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Archiv für die Kategorie 'Psychotherapie'

Nachgefragt: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 4. Mai 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen sein Buch zu einer Pflichtlektüre für alle. die mit FLüchtlingskindern zu tun haben… Bitte weiterlesen: > Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute. Das ist auch unser Blogprinzip: Lesen und dann nachfragen.
Wir haben Hans Hopf gestern im Verlagshaus von Klett-Cotta getroffen und konnten nachfragen:

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

Die KINDER sind auf dem Titel mit Versalien und in fetter Schrift hervorgehoben. Um sie geht es, um Flüchtlingskinder gestern und heute. Um die eigene Kindheit des Autors, um die Erzählung, wie er seine eigenen Traumata überwinden konnte, und wie dann seine Interesse dafür entstand, wie man das macht? Kindern zu helfen, damit sie die Erinnerungen an Vertreibung und Flucht zusammen mit den damit verbundenen Gräueltaten bewältigen können. Nochmal, das Buch ist ein Pflichtlektüre für alle, die mit Flüchtlingskinder umgehen, aber auch für alle, die sich an der Diskussion um Flüchtlinge beteiligen, und besonders für diejenigen, die im Alltag sich abfällig über Flüchtlinge äußern. Und dann aber auch für Politiker.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6


Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Kennen Sie auffällige Jungen? Unkonzentriert? Fahrig? Unangepasst? Probleme mit den Affekten? Immer auf dem Sprung, als Zappelphilipp nicht zu bändigen? Probleme mit der Verarbeitung von Impulsen – seinen und denen anderer? Motorische Unruhe? Verhaltensauffällig, verhaltensabweichend, dann kommt doch irgendwann der Gedanke auf, die Eltern müssten den Jungen untersuchen lassen: ADHS? > Bitte weiterlesen – mit Video.

> Hans Hopf – Website

Hans Hopf, > Die Psychoanalyse des Jungen
1. Aufl. 2014, 404 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-94775-5

Lesebericht: Wolfgang Hantel-Quitmann, Die Othello-Falle

Dienstag, 25. April 2017

Wenn etwas schiefläuft, jede Art von Konflikt, schuld sind immer die Anderen. Fast ohne Ausnahme sehen sich viele immer als Opfer: „Wir leben scheinbar in einer Welt von Tätern und Opfern,“ schreibt Wolfgang Hantel-Quitmann, Die Othello-Falle, S. 11. „Scheinbar“ deutet seine These schon an. Immer Opfer der Anderen? Wie wäre es denn, wenn diejenigen, die sich so beklagen „Opfer ihres eigenen Denkens“ (ib.) wären? > Othello, der Mohr von Venedig von Shakespeare (1603/04) ist der Pate dieses Buches. Der eifersüchtige Held, der falsch denkt, falsche Denkweisen verinnerlicht hat, fühlt sich überzeugt von der Untreue seiner Desdemona und tötet sie. Es ist nicht so gut, dass zu glauben, was man sich so vorstellt oder denkt. Manchmal nehmen wir etwas für die Realität, weil wir so bequem denken, es müsste oder könnte so sein. Und so ein verqueres Denken kann schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Beziehungen und auf uns selbst haben. Also untersuchen wir Fehler unseres Denkens und passen künftig ein bisschen mehr auf unsere Schlussfolgerungen auf, denn die könnten sehr fehlerhaft sein.

Die Othello-Falle wird in vier Kapiteln abgehandelt: 1. Verwirrungen der Gefühle – Eifersucht und Schuld, 2. Verwirrungen des Verstandes – Irrtum und Denkfehler, 3.Verwirrungen der Beziehungen – Täuschung und Intrige. Und dann die Schlussfolgerung: Du sollst nicht alles glauben, was Du denkst! – Wege aus der Othello-Falle.

Manchmal legt man sich etwas zurecht, so dass es einem in den Kram passt, man schämt sich, der Realität ins Auge zu sehen, es könnte einem ja ein Zacken aus der Krone brechen. Scham wehrt die eigene Schuld ab. (Nebenbei bemerkt: Populisten machen das auch so, sie setzen Behauptungen in die Welt, falsche Fakten und leiten dann flugs ein Programm daraus ab, das die Wähler überzeugen soll.) Freud sagt aber dazu: „Jeder Mensch ist für sein eigenes Unterbewusstsein verantwortlich.“ (S. 12) Auch wenn in es in diesem Buch um „Fallen und Verwirrungen, die uns in intimen Beziehungen begegnen können“ geht, so sind Parallelen zur ungeprüften Übernahme von Fakten in der Online-Welt nicht zu übersehen. Man glaubt so gerne das, was gerade in das eigene Weltbild passt. (vgl. S. 20) Überwiegt das eigene Wunschdenken, klappt es nicht so recht mit der Realitätsprüfung, (vgl. S. 22) und Othello erliegt der Intrige Jagos.

In diesem Zusammenhang ist Eifersucht ein echtes Hindernis, Misstrauen gegenüber anderen abzubauen. Eifersucht und Phantasie gehören zusammen. Das mit der Eifersucht ist echt kompliziert, weil sie als (falsche) Projektion erlebt wird: „Nicht ich bin eifersüchtig, sondern du!“ (S. 27) Also werden die Fehler beim Anderen gesucht: Achterbahnfahren ist vorprogrammiert und der Streit nicht mehr fern. Zum Thema Phantasie rät Hantel-Quitmann zur Lektüre von Lewis Carrrolls
Alice im Wunderland (1865). (S. 40 f.)

Kann man seinen Gefühlen trauen? Und ist die Ehe eine Möglichkeit dem Misstrauen und der Eifersucht zu entfliehen, (vgl. S. 49) fragt der Autor vor dem Kapitel Die Ehe-Falle (S. 49-54), der Titel verrät seien Einstellung zu dieser Institution. Die nächsten Kapitel „Die ideale Ehe ist auch keine Lösung“ und der gute Vorschlag „Die Ehen nur auf fünf Jahre abschließen“ stammt aus Goethes Wahlverwandtschaften, wo der Graf erklärt: „Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine schöne, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen.“ Die Vertragsverlängerung müssten sich die beiden Partner verdienen. Also, so eine Art TÜV.

Schuldgefühle hat oft derjenige, der die Beziehung beenden möchte, und Hantel-Quitmann fügt hinzu, er halte die Verteilung von Schuldgefühlen oft für ungerecht. (vgl. S. 61) Das hängt damit zusammen, das man oft die Realität nicht wahrnimmt, darüber nicht nachdenkt, sondern nur Informationen mit den vorhandenen vergleicht, und sich nur ungerne der Gefahr aussetzt, vorhandene Überzeugungen revidieren zu müssen. (vgl. S. 77.)

Meinungen, Ansichten, Überzeugungen, Vergessen, Irrtümer das alles gehört zur einer Psychopathologie des Alltagslebens (vgl. S. 121-130)

Die Menge der literarischen Titel, die Hantel-Quitmann besonders im Kapitel über die Täuschungen als Beispiele angibt, verleitet zu einer strenge Prüfung der eigenen Bibliothek oder zu einem Gang in die Landesbibliothek.

Im letzten Kapitel stellt der Autor die Strategien vor, mit denen man der Othello-Falle entgehen kann. Lesen Sie dieses Kapitel aber nicht zuerst, denn die Kenntnisse aus den vorhergehenden drei Kapitel sind notwendig, um die folgenden Strategien gewinnbringend in ihr Weltbild einbauen zu können. Nochmal, es geht darum, dem zu entgehen, was wir immer schon gedacht haben. Mut zur Wahrheit und die Überwindung von Angst gehören u.a. auch dazu. Wenn ich den Autor fragen würde, wer das Buch lesen solle, wird er bestimmt antworten: Alle. Alle können von sich sagen, dass sie am liebsten den für sie persönlich bewährten Denkmustern vorzugsweise vertrauen. Einen Sachverhalt mal aus einer anderen Perspektive ansehen und Schlussfolgerungen darauszuziehen, kann äußerst heilsam sein. Und das bringt Hantel-Quitmann ihnen hier bei.

Nochmal, keines der Bücher zum Beziehungsstress jeder Art, das ich bisher gelesen habe, enthält so viele so nützliche Hinweise auf die Weltliteratur, auf größere und kleinere Werke.

Wolfgang Hantel-Quitmann,
Die Othello-Falle.
Du sollst nicht alles glauben, was du denkst
1. Aufl. 2017, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98068-4

Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 23. Februar 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen das Buch > Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse von Hans Hopf zu einer ganz besonderen Lektüre und einer Pflichtlektüre für alle die mit Flüchtlingen zusammenkommen und besonders für alle, die meinen, ihnen mit Abneigung begegnen zu müssen. Es geht nicht darum, die Situation der Kinder inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate in Deutschland mit Flucht und Vertreibung mit den Traumata der heutigen Flüchtlingskinder zu vergleichen. Hopf berichtet seine Erlebnisse als Kind, Schüler und Jugendlicher, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schicksalen von damals und heute zu erklären. Damals standen die entsprechenden psychoanalytischen Begriffe und Therapien noch gar nicht zur Verfügung. Aber den Fremdenhass, den gab es damals auch schon. Unumwunden erzählt er von seiner eigenen psychoanalytischen Behandlung, die ihm im Alter von 20 Jahren ein Verständnis für und eine Verarbeitung seiner persönlich erlittenen Traumata ermöglicht hat. Es war ein Glücksfall, dass seine Therapeuten damals ihm den Weg zu seinem Beruf als Psychotherapeut gezeigt haben, den Hopf so erfolgreich eingeschlagen hat.

Das Kriegs- und Vertriebenenkind Hans Hopf kommt mit seiner Mutter ohne Vater aus dem Sudetenland in die Nähe von Stralsund. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr ist er wohlbehütet aber getrennt von seiner Familie bei seiner Großmutter. Als schulpflichtiges Kind kommt er zu seiner Familie in eine Lager nach Nordhessen, später in die Oberrealschule nach Bamberg. Aus dem an harten Entbehrungen so gewöhntes Kind wird ein Einser-Schüler.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Dieses Buch hat den Untertitel „Eine Psychoanalyse“. In kurzer und sehr prägnanter Form, anhand einiger weniger exemplarischen Schicksale, erläutert der Autor hier die wesentlichen psychoanalytischen Begriffe, mit denen die Therapiebedürfnisse der zu uns geflüchteten Kinder verstanden werden können. Manche dieser Begriffe waren damals, als die Familie von Hopf aus dem Sudtenland floh, noch nicht beschrieben. Fehlentwicklungen waren bekannt, aber es fehlten die Methoden, um ihren Auswirkungen in Form von Therapien begegnen zu können. Gefahrensituationen, die Hemmung der „zentralen Ich-Funktion“ führen zu Traumata (vgl. S. 83) und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Angst, Wut und sexuellen Impulsen können die Folge sein (vgl. S. 88)

Die schnelle Erlernung der deutschen Sprache, die Wohnsitzzuweisung und eine Beschäftigung müssen durch „grundlegende Regeln des Zusammenlebens in Deutschland“ (S. 100 f.) ergänzt werden. Soll eine Integration erfolgreich sein, darf keine Zeit verloren werden. En passant erwähnt Hopf das Zusammengehörigkeitsgefühl (nach Mario Erdheim) als wichtige Komponente der Integration. (vgl. S. 108)

Traumatisierungen sind fundamentale Bindungsstörungen, deren Symptome auf keinen Fall mit Ritalin behandelt werden dürfen. Es geht nicht darum, die Kinder ruhigzustellen, sondern sie anzuhören und sie zu verstehen. (vgl. S. 111)

Jede pädagogische und psychotherapeutische Maßnahme glückt umso eher, wenn die Eltern eingebunden sind. (vgl. S. 120) Flüchtlingskindern zu helfen, das verlangt viele auf sich abgestimmte Maßnahmen. (S. 121)

Mit der eigenen Traumageschichte erklärt Hopf die Begriffe, mit denen Traumata erkannt und behandelt werden können: Ein Trauma verbunden mit Todesangst hat gravierende Konsequenzen: Der Reizschutz des Individuums wird durchbrochen.“ (S. 126) Depressive Störungen sind die Folge. Dissoziation (S. 133), die Gefahr des Wiedererlebens (Triggern), die Derealisation (S. 134), Hyperarousal oder Flashbacks (S. 135) sind weitere Symptome. Trifft das traumatisierte Kind auf eine vertrauenswürdige neue Bezugsperson, das es als „seelischen Container“ (S. 146) nutzen darf, ist Aussicht auf Besserung in Sicht.

> Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Das durch die eigene Erfahrung geschärfte Bewusstsein für die psychischen Probleme der Jungen ist für Hopf die Grundlage für das Kapitel „Väter, Männer und Jungen“ (S. 169-186). Danach erläutert er die Stellung des Jungen in den muslimischen Familien. „Prävention und Psychotherapie“ lautet die Überschrift des Kapitels, das den Bericht von Amal „Das schwarze Leben“ aus Somalia enthält.

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

„Das Virus der Fremdenfeindlichkeit“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels, das die Fremdenfeindlichkeit auch als eine Art der Persönlichkeitsstörung (vgl. S. 221 f.) deutet.

In einer konzisen Form stellt Hans Hopf hier die Begriffe Methoden der heutigen Psychotherapie vor, mit denen die erlittenen Traumata und Ängste der Flüchtlingskinder, die hilfesuchend zu uns kommen, behandelt werden können. Die Kürze dieses Buches kontrastiert mit der Nachhaltigkeit, mit der Hopf es versteht, uns allen Begriffe und Überzeugungen an die Hand zu geben, mit denen wir vielen Formen von aufkeimenden Fremdenhass begegnen können. In der Masse handelt der Mensch auch häufig anders als er es eigentlich vor hat. (vgl. S. 75) Zuerst sprachen wir von einer Willkommenskultur und unsere Politiker haben es 2016 versäumt, diesen Begriff zu interpretieren und zu vermitteln, heute werden unsere Medien von dem Wort „Abschiebung“ beherrscht. Es wird Zeit, dass die Akteure dieses Geschehens das Buch von Hans Hopf lesen.

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6

Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Dienstag, 31. Januar 2017

Lesung: Steve Ayan, „Lockerlassen“ – 6.2.2017 / 19:00 Uhr Hospitalhof Stuttgart

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt:Der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen, das schon in der zweiten Auflage 2016 bei Klett-Cotta erschienen ist, kann missverstanden werden. Es geht nicht um weniger Überlegung und Nachdenken sondern um die missliche Konzentrierung per dauerndem Nachsinnen auf das eigene Ich. Habe ich das richtig gemacht? Hätte ich nicht…? Oder sollte ich das oder das jetzt machen? Was denkt der /die über mich?

Bei manchen kommt das Gedankenkarussell überhaupt nicht zur Ruhe, dreht sich mal langsamer, mal schneller und wirkt – und das ist entscheidend – wie eine Fremdbestimmung über den eigenen Willen: „So paradox es klingen mag: In vielen Fällen habe wir tatsächlich mehr davon, wenn wir uns und unserem Tun weniger Aufmerksamkeit schenken.“ S. 15 Natürlich kann man das Nachdenken nicht einfach abschalten, so leicht geht das nicht. Aber, und davon ist der Autor dieses Buches überzeugt, man kann wieder die Herrschaft über sein Denken gewinnen und dieses (Selbst-)“Bewußtseinsfimmel“ S. 17 reduzieren. Die menschliche Natur will ja auch etwas ganz anders: Sartre erklärt in L’être et le néant (1943), der Mensch überschreitet ständig seine Situation (vgl. Gerhard Seel, > « La morale de Sartre . Une reconstruction », Le Portique [Online], 16 | 2005, Online since 15 June 2008, connection on 31 January 2017. URL : http://leportique.revues.org/737, Absatz 13 und 14) Der Mensch sei sich immer voraus und dadurch definiert er sich, lehrt der > Existenzialismus Sartrescher Prägung.

Kennen Sie das, wenn jemand ständig sagt, ich mache mir Sorgen, ich fürchte, dass… und dazu eine Unsicherheit ausstrahlt. Ist eine Perspektive erstmal gesichert oder hat die Person ihr Vergnügen an neuen Situationen und am Ausprobieren wiedergefunden, hören die Sorgen auf, und dahin will Ayan seine Leser bringe: „Die Krux am Zu-viel-Denken ist tatsächlich, dass viele es nicht für ihr Problem, sondern für ihre Lösung halten.“ S. 21 „Mut zur Selbstvergessenheit“ schlägt Ayan vor. Richtig gute Ideen gibt es beim Rasieren oder beim Umgraben oder bei einem Waldspaziergang oder man findet etwas, was man gar nicht gesucht hat: > Serendipität – oder bei Ayan, S. 31-33 – gibt es im ersten Kapitel. Dann kommt im zweiten Kapitel die Unterscheidung zwischen Geist und Körper dran, der mehr mitdenkt, als der Geist findet. Drittes Kapitel: Wird alles durch Abwägen besser? Am besten man lässt den Teig ruhen, die Angelegenheit präsentiert sich am andern Tag in einem ganz anderen Licht. Das vierte Kapitel erklärt das ständige Überschreiten. Assoziationen sind das Stichwort. Komischerweise kommen in den Pausen des Denkens oft die allerbesten Ideen, womit wir wieder beim ruhigen Moment des Rasierens sind.

ayan-lockerlassenSerendipität. Wann waren sie zum letzten Mal in einem > Buchladen und haben dort einfachmal geguckt und dies oder jenes Buch in die Hand genommen? Das muss man Ihnen nicht sagen, aber rund 40-50 % der Bücher, die Sie dort erwerben können, sind in der Lage Ihren Entscheidungen und damit Lebensumständen einen Kick wohin auch immer zu geben. Überraschende Begegnungen, ganz so, als ob sie rechts oder links herumgehen. Gedanklich lässt sich das alles nicht erzwingen, durch Nachsinnen und Nachdenken schon gar nicht, sondern durch ihr eigene Aktion. Sie fühlen sich unwohl und denken dauernd nach und hadern mit sich und der Welt. Ein Gespräch mit einem Freund, einer Freundin, der Besuch eines Cafés, der Gang ins Kino, die Verabredung zu einem Museumsbesuch, eine Kurzreise, ein Ausflug können alles auf den Kopf stellen, so als wenn sie einen spannenden Roman lesen und plötzlich merken, dass Sie ein paar Stationen zu weit gefahren sind. Wenn Sie das wegen etwaiger Folgen und Konsequenzen nicht besonders aufregt, dann haben Sie das Buch von Ayan richtig gut verstanden.

Sich auf neue Ideen einlassen. Neugierig sein. Das ist ein Modus, der Sie für die Serendipität empfänglich macht. Ziehen sie keine voreiligen Schlüsse, (vgl. S. 41) lassen Sie die Dinge auf sich wirken, genießen Sie Kunst und Literatur: „Serendipität heißt, Unsicherheit anzunehmen, statt sich davor zu fürchten und sich davon verrückt machen zu lassen,“ fasst Ayan diese Gedanken zusammen. Ablenkung ist ein eigener Abschnitt bei Ayan: S.48 ff.

Ayan meinte nicht weniger denken, sondern kreativer, abschweifender denken, Lust am Ausprobieren. Lesen Sie das „Intermezzo: Der Forscher“ S. 57 ff.

Embodiment: Wie reagiert der Körper auf Gedanken, was macht er aus ihnen und sie aus ihm? Lesen Sie bis S. 87 und es geht ihnen gleich ein bisschen anders. Übrigens Selbstaufmerksamkeit kann eingübte Mechanismen durcheinander bringen. So ist das auch, wenn zu viel nachgedacht wird: „Auf Analyse folgt Paralyse,“ zitiert Ayan Sian Beilock. Also schließen Sie die Tür ab und denken Sie darüber nach, ob Sie es auch wirklich tun. Rechts um, zweimal, Tür wirklich zu? Wenn Sie in der Garage im Auto sitzen: Ist die Tür zu? Wieviel Prozent der Nichtleser dieses Buches steigen nochmal aus,um nachzugucken, ob die Tür auch zu ist?

In Ayans Buch lernen Sie auch Nützliches über die Intuitionsforschung. (S. 96) „Das war Intutition,“ hat Ihnen sicher schon mal jemand gesagt. Bis S. 133 lernen Sie hier u.a, wie Entscheidungen zustande kommen. Gibt es Pausen im Gehirn? Das Unbewußte? Lesen Sie das 5. Kapitel über unsere graue Masse, die jedem SuperPC haushochüberlegen ist. Und wir machen so wenig daraus? Im 5. Kapitel geht es um „Epiphanie – („Berauschende Momente spenden Kraft und Sinn.“ S. 214) oder Die Macht der guten Momente“ S. 173 ff.

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Lesebericht: Psyche 7 – Juli 2016

Donnerstag, 7. Juli 2016

Dieser Lesebericht dokumentiert das Interesse seines Vf. beim Lesen dieses Heftes:

Gerade ist das Juli Heft der > Psyche schienen. Ihr Untertitel lautet „Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“. Drei Artikel stehen im Mittelpunkt dieses Heftes, einer von Andreas P. Herrmann über Behandlungsfehler in der psychoanalytischen Praxis, ein Aufsatz von Burkhard Liebsch über Angst und der Bericht von Martin Klüners über psychoanalytische Kategorien in der Geschichtswissenschaft.

Andreas P. Herrmann untersucht „Behandlungsfehler und Fehlerkultur in der psychoanalytischen Praxis“. Auch die Psychoanalyse hat früh Behandlungsfehler erkannt, sie aber (leider) in der Praxis wenig hinterfragt, so lautet Herrmanns These. Er berichtet zunächst über die Art der Fehler, die vorkommen und untersucht dann die Folgen fehlerhafter Behandlungen. Seine beeindruckende Bibliographie (S. 587 ff) belegt, dass das Thema keinesfalls neu ist, eher in seinen Konsequenzen immer noch vernachlässigt wird. Dabei verdienen sie möglicherweise mehr Aufmerksamkeit als ethische Grenzverletzungen.Arhiv: PsycheEs ist nicht einfach, zwischen Gelingen und Scheitern zu unterscheiden, aber neuere psychoanalytische Konzepte, scheinen diese Unterscheidung zugunsten eines neuen Zugangs zu Behandlungsfehlern zu stützen. In diesem Sinne plädiert Herrmann für eine psychoanalytische Fehlerkultur (S. 602 ff), die bereit ist aufgrund dieser Erkenntnisse ihre Praxis konstruktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehören Kriterien, mit denen zwischen Fehlern, Irrtümern und Täuschungen unterscheiden werden kann, (S. 610 ff) soll den Zugang zu einer produktiven Diskussion über dieses Thema erleichtern.

Burkhard Liebsch begibt sich auf „Auf Hobbes’, Nietzsches und Freuds Spuren:“ „Zum politischen Potenzial gegenwärtiger Furcht“. Thomas Hobbes (1588-1679) dachte über Angst und Furcht nach und fand diese Unterscheidung auch bei Aristoteles (384-322 v. Chr.):

> Aristotle’s Treatise on Rhetoric: Literally Translated; with Hobbes‘ Analysis, Examination Questions and an Appendix Containing the Greek Definitions. Also, The Poetic of Aristotle, Literally Translated, with a Selection of Notes, an Analysis, and Questions, Bell & Daldy, 1872, S. 113.

Wie ist es nun, fragt Liebsch, mit der nicht „defensiven“ Angst, sondern mit einer politisch „produktiven“ Furcht, die antizipiert und ab wann muss man sich vor unbegründeter Angst in Acht nehmen?

1. Aus Angst Frucht – Furcht vor Angst, S. 618 ff: stellt erstmal eine Bestandsaufnahme vor: Was löst Angst und Frucht aus? Man darf dabei auch an Sartre denken, der in L’être et le néant (1943) die Angst vor der grenzenlosen Freiheit anführt.

Aber die Unterscheidung zwischen Furcht und Angst ist kompliziert, für Hobbes war die Furcht eine generelle Angst:

> The Gallery of Portraits: With Memoirs, Band 6 Society for the Diffusion of Useful Knowledge, Knight, 1836, S. 25.

hobbes-policy<<< Thomas Hobbes, Hobb's Tripos: In 3 discourses. The 1.: Humane nature, or the fundamental elements of policy ... The 2.: De corpore politico, or the elements of law, moral and politick ... The 3. Of liberty and necessity ... Gilliflower, 1684 – 317 Seiten. Wie oft das Wort > „fear“ hier vorkommt! Hobbes war der Ansicht, so berichtet Liebsch, die Erziehung der Kinder müsse, „unvermeidlich den im Prinzip jederzeit drohenden … Naturzustand, der ein zustand des Krieges ist, antizipieren, in dem die Furcht voreinander unbeschränkt herrscht.“ S. 623

Lesen wir wir Google Books Hilfe nach: <<< Thomas Hobbes, Hobb’s Tripos: In 3 discourses. The 1.: Humane nature, or the fundamental elements of policy… op. cit., S. 187:

„Furcht hat und macht Geschichte“ lautet Liebschs Überschrift über seinem 2. Kapitel. Hier wird sein Aufsatz zu einem auch politisch anregenden Traktat. Furcht bewältigen – durch Bejahung? fragt die 3. Überschrift. „Frucht vor dem Unbestimmten und Politik aus und mit Furcht“ S. 628 ff.

Unsere Politiker geben sich eigentlich immer furchtlos, obwohl sich doch ständig genug Anlässe bieten, Furcht zu empfinden. Friedrich Nietzsche und Carl Schmitt werden hier als Gewährlsleute für Liebschs Überlegungen angeführt. Gute Gründe, in den Werken beider Autoren nachzulesen. In Anlehnung an Schmitt resümiert Liebsch: „Solange der Feind lebt, sei es auch durch unserer Fiktionen und Phantasien, gibt es uns noch.“ S. 631 Furcht vor Furcht (politisch) lautet die 5. Zwischenüberschrift, des Kapitels das uns endgültig überzeugt, diesen Aufsatz nachhaltig zur Lektüre zu empfehlen. Liebsch nennt viele Autoren, die auch z. B. Geschichtsstudenten oder Studenten der Politischen Wissenschaften kenne sollten, wenn sie Triebkräfte der Geschichte durch die Jahrhunderte hindurch verstehen wollen. Kritik? Eigentlich schade, dass dieser interessante Beitrag etwas versteckt in > Psyche 7/2016 erscheint, andererseits aber auch wieder eine Auszeichnung, weil so die Vielfalt der psychoanalytischen Ansätze und ihre Tragweite unterstrichen wird.

Martin Klüners ergänzt den Aufsatz von Burkhard Liebsch mit seinem Beitrag „Das Unbewusste in Individuum und Gesellschaft. Zur Anwendbarkeit psychoanalytischer Kategorien in der Geschichtswissenschaft“, der damit über den 1971 erschienenen Aufsatz von Hans-Ulrich Wehler „Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse“ weil mittlerweile überholt (vgl. S. 645), hinausgehen will. Wehler hatte damals die Grenzziehungen zwischen der Geschichtswissenschaft und den Methoden der Psychoanalyse bestätigt, „zementiert“, schriebt Klüners, S. 644., was ja auch für das angespannte Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Literaturwissenschaft gilt. Klüners stellt neue Forschungsperspektiven vor, so erscheint Wehlers Annahme einer „Dichotomie von Individuum und Gesellschaft, die Wehlers Kritik an der Psychonalyse letzlich zugrundeliegt“ immer fragwürdiger. S. 651. Im Kapitel 4. „Ansätze zu einer Soziologie des Unbewußten“ erinenrt Köners an Droysen, der die Problematik von Individuum und Gesellschaft vermehrt in den Blick denommen hat. Nebenbei bemerkt, das „Universel singulier“, „das einzelne Allgemeine“ – Vgl. H. Wittmann, > Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tinotrettto bis Flaubert, Tübingen: Narr 1996, S. 117-119 – gehört zum Kern des Ansatzes, mit dem Sartre das Verhältnis von Autor und Werk in „L’Idiot de la famille. La vie de Gustave Flaubert 1821-1857“ untersucht. Es tut seinem Ansatz keinen Abbruch, wenn der Freud-Biograph Sartre (> Le Scénario Freud, Paris: Gallimard 2004) das Unbewusste ablehnt, weil er nur ein Bewußtsein von etwas kennt. „Überindividuelles Unbewusstes in der Gruppenanalyse“ lautet die Überschrift des 5. Kapitels von Klüners, in dem er vorsichtig die Hoffnung äußert, „das traditionelle geschichtsphilosophische Kernproblem nicht beabsichtigter Handlungsfolgen erforsch-, durch eine Aktualisierung und Reformulierung des Konzepts „Geschichtsphilosophie“ zu machen, falls es „zukünftig gelingt, das Problem des gesellschaftlichen bzw. kulturellen Unbewussten mit belastbaren Mitteln zu analysieren.“ Bibliographie S. 670-673!

Es folgen noch Buchbesprechungen: Leuzinger-Bohleber, Marianne; Böker, Heinz; Fischmann, Tamara; Northoff, Georg; Solms, Mark, Psychoanalyse und Neurowissenschaften. Chancen – Grenzen – Kontroversen. (Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen.) (Nora Hettich), Härtel, Insa, unter Mitarbeit von Sonja Witte, Kinder der Erregung. »Übergriffe« und »Objekte« in kulturellen Konstellationen kindlich-jugendlicher Sexualität (John Borneman) und über Goldstein, Kurt, Der Aufbau des Organismus, Paderborn: Fink 2014 (Maria Becker)..

> Psyche 7/2016

Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Samstag, 26. September 2015

brisch-bindung-migration

Bei aktuellen Titeln muss der Blogger sein > Leseprogramm einfach mal ändern. Der Band > Bindung und Migration, den Karl Heinz Brisch gerade bei Klett-Cotta herausgegeben hat, kommt wie gerufen. 300 000 neue Schülerinnen und Schüler sollen in diesem Jahr in unseren Schulen dazu kommen. Das sind Kinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge mit oft traumatischen Erlebnissen, Gewalt, Tod, Bomben und Flucht unter meist dramatischen Umständen zu uns flüchten.

Dieser Band geht auf die Internationale Konferenz Bindung und Migration, die von der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. Haunerschen Kinderhospital der Ludwig-Maximilians-Universität am 11. und 12. Oktober 2014 veranstaltet wurde, zurück, deren Beiträge hier vorgelegt werden.

In den kühnsten Träumen kann man sich das Elend und das erlittene Leid der Jugendlichen z. B. in Syrien, die vor Ort aus ihrem Lebensumfeld durch unermessliche Gewalt und Tod von Freunden, nahen Angehörigen herausgerissen wurden, nicht vorstellen. Panik und extreme Angst bestimmten auf einmal ihr Umfeld. Für viele schließen sich Vertreibung oder Flucht in eine ungewisse Zukunft an. Sie sind gezwungen, in prekären Lagern zu überleben, zuweilen können auch die Erwachsenen ihnen kaum beistehen. Schaffen sie die Flucht, die sie neuen Gefahren aussetzt, in ein zunächst sicheres Umfeld, entsteht eine ganz andere Art von Stress, der Anpassungsdruck, massive Verunsicherung, Deprivationsgefühle, Vereinsamung und gar neue Bedrohungen (vgl. 7) für sie bedeutet.

Die sprunghaft gestiegene Zahl von Flüchtlingen, die seit Anfang September 2015 in Europa ankommen übersteigt alle Befürchtungen. Unter ihnen sind besonders viele unbegleitet minderjährige Jugendliche, die Behörden und Helfer das Äußerste abverlangen. Kein Schicksal gleicht dem anderen, aber alle, die u. a. aus Syrien kommen, teilen traumatische Erfahrungen, die Erinnerung an den Bürgerkrieg, massive Zukunftsängste, aber auch die Hoffnung auf geordnete Verhältnisse. Bei uns treffen sie aber auf ihnen völlig unbekannte Situationen, auch wenn ihre Klassen Willkommensklassen heißen, benötigen sie viel Empathie, Zuwendung und Personen, Helfer, Lehrer, die sich ihrer annehmen. Ihre Betreuer wird das Schicksal der Neuankömmlinge keinesfalls unberührt lassen. Viele Kinder und Jugendliche sind schüchtern, völlig verstört, viele berichten, was sie erlebt haben und suchen neue Bindungen.

Die Aufsätze dieses Bandes untersuchen die Probleme, die bei der Eingliederung von Migranten auftauchen:

Thomas Hegemann und Melisa Budimlic stellen in ihrem Beitrag Brücken bauen zwischen Sprachen und Kulturen den „Einsatz von Gemeindedolmetschern zur Überbrückung von Kommunikationshindernissen und psychosozialen Diensten“ vor. Ihre Erfahrungen und Anregungen sollten denen zugutekommen, die heute unmittelbar mit der Aufnahme von Jugendlichen unter den Flüchtlingen betraut sind. Es reicht nicht, einfach zu übersetzen, auch der Einsatz von Dolmetschern unterliegt gewissen Regeln. Beide Autoren legen in ihren Beitrag auch eine Anleitung zum Einsatz von Laiendolmetschern vor.

Visal Tumani, Fachärztin für Psychiatrie aus Ulm, fragt Spielt Kultur bei der Bindungstraumatisierung eine Rolle? und stellt damit einen essentiellen Faktor von Bindung vor, nämlich die Kultur, die Bestandteil lebenslanger Sozialisationsprozesses sein sollten, die durch die Migration, vor allem aber durch Krieg, Gewalt und Verfolgung jäh unterbrochen werden. Damit stellt sie implizit die Frage, wie neue Bindungen aufgebaut werden können. Die knappe Form ihres Beitrags, mit dem sie die Vielfalt der Belastungen der jungen Flüchtlinge darstellt, ist sehr beeindruckend.


brisch-bindung-jugend„In der Jugendzeit wird die Bindung an Gruppen mit Gleichaltrigen zu einem bedeutungsvollen Bindungssystem, das den Jugendlichen Schutz und Sicherheit vermittelt und die Entwicklung fördern kann. Es kann auf der anderen Seite aber auch eine Quelle von Angst sein, die Autonomie und Individualität verhindert. Die Autorinnen und Autoren des Bandes behandeln folgende psychische Probleme bei den wegen desorganisierten kindlichen Bindungserfahrungen besonders gefährdeten Jugendlichen.“

Karl Heinz Brisch (Hrsg.)
> Bindung und Jugend
Individualität, Gruppen und Autonomie
1. Aufl. 2013, 296 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94827-1


Carolin Mogk hat den Grundlagenartikel für diesen Band verfasst: Allein in Deutschland – Psychotherapie und psychosoziale Arbeit mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen (S. 44-82). Wer von denen, die gesagt haben, Wir schaffen das? weiß wirklich, dass nahezu jedes Kind das dem Krieg und Terror in Syrien und dann den Schleppern entkommen ist und die Flucht überstanden hat, hier mehr als völlig verstört ankommt und viel mehr als nur eine freundliche Aufnahme, sondern eine lange geduldige Betreuung braucht. Neue Deutschlehrer und Sachspenden alleine genügen nicht.

Elaine Arnold berichtet über Migration und die Auswirkungen zerbrochener Familienbindungen aus vielen Teilen der Welt über den Verlust von Bindungen. Verlorene Bindungen sind nicht einfach reparabel. Aber das Wissen um ihr Entstehen und ihre Bedeutung sind eine wichtige Voraussetzung, um diesen Jugendlichen wirksam helfen zu können.

In diesem Zusammenhang ist es folgerichtig, dass Gülay Teke aus Berlin aus ihrer täglichen Praxis über „Migrationssensiblen Kinderschutz“ berichtet.

Was kann getan werden? Eva Pattis Zoja: Nach Massengewalt und Vertreibung: Der symbolische Ort, an dem Bindung wieder entstehen kann. Wie können neue Beziehungsmodelle aufgebaut werden? Es geht darum, Brücken zu bauen, und das sind kulturübergreifende Brücken, die in spielerischer Weise Neues mit bekannten kulturellen Elementen verknüpfen. Expressive Sandarbeit ist das Stichwort (S. 117 ff). Zojas Beitrag verrät ihre wertvollen praktischen Erfahrungen, die sie hier weitergibt. Auch hier gilt ein Grundsatz, der von J.-J. Rousseau her bekannt ist: Lerne Dein Kind zu beobachten und ziehe Schlüsse, wie Du darauf reagieren könntest, damit es lernt und weiterkommt, um mal ganz knapp hier an seinen Erziehungsbuch „Émile ou de l’éducation“ (1762) zu erinnern.

Jorge Aroche und Mariano Coello zeigen, dass die Behandlung der traumatisierten Flüchtlingskinder keineswegs auf ein gesichertes Vorwissen zurückgreifen kann: „Work in progress“, nennen sie ihre Überlegungen unter dem Titel Das komplexe Wechselspiel zwischen Bindung, Kultur und Flüchtlingstrauma – eine Herausforderung für die klinische Praxis. (S. 129-158)

Welche Identität werden eines Tages Kinder aus arabischen Staaten haben, wenn sie nach Deutschland emigriert sind? fragt Imen Belajouza: Psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus arabischen Familien.

Probleme ganz anderer singulärer Art stellt Barbara Schuller vor: Kinderhandel in Westafrika: Psychische Auswirkungen auf Betroffene und ihre Entwicklung mit besonderem Augenmerk auf Bindungsstörungen.

Viele Flüchtlingskinder, die zu uns kommen, sind entweder alleine unterwegs oder sehr oft von andern Familienmitgliedern getrennt. Ihre Problem hat Andrea Perry aufgegriffen: An der Seite eines Suchenden – ein bindungsorientierter Ansatz in der Arbeit mit voneinander getrennten Familienmitgliedern.

Die letzten beiden Beiträge stellen Maßnahmen vor, wie Bindungen unter den neuen Umständen im Ankunftsland wieder neu aufgebaut werden können: Patrick Meurs und Gül Jullian: Das Projekt „Erste Schritte“ – kultursensible und bindungsgerichtete präventive Entwicklungsberatung für Migranteneltern und Kleinkinder.

brisch-bindung-migrationKarl Heinz Brisch untersucht die Zusammenhänge zwischen Bindungsentwicklung und ihren Besonderheiten bei der Adoption: Migration und internationale Adoption: Psychotherapie zwischen den Kulturen.

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1


Buch_Brisch_Bindungsreihe_alle_250

Die Reihe Bindungspsychotherapie von Karl Heinz Brisch: Das Wissen der Bindungstheorie kann vielfältig für eine bindungsbasierte Beratung und Therapie in allen Altersstufen angewandt werden, wobei sich die Diagnostik und Behandlung je nach Lebensalter der Patienten ganz unterschiedlich gestaltet.
Anhand von vielen Beispielen aus der klinischen Praxis gibt die Reihe eine Einführung in die Grundlagen der Bindungstheorie und die diagnostischen Methoden und Schritte einer bindungsorientierten Beratung und Therapie vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter.


Lesebericht: Sibylle Tobler, Die Kunst, über den eigenen Schatten zu springen

Freitag, 4. September 2015

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Lassen Sie mal den > Inneren Kritiker beiseite. Der hat jetzt mal Pause. Kennen Sie das? Manchmal reicht es. Lust zur Veränderung stellt sich ein, muss ja nicht gleich so radikal sein und alles in Frage stellen. Sibylle Tobler hat den Band
> Die Kunst, über den eigenen Schatten zu springen geschrieben, um Ihnen > diese Sache mit Ihrem Schatten zu erklären. Wie wär’s, Sie dosieren die Veränderung ab jetzt selbst? Oft schreckt man davor zurück, weil einfach zu viele Stolpersteine im Weg liegen. Sybille Tobler erklärt Ihnen, wie sie diese Steine betrachten, bewerten und schließlich aus ihnen Mosaiksteinchen für die Veränderung Ihrer ganz persönlichen Situation machen können.

tobler-neuanfaengeAlles fängt mit einem genauen Verstehen Ihrer Situation (S. 17 ff.) an (n. b. deshalb heißen die 10 Aufsatzbände von Sartre: Situations, I-X und in Das Sein und das Nichts (1943) schreibt er Situation und Freiheit seien das gleiche). Und das Ziel sollten Sie definieren (S. 21 ff.) Im Teil I werden die einzelnen Facetten der Standort-und Zielbestimmung untersucht. Ganz so einfach ist das aber nicht, denn oft genug beeinträchtigen Hast und Hektik das Urteilsvermögen. Bis einschließlich auf S. 55 zeigt Ihnen Sibylle Tobler die Gefahren aber auch die Chancen, wie Anreize zu radikaler Veränderung in die richtigen Bahnen gelenkt werden können.

Neue Wege kommen nicht übers Nachdenken. Da müssen sie schon selbst tätig werden. Wie bei einer Bewerbung, müssen Sie Ihre Stärken erkennen und sie nutzen. Trauen Sie sich dabei zu diese „Das geht nicht“ Falle, die Ihnen der > Inneren Kritiker immer wieder vorhält, zu verlassen: vgl. S. 87-103. Wir sind alle von den Reaktionen anderer abhängig vgl. G.H. Seidler, > Der Blick des Anderen. Eine Analyse der Scham, Stuttgart: Klett-Cotta, 4/21015. Mehr oder weniger. Wenn Sie ein wenig Distanz zu den Bemerkungen Ihrer Mitmenschen entwickeln, können Sie Erfolgsfaktoren für Veränderungen erkennen.

Wie in der Wirtschaft geht es um Vertrauen. Wenn sie den > Inneren Kritiker in seine Schranken weisen und sich darüber klar werden, dass Freiheit auch Angst machen kann, (Sartre, Das Sein und das Nichts, Kapitel: Freiheit und Situation) aber nur weil sie so grenzenlos ist, spricht nichts dagegen, diese Angst, die nervös macht, zu verstehen, und sich ihren Ursprung, die Freiheit genauer anzusehen. Die Angst wird von überbordenden Möglichkeiten und der Befürchtung, nicht alles mitzubekommen oder etwas falsch zu machen, verursacht.tobler-schatten-springen

Genau hier setzt Sibylle Tobler an. Analysieren Sie ihre Situation, wägen Sie Ihre Handlungsalternativen ab und entscheiden Sie selbst. Geht doch.

> www.sibylletobler.com

Sibylle Tobler
> Die Kunst, über den eigenen Schatten zu springen
oder wie Sie Schwierigkeiten bei Neuanfängen meistern
1. Aufl. 2015, 174 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-86051-1

Nachgefragt: Roland Kachler: Die Therapie des Paar-Unbewussten

Montag, 24. August 2015

kachler-paar-unbewusste

Es ist guter Brauch auf unserem Blog, erst den Lesebericht zu verfassen > Lesebericht: Roland Kachler: Die Therapie des Paar-Unbewussten und dann den Autor nach seinem Buch zu befragen.

Wir hatten das Glück, mit Roland Kachler kurz vor dem Erscheinen seines Buches ein Gespräch führen zu können:

Roland Kachler kritisiert die traditionelle Paartherapie, weil sie bisher das Paar-unbewusste vernachlässigt oder übersehen hat. Der Untertitel Ein tiefenpsychologisch-hypnosystemischer Ansatz präzisiert sein Anliegen. Was verbirgt sich hinter diesem Untertitel, wollten wir von ihm wissen:

Er bezieht sich mit seinem Ansatz auf verschiedene Disziplinen wie die moderne Hirnforschung (S. 12-18) und die der Paarpsychologie. Stimmt unsere Vermutung? Hat man in der Paartherapie bisher etwas übersehen? Wir haben über die Bedeutung der Fallvignetten in seinem Buch gesprochen? Sie berichten keineswegs nur über Die Fälle, sondern zeigen Möglichkeiten der Paartherapie in auf? Roland Kachler zitiert die Arbeiten von Jürg Willi, u. a. > Die Therapie der Zweierbeziehung. Einführung in die analytische Paartherapie, aber er geht ganz ausdrücklich darüber hinaus.

Roland Kachler erklärt in seinem Buch, Paartherapie funktioniere nur mit aufeinander abgestimmten Schritten. Es scheint, er favorisiere ein bestimmtes Schema… aber das muss man doch auf die individuellen Fälle anpassen, oder gibt es wirklich bestimmte aufeinanderfolgende Schritte? Wie hoch ist eigentlich der unbewusste Anteil an der gesamten Paarkommunikation? Wie kommt man diesem Unbewussten auf die Schliche?

Roland Kachler erläutert in seinem Buch, wie das Paar-Unbewusste entsteht. Welche Stationen sind dabei besonders wichtig?

In einem andern Kapitel präzisiert er das Paar-Unbewusste mit seinen Faktoren vom relationalen Bedürfnis-Unbewussten bis zum kreativen Unbewussten der Liebe, erst wenn diese Faktoren dem Paartherapeuten bekannt sind, kann man die „Kollusion der Bedürfnisse“ erkennen und dann auf eine Veränderung einwirken? Ist das so richtig wiedergegeben? Kann man die Paartherapie tatsächlich das Paar-Unbewusste in Teilmengen zerlegen“?

Roland Kachler relativiert selbst seinen Ansatz, wenn er andeutet, die Erforschung des Unbewussten müsse behutsam vorgehen, wenn bei der Paartherapie Probleme auftauchen wie Trennungsabsichten eines Partners oder körperliche oder sexuelle Gewalt? Gibt es Anzeichen bei einer Paartherapie, die auf den Misserfolg der Therapie hinweisen?

Und die letzte Frage: Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

kachler-paar-unbewussteRoland Kachler,
> Die Therapie des Paar-Unbewussten. Ein tiefenpsychologisch-hypnosystemischer Ansatz
Stuttgart: Klett-Cotta, 1. Aufl. 2015, 196 Seiten, gebunden, ca. 20 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94866-0

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