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Lesebericht: Hans-Christof Kraus, Bismarck. Größe – Grenzen – Leistungen

13. April 2015 von Heiner Wittmann

Hans-Christof Kraus, hat seine Biographie > Bismarck, Größe – Grenzen – Leistungen mit einem bescheidenem Inhaltsverzeichnis versehen: I. Persönlichkeit, II. Größe, III. Grenzen, IV. Leistungen. Bismarcks Größe ergibt sich aus seinen politischen und historischen Leistungen, wie die Reichsgründung 1870/71 und seiner Bündnispolitik, mit der er bis zum Ende seiner Amtszeit als Reichskanzler (1871-1890) in Europa den Frieden sicherte.

Aber er stieß auch an seine Grenzen. Der Annexion von Elsaß-Lothringen nach dem Deutsch-französischen Krieg konnte er sich nicht widersetzen und musste bald diesen Fehler einsehen. Die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ war die direkte Folge, auch Bismarck gelang keine Annäherung mit Frankreich mehr. Seine Bündnispolitik mit Russland und Österreich erwies sich sehr schnell nach seinem Rücktritt als brüchig mit verheerenden Folgen.

Kraus berichtet über Bismarcks frühe Jugend, das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter, sein zuweilen liederliches Studentenleben mit den Schulden, sein Interesse für die Aufklärung, für den Liberalismus wie auch für das Adelsverständnis (S. 33). Kraus‘ Zitaten aus den Reden und den Gesammelten Werken Bismarcks regen zum Weiterlesen und Nachschlagen an. Das „Prinzip Lernen und Handeln“ bestimmte schon seinen Wahlkampf 1848/49, der ihn in die zweite Kammer des neuen Parlaments brachte, wo er den Ultrakonservativen angehörte. Er sprach sich gegen die Frankfurter Reichsverfassung aus und kritisierte ihren Anspruch auf Volkssouveränität. (S. 42 f) Als Gesandter Preußens in Frankfurt lernt er schnell, wieviel „Charlatanerie und Wichtigtuerei“ (S. 48) in der Diplomatie steckt. Schon beginnt das Rangeln um die Vorherrschaft in einem künftigen Deutschland, das Bismarck für Preußen behaupten und keinesfalls mit Österreich teilen wollte.


Der Politikwissenschaftler Thibaut de Champris hat kürzlich in der in der Titelgeschichte der Zeitschrift CICERO, Nr. 4. April 2015, „Held oder Hering? 200 Jahre Bismarck: Wo er Großes leistete – und wie er Deutschland bis heute schadet“ dafür plädiert, dass Deutschland eher dem Alten Reich (und seiner Modernität) als Otto von Bismarck Dank schuldet. Zu Recht stellt de Champris die Frage „Wo sonst als im Alten Reich findet man im alten Europa eine solche Kombination von größtmöglicher lokaler Autonomie einerseits und das Gemeinwesen nicht nur symbolisch prägenden Institutionen andererseits?“ (S. 18) Und „Für uns ist es im Rückblick verblüffend modern. Bewusst oder unbewusst, ruht Deutschland heute in größerem Maß auf den Paradigmen des Alten Reichs als auf Bismarcks Reich.“ (S. 21) Und de Champris erinnert an die Biographie von Lothar Gall: „Nicht Otto von Bismarcks System, dieses ‚extrem unstabile und kurzlebige politische Gebilde“ (Lothar Gall), das Deutschland unter sich begrub und die Welt gegen sich aufbrachte, sondern das Alte Reich schuf die Grundlagen für das freiheitliche, stabile und vorbildlich strukturierte Deutschland von heute.“ (S. 24)

De Campris‘ Artikel macht Lust darauf, mehr über das Alte Reich zu erfahren, das in unseren Schulen viel zu kurz kommt:

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Karl Otmar von Aretin,
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 1. Föderalistische oder hierarchische Ordnung (1648-1684). Stuttgart: Klett-Cotta 2. Aufl. 1997, 441 Seiten, Leinen.
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 2. Kaisertradition und österreichische Großmachtpolitik (1648-1745). Stuttgart: Klett-Cotta 2. Aufl. 2006, 578 Seiten, Leinen
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 3. Das Reich und der österreichisch-preußische Dualismus (1745-1806). Stuttgart-Klett-Cotta 1997, 657 Seiten,
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 4. Gesamtregister. Stuttgart: Klett-Cotta 1. Aufl. 2000, 152 Seiten.
> Karl Otmar von Aretin, Das Alte Reich 1648-1806. Band I-IV.


Der Briefwechsel mit General Leopold von Gerlach verrät viel über Bismarcks Einstellung zu Frankreich und > Napoleon III. Als „Combinationen“ mochte er Frankreich nicht von vornherein ausschließen, auch wenn der Louis Napoleon nicht als den „alleinigen … Repräsentanten der Revolution“ ansehen wollte. (S. 64)

Bismarcks Durchschriften, wie die zur deutschen Frage im Juli 1861 geben Auskunft über seine (möglichen) politischen Absichten. Nach seiner Gesandtschaft in St. Petersburg kann er Im Juni 1862 auf die eigentliche politische Bühne als Botschafter in Paris zurückkehren. Im II. Kapitel Größe geht es um seine Lösung des preußischen Verfassungskonflikt, die drei Einigungskriege und die Neuordnung Deutschlands nach dem Ende des Deutschen Bundes. Mit der Umformulierung der „Emser Depesche“ ging er ein Risiko mit dramatischen Folgen ein. Fahrlässig verwickelte er Preußen in einen Krieg mit Österreich. (vgl. S. 126 f) Dieser dritte Einigungskrieg gehört nicht unbedingt zum Kapitel Bismarcks Größe. Zum folgenden Frieden bemerkt Kraus folgerichtig: „Hier bewies Bismarck allerdings keine historische Größe.“ Bismarck erreichte die Vergrößerung des Norddeutschen um die süddeutschen Staaten, aber aus der Abtrennung Elsass-Lothringens als Resultat die „Dauerfeindschaft“ Frankreichs als eine schwere Belastung für das Deutsche Reich.


„Auf Kampf war dieser Mann gestellt sein Leben lang, eine leidenschaftliche, zornige, keinen Widerspruch vertragende Natur, ein großer Hasser nicht nur gegen Groß und Großes, auch unerbittlich gegen Kleine, und gegen solche, aus deren Gegnerschaft nur der Groll verschmähter Liebe sprach; nie von des Gedanken Blässe angekränkelt, daß auch er einmal Unrecht haben könnte, und daß seine Gegner ernsthafte und kluge Ehrenmänner und Freunde des Vaterlandes sein könnten. Wer anderer Meinung war als er, der war gleich sein persönlicher Gegner, sein Feind, und wurde als solcher – und was ihm gleichbedeutend war – als Feind des Staates und des Reiches behandelt, und mit all den reichen Mitteln bekämpft, mit denen eine verschwenderische Natur […] , unbändigen Willen und seinen und scharfen Geist ausgestattet hatte; nicht zu vergessen auch, mit der holden Gabe, Herzen und Liebe zu gewinnen,“ schreibt Frenaens unter der Überschrift Bismark der Kämpfer am 1. April 1915 in der > Bismarck > Frankfurter Zeitung.


Das Kapitel III. Grenzen beginnt mit dem Versuch einer Verallgemeinerung. „Wie jeder Mensch besaß auch Bismarck Grenzen…“, dann aber nennt Kraus, das was womit er an seine Grenzen stößt, die „persönlichen Defizite“ des Kanzlers. Der „Kulturkampf“ war von vornherein verloren, er war nie zu gewinnen; er erreichte nur eine Stärkung des Katholizismus in Deutschland. Die Sozialistengesetze waren „die zweite große innenpolitische Fehlleistung des Kanzlers“ (S. 170).

General Leopold von Gerlach hatte Bismarck vor einer Anlehnung an Frankreich gewarnt, und Bismarck hatte ihm geantwortet, ein Zusammengehen nicht grundsätzlich ausschließen zu wollen (Vgl. S. 181, auch S. 61-63). Mit der Annexion Elsaß-Lothringens beging er aber wider besseres Wissen einen grundlegenden Fehler: S. 181-188, den er später, viel zu spät, eingesehen hat.

Zu den Leistungen zählt Kraus „die innere Konsolidierung des neu gegründeten Deutschen Reiches“, eine „säkulare Leistung“ (S. 211) trotz Kulturkampf und Sozialistengesetzen und einer Reichsverfassung, die alle Ressorts auf den Kanzler vereinigt (S. 217)? Bleibt als Haben nur die erfolgreiche Verabschiedung der Sozialgesetze? (S. 229 f.)

Ob seine Bündnispolitik ein wirklicher Erfolg war, ist von den Historikern keineswegs abschließend beantwortet worden. Kongresse, die Krieg-in-Siht-Krise 1875, neue Bündnisse neue Verträge, Sorge vor einem Zusammengehen Russlands mit Frankreich. War der Kanzler wirklich ein „ehrlicher Makler“, wie er sich im Februar 1878 im Reichstag selbst genannt hatte? Und schließlich musste er sich auch noch um die Kolonien, nein Schutzgebiete kümmern. Kolonien wollte er nicht. Der Zweibund und die anderen Bündnisse waren immer auf Zeit geschlossen und brachten so ihren inneren Sprengstoff mit. War die Vertrags- und Bündnispolitik wirklich große europäische Staatskunst, oder eher nur aus einer Not geboren, Aktionen, die auf unsicherem politischen Kalkül beruhten, durch Tinte und Tagespolitik nicht fixierbar?

An Rückblicken hat es nicht gefehlt. Bismarck selber lieferte eine Interpretation seiner Bündnispolitik am 11. Januar 1887 im Reichstag ab. Zwei Stunden lang versuchte er die Abgeordneten zu überzeugen und musste am Schluss mit Neuwahlen drohen, die dann auch auf den 21. Februar 1887 angesetzt wurden.

Sein Rücktritt folgte am 18. März 1890.

Hans-Chrstof Kraus,
> Bismarck, Größe – Grenzen – Leistungen
1. Aufl. 2015, 330 Seiten, Klappenbroschur, mit Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94861-5

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