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Lesebericht: John Lanchester, Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt

Dienstag, 7. Mai 2013

Nach dem Band > Nachgefragt: John Lanchester, Kapital haben wir jetzt das Buch > Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt Die bizarre Geschichte der Finanzen von John Lanchester gelesen.

Fortsetzung vun unserem Blogartikel vom 8. April: > John Lanchester, Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt

Um es gleich zu sagen. Grundlagenbücher und Einführungen in Wirttschafts- und Finanzwissenschaften sind oft eine dröge Lektüre. Aber in unseren unruhigen Krisenzeiten, wo in alle Medien jeden Tag ein anderes Antikrisenzrezept verkündigt wird und wo unsere Regierungen ohne Unterlass in Bauch und Bogen kritisiert werden und wo sagar Parteineugründungen, glauben zugkräftige Alternativen präsentieren zu können, ist es wohltuend eine Einführung zu lesen, die einige Gründe der Krise aufzeigt, die uns und den Euro seit 2008 in Atem hält. Börsencrashs, steigenden Arbeitslosigkeit und das Erstarken der Randparteien legen immer Parallelen zu der Weltwirtschaftskrise nahe, die im Oktober 1929 mit dem Crash an der Wall-Street ihre Anfang nahm. Natürlich sind zu viele Faktoren zwischen 1929 und heute unterschiedlich, als dass sie einen Vergleich erlauben würden. Aber ein wichtiger Aspekt, nämlich der der Schulden im Zusammenhang mit einem durch immer neue Finanztricks heruntergerechneten Risiko, der immer größere Handle mit Derivaten, lassen doch immerhin erkennen, dass ein Wirtschaften auf Pump doch mittlerweile sattsam bekannte Gefahren in sich birgt. In diesem Zusammenhang kann man Angela Merkel schon verstehen, dass sie den bundesdeutschen Geldbeutel gerne zugeknöpft hält und bei den Mitgliedern der Euro-Gruppe immer so nachhaltig auf eine Sanierung der öffentlichen Haushalte drängt. Die Wähler (und Politiker auch) denken aber oft nur bis zur nächsten Wahl und lasten aktuelle Nachteile natürlich ihrer Regierung an und geben ihr nur ungerne die Gelegenheit, nachhaltig zu wirtschaften. Solche Ungeduld zeigt sich dann in miserablen Umfagewerten.
John Lanchester hat in einem gewissen Soinn ein Einführung in die Wirtschafts- und Krisenpolitik der Staaten vorgelegt, die einen Ausweg aus der Euro-Krise suchen. Er holt seinem Thema angemessen sehr weit aus und untersucht zunächst die Wirtschaftskrise, di ein den USA zum Zusammenbruch von Lehmann Brothers führte. Es war eine Kreditkrise oder auch eine Schuldenkrise, wobei er den Kredit als solches gar nicht schlecht mach. Der Kredit ist die Wirtschaft selbst (vgl. S. 38), sagt er, und dann folgt ein wenig Nachhilfe in doppelter Buchführung. Auf dieser Grundlage kann man dann leicht verstehen, wieso einige amerikanische Banken weit über ihre Verhältnisse lebten, und warum das sogar für die Weltwirtschaft so brandgefährlich wurde.

Keine Angst nach der Lektüre dieses Buches müssen Sie keinen Test über Derivate, Futures, Währungen und Schuldscheine, oder Hedgefonds schreiben, das ginge auch nach dem zweiten Durcharbeiten nicht. Aber Sie wüssten dann doch immerhin um die Sorglosigkeit oder das stete Bemühen der Finanzwelttheoretiker, Risiken immer so klein wie möglich zugunsten der eigenen Finanzprodukte zu halten: “Sie machten das Bankwesen kaputt,” (S. 93) lautet Lanchesters lakonische Schlussfolgerung. Je größer die Banken, umso ausgefallener die staatlichen Ideen zu ihrer Rettung. Systemrelevant ist das Stichwort. Z. B. Die American International Group AIG: “Die AIG hatte sozusagen Zugang zum Konto der Regierung.” (S. 96) Andere systemrelevante Banken bekamen ihn auch. Was folgt ist eine haarsträubende Krisenbewältigung, bei der Großbanken gelang sich aus den Steuersäckel mit frischem Geld zu versorgen. ihr Beispiel sollte Schule machen, denn die Euro-Krise in Europa folgte dem gleichen Muster. In Banken und Staaten wurde Geld gepumpt immer mit dem gleichzeitigen Eid, es würden keine Schulden vergemeinschaftet.

Die leichtsinnige Risikoeinschätzung (S. 183 ff.), mit denen Kredite und die Hoffnung auf krasse Gewinne gerechtfertigt werden verleitet Lanchester dazu eine kleine Einführung in die Statistik einzufügen, mit der er zeigt, dass sich Risiken keinesfalls herausrechnen lassen. Und wenn, holt einen das Risiko immer ein. Das ist so.

Die letzten Kapitel und der Epilog (S. 263-282) dieses Buches haben es in sich. Er nimmt das deutsch-französische Duo ins Visier. Am 16. 8.2011 trafen sich Nicolas Sarkozy und Angela Merkel. Lanchesters enttäuschtes Urteil: Aus Angst vor der Unbeliebtheit im eigenen Land taten sie nichts, (S. 270) Folgt man Lanchesters sind Eurobonds – “Alle Welt weiß, das Eurobonds mittelfristig der einzige Weg aus der Eurokrise sind.” (S. 270) Das Dilemma: “Die Regierung können unmöglich gleichzeitig ihre Ausgaben einschränken und ihr Wirtschaftswachstum ankurbeln.” (S. 270) Also muss ein Fahrplan und ein tragfähiger Kompromiss her. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Fiskalunion und die immer wieder neu versprochenen politischen Strukturen noch keine Fortschritte gemacht haben (vgl. S. 217). In diesem Zusammenhang wird Lanchester besonders deutlich und zitiert das “Ungleichgewicht auf makroökonomischer Ebene und zeigt dabei mit dem Finger auf Deutschland, “ein Land, in dem die Trennung von persönlicher, politischer und ökonomischer Angelegenheiten eine akute Bedrohung für die weltweite Wirtschaftsordnung darstellt.” Damit will er sagen, dass deutsche Interessen nicht mit denen der Griechen, der Iren oder Spanier in Einklang zu bringen sind. Darf man fragen, ob Frau Merkel scheitern wird, weil sie nicht in der Lage ist, jegliche Art von Finanzhilfen als Teil einer Transferunion zu bezeichnen? Ist die europäische Geldpolitik auf die Bedürfnisse der schwächeren Mitgliedsländer der Euro-Zone abgestimmt? Die Gretchenfrage lautet, auf welches rettenden Ufer wollen die Deutschen sich retten? Den Euro aufgeben, wie die Alternative für Deutschland es fordert, ist keine tragfähige Alternative, da Deutschland auf das Euroland als Absatzmarkt angewiesen ist. Das Interesse für die AfD ist eine Art Quittung dafür, dass die etablierten Parteien, es nicht geschafft haben, die Einführung des Euro mit einer realen Vision für Europa zu verbinden. Wo soll die Reise nun hingehen?


Auf dem Frankreich-Blog: “Angesichts des Tiefs in den Meinungsumfragen, die die politischen Erfolge des Präsidenten und der Regierung so schlecht beurteilen, könnte man anführen, dass heute eine nationale Wirtschaftspolitik in Europa gar nicht mehr möglich ist. Es ist doch eine Binsenwahrheit, dass nationale Maßnahmen, heute nur noch begrenzte Effekte haben. Engagement Nr. 4 von François Hollande “Favoriser la production et l’emploi en France”, kann sich folglich nicht auf die nationale Politik begrenzen.” > Die Bilanz: François Hollande und seine 60 Engagements.


Also das andere Ufer: “Die größte Gefahr, die der europäischen Stabilität im 20. Jahrhundert erwuchs, war der Glaube der Deutschen an ihre besondere Bestimmung. Im 21. Jahrhundert liegt die größte Gefahr für die europäische Stabilität in dem Widerstreben der Deutschen, ihre besondere Bestimmung zu akzeptieren. Wenn es der deutsche Steuerzahler schafft, und sei es noch so widerwillig anzuerkennen, dass es es seine Pflicht ist, die Bürde zu schultern, wird sich der Euro irgendwie durchschlagen. Aber ein Spaziergang wird das sicherlich nicht werden.” (S. 280)

Mit einem Namens- und Sachverzeichnis!

John Lanchester
> Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt Die bizarre Geschichte der Finanzen
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel (Original: I.O.U. Why Everyone Owes Everyone and No One Can Pay)
2. Aufl. 2013, 302 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94747-2

Lesebericht: William Gibson, Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack

Montag, 6. Mai 2013

William Gibson > Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack. Gedanken über die Zukunft als Gegenwart hat hier einer Auswahl seiner Texte eine Phänomenologie der digitalen Welt , die uns heute umgibt, vorgelegt. Er lädt zu einem sachgerechten Umgang mit den Medien ein. Er lässt durchblicken, dass er von ihren Möglichkeiten durchaus fasziniert ist, aber er hat sich auch einen vernünfigten Abstand zu ihnen bewahrt.

William Gibson (1948) stammt aus South Carolina (USA). Mit 19 wanderte er nach Kanada aus, um der Einziehung zum Vietnam-Krieg zu entgehen. 1972 ließ er sich in Vancouver nieder, wo er noch heute mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. 1984 erschien sein Roman Neuromancer, der im gleichen Jahr alle gängigen SF-Preise erhielt: den Philip K. Dick Award, Nebula Award, Locus Award sowie den Hugo Award. Gibson prägte in diesem Buch den Begriff Cyberspace, der heute das Word Wide Web uzmschreibt. Pattern recognition (Mustererkennung ist sen erster zeitkritischer Gegenwartsroman vor. > Quellcode (»Spook Country«) ist seine Fortsetzung. Systemneustart ist sein zehnter Roman.

> William Gibson über sein Leben


William Gibson schreibt über Literatur, Musik, Mode, Film, die japanische Kultur und berichtet aus der digitalen Zukunft vieles, was sich bei uns schon längst bemerkbar macht. Mit seinen Romanen und seinen Beiträgen für Zeitschriften wie »Wired«, »New York Times Magazine« oder »Rolling Stone« hat er sich als präziser Beobachter der modernen Gesellschaft schon seit langem einen Namen gemacht. Diese Sammlung von Vorworten, Aufsätzen, Rezensionen und Artikeln aus zehn Jahren enthält kluge Einsichten und auch Vorhersagen auf die Auswirkungen der digitalen Welt auf unsere Gesellschaft. Der Walkman war war ganz Neues, der tragbare Kassettenrekorder, den heute kaum noch jemand besitzt. Über einen seiner Romane schreibt er: “Das Buch existiert am Schnittpunkt zwischen dem Unterbewusstsein des Autors und der Reaktion des Lesers.” (S. 51) Immer wieder warnt er davor, sich dieser “Schönen neuen Virtualität” hinzugeben, denn mehr als abstrakte Beziehungen kann sie nicht bieten.


Vom Autor dieses Blogbeitrags: > Schreiben Sie mit der Hand oder mit der Tastatur?


William Gibson gelingt es, auf wenigen Seiten eine Phänomenologie der digitalen Welt (S. 62 ff.) zu verfassen, sein Staunen über soviel Neues, das auch soviel Altes enthält eingeschlossen. Literarische Formen sind Werkzeuge… (S. 115) und Gibson lässt fast nebenbei sein Interesse für die Formen erkennen… liest man weiter versteht man schnell viel von dem, was er in Erinnerung ruft, und was die digitale Welt nur mit großem Aufwand realisieren kann. Durch das Medium und den PC getrieben, kommt dann manches schrill auf aufregend daher, schaut man genauer hatten manche oder viel Büchermacher das viel besser im Griff, weil sei die Form beherrschen, nicht nur das Design der Bücher, sondern auch die Form ihrer vielen verschiedenen Texte. S. 133: eBay – kann ein Virus sein, den sogar Gibson sich eingefangen hat: Objekte aus dem Cyberspace in die Realität importieren: “Meine Gedanken rasen…” (S. 139). Die gute Nachricht, auch dieses Virus kriegt man wieder los. Übrigens: “Das Netz ist Zeitverschwendung.” (S. 189-195) Man macht Sachen im WWW, weil sie möglich sind, allerlei Unfug mit Suchmaschinen ausgraben oder auch nicht, und die man im realen Leben nie machen würde. Wieviel % seiner täglichen Online-Zeit helfen heute einem Studenten beim Studieren wirklich weiter? könnte man in diesem Zusammenhang fragen. Da denke ich an die 100 Stunden in der TU Dresden, von denen beim Vortrag über > Romanistik und Neue Medien immerhin einer > www.gallica.fr kannte.


> Oder kann man ohne das Internet studieren?


William Gibson
> Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack. Gedanken über die Zukunft als Gegenwart
Aus dem Englischen von Hannes und Sara Riffel (Original: Distrust the particular Flavour)
1. Aufl. 2013, 252 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50314-2

Lesebericht: David Bainbridge. Wir Middle Ager. Unsere besten Jahre

Freitag, 3. Mai 2013

David Bainbridge wuchs in den frühen 1980er-Jahren als Teenager in Essex auf. Er hat an der University of Cambridge Zoologie und Veterinärmedizin studiert und unterrichtet dort Klinische Anatomie der Nutztiere. Mit seinem Buch > Wir Middle-Ager. Unsere besten Jahre, das Dieter Fuchs übersetzt hat und das in diesem Frühjahr bei Klett-Cotta erschienen ist, stellt er die für die Middle-Ager entscheidenden Fragen: Was verändert sich in dieser Lebensphase im Gehirn und in ihren Körpern? Stimmt es eigentlich, dass Menschen im mittleren Alter konservativer und unflexibler werden? Gibt es überhaupt eine Midlife-Crisis? Hat der Alterungsprozess auch Vorteile? Scheint alles nicht so recht oder gar nicht zu stimmen, wenn man den Untertitel dieses Buch als Programm versteht: Unsere besten Jahre. Die Jüngeren gäben viel darum, die Erfahrung der Middle-Ager zu haben und trotzdem so jung zu sein. Mit dem Altwerden hat dieses mittlere Lebensalter nichts zu tun, davon zeigt sich Bainbridge überzeugt, worin ein bisschen Entwicklungsbiologie und einige Einblick in das Gehirn, ihn bestärken. Immerhin es gibt dennoch einige schlechte Nachrichten für die Middle-Ager, die der Autor sich und dem Leser zuliebe in ein Kapitel stopft. 5. Schlaff? Faltig? Grau? Warum?, (S. 79-95): Zusammenfassung: Ist so, sagt der Biologe. Ein bisschen Übergesicht (S. 96-112) kommt noch dazu.

Dann aber: (Teil II). “Der Triumph des mittel-alterlichen Gehirns”, S. 13 ff. Neidpotential für die Jüngeren, die ihrerseits auch lernen müssen, dass die ihnen voranschreitende Generation nun mal ein bisschen mehr Erfahrung hat und sie von ihnen lebenslang etwas lernen können und sollten. Und hier geht Bainbridge in die Einzelheiten. Richtig gut kann das Gehirn eigentlich nichts so richtig, aber es nötigt im mittleren Lebensalter seinem Besitzer schon einige Respekt ab. Erfahrung und die besonderen Funktionen des Gehirns bewältigen spielend die mit dem Alter steigenden Defizite des Gehirns. Das Langzeitgedächtnis läuft zu seinen Höchstformen auf – immer mehr Gelegenheiten zur Proustschen unwillkürlichen Erinnerung bieten sich, von denen die Jüngeren noch nicht einmal träumen können. Die Anpassung des Gehirns ist ein Wunder und ein Beweis für den “Höhepunkt seiner Macht” (S. 132)

Ist der Eindruck, die Zeit vergeht immer schneller, je älter man wird, eigentlich zutreffend? Nein, natürlich nicht sagt man nach der Lektüre dieses Buches. Die Theorie, heute werde alles schneller, wird dennoch immer so gerne angeführt. Aber ein 20-Jähiger musste um 1789 in Paris auch das Gefühl bekommen, jemand habe bei der Geschwindigkeit der Welt ganz erheblich auf die Tube gedrückt.

Teil III. “Je oller, desto toller. Liebe, Sex, Kinderkriegen und das Leben jensaeits der vierzig” (S. 209 ff.) 13.”Schluss mit Sex?” Natürlich nicht. (S. 226 ff)

Übrigens. Die Midlife-Crisis gut es nicht. (S. 249, S. 263) Und das erklärt der Biologe Bainbridge auf den folgenden Seiten auf sehr einleuchtende Art und Weise. Da wird sein Buch fast schon zu einer Kurzfassung eines Biologie-Lehrbuchs. Das ist echt kurzweilig, wie der Autor die verschiedenen Körperfunktionen vorführt und erklärt. Alles läuft auf die wichtigste Frage und das letzte Kapitel 18. “Wirst du mich auch morgen noch lieben?” hinaus. Hier geht es um den Zustand der Ehen im Middle-Age Alter, die erstaunlich robust sind, wofür der Biologe wieder einen ganzen Strauß von Erklärungen bereit hält. Die Liste aller Vorteile, die die Middle-Ager auf sich vereinigen, ist beeindruckend und jeder einzelne könnte ein neues Kapitel in diesem Buch werden.

Bainbridge spricht ausführlich über das mittlere Lebensalter in diesem Buch und führt nebenbei praktische Biologie vor, da habe ich mehr verstanden als damals im Biologieunterricht.

David Bainbridge
> Wir Middle-Ager. Unsere besten Jahre
Aus dem Englischen von Dieter Fuchs (Original: Middle Age. A Natural History)
1. Aufl. 2013, 345 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94743-4

Lesebericht: Ursula Wawrzinek, Vom Umgang mit sturen Eseln und beleidigten Leberwürsten

Donnerstag, 2. Mai 2013

Kennen Sie in Ihrer Umgebung privat oder im Beruf Menschen, die manchmal oder oft ganz stur sein können? Sogenannte sture Esel? Oder gar Typen, die so mir nichts, Dir nichts mehr oder weniger hörbar einschnappen und die nächsten drei Tage beleidigt und nachtragend herumlaufen? Beleidigte Leberwürste? Eigentlich haben Sie es ganz gut gmeint, aber eine Bemerkung oder eine Frage zum falschen Zeitpunkt im falschen Hals, und das Drama nimmt seinen Lauf. Erst ein Wortwechsel, dann wird die Stimme gehoben, der Konflikt ist ausgebrochen. Wer weicht zuerst? Der Volksmund behauptet, der Klügere gibt nach. Was ist aber wenn die beiden Streithähne sich sowieso für die Klügeren halten? Also noch eine Eskalationsstufe. Da werden selbst Kleinigkeiten zu lebensentscheidenden Situationen. Aber gucken wir genauer hin. Wie entstehen Konflikte, was sind überhaupt Konflikte? Manchmal werden sie schon durch eine unbedachte, im Grunde nett gemeinte Überlegung oder Betrachtung ausgelöst, die auch bekannte Empfindlichkeiten des Mitmenschen nicht berücksichtigt oder sich gar absichtlich an ihnen reibt. Etwas von unserem ganz ursprünglichen Fluchtverhalten ist noch da, wenn plötzlich das Erscheinen eines bestimmten Mitmenschen oder gar seine so unpassende Bemerkung einen erhöhten Adrenalinstoß bewirkt.

Konflikte können an jeder Ecke entstehen. Ursula Wawrzinek nennt sie in ihrem Buch > Vom Umgang mit sturen Eseln und beleidigten Leberwürsten Konfliktfallen. Also erstmal genau analysieren und verstehen, worüber wir sprechen. Damit meine ich den klaren Aufbauu dieses Buches. Wenn klar ist, worum es eigentlich geht, fällt das Verständnis der Gegen- oder Vorsichtsmaßnahmen ganz leicht: Unzutreffende Bewertungen, Unterstellungen, Den anderen nicht ernstnehmen, Moralisieren, Kränkung und Verteidigung verbergen solche Konfliktfallen, die man leicht umgehen kann: S. 35. Ist man aber erstmal in einer Konfliktfalle, dann hat der andere sowieso unrecht. Dann kommt man nur durch eine echte Kehrtwendung da wieder raus.

Ist der Konflikt ausgebrochen, ist es noch nicht zu spät. Man kann lernen, das eigene Verhaltensmuster zu verstehen, sozusagen sich selber die Konflikteskalation abzutrainieren. Konflikte sind natürlich nicht zu umgehen. Manchmal sind das natürliche und notwendige Auseinandersetzungen, die bei hartnäckigen Meinungsverschiedenheiten in einen offenen Konflikt abgleiten können. So wie im Bundestag wo jede heftigere Diskussion in den Medien gleich als Streit bezeichnet wird. Das Akzeptieren und Verstehen von Konflikten führt zu einer Konfliktfähigkeit, die das Selbstbewusstsein stärken, ohne dem anderen zu schaden.

Man merkt bei der Lektüre, über welch großen Erfahrungsschatz Ursula Wawrzinek verfügt. Den Anderen verstehen heißt noch lange nicht einverstanden zu sein. Zusammen kann die richtige Lösung gefunden werden. Aber die Kunst der Versöhnung ist im wahrsten Sinn des Wortes ein eigenes Kapitel (S. 125-138).

Ursula Wawrzinek macht Mut, und ihr gelingt es, ihre Leser auf fesselnde Weise kreative Konfliktlösungen zu vermitteln. Ihre Tipps kann man privat und im Beruf gleich mal ausprobieren. Dabei wird man merken, dass manche Mitmenschen auf einmal überrascht oder anders reagieren, wenn das ihr von ihnen zugeschriebene Konfliktmuster nicht mehr stimmt.

Besuchen Sie die Autorin auf ihrer Webseite: www.konfliktberaterin.de

Ursula Wawrzinek
> Vom Umgang mit sturen Eseln und beleidigten Leberwürsten Wie Sie Konflikte kreativ lösen
Mit Illustrationen von Michael Wirth.
1. Aufl. 2013, 188 Seiten, broschiert, mit 10 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-86032-0

John Lanchester, Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt

Montag, 8. April 2013

Nach dem Band > Nachgefragt: John Lanchester, Kapital ist jetzt das Buch > Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt Die bizarre Geschichte der Finanzen von John Lanchester bei Klett-Cotta erschienen.

> Blättern sie doch mal in diesem Buch.. Man könnte meinen, dass der Grund für die Misere des Euros, der Finanzen und der Wirtschaft die reine Geldgier sei, das ungebremste und unmoralische Verlangen, immer mehr Geld zu bekommen und anzuhorten. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, ohne Kredite würde keine Wirtschaft funktionieren. Also müssen Schulden gemacht werden. Beobachtet man allerdings schon ab 2000, wie immer neuen Anlageformen entwickelt werden, um Geld durch Schulden zu verdienen, dann musste man wie Lanchester schon früh zu der Überzeugung kommen “dass ein wie immer gearteter Crash”(S. 13) nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Das Debakel kam tatsächlich im Herbst 2008 und stellte alles in den Schatten, was man befürchtet hatte. Stimmt es, dass das Finanzsystem nach Lanchester in seiner derzeitigen Form eine größere Bedrohung für die westlichen Demokratien darstellt, als es der Terrorismus jemals sein könnte?

> Lanchesters erstes Kapitel enthält auch eine Einführung in oder eine Erinnerung an die doppelte Buchführung und erklärt Bilanzen. Auf diese Weise vermittelt er einleuchtend, wie Banken mit diesen Zahlen jonglieren und wie nebenbei ihr Eigenkapital immer gefährlich kleiner wird.

Der Autor von > Kapital legt in diesem Buch auf eine allgemeinverständliche Art dar, wieso die die Finanzwelt und damit die ganze Welt seit einigen Jahren so nachhaltig von einer Krise erschüttert werden.

Alles begann damit, dass es den Finanzjongleuren gelang, die Tatsache zu verschleiern, dass jede finanzielle Schuld irgendwann von irgendjemandem zu begleichen sei. Lanchester ist Euroskeptiker und umreißt Vorschläge, wie eine politische Einigung Europas gelingen und Europa stärken könnte, um die Finanzkrise gemeinsam zu überwinden. »Gestern«,so erzählen sich die Financiers, »standen wir vor dem Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter.« Lanchester plädiert dafür, einen Schritt zurückzutreten und entschlossen zu handeln, um nicht das Chaos nicht noch größer werden zu lassen.

Fortsetzung und Lesebericht folgen.

John Lanchester
> Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner ­jemals etwas zurückzahlt Die bizarre Geschichte der Finanzen
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel (Original: I.O.U. Why Everyone Owes Everyone and No One Can Pay)
2. Aufl. 2013, 302 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94747-2

Lesebericht: Marina Weisband, Wir nennen es Politik

Montag, 11. März 2013

“Ideen für eine zeitgemäße Demokratie” steht auf dem Buchdeckel von Marina Weisbands (*1987 in Kiev) Buch > Wir nennen es Politik, das gerade eben bei TROPEN erschienen ist. Eine 24-jährige Studentin der Psychologie, die schon als Politische Geschäftsführerin im Bundesvorstand der Piraten gewesen ist, hat ein Buch darüber geschrieben, wie sie ohne Erfahrung, ohne jede Verbogenheit, ohne politischen Twitter-Account, nur als Marina Weisband in die Politik geraten ist. Frank Schirrmacher spricht von dem “grassierenden Zynismus”(s. Covertext dieses Buches) in der Politik und bezeichnet Weisband treffend als ein Gegenmittel dazu. Man könnte sagen unbedarft, aber auch unvorbelastet, neugierig und mutig – mit


CLUB TROPICANA
DO 14.3. 21.30
Leipzig | Party
Marina Weisband, Torsten Schulz und Jörg-Uwe Albig
Die legendäre Tropen-Party. Eintritt: frei.
Feiern Sie mit uns und unseren Autoren!!!
Galerie für Zeitgenössische Kunst
Café Neubau / Kafic
Karl-Tauchnitz-Straße 9-11
04107 Leipzig
> www.gfzk-leipzig.de


• Fr 15.03 14:00
Marina Weisband
Das taz-Gespräch: Wir nennen es Politik
Leipzig | Lesung und Gespräch
Moderation: Peter Unfried
taz.studio
Halle 5, Stand E410a
Leipziger Buchmesse
Messe-Allee 1
04356 Leipzig

> www.leipzig-liest.de

einem ungetrübten Blick auf das System, frei von Betriebsblindheit” S. 8 – hat sie eine Blitzkarriere bei den Piraten absolviert. Jetzt hat sie ihre konkreten Ideen zu Veränderungen in unserer Gesellschaft in ihrem neuen Buch dargelegt.


> Alle Termine zu diesem Buch


Nicht nur an ihrer persönlichen Entwicklung hatte das Internet einen entscheidenen Anteil, denn “nicht nur unsere Art zu kommunizieren, sondern auch unsere Art zu denken” (S. 17) hat sich so Weisband modifiziert. Sie war ab 13 online, das hat ihr “Denken ganz anders strukturiert” (S. 36) “Im Prinzip können wir sogar auf jede verfügbare Information zugreifen, ohne uns bewegen zu müssen,” (S. 74) schreibt sie. Hinter diesem Urteil steht eine Überhöhung des Internets, die auch die mit ihm verbundenen Chancen für die Politik, die Weisband aus diesem Medium ableiten will, tangiert. Man darf nicht übersehen, dass nur die im Internet gespeicherte Information aufrufbar ist, aber nicht die Informationen, die in Bibliotheken, Archiven und Buchläden vorhanden sind und die wegen der Menge oder aus anderen guten Gründen wie zum Beispiel dem Urheberrecht eben nicht im Internet verfügbar sind. Nota bene: Das Internet ist heute ein Informations- und durch das Web 2.0 – auch ein wichtiges Kommunikationsmedium geworden, das mit seiner Schnelligkeit oft die Qualität der Informationen beeinträchtigt. So ist zum Beispiel die kollektive Intelligenz, die als Autor Pate von Wikipedia ist eher etwas Nebulöses, dass sich auf die Autoren reduziert, die Inhalte für Wikipedia schreiben. Im Bereich der Philologien beispielsweise, ich spreche hier für mein Fach > Romanistik dient das Internet natürlich als Kommunikationsmittel und auch, um Inhalte bekanntzumachen und Online-Bibliotheken – meine Lieblingsseite > > www.gallica.fr – abzufragen. Allerdings ist jede Seminar- oder Zulassungsarbeit zum Scheitern verurteilt, solange sich ihr Autor mit dem Internet begnügt. Noch ein Aspekt: Informationen sind noch lange kein anwendbares Wissen. Noch heute haben Studentinnen und Studenten Schwierigkeiten, sich im Netz zu orientieren. Dabei machen alle gängigen Suchmaschinen ihnen das Leben schwer, weil sie ihnen vorgaukeln, die zuerst angeführten Suchergebnisse seien relevanter als die folgenden… Wer glaubt, alles im Internet finden zu können, überschätzt seine Inhalte und das Netz selbst. Das Internet lädt ein zu einer ungeheuren Vielfalt, die für Studenten auch Orientierungslosigkeit bedeuten kann: >Schreiben Sie mit der Hand oder mit der Tastatur?.

< Wir haben die erste Lesung von Marina Weisband aus ihem Buch am 14. März im Tropicana CLub in Leipzig aufgezeichnet.

Schon erscheint die Forderung am Horizont, dann müsse eben alles ins Netz. Eine solche Forderung wird naturgemäß nicht die Zustimmung der Autoren finden, die mit Fug und Recht daraufbestehen, selber den Publikationsort ihrer Werke wählen zu wollen. Bei ihrem Lob hinsichtlich der Möglichkeiten des Internet ist Weisband so klug, die Gefahren des neuen Mediums, die Verringerung der "Aufmerksamkeitsspanne" (S. 18) und die fehlende Medienkompetenz sehr wohl im Blick zu haben. Das hindert sie aber nicht daran, ganz entschieden mit guten Gründen dafür einzutreten, die Chancen des neuen Mediums vor allem zu einer Renovierung der Demokratie zu nutzen.

Wenn Weisband auf die Politikmüdigkeit der Wähler zielt (S. 74), verspricht sie sich durch Online-Aktivitäten mehr Offenheit und bessere Einsicht in politische Prozesse. “Liquid democracy” (s. 77 ff.) ist für sie ein Schlüsselbegriff, mit dem u.a. die Übertragung von Stimmrechten, wie deren ebenso unkomplizierter Entzug beschrieben wird. Schnell kommt sie auf die Vernetzung zu sprechen – sie nennt in diesem Zusammenhang Beispiele u.a. wie das Chatten mit Gleichgesinnten – und resümiert unter dem Gedanken “der absoluten Gleichwertigkeit der Menschen bei vollständiger Ungleichheit” (S. 39). Daraus entwickelt sie den Reformbedarf unserer Gesellschaft, der ihrer Meinung über den Ansatz der Piratenpartei hinausgeht. Über Inhalte entschieden die Nutzer… “Deshalb ist das Internet eine in sich demokratische Struktur,” (S. 83) schreibt sie. Das war in Bibliotheken nie anders und überhaupt mit allen Erzeugnissen des menschlichen Geistes schon immer so gewesen. Es waren schon immer die Leser, die Zuschauer, die Zuhörer und die Rezipienten, die über den Erfolg eines Buches oder eines Kunstwerkes entschieden haben und das nicht erst seit der Begründung der Rezeptionsästhetik durch Hans-Robert Jauss in Konstanz.

Weisband ist mit dem Internet aufgewachsen, sie bringt in der Tat ein frisches Denken in die Politik, das manchen Politikern eine wichtige Nachhilfe vermittelt.

Man merkt dem Buch sehr viel Engagement und guten Willen an. Manchmal ist fast auch Enttäuschung zu erkennen, weil die Piraten bisher nicht so recht den Erfolg hatten, denn sie aufgrund des von der Autorin geschilderten Reformbedarfs hätten haben sollen. Weisband scheint ihnen voraus zu sein. Sie sagt das nicht offen, aber umso deutlicher zwischen den Zeilen. Jedesmal wenn Weisband so grundsätzlich wird und aus ihrem Buch ein Lehrbuch für angehende Politiker macht, – Feste Regeln, Dynamische Prozesse und Transparenz (S. 65 et passim) -, merkt man, wie sie vielleicht selber darüber gestaunt hat das alles in so kurzer Zeit beim eigenen Ausprobieren kennengelernt zu haben. Die große Hektik, die sie im Zusammenhang mit ihrer Parteiarbeit beschreibt ist auch dem Sog des Internets mit dem dort so schnellen Aufflackern und verschwinden von Informationen geschuldet.

Die totale Transparenz aller Entscheidungswege, die Veröffentlichung jedes Gedankensplitters hat mich bei meinem ersten und letzten Besuch der Piratenwebsite zuerst echt beeindruckt und dann mehr als erschreckt, weil die Autoren und Leser der Website ihr Leben auf das Ordnen – zumindest im Kopf – dieser ungeheuren Vielfalt reduzieren müssen. Mit soviel Ballast auf ihrem Kahn können sie eigentlich nur kentern. Bleibt als Gegenmassnahme nur der Versuch, > das Tagen von Piraten-Gremien für permanent zu erklären, um jedem Versuch, die Dinge konsensmässig auf ihren Punkt zu bringen, genügend Raum zu geben.

Schade, ich würde sehr gerne – wie hier so oft praktiziert – Marina Weisband Fragen zu ihrem Buch stellen: “Nachgefragt…” würde dann der Titel des Beitrages auf diesem Blog mit ihrem Video-Interview lauten. Aber unsere Presseabteilung hat mich schon draufhingewiesen, Frau Weisband sei sicher völlig ausgebucht.

Marina Weisband
> Wir nennen es Politik. Ideen für eine zeitgemäße Demokratie
1. Aufl. 2013, 174 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50319-7


> Alle Termine zu diesem Buch


Annett Meiritz > Debatte um Online-Parteitage: Piraten drängen auf Mitmachrevolution SPIEGEL ONLINE, 9.3.2013

Die aktuelle Lektüre: Steve Sem-Sandberg, Theres. Roman

Freitag, 25. Januar 2013


Das Buch ist keine eigentliche Biographie Ulrike Meinhof: Steve Sem-Sandberg legt hier eine Untersuchung vor in Form eines dokumentarischen Romans und einem fiktionalen Psychogramm. Ulrike Meinhof ist »Theres«: “eine heilige Mörderin, eine mystische Terroristin?” Wer war diese Ulrike Meinhof?

RAF-Terroristin Gudrun Ensslin soll ihre Mittäterin Ulrike Meinhof in Anlehnung an die heilige Teresa von Ávila »Theres« genannt haben. Sie hat als Flüchtlingskind früh ihre Eltern verloren hat, sie ist Mutter zweier Kinder, engagierte Journalistin. Auf der Suche nach ihrer politischen Wahrheit verstrickt sich sich immer mehr in den Terror und sinnloser Gewalt. Auf diese Weise ist eine Buch mit Rückblenden, übereinandergelegeten Erzählsequenzen und dokumentarischen Fragmenten entstanden, das sich wie eine Art biographische Akte liest.

LESUNG:
Donnerstag, 31.01.13, 20.00 Uhr
> Steve Sem-Sandberg , Theres
Stuttgart | Lesung und Gespräch
Gesprächspartner: Ilija Trojanow
Literaturhaus Stuttgart, Breitscheidstraße 4 ,70174 Stuttgart
www.literaturhaus-stuttgart.de

> Steve Sem-Sandberg
> Theres. Roman
Roman, aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek (Orig.: Theres)
1. Aufl. 2012, 391 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag (Naturpapier)
ISBN: 978-3-608-93959-0

Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden

Dienstag, 8. Mai 2012

Am 14. Mai 2012 erschient bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer das eindrucksvolle Buch > Schulden. Die ersten 5000 Jahre von David Graeber. Text + Anmerkungen + Bibliographie mit Index = 536 Seiten. Diesmal wird der Lesebericht zum Erscheinen des Buches wahrscheinlich ausnahmsweise nicht rechtzeitig fertig. Aber vom Inhalt und der packenden Darstellung mal ganz anders, grundsätzlicher und vor allem auch historischer – mit einem Blick auf die wirtschaftliche und politische Ideengeschichte – wahrlich getrieben, ist das vielleicht doch zu schaffen. Schulden haben wir alle in irgendeiner Form, und man darf fragen, wo sich wirklich die Grenze befindet, bei der Schulden nicht rückzahlbar sind? Aber auch dann kann man sich nicht einfach entschuldigen. Und wie ist das heute mitten in der Schuldenkrise? Helfen europäische Staaten anderen, um ihrer oder der gemeinsamen Währung zu helfen, oder garantieren die einen die Schulden oder die Zahlungsfähigkeit der anderen, um dann noch die eigenen Kassen wqieder aufzufüllen? Und wer vergeht sich an den Schulden der anderen, um sich an ihnen qua Spekulation und zum Unglück aller gesundzustoßen ? Der vergangene 6. Mai mit dem zweiten Wahlgang der > Präsidentschaftswahlen in Frankreich, das Wahlchaos in Griechenland und alle anderen düsteren Währungs-Wolken über Euroland werden das Thema Schulden ganz oben auf der Tagesordnung halten.

Da lohnt es sich schon, einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen, um was es denn überhaupt geht? Nach einer Bundestagsdebatte zu diesem Thema kann man leicht den Eindruck gewinnen, niemanden gesehen zu haben, der weiß, wie groß der gerade wieder beschlossenen Rettungsschirm ausgefallen ist, Millionen, Milliarden oder Billionen, sieht man diese Summe wieder, gibt es sie überhaupt? Ist das Geld ausgegeben, das ja eigentlich gar nicht da ist?`Bei diesen ungeheuren Summen sprechen die Kritiker von Sparzwängen? Bestimmt haben Mitglieder der Euro-Zone über ihre und damit über unsere Verhältnisse gelebt. Man hat im Eurogebäude einige Stahlstreben vergessen, die jetzt nachträglich als Reklamationsfall sofort eingebaut werden müssen und niemand möchte diese Baumängel so wirklich wahrhaben.

“Ein ebenso radikaler wie befreiender Blick auf die Wurzeln unserer Schuldenkrise.” steh auf der Seite von Klett-Cotta zu Graebners Buch > Schulden. Und da steht auch : “Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.” “Verbraucherschulden sind der Lebenssaft unserer Wirtschaft,” (S. 11) schreibt Graeber und zeigt damit die andere Seite der Medaille. Ohne Schulden geht es auch nicht.

Der Beginn der Lektüre bestätigt Frank Schirrmacher, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb: “»Graeber öffnet dem Leser die Augen für das, was gerade vor sich geht.« Es ist richtig wohltuend, einmal gründlich diese schwierige Materie an ihrer historischen Wurzel zu packen und nicht nur den Medienkommentaren jeder Art zuzuhören und gar unreflektiert zu glauben, die mit ihren Horrormeldungen den Börsen ihr Aufundab diktieren. Jetzt wird darüber spekuliert, ob François Hollande und Angela Merkel sich verstehen werden. Sie werden es, weil die deutsch-französische Kooperation eine Konstante der EU und des Eurolands ist, dennoch werden beide zusammen, nicht einzeln, einen Einfluss in Europa entwickeln können. Und jetzt kommt es darauf, wie groß dieser Einfluss werden kann. Keiner von beiden kann alleine handeln und schon gar nicht alleine Erfolg haben. Um ihren Handlungsspielraum zu erkunden, könnte man einen Blick auf die Bedingungen, Gründe der Krise werfen und mit diesem Wissen über Handlungsoptionen nachdenken: > Schulden ist ein guter Ansatz dazu, künftig die Berichterstattung ein bisschen kritischer verfolgen zu können und um darauf aufzupassen, dass unsere Politiker sich wirklich zugunsten der europäischen Idee einsetzen.

David Graeber (Jg. 1961) ist einer der Begründer der Occupy-Bewegung unterrichtete bis zu seiner Entlassung 2007 als Anthropologe in Yale und lehrt seitdem am Goldsmith-College in London. Er bezeichnet sich als Anarchist und ist Mitglied der »Industrial Workers of the World«. Sein Vater hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, und er selbst hat fast zwei Jahre in einer direkte Demokratie praktizierenden Gemeinschaft auf Madagaskar gelebt.

> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0

Lesereise:

> Lesereise: David Graeber mit »Schulden. Die ersten 5000 Jahre«

Fr 18.05., 16 h
Frankfurt am Main | Lesung und Gespräch
Schauspiel Frankfurt, Chagallsaal, Neue Mainzer Straße 17, 60311 Frankfurt am Main

Die erste Station der Lesereise von David Graeber führt ihn in die Hauptstadt der deutschen Occupy-Bewegung.
Moderation: Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich.
Gespräch in deutscher und englischer Sprache
Der Eintritt ist frei.

Mo 21.05, 20:00 h
München | Lesung und Gespräch, Moderation: Frank Schirrmacher
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München

Gespräch in deutscher und englischer Sprache
Eintritt: 9,- bzw. 7,- Euro
> www.literaturhaus-muenchen.de
Bücher zu dieser Veranstaltung:

Di 22.05, 20:00
Köln | Lesung und Gespräch
ZentralBibliothek, Josef-Haubrich-Hof 1, 50676 Köln

In der Reihe “Wissenswert – Themen am Puls der Zeit”.
Moderation: Ralph Bollmann (FAS)
8,- bzw 6,- Euro
Eine Veranstaltung der Stadtbibliothek Köln und der > Buchhandlung Klaus Bittner
> www.stadt-koeln.de

Mi 23.05, 19:00
Berlin | Lesung und Gespräch
Dussmann das KulturKaufhaus, Friedrichstraße 90, 10117 Berlin

Moderation: Ulrike Herrmann (taz)
Gespräch in deutscher und englischer Sprache

> www.kulturkaufhaus.de

Do 24.05, 18:00
Leipzig | Lesung und Gespräch
Centraltheater Leipzig, Bosestraße 1, 04109 Leipzig

Unser Autor David Graeber im Gespräch mit dem Hausphilosophen des Centraltheaters, Guillaume Paoli.
Eintritt: 5,- Euro
> www.centraltheater-leipzig.de

Do 31.05, 19:30
Fraktion kontrovers – Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit unserem Autor David Graeber und dem Philosophen Richard David Precht

Berlin | Podiumsgespräch
Weil die Steuerzahler Banken retten müssen, trudeln die Staaten tiefer in die Verschuldung und verlieren das Vertrauen der Märkte. Die Demokratie am Gängelband des Kapitals? Diese These wird heißer diskutiert als je zuvor: Denn durch die Krise der Finanzmärkte stellt sich die Frage des Verhältnisses zwischen Schulden und Gerechtigkeit auf dramatische Weise neu. Werden Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert? Wer soll wessen Schuld tilgen? Und ist das alles gerecht? Der Anthropologe Dr. David Graeber hat untersucht, wie und warum Menschen in den letzten 5000 Jahren Schulden gemacht haben. Mittlerweile, so der Vordenker der Occupy-Bewegung, bestimmt das Prinzip der Schuld alle gesellschaftlichen Sphären. Und es ist höchste Zeit, das zu ändern. Der Philosoph Richard David Precht sagt in seinen Büchern, dass es den meisten Menschen wichtig ist, moralisch gut zu handeln. Aber was heißt das angesichts von Euro-Krise, Schuldenschnitt und Rettungsschirmen? Wie weit sind wir bereit, für andere einzustehen – und für sie zu zahlen? Es geht bei diesen Fragen um das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. In Deutschland und in Europa.

Einlass ab 18:45 Uhr
Beginn: 19:30 Uhr
Eine Online-Anmeldung ist erforderlich: > www.spdfraktion.de

Lese(vor)bericht: Paula Bleckmann, Medienmündig

Mittwoch, 8. Februar 2012

Gerade eben auf dem Frankreich-Blog den Beitrag > Kann man ohne das Internet studieren? verfasst, und jetzt kommt die Lektüre von Paula Bleckmanns neuem Buch > Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen dran.

“Aber liest man nicht überall, Kinder sollten früh mit Medien umgehen lernen, damit sie medienkompetent werden? Früh übt sich, wer ein Meister werden will? Ganz ohne Frage: Kinder – die Erwachsenen von morgen – sollten auf jeden Fall verstehen, mit Fernsehen, Computer, Handy & Co. gekonnt und selbstbestimmt umzugehen. Medienkompetenz ist in aller Munde, aber sie reicht heute nicht mehr aus.10 Denn technische Fertigkeiten schützen den Menschen nicht vor der Vereinnahmung als Maschinensklave.” (S. 17)

Paula Bleckmann hat das Problem klar umrissen: “In Bezug auf die Ziele von Medienerziehung vollzieht sich in den letzten Jahrzehnten eine gefährliche Kehrtwende: Das Ziel war ursprünglich die Anpassung der Medien an die Bedürfnisse des Menschen. Lange Zeit war also der mündige Nutzer, der den Medien in seinem Leben und in der Gesellschaft nach eigener Entscheidung Raum und Bedeutung zumisst, Leitgedanke der Medienpädagogik. Nun hat sich unbemerkt dieses Ziel ins Gegenteil verkehrt: Die Vorstellung vom medienpädagogisch optimierten Training des Menschen als Bediener von Maschinen ist in den Vordergrund getreten, und damit die Anpassung des Menschen an die Medien. Was ursprünglich nur ein Medium, also ein »Mittel« war, wird damit zum Selbstzweck, zum Selbstläufer.” (S. 17 f. Hervorhebung , H.W.)

Meine > Kritik an Facebook. Die neuen sozialen Medien drängen uns ihre Gewohnheiten auf. Sie wollen nicht nur, dass wir unser soziales Leben, also unseren Umgang mit unseren Mitmenschen nach ihren Vorschriften gestalten, sie geben dazu auch einen Rahmen vor, dessen Irrsinn darin besteht, ganz unbekannte Menschen, ohne sie jemals gesehen zu haben, als Freunde zu titulieren.

Die Autorin dieses Buches setzt auf die “volle Breite des Handlungsspektrums” wie “Raum für kreative Eigentätigkeit und unmittelbare menschliche Begegnung”. Mit dem Internet kreativ umgehen, das gefällt mir. Bei einem Vortrag vor hundert Studenten, “streckte” einer (!) bei der Frage “Haben Sie schon mal in Wikipedia einen Artikel korrigiert?” Fast alle “streckten” auf die Frage “Wer hat in Facebook mehr Freunde als im realen Leben?”

Das Buch von Bleckmann kommt gerade richtig. > Bald hier mehr.

Paula Bleckmann,
> Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen
1. Aufl. 2012, 251 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94626-0

Klett-Cotta und Tropen: Herbst 2011

Freitag, 1. Juli 2011


Klett-Cotta und Tropen im Herbst 2011. Hier sind die neuen Herbstkataloge zum Ansehen und zum Herunterladen. Im Bereich der Belletristik fallen die Titel von Steve Sem-Sandberg > Die Elenden von Łódź und Sandro Veronese > XY auf. Bei Tropen erscheint ein neuer Ttiel von Halligrímur Helgason > Eine Frau bei 1000° und am 22. Juli kommt > Massimo Carlottos > Banditenliebe. Und Andrea Hanna Hünninger erzählt über > Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer (24.8.2011).

Ab dem 24. Oktober unterrichtet uns Birgit Querengäßer über > Die feine Art des Vögelns und ergänzt damit die Titel zu diesem Thema> Liebe und Sex: Das Rüstzeug für alle Fälle.

Und ab 22. Juli können wir Ralph Bollmanns > Walküre in Detmold. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz lesen: “Eine Bildungsreise der besonderen Art: Staunen, wenn ein Provinznest den ganzen »Ring« auf die Beine stellt, aber oft lässt auch Schilda grüßen im Umgang mit den kulturellen Ressourcen,”steht im Katalog.

Am 24. August wird der Band Thymian Bussemer, Die erregte Republik. Wutbürger und die Macht der Medien vorliegen: “Hamburger Volksentscheid oder Stuttgart 21: In diesem engagierten Plädoyer zur Verteidigung der repräsentativen Demokratie warnt Thymian Bussemer eindringlich davor, die Axt an unser politisches System zu legen. Mit einem Vorwort von Gesine Schwan”.

Der Lesestoff wird in den Sommerferien nicht ausgehen. Für die Vielfalt und die aufregende Lektüre ist also bestens gesorgt. Noch zwanzig Blogbeiträge, dann können wir den 500. Beitrag auf diesem Blog feiern.

Lesebericht:
McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage

Freitag, 17. Juni 2011

Ungefähr ab der Mitte des letzten Jahrhunderts haben die neuen elektronischen Medien die Schrift mit ihrer Leitfunktion bei der Übermittlung von Botschaften und Inhalten abgelöst, will man Marshall McLuhan und der Einleitung von Regine Buschauer in das Werk von McLuhan (> NZZ, 19. Januar 2001) Glauben schenken. In Bezug auf die elektronischen Medien ist das sicher richtig, aber Fotos und Bilder, Gemälde aller Art haben schon viel früher der Schrift ihren Rang streitig gemacht. Beschränken wir uns aber tatsächlich auf die elektronischen Medien, dann stimmt die Beobachtung von McLuhan, und Klett-Cotta hat eine gute Idee gehabt, sein Buch > The Medium ist the Massage (1967/1969) auf deutsch zu veröffentlichen.

McLuhan mit seinem weit gefassten Medienbegriff, der eigentlich alles umfasst, was irgendwie einen Inhalt oder eine Bedeutung vermitteln kann, legt mit seinem Buch Erklärungsansätze und -Grundsätze für das gesellschaftliche Leben unserer Zeit vor: Sein erster Satz: “Das Medium oder der Prozess unserer Zeit – die elektronische Technologie verändert die Form und Struktur sozialer Beziehungsmuster und alle Aspekte unseres Privatlebens,” schlägt den Ton dieses Buches an. und unseres Berufslebens, könnte man hinzufügen, bedenkt man, dass heute kaum ein Beruf ohne ein Mindestmaß an PC-Kenntnissen kaum erfolgreich ausgeübt werden kann. Da ist was dran, aber stimmt seine Aussage wirklich? Es ist ja nicht nur der PC! Der tentakelartige Zugriff der Medien auf unser Leben und unsere Aktivitäten ist gar nicht zu übersehen. Die Medien erlauben uns keine Zeit der Muße mehr. Jede Informationsaufnahme wir heute gewöhnlicherweise von jedem Medienproduzent in eine Vielzahl anderer Informationen eingebettet, die wir eigentlich gar nicht verkraften geschweige denn verarbeiten können. Das ist auf jeder Zeitungsseite im Internet so, und das Fernsehen mit seinem ihm inhärenten Zwang zum Bild präsentiert uns seit Jahrzehnten allabendlich die Tagesschau: Informationen und immer viel mehr drumherum, auch wenn das Geflimmer nur am Rande zu den Worten passt. Misst man die Gesamtmenge der in 15 Minuten angebotenen Informationen, um anschließend den für uns wirklich wichtigen Informationsgehalt zu extrahieren, käme man auf ein Verhältnis von 2 oder 4 zu 15, ein Hinweis auf die nachhaltige Entmündigung des Bürgers. Mein Buch würde heißen “The medium is not the message”.

Oder fragen wir einen Studenten, woran er denkt, wenn er eine Hausarbeit konzipieren muss? Wozu nutzt er den PC? Zur Informationsbeschaffung? Zum Surfen im Internet? Um Wikipedia zu konsultieren? Welcher Student würde wohl erzählen, dass er einen > Zettelkasten hat? Genauso darf man fragen > Hilft das Internet beim Bücherschreiben?.

Diese kritische Fragen sollen kein bisschen davon abhalten, das Buch von McLuhan genau zu lesen. Es steckt voller bedenkenswerter Anregungen und Einsichten. Natürlich bleibt einem heute gar nicht anderes übrig, als die bunte und laute Medienwelt, die zu unserer gesellschaftlichen Hülle geworden ist, zu akzeptieren. Eine Umkehr ist ausgeschlossen. McLuhan weiß das und macht das beste daraus, in dem er die Hoffnung durchblicken lässt, diese mediale Vielfalt werden den Menschen zu einem neuen schöpferischen Dasein zum Wohler aller verhelfen. Er spricht vom “globalen Dorf”, nun das ist eher ein theoretisches Konstrukt, denn noch jede so schöne Website einer Stadt, wird mir nie zum echten Daseingefühl in dieser Stadt verhelfen, genauso, wie das beste soziale Netzwerk nie das Gefühl einer echten Partnerschaft mit allen dazugehörigen Freuden und Gefühlen auch nur annähernd vermitteln kann. Ich bleib dabei: > Ein soziales Netzwerk ist nicht das reale Leben.

Liest man nacheinander die ersten Kapitel von McLuhans Buch. “Du, deine familie, deine nachbarn, deine ausbildung, dein job, deine regierung, “die anderen” und das Buch ist eine erweiterung des auges… kleidung, eine erweiterung der haut…” versteht man schnell, dass nicht nur Zustimmung die erste Reaktion ist, sondern eine Vielzahl assoziativer Ideen machen mit und begleiten die Lektüre. “In einer elektronischen Informationswelt können Minoritäten nicht mehr ausgegrenzt werden. (S. 24) Faszinierend. Die Medien als Wohltat. Aber die Ernüchterung folgt mit meiner Klage. Wie wenig Studenten veröffentlichen heute schon regelmäßig selbst im Internet? Mehr Freunde als im realen Leben auf Facebook haben viele. Aber sie machen sich die Medien nicht untertan. Oder die Medien scheint bei ihnen nicht angekommen zu sein. Über Facebook und ein bisschen Twitter gehen ihre > Web 2.0 Kenntnisse kaum hinaus. Auch hier setzt McLuhans in vorauseilender Einsicht an genau der richtigen Stelle an. Wir wissen viel zu wenig über die > Medien und damit können wir auch nicht viel von unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit verstehen, darf man daraus folgern. Sein Buch ist eine Anregung dafür, die Medieninhalte nicht passiv zu konsumieren, sich nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen, sondern selber etwas mit ihnen anfangen. Nicht nur twittern oder anonym in Wikipedia schreiben, sondern eine eigene Website, einen eigenen Blog verfassen. – Welcher Studente kennt und nutz regelmäßig > wissen.dradio.de/ oder wer von ihnen benutzt regelmäßig den > Radiorecorder vom DLF und welcher Politologiestudent mit Nebenfach Romanistik, liest regelmäßig ab 13 h LE MONDE mit dem Datum vom folgenden Tag? Oder wer von ihnen hört regelmäßig France Inter auf seinem IPad?

©. Das ist eine der kürzesten Überschriften von McLuhan. “Das Teamwork löst den Einzelkämpfer ab.” (S. 123) Auch das glaube ich nicht, weil es mediales Wunschdenken ist. Früher hieß das tatsächlich Teamwork oder Gruppenarbeit, bei der immer einer oft für alle arbeitete, weil es in einer solchen Gruppe immer einen gibt, der trödelt; das ist im Verkehr immer so. Das Bild passt sehr gut. Weil dann, im Verkehr immer alle hinter dem Langsamsten hinterherdackeln müssen. Der Langsamste bestimmt nun mal das Tempo. Ist nicht nur im Verkehr so. Auch bei jeder Gruppenarbeit. Es gibt keine > kollektive Intelligenz, die alle zusammen antreibt. Teamwork ist Reduzierung auf ein Mittelmaß und das müssen wir auch bei den Medien verhindern.

McLuhan schärft uns mit seinem Buch die Sinne und die Sensibilität für die Medien, für all das, was die Medien mit uns machen, aber vor allem auch für das was wir aus den Medien machen können. Medien konstruieren unsere Umwelt. Und dann fügt McLuhan hinzu: “Heute können wir die gesamte menschliche Umwelt zu einem Kunstwerk machen…” (S. 68).

Wovor warnt McLuhan? Die Medien nicht kreativ einzusetzen, etwas zu verpassen. Spielt man nicht mit ihnen, nutzt man sie nicht.

Zur Einführung:
Sehr lesenswert: Regine Buschauer, > Das Medium als Massage. Die aphoristische Medientheorie von Marshall McLuhan.
NZZ, 19. Januar 2001

Marshall McLuhan, Questin Fiore,
> Das Medium ist die Massage
Zusammengestellt von Jerome Agel, aus dem Amerikanischen von Martin Baltes und Rainer Höltschl (Org.: The Medium is the Massage)
1. Aufl. 2011, 160 Seiten,broschiert, mit zahlreichen Abbildungen und Illustrationen
ISBN: 978-3-608-50311-1

»Das Medium ist die Botschaft« Das ist wohl eines der berühmtesten Zitate aus Understanding Media (1964) – und dann in The Medium is the Message: An Inventory of Effects (1967) – von > Marshall McLuhan (1911-1980).
Douglas Coupland
> Marshall McLuhan
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner(Orig.: Marshall McLuhan)
1. Aufl. 2011, 222 Seiten,gebunden
ISBN: 978-3-608-50306-7

Douglas Coupland: Marshall McLuhan

Dienstag, 5. April 2011

»Das Medium ist die Botschaft« Das ist wohl eines der berühmtesten Zitate aus Understanding Media (1964) – und dann in The Medium is the Message: An Inventory of Effects (1967) – von > Marshall McLuhan (1911-1980). Im Frühjahr ist bei Klett-Cotta die Biographie von > Douglas Coupland über McLuhan erschienen. Wenn wir heute uns manchmal erstaunt zeigen, dass wir durch alle elektronischen Geräte, Tischcomputer, Laptops, Handhelds und Social networks jeder Art von Xing bis Facebook rund um die Uhr total vernetzt sind, so erinnern wir uns wohl nicht mehr an die Arbeiten McLuhan der uns dies nicht nur voraussagte sondern auch gleich die Folgen beschrieb, die manche Surfer und Networker auch heute noch nicht immer im Blick haben.

> Gewinnspiel auf bilandia de

Couplands Inhaltsverzeichnis ist mager und aus gutem Grund: return, command, shift, escape, control. Ein Hinweis auf das,was die Medien uns mit ihrer vorgespiegelten Vielfalt angetan haben. Dahinter steckt eine Erinnerung an McLuhan, der schon Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts darlegte, wie unsere visuelle Druckkultur durch die Abhängigkeit elektronischer Medien aller Arten ersetzt wird. Nichts anderes ist eingetreten. Wo früher eine feiner Briefbogen und mein geliebter Füller die Verbindung zu meinen Freunden sicherte, ist es heute ein flüchtiger Facebookeintrag, der mich daran erinnert, dass einer meiner 120 Freunde, bei denen ich manchmal nur einer von 489 bin, gerade mal wieder mehr an sich als an alle anderen gedacht hat. > Soziale Netzwerke sind im Begriff uns die Organisation unserer Freundschaften abzunehmen, sie rechnen elektronisch aus, wer oder was uns gefallen könnte. Es gibt keine zufälligen Bekanntschaften mehr, sondern der Facebookxingalgorithmus protokolliert, wer uns anspricht, wenn wir liebhaben und zeigt unsere Kontakte der ganzen Welt. Ist das das Globale Dorf, was manche ersehnen oder andere fürchten?

Es lohnt sich, bei McLuhan einmal nachzulesen, und wir werden viele Aussagen entdecken, mit denen wir heute einen neuen Blick auf das entwickeln können, was die vorgeblichen Segnungen des Netzes gerade mit uns anstellen. Coupland kommt gerade richtig, um uns diesen neuen Blick auf das Werk von McLuhan zu ermöglichen. Kaum etwas ist unpersönlicher, als ein schnelles Antwortmail mit Tippfehlern auf der Tastatur zu klimpern. Und wie schön ist es doch, wenn der Adressat nach 4 Minuten schon zurückschreibt und seine Freude über die schnelle Antwort verkündet und mich auch gleich noch geschwind übertrumpfen will. Nie enthält eine solche Lobhymne eine Bemerkung über den Inhalt meines Mails. Kein Widerspruch, kein Lob. Die Technik wird zum Inhalt der Botschaft.

Und dann noch der Begriff Wissensgesellschaft, der das Volk der heutigen Surfer bezeichnen soll. McLuhans Die Gutenberg-Galaxis (1962) war ihrer Zeit um viele Lichtjahre voraus, so wie heute in ganz umgekehrter Weise der hochgelobte Begriff der Wissensgesellschaft kaum mehr verrät, als dass ihre Protagonisten so technikverliebt sind, dass sie sich noch nie wirklich gefragt haben, ob nicht frühere Gesellschaften nicht vielleicht sogar in viel bessere Wissensgesellschaften als heute lebten? Mc Luhan legte schon in den sechziger Jahre den Finger in unsere heutige Wunde: Wir lassen heute die technische Welt die soziale Welt bestimmen und überantworten der Technik die Kontrolle über unser Gemeinwesen. Früher gab es > Feste, heute werden die Fellower unpersönlich zu Events geladen und sagen der Welt komme/komme nicht. Die automatische Steuerung des Terminkalenders durch die > kollektive Intelligenz ist nicht mehr weit.

McLuhans Satz “Das Medium ist die Botschaft” zeigt die ganze Krux des Web 2.0. Twitter, Facebook, Yutobe, Blogs, und alle anderen 236 Socialmedia wollen jede für sich die ganze Aufmerksamkeit und versuchen alles, allen anderen die Besucher abzujagen. Je mehr Bytes an persönlichen Infos ein Netzwerk kriegt, umso wichtiger nimmt es sich, während die politisch wirklich relevanten Informatioonen über unsere Gesellschaft in Facebook gegen 0 tendieren.

> Leseprobe *.pdf


Douglas Coupland
> Marshall McLuhan
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner(Orig.: Marshall McLuhan)
1. Aufl. 2011, 222 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50306-7

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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