung von Angst gehören u.a. auch dazu. Wenn ich den Autor fragen würde, wer das Buch lesen solle, wird er bestimmt antworten: Alle. Alle können von sich sagen, dass sie am liebsten den für sie persönlich bewährten Denkmustern vorzugsweise vertrauen. Einen Sachverhalt mal aus einer anderen Perspektive ansehen und Schlussfolgerungen darauszuziehen, kann äußerst heilsam sein. Und das bringt Hantel-Quitmann ihnen hier bei.

Nochmal, keines der Bücher zum Beziehungsstress jeder Art, das ich bisher gelesen habe, enthält so viele so nützliche Hinweise auf die Weltliteratur, auf größere und kleinere Werke.

Wolfgang Hantel-Quitmann,
Die Othello-Falle.
Du sollst nicht alles glauben, was du denkst
1. Aufl. 2017, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98068-4

Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 23. Februar 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen das Buch > Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse von Hans Hopf zu einer ganz besonderen Lektüre und einer Pflichtlektüre für alle die mit Flüchtlingen zusammenkommen und besonders für alle, die meinen, ihnen mit Abneigung begegnen zu müssen. Es geht nicht darum, die Situation der Kinder inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate in Deutschland mit Flucht und Vertreibung mit den Traumata der heutigen Flüchtlingskinder zu vergleichen. Hopf berichtet seine Erlebnisse als Kind, Schüler und Jugendlicher, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schicksalen von damals und heute zu erklären. Damals standen die entsprechenden psychoanalytischen Begriffe und Therapien noch gar nicht zur Verfügung. Aber den Fremdenhass, den gab es damals auch schon. Unumwunden erzählt er von seiner eigenen psychoanalytischen Behandlung, die ihm im Alter von 20 Jahren ein Verständnis für und eine Verarbeitung seiner persönlich erlittenen Traumata ermöglicht hat. Es war ein Glücksfall, dass seine Therapeuten damals ihm den Weg zu seinem Beruf als Psychotherapeut gezeigt haben, den Hopf so erfolgreich eingeschlagen hat.

Das Kriegs- und Vertriebenenkind Hans Hopf kommt mit seiner Mutter ohne Vater aus dem Sudetenland in die Nähe von Stralsund. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr ist er wohlbehütet aber getrennt von seiner Familie bei seiner Großmutter. Als schulpflichtiges Kind kommt er zu seiner Familie in eine Lager nach Nordhessen, später in die Oberrealschule nach Bamberg. Aus dem an harten Entbehrungen so gewöhntes Kind wird ein Einser-Schüler.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Dieses Buch hat den Untertitel „Eine Psychoanalyse“. In kurzer und sehr prägnanter Form, anhand einiger weniger exemplarischen Schicksale, erläutert der Autor hier die wesentlichen psychoanalytischen Begriffe, mit denen die Therapiebedürfnisse der zu uns geflüchteten Kinder verstanden werden können. Manche dieser Begriffe waren damals, als die Familie von Hopf aus dem Sudtenland floh, noch nicht beschrieben. Fehlentwicklungen waren bekannt, aber es fehlten die Methoden, um ihren Auswirkungen in Form von Therapien begegnen zu können. Gefahrensituationen, die Hemmung der „zentralen Ich-Funktion“ führen zu Traumata (vgl. S. 83) und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Angst, Wut und sexuellen Impulsen können die Folge sein (vgl. S. 88)

Die schnelle Erlernung der deutschen Sprache, die Wohnsitzzuweisung und eine Beschäftigung müssen durch „grundlegende Regeln des Zusammenlebens in Deutschland“ (S. 100 f.) ergänzt werden. Soll eine Integration erfolgreich sein, darf keine Zeit verloren werden. En passant erwähnt Hopf das Zusammengehörigkeitsgefühl (nach Mario Erdheim) als wichtige Komponente der Integration. (vgl. S. 108)

Traumatisierungen sind fundamentale Bindungsstörungen, deren Symptome auf keinen Fall mit Ritalin behandelt werden dürfen. Es geht nicht darum, die Kinder ruhigzustellen, sondern sie anzuhören und sie zu verstehen. (vgl. S. 111)

Jede pädagogische und psychotherapeutische Maßnahme glückt umso eher, wenn die Eltern eingebunden sind. (vgl. S. 120) Flüchtlingskindern zu helfen, das verlangt viele auf sich abgestimmte Maßnahmen. (S. 121)

Mit der eigenen Traumageschichte erklärt Hopf die Begriffe, mit denen Traumata erkannt und behandelt werden können: Ein Trauma verbunden mit Todesangst hat gravierende Konsequenzen: Der Reizschutz des Individuums wird durchbrochen.“ (S. 126) Depressive Störungen sind die Folge. Dissoziation (S. 133), die Gefahr des Wiedererlebens (Triggern), die Derealisation (S. 134), Hyperarousal oder Flashbacks (S. 135) sind weitere Symptome. Trifft das traumatisierte Kind auf eine vertrauenswürdige neue Bezugsperson, das es als „seelischen Container“ (S. 146) nutzen darf, ist Aussicht auf Besserung in Sicht.

> Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Das durch die eigene Erfahrung geschärfte Bewusstsein für die psychischen Probleme der Jungen ist für Hopf die Grundlage für das Kapitel „Väter, Männer und Jungen“ (S. 169-186). Danach erläutert er die Stellung des Jungen in den muslimischen Familien. „Prävention und Psychotherapie“ lautet die Überschrift des Kapitels, das den Bericht von Amal „Das schwarze Leben“ aus Somalia enthält.

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

„Das Virus der Fremdenfeindlichkeit“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels, das die Fremdenfeindlichkeit auch als eine Art der Persönlichkeitsstörung (vgl. S. 221 f.) deutet.

In einer konzisen Form stellt Hans Hopf hier die Begriffe Methoden der heutigen Psychotherapie vor, mit denen die erlittenen Traumata und Ängste der Flüchtlingskinder, die hilfesuchend zu uns kommen, behandelt werden können. Die Kürze dieses Buches kontrastiert mit der Nachhaltigkeit, mit der Hopf es versteht, uns allen Begriffe und Überzeugungen an die Hand zu geben, mit denen wir vielen Formen von aufkeimenden Fremdenhass begegnen können. In der Masse handelt der Mensch auch häufig anders als er es eigentlich vor hat. (vgl. S. 75) Zuerst sprachen wir von einer Willkommenskultur und unsere Politiker haben es 2016 versäumt, diesen Begriff zu interpretieren und zu vermitteln, heute werden unsere Medien von dem Wort „Abschiebung“ beherrscht. Es wird Zeit, dass die Akteure dieses Geschehens das Buch von Hans Hopf lesen.

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6

Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Dienstag, 31. Januar 2017

Lesung: Steve Ayan, „Lockerlassen“ – 6.2.2017 / 19:00 Uhr Hospitalhof Stuttgart

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt:Der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen, das schon in der zweiten Auflage 2016 bei Klett-Cotta erschienen ist, kann missverstanden werden. Es geht nicht um weniger Überlegung und Nachdenken sondern um die missliche Konzentrierung per dauerndem Nachsinnen auf das eigene Ich. Habe ich das richtig gemacht? Hätte ich nicht…? Oder sollte ich das oder das jetzt machen? Was denkt der /die über mich?

Bei manchen kommt das Gedankenkarussell überhaupt nicht zur Ruhe, dreht sich mal langsamer, mal schneller und wirkt – und das ist entscheidend – wie eine Fremdbestimmung über den eigenen Willen: „So paradox es klingen mag: In vielen Fällen habe wir tatsächlich mehr davon, wenn wir uns und unserem Tun weniger Aufmerksamkeit schenken.“ S. 15 Natürlich kann man das Nachdenken nicht einfach abschalten, so leicht geht das nicht. Aber, und davon ist der Autor dieses Buches überzeugt, man kann wieder die Herrschaft über sein Denken gewinnen und dieses (Selbst-)“Bewußtseinsfimmel“ S. 17 reduzieren. Die menschliche Natur will ja auch etwas ganz anders: Sartre erklärt in L’être et le néant (1943), der Mensch überschreitet ständig seine Situation (vgl. Gerhard Seel, > « La morale de Sartre . Une reconstruction », Le Portique [Online], 16 | 2005, Online since 15 June 2008, connection on 31 January 2017. URL : http://leportique.revues.org/737, Absatz 13 und 14) Der Mensch sei sich immer voraus und dadurch definiert er sich, lehrt der > Existenzialismus Sartrescher Prägung.

Kennen Sie das, wenn jemand ständig sagt, ich mache mir Sorgen, ich fürchte, dass… und dazu eine Unsicherheit ausstrahlt. Ist eine Perspektive erstmal gesichert oder hat die Person ihr Vergnügen an neuen Situationen und am Ausprobieren wiedergefunden, hören die Sorgen auf, und dahin will Ayan seine Leser bringe: „Die Krux am Zu-viel-Denken ist tatsächlich, dass viele es nicht für ihr Problem, sondern für ihre Lösung halten.“ S. 21 „Mut zur Selbstvergessenheit“ schlägt Ayan vor. Richtig gute Ideen gibt es beim Rasieren oder beim Umgraben oder bei einem Waldspaziergang oder man findet etwas, was man gar nicht gesucht hat: > Serendipität – oder bei Ayan, S. 31-33 – gibt es im ersten Kapitel. Dann kommt im zweiten Kapitel die Unterscheidung zwischen Geist und Körper dran, der mehr mitdenkt, als der Geist findet. Drittes Kapitel: Wird alles durch Abwägen besser? Am besten man lässt den Teig ruhen, die Angelegenheit präsentiert sich am andern Tag in einem ganz anderen Licht. Das vierte Kapitel erklärt das ständige Überschreiten. Assoziationen sind das Stichwort. Komischerweise kommen in den Pausen des Denkens oft die allerbesten Ideen, womit wir wieder beim ruhigen Moment des Rasierens sind.

ayan-lockerlassenSerendipität. Wann waren sie zum letzten Mal in einem > Buchladen und haben dort einfachmal geguckt und dies oder jenes Buch in die Hand genommen? Das muss man Ihnen nicht sagen, aber rund 40-50 % der Bücher, die Sie dort erwerben können, sind in der Lage Ihren Entscheidungen und damit Lebensumständen einen Kick wohin auch immer zu geben. Überraschende Begegnungen, ganz so, als ob sie rechts oder links herumgehen. Gedanklich lässt sich das alles nicht erzwingen, durch Nachsinnen und Nachdenken schon gar nicht, sondern durch ihr eigene Aktion. Sie fühlen sich unwohl und denken dauernd nach und hadern mit sich und der Welt. Ein Gespräch mit einem Freund, einer Freundin, der Besuch eines Cafés, der Gang ins Kino, die Verabredung zu einem Museumsbesuch, eine Kurzreise, ein Ausflug können alles auf den Kopf stellen, so als wenn sie einen spannenden Roman lesen und plötzlich merken, dass Sie ein paar Stationen zu weit gefahren sind. Wenn Sie das wegen etwaiger Folgen und Konsequenzen nicht besonders aufregt, dann haben Sie das Buch von Ayan richtig gut verstanden.

Sich auf neue Ideen einlassen. Neugierig sein. Das ist ein Modus, der Sie für die Serendipität empfänglich macht. Ziehen sie keine voreiligen Schlüsse, (vgl. S. 41) lassen Sie die Dinge auf sich wirken, genießen Sie Kunst und Literatur: „Serendipität heißt, Unsicherheit anzunehmen, statt sich davor zu fürchten und sich davon verrückt machen zu lassen,“ fasst Ayan diese Gedanken zusammen. Ablenkung ist ein eigener Abschnitt bei Ayan: S.48 ff.

Ayan meinte nicht weniger denken, sondern kreativer, abschweifender denken, Lust am Ausprobieren. Lesen Sie das „Intermezzo: Der Forscher“ S. 57 ff.

Embodiment: Wie reagiert der Körper auf Gedanken, was macht er aus ihnen und sie aus ihm? Lesen Sie bis S. 87 und es geht ihnen gleich ein bisschen anders. Übrigens Selbstaufmerksamkeit kann eingübte Mechanismen durcheinander bringen. So ist das auch, wenn zu viel nachgedacht wird: „Auf Analyse folgt Paralyse,“ zitiert Ayan Sian Beilock. Also schließen Sie die Tür ab und denken Sie darüber nach, ob Sie es auch wirklich tun. Rechts um, zweimal, Tür wirklich zu? Wenn Sie in der Garage im Auto sitzen: Ist die Tür zu? Wieviel Prozent der Nichtleser dieses Buches steigen nochmal aus,um nachzugucken, ob die Tür auch zu ist?

In Ayans Buch lernen Sie auch Nützliches über die Intuitionsforschung. (S. 96) „Das war Intutition,“ hat Ihnen sicher schon mal jemand gesagt. Bis S. 133 lernen Sie hier u.a, wie Entscheidungen zustande kommen. Gibt es Pausen im Gehirn? Das Unbewußte? Lesen Sie das 5. Kapitel über unsere graue Masse, die jedem SuperPC haushochüberlegen ist. Und wir machen so wenig daraus? Im 5. Kapitel geht es um „Epiphanie – („Berauschende Momente spenden Kraft und Sinn.“ S. 214) oder Die Macht der guten Momente“ S. 173 ff.

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Trauma & Gewalt 4/2016

Mittwoch, 9. November 2016

Trauma & Gewalt 4/2016

Das neue Heft der Zeitschrift > TRAUMA & GEWALT 4/2016 berichtet über die Behandlung vielfältiger Psychotraumatologien. Yuriy Nesterko und Heide Glaesmer stellen Flucht und Migration als Prozessgeschehen in ihren theoretischen Konzepten vor und setzen diese mit aktuellen Befunden der allgemeinen und migrationsspezifischen Psychotraumatologie in Beziehung. Ines Ederer und Pia Andreatta berichten über Ergebnisse einer Studie , in der das Erleben und die Erlebnisverarbeitung von Jugendlichen untersucht wird, die »ohne Absicht schuldig« geworden sind am

> Lesebericht: PSYCHE – Heimat Fremdheit Migration
> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Tode oder an Verletzungen anderer, etwa im Rahmen von Unfällen. Barbara Neudecker untersucht, inwieweit Prozessbegleitung für traumatisierte Opfer hilfreich sein kann und welcher Stellenwert ihr in der Traumabearbeitung zukommt. Sie konzentriert sich auf die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Gewalterfahrungen. Johanna Sommer berichtet über die Ergebnisse einer Studie vor zur psychotherapeutischen Versorgungsrealität komplex traumatisierter Menschen, die die Erfahrungswerte von 1334 direkt oder indirekt Betroffenen, die mittels Online­-Fragebogen an einer Befragung zur Versorgungsrealität untersucht hat. Die Ergebnisse dieser Studie lassen vermuten, dass die psychotherapeutische Versorgung komplex traumatisierter Menschen nicht ausreicht, um Betroffenen eine dauerhafte gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Daraus folgt die Notwendigkeit, die Psychotherapie­-Richtlinien zu ergänzen. Ein Interview mit Ines Geipel, geb. 1960 in Dresden, das Harald Freyberger geführt hat, ergänzt neben anderen Artikeln dieses heft.

Lesebericht: PSYCHE – Heimat Fremdheit Migration

Freitag, 2. September 2016

psyche-heimat-fremdheit-migrationDas neue Doppelheft PSYCHE – Heimat Fremdheit Migration ist in unserer Redaktion angekommen.

Mit der Überschrift zu seinem Editorial zu dieser Ausgabe hat Werner Bohleber die richtigen Worte gewählt: „Die Psychoanalyse in einer globalisierten Welt“. Es geht in diesem Heft um Migranten und Flüchtlinge, die zwischen ihrer Heimat und den Aufnahmeländern unterwegs sind. In erster Linie geht es gemäß des Titels dieser Zeitschrift um ihre Psyche und um die Ursachen der Migration, zu denen auch die Globalisierung gehört, die als Fakt nicht einfach wie eine Fluchtursache zu bekämpfen ist. Das klang auch im > Interview mit dem Défenseur des droits, Jaques Toubon an, als wir ihn danach fragten, ob ob England per Referendum die Migration stoppen könne, sagte der Défenseur Nein, das sei eine Illusion. Zäune, Einreiseverschärfungen, das alles nützt nichts, globale Migrationsbewegungen werden eher zunehmen als abnehmen, da hilft auch kein Zurückrudern wie Siegmar Gabriel das versucht, der zuerst sagte, „Wir schaffen das.“ Auch wenn die Rechtspopulisten sich dagegen wehren, ihre einfachen Rezepte der Abgrenzung werden nicht funktionieren, das Tempo und die Zahl der Migranten werden eher zunehmen. Da wäre es besser, darüber nachzudenken, wie diese Situation > gemäß unserem Anspruch an die Menschenrechte bewältigt werden kann.

Die Flüchtlinge kommen nicht aus Reiselust, sie bringen entsetzliche Erlebnisse mit, Terror, Mord, Verfolgung, Tod und das oft über Jahre lang. Ihre Kinder haben bis jetzt nur das Grauen in der Welt kennengelernt, dazu oft noch eine halsbrecherische Flucht, bei der das Versinken im Schlamm der Lager noch dazu kam. Bis sie dann vor den Zäunen stehen, die ihnen die letzten Kilometer ihrer Flucht abschneiden. Ihnen muss geholfen werden, genauso wie auch diejenigen Hilfe, Beistand und Aufklärung benötigen, die glauben, die Zuwanderer seien für Sie eine Bedrohung. Bohleber antwortet darauf, die politologischen, ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Disziplinen aufgerufen sind, sich darum zu kümmern. Und er erinnert an die neue Konjunktur des Begriffs Heimat: „Freuds Arbeit Das Unheimliche (1919h) hat uns gelehrt, uns nicht zu behaglich im Eigenen, Vertrauten und Heimatlichen einzurichten. Er arbeitet heraus, wie sich das Heimliche, heimelig Vertraute zu einer ambivalenten Bedeutung hin entwickelt hat, bis es mit seinem Gegensatz »unheimlich« zusammenfiel.“ (S. 766 f.) Die Parallele zum Begriff Freuds des Unbewussten ist offenkundig, der „zugleich biologische und symbolische Andersheit im Inneren des Menschen verortet und zu einem integralen Bestandteil des Selbst“ (S. 767) wird. Und Bohleber zitiert Julia Kristeva, J.: Fremde sind wir uns selbst. Übers. X. Rajewsky. Frankfurt/M. 1990, S. 197 f.: „Von nun an ist das Fremde nicht Rasse und nicht Nation […]. Als Unheimliches ist das Fremde in uns selbst: Wir sind unsere eigenen Fremden – wir sind gespalten« (1990, S. 197f.). Bohlebers Editorial ist ein sehr lesenwerter Literaturbericht, der die Ansätze der Migrationsfoschung mit ihren psychologischen Hintergründen referiert.


bericht-integration> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

Dazu: > Flüchtlinge und Integration: Akteure der deutsch-französischen Zusammenarbeit

Weil die Migranten nach den letzten Attentaten immer mehr Gefährdungen durch die populistischen und extremistischen Parteien ausgesetzt werden, die simple Lösungen bis hin zum offenen Rassismus propagieren, erinnern wir hier noch einmal an die auf unserem Blog, die die Menschenrechte als Thema hatten: > Die Migranten und die Menschenrechte


M. Fakhry Davids, Ethnische Reinheit, Andersartigkeit und Angst, stellt das Modell einer »inneren rassistischen Organisation« vor. Es handelt sich um eine pathologische Anlage in uns, ein Abwehrsystem gegen primitive Ängste (vgl. achc S. 801) , das im Umgang mit Menschen, die zu einer anderen ethnischen Gruppe gehören, virulent werden kann und unser Denken beeinträchtigt, gar lähmt. Für Davids erlaubt diese innere Struktur anderen keinen Raum, ein normaler Mensch zu sein, sondern vereinnahmt ihn, und macht Merkmale, die die Mitglieder einer bestimmten ethnischen Gruppe charakterisiert, zum Ausgangspunkt für eine massive projektive Identifizierung. Das Verständnis dieses „inneren Rassismus“ kann dazu beitragen, dass Menschen anderer Ethnien sich aus Sackgassen befreien, die unser professionelles Verhalten beeinträchtigen. Man muss Optimist bleiben, das fällt leichter, wenn man Davids folgt und den Mechanismus der inneren AnNgst gegenüber Fremden durchschaut hat: „Doch auch wenn die Angst davor, dass eine Konfrontation mit dem inneren Rassismus katastrophal endet, sehr groß ist, verfügt das »normale« Ich über die notwendigen Ressourcen, um einen solchen Kampf aufzunehmen. Anders gesagt: Die Organisation selbst ist es, die heftige Angst generiert, um das Subjekt anschließend in ihre eigenen schützenden Arme zu treiben.“ (S. 802)


> Nachgefragt. CNCDH: Le rapport sur la lutte contre le racisme, l’antisémitisme et la xénophobie

Am Montag, 2. Mai 2016, hat Mme Christine Lazerges, Präsidentin der Commission nationale consultative des droits de l’homme CNCDH den Bericht über den Kampf gegen den Rassismus, gegen den Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit der Regierung übergeben … Der erste Teil des Berichts zählt anitrassistische, anitsemitische und fremdenfeindliche Vorfälle auf und stellt die Mittel zu ihrer Verhinderung vor.


psyche-heimat-fremdheit-migrationRoger Kennedy stellt das integratives Konzept eines »psychischen Zuhauses« vor. Es geht um die Identität des Einzelnen die durch ein entsprechende psychischen Struktur gefördert werden soll. Wie werden Flüchtlinge bei uns heimisch. Welche Fragen der Identität werden gestellt? Sie sollen ihre Identätät nicht wechseln, sie können sie auch gar nicht austauschen. Was helfen kann ist der Versuch die Dynamik von Toleranz versus Intoleranz verstehen.

Sverre Varvin erklärt die Flüchtlingserfahrung mit Traumatisierungen, dem Verlust der Heimat, den Fluchterfahrungen, den Erfahrungen im Exil, den tiefen Erschütterungen und Brüchen der Identität und dem Wunsch nach einem Sicherheit vermittelnden Exil. Mit einem Fallbeispiels diskutiert sie die Bedingungen für die analytische Psychotherapie mit schwer traumatisierten Flüchtlingen.

Thomas Auchter meint, Fremdenfeindlichkeit und Fundamentalismus sei in der frühen Entwicklung des Menschen angesiedelt. Aufgrund von späterer Kränkungen kommt dieser maligne Narzissmus zum Ausbruch. Die Folge kann ein Fundamentalismus sein, der sich sich als innere geistige Haltung in einer Flucht ins Radikale und ideologisch Absolute ausdrückt.

Patrick Meurs untersucht die Beweggründe radikalisierter junger Muslime, die sich dem IS anschließen. Er zeigt, wie Anwerber sie in die Radikalisierung treiben. Die Vorstellung einer reinen Welt des Islam, die Hingabe an einen charismatischen Anführer und die Vorstellung der Brüderlichkeit der Kämpfer sollen den Hass auf den Westen schüren.

psyche-heimat-fremdheit-migrationAnna Leszczynska-Koenen diskutiert, in welcher die Sprache psychoanalytischen Behandlungen stattfinden: „Es mag sein, dass die Muttersprache oft näher an dem dran ist, »was vor der Sprache war«, und sich der Verbindungskanal zu den unbewussten Erlebnisinhalten mit ihrer Hilfe deswegen leichter öffnen lässt. Aber sie stellt auch viele Umschreibungen und Umwege zur Verfügung, die es erlauben zu intellektualisieren und auszuweichen. In der Fremdsprache, in der man solche Instrumente nicht beherrscht, wird die Kommunikation oft basaler, wie in der Verständigung mit einem kleinen Kind, und sie muss auch stärker aus dem präverbalen Kontakt schöpfen, der bei elaboriertem Sprachgebrauch in den Hintergrund geraten kann.“ (S. 920)

Christoph Schneider untersucht mit seinem Aufsatz Das Ferne, das uns nahe ist Fremdheit als eine relationale Beziehungseigenschaft, die nicht dem anderen personal zugeschrieben werden kann. Der klassischen vertikalen Konzeption des Unbewussten kontrastiert er mit einer horizontalen Konzeption psychischer Fremdheit.

Marianne Leuzinger-Bohleber, Constanze Rickmeyer, Judith Lebiger-Vogle, Korinna Fritzemeyer, Mariam Tahiri und Nora Hettich berichten über Frühpräventionsprojekte des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt/M. für Familien mit Migrationshintergrund vor. Es geht um die Fragen, wie zum Beispiel eine transgenerative Weitergabe von Traumatisierungen verhindert oder gemildert werden kann.


Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration 26. September 2015 von Heiner Wittmann: „Dieser Band geht auf die Internationale Konferenz Bindung und Migration, die von der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. Haunerschen Kinderhospital der Ludwig-Maximilians-Universität am 11. und 12. Oktober 2014 veranstaltet wurde, zurück, deren Beiträge hier vorgelegt werden.

In den kühnsten Träumen kann man sich das Elend und das erlittene Leid der Jugendlichen z. B. in Syrien, die vor Ort aus ihrem Lebensumfeld durch unermessliche Gewalt und Tod von Freunden, nahen Angehörigen herausgerissen wurden, nicht vorstellen. Panik und extreme Angst bestimmten auf einmal ihr Umfeld. Für viele schließen sich Vertreibung oder Flucht in eine ungewisse Zukunft an. Sie sind gezwungen, in prekären Lagern zu überleben, zuweilen können auch die Erwachsenen ihnen kaum beistehen.“ > Bitte weiterlesen.


Vera King untersucht die Psychodynamik von Migration. Migration ist ein Trennungsprozess und ein von Hoffnungen getragenes »intergenerationales Erwartungsprojekt«, das sich in der Generation der Kinder verwirklichen lassen sollte: „Analogien von Adoleszenz und Migration zeigen sich übergreifend darin, dass Erwachsenwerden klassisch, auch in Mythen und Märchen, selbst wie ein Aufbruch, eine Reise in ein neues Leben und ein Auszug in die Fremde verstanden wird. Gerade wenn psyche-heimat-fremdheit-migrationjunge Leute migrieren, wird deutlich, wie stark beide Prozesse, Adoleszenz und Migration, nicht nur Parallelen aufweisen, sondern psychisch ineinander verwoben sind. Adoleszente müssen sich wie Migranten trennen und ihre vertrauten Bezüge aufgeben. Wie gut die notwendigen Umgestaltungen gelingen, hängt von psychischen Ressourcen und äußeren Bedingungen ab.“ (S. 983)

Am Ende des Heftes stehen Buchbesprechungen.


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