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Archiv für die Kategorie 'Sachbuch'

Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

Donnerstag, 16. Februar 2017

Zwei Autoren aus dem Progamm von Klett-Cotta wurden für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert:

kronauer-scheik-aachen-110Brigitte Kronauer, > Der Scheik von Aachen. Roman, Klett-Cotta 2016: „Anita kommt zurück, findet bei dem Antiquitätenhändler Marzahn ein Anstellung. Und da ist noch Mario, der Bergsteiger in den Anita sehr verliebt ist. Die Gespräch mit Marzahn kreisen um Liebe zwischen Tragik und Lächerlichkeit. Und ihre Tante lauscht den Geschichten Anitas in Anlehnung an Wilhelm Hauffs Zyklus »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven«,“ stand hier auf dem Blog: Lesebericht: Brigitte Kronauer, Der Scheik von Aachen. Roman (I).

Weiss, Autoritäre RevolteVolker Weiß legt mit einem Buch > Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017, eine Analyse des neuen rechten Denkens vor. Er stellt Akteure der rechtspopulistischen Bewegungen Pegida, AfD & Co mit ihren Strategien und Methoden vor. Wo kommen die Kader der neuen rechten Bewegungen her? Nationalistische Strömungen der Vergangenheit, die der Nationalsozialismus verdrängt hatte, kommen wieder an die Oberfläche. Wo sind die Übergänge von Konservativismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus? Er demaskiert die antiliberalen Phrasen der Rechten und erklärt, dass »Abendländer« und Islamisten in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung wie Waffenbrüder auftreten. Die Ergebnisse seines Buches zeigen die Dürftigkeit der neuen Bewegungen und rufen dazu auf, diesen neuen autoritären Strömungen und Zumutungen ganz entschieden entgegenzutreten.

Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

> Brigitte Kronauer
> Der Scheik von Aachen
Roman
1. Aufl. 2016, 399 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98314-2

Volker Weiß
> Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017
1. Aufl. 2017, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94907-0

Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Dienstag, 31. Januar 2017

Lesung: Steve Ayan, „Lockerlassen“ – 6.2.2017 / 19:00 Uhr Hospitalhof Stuttgart

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt:Der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen, das schon in der zweiten Auflage 2016 bei Klett-Cotta erschienen ist, kann missverstanden werden. Es geht nicht um weniger Überlegung und Nachdenken sondern um die missliche Konzentrierung per dauerndem Nachsinnen auf das eigene Ich. Habe ich das richtig gemacht? Hätte ich nicht…? Oder sollte ich das oder das jetzt machen? Was denkt der /die über mich?

Bei manchen kommt das Gedankenkarussell überhaupt nicht zur Ruhe, dreht sich mal langsamer, mal schneller und wirkt – und das ist entscheidend – wie eine Fremdbestimmung über den eigenen Willen: „So paradox es klingen mag: In vielen Fällen habe wir tatsächlich mehr davon, wenn wir uns und unserem Tun weniger Aufmerksamkeit schenken.“ S. 15 Natürlich kann man das Nachdenken nicht einfach abschalten, so leicht geht das nicht. Aber, und davon ist der Autor dieses Buches überzeugt, man kann wieder die Herrschaft über sein Denken gewinnen und dieses (Selbst-)“Bewußtseinsfimmel“ S. 17 reduzieren. Die menschliche Natur will ja auch etwas ganz anders: Sartre erklärt in L’être et le néant (1943), der Mensch überschreitet ständig seine Situation (vgl. Gerhard Seel, > « La morale de Sartre . Une reconstruction », Le Portique [Online], 16 | 2005, Online since 15 June 2008, connection on 31 January 2017. URL : http://leportique.revues.org/737, Absatz 13 und 14) Der Mensch sei sich immer voraus und dadurch definiert er sich, lehrt der > Existenzialismus Sartrescher Prägung.

Kennen Sie das, wenn jemand ständig sagt, ich mache mir Sorgen, ich fürchte, dass… und dazu eine Unsicherheit ausstrahlt. Ist eine Perspektive erstmal gesichert oder hat die Person ihr Vergnügen an neuen Situationen und am Ausprobieren wiedergefunden, hören die Sorgen auf, und dahin will Ayan seine Leser bringe: „Die Krux am Zu-viel-Denken ist tatsächlich, dass viele es nicht für ihr Problem, sondern für ihre Lösung halten.“ S. 21 „Mut zur Selbstvergessenheit“ schlägt Ayan vor. Richtig gute Ideen gibt es beim Rasieren oder beim Umgraben oder bei einem Waldspaziergang oder man findet etwas, was man gar nicht gesucht hat: > Serendipität – oder bei Ayan, S. 31-33 – gibt es im ersten Kapitel. Dann kommt im zweiten Kapitel die Unterscheidung zwischen Geist und Körper dran, der mehr mitdenkt, als der Geist findet. Drittes Kapitel: Wird alles durch Abwägen besser? Am besten man lässt den Teig ruhen, die Angelegenheit präsentiert sich am andern Tag in einem ganz anderen Licht. Das vierte Kapitel erklärt das ständige Überschreiten. Assoziationen sind das Stichwort. Komischerweise kommen in den Pausen des Denkens oft die allerbesten Ideen, womit wir wieder beim ruhigen Moment des Rasierens sind.

ayan-lockerlassenSerendipität. Wann waren sie zum letzten Mal in einem > Buchladen und haben dort einfachmal geguckt und dies oder jenes Buch in die Hand genommen? Das muss man Ihnen nicht sagen, aber rund 40-50 % der Bücher, die Sie dort erwerben können, sind in der Lage Ihren Entscheidungen und damit Lebensumständen einen Kick wohin auch immer zu geben. Überraschende Begegnungen, ganz so, als ob sie rechts oder links herumgehen. Gedanklich lässt sich das alles nicht erzwingen, durch Nachsinnen und Nachdenken schon gar nicht, sondern durch ihr eigene Aktion. Sie fühlen sich unwohl und denken dauernd nach und hadern mit sich und der Welt. Ein Gespräch mit einem Freund, einer Freundin, der Besuch eines Cafés, der Gang ins Kino, die Verabredung zu einem Museumsbesuch, eine Kurzreise, ein Ausflug können alles auf den Kopf stellen, so als wenn sie einen spannenden Roman lesen und plötzlich merken, dass Sie ein paar Stationen zu weit gefahren sind. Wenn Sie das wegen etwaiger Folgen und Konsequenzen nicht besonders aufregt, dann haben Sie das Buch von Ayan richtig gut verstanden.

Sich auf neue Ideen einlassen. Neugierig sein. Das ist ein Modus, der Sie für die Serendipität empfänglich macht. Ziehen sie keine voreiligen Schlüsse, (vgl. S. 41) lassen Sie die Dinge auf sich wirken, genießen Sie Kunst und Literatur: „Serendipität heißt, Unsicherheit anzunehmen, statt sich davor zu fürchten und sich davon verrückt machen zu lassen,“ fasst Ayan diese Gedanken zusammen. Ablenkung ist ein eigener Abschnitt bei Ayan: S.48 ff.

Ayan meinte nicht weniger denken, sondern kreativer, abschweifender denken, Lust am Ausprobieren. Lesen Sie das „Intermezzo: Der Forscher“ S. 57 ff.

Embodiment: Wie reagiert der Körper auf Gedanken, was macht er aus ihnen und sie aus ihm? Lesen Sie bis S. 87 und es geht ihnen gleich ein bisschen anders. Übrigens Selbstaufmerksamkeit kann eingübte Mechanismen durcheinander bringen. So ist das auch, wenn zu viel nachgedacht wird: „Auf Analyse folgt Paralyse,“ zitiert Ayan Sian Beilock. Also schließen Sie die Tür ab und denken Sie darüber nach, ob Sie es auch wirklich tun. Rechts um, zweimal, Tür wirklich zu? Wenn Sie in der Garage im Auto sitzen: Ist die Tür zu? Wieviel Prozent der Nichtleser dieses Buches steigen nochmal aus,um nachzugucken, ob die Tür auch zu ist?

In Ayans Buch lernen Sie auch Nützliches über die Intuitionsforschung. (S. 96) „Das war Intutition,“ hat Ihnen sicher schon mal jemand gesagt. Bis S. 133 lernen Sie hier u.a, wie Entscheidungen zustande kommen. Gibt es Pausen im Gehirn? Das Unbewußte? Lesen Sie das 5. Kapitel über unsere graue Masse, die jedem SuperPC haushochüberlegen ist. Und wir machen so wenig daraus? Im 5. Kapitel geht es um „Epiphanie – („Berauschende Momente spenden Kraft und Sinn.“ S. 214) oder Die Macht der guten Momente“ S. 173 ff.

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Daniel-Pascal Zorn, Vortrag zur dialektischen Analyse populistischer Argumentation

Dienstag, 31. Januar 2017

Erscheinungstermin 11.03.2017

Berlin | Vortrag Mittwoch 1.2.2017 18 h 15
Vortrag zur dialektischen Analyse populistischer Argumentation
Zentrum für Antisemitismusforschung
TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin

Demokratisches Handeln und Denken muss immer eingeübt werden, nur so kann man sich Gegnern und Feinden demokratischen Denkens erfolgreich entgegenzustellen, so lautet die Grundthese dieses Buches. Zorn erinnert mit der > Logik für Demokraten den Leser an die argumentativen Auseinandersetzungen, die ein Demokrat immer wieder neu aufnehmen muss. Seine Analysen populistischer Argumentation und totalitärer Denkweisen geben dem Leser Instrumente an die Hand, um die Demokratie wirkungsvoll gegen ihre Feinde zu verteidigen. Es werden auch diejenigen einzuladen, die mit dem Konzept der Demokratie noch nichts oder nichts mehr anfangen können. In diesem Buch kann man erfahren, warum es geradewegs vernünftig ist, demokratisch zu denken.

Daniel-Pascal Zorn, Jahrgang 1981, Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler hat sich auf Theoriestrategien und Analyse reflexiver Strukturen in Philosophie, Kultur- und Sozialwissenschaft spezialisiert. Er hat bisher Arbeiten zu Carl Schmitt, Michel Foucault, Michel de Certeau, zu den Vorsokratikern, zu Leibniz und Bergson vorgelegt. Außerdem hat er sich mit fantastischer und reflexiver Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts (Lovecraft, Borges, Eco, Ende, Handke) beschäftigt.

Di 14.3.2017
Daniel-Pascal Zorn „Logik für Demokraten. Eine Anleitung“
Stiftung Geißstraße, Stuttgart

Do 23.03.2017 19:30 Uhr
Daniel-Pascal Zorn
Leipzig | Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion mit Andrea Röpke, Ralf Fücks, Michael Wildt / Moderation: Bastian Wierzioch
Zeitgeschichtliches Forum, Grimmaische Str. 6, 04109 Leipzig

Mo 24.04.2017 19:00 Uhr
Daniel-Pascal Zorn, Über Populismus
Berlin | Vortrag
Diskussionsrunde mit Jan-Werner Müller / Moderation: Stefanie Schüler-Springorum
Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin

DO 01.06.17, 19:00 – 21:00 Uhr
Buchvorstellung: Daniel-Pascal Zorn > Logik für Demokraten
Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstr. 33, 70174 Stuttgart

Daniel-Pascal Zorn > Die Kunst der Rchtfertigung. Reflexive Philosophie im 21. Jahrhundert: „In diesem Blog soll es einerseits um die großen Fragen gehen, aus der Perspektive einer reflexiven Logik: was ist genau unter ‚Toleranz‘ zu verstehen? Was meint ‚Meinungsfreiheit‘ oder ‚Freiheit‘ überhaupt? Was können wir eigentlich von der Welt erkennen? Ist ‚Fortschritt‘ eine Kategorie, die alle Lebensbereiche betrifft? Wozu müssen wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen.“

Anthony Atkinson – 4.9.1944 – 1.1.2017

Montag, 2. Januar 2017

atkinson-ungleichheitDer britische Ökonom und Spezialist für die Fragen der Ungleichheit ist am 1. Januar 2017 gestorben, berichtet Goff Roiley in seinem Blog Economics > RIP Sir Tony Atkinson.

Noch im September hat er auf unsere Fragen zu seinem Buch > Ungleichheit. Was wir dagegen tun können, das gerade bei Klett erschienen war, geantwortet: Nachgefragt….

> Anthony Atkinson

Aufgeschlagen: Barbara Vinken, Die Blumen der Mode. Klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode

Montag, 12. Dezember 2016

> Weihnachtswunschzettel 2016 zum Ausdrucken

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Mode und Kleidung sind Mittel des Selbstausdrucks und der Kommunikation. Ansehen und Angesehenwerden, das fasziniert Schriftsteller, Philosophen und Soziologen gleichermaßen. Dieser Band stellt in Auszügen 45 Texte vom 18. bis zum 21. Jahrhundert vor, für die Barbara Vinken je eine Einleitung verfasst hat, in denen sie Hintergründe, zeittypischen Ideen und Menschenbilder erläutert. Sie ist Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Universität München.


Mittwoch 14.12.16 20.00 Uhr im Literaturhaus Stuttgart
> Grenzgängerin: Flaubert, Mode und Feminismus
Barbara Vinken Veranstaltungsreihe: Wissenschaftsfragen Gespräch – Moderation: Joachim Kalka
In der Reihe „Wissenschaftsfragen“ führt Joachim Kalka ein Gespräch mit Barbara Vinken, die eine Literaturwissenschaft vertritt, in deren Oeuvre die ingeniöse Behandlung klassischer Sujets – Gustave Flaubert, Heinrich von Kleist – neben Arbeiten zur Logik der Geschlechterrollen steht, wie „Die deutsche Mutter“ (2001) und zahlreiche Untersuchungen zur Mode, u.a. jüngst „Die Blumen der Mode“. …

Zur Vorbereitung: > Flaubert und die Mode. Barbara Vinken im Gespräch mit Joachim Kalka


Man kleidet sich, um sich zu wärmen, seine Blöße zu bedecken; aber schon immer haben die Menschen mit ihrer Art, sich zu kleiden, viel mehr intendiert. Kleidung repräsentiert den Rang, hebt ihren Träger von anderen ab und unterstreicht die Individualität. Kleider und Mode konstruieren Männerbilder und Frauenrollen. Entsprechend vielfältig und vor allem auch faszinierend tiefgründig zeigt sich das Nachdenken über Mode quer durch die Jahrhunderte am besten in der Literatur. Der Band versammelt, von Bernard Mandeville (1670-1733) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), klassische Texte und auch zeitgenössische Gedanken zu einem Thema, dessen Bedeutung, heute die Kulturwissenschaften erklären.

> Barbara Vinken

Barbara Vinken
> Die Blumen der Mode
Klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode
1. Aufl. 2016, 551 Seiten, gebunden, bedruckter Leinenband, 3-seitiger Farbschnitt, Lesebändchen, Großformat,mit s/w-Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94910-0

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Barbara Vinken
> Angezogen. Das Geheimnis der Mode„Ist der Wandel der Moden eine unvorhersehbare Laune der Kultur? Mitnichten, sagt Barbara Vinken, auch wenn wir, die diese Moden tragen, meist keine Ahnung davon haben, was wir tun, wenn wir uns anziehen. Modewandel hat System. Fragt sich nur, welches?“ steht auf dem Klappentext. Auf der Frankfurter Buchmesse hatten wir Gelegenheit, Barbara Vinken nach ihrem Buch zu befragen. Sie ist Professorin für Allgemeine -Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Gastkolumnistin in »DIE ZEIT«, »NZZ« und »CICERO« und häufig bei Gert Scobel zu Gast.“ > Bitte Weiterlesen.
4. Aufl. 2013, 255 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit farbigem Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94625-3

Lesebericht: Jeff Lenburg, Matt Groening. Der Gott der Simpsons

Dienstag, 18. Oktober 2016

Unser Gastblogger Oliver W. Steinhäuser > www.buchundmedienblog.com hat das Buch von Jeff Leburg über > Matt Groening und die Simpsons gelesen:

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Gelb, frech und ungezogen. So kennen und definieren viele Menschen die Simpsons, die Kultserie des Cartoonisten Matt Groening. Doch bevor die chaotische U.S.-Familie um Homer Simpson in die Fernsehgeschichte einging, mussten viele glückliche Zufälle eintreffen, wichtige Bekanntschaften geschlossen und Mitstreiter gefunden werden.„Der Gott der Simpsons“ beschreibt autobiografisch den Bezug Matt Groenings zum Zeichnen und Texten, den er von seinem Vater in die Wiege gelegt bekommen hatte. Der junge Matt Groening fällt mit acht Jahren auf, als er an einem Schreibwettbewerb teilnimmt. Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern erregt seine abstruse und verstörende Geschichte Aufsehen und er gewinnt den Wettbewerb. Bereits hier wird dem Leser der Charakter des Simpsons-Schöpfers deutlich: Ein Mensch abseits traditioneller Konventionen, der die Schule als einen repressiven Ort verachtet.

Erste Erfolge erlangt Groening mit seinen „Life in Hell“-Strips im Wochenmagazin „Los Angeles Reader“. Weitere Publikationen der Strips erscheinen in alternativen Wochenzeitungen und bieten ihm ein Forum zum Ausprobieren. Schon zu diesem Zeitpunkt dienen die bunten Bilder zur Verarbeitung seiner eigenen Gefühle, die er mithilfe der Bilder weniger schmerzvoll preisgeben kann.
Eines Tages schafft er den Sprung zum Fernsehen, denn seine „Life in Hell“-Comics sollen die „Ullman Show“ mit kurzen animierten Sketchen auflockern. Dazu soll er die Charaktere jedoch anpassen. In seinen Augen ein Unding. Kurzerhand schnappt er sich einen Stift und skizziert, was er als ungehobelte, hässliche und schlecht gekleidete Familie ansieht. Es ist die Geburtsstunde der Simpsons.
Jeff Lenburgs Sachbuch zur Biografie Matt Groenings klärt den Leser über die epochal wichtigen Kreuzungen und Entscheidungen Groenings auf seinem Weg zum Kultzeichner auf. Dabei legt Lenburg vor allem auf den Weg zum Erfolg viel Wert und setzt nicht erst beim Entstehen „Der Simpsons“ an. Das ermöglicht es, den Menschen hinter der genialen Idee zu verstehen, dessen Leben und Lebensstil sich mit einsetzendem Erfolg komplett wandelte. Aus der Garage, die ihm einst als Cartoon-Werkstatt diente in das eigene Büro. Inklusive Entscheidungsgewalt. Die Simpsons zeichnen Groenings unermüdliche Anpassungen jeder einzelnen Folge während ihrer Produktion aus. Nur so schaffte er eine Sitcom deren Humor und Sarkasmus sich auf verschiedene Ebenen erstreckt. Ein Humor, der sich dem Alter des Konsumenten anzupassen scheint, oder gelingt es ihm, die Konsumenten auf seinen Humor einzustimmen? Das ist sein Geheimnis. Schaut man sich als Erwachsener die Folgen an, über die man sich in seiner eigenen Jugend erfreute, stellt man nun fest, dass sie noch viel mehr Botschaften enthalten und einen echten Tiefgang haben. „Alle mögen sie Slapstick, für die Pseudointellektuellen gibt es andere schöne Sachen, und die derben Späße gefallen wiederum meinen Kindern am besten“, sagt Groening selbst.

Jeff Lenburg
> Matt Groening, Der Gott der Simpsons
Aus dem Englischen von Christina Schmutz und Frithwin Wagner-Lippok (Orig.: Matt Groening: From Spitballs to Springfield)
1. Aufl. 2016, 176 Seiten, Flexcover, mit zahlr. farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-50227-5

Lesebericht: Jon Ronson, In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Buch- und Medienblog bringt Ronsons Warnungen auf den Punkt: „Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde scheint eine Renaissance zu erfahren: Der Pranger.“ in: Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson – Veröffentlicht von Oliver W. Steinhäuser am 9.12.2016.


ronson-shitgewitternMan kennt Sartres Satz aus seinem Theaterstück: Geschlossene Gesellschaft (1944): „Die Hölle, das sind die anderen,“ den die kollektive Intelligenz auch im Artikel in der Wikipedia über dieses Theaterstück > Geschlossene Gesellschaft zitiert. Das ist einer der meist zitierten Sätze von Sartre. Und immer aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird gerne so zitiert, um zu erklären, dass Sartre gesagt habe, die Anderen seien die Hölle, was von vielen gerrne wortwörtlich verstanden wird, die Anderen sei eben immer die Hölle. So einfach ist das aber nicht. Mehrmals hat Sartre dieses Zitat zurechtgerückt, einmal im > Interview mit Jaques Chancel, wo Sartre lapidar feststellt, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, und dann auch der „Préface parlée“, in: Sartre, Théâtre complet, hrsg. von M. Contat, Paris 2005, p. 137. Selbst in der Hölle, so erklärt Sartre, selbst in dieser Beziehung zu den Anderen ist man immer frei, dort herauszukommen. „Wie auch immer der infernale Kreis beschaffen ist, in dem wir leben, ich glaube, wir sind immer frei, aus ihm auszubrechen. Und wenn die Leute das nicht machen, so tun sie das auch aus freien Stücken. So bleiben sie freiwillig in der Hölle.“ (ibid.) Es gibt Situationen, sagte Sartre zu Chancel, in denen man sich die Anderen zur Hölle machen kann, das muss aber nicht sein: > Huis clos / Geschlossene Gesellschaft – www.france-blog.info. An diesen Ausspruch von Sartre erinnert der Untertitel Wie wir uns das Leben zur Hölle machen des Buches Jon Ronson, > In Shitgewittern, das gerade bei TROPEN erschienen ist.

Soziale Netzwerke sind überhaupt nicht so sozial, wie man es sich wünschen würden. > Wie sozial sind soziale Netzwerke? www.stuttgart-fotos.de. Haben wir die Scham schon vergessen? Den Respekt vor dem Anderen? Irgendeine dumme Bemerkung auf einer FB-Seite, oder einige unüberlegte gezwitscherte Wörter können einen Sturm im Internet entfachen, Politikerkarrieren beenden auch befördern, egal wie, man kann zusehen, wie sich die Tweets gegenseitig hochschaukeln, und manchmal so dass darüber die Sache vergessen wird, dann steht nur noch der Autor der wenigen Worte selber in der Mitte der Zielscheibe. Früher wurde vielleicht besser recherchiert, geprüft und die Quellen wurden verifiziert, heute wird weniger geschrieben, mehr gepostet, früher wurde für oft für bestimmte Leser geschrieben, immer das Visier aufgeklappt, heute schreibt die schweigende kollektive Intelligenz ihre Artikel in Wikipedia, Unbekannte mit Decknamen nehmen es sich heraus, Einträge Anderer zu korrigieren oder zu löschen und die Zeitungen lassen ihre Artikel von obskuren Personen mit Pseudonymen kommentieren. Da wird heftig gestritten, beleidigt, gelobt, verrissen, immer das Visier zugeklappt. Man will sich ja nicht selbst einbringen, man will dem Anderen nur schaden. Die selbst ernannten Moralapostel sind ständig im Internet präsent, um Fehler der Anderen aufzudecken, ohne daran zu denken, dass jede Rezension immer auch den Horizont des Rezensenten aufdeckt. Und dennoch, sie erscheinen blitzschnell wie Guerilla-Kämpfer, löschen einen Eintrag, oder posten eine Schmähung, zeigen mit dem digitalen Finger auf Entgleisungen, vermeiden aber einen öffentlichen Diskurs, sondern schlagen digital zu, um gleich darauf wieder im digitalen Nirwana zu verschwinden. Nur keine Verantwortung übernehmen, aber den Anderen möglichst schädigen, ihn am Nasenring durch die Manege zu ziehen, sich selber aber bloß nicht zu zeigen. Ob es Shitstorms geben würde, wenn die Anonymität im Internet nicht möglich wäre?

Ronson erzählt haarsträubende Geschichte aus der digital-sozialen Welt und zeigt, wie man sich dagegen (nicht) wehren kann. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sich in die mehr oder weniger sozialen Netzwerke hineinziehen lässt. Muss man das heute? Man darf die Vermutung äußern, dass die Zeit, die man für die Bedienung eines sozialen Netzwerks wie FB, Twitter o. ä. aufwendet, zu 40 Prozent in die Bedienung seiner Funktionen fließt, 30 oder 40 Prozent des Zeitanteils wird damit vergeudet, unsinnige Meldungen und viel Werbung z. K. zu nehmen. 20 Prozent fließt in die Pflege und in den Gewinn der Follower. Bleiben noch 10 Prozent Gewinn oder gar nichts für die eigentliche Kommunikation. Aber wer spricht schon über unsere Tweets oder Postings in FB? Das macht man nur, wenn man selber irgendeinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt. Richtig große Zugriffszahlen bescheren nur die Skandale, die genau die vorgegebenen Funktionen oder Wege der Netzwerke respektieren. Das würde bedeuten, die Netzwerke generieren die Shitstorms? Würden sie über Zeitungen verbreitet, ohne in die Funktionalitäten wie Retweet, Likes etc. eingebunden sein, könnte man sich mit ihrem Inhalt beschäftigen, so aber pushen die Funktionen den Skandal, allein um Aufmerksamkeit die digitale Währung der Betreiber der Netzwerke, zu erheischen, je mehr Aufmerksamkeit, umsomehr Werbung, umso besser rollt der Rubel. Die Inhalte spielen keine Rolle mehr, sie werden nur selektiv zum Anstoß benutzt, der Shitstorm nährt sich aus den Funktionen des Netzwerks und bedient sich der Neugier der Follower.

Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht. Sie meldet sich aus dem digitalen Nirwana, verkündet Moral , ist aber nicht fassbar, hat keine Verantwortung und kann nicht nach ihr befragt werden: „Es war, als seien wir Soldaten in einem Krieg gegen die Verfehlungen anderer Menschen, und mit einmal waren die Kampfhandlungen eskaliert.“ (S. 99)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit „Massenhysterie“ und zitiert Le Bon (1841-1939), Die Psychologie der Massen (1895), in dem er die Stellung des Individuums in der Masse analysiert. Ob man von seinen Überlegungen zur Rasse absehen kann, um Anregungen aus diesem Buch für ein Verständnis der heutigen so sehr digital geprägten Internet-Massen zu gewinnen?

Viele der Geschichten Ronson zeugen wie die Autoren der Bemerkungen ganz unversehen (Hank, S. 120 ff) in den Shitstorm heineingezogen werden, durch Dummheit, aber auch durch eine falsche Bedienung der Funktionen: Lindsey, S: 215 ff. Sie posten Informationen, die roh von den Anderen gelesen werden, die richtige Konnotation wird nicht verstanden, die Info wird ein bisschen gedreht und schon kann der anonyme Sturm an zu blasen fangen. Was hilft es einem Politiker dann noch nachzuschieben, er sei falsch verstanden worden, so eine Bemerkung erhöht nur die Drehzahl des Sturmes.

Jon Ronson
> In Shitgewittern
Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass (Orig.: So You’ve Been Publicly Shamed)
1. Aufl. 2016, 330 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50235-0

Lesebericht: Anthony Atkinson, Ungleichheit. Was wir dagegen tun können

Donnerstag, 8. September 2016

atkinson-ungleichheitDer gerade in deutscher Übersetzung von Hainer Kober erschienene Band > > Ungleichheit. Was wir dagegen tun können von Anthony B. Atkinson ist Lehrbuch, Essay und politisches Programm zugleich. Lehrbuch, weil es die Anwendung wirtschaftstheoretischer Grundsätze vorträgt, erläutert und abwägt. Essay, weil es das Thema Ungleichheit von mehreren Seiten umkreist, um dann in Sinne eines politischen Programms daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, die der Autor in der Form von 15 „staatlichen“ (vgl. S. 8) Vorschlägen zur Verringerung der Ungleichheit (S. 303-307) zusammenfasst.

> Das Symposium »Ungleichheit im 21. Jahrhundert. Fortschritt, Kapitalismus und globale Armut« findet am 12. und 13. September 2016 im Haus der Berliner Festspiele statt.

Atkinsons Buch beeindruckt mit der Präzision seiner Überlegungen und folglich auch mit wohlüberlegten Begründungen seiner Vorschläge, die er im dritten Teil des Buches mit den möglichen Einwänden konfrontiert. Das Buch richtet sich an Wirtschaftswissenschaftler, Politiker, Studenten, soll aber auch aufrütteln, denn das Thema Ungleichheit wurde vom Pew-Forschungsinstitut 2014 nach einer Befragung „nach der größten Bedrohung der Welt“ als eine Sorge identifiziert, die alle anderen Sorgen in den Schatten stellt. Geschichte dient ihm als Lehrmeister, um die wirtschaftlichen Umstände aus der Verteilungsperspektive neu zu bewerten, mit dem Ziel die Ungleichheit zu reduzieren. Sein Credo lautet, wir sind gegenüber den Kräften, die der Einzelne nicht beherrscht keineswegs hilflos: „Die Zukunft liegt in unserer Hand.“ (S. 7)

atkinson-ungleichheitDer erste Teil stellt eine Diagnose vor und fragt nach den Zeiten, in denen die Ungleichheit zurückging? Das ist die Gretchenfrage, findet man die, kann man daraus lernen, was zur Reduktion der Ungleichheit führte. Jeder Gedanke an die Reduzierung der Ungleichheit muss dabei die Frage nach dem Erhalt der Arbeitsplätze und des Wirtschaftswachstum im Blick behalten. Klar definierte Begriffe sind Atkinsons Arbeitsgrundlage: Geht es um Chancen- oder Ergebnisungleichheit? Der wirtschaftliche Wandel der letzten hundert Jahre rückt die entscheidenden Dimensionen der Ungleichheit in den Blick. Die Verbesserung der empirischen Daten haben den Ansatz dieses Buches ermöglicht. Auf den Rückgang der Ungleichheit nach 1945 folgte in den 80erJahren die „Ungleichheitswende“, deren Ökonomie im 3. Kapitel diskutiert wird. Unwillkürlich stellt man sich die Frage, ob unsere Politiker, die im 4-Jahres-Rhythmus der Wahlen verfangen sind, da etwas verpasst haben. Längerfristige Entscheidungen werden von ihnen gerne aufgeschoben, so wie das Thema Steuergerechtigkeit oder gar die Absenkung der Kalten Progression oder sogar noch eine Steuerreform unserem Finanzminister immer erst kurz vor den Wahlen wieder einfällt, bevor man nach den Wahlen zum Tagesgeschäft übergeht. Der zweite Teil enthält die Handlungsvorschläge, die alle Ressorts der Regierung betreffen. Der technische Wandel, Marktstruktur und Gegenmacht, wie die Definition des Arbeitsmarktes werden dabei thematisiert. Kapitel 7 und 8 gehen ins Detail der progressiven Besteuerung und untersuchen die Vor- und Nachteil des Bürgergelds. Im dritten Teil werden Dimensionen der Machbarkeit der Vorschläge untersucht.

Gut, dass Twitter uns oft hilft:

Atkinson betont ausdrücklich, dass dieses Buch auch „seine Gedanken über den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaftslehre“ (S. 12) zusammenfasst, der er die Ausklammerung von Verteilungsproblemen ankreidet. Er wünscht sich, dass „Laien mit einem Interesse für Wirtschaft und Politik“ sein Buch lesen werden. Es kommen auch wirklich keine komplizierten Formeln vor, und der Leser kann sich auf eine einleuchtende Lektüre freuen.

atkinson-ungleichheitDie Verringerung der Ungleichheit ist als „Bewegungsrichtung“ (S. 17) zu verstehen nicht als Ziel. Dabei muss der Ergebnisungleichheit mehr Aufmerksamkeit als bisher gewidmet werden, wobei zwischen kompetitiver und nicht kompetitiver Chancenungleichheit unterschieden werden muss. Dabei geht es auch um Preise und ihre Unterschiede auch in sozialer Hinsicht, folglich muss die Preisstruktur berücksichtigt werden. Daten sind eine unerlässliche Grundlage für die Wirtschaftstheorien. Einer der wichtigsten Koeffizienten ist der Gini-Koeffiient (Corrado Gini, 1884-1965), mit dem die Ungleichheit gemessen wird. (Vgl. S. 27 und > Gini-Koeffizient – Wikipedia) der mti einer Zahl einen Ungleichheitsindex ausdrückt. Wendet man ihn für die Betrachtung auf längere Zeiträume in einem Land an, werden Entwicklungen der Einkommensverteilung deutlich. Vergleicht man dann die Ergebnisse mehrerer Länder untereinander, können Auffälligkeiten erkannt und interpretiert werden. Steigenden Einkommensstreuung und Ungleichheit des Verbrauchs sind weitere Faktoren für die Ungleichheit. Kapitel 2 „Aus der Geschichte lernen“ (S. 63-109) beruft sich auf Haushaltserhebungen zeigt, dass in den westeuropäischen Staaten der Wohlfahrstaat in den achtziger Jahren an seinen Grenzen gestoßen ist, wofür u. a. Einschnitte in den Sozialleistungen verantwortlich waren. (vgl. S. 91) Und noch vor kurzem hat die Bundesregierung die Rente mit 63 eingeführt, was zu einer ungerechten Belastung kommender Generationen führen wird. Atkinsons Diagnose: „Die Lohnquote am Volkseinkommen nimmt zu, die Ungleichheit des Kapitaleinkommens nimmt zu, während die Ungleichverteilung des Lohneinkommens abnimmt.“ (S. 92) – Auf einem anderen Blatt steht die wirtschaftliche Ungleichheit, die von Faktoren wir die Globalisierung, dem Finanzleistungssektor und u.a. von der veränderten Lohnpolitik bestimmt wird. Die strikte Trennung der ersten beiden Teile trägt die Diagnose in Form eines Lehrbuchs für Wirtschaftstheorie vor und macht aus den Vorschlägen zum Handeln im zweiten Teil ein politisches Programm.

Die steigende Ungleichheit sei nur reduzierbar, wenn die Ungleichheit im Markt gesenkt werde, so Atkinson, deshalb wird er im Folgenden die Marktkräfte, die das Markteinkommen aus Arbeit und Kapital bestimmen, um sich dann den Steuern und Ausgaben zu widmen. Besonders interessant sind seine Erklärungen zur Bedeutung des Humankapitals im Rahmen des technologischen Fortschritts, hier legt er Stellschrauben offen, die kurzsichtige Politiker nicht im Blick haben. (S. 152 ff). Vorschlag 1. Die Politik solle Innovationen fördern, die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen verbessern. (Wir fassen hier im Folgenden nur einzelne Vorschläge zusammen) Zwar konzentriert sich Atkinson auf staatliche Maßnahmen zur Reduzierung der Ungleichheit, aber er hat sehr wohl dabei auch die Verzerrung durch Wirtschaftssektoren im Blick. (Vgl. S. 158 ff) Der 2. Vorschlag zielt auf angemessene Machtverhältnisse zwischen den Interessengruppen. In Sciences-Po wurden uns in einer Vorlesung von Casanova einmal alle Bestimmungsfaktoren erläutert, die den Begriff Arbeitslosigkeit ausmachen, die den Politikern einen weiten Spielraum bieten, auf diese Statistiken auch kurzfristig einzuwirken.. Daran denke ich bei der Lektüre des Kapitel 5, in dem Atkinson die Auswirkungen der zunehmenden atypischen Arbeitsverhältnisse erläutert. Jetzt wird es kompliziert: Atkinson will, dass der Staat (Vorschlag 3) öffentlich garantierte Arbeitsplätze zu einem Mindestlohn anbietet. Arbeitsbeschaffungsprogramme und öffentliche Investitionen sind seine Stichworte. Vorschlag 4 mit der nationalen Lohnpolitik, die zwei Elemente mit dem Mindestlohn und einer Richtlinie für eine Ergänzung über dem Mindestlohn bietet, ergänzt Vorschlag 3.

„Staatliche Sparbriefe mit einem garantierten Realzinssatz auf Ersparnisse“ in Zeiten negativer Zinsen? 6. Mit der Volljährigkeit erhält jeder eine Kapitalausstattung. Eine öffentliche Investitionsbehörde soll einen Staatsfonds verwalten und den Nettowert des Staates erhöhen. Alle weiteren Maßnahmen – vgl. die Zusammenfassung S. 304-307 – konzentrieren sich auf die Besteuerung und die Sozialgesetzgebung.

Die Aussichten für die Realisierung seiner Vorschläge sind düster, wenn in Berlin selbst kleine Drehungen an der Steuerschraube nur als als (mögliches) Programm nach der nächsten Wahl vage in Aussicht gestellt werden und unserer Politik sich zu durchgreifenden Reformen außerstande sehen. Bei uns träumt jeder Steuerzahler nach dem Papierkrieg mit dem Finanzamt von einer grundlegenden Steuerreform, die uns wieder Zeit für Wesentlicheres lässt.

„Den Kuchen schrumpfen lassen?“ und die Frage „Hindert uns die Globalisierung am Handeln? zusammen mit der bangen Frage vieler „Können wir uns das leisten?“ nutzt Atkinson, um die Perspektiven seiner Vorschläge zu präzisieren und gegen Einwände zu verteidigen. Er glaubt, dass wir keineswegs den Effekten der Globaliserung passiv und schutzlos ausgeliefert seien. Es sei eine Sache der Staaten und damit auch von uns darauf zu reagieren. (vgl. S. 349)

Ein Glossar S. 399-404 und ein Index mit der Bibliographie ergänzen den Band.

atkinson-ungleichheitAnthony B. Atkinson
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Ungleichheit. Was wir dagegen tun können – Erscheinungsdatum: 27.08.2016
Aus dem Englischen von Judith Elze (Orig.: Inequality. What Can Be Done)
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94905-6

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