Verlagsblog

Lesebericht: Faramerz Dabhoiwala, Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution

23. Juli 2014 von Heiner Wittmann

Kulturgeschichte! Faramerz Dabhoiwala hat ein Buch mit dem Titel > Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution geschrieben, das von Esther und Hainer Kober übersetzt worden ist. Noch im 17. Jahrhundert wurde vorehelicher Sex in Europa hart bestraft. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert änderte sich die Einstellung zur Sexualität grundlegend. Das ist das Thema dieses Buches, das der Autor mit einer großen Zahl sehr treffend aus gesuchter Quellen belegt und erläutert.

Wie kam es zwischen 1660 und 1800 im Zusammenhang mit der „Geburt des modernen Bewußtseins“ (S. 11) zu so weitreichenden Änderungen in Bezug auf die sexuellen Einstellungen? Faramerz Dabhoiwala zeigt ihre direkten Bezüge zur Zeitgeschichte, aber er will auch darlegen, „dass die sexuelle Revolution ein entscheidender Aspekt Aspekt der europäischen und amerikanischen Aufklärung war.“ (S. 11) Die Sexualität belegt, wie sich die Grundsätze der Aufklärung, wie u. a. Privatheit, Gleichheit und Freiheit ausbreiteten. Der Autor hat ein besonderes Interesse dafür, wie gesellschaftliche Entwicklungen – Handel, Kommunikation, soziale Organisationen, das Verhältnis zur Sexualität veränderten. Der Prolog betrachtet den historischen Hintergrund seit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Drakonische Strafen sanktionierten jede Form sexuellen Missverhaltens. Nicht nur moralische Vorstellungen rechtfertigen die Strafen, auch mit „politischen, philosophischen und psychologischen Annahmen über den Zweck des Regierens, die menschliche Natur, die Glaubensethik und die Unvollkommenheit des menschlichen Verstandes“ (S. 46) wurde der Kampf gegen die Gefahren der Unmoral gerechtfertigt.

Faramerz Dabhoiwala beobachtet die Verschärfung der moralischen Sanktionen nach der Reformation, kann aber auch durch den Niedergang der Einheit des europäischen Christentums und der damit verbundenen religiösen Teilung den Verfall und das Ende Ende der sexuellen/öffentlichen Disziplinierung. (vgl. S. 46 ff.) belegen. Religionsfreiheit, Bürgerkrieg, die Abschaffung der Monarchie, der Königsmord trugen dazu bei in England im 17. Jahrhundert die Praxis der öffentlichen Sanktionen der Unkeuschheit in Frage zu stellen. Das passierte nicht überall. Auf dem Land funktionierte die öffentliche moralische Überwachung noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Ganz anders in London, wo die Bevölkerungsexplosion neue soziale Beziehungen entstehen ließ. Statt einer Befreiung entwickelten sich zuerst neue Regeln für die Keuschheit in Form beispielweise der Tugendgesellschaften (S. 67 ff), die alle Formen sozialen Missverhaltens in den Blick nahm und an den Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Organisation scheiterten. Ihr Misserfolg entzog auch viele Formen des außerehelichen Sex dem Geltungsbereich der Gesetze und bereitete den Aufstieg der sexuelllen Freiheit (Kap. 2, S. 94 ff.) vor.

Die sexuelle Disziplinierung war ein Folge des Tolerance Act von 1689, der die religiöse Pluralität legalisierte am Ende. Faramerz Dabhoiwala zeigt anhand vieler interessanter Belege aus Literatur und Philosophie wie sich die Rechtsprechung entwickelte. Der Autor dieses Leseberichts verspürt hier die Lust am ausführlichen Zitieren, dann würde dieser Bericht zur Recht die Längen der hier üblichen Leseberichte um einiges übertreffen. Die Belege sind so vorzüglich ausgesucht und treffsicher analysiert, so dass diese Kulturgeschichte der Sexualität zu einem wahren Lesevergnügen führt. Wie oft bei derartigen Entwicklungen rund um den Sex schlägt das Pendel nach beiden Seiten aus. Manchmal kommt es zu neuen Restriktionen, genausogut wie zu neuen bis dahin ungeahnten Freiheiten, wie der Auffassung, dass außerehelicher Sex dem Gemeinwohl diene. (vgl. S. 132) Bernard Mandevilles (1670-1733), Die Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorurteile verteidigte 1714 die Prostitution. (vgl. S. 134 ff).

Die im Netz verfügbaren Online-Bibliotheken erleichtern es, den Anregungen von Faramerz Dabhoiwala nachzugehen: Er berichtet von dem langen Bericht von Lady Vane über ihr ehebrecherisches Liebesleben, der 1751 als Teil von Tobias Smolletts Roman > The Adventures of Peregrine erschien.

Kapitel 3 Der Verführungskult: Samuel Pepys (1633-1703) begegnet der Frau seines Untergebenen William Bagwell und kann ihr nicht widerstehen: „Which I did, and by and by did go down by water to Deptford, and then down further, and so landed at the lower end of the town, and it being dark ‘entrer en la maison de la femme de Bagwell’, and there had ‘sa compagnie’, though with a great deal of difficulty, ‘neanmoins en fin j’avais ma volont d’elle’, and being sated therewith, I walked home to Redriffe, it being now near nine o’clock, and there I did drink some strong waters and eat some bread and cheese, and so home.“ S. Pepys, > Diary, 20. Feb 1665.

Kapitel 4 – Die neue Welt der Männer und Frauen: In diesem Kapitel häufen sich die Belege aus der Literatur. Beeindruckend, mit welcher Akribie Dabhoiwala literarische Quellen gefunden und ausgewertet hat.

Eine breiten Raum widmet Dabhoiwala im 5. Kapitel den „Ursprüngen des Frauenhandels“ und stellt ausführlich die Magdalen Hopistals vor, die auch Samuel Richardson in seinem Roman > Clarissa unterstützt hat.

Kapitel 6 – Die Medien und die Botschaft. Mit dem Aufstieg er Massenkultur und dem intensiven Verbreitung von Bildern verschafft die Verwandlung der Kommunikationswelt der öffentlichen Diskussion über Sexualität neue Perspektiven die bis zur Manipulaiton der Öffentlichkeit (vgl. S. 390) reichen.

Im Epilog behandelt Dabhoiwala „Moderne Sexualkulturen – vom viktorianischen Zeitalter bis zum 21. Jahrhundert.

Historische Darstellungen, die literarische Quellen richtig gut auffinden und bewerten können, sind nicht sehr häufig anzutreffen. Dabhoiwala ist dies in exemplarischer Weise gelungen. Er zeigt, wie Literaten schon früh immer wieder in der öffentlichen Diskussion Stellung bezogen haben, auch gegen den Strich der Öffentlichkeit. Er zeigt aber auch Schriftsteller in ihrer Reaktion auf die Veränderung von gesellschaftlichen Zuständen. Nebenbei wird deutlich, dass nicht nur die großen Erschütterungen der Zeitgeschichte, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen die Transformation politischer Gegebenheiten angestoßen haben. Sie spüren, dass der Autor dieser Zeilen den Umfang dieses Leseberichts nach der Lektüre dieses Buches gerne mal so richtig sprengen möchte, er dann aber die Spannung für den Leser, wie Dabhoiwala mit den vielen literarischen Quellen umgeht, ein wenig nehmen würde.

Faramerz Dabhoiwala
> Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution
1. Aufl. 2014, aus dem Englischen von Hainer und Esther Kober (Orig.: The Origins of Sex), 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und 77 Abb.
ISBN: 978-3-608-94772-4

Schreiben Sie einen Kommentar

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 30 queries. 2,127 seconds.