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Archiv für die Kategorie 'Technik'

Tagung in Siggen: Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Aus Anlass der Tagung > „Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter“ vom 10.-16. Oktober 2016 der Redaktion Merkur

erinnern wir an unsere Beiträge zum Publizieren im digitalen Zeitalter:


> Muss man das Urheberrecht beschränken? 30. August 2016

> Man darf nicht mit dem Urheberrecht spielen – 7. Juni 2016

> Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können – 10. Juni 2015

> Wissen und Nicht-Wissen im digitalen Zeitalter und das Ende der Zeitung – 5. Februar 2016

> Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand – 13. Januar 2015

> DEBATTEN: Die Zukunft des Verlagswesens im Zeitalter der Digitalisierung. Europäische Erfahrungen im Vergleich – 17. Oktober 2014

> Digital ist nicht gleich kostenlos Verleger dringen auf das Urheberrecht auch im Internet – 8. Juni 2009

> Digital und kostenlos? Open Access 2. Mai 2009

> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009

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Und auf > www.france-blog.info:

> Gare à la gratuité scientique ! – 9. März 2016

> Essai. Lernen und Studieren mit dem Internet – 30. September 2016

Lesebericht: Jon Ronson, In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Buch- und Medienblog bringt Ronsons Warnungen auf den Punkt: „Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde scheint eine Renaissance zu erfahren: Der Pranger.“ in: Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson – Veröffentlicht von Oliver W. Steinhäuser am 9.12.2016.


ronson-shitgewitternMan kennt Sartres Satz aus seinem Theaterstück: Geschlossene Gesellschaft (1944): „Die Hölle, das sind die anderen,“ den die kollektive Intelligenz auch im Artikel in der Wikipedia über dieses Theaterstück > Geschlossene Gesellschaft zitiert. Das ist einer der meist zitierten Sätze von Sartre. Und immer aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird gerne so zitiert, um zu erklären, dass Sartre gesagt habe, die Anderen seien die Hölle, was von vielen gerrne wortwörtlich verstanden wird, die Anderen sei eben immer die Hölle. So einfach ist das aber nicht. Mehrmals hat Sartre dieses Zitat zurechtgerückt, einmal im > Interview mit Jaques Chancel, wo Sartre lapidar feststellt, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, und dann auch der „Préface parlée“, in: Sartre, Théâtre complet, hrsg. von M. Contat, Paris 2005, p. 137. Selbst in der Hölle, so erklärt Sartre, selbst in dieser Beziehung zu den Anderen ist man immer frei, dort herauszukommen. „Wie auch immer der infernale Kreis beschaffen ist, in dem wir leben, ich glaube, wir sind immer frei, aus ihm auszubrechen. Und wenn die Leute das nicht machen, so tun sie das auch aus freien Stücken. So bleiben sie freiwillig in der Hölle.“ (ibid.) Es gibt Situationen, sagte Sartre zu Chancel, in denen man sich die Anderen zur Hölle machen kann, das muss aber nicht sein: > Huis clos / Geschlossene Gesellschaft – www.france-blog.info. An diesen Ausspruch von Sartre erinnert der Untertitel Wie wir uns das Leben zur Hölle machen des Buches Jon Ronson, > In Shitgewittern, das gerade bei TROPEN erschienen ist.

Soziale Netzwerke sind überhaupt nicht so sozial, wie man es sich wünschen würden. > Wie sozial sind soziale Netzwerke? www.stuttgart-fotos.de. Haben wir die Scham schon vergessen? Den Respekt vor dem Anderen? Irgendeine dumme Bemerkung auf einer FB-Seite, oder einige unüberlegte gezwitscherte Wörter können einen Sturm im Internet entfachen, Politikerkarrieren beenden auch befördern, egal wie, man kann zusehen, wie sich die Tweets gegenseitig hochschaukeln, und manchmal so dass darüber die Sache vergessen wird, dann steht nur noch der Autor der wenigen Worte selber in der Mitte der Zielscheibe. Früher wurde vielleicht besser recherchiert, geprüft und die Quellen wurden verifiziert, heute wird weniger geschrieben, mehr gepostet, früher wurde für oft für bestimmte Leser geschrieben, immer das Visier aufgeklappt, heute schreibt die schweigende kollektive Intelligenz ihre Artikel in Wikipedia, Unbekannte mit Decknamen nehmen es sich heraus, Einträge Anderer zu korrigieren oder zu löschen und die Zeitungen lassen ihre Artikel von obskuren Personen mit Pseudonymen kommentieren. Da wird heftig gestritten, beleidigt, gelobt, verrissen, immer das Visier zugeklappt. Man will sich ja nicht selbst einbringen, man will dem Anderen nur schaden. Die selbst ernannten Moralapostel sind ständig im Internet präsent, um Fehler der Anderen aufzudecken, ohne daran zu denken, dass jede Rezension immer auch den Horizont des Rezensenten aufdeckt. Und dennoch, sie erscheinen blitzschnell wie Guerilla-Kämpfer, löschen einen Eintrag, oder posten eine Schmähung, zeigen mit dem digitalen Finger auf Entgleisungen, vermeiden aber einen öffentlichen Diskurs, sondern schlagen digital zu, um gleich darauf wieder im digitalen Nirwana zu verschwinden. Nur keine Verantwortung übernehmen, aber den Anderen möglichst schädigen, ihn am Nasenring durch die Manege zu ziehen, sich selber aber bloß nicht zu zeigen. Ob es Shitstorms geben würde, wenn die Anonymität im Internet nicht möglich wäre?

Ronson erzählt haarsträubende Geschichte aus der digital-sozialen Welt und zeigt, wie man sich dagegen (nicht) wehren kann. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sich in die mehr oder weniger sozialen Netzwerke hineinziehen lässt. Muss man das heute? Man darf die Vermutung äußern, dass die Zeit, die man für die Bedienung eines sozialen Netzwerks wie FB, Twitter o. ä. aufwendet, zu 40 Prozent in die Bedienung seiner Funktionen fließt, 30 oder 40 Prozent des Zeitanteils wird damit vergeudet, unsinnige Meldungen und viel Werbung z. K. zu nehmen. 20 Prozent fließt in die Pflege und in den Gewinn der Follower. Bleiben noch 10 Prozent Gewinn oder gar nichts für die eigentliche Kommunikation. Aber wer spricht schon über unsere Tweets oder Postings in FB? Das macht man nur, wenn man selber irgendeinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt. Richtig große Zugriffszahlen bescheren nur die Skandale, die genau die vorgegebenen Funktionen oder Wege der Netzwerke respektieren. Das würde bedeuten, die Netzwerke generieren die Shitstorms? Würden sie über Zeitungen verbreitet, ohne in die Funktionalitäten wie Retweet, Likes etc. eingebunden sein, könnte man sich mit ihrem Inhalt beschäftigen, so aber pushen die Funktionen den Skandal, allein um Aufmerksamkeit die digitale Währung der Betreiber der Netzwerke, zu erheischen, je mehr Aufmerksamkeit, umsomehr Werbung, umso besser rollt der Rubel. Die Inhalte spielen keine Rolle mehr, sie werden nur selektiv zum Anstoß benutzt, der Shitstorm nährt sich aus den Funktionen des Netzwerks und bedient sich der Neugier der Follower.

Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht. Sie meldet sich aus dem digitalen Nirwana, verkündet Moral , ist aber nicht fassbar, hat keine Verantwortung und kann nicht nach ihr befragt werden: „Es war, als seien wir Soldaten in einem Krieg gegen die Verfehlungen anderer Menschen, und mit einmal waren die Kampfhandlungen eskaliert.“ (S. 99)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit „Massenhysterie“ und zitiert Le Bon (1841-1939), Die Psychologie der Massen (1895), in dem er die Stellung des Individuums in der Masse analysiert. Ob man von seinen Überlegungen zur Rasse absehen kann, um Anregungen aus diesem Buch für ein Verständnis der heutigen so sehr digital geprägten Internet-Massen zu gewinnen?

Viele der Geschichten Ronson zeugen wie die Autoren der Bemerkungen ganz unversehen (Hank, S. 120 ff) in den Shitstorm heineingezogen werden, durch Dummheit, aber auch durch eine falsche Bedienung der Funktionen: Lindsey, S: 215 ff. Sie posten Informationen, die roh von den Anderen gelesen werden, die richtige Konnotation wird nicht verstanden, die Info wird ein bisschen gedreht und schon kann der anonyme Sturm an zu blasen fangen. Was hilft es einem Politiker dann noch nachzuschieben, er sei falsch verstanden worden, so eine Bemerkung erhöht nur die Drehzahl des Sturmes.

Jon Ronson
> In Shitgewittern
Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass (Orig.: So You’ve Been Publicly Shamed)
1. Aufl. 2016, 330 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50235-0

Man darf nicht mit dem Urheberrecht spielen

Dienstag, 7. Juni 2016

Öffentlich geförderte Publikationen sollen nach einer gerade durch die Minister des EU-Wettbewerbsrats verkündeten Richtlinie auf Open Access umgestellt werden, das soll für naturwissenschaftliche Publikationen nach sechs Monaten, für geisteswissenschaftliche Publikationen nach zwölf Monaten gelten. Vgl. Th. Thiel, Willkommen im geschlossenen System, FAZ 7.6.2016. Rechtlich bindend ist die Vereinbarung nicht, kein Mitgliedsland muss sie umsetzen.

Die Motivation für diese Richtlinie soll der Ärger über Verlage sein, die sich an öffentlich geförderten Publikationen bereichern. Das ist aber ein ideologisch getriebener Ärger oder Misstrauen. Es ist keinesfalls auch nur annähernd ein Kavaliersdelikt, wenn ein Verlag mit einer Publikation Gewinne macht, denn wissenschaftliche Zeitschriften entstehen nicht ohne Kosten, das dürfte allgemein anerkannt sein. Ein solches Misstrauen den Verlagen gegenüber ist kein hinreichender Grund, den Autoren die Wahl ihres Publikationsortes und das Recht auf ihre Daten zu entziehen.

Öffentlich gefördert… ? Schon diese Definition ist viel zu schwammig, um den Status einer Publikation zu bestimmen, oder die Publikationen auszumachen, für die der oben genannten genannte Zwang, die Daten einem Open-Access-System gegen eine Pflichtgebühr zu übermitteln gilt. Eine Publikation entsteht nie allein aus öffentlicher Förderung. Auch wenn öffentliche Gelder für ein Projekt zur Verfügung stehen, so bringt jeder Wissenschaftler gehörig viel Wissen mit, dessen Erwerb er alleine finanziert hat. Eine Grenze, ab wann eine wissenschaftliche Publikation dem Staat gehört, kann gar nicht bestimmt werden. Bedroht ist die Freiheit der Wissenschaft.


In unserem Lesebericht hieß es: „> Johann Friedrich Cotta. Der Verleger der deutschen Klassik: Die Hand über der ganzen Welt. Das Buch hat mich in den letzten zwei Wochen dauernd begleitet. Folgt man dem Einsatz des Verlegers für seine Autoren, zu denen unter vielen anderen auch Schiller und Goethe gehörten, seinem Geschick mit den Behörden umzugehen, seiner immer größeren Erfahrung die Buchproduktion seines schnell wachsenden Verlages zu steuern, seinem wunderbaren Gespür neue Autoren aufzuspüren, seinen finanziellen Rechnungen, dann wird deutlich, dass es eine Gratiskultur auch im Buchhandel kaum geben kann.“

Peter Kaeding
Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik
1. Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen
496 Seiten – ISBN: 978-3-7681-9712-0


Die Anhänger von Open Access unterschätzen die Rechte der Autoren und die Aufgaben der Verlage. Der Zwang, der hinter dieser Richtlinie steckt, den Autoren die Wahl des Publikationsortes ihrer Arbeiten zu entziehen, ist ärgerlich und kein „Befreiungsschlag“ für die Wissenschaft, wie Thiel meint. Jeglicher staatlicher Dirigismus sollte sich aus der Wissenschaft heraushalten. Wissenschaftliche Zeitschriften mit und ohne langer Tradition, mit einem Herausgebergremium oder einem Herausgeber, mit einem Programm von Artikeln, Rezensionen und z.B. Liste der neu eingegangenen Publikationen leistet mit der Auswahl der Inhalte einschließlich den verlagseigenen Marketingabteilung, die die Publikation auf den Weg bringt, der Wissenschaft einen größeren Dienst als das Versenken eines Artikels im öffentlichen Raum. > Gare à la gratuité scientique !.

Ist Open Access eine Art Super-Verlag mit offenen Türen, wo sich jeder Leser kostenlos bedienen kann? Werden Autoren wirklich verpflichtet, die Daten ihrer Publikationen einem solchen öffentlichen Haus zu übergeben? Wie man dies dreht und wendet, ohne Zweifel werden dabei Verlag auf der Strecke bleiben. Staatlicher Dirigismus wird die Verlagslandschaft ausdünnen, falls der Gesetzgeber der Richtlinie folgt und vielleicht schon das Gehalt eines Wissenschaftlers als öffentliche Förderung seiner Publikationen definiert.

> http://blog.klett-cotta.de/websites/digital-und-kostenlos-open-access/ – 2. Mai 2009

> Gare à la gratuité scientique ! – 9. März 2016

> Réformer le droit d’auteur ? – 21 März 2015

> Das Internet ist nicht das Ende der Bibliotheken – 10. Februar 2016

Google und das Scannen von Büchern

Mittwoch, 20. April 2016

Patrick Bahners, > Google Books Jetzt geht’s erst richtig los, FAZ 20. April 2016

Der Supreme Court erlaubt weiterhin Google, Bücher zu digitalisieren. Das Urteil ist eine gute Gelegenheit, an das vor 10 Jahren rezensierte Buch von > Jean-Noël Jeanneney > Quand Google défie l’Europe. Plaidoyer pour un sursaut, Editions Mille et une nuits, Paris 2005, zu erinnern: „Jeanneney gibt zwar eine gewisse Bewunderung gegenüber den Begründern von Google zu, will aber der Passivität, mit der vor allem in Europa ihrer Herausforderung begegnet wird, nicht hinnehmen. Die Aufgaben der Bibliothekare und Buchhändler werden mit der zunehmenden Digitalisierung in dem Maße nur noch größer, wie die technische Entwicklung den Unterschied von bloßer Information und überprüften Wissen ständig weiter vergrößert. Jeanneney stellt prinzipielle Fragen. Kann dieses System des Suchens, so wie Google Print es präsentiert, den Ansprüchen, die die Kultur fordert, überhaupt gerecht werden?“ Google fordert uns alle immer noch heraus. Warum akzeptieren wir Europäer, dass ein amerikanisches Unternehmen es sich anmaßt, auch urheberrechtlich geschützte Bücher einscannen zu und sie durchsuchbar machen zu dürfen… das ist os wie mit S21, man baut und abute, und obwohl der bahn noch Teilbenehmigungen fehlen, die werden kommen, weil man ja schon baut und baut. Digital geht, alles wird gescannt, was das Zeug hält, der Zug der zeit wird es schon legalisieren, sagt Google sich und uns.

In der Rezension über das Buch von Jean-Noël Jeanneney hieß es: „Jeanneneys Aufruf zeigte schnell Wirkung. In einer Botschaft haben sich Frankreich, Polen, Italien, Spanien, Ungarn und Deutschland am 28. April 2005 an den Präsidenten den europäischen Rates Jean-Claude Juncker und an den Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Durao Barroso, gewandt. 19 National- und Universitäts-Bibliotheken in Europa haben den Appell der französischen Nationalbibliothek unterzeichnet, um eine drohende geistige und kulturelle Vorherrschaft der USA zu verhindern.“ Huete enthält die > http://www.europeana.eu/portal/ „52,557,036 Kunstwerke, Artefakte, Bücher, Videos und Audios aus ganz Europa“.


Dieser Beitrag ist schon wieder ein willkommener Anlass, an die Aufgaben eines Verlages zu erinnern, die auch im digitalen Zeitalter trotz der wertvoillen Unterstutzung durch > soziale Netzwerke nichts von ihrer Bedeutung für die Verbreitung von Büchern eingebüßt haben. Verlegerarebeit, die berherrschte Friedrich Cotta vorzüglich. Im Lesebericht: Johann Friedrich Cotta, Ein Leben für die Literatur Darin heißt es u.a.: „Die Autoren verlangen zur Recht ihr Honorar und kennen sehr wohl den Wert ihrer Werke, die Lieferanten wollen Geld sehen, die Buchhändler sind an ihren Rabatten interessiert und der Verleger wiederum kämpft für alle zusammen gegen die Raubdrucke und den Druckfehlerteufel: Hier die korrigierte Fassung mit neuen Druckfehlern schrieb er einmal. Kein Glied der ganzen Produktionskette, mit der das Wissen verbreitet wird, arbeitet kostenlos.“

Peter Kaeding
> Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik
1. Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen
496 Seiten
ISBN: 978-3-7681-9712-0


Patrick Bahners zitiert Richter Leval, der der Auffassung ist, dass Autoren kein Monopol auf Informationen hätten, die in ihren Büchern stehen würden. Und Google Books sei nur ein „Schlagwortkatalog des Weltbuchbestandes“ steht bei Bahners. Klar, so was ersetzt nicht die Lektüre der Bücher, auch wenn Studenten in Versuchung geraten, schnell noch ein schönes Zitat für irgendeine Stelle ihrer Arbeit mittels Google-Books zu suchen.

> Open Access ist ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaften, Google ist ein ständiger Angriff auf das Urheberrecht.

In Frankreich war > www.gallica.fr eine Antwort auf die von Jean Noël Jeanneney beklagte Strategie von Google. Hier werden die Urheberrechte akzeptiert und berücksichtigt, und außerdem ist mit Gallica eines der besten Angebote einer Online-Bibliothek im Internet entstanden. Man könnte beinahe schon ein Buch schreiben, indem man sich nur online auf Gallica tummelt, aber die Bibliographie von > Napoleon III. Macht und Kunst, belegt, das das nicht möglich ist.

Wenn Verlage Google gestatten, auszugsweise ihre Bücher in Google-Books anzuzeigen, ist das eine Marketingentscheidung. Wenn ich aber meine Texte in Google-Books wiederfinde, auch wenn die Verlage möglicherweise Google das erlaubt haben, stört mich das sehr, weil ich nicht mehr entscheiden kann, wer, wo und wann meine Texte zu seinem Vorteil nutzen nutzen darf, denn jeder Text den Google verwendet, stärkt seine Inhalte und seien Werbeeinnahmen, warum honoriert Google uns eigentlich nicht > für unsere Inhalte?

Oder soll man doch lieber jubeln wie Andreas Rosenfelder in der WELT? > Google ist die Rettung für alle verkannten Genies, weil wir ohne Google das „Handbuch der Dicht- und Redekunst“ von 1798 nicht kennen würden? Alte Bücher, für die das Urheberrecht nicht mehr gilt, bietet Gallica auch zum Herunterladen und zum Durchsuchen an. Es geht uns in diesem Beitrag um das Urheberrecht, das es stets und ständiger Aushöhlung zu bewahren gilt.

Darf ich auch mal fahren?
Lesebericht: H. von Krosigk, H. Tscharn, Absolute Street

Freitag, 16. Mai 2014

Von > Holger von Krosigk und Helge Tscharn gibt es bei TROPEN ein neues Skateboard-Buch > Absolute Street. Skateboard Streetstyle Book. Der Blick in das Inhaltsververzeichnis von Frontside über Noselide, Feeble Grind, Nollie, Kickflip, Fakie und sogar Wallride macht aus diesem Buch für mich eher ein Zuguckbuch aber ein sehr spannendes. Was für eine Power und Technik dahintersteckt, wenn man hinter sich vor dem Stuttgarter Kunstmuseum oder auf der Kölner Domplatte, das charakteristische Knallen des Holzbrettes beim OLLIE hinter sich donnern hört „Leichtfüßig bleiben!“, wenn der Fahrer, nur mal eben gewendet hat. Skateboardfahrer sind freundliche Zeitgenossen, immer wenn ich sagte, ich möchte auch mal… wurde mir sofort das Board hingehalten, wenn auch die Besitzer ein Grinsen sich nicht verkneifen konnten. Wenn Sie dieses Buch durchgelesen haben, werden Sie beim nächsten Gang über die Domplatte aber schon ein bisschen neidisch gucken.

Beim Zugucken reicht der Sportmodus der Kamera so eben aus. FRONTSIDE 180 OLLIE verlangt Serienfotos, dann ist das Ergebnis so gut wie hier auf Seite 59: „Mit den Füßen über den Achsen landen und abfedern“. Skateboardfahren besteht aus Gleiten und Drehen: WHEELIES (Manauls). Guckt man sich Bilder an, versteht man, wieso der hintere Teil des Boards etwas nach oben gezogen ist: „Hoch genug über die Kante springen.“ Wenn da so eine Bank herumsteht, dann empfiehlt sich ein fixer 50-50 GRIND: „Etwas höher als die Kante ollien, das gibt Sicherheit und die nötige Zeit, das Board in die richtige Position zu bringen.“

NOSLIDE, nicht oben drauf, sondern flugs rüber: „Jetzt ganz auf die Nose Stellen.“ BOARDSLIDE bietet sich ein,wenn so eine Stange als Begrenzung im Weg steht: „Vor dem Abgang die Schultern ein wenig backside drehen…“

Ist gerade nichts in der Nähe kommt ein 360 KICKFLIP prima, wegen dem erschrecke ich mich immer so doll, wenn von hinten einer mit dieser Figur angesaust kommt. FRONTSIDE NOLLIE KICKFLIP ist dann die Steigerung. WALLRIDE probiere ich besser nicht aus, sonst hat der Blog nen Monat Pause.

Bei jedem Treppenaufgang werde ich künfitg mit geübtem Blick prüfen, ob hier ein schneller NOSLIDE am HANDRAIL nicht angezeigt wäre. Ein echter Hingucker „Er steht souverän in diesem NOSLIDE,“ würden die Zuschauer sagen und vergessen auf den Auslöser zu drücken.

Mit dem FRONTSIDE BOARDSLIDE an einem CURB sind wir auf der Domplatte: „Versucht zu sliden, ohne mit den vorderen Rollen hängenzubleiben,“ das empfiehlt sich, dann sieht das richtig gut aus. Wenn einer Tischtennisplatte (aus Beton) herumsteht, muss sie kein Hindernis sein: Ollie auf einer Tischtennisplatte: S. 160 f.

Nee, OLLIE 7 Stufen: „Leicht in die Hocke gehen und abspringen.“ Vielleicht übe ich nur dort, wo niemand zusieht. Die Leichtigkeit, mit der das Stadtmobilar vom Skater in diesem Buch als Schiene benutzt wird, macht schon Bock auf solches Fahren.

Darf ich auch mal?

>Holger von Krosigk, > Helge Tscharn
> Absolute Street. Skateboard Streetstyle Boo
1. Aufl. 2014, 272 Seiten, broschiert, mit über 650 Fotos und Tricks zum Selberlernen
ISBN: 978-3-608-50328-9

Erklärung „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ von Deutscher Kulturrat, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Syndicat national de l’édition und Syndicat de la Librairie Française

Montag, 16. September 2013

Am 9. September 2013 haben das Büro für Buch- und Verlagswesen der französischen Botschaft in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, der Frankfurter Buchmesse, dem Deutschen Kulturrat und dem internationalen literaturfestival berlin in Berlin das Buchforum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas” ausgerichtet. Hochkarätige Gäste aus Kultur und Politik diskutierten mit Verlegern und Buchhändlern und Schriftstellern in der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin über wichtige Fragen, die sich aus der Digitalisierung der Bücher ergeben: Wie entwickelt sich der Buchsektor im Umfeld des schnell wachsenden E-Bookmarktes? Welche politischen Ansätze gibt es zur Unterstützung des Buches? Welche Rolle kann und muss Europa dabei spielen?

Die Ergebnisse dieses Forums wurden in einer gemeinsamen Erklärung, die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., vom Deutschen Kulturrat sowie vom Syndicat National de l’Edition unterzeichnet wurde, zusammengefasst. In dieser Erklärung heißt es u.a.: “Die Entwicklung des digitalen Buchmarktes in Europa ist eine große Chance für eine Branche, deren Aufgabe das Schaffen und Verbreiten von Inhalten ist. In ganz Europa arbeiten Verlage und Buchhandlungen an der Entstehung und Umsetzung von neuen Geschäftsmodellen und Initiativen, die sich durch die Digitalisierung von Büchern und Lesestoffen eröffnen.” Die vier Verbände richten ihre Forderungen an die Adresse der Regierungen Deutschlands und Frankreichs: “Die in 11 Ländern der Europäischen Union geltende Buchpreisbindung ist unantastbar und darf ebenso wie andere nationale Maßnahmen zum Erhalt der kulturellen Vielfalt nicht Gegenstand internationaler Handelsabkommen werden. Sie ist darüber hinaus als Instrument zur Stärkung des Bucheinzelhandels auch für andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union empfehlenswert.” Sie fordern, “die EU-Mehrwertsteuerrichtlinie dahingehend anzupassen, dass die Mitgliedstaaten den reduzierten Mehrwertsteuersatz auch auf elektronische Bücher anwenden können.” Sie drücken ihr Sorge vor zunehmenden “Wettbewerbsverzerrungen durch einseitige Steuervorteile, wie sie z.B. durch eine entsprechende Firmensitzpolitik international tätiger Unternehmen entstehen” aus, die beseitigt werden sollten. Mit großem Nachdruck erinnern die vier Verbände an die Bedeutung des Urheberrechts: ”Das Autorenrecht ist der Kern des europäischen Urheberrechts. Der Urheber steht im Mittelpunkt dieses Rechts, er allein entscheidet, ob und wie sein Werk veröffentlicht wird. Dieser Grundsatz des europäischen Urheberrechts muss auch in der digitalen Welt mit ihren neuen Publikationsmöglichkeiten Bestand haben und darf nicht durch Anpassungen an die digitalen Gegebenheiten aufgeweicht werden.” Hervorhebung H.W.

> Erklärung „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ von Deutscher Kulturrat, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Syndicat national de l’édition und Syndicat de la Librairie Française

> Französische Botschaft lud zum Forum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas“ – Frankreich-Blog 12. September 2013 von H. Wittmann

Lesebericht: Douglas Coupland, JPod

Dienstag, 6. September 2011

> JPod erinnert mich an frühere Zeiten, in denen ich als Produktmanger in einem Softwareunternehmen, die Herstellung Computerlernspielen betreut habe. Jede Änderung am Code verlangte stets von neuem das Durchprüfen aller Funktionen. Dabei ging das Spiel in Routine über, und die Wirklichkeit war immer nahe daran sich virtuell aufzulösen. Genau diesen Übergang zwischen den Geschichten des täglichen Lebens zur virtuellen Welt der Computerspiele nimmt Douglas Coupland ins Visier. Die Notwendigkeiten der internen Organisation des Unternehmens, das die Spiele herstellt, verlangt straffe Hierarchien und die Arbeitsorganisation färbt auf das soziale Verhalten der Mitarbeiter ab. Sie passen sich ihrem Arbeitsplatz an und den Produktionszyklen an. Eigene Initiative ist nicht gefragt, der Code des Spieles würde sich im Chaos auflösen. Coupland zeigt die Gradwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg des Teams, das nur in der Summe funktionieren kann. Neue Mitarbeiter merken bald, wie ihre Kollegen von „verschiedenen Formen eines leichten Autismus geplagt werden“ (S. 329) Das geht sogar so weit, dass man sie auch als „High-Functioning-Autisten“ (ib.) bezeichnen kann. Das ist keine Krankheit, sondern eine Art Teil ihrer Persönlichkeit. Eigentlich sind sie ganz normal, aber dann auch wieder in bestimmten Situationen irrsinnig leicht reizbar. Vielleicht hängt das mit der Reizarmut in den virtuellen Welten zusammen, die den verstärkten Ansturm irdischer Empfindungen als Bedrohung wahrnehmen. Ob das auf alle Bildschirmarbeiter zutrifft? Die virtuelle Welt, in der die Bewohner des JPod, der Produktionszelle in der Spielefirma leben, kann auch ein Symbol für die Excel und Wordarbeiter in allen Unternehmen sein, die ihre Aktivitäten jeden Tag dem PC anvertrauen und ihre Texte dort in die Textverarbeitung schicken. Coupland denkt wohl auch an dieses überbordende Vertrauen, dass die Computertechnik von uns verlangt. (A propos: > Schreiben Sie mit der Tastatur oder mit der Hand?

Das JPod, in dem die Produktmanager und Designer arbeiten, wird selber zum Bestandteil des Spieles. Der Roman verrückt die Grenze zwischen Realität und virtuellem Spiel ein bisschen mehr in Richtung des wirklichen Lebens. Mit diesem Kunstgriff der Übertreibung gelingt es Coupland die Folgen Vereinnahmung durch den Computer zu demonstrieren, die immer besonders in Auge fällt, wenn man zwei Menschen beobachtet, die zusammen ein Problem auf einem Bildschirm betrachten. Meist steht die Technik im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und die Sachprobleme, die inhaltlichen Themen werden zweitrangig.

Ethan und seine Kollegen haben Besprechungen – neudeutsch „Meeting“ -mit ihrem Chef, wie sie in vielen anderen Firmen stattfinden. Alle dürfen mitreden, bis der Chef nicht widerspruchsduldend zusammenfasst: „Fakt ist…“ Also kommt die Schildkröte in das PC-Spiel rein, und alle denken nur noch an die Schildkröte. Wer im Entwicklungszentrum, kurz JPod arbeitet, wird oder ist ein Teil des Systems. Eine bestimmte Sprache, die Schrullen der Kollegen, Habitüden, mit denen man sich noch ein rest an Selbständigkeit und Individualismus zu bewahren sucht eingeschlossen. Das ginge ja noch alles, wenn da nicht immer wieder die störende Realität der realen Welt erscheinen würde. Ethan hat mit einem Besuch bei seinen Eltern Riesenprobleme hätte. Und mit den vielen Chinesen in seiner eigenen Wohnung weiß er auch nicht so recht was anzufangen. Bleibt ihm manchmal nur noch das Mittagsschläfchen im JPod unter dem Schreibtisch mit den Gelben Seiten als Kopfkissen? Mit dem festen Einband und dem Cover von Coupland, die den Übergang der Entwickler-Crew zu Lego-Figuren andeutet, sie werden selbst Teil des Spiels, ahnt man, was auf die JPod-Bewohner zukommt.

Das Motto. Hier klicken. So fängt der Roman an. Die vielen groß und fett gedruckten Gedankensplitter klingen wie ein Aufblitzen der realen Welt in der virtuellen Einöde des JPods. Zwischendurch diese blöden Spam-Mails aus fernen Ländern, die Prozente für die Überweisung imaginärer Riesensummen anbieten. Dann kommen im Roman – ist das eigentlich ein Roman? – die Steckbriefe von Ethans Kollegen. Casper Jesperson mag Doom 3. Brianna Jyang arbeitet am liebsten bei 18,5 Celsius Raumtemperatur. Joe Doe bevorzugt Hausmaeister Willie bei den Simpsons. Brandon Marck Jackson gehört erst seit drei Wochen zum JPod. Kaitlin Anna Boyd Joyce isst dauern Kaugummi. Ethan Harrison Jarlewski hat, als er noch auf der Highschool war, ein Betriebssystem entwickelt. Das hieß Mentos.

Und sie sprechen über ihre Arbeit: Kaitlin: „Du musst zugeben, dass die Hälfte der Leute, die hier arbeiten, grenzautistisch sind…“ Ethan hat sowieso Probleme mit den Meetings, besonders wenn plötzlich die Namen des Spiels wieder geändert werden, nur weil Alistair mittlerweile das Sagen hat.

Kaitlin leidet an Prosopagnosie und kann Namen und Gesichter nicht richtig zuordnen und sie klagt über die Kollegin Bree mit ihrem Mikroautismus, der sie ständig auf die Jagd nach sexuellen Kontakten schickt. Ob die Umarmungsmaschine Abhilfe schaffen wird? Mehr Produktivität? Mehr Kreativität?

Auf der Rückseite steht, der Autor „zeigt sich einmal mehr als satirisch souveräner Exeget unserer heutigen Massenkultur.“ „Medienkultur“ würde ich sagen. Oder gar Computerkultur, die uns immer vorgaukelt, das sei die beste aller Welten, die aber hin und wieder Texte verschluckt oder verstümmelt und da immer weniger mit richtigen Texten arbeiten, Twitter mag sowieso nie mehr als 140 Zeichen, merken die meisten nicht, wie der PC uns unsere Freiheiten nimmt, und Google uns seine Ordnung der Welt suggeriert.

An wen wendet sich das Buch? An alle die meinen, PCs hätten nichts Verführerisches, Computerspiele machen nicht süchtig, sondern sind nur Zeitvertreib, die virtuelle Welt des Computerlebens sei auch ganz schön, werden hier eines Besseren belehrt. Die PC-Spielewelt hält nicht nur ihre Entwickler im Griff, sie beschädigt auch Imagination und Phantasie der Spieler, genauso wie im > virtuellen Spiel von Web 2.0 auch soziale Bezüge Schaden nehmen. Dieses und viele andere Themen lässt Coupland in seinem Buch geschickt verpackt und zugleich schonungslos offengelegt anklingen. Ich habe beim andere beim Durchblättern beobachtet, etwas erstaunte Blicke, Stirnrunzeln bei dem ungewohnten Druckbild. Die vielen Gedankensplitter, die unerwarteten Unterbrechungen, die Querverweise, das ist doch genau die PC-Arbeit, die uns immer jede Konzentration raubt. Wie oben gesagt und verlinkt: Der > PC kann nicht alles.

Lesung mit Douglas Coupland beim Sommerfest des literarischen Colloquiums in Berlin: 20 August 2011

Douglas Copland
> JPod
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann (Orig.: Jpod)
1. Aufl. 2011, 520 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50103-2

> Lesebericht: Douglas Coupland, Generation A

Lesebericht:
McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage

Freitag, 17. Juni 2011

Ungefähr ab der Mitte des letzten Jahrhunderts haben die neuen elektronischen Medien die Schrift mit ihrer Leitfunktion bei der Übermittlung von Botschaften und Inhalten abgelöst, will man Marshall McLuhan und der Einleitung von Regine Buschauer in das Werk von McLuhan (> NZZ, 19. Januar 2001) Glauben schenken. In Bezug auf die elektronischen Medien ist das sicher richtig, aber Fotos und Bilder, Gemälde aller Art haben schon viel früher der Schrift ihren Rang streitig gemacht. Beschränken wir uns aber tatsächlich auf die elektronischen Medien, dann stimmt die Beobachtung von McLuhan, und Klett-Cotta hat eine gute Idee gehabt, sein Buch > The Medium ist the Massage (1967/1969) auf deutsch zu veröffentlichen.

McLuhan mit seinem weit gefassten Medienbegriff, der eigentlich alles umfasst, was irgendwie einen Inhalt oder eine Bedeutung vermitteln kann, legt mit seinem Buch Erklärungsansätze und -Grundsätze für das gesellschaftliche Leben unserer Zeit vor: Sein erster Satz: „Das Medium oder der Prozess unserer Zeit – die elektronische Technologie verändert die Form und Struktur sozialer Beziehungsmuster und alle Aspekte unseres Privatlebens,“ schlägt den Ton dieses Buches an. und unseres Berufslebens, könnte man hinzufügen, bedenkt man, dass heute kaum ein Beruf ohne ein Mindestmaß an PC-Kenntnissen kaum erfolgreich ausgeübt werden kann. Da ist was dran, aber stimmt seine Aussage wirklich? Es ist ja nicht nur der PC! Der tentakelartige Zugriff der Medien auf unser Leben und unsere Aktivitäten ist gar nicht zu übersehen. Die Medien erlauben uns keine Zeit der Muße mehr. Jede Informationsaufnahme wir heute gewöhnlicherweise von jedem Medienproduzent in eine Vielzahl anderer Informationen eingebettet, die wir eigentlich gar nicht verkraften geschweige denn verarbeiten können. Das ist auf jeder Zeitungsseite im Internet so, und das Fernsehen mit seinem ihm inhärenten Zwang zum Bild präsentiert uns seit Jahrzehnten allabendlich die Tagesschau: Informationen und immer viel mehr drumherum, auch wenn das Geflimmer nur am Rande zu den Worten passt. Misst man die Gesamtmenge der in 15 Minuten angebotenen Informationen, um anschließend den für uns wirklich wichtigen Informationsgehalt zu extrahieren, käme man auf ein Verhältnis von 2 oder 4 zu 15, ein Hinweis auf die nachhaltige Entmündigung des Bürgers. Mein Buch würde heißen „The medium is not the message“.

Oder fragen wir einen Studenten, woran er denkt, wenn er eine Hausarbeit konzipieren muss? Wozu nutzt er den PC? Zur Informationsbeschaffung? Zum Surfen im Internet? Um Wikipedia zu konsultieren? Welcher Student würde wohl erzählen, dass er einen > Zettelkasten hat? Genauso darf man fragen > Hilft das Internet beim Bücherschreiben?.

Diese kritische Fragen sollen kein bisschen davon abhalten, das Buch von McLuhan genau zu lesen. Es steckt voller bedenkenswerter Anregungen und Einsichten. Natürlich bleibt einem heute gar nicht anderes übrig, als die bunte und laute Medienwelt, die zu unserer gesellschaftlichen Hülle geworden ist, zu akzeptieren. Eine Umkehr ist ausgeschlossen. McLuhan weiß das und macht das beste daraus, in dem er die Hoffnung durchblicken lässt, diese mediale Vielfalt werden den Menschen zu einem neuen schöpferischen Dasein zum Wohler aller verhelfen. Er spricht vom „globalen Dorf“, nun das ist eher ein theoretisches Konstrukt, denn noch jede so schöne Website einer Stadt, wird mir nie zum echten Daseingefühl in dieser Stadt verhelfen, genauso, wie das beste soziale Netzwerk nie das Gefühl einer echten Partnerschaft mit allen dazugehörigen Freuden und Gefühlen auch nur annähernd vermitteln kann. Ich bleib dabei: > Ein soziales Netzwerk ist nicht das reale Leben.

Liest man nacheinander die ersten Kapitel von McLuhans Buch. „Du, deine familie, deine nachbarn, deine ausbildung, dein job, deine regierung, „die anderen“ und das Buch ist eine erweiterung des auges… kleidung, eine erweiterung der haut…“ versteht man schnell, dass nicht nur Zustimmung die erste Reaktion ist, sondern eine Vielzahl assoziativer Ideen machen mit und begleiten die Lektüre. „In einer elektronischen Informationswelt können Minoritäten nicht mehr ausgegrenzt werden. (S. 24) Faszinierend. Die Medien als Wohltat. Aber die Ernüchterung folgt mit meiner Klage. Wie wenig Studenten veröffentlichen heute schon regelmäßig selbst im Internet? Mehr Freunde als im realen Leben auf Facebook haben viele. Aber sie machen sich die Medien nicht untertan. Oder die Medien scheint bei ihnen nicht angekommen zu sein. Über Facebook und ein bisschen Twitter gehen ihre > Web 2.0 Kenntnisse kaum hinaus. Auch hier setzt McLuhans in vorauseilender Einsicht an genau der richtigen Stelle an. Wir wissen viel zu wenig über die > Medien und damit können wir auch nicht viel von unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit verstehen, darf man daraus folgern. Sein Buch ist eine Anregung dafür, die Medieninhalte nicht passiv zu konsumieren, sich nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen, sondern selber etwas mit ihnen anfangen. Nicht nur twittern oder anonym in Wikipedia schreiben, sondern eine eigene Website, einen eigenen Blog verfassen. – Welcher Studente kennt und nutz regelmäßig > wissen.dradio.de/ oder wer von ihnen benutzt regelmäßig den > Radiorecorder vom DLF und welcher Politologiestudent mit Nebenfach Romanistik, liest regelmäßig ab 13 h LE MONDE mit dem Datum vom folgenden Tag? Oder wer von ihnen hört regelmäßig France Inter auf seinem IPad?

©. Das ist eine der kürzesten Überschriften von McLuhan. „Das Teamwork löst den Einzelkämpfer ab.“ (S. 123) Auch das glaube ich nicht, weil es mediales Wunschdenken ist. Früher hieß das tatsächlich Teamwork oder Gruppenarbeit, bei der immer einer oft für alle arbeitete, weil es in einer solchen Gruppe immer einen gibt, der trödelt; das ist im Verkehr immer so. Das Bild passt sehr gut. Weil dann, im Verkehr immer alle hinter dem Langsamsten hinterherdackeln müssen. Der Langsamste bestimmt nun mal das Tempo. Ist nicht nur im Verkehr so. Auch bei jeder Gruppenarbeit. Es gibt keine > kollektive Intelligenz, die alle zusammen antreibt. Teamwork ist Reduzierung auf ein Mittelmaß und das müssen wir auch bei den Medien verhindern.

McLuhan schärft uns mit seinem Buch die Sinne und die Sensibilität für die Medien, für all das, was die Medien mit uns machen, aber vor allem auch für das was wir aus den Medien machen können. Medien konstruieren unsere Umwelt. Und dann fügt McLuhan hinzu: „Heute können wir die gesamte menschliche Umwelt zu einem Kunstwerk machen…“ (S. 68).

Wovor warnt McLuhan? Die Medien nicht kreativ einzusetzen, etwas zu verpassen. Spielt man nicht mit ihnen, nutzt man sie nicht.

Zur Einführung:
Sehr lesenswert: Regine Buschauer, > Das Medium als Massage. Die aphoristische Medientheorie von Marshall McLuhan.
NZZ, 19. Januar 2001

Marshall McLuhan, Questin Fiore,
> Das Medium ist die Massage
Zusammengestellt von Jerome Agel, aus dem Amerikanischen von Martin Baltes und Rainer Höltschl (Org.: The Medium is the Massage)
1. Aufl. 2011, 160 Seiten,broschiert, mit zahlreichen Abbildungen und Illustrationen
ISBN: 978-3-608-50311-1

»Das Medium ist die Botschaft« Das ist wohl eines der berühmtesten Zitate aus Understanding Media (1964) – und dann in The Medium is the Message: An Inventory of Effects (1967) – von > Marshall McLuhan (1911-1980).
Douglas Coupland
> Marshall McLuhan
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner(Orig.: Marshall McLuhan)
1. Aufl. 2011, 222 Seiten,gebunden
ISBN: 978-3-608-50306-7

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