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Archiv für die Kategorie 'Roman'

Gelesen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Donnerstag, 14. September 2017

Gerade erschienen, aufgeschlagen und sofort ohne aufzuhören gelesen. Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben. Haben wir gestern noch den Anfang dieses Romans, die Fakten hier vorgestellt > Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, so können wir hier nur daran erinnern, Rémi, der kleine Nachbarjunge ist tot. Im Wald von Saint-Eustache.

Der Leichnam wird gefunden werden, es wird Nachforschungen geben. In der kleinen Stadt Beauval kennt jeder jeden. Da bleibt eigentlich nichts verborgen. Schaut man genauer hin, gibt es so manches, von dem man beim Spaziergang durch dieses Städtchen nichts ahnt. Ob das überall so ist? Lemaitre stellt ihre Bewohner nacheinander vor, sie sind alle in irgendeiner Form im sozialen Netz von Beauval gefangen, es gibt aber auch Konventionen, die verletzt werden. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet und empfindsame Naturen müssen sich nicht hineindenken in die Ereignisse, der Sog der Geschichte, des Dramas belegt sie mit Beschlag.

Ein Bericht der Fakten würde hier so viele Seiten füllen wie dieses Buch vorzuweisen hat. Dazu kommt natürlich die Ebene, auf der die Spannung geschaffen wird. Aber auch auf dieser Ebene werden wir hier kein Wort über den Fortgang der Ereignisse verlieren. Wenn es ein Mord war, wird der Mörder auch gefunden werden. Es gibt noch eine weitere Dimension dieses Romans. Außer der Handlung, der Aufbau der Spannung gibt es auch die Art und Weise, wie die Gespräche der Protagonisten der ersten Reihe mit denen der Nebenfiguren verknüpft werden. Da wird man sich schon täuschen lassen und die Ordnung dieser Personen bald wieder revidieren. Ein Trick des Autors, und um aus dem Leser einen Einwohner von Beauval zu machen. Bald kennen sie die Personen und erwarten dies oder jedes von ihnen. Die einen brechen plötzlich aus, warum und wieso wird gar nicht immer gesagt. Sind es die Verhältnisse im Städtchen, die sozialen Beziehungen, die dazu die Motive liefern? Oder sind es die stets bekannten Versuchungen, die, wenn ihnen nachgegeben wird, und nicht nur in Beauval, den Lauf der Dinge immer ändern, sans appel? Wendungen drehen im Leben nicht immer nur aufgrund von Ereignissen, Entscheidungen einzelner, oft kommt ein ganzes Bedingungsgefüge zusammen, das über das Schicksal Einzelner entscheidet, ein Schicksal, über das ihnen die Kontrolle entgleitet. Auch in diesem Roman gibt es Entscheidungs-, Handlungsmöglichkeiten für die Protagonisten. Sie können dies und jenes tun. Und warum sie es tun? Verantwortung, Angst, Furcht, Gier, Selbstlosigkeit, Sorgen, Stolz. Was treibt die Bewohner von Beauval und sonst irgendwo an?

Sie kennen das schon, spannende Bücher lassen Sie an Ihrer Zielstation vorbeifahren. Sich Zeit nehmen für diesen Roman? Fangen Sie einfach an zu lesen, Sie werden vor der letzten Seite nicht aufhören.

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar 2015

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 2014

Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Mittwoch, 13. September 2017

Wir hatten in letzter Zeit schon öfters Bücher, diie man vor der letzten Seite nicht aus der Hand Legt. Die gerade erschienene Übersetzung von Tobias Scheffel, des Romans von Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben gehört auch zu ihnen. „Roman“ steht hinter dem Titel, das ist aber nicht alles. Auf der französischen Wikipedia zu diesem Roman, der 2016 in Frankreich erschien, steht „Trois jours et une vie est un roman psychologique et noir de…“, der ihre Aufmerksamkeit allerspätestens total in dem Moment vereinnahmt, als Antoine im Wald auf den Nachbarsjungen Rémi Desmedts trifft, dessen Vater den Hund Odysseus der eigenen Familie, nachdem er überfahren worden war, mit einer Kugel erlöst und in einem Sack hinten im Garten zum Bauschutt legt.

Der Einzelgänger Antoine ist total verstört und fühlt sich von dem Bild des Sacks mit dem toten Hund im Garten verfolgt. Nichts geht mehr für ihn. Die Einkäufe, die als Aufgabe auf dem Mitteilungsbrett zu Hause ihm aufgetragen werden, erledigt er, ohne die Verkäufer anzusehen, noch mit ihnen zu sprechen. Er geht in den Wald, wo er alleine eine Baumhütte gebaut hat und zerstört sie und weint fassungslos. Dann steht auf einmal Rémi vor ihm.

Jeder Leser wird die Geschichte bis hierhin wahrscheinlich genauso erzählen. Das sind die Fakten, die Ereignisse und die Einsamkeit von Antoine. Der Fortgang der Geschichte ist keineswegs zwingend. Es gäbe verschiedene Szenarien. Aber Antoine ist zu aufgewühlt und als er dann noch merkt, dass Rémi seine Wut irgendwie nicht teilt, sondern sich nur irrsinnig erschrocken über die so offenkundige Wut von Antoine zeigt – der Erzähler fügt hinzu, Rémi glaube, Odysseus sei nur gerade mal wieder weggelaufen, schlägt Antoine zu.: „Blind vor Zorn packte er einen Stock…“ und versteckt dann die Leiche.

à suivre

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 16th 2014

Lesebericht: Jörg-Uwe Albig, Eine Liebe in der Steppe

Donnerstag, 24. August 2017

Jörg-Uwe Albig nennt seine Geschichte > Eine Liebe in der Steppe eine Novelle. Das ist also eine kurze literarische Form, kein Roman, eine Betrachtung, die Erinnerung evoziert, sich auf präzise Beobachtungen stützt, oft einen kürzeren Zeitraum in den Block nimmt, oder aber auch eine Entwicklung thematisiert, in jedem Falle bietet sie mehr als eine Kurzgeschichte. Hintergründiges? Schwer zu interpretieren? Eine Geschichte, die oft auf einen überraschenden Schluss zusteuert?
Albig spielt mit den Dingen. Oder vielmehr spielen die Dinge mit Gregor Stenitz, der dies zulässt. Er ist Paläontologe, für ihn definieren sich Dinge hauptsächlich über die Zeit ihrer Existenz. Bei genauem Betrachten offenbaren sie ihr Sein, ihre Herkunft, ihre Zusammensetzung, gar ihre Bestimmung. Es ist der Dialog mit den Dingen, die Gregors Umgebung konstituieren. Es gibt für ihn kein besonderes Erstaunen, für ihn ist es selbstverständlich, dass die Dinge irgendwie zu ihm sprechen, so wie Architekten sagen, ein Gebäude spreche zu einem anderen, oder eben gar nicht. So wendet sich auch die Kapelle St. Maria Magdalena als Ding an ihn. Ontologie ist die Lehre vom Sein. Und die Lehre von den Dingen ist hier Sache von Stenitz.
Wenn Sie 50 Seiten gelesen haben, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Dinge um Sie herum Ihre Aufmerksamkeit reklamieren, sie wollen benutzt, geordnet oder in Ruhe gelassen werden: „Die Kapelle empfing ihn mit einer Zurückhaltung, die er verstand.“ (S. 54) Geht es Albig um den Respekt gegenüber den Dingen, die die Abrissarbeiter in der Steppe, in der sie die Plattenbauten zurückentwickeln, der kleinen Kapelle verweigern werden? Lehrt Albig uns, unsere Umgebung genauer zu betrachten, ihr mehr Respekt entgegenzubringen?
Stenitz, der Kustos für die Fossiliensammlung im Stadtmuseum von Zinnroda, hat eine Freundin Judith, die aber, ohne dass Stenitz das wirklich ausdrücklich will, hinter der Kapelle zurückstecken muss. Ist Stenitz‘ Zuneigung zu der kleinen Kirche größer? Sören Jespersen, der Museumsdirektor, sagt schon mal „Du sbinns ja,“ zu Gregor Stenitz.
Der Abrisslärm, der über die Steppe hallt, hat Stenitz völlig den Kopf verdreht Er weiß, dass Gegenstände keine Seele haben, aber Judith erklärt ihm auch, dass Menschen und die Dinge gut füreinander seien… (vgl. S. 30) Die Dinge in Maria Magdalena haben vielleicht Beziehungen untereinander, das solle Judith entscheiden, denkt sich Stenitz. In jedem Falle sind die Dinge alt. Und sein Gang durchs Museum in sein Büro dauerte nicht einmal „hundertfünfzig Millionen Jahre“ (S. 47) Kann man sich in Dinge verlieben? Und was die Dinge wohl zu einem solchen Verhältnis sagen werden? Dazu kommt auch noch die Evolution und überhaupt bestehe der Mensch nur aus 60 % Wasser, 16 % Eiweiß und 17 % Fett, Hormone gibt es auch noch dazu. Die einzige Liebesszene mit Judith führt zur Verausgabung auf „Gregors Bastteppich“.
Dann geht er auch jeden zweiten Sonntag zum Gottesdienst in seine kleine Kapelle. Und ihre Gefühle? „Ein fühlendes Wesen muss nicht unbedingt wissen, wie es fühlt, hatte Judith gesagt.“ (S. 65) Maria Magdalena wird für Stenitz eine Person, ein handelndes Ding: „Er würde Madeleine bei der Arbeit sehen, wie eine Kellnerin im Café, die es allen recht machte, aber die ganze Zeit über zu ihm gehörte.“ (S. 73) ist es richtig, dass Stenitz aus seiner Zuneignung zu dem kleinen Kirchlein auch Besitzrechte für sich reklamiert? Stenitz entdeckt immer neue Facetten in seinem Verhältnis zu seiner Kapelle oder sie zu ihm: „Dann verstehen wir auch die Sprache der Dinge, und die verstehen uns.“
Ist es eine Ästhetik der Sachen, die Albig uns hier erklärt? Ihr ständiges Angebot, aus ihnen etwas zu machen, mit ihnen zu machen, sie ernstzunehmen, das würde Stenitz alles ganz zweifellos bejahen. Pfarrer Dornkamp stört irgendwie nur die Kreise Stenitz‘, vor allem ärgert sich dieser, dass er Marias Magdalena für sich arbeiten lässt.
Diese Novelle lesen Sie am besten wenn Sie viel Zeit haben und wo niemand sie stört, auch die Dinge nicht. Wie gesagt, kein Erstaunen begleitet die Erzählung, für Stenitz ist das alles ganz selbstverständlich, dass er als Paläontologe, immer auf dem Grund der Dinge lebt, da muss mehr dahinter sein, als ihr bloßes Sein.

Jörg-Uwe Albig
> Eine Liebe in der Steppe
1. Aufl. 2017, 175 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96157-7

Lesebericht: Jaroslav Kalfař, Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Samstag, 5. August 2017

Was schreiben andere über dieses Buch?

Kill Monotony – De Lust am Lesen > [Rezension] Jaroslav Kalfar: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Wer gerne wegfährt und eine > Sommerferienlektüre braucht, darf hier weiterlesen:

Auf so ein Buch und so eine Geschichte war ich überhaupt nicht vorbereitet. Klar, der Titel war bekannt, die Vorschauen mit den > Neuerscheinungen für TROPEN 2017 rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse durchgesehen. Aber Raumfahrt? und dazu noch aus Böhmen? Blogger sind von Prinzip aus neugierig. Setzten Sie sich auch mal in eine Buchhandlung und blättern Sie diesen Titel an, lesen Sie die ersten Seiten… was dann passiert? Vielleicht hören sie noch ein „Wir schließen jetzt,“ bevor das Licht ausgeht.

So erging es mir auf dem heimatlichen Balkon, Weißwein in der Nähe, lauer Sommerabend. Irgendwann musste ich dann eine Lichtquelle suchen: Jaroslav Kalfař, > Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt erzählt von Jakub Procházka, der von seinen Landsleuten ins All geschossen wird, um dort eine rätselhafte Wolke zu untersuchen. Im Raum herumfahren oder herumschweben ist gefährlich, und da kann einem allerhand begegnen und passieren. Die Außenhaut des Gefährts ist dünn.

Procházkas Start wird zum Volksfest, der Sitz vibriert, das ganze Ding wackelt, nur > Tatrancky darf er während des Aufstiegs auf Raten seines Psychologen verspeisen. Auf zu Chopra, so hat man die Wolke genannt, die sich zwischen Venus und Erde gebildet hat. Das Gleiten durch den Raum, wenn draußen die Sterne vorbei ziehen schenkt Procházka Zeit, seine Kindheit und sonstige Erinnerungen zu erzählen: „Ich bin ein Kind der Verliererseite,“ „Oder auch nicht,“ so beginnt der gleich folgende Absatz, schließlich ist Procházka ja doch ein bisschen stolz darauf das Weltraumprogramm Böhmens voranzutreiben. Procházka ist Professor für Astrophysik an der Karls-Universität und hat beste Erfahrungen in der Erforschung von interstellarem Staub. Was macht ihn eigentlich nervöser? Die Gespräche mit Lenka, seiner Frau oder die geplante Begegnung mit dem Staub der Chopras?

Nebenbei wird das Innere des Raumschiffes und seine Funktionen so gut beschrieben, dass auch Sie sich darin gut zurechtfinden würden. Petr passt da unten in der Kontrollstation auf Procházka, will aber gar nicht alles so genau wissen, was sein Raumfahrtzögling in seiner Alleinsamkeit gerade tun will. Er rät ihm zu Proteinriegel. Wahrscheinlich geht jetzt gerade das Licht in der > Buchhandlung aus.

Zwei Ereignisse auf seiner Reise möchte Ich Ihnen nicht en détail erzählen, sonst wäre die Neugier auf das Buch weg aber damit wäre auch dieser Beitrag schon zu Ende.

Halluzinationen? Wahnvorstellungen, TagNachtträume, Pseudohalluzination, Wahnwahrnehmungen, gar hypnagogen Halluzinationen, die von den Schlaftropfen herrühren, die Procházka sich gemehmigt? ALles verständlich, die Weite des Raumes entspannt das Denken und fordert es als wie in einer Extremsituation Zu neuen Höchstleistungen heraus. Die Schwerelosigkeit entzieht auch dem Denken allen Halt, die Eindrücke vermischen sich in Procházka Kopf mit seinen wissenschaftlichen Kenntnissen, seinen Methoden, die ihm sagen, was nicht ist, kann auch nicht sein. Kommt es bei ihm zu einer Modellpsychose? Er spricht ja nicht nur mit sich selbst. Aber was um ihn herum passiert, ist ja irgendwie reel, oder überwiegt der Traumanteil? Sauerstoffmangel? Die Leere, die Weite und die Stille des Raumes entziehen Procházka jegliche Orientierung. Er hat Angst: „Dr. Kuřáks Wahnsinnsprophezeiungen scheinen sich zu erfüllen.“ S. 61 Irgendwie führt der halbe Wahnsinn auch zu einer Überprüfung zu einem Vergleich mit der normalen Existenz, wo ist die Grenze? Sie sehen, wir kommen immer mehr zum Thema dieses Romans. Ein Rückblick auf die Zeit vor der Wende ist auch mit dabei. Dann verschwindet Lenka und wird staatlicherweise gesucht und dann überwacht. Procházka vermisst die Gespräche mit seiner Frau und fühlt sich da oben noch ein wenig einsamer. Tst er nun da oben alleine?

Dann kommt es zur Annäherung an die Chopra-Wolke und das Abenteuer bekommt eine neue Dimension, als sich der erste Kontakt mit der Staubmaterie als doch nicht ganz so harmlos erweist. Es fängt ganz anständig zu rumpeln an, die Sauerstoffversorgung bricht zusammen und Procházka kann die Stunden bis zu seinem Ableben auf der Uhr ablesen. Erinnerungen an zu Hause werden noch einmal wach in ihm, noch ein paar letzte Whiskey – wir wollten ja zwei Großereignisse hier nicht erzählen. Das eine betrifft die vermeintliche Einsamkeit im Raum und dann der Unfall und seine Folgen. Die bange Frage lautet: Muss Procházka da oben bleiben?

Mittlerweile ist die Weißweinflasche leer, es ist kühl geworden auf dem Balkon, fertig gelesen, morgen kommt mit dem Roman von Missiroli wieder eine total irdische Geschichte dran.

Jaroslav Kalfař
> Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Roman
Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller (Orig.: Spaceman of Bohemia)
1. Aufl. 2017, ca. 368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50377-7

Lesebericht: Marco Missiroli, Obszönes Verhalten an privaten Orten

Samstag, 5. August 2017

Die Geschichte von Libero Marsell, Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten ist fast die eines jeden Jungen, die beginnt, wenn er in das schwierige Alter kommt. Aber es geht hier gar nicht so sehr um die „Atti osceni“, beim genauen Lesen, ist es die Literatur, die hier in ihrer Erziehungsfunktion, mit ihrer Fähigkeit die Welt zu erkunden, zu deuten und zu erklären, vorgestellt wird. Klar, so schwierig ist dieses Alter nun auch wieder nicht, es gibt viel zu entdecken. Die Familie Marsell war in die Straße Rue des Petits Hôtels in Paris gezogen und noch mit dem Einräumen und Einrichten beschäftigt. Durch einen Türspalt beobachtet Libero den Freund der Familie, Emmanuel, bei einer Tätigkeit – zusammen mit seiner Mutter, die nicht so recht zum Umzug passen wollte. Ferien werden in Deauville gamcht, Emmanuel darf mitkommen und bringt seine Freundin Marie mit, die Bibliothekarin ist. Marie will wissen, ob Libero schon eine Freundin habe: nein er sei eine Insel ohne Meer (S. 18) ganz so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte: „um Frauen zu umgarnen.“ Wieder zu Hause beginnt die Schulzeit: das Lycée Colbert mit seinen Versuchungen. Mit Camille unterwegs, mit ihr im Kino, die ersten Küsse. Die Trennung der Eltern bringt alles durcheinander.

Libero besucht Marie in ihrer Bibliothek und bekommt von ihr den Roman Der Fremde von Albert Camus zur Lektüre: „Innerhalb von drei Stunden las ich Der Fremde zu Ende.“ S. 46) Gleichgültig soll der Held gewesen sein? Ach das steht doch immer in der Sekundärliteratur und wird dadurch nicht richtiger. Im Deux Magots sitzt er mit seinem Vater unweit des Tisches, wo auch Albert Camus einst gesessen hatte. In hinteren Bereich saß ein Mann an einem Tisch: „Bonjour, je m’appelle Jean-Paul.“

Danach gibt Marie ihrem Leser Libero Die Tartarenwüste von Doino Buzzati. Beim Ausfüllen des Leihzettels merkte Libero, „dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war.“ Es waren die Bücher, die seinen Schwerpunkt verlagerten: „Sie brachten mich zur Welt.“ (S. 50) Das ist eine Reminiszenz, die an Le Premier homme von Albert Camus erinnert, wenn Jacques Cormery nach dem Besuch in der Bibliothek sich mit seinem Freund sofort draußen auf die nächste Bank setzt, um nachzusehen, welchen großartigen Aspekt der Welt ihnen die ausgeliehenen Bücher heute zeigen werden. Wir haben hier mal Wikipedia zitiert, damit es (blog-)schneller geht, oder wir untersuchen den Inhalt eines jeden hier genannten Buchtitels, die sind vom Marco Missiroli nämlich ganz bestimmt überhaupt nicht zufällig ausgewählt worden, sondern werden zum Bestandteil der Erziehung Liberos.

Ein Küsschen für Marie versetzt Libero in große Verwirrung. Er bekommt immer zwei Bücher und sein Freund Antoine liest eines davon. Sie diskutieren über ihre Lektüren und, so darf man sagen, wachsen gemeinsam daran. Sein Buch von Buzzati tritt gegen Lolita von Nabokov an, das Lunette de Belleville gelesen hatte. Sie 20, Libero 17, sie die Schwester von Antoine. Er und Libero vergleichen en détail die Resultate ihrer Eroberungen. Dann kommen Wem die Stunde schlägt von Hemingway und Die Stadt und die Hunde von Mario Vargas Llosa dran. Es folgen erste Spaziergänge und Küsse mit Camille.

Im Deux Magots trifft sich die Klicke, man darf auf Papas Kosten anschreiben lassen: Der Fänger im Roggen, sogar Henry Miller „Wendekreise“ kommt vor. Dann passiert es: Antoine und Anna. Dann kommt auch noch Lunette händchenhaltend mit einem Freund an: Libero flieht zu seinem Vater und dann zu Marie. – Nach dem Tod von seinem Vater ist Libero auf sich allein gestellt. Er nimmt einen Nebenjob im Café an und trifft sich mit Lunette… list Auf Messers Schneide von Somerset Maugham: „Es gibt etwas, das mehr zählt als Schönheit, Sinnlichkeit und Macht.“ (S. 87) Eine Unschuld wird zu Herausforderung, das spürt auch Lunette, dann verführt sie ihn: „…die Gewissheit, dass dies die Existenz sei.“ (s. 91 f.) und „Ich wechselte von der ersten Person Singular zur ersten Person Plural.“ (S. 101)

Dann kommt Der Liebhaber von Marguerite Duras dran. Dann „Die Entflohene“ von Proust. Und Libero lernt die Eifersucht kennen…

Dann reist Libero (23) nach Neapel zu einem Praktikum zu einem Rechtsanwalt. Marie bleibt weiter aus der Ferne seine Tutorin.

Libero wird erwachsen, Anna kommt zu ihm. Ohne die Literatur hätte er die Vielfalt der Zweisamkeit nicht so oder vielleicht anders erlebt und erlernt.

Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten Roman
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Atti oscheni in luogo privato)
1. Aufl. 2017, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50343-2

#privateslesen – wo lest Ihr?

Montag, 31. Juli 2017

> #PRIVATESLESEN an öffentlichen Orten TROPEN

Am 5. August ist es soweit. Dann erscheint auch der Lesebericht zu diesem Buch auf unserem Blog. Dann erscheint bei TROPEN der Roman von Marco Missiroli Obszönes Verhalten an privaten Orten Libero Marsell entdeckt seine Männlichkeit. Da regt sich was. Das korrespondiert mit seinem Interesse am weiblichen Geschlecht und mit seiner Liebe zur Literatur. Lesen, das kann man überall sofort: auf der Straße, in der Bahn, auf einer Parkbank, am Meer oder ganz gemütlich zu Hause auf dem Balkon. Lesen ist dennoch etwas ganz Privates. Beim Lesen erlebt jeder erlebt eine Geschichte auf seine ganz persönliche Art. Also auch an öffentlichen Orten ist Lesen ganz privat.

Deshalb will TROPEN von euch wissen: Wo lest ihr ganz privat und was? Zeigt uns eure Schnappschüsse von dem Buch, das ihr gerade lest – egal wo ihr seid!

Am 07. August 2017 werden dann die glücklichen Gewinner bekannt gegeben, die sich über eines von drei Überraschungspaketen im Wert von insgesamt 250,- € freuen dürfen! TROPEN freut uns auf eure Fotos!

> Zeigt her eure Fotos.

Marco Missiroli
Obszönes Verhalten an privaten Orten
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Atti oscheni in luogo privato)
1. Aufl. 2017, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50343-2

Nachgefragt: Arno Frank, So, und jetzt kommst du

Dienstag, 28. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Wir haben in unserem Lesebricht zu dem Buch von Arno Frank festgestellt: Wenn Sie den Roman > So, und jetzt kommst du zur Hand nehmen, sollten Sie keine unmittelbaren Termine vor sich haben und möglichst eine Zugverbindung ohne Umsteigen gebucht haben. > Bitte weiterlesen.

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 hatten wir die Gelegenheit, Arno Frank nach den beiden Lesarten seines Buches zu befragen:

Es gibt zwei Lesarten dieses Buches, die sich überschneiden:

1. Wie hat der Autor es angestellt, dass dieses Buch so unglaublich spannend ist?
2. Lesart: War es an der Zeit, dass Frank sich diese haarsträubende Geschichte seiner Kindheit jetzt endlich mal von der Seele schreiben?

1. Lesart: Welche Mittel hat der Autor eingesetzt, um diese Spannung zu erzeugen?

Jutta, die Muttermit ihren Kindern, der Erzähler, Jeany noch im Kinderwagen, Fabian zügelt nach, halten zu ihrem Mann und Vater Jürgen, auch als er auf die schiefe Bahn gerät und seine Familie unbarmherzig, kompromisslos immer mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft mit sich führt. Ist das ein Erziehungsroman?

Tragisch und komisch zugleich?

2. Lesart:
Arno Frank hat – so der Klappentext – eine wahren Geschichte aufgeschrieben. Wann wurde, jetzt kommt die Erinnerung des Autors – der biographische Aspekt – dran, ihm und seiner Familie klar, dass mit dem Vater etwas nicht stimmte? Die Ratschläge, die er ihnen gab, Jetzt kommst Du dran, hat er immer wieder gesagt, waren ja nicht so doll.

In unserem Lesebericht steht: „Das Geheimnis ist das alle bescheißen. Alle.“ Jürgens Lebensweisheiten sind etwas dürftig und sein Sohn mag ihm nicht so recht trauen.
Wie es um die Geschichte aus ihrer Erinnerung bestellt? „Soviel Kaltblütigkeit auf einmal gibt es doch gar nicht, sagt sich der Leser, wenn er die Familie auf ihrer Hatz durch Europa begleitet und mit den Kindern mitleidet. Ob der Vater glaubt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben? Sein Kampf gegen alle?“ Welche Motive hatte er?

Wir müssen hier weg, wäre auch ein guter Titel gewesen.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2

Tom Malmquist, Lesebericht: In jedem Augenblick unseres Lebens

Samstag, 11. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Unser Gastblogger Oliver W. Steinhäuser > www.buchundmedienblog.com hat das Buch von Tom Malmquist für den Klett-Cotta-Blog gelesen:

Die Geburt eines Kindes ist der wohl aufregendste und glücklichste Moment eines sich liebenden Paares. Ein Anlass, mit dem man das Überqueren der Türschwelle eines Krankenhauses nicht mit Krankheit und Verlust, sondern mit der Entstehung neuen Lebens verbindet. Leider geht das nicht immer so einfach, und Tom muss dabei eine traurige Erfahrung machen. Das Schicksal hat für ihn keine traditionelle

> Alle Termine zu diesem Buch

„Vater-Mutter-Kind-Familie“ vorgesehen, denn bei seiner Partnerin Karin wird im Verlauf der Schwangerschaft Leukämie diagnostiziert. Dank eines ungeplanten und dann auch noch frühen Kaiserschnitts öffnet sich für seine Tochter Livia das Tor zur Welt, während die nicht heilbare Krankheit ihm innerhalb kürzester Zeit seine Freundin Karin nimmt.

Mit Luftnot liefert Tom Karin im Krankenhaus ein. Die Diagnose lautet Leukämie in einem bereits weit vorangeschrittenen Stadium. Bevor jedoch die Therapie begonnen werden kann, muss ihr Kind per Kaiserschnitt entbunden werden. Karins letzte Entscheidung, bevor Medikamente und fortschreitender Zerfall sie von ihrem Bewusstsein trennen lautet: Livia. Der Name eines Kindes, das sie selbst nur aufgrund pränataler Kindsbewegungen in ihrem Körper kennt.

Der Leser ist nach nur wenigen Seiten in einer traurigen und belastenden Geschichte gefangen. Er lernt den Vater Tom in einer auch ihm unbekannten Umgebung kennen. Er hetzt durch die Gebäude und Gänge des Krankenhauses, zwischen der Frühgeborenen-Station und der Thorax-Intensivstation. Das Krankenhaus verlässt Tom nur mit seiner Tochter.

Zur Verarbeitung des Geschehenen und zur Erinnerung an eine erfüllte Vergangenheit mit seiner Freundin, schreibt Tom Malmquist im Namen seines Protagonisten Tom Malmquist einen Roman. Gegenwart und Erinnerung bekommen einen gleichrangigen Stellenwert. Erinnerungen an das Verliebtsein, an die Freuden und die Zweifel. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ führt uns die Macht des Schicksals vor Augen und offenbart, dass wir trotz widriger Umstände jeden Moment unserer Existenz zu leben haben.

Das konsequente Auslassen von Anführungszeichen der wörtlichen Rede verstärkt die Machtlosigkeit während der tragischen Ereignisse. Worte und Situationen gehen ineinander über, drohen dem Leser zu entgleiten. Zeilen verschwimmen im Kummer, in Ohnmacht, und sind für Tom nicht in Worte zu fassen. Malmquist schreibt ein Buch, in dem das Überspringen einzelner Zeilen unverzichtbar scheint. Denn nur wer im kontinuierlichen Fluss der Dialoge gelegentlich den Überblick verliert, hat eine Ahnung über die Überforderung des Protagonisten und Vaters.

Zwischen all den Hürden und Anstrengungen, denen Tom ausgesetzt ist, erfährt der Leser eine Menge über Säuglinge Informationen, über die nur Eltern verfügen: Beispielsweise die korrekte Menge an Vitamin D, den Moro-Reflex oder Kindspech. Oder den besten Zeitpunkt zur Vaterschaftsanerkennung und der Einwilligung der Mutter zum geteilten Sorgerecht in seinem Fall leider zu spät, denn die Kindsmutter ist tot. „Was mich bei diesem Zirkus am meisten verletzt, ist die Tatsache, dass eine simple Heiratsurkunde, die man schon unterschreiben kann, wenn man sich nur eine Viertelstunde aus der Kneipe kennt, mehr zählt, als dass man zehn Jahre zusammen gelebt hat, ist eine Heiratsurkunde denn wichtiger als die Geschichte einer Familie?“ (S. 167)
Eine Bürokratie, die kaum auszuhalten ist!

Falsch liegt, wer hinter „In jeden Augenblick unseres Lebens“ einen tränentreibenden Trauerroman vermutet, denn dem Leser bleibt ebenso wenig Zeit zur Trauer, wie dem Protagonisten Tom. Wir sind zusammen mit ihm und der Bewältigung seiner Probleme so beschäftigt, dass wir dem Überlebenstrieb mehr folgen als uns in Larmoyanz zu ergeben.

Tom Malmquist
> In jedem Augenblick unseres Lebens
Roman
Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek (Orig.: I varje ögonblick är vi fortfarande vid liv)
1. Aufl. 2017, 301 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98312-8

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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