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Archiv für die Kategorie 'Roman'

Nachgefragt: Arno Frank, So, und jetzt kommst du

Dienstag, 28. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Wir haben in unserem Lesebricht zu dem Buch von Arno Frank festgestellt: Wenn Sie den Roman > So, und jetzt kommst du zur Hand nehmen, sollten Sie keine unmittelbaren Termine vor sich haben und möglichst eine Zugverbindung ohne Umsteigen gebucht haben. > Bitte weiterlesen.

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 hatten wir die Gelegenheit, Arno Frank nach den beiden Lesarten seines Buches zu befragen:

Es gibt zwei Lesarten dieses Buches, die sich überschneiden:

1. Wie hat der Autor es angestellt, dass dieses Buch so unglaublich spannend ist?
2. Lesart: War es an der Zeit, dass Frank sich diese haarsträubende Geschichte seiner Kindheit jetzt endlich mal von der Seele schreiben?

1. Lesart: Welche Mittel hat der Autor eingesetzt, um diese Spannung zu erzeugen?

Jutta, die Muttermit ihren Kindern, der Erzähler, Jeany noch im Kinderwagen, Fabian zügelt nach, halten zu ihrem Mann und Vater Jürgen, auch als er auf die schiefe Bahn gerät und seine Familie unbarmherzig, kompromisslos immer mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft mit sich führt. Ist das ein Erziehungsroman?

Tragisch und komisch zugleich?

2. Lesart:
Arno Frank hat – so der Klappentext – eine wahren Geschichte aufgeschrieben. Wann wurde, jetzt kommt die Erinnerung des Autors – der biographische Aspekt – dran, ihm und seiner Familie klar, dass mit dem Vater etwas nicht stimmte? Die Ratschläge, die er ihnen gab, Jetzt kommst Du dran, hat er immer wieder gesagt, waren ja nicht so doll.

In unserem Lesebericht steht: „Das Geheimnis ist das alle bescheißen. Alle.“ Jürgens Lebensweisheiten sind etwas dürftig und sein Sohn mag ihm nicht so recht trauen.
Wie es um die Geschichte aus ihrer Erinnerung bestellt? „Soviel Kaltblütigkeit auf einmal gibt es doch gar nicht, sagt sich der Leser, wenn er die Familie auf ihrer Hatz durch Europa begleitet und mit den Kindern mitleidet. Ob der Vater glaubt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben? Sein Kampf gegen alle?“ Welche Motive hatte er?

Wir müssen hier weg, wäre auch ein guter Titel gewesen.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2

Tom Malmquist, Lesebericht: In jedem Augenblick unseres Lebens

Samstag, 11. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Unser Gastblogger Oliver W. Steinhäuser > www.buchundmedienblog.com hat das Buch von Tom Malmquist für den Klett-Cotta-Blog gelesen:

Die Geburt eines Kindes ist der wohl aufregendste und glücklichste Moment eines sich liebenden Paares. Ein Anlass, mit dem man das Überqueren der Türschwelle eines Krankenhauses nicht mit Krankheit und Verlust, sondern mit der Entstehung neuen Lebens verbindet. Leider geht das nicht immer so einfach, und Tom muss dabei eine traurige Erfahrung machen. Das Schicksal hat für ihn keine traditionelle

> Alle Termine zu diesem Buch

„Vater-Mutter-Kind-Familie“ vorgesehen, denn bei seiner Partnerin Karin wird im Verlauf der Schwangerschaft Leukämie diagnostiziert. Dank eines ungeplanten und dann auch noch frühen Kaiserschnitts öffnet sich für seine Tochter Livia das Tor zur Welt, während die nicht heilbare Krankheit ihm innerhalb kürzester Zeit seine Freundin Karin nimmt.

Mit Luftnot liefert Tom Karin im Krankenhaus ein. Die Diagnose lautet Leukämie in einem bereits weit vorangeschrittenen Stadium. Bevor jedoch die Therapie begonnen werden kann, muss ihr Kind per Kaiserschnitt entbunden werden. Karins letzte Entscheidung, bevor Medikamente und fortschreitender Zerfall sie von ihrem Bewusstsein trennen lautet: Livia. Der Name eines Kindes, das sie selbst nur aufgrund pränataler Kindsbewegungen in ihrem Körper kennt.

Der Leser ist nach nur wenigen Seiten in einer traurigen und belastenden Geschichte gefangen. Er lernt den Vater Tom in einer auch ihm unbekannten Umgebung kennen. Er hetzt durch die Gebäude und Gänge des Krankenhauses, zwischen der Frühgeborenen-Station und der Thorax-Intensivstation. Das Krankenhaus verlässt Tom nur mit seiner Tochter.

Zur Verarbeitung des Geschehenen und zur Erinnerung an eine erfüllte Vergangenheit mit seiner Freundin, schreibt Tom Malmquist im Namen seines Protagonisten Tom Malmquist einen Roman. Gegenwart und Erinnerung bekommen einen gleichrangigen Stellenwert. Erinnerungen an das Verliebtsein, an die Freuden und die Zweifel. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ führt uns die Macht des Schicksals vor Augen und offenbart, dass wir trotz widriger Umstände jeden Moment unserer Existenz zu leben haben.

Das konsequente Auslassen von Anführungszeichen der wörtlichen Rede verstärkt die Machtlosigkeit während der tragischen Ereignisse. Worte und Situationen gehen ineinander über, drohen dem Leser zu entgleiten. Zeilen verschwimmen im Kummer, in Ohnmacht, und sind für Tom nicht in Worte zu fassen. Malmquist schreibt ein Buch, in dem das Überspringen einzelner Zeilen unverzichtbar scheint. Denn nur wer im kontinuierlichen Fluss der Dialoge gelegentlich den Überblick verliert, hat eine Ahnung über die Überforderung des Protagonisten und Vaters.

Zwischen all den Hürden und Anstrengungen, denen Tom ausgesetzt ist, erfährt der Leser eine Menge über Säuglinge Informationen, über die nur Eltern verfügen: Beispielsweise die korrekte Menge an Vitamin D, den Moro-Reflex oder Kindspech. Oder den besten Zeitpunkt zur Vaterschaftsanerkennung und der Einwilligung der Mutter zum geteilten Sorgerecht in seinem Fall leider zu spät, denn die Kindsmutter ist tot. „Was mich bei diesem Zirkus am meisten verletzt, ist die Tatsache, dass eine simple Heiratsurkunde, die man schon unterschreiben kann, wenn man sich nur eine Viertelstunde aus der Kneipe kennt, mehr zählt, als dass man zehn Jahre zusammen gelebt hat, ist eine Heiratsurkunde denn wichtiger als die Geschichte einer Familie?“ (S. 167)
Eine Bürokratie, die kaum auszuhalten ist!

Falsch liegt, wer hinter „In jeden Augenblick unseres Lebens“ einen tränentreibenden Trauerroman vermutet, denn dem Leser bleibt ebenso wenig Zeit zur Trauer, wie dem Protagonisten Tom. Wir sind zusammen mit ihm und der Bewältigung seiner Probleme so beschäftigt, dass wir dem Überlebenstrieb mehr folgen als uns in Larmoyanz zu ergeben.

Tom Malmquist
> In jedem Augenblick unseres Lebens
Roman
Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek (Orig.: I varje ögonblick är vi fortfarande vid liv)
1. Aufl. 2017, 301 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98312-8

Jasmin Ramadan liest in Stuttgart: Hotel Jasmin

Dienstag, 15. November 2016

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Am Donnerstag, 17. 11. um 20 Uhr liest Jasmin Ramadan, bekanntgeworden durch ihre Romanvorlage zu „Soul Kitchen“, im 8. Stock der > Stadtbibliothek Stuttgart (Café LesBar).

Zur Vorbereitung:
> Lesebericht: Jasmin Ramadan, Hotel Jasmin – 21. September 2016

Mitten auf Deutschlands größter Baustelle spricht Jasmin Ramadan mit Journalist und Autor Björn Springorum über ihr neues Buch > „Hotel Jasmin“, unter anderem darüber, warum die Hamburger Lehrerin Christine Tarpenbek immer Kaisersülze isst und dazu den unvermeidlichen Malventee trinkt, warum ihr Sohn Roland sie nicht mehr sehen will und warum sie, die Reisen hasst, plötzlich im „Hotel Jasmin“ in Kairo sitzt und mit einem Fremden spricht.

Abendkasse: 5,- Euro

> www.jasminramadan.de

Jasmin Ramadan
> Hotel Jasmin
Roman
1. Aufl. 2016, 269 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50142-1

Nachgefragt: Florian Scheibe, Kollisionen

Montag, 31. Oktober 2016

scheibe-kollisionen-110„Es beginnt mit einem Fahrradunfall. Carina fährt ein Mädchen an, das plötzlich vor ihr auf die Straße rennt. Bevor sich die Angefahrene wieder aufrappelt, sieht Carina, dass Mona schwanger ist. Rückblende oder dieselbe Szene aus einer andern Sicht. Mona steht am Straßenrand und rennt los. Sie versteht die Ohrfeige nicht, die sie von Carina kassiert. Für Carina kommt alles zusammen, ihr sehnlicher Kinderwunsch und dann dieses schwangere Mädchen.“ > Bitte weiterlesen

Erst der > Lesebericht: Florian Scheibe, Kollisionen und dann der Artikel Nachgefragt mit einem Interview des Autors auf der > Frankfurter Buchmesse.

Kollisionen erzählt ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale, die unvermutet aufeinanderprallen, sie Personen ungewollt in Schwierigkeiten geraten, sich darin verstricken und es ihnen nicht gelingt, sich daraus zu befreien. Ist diese Zusammenfassung zutreffend? wollten wir von Florian Scheibe wissen.

Jede Szene führt Carina und Tom ein wenig mehr ins Chaos. Sie haben ihr Leben nicht mehr im Griff. Was machen sie falsch? Ist das Pech oder Dummheit?

Welche Art von Gesellschaftskritik steckt in diesem Roman?

scheibe-kollisionen-110Florian Scheibe
> Kollisionen
Roman

1. Aufl. 2016,
377 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98031-8

Florian Scheib liest die ersten zehn Seiten:

Nachgefragt: Kris van Steenberge, Verlangen

Dienstag, 25. Oktober 2016

steenberge-verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst. > Bitte Weiterlesen

Erst der Lesebericht, dann ein > Videointerview, das hier unter Nachgefragt… angezeigt wird. Das ist unsere Blogregel.

Drei Themen gab es für uns nach der Lektüre dieses spannenden Buches: Die Entwicklung der Charaktere, die Erzähltechnik und der historische Hintergrund. ALle drei Themen haben wir in dem Interview untersucht:

Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Lesebericht: Jasmin Ramadan, Hotel Jasmin

Mittwoch, 21. September 2016

ramadan-hotel-jasminDas dritte Buch von Jasmin Ramadan bei Tropen ist erschienen: > Hotel Jasmin. Vonsich selber sagt die Autorin: »Mit meinem Nachnamen gelte ich nie als so richtig deutsche Schriftstellerin, obwohl ich kein Arabisch spreche und keine Ahnung vom Islam habe.« Jasmin Ramadan, geb. 1974, wohnt in Hamburg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Ägypter. Sie studierte Germanistik und Philosophie. 2009 wurde Soul Kitchen zum gleichnamigen Kino-Hit von Fatih Akin ein Überraschungserfolg. Für ihren Roman > Das Schwein unter den Fischen erhielt sie den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2014 erschien > Kapitalismus und Hautkrankheiten.

Mit ihrem Roman > Hotel Jasmin bestätigt die Autorin ihr Talent, das sie in ihren ersten Romanen gezeigt hat. Roland hat mit seiner Mutter Christiane Tarpenbek abgeschlossen und will nichts mehr von ihr wissen. Der Vater ist unbekannt. Als ihr aber vorgeworfen wird, sie als Grundschullehrerin habe eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, wendet sich ihr Sohn ihr wieder zu. Es geht hier vor allem um die Mutter und die Art und Weise, wie sie auf der Suche nach ihr selbst in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft vorgeht. Sie verschwindet, begibt sich nach Kairo, weil sie die Reise dorthin gewonnen hat. Schließlich trifft sie dort einen Ägypter, der sie versteht, und ihr hilft, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Als sich Roland Tarpenbeck entschließt, seine Mutter als vermisst zu melden, kommt die Suche nach ihr ins Rollen. Er geht zur Detektei Laila Voss und bittet dort um Hilfe. Dort bekommt er ein Tonbandgerät vorgesetzt und muss seine Geschichte erzählen: S. 33-50. Dann kommt seine Tante Lerke Petri dran: S. 50-62. Ihr Mann Hauke Petri ist über die Freundschaft seiner Frau mit Christiane überhaupt nicht erfreut: S. 62-71. Dann ist die Reihe an Dea Klüwert, die Schulleiterin von Christianes Schule: S. 71-75. Egon Dittmers S: 75-84: „Christiane war auch eigentlich gar nicht vollends mein Typ…“ Das ist alles nicht unbedingt nur einfach so aufgezeichnete wörtliche Rede. Den Zeugen geht es wie mir beim AB, wenn die Stimme sagt, sprechen Sie jetzt. Holger berichtet, Christiane war beim Flirten ein harter Brocken. Yolanthe Ruprecht berichtet über Roland und seien Mutter, die sie nur einmal gesehen hat. Irgendwie erzählen die Zeugen, sie nennen wir sie mal, was einem so beim Staubsaugen einfällt, wenn sie mit sich selbst sprechen. Trotzdem ersteht Christiane mit ihren Ticks allmählich vor unserem Auge. Und es gibt hin und wieder Vermutung, warum Christiane verschwunden ist. Nein, davon werde ich nichts berichten, hier geht es alleine darum, wie trickreich Jasmin Rmadan ihren Roman konstruiert hat. Im dritten Teil bis S. 200 wird von Roland und Seiner Mutter berichtet. Dann kommt es zu dem peinlichen Zwischenfall in der Schule, den Christiane nicht bewältigt, bis sie im vierten Teil sich nach Fuhlsbüttel und damit nach Ägypten begibt.

Ein spannend konstruierter Roman. Der Leser bekommt die Empfindungen und Gefühle der Protagonisten zuerst serviert und kann sich dann mit der Geschichte ein Urteil über diese Berichte bilden. Wieder ein Roman, dem man prima im ICE lesen kann, wenn gerade ein laut lärmende Schülerklasse eingestiegen ist und 400 km mitfährt. Man hört sie bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr.

> www.jasminramadan.de

Jasmin Ramadan
Hotel Jasmin
Roman
1. Aufl. 2016, 269 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50142-1

Lesebericht: Florian Scheibe, Kollisionen

Dienstag, 6. September 2016

scheibe-kollisionen-110Es beginnt mit einem Fahrradunfall. Carina fährt ein Mädchen an, das plötzlich vor ihr auf die Straße rennt. Bevor sich die Angefahrene wieder aufrappelt, sieht Carina, dass Mona schwanger ist. Rückblende oder dieselbe Szene aus einer andern Sicht. Mona steht am Straßenrand und rennt los. Sie versteht die Ohrfeige nicht, die sie von Carina kassiert. Für Carina kommt alles zusammen, ihr sehnlicher Kinderwunsch und dann dieses schwangere Mädchen.

Kollisionen erzählt wie ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale unvermutet aufeinanderprallen und wie die Personen ungewollt in Schwierigkeiten geraten, sich darin verstricken und es ihnen nicht gelingt, sich daraus zu befreien. Für Carina kommt alles auf einmal zusammen. Die teure Behandlung zugunsten der Erfüllung ihres Kinderwunsches und die Flaute, gar das Versiegen bei ihren Aufträgen in ihrer Agentur. Sie kann keine teuren Lofts mehr verkaufen und sieht ihren Lebensstil in Gefahr kommen. Tom kämpft in seiner Redaktion mit den Themen für seine Kolumne, die in Gefahr gerät, je mehr er aus dem wirklichen Leben um ihn herum berichtet.

Derweil kommt findet Mona den Vater ihres Kindes, den Rumänen Petr, achtzehn oder neunzehn wieder. Aber er kann ihr auch nicht wirklich helfen. Carinas und Toms Hund frisst im Stadtpark gegenüber von ihrem Brauerei-Loft ein Päckchen mit Rauschgift, was er nicht überlebt. Carina wird zunehmend nervös und macht der Sprechstundenhilfe wegen des langen Wartens eine laute Szene, derweil Tom in der Redaktion über seiner Glosse brütet. Mona macht einen Selbstmordversuch und landet nach dem Krankenhaus in einem Heim für schwangere Frauen.

13.09. 2016 20 Uhr Buchpremiere KOLLISIONEN im LCB mit Wiebke Porombka
im > Literarischen Colloqium Berlin am Wannsee. Anschließend Wein und Häppchen

Jede Szene führt Carina und Tom ein wenig mehr ins Chaos. Dabei haben sie eigentlich nur ihren Kinderwunsch. Ein Missgeschick beschwört das nächste hinauf, als wenn ihr grundsätzliches Scheitern irgendwie vorprogrammiert wäre. Kollisionen kennt man, und manchmal gibt es kaum einen Ausweg. Aber es gibt auch Situationen, in denen man dazu beiträgt, alles noch komplizierter zu machen. Im Stau auf dem Weg zum Arzt, gerät Tom in Panik und lässt sein Auto an Ort und Stelle im Stau zentralverriegelt stehen und rennt zu Fuß weiter. Da leidet der Leser richtig mit und viele Passagen wie diese halten jedes Störung ringsum den Leser herum von ihm ab. Wenn der Lauf zum Arzt ihn am Ende nicht mehrere Tausend Euros kosten würde, wäre Tom ja noch glimplich davongekommen. Aber die Szene, die er durchläuft, wird für ihn zum Hindernislauf und gibt ihm den Rest.

Tom und Carina haben beide ihr Leben nicht so richtig im Griff, Pech oder Dummheit? Tom gibt Versuchungen nach und Carina hält doch irgendwie zu ihm. So wie sich ihr Leben ändert, ändert sich auch ihr Wohnumfeld und gleichzeitig stürzt sie im Beruf ab, die Kunden bleiben aus. Und wieder treffen Carina und Mona zusammen. Ihre Wege kreuzen sich mehrmals, so als wenn es ihre Schicksale darauf abgesehen hätten, sich miteinander zu vergleichen.

Was haben Tom und Carina wirklich falsch gemacht? Ist das soziale Leben, so wie es um sie herum eingestellt ist, an ihren Kollisionen schuld? Wo sind die Stationen, wo sie anders hätten abbiegen können? Die Einführung der Personen und die Umstände ihres Erscheinens lassen einen Moment noch vermuten, es könne alles gut gehen, dann aber nimmt das Unheil rasant Fahrt auf. Es ist es die Spannung, deren Aufbau Florian Scheibe vorzüglich beherrscht.


Auf anderen Blogs:

Isabella Caldart schreibt > Kurz&schmerzlos mit Florian Scheibe über „Kollisionen“
mit einem Interview mit Florian Scheibe


scheibe-kollisionen-110Florian Scheibe
> Kollisionen
Roman

1. Aufl. 2016,
377 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98031-8

Florian Scheib liest die ersten zehn Seiten:

Nachgefragt: Jan Snela, Milchgesicht

Freitag, 15. April 2016

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Jan Snela stammt aus München, er ist in Tübingen und Stuttgart zu Hause. Er hat Komparatistik, Slavistik und Rhetorik in München und Tübingen studiert. Im Sommersemester 2013 lehrte er Literarisches Schreiben an der Uni Heidelberg. Er ist Gewinner des Literatur-Nachwuchswettbewerbs Open Mike der Berliner Literaturwerkstatt. Und war in 2012 bei der Mikrolesung in der Stuttgarter Stadtbücherei zu Gast. jan-snela-video. Sein jüngst bei Klett-Cotta erschienenes Buch > Milchgesicht trägt den Untertitel Ein Bestiarium der Liebe. Ein Bestiarium (kommt von bestia – wildes Tier). Da gibt es das Bestiarium von Richard de Fournival aus dem 13. Jahrhundert, dessen Tiergeschichten von der Liebe handeln, um dem Leser zu zeigen, wie er die Gunst einer Dame erringen kann. Guillaume Apollinaires „Le bestiaire ou le cortège d’Orphée“ (1911) Franz Bleis „Großes Bestiarium der modernen Literatur“ (1924) sind Beispiele aus dem 20. Jahrhundert. Wie ist der Untertitel Ein Bestiarium der Liebe seines Buches Milchgesicht zu verstehen? Liebe wird hier mit Tieren in eine enge Verbindung gebracht:

Eine Geschichte heißt Das Wiesel, das Henri zwischen zwei Gehwegplatten zuläuft. Wiesel oder Hermine? Diese viel zu kurze Frage wird der Geschichte nicht gerecht.

Auf unserem Blog steht: „Das hat Jan Snela nicht eben mal geschrieben, das ist schon echt harte Arbeit, da wurde gefeilt und gehobelt und dieses Werkeln am Text…“ stimmt das? wollten wir wissen.

Schreiben Sie oder komponieren Sie ihre Stücke? haben wir Jan Snela gefragt. Sein Buch enthält 10 Kurzgeschichten, kurze und längere Miniaturen, Novellen, oder gar nur ein Text, wie nennen Sie diese Kurzform am liebsten? haben wir ihn gefragt.

„Milchgesicht“ heiß die erste Geschichte. Beim Antesten von Büchern, lese ich die ersten Seiten immer laut vor, das rate ich auch den Lesern… „Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad.“ Warum ein Milchbad? Gesundheitliche Gründe, Kosmetische Gründe? Frust, weil Karen ausgezogen war? Wenn Sie diese Geschichte gelesen haben, werden Sie in jeder Tankstelle unwillkürlich danach gucken, ob noch genug Milch im Regal steht. Hier in Milchgesicht geht es um einen Kaufvorgang, den der Autor en détail beschreibt, wie im Nouveau Roman, jede Einzelheit zählt, Milch muss her, oder geht es um mehr? Die verflossene Liebe verwinden?

SPOOK SPEAKER in der U-Bahn lesen, sich von den Artikeln verschlingen lassen die Schöne drei Sitzgruppen weiter: „Ich war ihr bereits verfallen.“ – Dann kommt wieder eine Haltestelle: „Die S-Bahn setzte sich ruckelnd erneut in Bewegung, nun merr fast leer. Die Schöne und ich waren waren allein im Abteil zurückgeblieben.“ Später fragt sie: „Gehn wir zu Dir?“ Und er nannte sie einfach mal Ruth, die sich durchs Fenster rettete, als Kirstin schon zu hören war. Eine Zufallsbekanntschaft, die spannende Geschichte einer Zufallsbekanntschaft?

„Eine Vigilie“. Die wilde Nacht mit Amalie. Der Autor dieses Buches hat wahrscheinlich in Paris studiert. Schließlich war es doch nicht so schwer, Amalie rumzukriegen, sie trug per (Liebes)Briefchen dazu bei „Und bist du prêt?“ Amalie lebt frugan und, die Kerze auf dem Fußboden, langwierige Vorbereitungen, bis sie endlich zusammenkommen, bis Amalie so weit ist.

DAS WIESEL wird für Hermine zur Konkurrenz, weil es alle Aufmerksamkeit bekommt und schließlich auch mal weg ist, dann wieder kommt, und dem Erzähler fürs Leben sinnstiftend erscheint, so dass Henris Doktorarbeit bleibt, wo sie gerade ist.

Baudelaire sagte in seiner Verteidigungsschrift von seiner Gedichtsammlung, sie forme ein Ganzes und nur dadurch könne die Moralität seines Werkes verstanden werden. Ist das hier auch so? Insgesamt ein Liebesroman? Sie erzählen ganz verschiedene Situationen, die aber alle irgendwie aufeinander verweisen? Wie oder mit welchem Ziel?

Snelas Schreibstil verleitet zum Vorlesen. Die Maulprobe nach Flaubert hatte die erste Geschichte Milchgesicht bestens passieren lassen. Manchmal bekommt dann doch wieder das nüchterne Erzählen die Oberhand über einen skurrilen Stil. Wir wollten von ihm wissen, wie er seinen Schreibstil nennt.

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Jan Snela
> Milchgesicht
Ein Bestiarium der Liebe
ISBN: 978-3-608-98307-4

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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