Verlagsblog

Archiv für die Kategorie 'Tropen'

Nachgefragt: Arno Frank, So, und jetzt kommst du

Dienstag, 28. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Wir haben in unserem Lesebricht zu dem Buch von Arno Frank festgestellt: Wenn Sie den Roman > So, und jetzt kommst du zur Hand nehmen, sollten Sie keine unmittelbaren Termine vor sich haben und möglichst eine Zugverbindung ohne Umsteigen gebucht haben. > Bitte weiterlesen.

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 hatten wir die Gelegenheit, Arno Frank nach den beiden Lesarten seines Buches zu befragen:

Es gibt zwei Lesarten dieses Buches, die sich überschneiden:

1. Wie hat der Autor es angestellt, dass dieses Buch so unglaublich spannend ist?
2. Lesart: War es an der Zeit, dass Frank sich diese haarsträubende Geschichte seiner Kindheit jetzt endlich mal von der Seele schreiben?

1. Lesart: Welche Mittel hat der Autor eingesetzt, um diese Spannung zu erzeugen?

Jutta, die Muttermit ihren Kindern, der Erzähler, Jeany noch im Kinderwagen, Fabian zügelt nach, halten zu ihrem Mann und Vater Jürgen, auch als er auf die schiefe Bahn gerät und seine Familie unbarmherzig, kompromisslos immer mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft mit sich führt. Ist das ein Erziehungsroman?

Tragisch und komisch zugleich?

2. Lesart:
Arno Frank hat – so der Klappentext – eine wahren Geschichte aufgeschrieben. Wann wurde, jetzt kommt die Erinnerung des Autors – der biographische Aspekt – dran, ihm und seiner Familie klar, dass mit dem Vater etwas nicht stimmte? Die Ratschläge, die er ihnen gab, Jetzt kommst Du dran, hat er immer wieder gesagt, waren ja nicht so doll.

In unserem Lesebericht steht: „Das Geheimnis ist das alle bescheißen. Alle.“ Jürgens Lebensweisheiten sind etwas dürftig und sein Sohn mag ihm nicht so recht trauen.
Wie es um die Geschichte aus ihrer Erinnerung bestellt? „Soviel Kaltblütigkeit auf einmal gibt es doch gar nicht, sagt sich der Leser, wenn er die Familie auf ihrer Hatz durch Europa begleitet und mit den Kindern mitleidet. Ob der Vater glaubt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben? Sein Kampf gegen alle?“ Welche Motive hatte er?

Wir müssen hier weg, wäre auch ein guter Titel gewesen.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2

Lesebericht: Arno Frank, So, und jetzt kommst du

Samstag, 11. März 2017

Tobias Nazemi schreibt auf seinem > Blog Buchrevier: „Ich habe diesen Roman mit offenem Mund an einem Tag durchgelesen, mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen weggelegt und an den Mann gedacht, mit dem ich mich in Leipzig auf der Tropen-Party so gut unterhalten hatte. Arno Funk war mir sofort sympathisch. Ein cooler Typ, der für Spiegel Online, taz und den Musikexpress schreibt.“


> Nachgefragt: Arno Frank, So, und jetzt kommst Du – 28. März 2017 von Heiner Wittmann


Wir haben in unserem letzten Beitrag mit den Ankündigungen zur > Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017 festgestellt: Wenn Sie den Roman von Arno Frank, > So, und jetzt kommst du zur Hand nehmen, sollten Sie keine unmittelbaren Termine vor sich haben und möglichst eine Zugverbindung ohne Umsteigen gebucht haben.

> Alle Termine zu diesem Buch

Jürgen, Jutta mit ihren Kindern, der Erzähler, Jeany unter ihnen noch im Kinderwagen, Fabian zügelt nach, sind die Hauptpersonen in diesem, nein, ein Erziehungsroman ist das nicht gerade, auch wenn er den Kindern vorspielt, wie das Leben sich anfühlt, wenn jemand auf die schiefe Bahn gerät und seinen Familienclan unbarmherzig, kompromisslos immer mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft mit sich führt.

Es fängt alles allmählich an. Briefe mit offiziellem Erscheinungsbild kommen an und wandern in die große Papierablage. Was macht Vater? Er handelt mit allem möglichen Krimkrams, der sich im Haus zu stapeln beginnt. Dann bekommt Vater Jürgen wirklich einen Job und verkauft Gebrauchtwagen, ganz korrekt geht es nicht zu. Wer uns einen Wagen bringt, bezahlt die Reparatur, der Käufer bezahlt sie auch, wir reinigen bloß, erklärt er seinem Sohn: „So, und jetzt bist du dran.“

Und Vater arbeitet an dem ganz großen Deal, das Business soll richtig abheben: „ready, willing and able“, muss der Käufer sein. Der Sproß wundert sich, dass die Provision so lange auf sich warten lässt. Schnauz wird überfahren, und dann kommt auch noch die Polizei, um an der Haustür zu klopfen. Warum mussten auch die Briefe „mit dem zauseligen Löwen“ im Altpapier landen? erinnert sich der Erzähler. Die Polizei wartet vor der verschlossenen Haustür und dreht dann wieder bei. Nachts hat es auf einmal wohl geklappt, Papa ist reich und alle werden in den Familien-BMW gepackt und Papa braust mit ihnen davon.

Sein Sohn findet sich in einer französischen Schule an der Côte d’Azur wieder. Ein schicker Bungalow ist jetzt ihr Zuhause. Im großen Stil wird gelebt, das Geld fließt: „Das Geheimnis ist das alle bescheißen. Alle.“ Jürgens Lebensweisheiten sind etwas dürftig und sein Sohn mag ihm nicht so recht trauen.

Wir müssen hier weg, wäre auch ein guter Titel gewesen. Natürlich ist auch viel Geld einmal aufgebraucht und die Familie ist wieder unterwegs, es geht nach Portugal, wo Papa ein kleines Doppelzimmer in einem Hotel findet. Wie er das gemacht hat, erklärt er seinem Filius, der immer noch zwischen ein bisschen Bewunderung und aufkeimenden Entsetzen schwankt. Nicht das nicht vorhandene Geld, sondern die Geduld des Wirts ist nach einigen Monaten vorbei. Wir müssen hier weg.

Arno Frank hat – so der Klappentext – eine wahren Geschichte aufgeschrieben. Soviel Kaltblütigkeit auf einmal gibt es doch gar nicht, sagt sich der Leser, wenn er die Familie auf ihrer Hatz durch Europa begleitet und mit den Kindern mitleidet. Ob der Vater glaubt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben? Sein Kampf gegen alle? Tragisch und komisch zugleich. Frank stellt die gelungene Mischung her, die den Leser in die Geschichte so hineinzieht, dass er erst auf der letzten Seite bedrückt und mitgerissen aufhören kann.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2

Arno Franck in : aspekte Fr. 9.3.2017 ab 23:00

Donnerstag, 9. März 2017

„Mein Vater, der Betrüger“ aspekte morgen Abend, Fr. ab 23:00:
Arno Frank: > „So, und jetzt kommst du“

Es ist eine ebenso wahre wie bizarre Fluchtgeschichte aus den 80er Jahren: Ein Hochstapler und Betrüger muss aus Deutschland ins Ausland flüchten, im Schlepptau seine Familie, Frau und zwei Kinder. Untertauchen in Frankreich, als die Polizei ihm auf die Spur kommt, weiter nach Portugal. All dies erzählt aus der Sicht eines Kindes – von Arno Frank – dem Sohn des einst Gesuchten. Und: #ArnoFrank ist zu Gast im #aspekte-Studio – im Gespräch mit Katty Salié.

Arno Frank hat – so der Klappentext – eine wahren Geschichte aufgeschrieben. User Lesebericht ist fertig und wird hier am 11. März 2017 angezeigt.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2

Vorgefragt: Franz Dobler, Ein Schlag ins Gesicht

Freitag, 28. Oktober 2016

dobler-schlag-gesicht-110„Robert Fallner ist ziemlich am Ende. Seinen Job als Kriminalhauptkommissar ist er endgültig los. Seine Frau wohl auch. Zeit für einen Neuanfang, den ihm ausgerechnet sein Bruder, selbst Ex-Bulle und Privatermittler, ermöglicht. Er drängt ihm einen speziellen Fall in seiner Sicherheitsfirma auf: Den Stalker einer bekannten Schauspielerin zu stellen, von dem keiner glaubt, dass es ihn gibt. … “ Robert Fallner ist uns schon als > Der Bulle im Zug bekannt. Mittlerweile hat Franz Dobler 2015 den Deutschen Krimipreis erhalten und Fallner hat gleich seinen zweiten Fall durchstehen müssen. Wieso dauert es so lange, bis Fallner nach 100 Seiten seinen Auftrag erhält? Da gibt es einen Stalker, und auch dazu hat Dobler uns etwas verraten. Wie ist das eigentlich wenn man als DJ über Johnny Cash schreibt, wie kommt man dann zum Krimi? Und wir haben auch über das Milieu gesprochen, in dem der Krimi spielt und über Simone Thomas, die Frauen um Fallner und das Verhältnis zu seinem Bruder Hans.

Franz Dobler
> Ein Schlag ins Gesicht
Kriminalroman
1. Aufl. 2016, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50216-9

Lesebericht: Mohamedou Ould Slahi, Das Guantanamo-Tagebuch

Dienstag, 18. Oktober 2016

Aus gegebenem Anlass holen wir diesen Beitrag nach oben: > www.spiegel.de/politik/ausland/usa-autor-von-guantanamo-tagebuch-ist-frei-a-1117048.html

slahi-guantanamo-tagebuchWenn aus der Feder eines in Guantanamo einsitzenden Häftlings ein 400 Seiten dickes Buch erscheinen darf, in dem er Entführungen und Folter berichtet, wird man misstrauisch. Was ist an so einem Bericht dran? Wieso lassen die Behörden es zu, dass das Buch Slahis veröffentlicht werden darf? Tatsächlich wird Mohamedou Ould Slahi noch immer in Guantanamo immer noch ohne Gerichtsurteil festgehalten. Das > Manuskript zu diesem Buch hat er 2005 verfasst. Seitdem haben die Behörden seine Aufzeichnungen geprüft und viel geschwärzt. Dann, nach 10 Jahren Prüfung, die von seinen Anwälten immer wieder vorangetrieben wurde, darf das Buch in der Fassung des Herausgebers Larry Siems nun doch erscheinen. Im Vorwort beschreibt Siems ausführlich, wie er das Manuskript für den Druck vorbereitet hat. In Deutschland wird es heute vom Verlag Tropen veröffentlicht. Siems Einleitung berichtet über die Umstände, in denen das Manuskript entstanden ist: S. 17-53.

guantanamo

> www.guantanamodiary.com/

Mohamedou Ould Slahi ist Jahrgang 1970. Zwölf Jahre lebt er in Deutschland und studiert Elektrotechnik. 2000 gerät er das erste Mal in das Visier amerikanischer Fahnder, die ihn in Verdacht haben am Plan, den Flughafen von Los Angeles zu bombardieren (Millenium-Plotz), beteiligt zu sein. Er wird aber wieder freigelassen. Nach den Anschlägen von New York wird er nach Jordanien entführt, es folgen Verhöre, dann kommt er nach Bagram in Afghanistan und von dort aus Guantanamo. Das war im AUgust 2002. Er soll sich im Umkreis von Osama Bin Laden aufgehalten haben. Slahi wird Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten und Beteiligung an Terrorakten zur Last gelegt. Ein geordnetes juristische Verfahren hat der Häftling mit der Nummer 760 bis heute nicht bekommen.



Das Buch beginnt mit der Chronik einer Freiheitsberaubung. Nach seiner Ausreise aus Deutschland und kam 1991 im al-Farouq-Trainingslager in Khost ein und schwor, so berichtet Larry Siems (S. 25), der al-Qaida einen Treueeid. Es folgte der Abschluss des Studiums in Deutschland, ohne dass der Kontakt mit seinen Freunden in Afghanistan abriss. Seit seiner Verhaftung nach den Anschlägen vom 11. September ist Mohamedou Ould Slah in amerikanischem Gewahrsam.

slahi-guantanamo-tagebuchDas erste Kapitel von Slahis Das Guantanamo-Tagebuch berichtet über die Verlegung, die ein Entführung war, von Jordanien über Afghanistan bis GTMO Guantanamo am 5. August 2002.. Nackt in Ketten mit einer Augenbinde. S. 59 f. Die Verhöre beginnen und Slahi kann sofort aus den Fragen auf die Entwicklung in Afghanistan schließen. Es folgen immer neue Verhöre und Isolationshaft, schließlich wird Slahi nach Guantanamo geflogen. Dort wird er u.a. auch von Beamten des BND und einem Angehörigen des Bundesamtes für Verfassungsschutz (Anm. 30, S. 107) verhört. Ganze Seiten S. 112 ff. sind geschwärzt, offenbar um dem Leser Details der Befragungen und der Foltermethoden zu ersparen. Über einen seiner Peiniger heißt es einmal: „Er beherrschte die Sprache gar nicht gut.“ (S. 113) – Rückblende: 2. Kapitel Senegal – Mauretanien, Januar-Februar 2000 mit der ersten Verhaftung. 3. Kapitel. Mauretanien, September-November 2000 und erneute Verhaftung. 2003 kommt Slahi nach Guantanamo weiterhin ohne Aussicht auf Freilassung. Irgendwie beginnt Slahi sich mit seiner Umgebung zu arrangieren, er lernt Englisch und findet in seiner Umgebung auch Menschen, die sich ihm zuwenden. dann aber immer wieder Verhöre auch nachts in kalten Räumen. Die Ermittler tun alles, um mehr über seine vermutete Verstrickung in die Ereignisse vom 11. September zu erfahren: S. 271 ff. Die Verhöre zermürben Slahi: „Der Typ wollte doch tatsächlich, dass ich glaubte, dass ich hinter dem 11. September steckte.“ (S. 271) Die Verhöre werden ausgedehnt, seine letzte persönliche Habe wird konfisziert. Es steht immer nur der Verdacht im Raum, offenkundig können konkrete Taten ihm nicht nachgewiesen werden. Sexuelle Belästigungen kommen dazu. Die verhöre werden wieder weiter verstärkt: „Sie zwangen mich, Dinge zuzugeben, die ich nicht getan habe.“ (S. 299) Wieder werden große Teile geschwärzt und man kann man kann ahnen welchen Qualen Slahi ausgesetzt wurde.

In der Nachbemerkung wird Mohamedou Ould Slahi mit den Worten zitiert, er hege keiner Person in diesem Buch Groll gegenüber. Er wünsche, dass sie das Buch lesen, und Dinge richtigstellen, wenn sie es für nötig halten. Eines Tages wolle er mit allen bei einer Tasse zusammensitzen, nachdem man soviel voneinander gelernt habe.

Ist das Buch ein halbherziger Versuch der Amerikaner mit den unhaltbaren Zuständen auf Guantanamo ein Ende zu machen, die Absicht zu zeigen, die Vorgänge dort öffentlich zu machen und zu ihrer Aufklärung beizutragen, indem man die Insassen selber zu Wort kommen lässt? Wurde das Manuskript freigegeben, weil es vielleicht sonst die Gerüchte um Guantanomo die USA in eine noch schlechteres Licht stellen würden? Allerdings tragen auch die Schwärzungen dazu bei, die Authentizität und die Glaubwürdigkeit von Salhis Buch zu bekräftigen. Das was er an Folter und Verhören dort am Rande der physischen Leistungsfähigkeit durchstehen musste, slahi-guantanamo-tagebuchwürde kann auch durch Gerüchte nicht verschlimmert werden. Mittlerweile hat ein Gericht seine Freilassung angeordnet,was durch die Regierung aber verhindert worden ist.

Mohamedou Ould Slahi
Das Guantánamo-Tagebuch
Aus dem Amerikanischen von Susanne Held
1. Aufl. 2015, 459 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50330-2

Lesebericht: Jon Ronson, In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Buch- und Medienblog bringt Ronsons Warnungen auf den Punkt: „Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde scheint eine Renaissance zu erfahren: Der Pranger.“ in: Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson – Veröffentlicht von Oliver W. Steinhäuser am 9.12.2016.


ronson-shitgewitternMan kennt Sartres Satz aus seinem Theaterstück: Geschlossene Gesellschaft (1944): „Die Hölle, das sind die anderen,“ den die kollektive Intelligenz auch im Artikel in der Wikipedia über dieses Theaterstück > Geschlossene Gesellschaft zitiert. Das ist einer der meist zitierten Sätze von Sartre. Und immer aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird gerne so zitiert, um zu erklären, dass Sartre gesagt habe, die Anderen seien die Hölle, was von vielen gerrne wortwörtlich verstanden wird, die Anderen sei eben immer die Hölle. So einfach ist das aber nicht. Mehrmals hat Sartre dieses Zitat zurechtgerückt, einmal im > Interview mit Jaques Chancel, wo Sartre lapidar feststellt, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, und dann auch der „Préface parlée“, in: Sartre, Théâtre complet, hrsg. von M. Contat, Paris 2005, p. 137. Selbst in der Hölle, so erklärt Sartre, selbst in dieser Beziehung zu den Anderen ist man immer frei, dort herauszukommen. „Wie auch immer der infernale Kreis beschaffen ist, in dem wir leben, ich glaube, wir sind immer frei, aus ihm auszubrechen. Und wenn die Leute das nicht machen, so tun sie das auch aus freien Stücken. So bleiben sie freiwillig in der Hölle.“ (ibid.) Es gibt Situationen, sagte Sartre zu Chancel, in denen man sich die Anderen zur Hölle machen kann, das muss aber nicht sein: > Huis clos / Geschlossene Gesellschaft – www.france-blog.info. An diesen Ausspruch von Sartre erinnert der Untertitel Wie wir uns das Leben zur Hölle machen des Buches Jon Ronson, > In Shitgewittern, das gerade bei TROPEN erschienen ist.

Soziale Netzwerke sind überhaupt nicht so sozial, wie man es sich wünschen würden. > Wie sozial sind soziale Netzwerke? www.stuttgart-fotos.de. Haben wir die Scham schon vergessen? Den Respekt vor dem Anderen? Irgendeine dumme Bemerkung auf einer FB-Seite, oder einige unüberlegte gezwitscherte Wörter können einen Sturm im Internet entfachen, Politikerkarrieren beenden auch befördern, egal wie, man kann zusehen, wie sich die Tweets gegenseitig hochschaukeln, und manchmal so dass darüber die Sache vergessen wird, dann steht nur noch der Autor der wenigen Worte selber in der Mitte der Zielscheibe. Früher wurde vielleicht besser recherchiert, geprüft und die Quellen wurden verifiziert, heute wird weniger geschrieben, mehr gepostet, früher wurde für oft für bestimmte Leser geschrieben, immer das Visier aufgeklappt, heute schreibt die schweigende kollektive Intelligenz ihre Artikel in Wikipedia, Unbekannte mit Decknamen nehmen es sich heraus, Einträge Anderer zu korrigieren oder zu löschen und die Zeitungen lassen ihre Artikel von obskuren Personen mit Pseudonymen kommentieren. Da wird heftig gestritten, beleidigt, gelobt, verrissen, immer das Visier zugeklappt. Man will sich ja nicht selbst einbringen, man will dem Anderen nur schaden. Die selbst ernannten Moralapostel sind ständig im Internet präsent, um Fehler der Anderen aufzudecken, ohne daran zu denken, dass jede Rezension immer auch den Horizont des Rezensenten aufdeckt. Und dennoch, sie erscheinen blitzschnell wie Guerilla-Kämpfer, löschen einen Eintrag, oder posten eine Schmähung, zeigen mit dem digitalen Finger auf Entgleisungen, vermeiden aber einen öffentlichen Diskurs, sondern schlagen digital zu, um gleich darauf wieder im digitalen Nirwana zu verschwinden. Nur keine Verantwortung übernehmen, aber den Anderen möglichst schädigen, ihn am Nasenring durch die Manege zu ziehen, sich selber aber bloß nicht zu zeigen. Ob es Shitstorms geben würde, wenn die Anonymität im Internet nicht möglich wäre?

Ronson erzählt haarsträubende Geschichte aus der digital-sozialen Welt und zeigt, wie man sich dagegen (nicht) wehren kann. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sich in die mehr oder weniger sozialen Netzwerke hineinziehen lässt. Muss man das heute? Man darf die Vermutung äußern, dass die Zeit, die man für die Bedienung eines sozialen Netzwerks wie FB, Twitter o. ä. aufwendet, zu 40 Prozent in die Bedienung seiner Funktionen fließt, 30 oder 40 Prozent des Zeitanteils wird damit vergeudet, unsinnige Meldungen und viel Werbung z. K. zu nehmen. 20 Prozent fließt in die Pflege und in den Gewinn der Follower. Bleiben noch 10 Prozent Gewinn oder gar nichts für die eigentliche Kommunikation. Aber wer spricht schon über unsere Tweets oder Postings in FB? Das macht man nur, wenn man selber irgendeinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt. Richtig große Zugriffszahlen bescheren nur die Skandale, die genau die vorgegebenen Funktionen oder Wege der Netzwerke respektieren. Das würde bedeuten, die Netzwerke generieren die Shitstorms? Würden sie über Zeitungen verbreitet, ohne in die Funktionalitäten wie Retweet, Likes etc. eingebunden sein, könnte man sich mit ihrem Inhalt beschäftigen, so aber pushen die Funktionen den Skandal, allein um Aufmerksamkeit die digitale Währung der Betreiber der Netzwerke, zu erheischen, je mehr Aufmerksamkeit, umsomehr Werbung, umso besser rollt der Rubel. Die Inhalte spielen keine Rolle mehr, sie werden nur selektiv zum Anstoß benutzt, der Shitstorm nährt sich aus den Funktionen des Netzwerks und bedient sich der Neugier der Follower.

Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht. Sie meldet sich aus dem digitalen Nirwana, verkündet Moral , ist aber nicht fassbar, hat keine Verantwortung und kann nicht nach ihr befragt werden: „Es war, als seien wir Soldaten in einem Krieg gegen die Verfehlungen anderer Menschen, und mit einmal waren die Kampfhandlungen eskaliert.“ (S. 99)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit „Massenhysterie“ und zitiert Le Bon (1841-1939), Die Psychologie der Massen (1895), in dem er die Stellung des Individuums in der Masse analysiert. Ob man von seinen Überlegungen zur Rasse absehen kann, um Anregungen aus diesem Buch für ein Verständnis der heutigen so sehr digital geprägten Internet-Massen zu gewinnen?

Viele der Geschichten Ronson zeugen wie die Autoren der Bemerkungen ganz unversehen (Hank, S. 120 ff) in den Shitstorm heineingezogen werden, durch Dummheit, aber auch durch eine falsche Bedienung der Funktionen: Lindsey, S: 215 ff. Sie posten Informationen, die roh von den Anderen gelesen werden, die richtige Konnotation wird nicht verstanden, die Info wird ein bisschen gedreht und schon kann der anonyme Sturm an zu blasen fangen. Was hilft es einem Politiker dann noch nachzuschieben, er sei falsch verstanden worden, so eine Bemerkung erhöht nur die Drehzahl des Sturmes.

Jon Ronson
> In Shitgewittern
Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass (Orig.: So You’ve Been Publicly Shamed)
1. Aufl. 2016, 330 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50235-0

Lesebericht: Jasmin Ramadan, Hotel Jasmin

Mittwoch, 21. September 2016

ramadan-hotel-jasminDas dritte Buch von Jasmin Ramadan bei Tropen ist erschienen: > Hotel Jasmin. Vonsich selber sagt die Autorin: »Mit meinem Nachnamen gelte ich nie als so richtig deutsche Schriftstellerin, obwohl ich kein Arabisch spreche und keine Ahnung vom Islam habe.« Jasmin Ramadan, geb. 1974, wohnt in Hamburg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Ägypter. Sie studierte Germanistik und Philosophie. 2009 wurde Soul Kitchen zum gleichnamigen Kino-Hit von Fatih Akin ein Überraschungserfolg. Für ihren Roman > Das Schwein unter den Fischen erhielt sie den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2014 erschien > Kapitalismus und Hautkrankheiten.

Mit ihrem Roman > Hotel Jasmin bestätigt die Autorin ihr Talent, das sie in ihren ersten Romanen gezeigt hat. Roland hat mit seiner Mutter Christiane Tarpenbek abgeschlossen und will nichts mehr von ihr wissen. Der Vater ist unbekannt. Als ihr aber vorgeworfen wird, sie als Grundschullehrerin habe eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, wendet sich ihr Sohn ihr wieder zu. Es geht hier vor allem um die Mutter und die Art und Weise, wie sie auf der Suche nach ihr selbst in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft vorgeht. Sie verschwindet, begibt sich nach Kairo, weil sie die Reise dorthin gewonnen hat. Schließlich trifft sie dort einen Ägypter, der sie versteht, und ihr hilft, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Als sich Roland Tarpenbeck entschließt, seine Mutter als vermisst zu melden, kommt die Suche nach ihr ins Rollen. Er geht zur Detektei Laila Voss und bittet dort um Hilfe. Dort bekommt er ein Tonbandgerät vorgesetzt und muss seine Geschichte erzählen: S. 33-50. Dann kommt seine Tante Lerke Petri dran: S. 50-62. Ihr Mann Hauke Petri ist über die Freundschaft seiner Frau mit Christiane überhaupt nicht erfreut: S. 62-71. Dann ist die Reihe an Dea Klüwert, die Schulleiterin von Christianes Schule: S. 71-75. Egon Dittmers S: 75-84: „Christiane war auch eigentlich gar nicht vollends mein Typ…“ Das ist alles nicht unbedingt nur einfach so aufgezeichnete wörtliche Rede. Den Zeugen geht es wie mir beim AB, wenn die Stimme sagt, sprechen Sie jetzt. Holger berichtet, Christiane war beim Flirten ein harter Brocken. Yolanthe Ruprecht berichtet über Roland und seien Mutter, die sie nur einmal gesehen hat. Irgendwie erzählen die Zeugen, sie nennen wir sie mal, was einem so beim Staubsaugen einfällt, wenn sie mit sich selbst sprechen. Trotzdem ersteht Christiane mit ihren Ticks allmählich vor unserem Auge. Und es gibt hin und wieder Vermutung, warum Christiane verschwunden ist. Nein, davon werde ich nichts berichten, hier geht es alleine darum, wie trickreich Jasmin Rmadan ihren Roman konstruiert hat. Im dritten Teil bis S. 200 wird von Roland und Seiner Mutter berichtet. Dann kommt es zu dem peinlichen Zwischenfall in der Schule, den Christiane nicht bewältigt, bis sie im vierten Teil sich nach Fuhlsbüttel und damit nach Ägypten begibt.

Ein spannend konstruierter Roman. Der Leser bekommt die Empfindungen und Gefühle der Protagonisten zuerst serviert und kann sich dann mit der Geschichte ein Urteil über diese Berichte bilden. Wieder ein Roman, dem man prima im ICE lesen kann, wenn gerade ein laut lärmende Schülerklasse eingestiegen ist und 400 km mitfährt. Man hört sie bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr.

> www.jasminramadan.de

Jasmin Ramadan
Hotel Jasmin
Roman
1. Aufl. 2016, 269 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50142-1

Das Herbstprogramm 2016 von Klett-Cotta und Tropen

Dienstag, 26. April 2016

Wir lesen noch die Bücher aus dem Frühjahrsprogramm und das Video > Nachgefragt. Jörg Magenau, > Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47, das wir auf der Leipziger Buchmesse aufgenommen haben, muss auch noch geschnitten werden. Und am 28. Mai erscheint von Peter Nichols, > Die Sommer mit Lulu.

klett-cotta-bellestristik-herbst-2016klett-cotta-tropen-herbst-2016klett-cotta-fantasy-herbst-2016
klett-cotta-sachbuch-herbst-2016klett-cotta-fachbuch-herbst-2016

Das neue Jahr hat erst angefangen, der Winter ist immer noch nicht so richtig vorbei, den Weihnachtswunsch-zettel 2015 haben auch noch nicht alle abgearbeitet, und da kommen schon die Herbstvorschauen, Buchmesse in Frankfurt, erster Frost. Noch sind wir aber nicht so weit.

sweeney-nestSchlagen wir die Vorschauen einmal auf: > Klett-Cotta Belletristik Herbst 2016

Am 29.10.2016 wird der Roman von Cynthia D’Aprix Sweeney > Das Nest in der Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner erscheinen. Melody, Jack, Bea und Leo sind Geschwister. Mitten im Leben, so um die Vierzuig. Eines Tages kommt es zum Erbe. Wenn das aber ausbleibt? Wie das liebe Geld alles durcheinanderwirbelt.

Planen Sie > Ihren Herbsturlaub am besten rund um > Tropen Herbst 2016. Wenn Sie diese Vorschau aufschlagen, haben Sie schon angefangen, auf die Bücher zu warten.ramadan-hotel-jasminAm 27.8.2106 erscheint Jasmin Ramadans Roman > Hotel Jasmin.Rolan hat mit seiner Mutter abgeschlossen. Als man die Grundschullehrerin Christiane Tarpenbek beschuldigt, eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, sieht der Sohn sie unter einem andren Blickwinkel. Es geht um die Selbstfindung einer Mutter in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft. Sie bricht aus, reist nach Kairo und findet jemanden, der ihre Sorgen endlich versteht.

Schon auf den ersten Seiten > Klett-Cotta Fantasy Herbst 32016 steht die Ankündigung zu > Band 3: »Die Königin der Flammen« nach dem großen Erfolg von > »Das Lied des Blutes« und »Der Herr des Turmes« von Anthony Ryann: ryan-königin-der-flammen. In diesem Abschlussband der Rabenschatten-Trilogie muss Kämpfer Vaelin Al Sorna, mittlerweile Herr über die Schlachten des Reiches, seiner Königin Lyrna beistehen, um ihr Reich zu retten. Seine besondere Gabe, »das Lied« in seinem Blut, verklingt langsam. Wird es reichen, um die tückischen Feinde abzuwehren? Im fernen Volaria zieht eine neue Bedrohung auf, die die ganze Welt in Chaos und Vernichtung stürzen könnte. Ein neuer Feldzug ist nicht mehr zu vermeiden.

schweizer-islam-verstehenIm Segement > Klett-Cotta Sachbuch erscheint der Band von Gerhard Schweizer > Islam verstehen.Geschichte, Kultur und Politik wird Ende Juni bei Klett-Cotta erscheinen: „Das Standardwerk – für alle politisch wie zeitgeschichtlich Interessierten, die den Islam verstehen wollen,“ steht auf der Website von Klett-Cotta.

Sein Band > Syrien verstehen Geschichte. Gesellschaft und Religion ist kürzlich in einer 2. Auflage erschienen.

brisch-bindungstraumatisierungenDie Vorschau Klett-Cotta Fachbuch Herbst 2016 kündigt mehrere Titel an, die zur aktuellen Flüchtlingsdebatte passen, so u. a. > Karl Heinz Brisch (Hrsg.)
> Bindungstraumatisierungen. Wenn Bindungspersonen zu Tätern werden „Bindungstraumatisierungen gehören zu den schwersten Traumatisierungen überhaupt. Sie haben langfristige und gravierende Auswirkungen auf alle psychischen, sozialen und körperlichen Bereiche des Betroffenen. Es entstehen pathologische Bindungen des Opfers an den Täter, Erkrankungen mit dissoziativer Symptomatik und andere Muster von Bindungsstörungen,“ heißt es in der Verlagsankündigung.

Vgl. > Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

> http://www.klett-cotta.de/downloads

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 24 queries. 0,430 seconds.