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Lesebericht: Edgar Wolfrum, Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts

29. August 2017 von Heiner Wittmann

Für Schülerinnen und Schüler, die in den nächsten Jahren Abitur machen und dann studieren werden, ist das 20. Jahrhundert längst vorbei. Kalter Krieg? Mauerbau? Drittes Reich? Weimarer Republik? Novemberrevolution? Erster Weltkrieg? DDR? Alles längst vorbei und überhaupt mit Geschichtsdaten ist das so eine Sache. Da wird manches vergessen und Bezüge gehen verloren. Und da es bei uns mit dem Politikunterricht eher düster aussieht kommen manche Schülerinnen und Schüler manchmal mit eher dürftigen Kenntnissen des 20. Jahrhunderts aus der Schule heraus. Und dennoch ohne eine profunde Kenntnis der politischen aber auch kulturellen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind die internationalen Beziehungen von heute kaum zu verstehen. Man sucht also Bücher über das 20. Jahrhundert, um peinliche Lücken zu füllen

Jetzt hat der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum bei Klett-Cotta eine Gesamtdarstellung des 20. Jahrhunderts vorgelegt:> Welt im Zwiespalt. Der Untertitel „Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts“ erklärt seine Absicht, sich von den üblichen Ansätzen, die Geschichte des letzten Jahrhunderts zu erzählen, abzusetzen und einen neuen Zugriff zu versuchen.

Unsere Kurzinfo: Viele Fakten, sehr geschickt und einleuchtend durch gut begründete Einsichten miteinander verbunden. Eine gute Grundlage, um sich mit diesem Buch ein Gerüst an Wissen und historischen Daten zum 20. Jahrhundert zu erarbeiten.

Weltkriege und Genozide, Demokratie und Diktatur – diese Begriffe stehen im Mittelpunkt der Geschichte des 20. Jahrhunderts = Teil 1: Die Väter und Mütter aller Dinge. Umweltkatastrophen, Vertreibung, Genozid und Völkermord, Aids gehören in Teil 2 zu den Dramen des Lebens. Teil 3 Vom Wahren, Schönen, Guten berichtet über die künstlerische Avantgarde, über die Entwicklung der Geschlechter zueinander, über die Säkularisierung der Religionen und über die Entwicklung des Wissens, schließlich werden in Teil 4 Die Ökonomie als Schicksal demographische Entwicklungen, Wirtschaftswachstum, Hunger und Wohlstand, wo wie die Entwicklung von Hight-Tech-Produkten theatisiert.

Entsetzliche Katastrophen wie der 1. Weltkrieg oder der Massenmord in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches prägten das 20. Jahrhundert. Es kannte aber auch Triumphe im medizinischen Fortschritt und die „Freiheit bahnte sich ihren Weg“ (S. 7). Die Globalisierung setzte ein, die Vereinten Nationen übernahmen in ihren internationalen Organisationen Aufgaben zum Wohle der Menschheit. Aber zwischen Kriegen und Fortschritt gab es einen ständigen Zwiespalt, daher der Titel diese Darstellung. Zu den Erfolgen zählen auch 200 staatlich getragenen internationalen Organisationen und die 2300 nichtstaatlich getragenen internationalen Organisationen (NGOs) (vgl. S. 39), deren Existenz vielen gar nicht bekannt sind. Diese Bemerkung genügt erstmal, um die Fülle der Anregungen in diesem Buch hervorzuheben. Die Form der Kriege hat sich im 20. Jahrhundert dramatisch verändert mit immer neuen Dimensionen, die die Zivilbevölkerung immer neue und heftigerer Leiden zufügt, bis zur Ausrufung des Bündnisfalles in der NATO nach dem Angriff vom 11. September 2001 auf die USA. Auf der Habenseite sind dann wieder die Menschenrechte, die wie Wolfrum darlegt mehr Gewicht gegenüber der Souveränität der Staaten erlangte. (vgl. S. 43) Ein interessantes Thema für ein Hauptseminar. Ich würde mit den Studenten alle Krisenherde der Welt betrachten und herauskäme eine katastrophales Ergebnis, das eine Bedrohung der Menschenrechte wie nie zu vor zeigt.

Das Unterkapitel Demokratie und Diktatur zeigt die Prägung des 20. Jahrhunderts als ein besonderes Zeitalter der Ideologien, denen sich Albert Camus, wie kaum ein anderer mit Entschlossenheit und besten Argumenten entgegenstellte: Keine Fatalität, das Absurde nur als Diagnose, danach standen > Kunst und Freiheit im Mittelpunkte seines Werkes. Wolfrum ordnet das Epochenjahr 1989 ein, das die Bipolarität der Welt ad acta legte. Wieder müssten meine Studenten diskutieren. Ist die Welt heute wirklich multipolar geworden? Oder gibt es neue Ideologien, die als Resultat der Geschichte des 20. Jahrhunderts die Politik unserer Tage prägen? Meine Studenten müssten auch den Satz „Die Zäsur von 1989 war so tief wie die von 1789,“ (S. 67) untersuchen, einordnen und diskutieren.

Auf den ersten Blick ist die Einteilung der Kapitel ungewohn
t, es handelt sich ja auch um eine andere Darstellung, lässt man sich drauf ein, kann man, wie hier bereits angedeutet, eine interessante Liste von Themen für Seminare formulieren, weil schon die Kapiteleinteilung von Wolfrum Stoff zu wichtigen Diskussionen liefert.

Edgar Wolfrum, > Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte. Band 23
Die Bundesrepublik Deutschland (1949-1990)

Geschichtsunterricht vermittelt Jahreszahlen, vergisst aber manchmal das fundamentale Leiden der Menschen: Teil 2 In den Dramen des Lebens geht dem Leiden der Menschen, ja ganzer Völker nach. Das Jahrhundert der Flüchtlinge, nennt Wolfrum die Zeit seines Buches und demonstriert nebenbei, wie wenig viele Beteiligte der Diskussionen von heute um das Los der Flüchtlinge im letzten Jahrhundert wissen (vgl. > Nachgefragt: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute – 4. Mai 2017 von Heiner Wittmann) abgesehen davon, dass die Menschenrechte (> Der Vergleich (XIII) : Die Menschenrechte in Frankreich und Deutschland – 19. Juli 2016 von H. W.) und die Flüchtlingsfrage in unserer Zeit ein ganz heißes Thema für ein äußerst spannendes Hauptseminar wäre.

8. Genozide und Völkermordkonvention. Was hat die Welt daraus gelernt? Sie sehen, wie einfach dieses Buch es macht, meine Liste der Hauptseminarthemen zu erweitern. Jeder Leser wird sich die hier formulierte Frage stellen. Nicht nur an sich, er muss sie auch unseren Politikern stellen. Tun wir/sie genug, um das Elend um uns herum zu mildern? Es gibt Ansätze, wie die gestrige Sitzung in Paris > Réunion de travail avec les chefs de gouvernement allemand, espagnol, italien, tchadien, nigérien, libyen et en présence de Mme Federica Mogherini, haute représentante de l’Union pour les affaires étrangères et la politique de sécurité. Reicht das? Beruhigen wir nur unser Gewissen oder wird zugunsten der Krisenregionen, die die Flüchtlingsbewegungen auslösen, endlich gehandelt? In Die Pest erklärt Journalist Rambert, der von dem Arzt Rieux überzeugt wurde, in der von der Pest heimgesuchten Stadt auszuharren und zu helfen, seine Einsicht : „Ja, sagte Rambert, aber man kann sich schämen, wenn man ganz allein glücklich ist.“ (Albert Camus, Die Pest (La peste), üb. v. U. Aumüller, Reinbek bei Hamburg 1998, S. 236],“ Wikipedia, Camus, aufgerufen am 29.8.2017 und > Rupert Neudeck überreichte jedem seienr seiner Crew auf der Cap Anamur die Bibel der NGOs: Camus, Die Pest.) Kennt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts, so wie Wolfrum, sie hier vermittelt und betrachtet man die heutige Diskussion um die Flüchtlinge und die Hetze der AfD > Nachgefragt: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte – 27. März 2017), dann ergeben sich neue Handlungsperspektiven (vgl. dazu > Lesebericht: Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten. Eine Anleitung – 13. März 2017) und immer drängendere Fragen an die Politik und harsche Antworten an die Adresse der Rechtsextremisten, die politische Gegner und Landsleute das Wort „nach Albanien entsorgen“ wollen.

9. Künstlerische Avantgarde und Repression der Kunst Wieder zwei Seiten. Das Bauhaus in Weimar und Dessau und seine Zerstörung durch die Nazis, die so heftig und erbarmungslos war, dass wir heute nur davon träumen könnten, wenn wir uns vorstellen, das Bauhaus hätte sich bis heute ohne die Katastrophe des Dritten Reiches weiterentwickeln können. Aber wiederum gilt trotz aller Niederlagen, es ist die Kunst, die die Freiheit immer von neuem durchsetzt: H. W. > romanistik.info/sartre-kunst. Es ist ein besonderes Verdienst von Wolfrum, der Kultur und der Kunst einen in seinem Band vergleichsweise so großen Raum zu widmen. Ein Geschichtsbuch, das nebenbei den Leser anregt, in die Museen zu gehen. Der Bildteil ab S. 225 kommt gleich auf die Liste meiner Hauptseminarthemen.

Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient das Kapitel 11 „Säkularisierung und Rückkehr der Religionen“. Die Laizität, wie sie 1905 in Frankreich durchgesetzt wurde > Le 110e anniversaire de la loi de 1905 de séparation des Églises et de l’État – 9. Dezember 2015 von H. W. enthält als Idee den Respekt gegenüber allen Religionen, soweit sie sich nicht in staatliche Belange einmischen.

12. Wissen und Analphabetismus, wieder ein Medaille mit zwei Seiten: „Ein Dilemma der Moderne“ fügt Wolfrum hinzu. Nein. Der Begriff der „Wissens- und Informationsgesellschaft“ als Signum des Übergangs vom 20.-21. Jh teile ich nicht. Alle früheren Jahrhunderte waren auch Wissensgesellschaften, das war die Bedingung eines jeden Fortschritts, dessen Basis Informationen jeder Art waren. Die digitale Welt von heute ist überhaupt kein Grund und noch weniger ein Maßstab, die Zunahme von „wissensbasierte(n) Tätigkeiten“ anzunehmen. „Die Bedeutung von Wissenschaft und Technik, aber auch grundlegender Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben war für Ökonomie, Politik und Sozialstruktur nie größer als im 20. Jahrhundert.“ (S. 281) Die Aussage gilt für jedes Jahrhundert. Aber „Lesen und Schreiben“ gewinnen als Kompetenzen neues Gewicht, wenn man die vielen auf ihren Smartphones daddelnden Mitmenschen beobachtet und darüber nachdenkt, ob Schülerinnen und Schüler heute in der Lage sind, auf zwei oder drei Seiten mit dem Füller ohne viel Streicherei konzentriert ihre Gedanken niederzulegen: > Tippen Sie auf der Tastatur oder schreiben Sie mit der Hand? – 15. Januar 2015 von H. W.

Blogartikel dürfen nicht so lang werden. Aber hier darf die Wortzahl eines Beitrages doch den hier bemerkenswerten Anregungsfaktor des gelesenen Buches wiedergeben.

Prof. Dr. Edgar Wolfrum, Jg. 1960, ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur deutschen und europäischen Geschichte.

Edgar Wolfrum
> Welt im Zwiespalt
Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts
1. Aufl. 2017, 447 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Abbildungen, 16 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94306-1

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