Verlagsblog

Archiv für die Kategorie 'Web 2.0'

Lesebericht: Jon Ronson, In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Buch- und Medienblog bringt Ronsons Warnungen auf den Punkt: „Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde scheint eine Renaissance zu erfahren: Der Pranger.“ in: Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson – Veröffentlicht von Oliver W. Steinhäuser am 9.12.2016.


ronson-shitgewitternMan kennt Sartres Satz aus seinem Theaterstück: Geschlossene Gesellschaft (1944): „Die Hölle, das sind die anderen,“ den die kollektive Intelligenz auch im Artikel in der Wikipedia über dieses Theaterstück > Geschlossene Gesellschaft zitiert. Das ist einer der meist zitierten Sätze von Sartre. Und immer aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird gerne so zitiert, um zu erklären, dass Sartre gesagt habe, die Anderen seien die Hölle, was von vielen gerrne wortwörtlich verstanden wird, die Anderen sei eben immer die Hölle. So einfach ist das aber nicht. Mehrmals hat Sartre dieses Zitat zurechtgerückt, einmal im > Interview mit Jaques Chancel, wo Sartre lapidar feststellt, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, und dann auch der „Préface parlée“, in: Sartre, Théâtre complet, hrsg. von M. Contat, Paris 2005, p. 137. Selbst in der Hölle, so erklärt Sartre, selbst in dieser Beziehung zu den Anderen ist man immer frei, dort herauszukommen. „Wie auch immer der infernale Kreis beschaffen ist, in dem wir leben, ich glaube, wir sind immer frei, aus ihm auszubrechen. Und wenn die Leute das nicht machen, so tun sie das auch aus freien Stücken. So bleiben sie freiwillig in der Hölle.“ (ibid.) Es gibt Situationen, sagte Sartre zu Chancel, in denen man sich die Anderen zur Hölle machen kann, das muss aber nicht sein: > Huis clos / Geschlossene Gesellschaft – www.france-blog.info. An diesen Ausspruch von Sartre erinnert der Untertitel Wie wir uns das Leben zur Hölle machen des Buches Jon Ronson, > In Shitgewittern, das gerade bei TROPEN erschienen ist.

Soziale Netzwerke sind überhaupt nicht so sozial, wie man es sich wünschen würden. > Wie sozial sind soziale Netzwerke? www.stuttgart-fotos.de. Haben wir die Scham schon vergessen? Den Respekt vor dem Anderen? Irgendeine dumme Bemerkung auf einer FB-Seite, oder einige unüberlegte gezwitscherte Wörter können einen Sturm im Internet entfachen, Politikerkarrieren beenden auch befördern, egal wie, man kann zusehen, wie sich die Tweets gegenseitig hochschaukeln, und manchmal so dass darüber die Sache vergessen wird, dann steht nur noch der Autor der wenigen Worte selber in der Mitte der Zielscheibe. Früher wurde vielleicht besser recherchiert, geprüft und die Quellen wurden verifiziert, heute wird weniger geschrieben, mehr gepostet, früher wurde für oft für bestimmte Leser geschrieben, immer das Visier aufgeklappt, heute schreibt die schweigende kollektive Intelligenz ihre Artikel in Wikipedia, Unbekannte mit Decknamen nehmen es sich heraus, Einträge Anderer zu korrigieren oder zu löschen und die Zeitungen lassen ihre Artikel von obskuren Personen mit Pseudonymen kommentieren. Da wird heftig gestritten, beleidigt, gelobt, verrissen, immer das Visier zugeklappt. Man will sich ja nicht selbst einbringen, man will dem Anderen nur schaden. Die selbst ernannten Moralapostel sind ständig im Internet präsent, um Fehler der Anderen aufzudecken, ohne daran zu denken, dass jede Rezension immer auch den Horizont des Rezensenten aufdeckt. Und dennoch, sie erscheinen blitzschnell wie Guerilla-Kämpfer, löschen einen Eintrag, oder posten eine Schmähung, zeigen mit dem digitalen Finger auf Entgleisungen, vermeiden aber einen öffentlichen Diskurs, sondern schlagen digital zu, um gleich darauf wieder im digitalen Nirwana zu verschwinden. Nur keine Verantwortung übernehmen, aber den Anderen möglichst schädigen, ihn am Nasenring durch die Manege zu ziehen, sich selber aber bloß nicht zu zeigen. Ob es Shitstorms geben würde, wenn die Anonymität im Internet nicht möglich wäre?

Ronson erzählt haarsträubende Geschichte aus der digital-sozialen Welt und zeigt, wie man sich dagegen (nicht) wehren kann. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sich in die mehr oder weniger sozialen Netzwerke hineinziehen lässt. Muss man das heute? Man darf die Vermutung äußern, dass die Zeit, die man für die Bedienung eines sozialen Netzwerks wie FB, Twitter o. ä. aufwendet, zu 40 Prozent in die Bedienung seiner Funktionen fließt, 30 oder 40 Prozent des Zeitanteils wird damit vergeudet, unsinnige Meldungen und viel Werbung z. K. zu nehmen. 20 Prozent fließt in die Pflege und in den Gewinn der Follower. Bleiben noch 10 Prozent Gewinn oder gar nichts für die eigentliche Kommunikation. Aber wer spricht schon über unsere Tweets oder Postings in FB? Das macht man nur, wenn man selber irgendeinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt. Richtig große Zugriffszahlen bescheren nur die Skandale, die genau die vorgegebenen Funktionen oder Wege der Netzwerke respektieren. Das würde bedeuten, die Netzwerke generieren die Shitstorms? Würden sie über Zeitungen verbreitet, ohne in die Funktionalitäten wie Retweet, Likes etc. eingebunden sein, könnte man sich mit ihrem Inhalt beschäftigen, so aber pushen die Funktionen den Skandal, allein um Aufmerksamkeit die digitale Währung der Betreiber der Netzwerke, zu erheischen, je mehr Aufmerksamkeit, umsomehr Werbung, umso besser rollt der Rubel. Die Inhalte spielen keine Rolle mehr, sie werden nur selektiv zum Anstoß benutzt, der Shitstorm nährt sich aus den Funktionen des Netzwerks und bedient sich der Neugier der Follower.

Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht. Sie meldet sich aus dem digitalen Nirwana, verkündet Moral , ist aber nicht fassbar, hat keine Verantwortung und kann nicht nach ihr befragt werden: „Es war, als seien wir Soldaten in einem Krieg gegen die Verfehlungen anderer Menschen, und mit einmal waren die Kampfhandlungen eskaliert.“ (S. 99)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit „Massenhysterie“ und zitiert Le Bon (1841-1939), Die Psychologie der Massen (1895), in dem er die Stellung des Individuums in der Masse analysiert. Ob man von seinen Überlegungen zur Rasse absehen kann, um Anregungen aus diesem Buch für ein Verständnis der heutigen so sehr digital geprägten Internet-Massen zu gewinnen?

Viele der Geschichten Ronson zeugen wie die Autoren der Bemerkungen ganz unversehen (Hank, S. 120 ff) in den Shitstorm heineingezogen werden, durch Dummheit, aber auch durch eine falsche Bedienung der Funktionen: Lindsey, S: 215 ff. Sie posten Informationen, die roh von den Anderen gelesen werden, die richtige Konnotation wird nicht verstanden, die Info wird ein bisschen gedreht und schon kann der anonyme Sturm an zu blasen fangen. Was hilft es einem Politiker dann noch nachzuschieben, er sei falsch verstanden worden, so eine Bemerkung erhöht nur die Drehzahl des Sturmes.

Jon Ronson
> In Shitgewittern
Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass (Orig.: So You’ve Been Publicly Shamed)
1. Aufl. 2016, 330 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50235-0

Google und das Scannen von Büchern

Mittwoch, 20. April 2016

Patrick Bahners, > Google Books Jetzt geht’s erst richtig los, FAZ 20. April 2016

Der Supreme Court erlaubt weiterhin Google, Bücher zu digitalisieren. Das Urteil ist eine gute Gelegenheit, an das vor 10 Jahren rezensierte Buch von > Jean-Noël Jeanneney > Quand Google défie l’Europe. Plaidoyer pour un sursaut, Editions Mille et une nuits, Paris 2005, zu erinnern: „Jeanneney gibt zwar eine gewisse Bewunderung gegenüber den Begründern von Google zu, will aber der Passivität, mit der vor allem in Europa ihrer Herausforderung begegnet wird, nicht hinnehmen. Die Aufgaben der Bibliothekare und Buchhändler werden mit der zunehmenden Digitalisierung in dem Maße nur noch größer, wie die technische Entwicklung den Unterschied von bloßer Information und überprüften Wissen ständig weiter vergrößert. Jeanneney stellt prinzipielle Fragen. Kann dieses System des Suchens, so wie Google Print es präsentiert, den Ansprüchen, die die Kultur fordert, überhaupt gerecht werden?“ Google fordert uns alle immer noch heraus. Warum akzeptieren wir Europäer, dass ein amerikanisches Unternehmen es sich anmaßt, auch urheberrechtlich geschützte Bücher einscannen zu und sie durchsuchbar machen zu dürfen… das ist os wie mit S21, man baut und abute, und obwohl der bahn noch Teilbenehmigungen fehlen, die werden kommen, weil man ja schon baut und baut. Digital geht, alles wird gescannt, was das Zeug hält, der Zug der zeit wird es schon legalisieren, sagt Google sich und uns.

In der Rezension über das Buch von Jean-Noël Jeanneney hieß es: „Jeanneneys Aufruf zeigte schnell Wirkung. In einer Botschaft haben sich Frankreich, Polen, Italien, Spanien, Ungarn und Deutschland am 28. April 2005 an den Präsidenten den europäischen Rates Jean-Claude Juncker und an den Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Durao Barroso, gewandt. 19 National- und Universitäts-Bibliotheken in Europa haben den Appell der französischen Nationalbibliothek unterzeichnet, um eine drohende geistige und kulturelle Vorherrschaft der USA zu verhindern.“ Huete enthält die > http://www.europeana.eu/portal/ „52,557,036 Kunstwerke, Artefakte, Bücher, Videos und Audios aus ganz Europa“.


Dieser Beitrag ist schon wieder ein willkommener Anlass, an die Aufgaben eines Verlages zu erinnern, die auch im digitalen Zeitalter trotz der wertvoillen Unterstutzung durch > soziale Netzwerke nichts von ihrer Bedeutung für die Verbreitung von Büchern eingebüßt haben. Verlegerarebeit, die berherrschte Friedrich Cotta vorzüglich. Im Lesebericht: Johann Friedrich Cotta, Ein Leben für die Literatur Darin heißt es u.a.: „Die Autoren verlangen zur Recht ihr Honorar und kennen sehr wohl den Wert ihrer Werke, die Lieferanten wollen Geld sehen, die Buchhändler sind an ihren Rabatten interessiert und der Verleger wiederum kämpft für alle zusammen gegen die Raubdrucke und den Druckfehlerteufel: Hier die korrigierte Fassung mit neuen Druckfehlern schrieb er einmal. Kein Glied der ganzen Produktionskette, mit der das Wissen verbreitet wird, arbeitet kostenlos.“

Peter Kaeding
> Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik
1. Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen
496 Seiten
ISBN: 978-3-7681-9712-0


Patrick Bahners zitiert Richter Leval, der der Auffassung ist, dass Autoren kein Monopol auf Informationen hätten, die in ihren Büchern stehen würden. Und Google Books sei nur ein „Schlagwortkatalog des Weltbuchbestandes“ steht bei Bahners. Klar, so was ersetzt nicht die Lektüre der Bücher, auch wenn Studenten in Versuchung geraten, schnell noch ein schönes Zitat für irgendeine Stelle ihrer Arbeit mittels Google-Books zu suchen.

> Open Access ist ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaften, Google ist ein ständiger Angriff auf das Urheberrecht.

In Frankreich war > www.gallica.fr eine Antwort auf die von Jean Noël Jeanneney beklagte Strategie von Google. Hier werden die Urheberrechte akzeptiert und berücksichtigt, und außerdem ist mit Gallica eines der besten Angebote einer Online-Bibliothek im Internet entstanden. Man könnte beinahe schon ein Buch schreiben, indem man sich nur online auf Gallica tummelt, aber die Bibliographie von > Napoleon III. Macht und Kunst, belegt, das das nicht möglich ist.

Wenn Verlage Google gestatten, auszugsweise ihre Bücher in Google-Books anzuzeigen, ist das eine Marketingentscheidung. Wenn ich aber meine Texte in Google-Books wiederfinde, auch wenn die Verlage möglicherweise Google das erlaubt haben, stört mich das sehr, weil ich nicht mehr entscheiden kann, wer, wo und wann meine Texte zu seinem Vorteil nutzen nutzen darf, denn jeder Text den Google verwendet, stärkt seine Inhalte und seien Werbeeinnahmen, warum honoriert Google uns eigentlich nicht > für unsere Inhalte?

Oder soll man doch lieber jubeln wie Andreas Rosenfelder in der WELT? > Google ist die Rettung für alle verkannten Genies, weil wir ohne Google das „Handbuch der Dicht- und Redekunst“ von 1798 nicht kennen würden? Alte Bücher, für die das Urheberrecht nicht mehr gilt, bietet Gallica auch zum Herunterladen und zum Durchsuchen an. Es geht uns in diesem Beitrag um das Urheberrecht, das es stets und ständiger Aushöhlung zu bewahren gilt.

Lesebericht: David Graeber, Bürokratie. Die Utopie der Regeln

Montag, 29. Februar 2016

graeber-buerokratie

Ein Buch über die Bürokratie? Will ich mich noch mehr über den lästigen Papierkram ärgern? Steuererklärung? Oder damals die Anmeldung zu den Examina… was für eine Papierflut! Oder heute. Der Gang aufs Amt. Immer müssen Regeln eingehalten werden. Die Dame am Schalter sagte mir um 8 Uhr, haben Sie eine Nummer gezogen? Weit und breit war noch kein weiterer Mitbürger zu sehen. Draußen auf dem Gang habe ich dann brav eine Nummer gezogen. Bing-Bong machte es, und über der Tür leuchtete 001 auf, nun war der Amtsschimmel munter, und ich durfte eintreten und mein Anliegen vortragen. Bürokratie wird landläufig mit Umständlichkeit, ja sogar mit Schikanen gleichgesetzte, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Meine Aufenthaltsgenehmigung in Paris bekam ich nur mit Studentenausweis… und den Studentenausweis bekomme ich nur mit der Aufenthaltsgenehmigung… als ich wütend zum Büro für die Aufenthaltsgenehmigung zurückeilte, lächelte die Schalterdame und sagte, wir hätten da eine „Vorläufige Aufenthaltsgenehmigung“ für sie… dann kommen Sie mit den Studentenausweis wieder.

David Graeber hat die Bürokratie und ihre Geschichte als Sozial-Anthropologe oder als Sozialtheoretiker (S. 230) durchleuchtet. Das Ergebnis ist eine spannende Darstellung einer drögen Materie. Man muss nur genau hinschauen und mit den Mitteln der Soziologie zu einer präzisen Analyse schreiten. Jeder wird die Ergebnisse Graebers mit seinen eigenen leidvollen Erfahrungen im Dschungel der Bürokratie vergleichen und sich an Erlebnisse erinnern, die ihm das Leben schwer gemacht haben, oder gar an die Unzulänglichkeiten des eigenen Bürolebens denken. Komisch, kaum jemand jubelt bei dem Gedanken, wieder ins Büro, auf das Amt zu gehen, und doch entkommt niemand der Bürokratie.

In der Einführung erläutert Graeber „Das Eherne Gesetz der Liberalisierung und die Ära der totalen Bürokratisierung“, dann folgen drei Kapitel, zuerst über die „strukturelle Dummheit“, dann über die Technologie und dann über Rationalität und Wert.

„Totale Bürokratisierung“ bedeutet für Graeber das „allmähliche Verschmelzen von öffentlicher und privater Macht“, vielleicht gilt das auch für den Fahrkartenkauf. Zu den Zeiten als ich Fahrschüler war, jeden Morgen mit dem Zug von Klingenstein um 7 h 10 nach Ulm, hatte ich eine braune Monatsfahrkarte, die kaufte man vor dem Monatsersten als braune Pappkärtchen am Schalter, zeigte sie im Zug vor und gut wars. Heute ist das Online-Kaufen nur mit guten PC-Kenntnissen zu bewältigen und der Schaffner kontrolliert, leuchtet die Fahrkarte an, scannt die Bahncard, und locht, nein drückt einen Stempel auf das DinA4 Blatt, so dass die Bahn auf Knopfdruck immer weiß, wo und wann wir wie lange entlanggefahren sind. Der Zweck ist nicht nur der Service für uns, sondern im Endeffekt maximale Gewinnabschöpfung aufgrund der Kenntnis vieler persönlicher Daten, ohne deren Herausgabe wir nicht einsteigen dürften.

Die Bürokratisierung als „kulturelle Transformation“ (S. 28):, die „nahezu alle Aspekte des Alltagsleben manipulieren.“ Um es kurz zu machen, dabei fällt mir dieser Titel von Klett-Cotta ein: > Wolf Wagner, Tatort Universität – Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung. Mit was für einer nahezu perfekten Effizienz hat man den Hochschullehrern ein Übermaß von Verwaltungskram aufgebürdet! Statt Forschung und Lehre mit großem Einsatz zu fördern, wurden Evaluationen, Lehrpläne, immer neue Prüfungsordnungen, Exzellenzinitiativen aller Art, eine Inflation aller möglichen Fächer, die den Blick aufs Ganze systematisch verhindern, hervorgebracht von einer ins Maßlose ausgeuferten Bürokratie.

Graebers Stärke liegt darin, Sachverhalte aufzudecken, für die uns im wahrsten Sinne des Wortes die Worte fehlen. Der Kern des „bürokratischen Systems“ ist eine „Kultur der Komplizenschaft“ (S. 34) Ob die Leute bereit seien, ihre Verstöße gegen das System zu vertuschen? Daran werde ihre Loyalität gemessen. Es entsteht eine Doppelmoral, die, so Graeber für alle Arten bürokratischer Systeme“ typisch sei. Je mehr „Markt“ oder Wachstum, um so höher die Zahl der Bürokraten (S. 41) Das stimmt wohl, denn alle Versprechen, Bürokratie abzubauen, funktionieren nicht, weil immer erst eine vielköpfige Arbeitsgruppe berufen wird, die die Bürokratie durchleuchten soll, und die man hinterher nicht wieder los wird, die dann zu einer eigenen Abteilung mutiert und sich selbst natürlich nicht abschaffen wird…

Mit der PC-Technik dachte man, es würden Arbeitsplätze wegfallen. Vielleicht ist der PC das größte Arbeitsbeschaffungsprogramm, das es weltweit je gegeben hat – abgesehen von den 21 T km der chinesischen Mauer. Und Graeber: „Diese Computerschöpfung – diese Welt, in der wir heute leben – beruht auf einer Illusion.“ (S. 43) Unsere neue Welt als ein Kind der Computertechnik? Graeber widerspricht vehement, (vgl. S. 44) „Welche allgemeine Richtung die Technologie einschlägt, hängt von sozialen Faktoren ab.“ Er macht eher die Entwicklung des Finanzwesens dafür verantwortlich. Aber es gibt eine Folge der PC-Technik, die unser ganzes Leben durchdrungen hat: Bewertungen, Beurteilungen jeder Art (vgl. S. 53 ff) aufgrund unserer persönlichen Daten, mit denen wir jeden Tag unseren PC und damit das Internet füttern. Kaum eine Firma, die sich nicht der Kniffs der Internet-Werbung bedient. Kaum haben wir ein Produkt in ihrem Online-Shop angesehen, taucht die Werbung für genau dieses Produkt auf ganz anderen Websites für uns ganz persönlich auf. Internet-Stalking ist das. Oder die Online-Shops, die uns freundlich um eine Bewertung ihres Angebots bitten. Eigentlich müssten sie uns gleich 50 Euro überweisen, soviel sparen die bestimmt an umständlicher Marktforschung auf unsere Kosten und Zeit.

> David Graeber am 25. Mai 2012 auf Lesereise ein Köln

Wunderbar, das Kapitel über „strukturelle Dummheit“. Bürokraten würden nie Unzulänglichkeiten zugeben, brandmarken aber unsere Unfähigkeit, die Formulare richtig, geduldig und vollständig auszufüllen, (vgl. S. 61) das ist nicht anderes als „strukturelle Gewalt“ (S. 71). Folglich ist es einleuchtend, wenn Graeber etwas weiter sein Buch als „eine Übung in Gesellschaftstheorie“ (S. 93 ) bezeichnet: „Strukturelle Gewalt bringt einseitige Strukturen der Imagination hervor:“ (S. 100) Die unteren Chargen müssen viel Imagination aufwenden, um das System zu verstehen und sich anzupassen, die oberen Chargen brauchen darüber überhaupt nicht nachzudenken. (vgl. ebd.) Graeber folgert daraus, das Bürokratien Dummheit organisieren, für ihn repräsentiert die bürokratische Autorität alleine durch ihre Natur einen Krieg gegen die menschliche Phantasie. Bien dit. Auch der Klügste wird von der Bürokratie als dummer Hansel vorgeführt. (vgl. S. 117) „Mechanismen der Entfremdung“ nennt Graeber alle Räume, wo Bürokratie sich abspielt, Fernseher und Wahlkabinen und Krankenhäuser gehören dazu (vgl. S. 122)

Und Graeber gelingt es, unser Bewusstsein für größere Zusammenhänge zu schärfen, in denen die Bürokratie sich befindet. Zum Beispiel soziale Netzwerke, die durch die PC-Technik und dann durch das Internet erst möglich wurden, vielen Kontakte ermöglichen und einige wenige steinreich werden lassen, weil sie ein sehr gefräßiges System für Daten entwickelt haben. Einige wenige Daten, die sich um eine Meldung ranken, sind immer offen, aber das sind nur Teile der Daten, die der Seitenbetreiber automatisch ausliest, um unser Verhalten vorauszuberechnen, um dann uns die perfekte Werbebotschaft zu präsentieren:

Die Kritik an der Technologie im 2. Kapitel erinnert daran, dass die post-industrielle Zivilisation einer Riesen-Täuschung erlegen ist. Nach der Mondlandung waren die USA ausgepowert. (vgl. S. 156) Und heute gibt es auch bei uns nur eine Verwaltung der Politik aber keine Visionen mehr, weil sich in den 60er Jahren schon der technologische Fortschritt zu verlangsamen begann. Ob das Internet ein Quantensprung in der Technik ist? Oder auch nur eine Illusion? müsste man Graeber fragen und mit ihm über das große nichtsnutze Spiel der kollektiven Intelligenz zu sprechen. Ob er einverstanden wäre, von einer „kollektiven Verdummung“ zu sprechen? Kreativität wird dauernd vorgespiegelt und doch treten alle Teilnehmer nur ein Hamsterdatenrad und herauskommt Wikipedia mit seinen unglaublichen Fehlern und der Autorität anonymer Korrektoren, die ihr Wissen als Maßstab der Welt zur Verfügung stellen. Bürokratie erstickt Visionen und Kreativität, schreibt er. Stimmt. Und es kommt noch schlimmer: Der PC nimmt uns Arbeit ab und bürdet uns Frust, Verzweiflung, Angst vor Datenverlust – und klau bis hin zum Diebstahl unserer Identität auf.

Mein PC bleibt meine „poetische Technologie“ und ich verteidige ihn bis heute gegen die bürokratische Technologie mehr schlecht als recht – bis immer wieder Microsoft oder andere >buerokratisierungFirmen wichtige Updates einspielen, obwohl doch auf jedem Produkt eigentlich die Inhaltsstoffe stehen sollten, man aber nie weiß, was deren Bürokratie in unserem PC anrichtet, welche Daten sei für sich auf unserem PC bestellen. Das formuliert Graeber so: „In Wirklichkeit hat es eine eigenartige Umkehrung von Zielen und Mitteln gegeben, bei der Kreativität in den Dienst der Administration gestellt wird und nicht umgekehrt.“ (S. 173). Das ist auch so bei der Bürokratisierung der Suchmaschinen, die nach Regeln arbeiten, die mit dem Inhalt, geschweige denn mit der Qualität der Websites eher nur am Rande etwas zu tun haben, uns aber die Ordnung der Welt vorgaukeln.

Und schließlich gelangt Graeber zur „Bürokratisierung der antibürokratischen Fantasy“. Unsere Leser, die mit der Hobbit-Presse werden hier erstaunliche Parallelen zu ihrer Lektüre entdecken: „Nur böse Menschen unterhalten Verwaltungssysteme.“ (S. 219)

Und Graeber kommt zu der Schlussfolgerung: „Was dem Reiz der Bürokratie letztendlich zugrundeliegt, ist die Angst vor dem Spielen.“ (S. 230)

David Graeber
> Bürokratie
Die Utopie der Regeln
Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl und Henning Dedekind (The Utopia of Rules)
1. Aufl. 2016, 329 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94752-6

graeber-schuldenDavid Graeber
> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0

> Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden

Twitter-Lesebericht: MERKUR 801 Februar 2016

Donnerstag, 4. Februar 2016

merkur-801-febuar-2016

Wie wir an anderer Stelle etwas ausführlicher Twitter als unseren > Pressedienst gelobt haben, zeigen wir hier einmal mit Twitter das Protokoll unserer heutigen MERKUR-Lektüre. Wie > Stefan Schulz > Andreas Bernhard ergänzt und wie > Florian Sprenger uns zeigt, wo das alles noch hinführt, aber so schlimm wird das alles hoffentlich doch nicht, und auch die Gedankenbücher führen nicht zum Ende des Romans. > Sie haben den neuen MERKUR noch nicht… und ihn auch nicht abonniert?. Nein, dann gucken Sie bitte mit mir in die Nr. 801.

> Hierr geht es zum MERKUR

Berlin 23.10.2015: Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet

Donnerstag, 1. Oktober 2015

netzhistorisch-fotos

Die Redaktion des Merkur lädt zu einer zweiten Runde der„Merkur-Gespräche“-Gespräche ein. Diesmal geht es um die Digitalisierung auf, das schon im Januar 2015 Heftschwerpunkt war:

> Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand

Im Mittelpunkt der Gespräche werden Copyright-Fragen (Dommann/Felsch) und Formen politischer Systembildung in Online-Communities (Passig/Horowski) stehen, zwei wichtige Problemfelder aktueller Debatten. In größerer Runde werden die Lage aus der Perspektive ihrer Vorgeschichten und Präzedenzen diskutiert: das Netz, historisch betrachtet.

Programm: > Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet
Mit Monika Dommann, Philipp Felsch, Valentin Groebner, Leonhard Horowski und Kathrin Passig.

Die Veranstaltung findet statt am Freitag, den 23. Oktober 2015 im Studioraum des ACUD, Veteranenstr. 21, 10119 Berlin.

Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt ist frei. Der Redaktion des Merkur bittet um Anmeldung unter > redaktion@merkur-zeitschrift.de.

Stichwort Copyright-Fragen und Urheberrecht:

Hier auf unserem Blog:

> Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können.

> Nicolas Sarkozy und das Urheberrecht

> Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum – 22. Juli 2009

> Digital ist nicht gleich kostenlos. Verleger dringen auf das Urheberrecht auch im Internet– 8. Juni 2009

> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009

Und nebenan auf www.france-blog.info

> 17. Deutsch-französischer Ministerrat: Die gemeinsame Erklärung zum Urheberrecht 1. April 2015

> Die gemeinsame Erklärung von VS – Verband deutscher Schriftsteller und der Société des Gens de Lettre (SGDL) – 12.12.2013

> Französische Botschaft lud zum Forum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas“

Stichwort „Formen politischer Systembildung“:

Gerade hat Frankreich begonnen eine neues Digitalgesetz vorzubereiten. Und das Anhörungsverfahren zum Gesetz ist voll 2.0 mit Bürgerbeteiligung:

> La République numérique en actes: Le projet de loi pour une République numérique

Tippen Sie auf der Tastatur oder schreiben Sie mit der Hand?

Donnerstag, 15. Januar 2015

> Ecrivez-vous à la main ou tapez-vous au clavier ? Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur? – Frankeich-Blog, 24. August 2017

andresen-schreiben-sprechen

Auch Bücher von 2005 verdienen es, hier angezeigt zu werden. Kaum was anderes ist für die Erziehung und das Aufwachsen von Kindern so wichtig wie die Sprache. Jean-Paul Sartre hat das in den beiden Kapiteln „Lire“ und „Écrire“ seiner Autobiographie Les Mots (1960) sehr eindringlich beschrieben. Die Entdeckung der Welt mittels der vielen Bücher in der Bibliothek seines Großvaters. Das Aufschlagen der richtigen Seite, das Abschreiben, das Einfügen der Konjunktionen, alles zusammen machte seine Feder zur Waffe. Das wusste er damals schon. Schreiben, das wollte auch Antoine de Roquentin, als er am Ende von Der Ekel (1938) die Biographie von Rollebon aufgibt, Bouville verlässt und sich im Zug sagt, – je cite de mémoire – „Ich muss ein Buch schreiben, das so hart wie Stahl ist, und den Menschen wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibt.“ > Sartres Ästhetik in einem Satz. Dieser Gedanke ist aller PC-Technik weit überlegen. Darum geht es beim Schreiben, anderen neue Möglichkeiten aufzeigen und sie daran erinnern, was sie versäumt haben. Auch wenn in Digitalien eines Tages die Handschrift verschwinden sollte, wird man immer noch mit Wehmut daran denken, wie leicht doch die Gedanken mit der Tinte auf das schöne glatte Papier flossen, heute quälen sich die Buchstaben an Abstürzen, Updates, Programmfehlern, unverständlichen Formatvorlagen, unkompatiblen Dateiformaten, kaputten Dateien, kaputten Routern, fehlerhafter Hardware vorbei auf den Drucker, wenn dieser gerade mal nicht streikt. Wenn man ein Buch mit Word verfasst hat, > die Druckvorlage endlich auf dem Weg zum Verlag ist, dann fragt man sich, warum man das alles nicht lieber mit der Schreibmaschine gemacht hat. Wieviel Zeit klaut uns der PC? – Hier steht vieles zur Handschrift und zum Touchscreen: > Texte schreiben oder Buchstaben suchen? Schreibschrift, Blockschrift oder Touchscreen?.

Man kann es drehen und wenden wie man will > Caspar Hirschi, Carlos Spoerhases Artikel Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches.
Die USA, Frankreich und Deutschland im Vergleich
im neuen MERKUR 02/2015 hat viel mit den apokalyptischen Reitern zu tun, von denen wir in unserem Lesebericht > Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand erzählt haben. Ohne die PC-Technik würden andere, bessere Texte besonders von Anfängern geschrieben werden. Wieviel Konzentration und Zeit geht durch das Einrichten, die Abstürze, das Erlernen der Programme, das Surfen, das Suchen und Stochern im Netz verloren! Vielleicht hätte mein Studium in Bonn mit dem PC länger gedauert. Heute können sich Studenten kaum vorstellen, ohne PC zu arbeiten, auch wenn das Erstellen einer Hausarbeit z. B. über Camus nur online einfach nicht funktioniert. Und ohne Open Access, Scanner, Sticks mit geklauten Texten, ohne die Verführung im Netz was zu suchen, könnten wir uns wieder aufs Schreiben konzentrieren.

Valentin Groebners Aufsatz > Mit Dante und Diderot nach Digitalien. Wie viel will die Wissensgeschichte von sich selber wissen? im neuen MERKUR 02/2015 ist so gut, an ihn muss ich nochmal erinnern. Wir sprechen heute von der Wissensgesellschaft und tun so, als hätten wir noch nie eine traditionelle Papierbibliothek von innen gesehen; wir lobpreisen Wikipedia, freuen uns an den vielen Fakten, die die kollektive Intelligenz objektiv ordnen will, vergessen aber, dass > Diderot mit seiner Enzyklopädie, ihrem Anspruch, ihrem Mut und ihrer Qualität der heutigen Wikipedia wohl überlegen ist. Diderot bezog Stellung, denn ein Lexikon ohne sogar implizite Stellungnahme gibt es nicht. Wikipedia will objektiv sein und kann immer nur so tun als ob. Groebner schreibt: „Im Reden über die Wissenswelten der Zukunft stecken eine ganze Menge alte Narrative, vor allem theologische.“

Helga Andresen
> Vom Sprechen zum Schreiben
Sprachentwicklung zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr
Konzepte der Humanwissenschaften
1. Aufl. 2005, 272 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94394-8

Google darf auch geschützte Bücher zum Durchsuchen bereitstellen

Samstag, 16. November 2013

Schon wieder ein massiver Angriff auf das Urheberrecht. Wenn auch das Urteil, über das hier berichtet wird, wohl zuerst nur die USA betrifft, so ist doch eine Entwicklung absehbar, der es zu widersprechen gilt. Doch der Reihe nach…

Vor zwei Jahren habe ich durch einen Zufall bemerkt, dass Google sich mit seinem Angebot Google Books nicht an vereinbarte Regeln gehalten hat. Der Verlag Gunter Narr hatte offenkundig zugestimmt, dass Google mein Buch Sartre und die Kunst in Auszügen anzeigen darf. Durch die Suche nach einem Zitat von Sartre stieß ich durch Zufall um 2011 auf mein eigenes Buch, von dem die Hälfte im Internet auf der Seite von Google Books zu lesen war. Ein Kollege von mir konnte mit seinem PC das Angebot das Zitat in meinem Buch nicht finden, weil auf seinem PC die andere Hälfte meines Buches angezeigt wurde. Wer also nur die IP-Nr. seines PCs wechseln konnte, hatte Einblick in mein ganzes Buch. Mehrere Jahre lang hatte Google unrechtmäßig mein Buch in ganzer Länge angezeigt. Ein Mail genügte, und das Buch war nach 12 Stunden aus Google Books verschwunden.

 

> Johann Friedrich Cotta und die Rechte der Autoren
Auf unserem Blog,
3. Mai 2009

Durch das am Ende der letzten Woche gefällte > Urteil des Richters Denny Chin wird Google das Einscannen auch von urheberrechtgeschützten Büchern im Rahmen des „Fair Use“, einer Ausnahmeregelung im US-Urheberrecht, das die nicht genehmigte Nutzung von geschütztem Material gestattet, wenn sie der öffentlichen Bildung und Diskussion dient. Das Urteil gilt wohl nur für Google Books in den USA. Wie Google woanders verfahren darf, wird in dem Urteil nicht gesagt.

Richter Chin schätzt offenbar Google Books als ein besonderes „Recherche-Instrument“, das Lesern hilft, Bücher zu finden. Richter Chin geht davon aus, dass Google das Lesen der Bücher verhindere. Nichtlesende Staatsbürger sind auch recht ungefährlich. Google wird sicher eines Tages einen Weg finden, sich am Gewinn zu beteiligen, wenn die Suchkunden von Google wirklich auf die Idee kommen sollten, das Buch lesen zu wollen, müsste man dem Richter antworten. Nochmal. Der Reihe nach.

Der Autorenverband Authors Guild will zu Recht gegen dieses Urteil den Rechtsweg beschreiten : > Round One to Google: Judge Chin Finds Mass Book Digitization a Fair Use. Guild Plans Appeal

Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass auch > meine Bücher von Google ohne meine Erlaubnis digitalisiert werden, und den durchsuchbaren Fundus von Google Books -ohne ein Honorar zu meinen Gunsten – vergrößern. Mit der Anzeige der Fundstellen in meinen Büchern bereichert sich Google an meinen Büchern. Außerdem wird Google allein schon durch die undurchschaubare Anordnung in den Suchergebnissen irgendwie eine Bewertung vorlegen, die jeder Grundlage entbehrt.

 

> Lesebericht: William Gibson, Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack

Die Befürworter von Google werden sofort entgegnen, ich solle mich freuen, wenn Google so nett (und völlig uneigennützig) ist und mir hilft, meine Bücher bekanntzumachen. Klar, das Verfassen von Seminararbeiten wird noch leichter, man sucht hier, man sucht dort und pickt hier und da ein Zitat heraus, mit dem man seine Arbeit „anrühren“ kann. Vergleichen wir Google Books mit Gallica, so fällt auf, wie gut es > Gallica gelingt, den Besucher online wie in einer Bibliothek arbeiten zu lassen: auf die bibliographischen Angaben ist Verlass, die online eingestellten Reihen > Revue des deux mondes sind vollständig. Vgl. > https://www.google.fr/#q=editions:KvT4o-67pLwC&tbm=bks Google Books hat hier und dort mal eingescannt, „bibliographische Angaben“ als Begriff werden bei Google Books anders gehandhabt als in der realen Welt. Scrollt man auf der Seite mit > meinem Buch in Google-Books nach unten, gibt es einen Eintrag mit ähnliche Bücher: da werden in diesem Fall auch Bücher angezeigt, die mit mit meinem Buch gar nichts zu tun haben, aber Google wird wohl wissen, dass ich den Autor dieses Buches kenne: > Riskomanagement Im Strategischen Fit. Bald wird man in Google bestimmt nachlesen können, wer welche Bücher in Google-Books gesucht, und welche Seiten er angeguckt hat.

Das Urteil, und damit stimme ich Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat – der vom Buchreport zitiert wird: Richter erlaubt Buchdigitalisierung von Google in Bibliotheken > „Unschätzbares Recherche-Werkzeug“ – Buchreport 15. November 2013 – zu, ist eine Mahnung an die Europäer jetzt endlich den Ausbau der EUROPEANA nach dem glänzenden Vorbild von Gallica voranzutreiben. Im Moment sind wir jeder wieder auf LOS, an dem Punkt, wo damals Jean Noël Jeanneney sein Buch Jean Noël Jeanneney > Quand Google défie l’Europe. Plaidoyer pour un sursaut, Editions Mille et une nuits, Paris 2005 (Dt. Fassung: Jean-Noël Jeanneney, Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek, Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger und Sonja Fink. Wagenbach Verlag, Berlin 2006) vor den Google-Auswüchsen so nachdrücklich warnte. Der damalige Direktor der Französischen Nationalbibliothek gab damit den Startschuss für Google, das als Online-Angebot ein Erfolg geworden ist, der seinesgleichen sucht.

 

> Die Aktualität der Meldungen im Internet oder: Kann das Internet Aktualität vermitteln?

Wir in Europa haben etwas verpasst. Wir lassen es uns gefallen, dass ein amerikanischer Konzern zur Online-Bibliothek unserer Literaturen werden will. Und er wird speichern, was, wer, wann, wo recherchiert, welche Seiten wer, wie lange betrachtet, und er wird das komplette Profile seiner Besucher erstellen, um sich immer weiter an den Werbeeinnahmen bereichern können, nur weil die Europäer die Entwicklung verschlafene haben. Google wird den Besuchern die Bücher anzeigen, die zu seinem Suchprofil passen und wer die falschen Bücher aufruft, darf in die USA nicht mehr einreisen, weil sein politisches Profil unerwünscht ist. Wie leicht kann Google in die Versuchung kommen, wissenschaftliche Arbeit zu steuern, indem bestimmte Texte den Lesern unterschlagen werden; Texte z. B., die ein schlechtes politisches Profil generieren. Karrierechancen werden gekappt, weil das Leseprofil eines Kandidaten, das politische Lese-Führungszeugnis irgendwelche dummen Bemerkungen enthält. Sicher, solche Praktiken sind auch in anderen Bibliotheken mit jeder Art von Online-Ausleihe möglich, aber Google kann das mit der Vielfalt seines schon beinahe Monopol-artigen Angebots besonders gut. Google wir eines Tages einen eigenen Verlag gründen, in dem es seine Suchkunden nach Vorgaben, die von den Leseprofilen gefüttert werden, Texte schreiben lässt, die dem Lesegeschmack 100%ig entsprechen und in der hauseigenen Suchmaschine ganz oben angezeigt werden.

> Lesebericht:
McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage

Am 9. September 2013 haben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., der Deutsche Kulturrat, das Syndicat National de l’Edition, und der Sybdicat de la Librairie française in ihrer Erklärung > „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ an die fundamentale Bedeutung des Urheberrechts errinnert: Darin heißt es u.a.: „Das Autorenrecht ist der Kern des europäischen Urheberrechts. Der Urheber steht im Mittelpunkt dieses Rechts, er allein entscheidet, ob und wie sein Werk veröffentlicht wird. Dieser Grundsatz des europäischen Urheberrechts muss auch in der digitalen Welt mit ihren neuen Publikationsmöglichkeiten Bestand haben und darf nicht durch Anpassungen an die digitalen Gegebenheiten aufgeweicht werden.“

> Erklärung „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ von Deutscher Kulturrat, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Syndicat national de l’édition und Syndicat de la Librairie Française

Mit allen Videos der Konferenz am 9. September 2013 in Berlin:
> Französische Botschaft lud zum Forum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas“ – Frankreich-Blog

United State District Court Filed Souther District of New York: > Authors Guild v. Google Decision

Richter erlaubt Buchdigitalisierung von Google in Bibliotheken > „Unschätzbares Recherche-Werkzeug“ – Buchreport 15. November 2013.

> Google darf Millionen Bücher ins Internet stellen – FAZ, 14.11.2013

Ergänzung:

Michael Roesler-Graichen, > Verbeugung vor dem Monopolisten – boersenblatt.net – 19.11.2013


> Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline

Blogrückblick:

> Nicolas Sarkozy und das Urheberrecht 21. Januar 2011
> Sollen öffentlich geförderte Forschungsergebnisse wirklich kostenlos sein? – 7. Dezember 2009
> Der Google-Welt-Buchladen und das Urheberrecht – 31. Juli 2009
> Leser, Autoren, Verleger und Herausgeber – 22. Juli 2009
> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009
> Pause vom Internet: Netzstille oder Hilft das Internet beim Bücherschreiben? – 21. Januar 2010

> Web 2.0 – 38 Artikel auf unserem Blog


Lesebericht: Beppe Grillo, Gianroberto Casaleggio, Dario Fo
Sterne. Über Demokratie, Italien und die Zukunft Europas

Mittwoch, 26. Juni 2013

Bei TROPEN ist gerade unter dem Titel > 5 Sterne. Über Demokratie, Italien und die Zukunft Europas die Übersetzung von Il Grillo canta sempre al tramonto (Mailand: Chiarelettere, Mailand 2013) in der Übersetzung von Ch. Ammann, A. Peter und W. Kögler erschienen. In einem Gespräch beklagen der Gründer der 5 Serne-Bewegung – M5S – Beppe Grillo, Gianroberto Casaleggio und Dario Fo den wirtschaftlichen Niedergang Italiens, die fehlenden Perspektiven. Sie möchten zu einem neuen Denken aufrufen, mit dem die Korruption besiegt werden soll. Sie treten für ein Wirtschaftssystem ein, das den Menschen dienen soll und nicht ausschließlich den Banken.

Beppe Grillo stammt aus Genua, erfolgreicher Komiker und Schauspieler, sowie ein erfolgreicher Blogger. Gianroberto Casaleggio kommt aus Mailand und war Geschäftsführer bei Olivetti. Er gründete den Internetdienst Webegg. Er ist Inhaber einer Agentur, die den > Internetauftritt Grillos betreut. 2007 gründeten Gianroberto Casaleggio und Grillo ihre politische Bewegung Movimento 5 Stelle, die sie seither im Internet aufbauen. Dario Fo ist Nobelpreisträger für Literatur im Jahr 1997 und engagiert sich für eine Kultur des sozialen Engagements. Seine Theaterstücke werden in Italien und dem Ausland erfolgreich aufgeführt, seine Werke in viele Sprachen übersetzt.


MoVimento 5 Stelle wird so resümiert: Ambiente, Acqua, Sviluppo, Connettività, Trasporti = Umwelt, Wasser, Entwicklung, Konnektivität – gemeint ist der allgegenwärtige Internet-Zugang und Verkehr.

> MoVimento 5 Stelle
> MoVimento 5 Stelle – Wkipedia
> Parteiprogramm – deutsch
> Parteiprogramm – italienisch


Bei den Parlamentswahlen am 24. und 25. Februar 2013 trat die M5S zum ersten Mal an und wurde sofort zur zweitstärkste Partei mit fast 25 % der Stimmen in der Abgeordnetenkammer und 23 % im Senat hinter dem Partito Democratico. Dieses Buch 5 Sterne ist als eine Bestandsaufnahme der Situation Italiens und als Erläuterung des > Parteiprogramm von M5S zu verstehen. Das Programm schlägt radikale Reformen vor: U. a. „- Beschränkung auf zwei Amtszeiten für Abgeordnete sowie für alle anderen öffentliche Ämter, -Abschaffung aller Privilegien für Abgeordnete, darunter auch das Recht auf Pensionsansprüche nach nur zweieinhalb Jahre Amtszeit, – Anpassung des Gehaltes der Abgeordneten an den nationalen Durchschnittslohn“ aber auch die Anwendung von Gesetzen, so wie die erste Forderung im Bereich der Energie: „Sofortige Umsetzung der Gesetze über die energetische Zertifizierung von Gebäuden (Gesetz 10/91, nach Vorgabe der Europäischen Richtlinie 76/93)“. Im Kapitel Information steht: „Digitale Staatsbürgerschaft von Geburt an, mit gratis Web-Zugang für jeden italienischen Staatsbürger“: Die Wirtschaft soll nach Vorstellungen des M5S neue Regeln bekommen: „Einführung von Sammelklagen, – Abschaffung von Unternehmensverschachte-lungen bei börsennotierten Unternehmen, – Abschaffung der Möglichkeit des gleichzeitigen Innehabens mehrerer Vorstandspositionen in börsennotierten Unternehmen“. Verkehrsreformen sollen nach Vorstellung des M5S lokalen Räumen zugute kommen: „- Realisierung sicherer Fahrradwege sowohl inner- als auch außerhalb der Städte. – Realisierung von frei nutzbaren Fahrradparkplätzen vor privaten Mehrfamilienhäusern sowie öffentlicher Fahrradparkplätze in der Stadt. – Einführung hoher Zugangskosten für Zufahrt in die Altstadt mit dem privaten PKW durch nur eine Person.“ Das Kapitel Gesundheit ist drei Seiten lang und zeigt dass hier die größten Missstände vom M5S offenbart werden: Die Forderungen der M5S. U. a. „- Garantie eines universellen und kostenfreien Zugang zur Grundversorgung, -Einkommensabhängige Zuzahlungen für nicht essentielle Leistungen und Überwachung und Korrektur der Auswirkungen der Dezentralisierung auf den gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem“. Auch im Bereich der Bildung setzt die M5S auf die verstärkte Nutzung des Internets und fordert u. a. „Obligatorische Verbreitung des Internets in Schulen mit Gratis-Internetzugang für jeden Schüler – Schrittweise Abschaffung gedruckter Bücher und Ersatz durch freien, kostenlosen Zugriff über das Internet auf Bücher in digitaler Form (e-Books), – Obligatorische Lehre der englischen Sprache ab dem Kindergarten, – Abschaffung des rechtlichen Wertes von Diplomen“.

Es ist kein Streitgespräch, alle drei Gesprächspartner sind mit dem Gründer der Bewegung 5 Sterne völlig einverstanden. Zusammen analysieren sie die politische und wirtschaftliche Situation Italiens. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht immer wieder das Internet. Casaleggio beklagt den Bedeutungsverlust des Wortes Demokratie: „Möglicherweise kann das Internet helfen dabei helfen, zu jener Inspiration zurückfindend, die uns zu gleichberechtigten intelligenten Wesen macht.“ (S. 28 f) Nebenbei verraten die Drei auch das Erfolgsrezept ihrer Bewegung: „Ein Virus breitet sich aus“ (S. 32 ff) Unordnung, Kreativität und sorgfältige Organisation sind die Stichworte, mit denen die M5S ihre Auftritte inszeniert. Casaleggio sagt auch“ Das Internet ist also schon das Gehirn, das sieht, kommuniziert, handelt…“ Da würde ich ihm widersprechen, und wir würden uns bestimmt köstlich streiten, und er würde mir erklären, dass er im Grunde nur meint, dass das Internet von den Parteien viel mehr genutzt werden könnte. Unrecht hätte er nicht, auch bei uns mögen die Parteien anscheinend nicht so recht an an das Mitmach-Internet Web 2.0 denken. (s. auch S. 96 ff) Alternativen für andere Wirtschaftsmodelle gebe es genug. Telearbeit, andere Energienutzung, bessere Abfallverwertung und eine Veränderung der Bedürfnisse für intensiven Verkehr. Großprojekte, die sie ablehnen, fördern erst die ungebremste Mobilität. (S. 79) Und dann wieder das Internet: „Das Netz erlegt unserer Intelligenz eine Beschleunigung auf, die bis vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen wäre,“ (S. 81) meint Grillo. Auch mit ihm würde ich mich streiten, verhindert doch das Internet eigentlich immer durch Zerstreuung jeder Art, durch aggressive Werbung zusammen mit einem Zwang zum ungehemmten Datenaustausch jede Konzentration auf das Wesentliche. (vgl. auch S. 131 ff.) Jeder Internetzeitungsleser muss auf dem Bildschirm die Information suchen, die er wirklich sehen will, der Jubel Grillos, (S. 81) im Internet können wir alles über die Welt erfahren, gilt wohl eher nur für die Behörden, die das Internet ständig abhören. Die so gelobte „Schwarmintelligenz“ (S. 82) reduziert sich heute doch eher auf die Diktatur einer Minderheit. Nein, auch in Zukunft sollte man Gegenständen eine „Intelligenz“ absprechen. Grillo weiß genau, dass die 5Sterne-Bewegung ihre Existenz dem Netz verdankt. (S. 89) Casaleggio weiß genau, dass es im Netz nur eine relative Annäherung an die Wahrheit gibt (S. 91), das ist aber im realen Leben auch so.

Jeder kann im Netz sein eigener Verleger werden, meint Casaleggio (S. 150) und hofft darauf, dass das Netz „vermittelnde Instanzen“ (S. 152) überflüssig macht. Ohne Zweifel gibt es immense Vorteile des Internets, aber die Empfehlung, ärztliche Diagnose durch das Internet zu ersetzen (S. 164) ist nicht zielführend.

Die Kritik am Niedergang Italiens(S. 171 ff.) ist ohne Nachsicht. Die Kritik am politischen Zustand des Landes verstärken die drei mit Episoden, wie die Forderungen ihrer Bewegung von den Gegner zerpflückt oder nicht ernstgenommen wurden. Dabei richtet sich die Kritik auch nach innen. Grillo ist nicht bereit, die Existenz von Flügeln in seiner Bewegung hinzunehmen. (S. 217) und er fügt hinzu, man bewege sich seit sechs Jahren im Kampf. Das passt irgendwie nicht zu der von den dreien gelobten Schwarmintellignez des Internets.

Die Lektüre dieses Buches bietet ein starkes Kontrastprogramm zur Vorstellung des Wahlprogramms der CDU/CSU vor ein paar Tagen. Einfach ein paar Milliarden mehr Schulden machen, und die Wiederwahl der Kanzlerin scheint nur eine Formalität zu sein. Auch wenn einige Forderungen der M5S überzogen scheinen, so sind sie doch für die alten Parteien eine Herausforderung, die von den Wähler des M5S verstärkt werden. Es ist immer spannend, das Entstehen, neuer politischer Kräfte, ihren Auf- oder Abstieg zu beobachten. Möglicherweise kommen politische Gruppierungen, die bewusst auf eine politische Heimat verzichten, nicht über ein bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit hinaus, so wie soziale Netzwerke im Internet auch ihre Grenzen haben, weil sie eben eine Großteil der Bevölkerung nie erreichen werden. Man trifft dort nur die, die schon vernetzt sind, das reale Leben spielt sich noch immer außerhalb sozialer Internet-Netze ab.

> Beppe Grillo (Wikipedia)

> Il Blog de Beppe Grillo

Beppe Grillo, Gianroberto Casaleggio, Dario Fo
> 5 Sterne
Über Demokratie, Italien und die Zukunft Europas
Aus dem Italienischen von Christine Ammann, Walter Kögler und Antje Peter (Orig.: Il Grillo canta sempre al tramonto)
1. Aufl. 2013, 240 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50324-1

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 26 queries. 0,232 seconds.