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Archiv für die Kategorie 'Web 2.0'

Tagung in Siggen: Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Aus Anlass der Tagung > „Konzepte wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter“ vom 10.-16. Oktober 2016 der Redaktion Merkur

erinnern wir an unsere Beiträge zum Publizieren im digitalen Zeitalter:


> Muss man das Urheberrecht beschränken? 30. August 2016

> Man darf nicht mit dem Urheberrecht spielen – 7. Juni 2016

> Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können – 10. Juni 2015

> Wissen und Nicht-Wissen im digitalen Zeitalter und das Ende der Zeitung – 5. Februar 2016

> Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand – 13. Januar 2015

> DEBATTEN: Die Zukunft des Verlagswesens im Zeitalter der Digitalisierung. Europäische Erfahrungen im Vergleich – 17. Oktober 2014

> Digital ist nicht gleich kostenlos Verleger dringen auf das Urheberrecht auch im Internet – 8. Juni 2009

> Digital und kostenlos? Open Access 2. Mai 2009

> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009

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Und auf > www.france-blog.info:

> Gare à la gratuité scientique ! – 9. März 2016

> Essai. Lernen und Studieren mit dem Internet – 30. September 2016

Lesebericht: Jon Ronson, In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Buch- und Medienblog bringt Ronsons Warnungen auf den Punkt: „Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde scheint eine Renaissance zu erfahren: Der Pranger.“ in: Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson – Veröffentlicht von Oliver W. Steinhäuser am 9.12.2016.


ronson-shitgewitternMan kennt Sartres Satz aus seinem Theaterstück: Geschlossene Gesellschaft (1944): „Die Hölle, das sind die anderen,“ den die kollektive Intelligenz auch im Artikel in der Wikipedia über dieses Theaterstück > Geschlossene Gesellschaft zitiert. Das ist einer der meist zitierten Sätze von Sartre. Und immer aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird gerne so zitiert, um zu erklären, dass Sartre gesagt habe, die Anderen seien die Hölle, was von vielen gerrne wortwörtlich verstanden wird, die Anderen sei eben immer die Hölle. So einfach ist das aber nicht. Mehrmals hat Sartre dieses Zitat zurechtgerückt, einmal im > Interview mit Jaques Chancel, wo Sartre lapidar feststellt, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, und dann auch der „Préface parlée“, in: Sartre, Théâtre complet, hrsg. von M. Contat, Paris 2005, p. 137. Selbst in der Hölle, so erklärt Sartre, selbst in dieser Beziehung zu den Anderen ist man immer frei, dort herauszukommen. „Wie auch immer der infernale Kreis beschaffen ist, in dem wir leben, ich glaube, wir sind immer frei, aus ihm auszubrechen. Und wenn die Leute das nicht machen, so tun sie das auch aus freien Stücken. So bleiben sie freiwillig in der Hölle.“ (ibid.) Es gibt Situationen, sagte Sartre zu Chancel, in denen man sich die Anderen zur Hölle machen kann, das muss aber nicht sein: > Huis clos / Geschlossene Gesellschaft – www.france-blog.info. An diesen Ausspruch von Sartre erinnert der Untertitel Wie wir uns das Leben zur Hölle machen des Buches Jon Ronson, > In Shitgewittern, das gerade bei TROPEN erschienen ist.

Soziale Netzwerke sind überhaupt nicht so sozial, wie man es sich wünschen würden. > Wie sozial sind soziale Netzwerke? www.stuttgart-fotos.de. Haben wir die Scham schon vergessen? Den Respekt vor dem Anderen? Irgendeine dumme Bemerkung auf einer FB-Seite, oder einige unüberlegte gezwitscherte Wörter können einen Sturm im Internet entfachen, Politikerkarrieren beenden auch befördern, egal wie, man kann zusehen, wie sich die Tweets gegenseitig hochschaukeln, und manchmal so dass darüber die Sache vergessen wird, dann steht nur noch der Autor der wenigen Worte selber in der Mitte der Zielscheibe. Früher wurde vielleicht besser recherchiert, geprüft und die Quellen wurden verifiziert, heute wird weniger geschrieben, mehr gepostet, früher wurde für oft für bestimmte Leser geschrieben, immer das Visier aufgeklappt, heute schreibt die schweigende kollektive Intelligenz ihre Artikel in Wikipedia, Unbekannte mit Decknamen nehmen es sich heraus, Einträge Anderer zu korrigieren oder zu löschen und die Zeitungen lassen ihre Artikel von obskuren Personen mit Pseudonymen kommentieren. Da wird heftig gestritten, beleidigt, gelobt, verrissen, immer das Visier zugeklappt. Man will sich ja nicht selbst einbringen, man will dem Anderen nur schaden. Die selbst ernannten Moralapostel sind ständig im Internet präsent, um Fehler der Anderen aufzudecken, ohne daran zu denken, dass jede Rezension immer auch den Horizont des Rezensenten aufdeckt. Und dennoch, sie erscheinen blitzschnell wie Guerilla-Kämpfer, löschen einen Eintrag, oder posten eine Schmähung, zeigen mit dem digitalen Finger auf Entgleisungen, vermeiden aber einen öffentlichen Diskurs, sondern schlagen digital zu, um gleich darauf wieder im digitalen Nirwana zu verschwinden. Nur keine Verantwortung übernehmen, aber den Anderen möglichst schädigen, ihn am Nasenring durch die Manege zu ziehen, sich selber aber bloß nicht zu zeigen. Ob es Shitstorms geben würde, wenn die Anonymität im Internet nicht möglich wäre?

Ronson erzählt haarsträubende Geschichte aus der digital-sozialen Welt und zeigt, wie man sich dagegen (nicht) wehren kann. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sich in die mehr oder weniger sozialen Netzwerke hineinziehen lässt. Muss man das heute? Man darf die Vermutung äußern, dass die Zeit, die man für die Bedienung eines sozialen Netzwerks wie FB, Twitter o. ä. aufwendet, zu 40 Prozent in die Bedienung seiner Funktionen fließt, 30 oder 40 Prozent des Zeitanteils wird damit vergeudet, unsinnige Meldungen und viel Werbung z. K. zu nehmen. 20 Prozent fließt in die Pflege und in den Gewinn der Follower. Bleiben noch 10 Prozent Gewinn oder gar nichts für die eigentliche Kommunikation. Aber wer spricht schon über unsere Tweets oder Postings in FB? Das macht man nur, wenn man selber irgendeinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt. Richtig große Zugriffszahlen bescheren nur die Skandale, die genau die vorgegebenen Funktionen oder Wege der Netzwerke respektieren. Das würde bedeuten, die Netzwerke generieren die Shitstorms? Würden sie über Zeitungen verbreitet, ohne in die Funktionalitäten wie Retweet, Likes etc. eingebunden sein, könnte man sich mit ihrem Inhalt beschäftigen, so aber pushen die Funktionen den Skandal, allein um Aufmerksamkeit die digitale Währung der Betreiber der Netzwerke, zu erheischen, je mehr Aufmerksamkeit, umsomehr Werbung, umso besser rollt der Rubel. Die Inhalte spielen keine Rolle mehr, sie werden nur selektiv zum Anstoß benutzt, der Shitstorm nährt sich aus den Funktionen des Netzwerks und bedient sich der Neugier der Follower.

Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht. Sie meldet sich aus dem digitalen Nirwana, verkündet Moral , ist aber nicht fassbar, hat keine Verantwortung und kann nicht nach ihr befragt werden: „Es war, als seien wir Soldaten in einem Krieg gegen die Verfehlungen anderer Menschen, und mit einmal waren die Kampfhandlungen eskaliert.“ (S. 99)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit „Massenhysterie“ und zitiert Le Bon (1841-1939), Die Psychologie der Massen (1895), in dem er die Stellung des Individuums in der Masse analysiert. Ob man von seinen Überlegungen zur Rasse absehen kann, um Anregungen aus diesem Buch für ein Verständnis der heutigen so sehr digital geprägten Internet-Massen zu gewinnen?

Viele der Geschichten Ronson zeugen wie die Autoren der Bemerkungen ganz unversehen (Hank, S. 120 ff) in den Shitstorm heineingezogen werden, durch Dummheit, aber auch durch eine falsche Bedienung der Funktionen: Lindsey, S: 215 ff. Sie posten Informationen, die roh von den Anderen gelesen werden, die richtige Konnotation wird nicht verstanden, die Info wird ein bisschen gedreht und schon kann der anonyme Sturm an zu blasen fangen. Was hilft es einem Politiker dann noch nachzuschieben, er sei falsch verstanden worden, so eine Bemerkung erhöht nur die Drehzahl des Sturmes.

Jon Ronson
> In Shitgewittern
Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass (Orig.: So You’ve Been Publicly Shamed)
1. Aufl. 2016, 330 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50235-0

Man darf nicht mit dem Urheberrecht spielen

Dienstag, 7. Juni 2016

Öffentlich geförderte Publikationen sollen nach einer gerade durch die Minister des EU-Wettbewerbsrats verkündeten Richtlinie auf Open Access umgestellt werden, das soll für naturwissenschaftliche Publikationen nach sechs Monaten, für geisteswissenschaftliche Publikationen nach zwölf Monaten gelten. Vgl. Th. Thiel, Willkommen im geschlossenen System, FAZ 7.6.2016. Rechtlich bindend ist die Vereinbarung nicht, kein Mitgliedsland muss sie umsetzen.

Die Motivation für diese Richtlinie soll der Ärger über Verlage sein, die sich an öffentlich geförderten Publikationen bereichern. Das ist aber ein ideologisch getriebener Ärger oder Misstrauen. Es ist keinesfalls auch nur annähernd ein Kavaliersdelikt, wenn ein Verlag mit einer Publikation Gewinne macht, denn wissenschaftliche Zeitschriften entstehen nicht ohne Kosten, das dürfte allgemein anerkannt sein. Ein solches Misstrauen den Verlagen gegenüber ist kein hinreichender Grund, den Autoren die Wahl ihres Publikationsortes und das Recht auf ihre Daten zu entziehen.

Öffentlich gefördert… ? Schon diese Definition ist viel zu schwammig, um den Status einer Publikation zu bestimmen, oder die Publikationen auszumachen, für die der oben genannten genannte Zwang, die Daten einem Open-Access-System gegen eine Pflichtgebühr zu übermitteln gilt. Eine Publikation entsteht nie allein aus öffentlicher Förderung. Auch wenn öffentliche Gelder für ein Projekt zur Verfügung stehen, so bringt jeder Wissenschaftler gehörig viel Wissen mit, dessen Erwerb er alleine finanziert hat. Eine Grenze, ab wann eine wissenschaftliche Publikation dem Staat gehört, kann gar nicht bestimmt werden. Bedroht ist die Freiheit der Wissenschaft.


In unserem Lesebericht hieß es: „> Johann Friedrich Cotta. Der Verleger der deutschen Klassik: Die Hand über der ganzen Welt. Das Buch hat mich in den letzten zwei Wochen dauernd begleitet. Folgt man dem Einsatz des Verlegers für seine Autoren, zu denen unter vielen anderen auch Schiller und Goethe gehörten, seinem Geschick mit den Behörden umzugehen, seiner immer größeren Erfahrung die Buchproduktion seines schnell wachsenden Verlages zu steuern, seinem wunderbaren Gespür neue Autoren aufzuspüren, seinen finanziellen Rechnungen, dann wird deutlich, dass es eine Gratiskultur auch im Buchhandel kaum geben kann.“

Peter Kaeding
Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik
1. Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen
496 Seiten – ISBN: 978-3-7681-9712-0


Die Anhänger von Open Access unterschätzen die Rechte der Autoren und die Aufgaben der Verlage. Der Zwang, der hinter dieser Richtlinie steckt, den Autoren die Wahl des Publikationsortes ihrer Arbeiten zu entziehen, ist ärgerlich und kein „Befreiungsschlag“ für die Wissenschaft, wie Thiel meint. Jeglicher staatlicher Dirigismus sollte sich aus der Wissenschaft heraushalten. Wissenschaftliche Zeitschriften mit und ohne langer Tradition, mit einem Herausgebergremium oder einem Herausgeber, mit einem Programm von Artikeln, Rezensionen und z.B. Liste der neu eingegangenen Publikationen leistet mit der Auswahl der Inhalte einschließlich den verlagseigenen Marketingabteilung, die die Publikation auf den Weg bringt, der Wissenschaft einen größeren Dienst als das Versenken eines Artikels im öffentlichen Raum. > Gare à la gratuité scientique !.

Ist Open Access eine Art Super-Verlag mit offenen Türen, wo sich jeder Leser kostenlos bedienen kann? Werden Autoren wirklich verpflichtet, die Daten ihrer Publikationen einem solchen öffentlichen Haus zu übergeben? Wie man dies dreht und wendet, ohne Zweifel werden dabei Verlag auf der Strecke bleiben. Staatlicher Dirigismus wird die Verlagslandschaft ausdünnen, falls der Gesetzgeber der Richtlinie folgt und vielleicht schon das Gehalt eines Wissenschaftlers als öffentliche Förderung seiner Publikationen definiert.

> http://blog.klett-cotta.de/websites/digital-und-kostenlos-open-access/ – 2. Mai 2009

> Gare à la gratuité scientique ! – 9. März 2016

> Réformer le droit d’auteur ? – 21 März 2015

> Das Internet ist nicht das Ende der Bibliotheken – 10. Februar 2016

Google und das Scannen von Büchern

Mittwoch, 20. April 2016

Patrick Bahners, > Google Books Jetzt geht’s erst richtig los, FAZ 20. April 2016

Der Supreme Court erlaubt weiterhin Google, Bücher zu digitalisieren. Das Urteil ist eine gute Gelegenheit, an das vor 10 Jahren rezensierte Buch von > Jean-Noël Jeanneney > Quand Google défie l’Europe. Plaidoyer pour un sursaut, Editions Mille et une nuits, Paris 2005, zu erinnern: „Jeanneney gibt zwar eine gewisse Bewunderung gegenüber den Begründern von Google zu, will aber der Passivität, mit der vor allem in Europa ihrer Herausforderung begegnet wird, nicht hinnehmen. Die Aufgaben der Bibliothekare und Buchhändler werden mit der zunehmenden Digitalisierung in dem Maße nur noch größer, wie die technische Entwicklung den Unterschied von bloßer Information und überprüften Wissen ständig weiter vergrößert. Jeanneney stellt prinzipielle Fragen. Kann dieses System des Suchens, so wie Google Print es präsentiert, den Ansprüchen, die die Kultur fordert, überhaupt gerecht werden?“ Google fordert uns alle immer noch heraus. Warum akzeptieren wir Europäer, dass ein amerikanisches Unternehmen es sich anmaßt, auch urheberrechtlich geschützte Bücher einscannen zu und sie durchsuchbar machen zu dürfen… das ist os wie mit S21, man baut und abute, und obwohl der bahn noch Teilbenehmigungen fehlen, die werden kommen, weil man ja schon baut und baut. Digital geht, alles wird gescannt, was das Zeug hält, der Zug der zeit wird es schon legalisieren, sagt Google sich und uns.

In der Rezension über das Buch von Jean-Noël Jeanneney hieß es: „Jeanneneys Aufruf zeigte schnell Wirkung. In einer Botschaft haben sich Frankreich, Polen, Italien, Spanien, Ungarn und Deutschland am 28. April 2005 an den Präsidenten den europäischen Rates Jean-Claude Juncker und an den Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Durao Barroso, gewandt. 19 National- und Universitäts-Bibliotheken in Europa haben den Appell der französischen Nationalbibliothek unterzeichnet, um eine drohende geistige und kulturelle Vorherrschaft der USA zu verhindern.“ Huete enthält die > http://www.europeana.eu/portal/ „52,557,036 Kunstwerke, Artefakte, Bücher, Videos und Audios aus ganz Europa“.


Dieser Beitrag ist schon wieder ein willkommener Anlass, an die Aufgaben eines Verlages zu erinnern, die auch im digitalen Zeitalter trotz der wertvoillen Unterstutzung durch > soziale Netzwerke nichts von ihrer Bedeutung für die Verbreitung von Büchern eingebüßt haben. Verlegerarebeit, die berherrschte Friedrich Cotta vorzüglich. Im Lesebericht: Johann Friedrich Cotta, Ein Leben für die Literatur Darin heißt es u.a.: „Die Autoren verlangen zur Recht ihr Honorar und kennen sehr wohl den Wert ihrer Werke, die Lieferanten wollen Geld sehen, die Buchhändler sind an ihren Rabatten interessiert und der Verleger wiederum kämpft für alle zusammen gegen die Raubdrucke und den Druckfehlerteufel: Hier die korrigierte Fassung mit neuen Druckfehlern schrieb er einmal. Kein Glied der ganzen Produktionskette, mit der das Wissen verbreitet wird, arbeitet kostenlos.“

Peter Kaeding
> Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik
1. Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen
496 Seiten
ISBN: 978-3-7681-9712-0


Patrick Bahners zitiert Richter Leval, der der Auffassung ist, dass Autoren kein Monopol auf Informationen hätten, die in ihren Büchern stehen würden. Und Google Books sei nur ein „Schlagwortkatalog des Weltbuchbestandes“ steht bei Bahners. Klar, so was ersetzt nicht die Lektüre der Bücher, auch wenn Studenten in Versuchung geraten, schnell noch ein schönes Zitat für irgendeine Stelle ihrer Arbeit mittels Google-Books zu suchen.

> Open Access ist ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaften, Google ist ein ständiger Angriff auf das Urheberrecht.

In Frankreich war > www.gallica.fr eine Antwort auf die von Jean Noël Jeanneney beklagte Strategie von Google. Hier werden die Urheberrechte akzeptiert und berücksichtigt, und außerdem ist mit Gallica eines der besten Angebote einer Online-Bibliothek im Internet entstanden. Man könnte beinahe schon ein Buch schreiben, indem man sich nur online auf Gallica tummelt, aber die Bibliographie von > Napoleon III. Macht und Kunst, belegt, das das nicht möglich ist.

Wenn Verlage Google gestatten, auszugsweise ihre Bücher in Google-Books anzuzeigen, ist das eine Marketingentscheidung. Wenn ich aber meine Texte in Google-Books wiederfinde, auch wenn die Verlage möglicherweise Google das erlaubt haben, stört mich das sehr, weil ich nicht mehr entscheiden kann, wer, wo und wann meine Texte zu seinem Vorteil nutzen nutzen darf, denn jeder Text den Google verwendet, stärkt seine Inhalte und seien Werbeeinnahmen, warum honoriert Google uns eigentlich nicht > für unsere Inhalte?

Oder soll man doch lieber jubeln wie Andreas Rosenfelder in der WELT? > Google ist die Rettung für alle verkannten Genies, weil wir ohne Google das „Handbuch der Dicht- und Redekunst“ von 1798 nicht kennen würden? Alte Bücher, für die das Urheberrecht nicht mehr gilt, bietet Gallica auch zum Herunterladen und zum Durchsuchen an. Es geht uns in diesem Beitrag um das Urheberrecht, das es stets und ständiger Aushöhlung zu bewahren gilt.

Lesebericht: David Graeber, Bürokratie. Die Utopie der Regeln

Montag, 29. Februar 2016

graeber-buerokratie

Ein Buch über die Bürokratie? Will ich mich noch mehr über den lästigen Papierkram ärgern? Steuererklärung? Oder damals die Anmeldung zu den Examina… was für eine Papierflut! Oder heute. Der Gang aufs Amt. Immer müssen Regeln eingehalten werden. Die Dame am Schalter sagte mir um 8 Uhr, haben Sie eine Nummer gezogen? Weit und breit war noch kein weiterer Mitbürger zu sehen. Draußen auf dem Gang habe ich dann brav eine Nummer gezogen. Bing-Bong machte es, und über der Tür leuchtete 001 auf, nun war der Amtsschimmel munter, und ich durfte eintreten und mein Anliegen vortragen. Bürokratie wird landläufig mit Umständlichkeit, ja sogar mit Schikanen gleichgesetzte, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Meine Aufenthaltsgenehmigung in Paris bekam ich nur mit Studentenausweis… und den Studentenausweis bekomme ich nur mit der Aufenthaltsgenehmigung… als ich wütend zum Büro für die Aufenthaltsgenehmigung zurückeilte, lächelte die Schalterdame und sagte, wir hätten da eine „Vorläufige Aufenthaltsgenehmigung“ für sie… dann kommen Sie mit den Studentenausweis wieder.

David Graeber hat die Bürokratie und ihre Geschichte als Sozial-Anthropologe oder als Sozialtheoretiker (S. 230) durchleuchtet. Das Ergebnis ist eine spannende Darstellung einer drögen Materie. Man muss nur genau hinschauen und mit den Mitteln der Soziologie zu einer präzisen Analyse schreiten. Jeder wird die Ergebnisse Graebers mit seinen eigenen leidvollen Erfahrungen im Dschungel der Bürokratie vergleichen und sich an Erlebnisse erinnern, die ihm das Leben schwer gemacht haben, oder gar an die Unzulänglichkeiten des eigenen Bürolebens denken. Komisch, kaum jemand jubelt bei dem Gedanken, wieder ins Büro, auf das Amt zu gehen, und doch entkommt niemand der Bürokratie.

In der Einführung erläutert Graeber „Das Eherne Gesetz der Liberalisierung und die Ära der totalen Bürokratisierung“, dann folgen drei Kapitel, zuerst über die „strukturelle Dummheit“, dann über die Technologie und dann über Rationalität und Wert.

„Totale Bürokratisierung“ bedeutet für Graeber das „allmähliche Verschmelzen von öffentlicher und privater Macht“, vielleicht gilt das auch für den Fahrkartenkauf. Zu den Zeiten als ich Fahrschüler war, jeden Morgen mit dem Zug von Klingenstein um 7 h 10 nach Ulm, hatte ich eine braune Monatsfahrkarte, die kaufte man vor dem Monatsersten als braune Pappkärtchen am Schalter, zeigte sie im Zug vor und gut wars. Heute ist das Online-Kaufen nur mit guten PC-Kenntnissen zu bewältigen und der Schaffner kontrolliert, leuchtet die Fahrkarte an, scannt die Bahncard, und locht, nein drückt einen Stempel auf das DinA4 Blatt, so dass die Bahn auf Knopfdruck immer weiß, wo und wann wir wie lange entlanggefahren sind. Der Zweck ist nicht nur der Service für uns, sondern im Endeffekt maximale Gewinnabschöpfung aufgrund der Kenntnis vieler persönlicher Daten, ohne deren Herausgabe wir nicht einsteigen dürften.

Die Bürokratisierung als „kulturelle Transformation“ (S. 28):, die „nahezu alle Aspekte des Alltagsleben manipulieren.“ Um es kurz zu machen, dabei fällt mir dieser Titel von Klett-Cotta ein: > Wolf Wagner, Tatort Universität – Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung. Mit was für einer nahezu perfekten Effizienz hat man den Hochschullehrern ein Übermaß von Verwaltungskram aufgebürdet! Statt Forschung und Lehre mit großem Einsatz zu fördern, wurden Evaluationen, Lehrpläne, immer neue Prüfungsordnungen, Exzellenzinitiativen aller Art, eine Inflation aller möglichen Fächer, die den Blick aufs Ganze systematisch verhindern, hervorgebracht von einer ins Maßlose ausgeuferten Bürokratie.

Graebers Stärke liegt darin, Sachverhalte aufzudecken, für die uns im wahrsten Sinne des Wortes die Worte fehlen. Der Kern des „bürokratischen Systems“ ist eine „Kultur der Komplizenschaft“ (S. 34) Ob die Leute bereit seien, ihre Verstöße gegen das System zu vertuschen? Daran werde ihre Loyalität gemessen. Es entsteht eine Doppelmoral, die, so Graeber für alle Arten bürokratischer Systeme“ typisch sei. Je mehr „Markt“ oder Wachstum, um so höher die Zahl der Bürokraten (S. 41) Das stimmt wohl, denn alle Versprechen, Bürokratie abzubauen, funktionieren nicht, weil immer erst eine vielköpfige Arbeitsgruppe berufen wird, die die Bürokratie durchleuchten soll, und die man hinterher nicht wieder los wird, die dann zu einer eigenen Abteilung mutiert und sich selbst natürlich nicht abschaffen wird…

Mit der PC-Technik dachte man, es würden Arbeitsplätze wegfallen. Vielleicht ist der PC das größte Arbeitsbeschaffungsprogramm, das es weltweit je gegeben hat – abgesehen von den 21 T km der chinesischen Mauer. Und Graeber: „Diese Computerschöpfung – diese Welt, in der wir heute leben – beruht auf einer Illusion.“ (S. 43) Unsere neue Welt als ein Kind der Computertechnik? Graeber widerspricht vehement, (vgl. S. 44) „Welche allgemeine Richtung die Technologie einschlägt, hängt von sozialen Faktoren ab.“ Er macht eher die Entwicklung des Finanzwesens dafür verantwortlich. Aber es gibt eine Folge der PC-Technik, die unser ganzes Leben durchdrungen hat: Bewertungen, Beurteilungen jeder Art (vgl. S. 53 ff) aufgrund unserer persönlichen Daten, mit denen wir jeden Tag unseren PC und damit das Internet füttern. Kaum eine Firma, die sich nicht der Kniffs der Internet-Werbung bedient. Kaum haben wir ein Produkt in ihrem Online-Shop angesehen, taucht die Werbung für genau dieses Produkt auf ganz anderen Websites für uns ganz persönlich auf. Internet-Stalking ist das. Oder die Online-Shops, die uns freundlich um eine Bewertung ihres Angebots bitten. Eigentlich müssten sie uns gleich 50 Euro überweisen, soviel sparen die bestimmt an umständlicher Marktforschung auf unsere Kosten und Zeit.

> David Graeber am 25. Mai 2012 auf Lesereise ein Köln

Wunderbar, das Kapitel über „strukturelle Dummheit“. Bürokraten würden nie Unzulänglichkeiten zugeben, brandmarken aber unsere Unfähigkeit, die Formulare richtig, geduldig und vollständig auszufüllen, (vgl. S. 61) das ist nicht anderes als „strukturelle Gewalt“ (S. 71). Folglich ist es einleuchtend, wenn Graeber etwas weiter sein Buch als „eine Übung in Gesellschaftstheorie“ (S. 93 ) bezeichnet: „Strukturelle Gewalt bringt einseitige Strukturen der Imagination hervor:“ (S. 100) Die unteren Chargen müssen viel Imagination aufwenden, um das System zu verstehen und sich anzupassen, die oberen Chargen brauchen darüber überhaupt nicht nachzudenken. (vgl. ebd.) Graeber folgert daraus, das Bürokratien Dummheit organisieren, für ihn repräsentiert die bürokratische Autorität alleine durch ihre Natur einen Krieg gegen die menschliche Phantasie. Bien dit. Auch der Klügste wird von der Bürokratie als dummer Hansel vorgeführt. (vgl. S. 117) „Mechanismen der Entfremdung“ nennt Graeber alle Räume, wo Bürokratie sich abspielt, Fernseher und Wahlkabinen und Krankenhäuser gehören dazu (vgl. S. 122)

Und Graeber gelingt es, unser Bewusstsein für größere Zusammenhänge zu schärfen, in denen die Bürokratie sich befindet. Zum Beispiel soziale Netzwerke, die durch die PC-Technik und dann durch das Internet erst möglich wurden, vielen Kontakte ermöglichen und einige wenige steinreich werden lassen, weil sie ein sehr gefräßiges System für Daten entwickelt haben. Einige wenige Daten, die sich um eine Meldung ranken, sind immer offen, aber das sind nur Teile der Daten, die der Seitenbetreiber automatisch ausliest, um unser Verhalten vorauszuberechnen, um dann uns die perfekte Werbebotschaft zu präsentieren:

Die Kritik an der Technologie im 2. Kapitel erinnert daran, dass die post-industrielle Zivilisation einer Riesen-Täuschung erlegen ist. Nach der Mondlandung waren die USA ausgepowert. (vgl. S. 156) Und heute gibt es auch bei uns nur eine Verwaltung der Politik aber keine Visionen mehr, weil sich in den 60er Jahren schon der technologische Fortschritt zu verlangsamen begann. Ob das Internet ein Quantensprung in der Technik ist? Oder auch nur eine Illusion? müsste man Graeber fragen und mit ihm über das große nichtsnutze Spiel der kollektiven Intelligenz zu sprechen. Ob er einverstanden wäre, von einer „kollektiven Verdummung“ zu sprechen? Kreativität wird dauernd vorgespiegelt und doch treten alle Teilnehmer nur ein Hamsterdatenrad und herauskommt Wikipedia mit seinen unglaublichen Fehlern und der Autorität anonymer Korrektoren, die ihr Wissen als Maßstab der Welt zur Verfügung stellen. Bürokratie erstickt Visionen und Kreativität, schreibt er. Stimmt. Und es kommt noch schlimmer: Der PC nimmt uns Arbeit ab und bürdet uns Frust, Verzweiflung, Angst vor Datenverlust – und klau bis hin zum Diebstahl unserer Identität auf.

Mein PC bleibt meine „poetische Technologie“ und ich verteidige ihn bis heute gegen die bürokratische Technologie mehr schlecht als recht – bis immer wieder Microsoft oder andere >buerokratisierungFirmen wichtige Updates einspielen, obwohl doch auf jedem Produkt eigentlich die Inhaltsstoffe stehen sollten, man aber nie weiß, was deren Bürokratie in unserem PC anrichtet, welche Daten sei für sich auf unserem PC bestellen. Das formuliert Graeber so: „In Wirklichkeit hat es eine eigenartige Umkehrung von Zielen und Mitteln gegeben, bei der Kreativität in den Dienst der Administration gestellt wird und nicht umgekehrt.“ (S. 173). Das ist auch so bei der Bürokratisierung der Suchmaschinen, die nach Regeln arbeiten, die mit dem Inhalt, geschweige denn mit der Qualität der Websites eher nur am Rande etwas zu tun haben, uns aber die Ordnung der Welt vorgaukeln.

Und schließlich gelangt Graeber zur „Bürokratisierung der antibürokratischen Fantasy“. Unsere Leser, die mit der Hobbit-Presse werden hier erstaunliche Parallelen zu ihrer Lektüre entdecken: „Nur böse Menschen unterhalten Verwaltungssysteme.“ (S. 219)

Und Graeber kommt zu der Schlussfolgerung: „Was dem Reiz der Bürokratie letztendlich zugrundeliegt, ist die Angst vor dem Spielen.“ (S. 230)

David Graeber
> Bürokratie
Die Utopie der Regeln
Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl und Henning Dedekind (The Utopia of Rules)
1. Aufl. 2016, 329 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94752-6

graeber-schuldenDavid Graeber
> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0

> Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden

Twitter-Lesebericht: MERKUR 801 Februar 2016

Donnerstag, 4. Februar 2016

merkur-801-febuar-2016

Wie wir an anderer Stelle etwas ausführlicher Twitter als unseren > Pressedienst gelobt haben, zeigen wir hier einmal mit Twitter das Protokoll unserer heutigen MERKUR-Lektüre. Wie > Stefan Schulz > Andreas Bernhard ergänzt und wie > Florian Sprenger uns zeigt, wo das alles noch hinführt, aber so schlimm wird das alles hoffentlich doch nicht, und auch die Gedankenbücher führen nicht zum Ende des Romans. > Sie haben den neuen MERKUR noch nicht… und ihn auch nicht abonniert?. Nein, dann gucken Sie bitte mit mir in die Nr. 801.

> Hierr geht es zum MERKUR

Berlin 23.10.2015: Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet

Donnerstag, 1. Oktober 2015

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Die Redaktion des Merkur lädt zu einer zweiten Runde der„Merkur-Gespräche“-Gespräche ein. Diesmal geht es um die Digitalisierung auf, das schon im Januar 2015 Heftschwerpunkt war:

> Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand

Im Mittelpunkt der Gespräche werden Copyright-Fragen (Dommann/Felsch) und Formen politischer Systembildung in Online-Communities (Passig/Horowski) stehen, zwei wichtige Problemfelder aktueller Debatten. In größerer Runde werden die Lage aus der Perspektive ihrer Vorgeschichten und Präzedenzen diskutiert: das Netz, historisch betrachtet.

Programm: > Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet
Mit Monika Dommann, Philipp Felsch, Valentin Groebner, Leonhard Horowski und Kathrin Passig.

Die Veranstaltung findet statt am Freitag, den 23. Oktober 2015 im Studioraum des ACUD, Veteranenstr. 21, 10119 Berlin.

Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt ist frei. Der Redaktion des Merkur bittet um Anmeldung unter > redaktion@merkur-zeitschrift.de.

Stichwort Copyright-Fragen und Urheberrecht:

Hier auf unserem Blog:

> Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können.

> Nicolas Sarkozy und das Urheberrecht

> Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum – 22. Juli 2009

> Digital ist nicht gleich kostenlos. Verleger dringen auf das Urheberrecht auch im Internet– 8. Juni 2009

> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009

Und nebenan auf www.france-blog.info

> 17. Deutsch-französischer Ministerrat: Die gemeinsame Erklärung zum Urheberrecht 1. April 2015

> Die gemeinsame Erklärung von VS – Verband deutscher Schriftsteller und der Société des Gens de Lettre (SGDL) – 12.12.2013

> Französische Botschaft lud zum Forum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas“

Stichwort „Formen politischer Systembildung“:

Gerade hat Frankreich begonnen eine neues Digitalgesetz vorzubereiten. Und das Anhörungsverfahren zum Gesetz ist voll 2.0 mit Bürgerbeteiligung:

> La République numérique en actes: Le projet de loi pour une République numérique

Tippen Sie auf der Tastatur oder schreiben Sie mit der Hand?

Donnerstag, 15. Januar 2015

andresen-schreiben-sprechen

Auch Bücher von 2005 verdienen es, hier angezeigt zu werden. Kaum was anderes ist für die Erziehung und das Aufwachsen von Kindern so wichtig wie die Sprache. Jean-Paul Sartre hat das in den beiden Kapiteln „Lire“ und „Écrire“ seiner Autobiographie Les Mots (1960) sehr eindringlich beschrieben. Die Entdeckung der Welt mittels der vielen Bücher in der Bibliothek seines Großvaters. Das Aufschlagen der richtigen Seite, das Abschreiben, das Einfügen der Konjunktionen, alles zusammen machte seine Feder zur Waffe. Das wusste er damals schon. Schreiben, das wollte auch Antoine de Roquentin, als er am Ende von Der Ekel (1938) die Biographie von Rollebon aufgibt, Bouville verlässt und sich im Zug sagt, – je cite de mémoire – „Ich muss ein Buch schreiben, das so hart wie Stahl ist, und den Menschen wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibt.“ > Sartres Ästhetik in einem Satz. Dieser Gedanke ist aller PC-Technik weit überlegen. Darum geht es beim Schreiben, anderen neue Möglichkeiten aufzeigen und sie daran erinnern, was sie versäumt haben. Auch wenn in Digitalien eines Tages die Handschrift verschwinden sollte, wird man immer noch mit Wehmut daran denken, wie leicht doch die Gedanken mit der Tinte auf das schöne glatte Papier flossen, heute quälen sich die Buchstaben an Abstürzen, Updates, Programmfehlern, unverständlichen Formatvorlagen, unkompatiblen Dateiformaten, kaputten Dateien, kaputten Routern, fehlerhafter Hardware vorbei auf den Drucker, wenn dieser gerade mal nicht streikt. Wenn man ein Buch mit Word verfasst hat, > die Druckvorlage endlich auf dem Weg zum Verlag ist, dann fragt man sich, warum man das alles nicht lieber mit der Schreibmaschine gemacht hat. Wieviel Zeit klaut uns der PC? – Hier steht vieles zur Handschrift und zum Touchscreen: > Texte schreiben oder Buchstaben suchen? Schreibschrift, Blockschrift oder Touchscreen?.

Man kann es drehen und wenden wie man will > Caspar Hirschi, Carlos Spoerhases Artikel Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches.
Die USA, Frankreich und Deutschland im Vergleich
im neuen MERKUR 02/2015 hat viel mit den apokalyptischen Reitern zu tun, von denen wir in unserem Lesebericht > Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand erzählt haben. Ohne die PC-Technik würden andere, bessere Texte besonders von Anfängern geschrieben werden. Wieviel Konzentration und Zeit geht durch das Einrichten, die Abstürze, das Erlernen der Programme, das Surfen, das Suchen und Stochern im Netz verloren! Vielleicht hätte mein Studium in Bonn mit dem PC länger gedauert. Heute können sich Studenten kaum vorstellen, ohne PC zu arbeiten, auch wenn das Erstellen einer Hausarbeit z. B. über Camus nur online einfach nicht funktioniert. Und ohne Open Access, Scanner, Sticks mit geklauten Texten, ohne die Verführung im Netz was zu suchen, könnten wir uns wieder aufs Schreiben konzentrieren.

Valentin Groebners Aufsatz > Mit Dante und Diderot nach Digitalien. Wie viel will die Wissensgeschichte von sich selber wissen? im neuen MERKUR 02/2015 ist so gut, an ihn muss ich nochmal erinnern. Wir sprechen heute von der Wissensgesellschaft und tun so, als hätten wir noch nie eine traditionelle Papierbibliothek von innen gesehen; wir lobpreisen Wikipedia, freuen uns an den vielen Fakten, die die kollektive Intelligenz objektiv ordnen will, vergessen aber, dass > Diderot mit seiner Enzyklopädie, ihrem Anspruch, ihrem Mut und ihrer Qualität der heutigen Wikipedia wohl überlegen ist. Diderot bezog Stellung, denn ein Lexikon ohne sogar implizite Stellungnahme gibt es nicht. Wikipedia will objektiv sein und kann immer nur so tun als ob. Groebner schreibt: „Im Reden über die Wissenswelten der Zukunft stecken eine ganze Menge alte Narrative, vor allem theologische.“

Helga Andresen
> Vom Sprechen zum Schreiben
Sprachentwicklung zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr
Konzepte der Humanwissenschaften
1. Aufl. 2005, 272 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94394-8

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