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Lesebericht: Sven Felix Kellerhoff „Mein Kampf“. Die Karriere eines deutschen Buches

14. Januar 2016 von Heiner Wittmann

Sven Felix Kellerhoff stellt in seinem Band >»Mein Kampf« – Die Karriere eines deutschen Buches den Inhalt von Hitlers Buch vor und berichtet, unter welchen Umständen dieses Pamphlet verfasst wurde, wie oft es in wie vielen Auflagen gedruckt worden ist, welche Wirkung dieses mit Lügen und Geschichtsklitterung durchsetzte Machwerk vor allem auf zögernde Zeitgenossen gehabt hat, von denen sich so manche dann doch den Nazis anschlossen.

Lange hat der Freistaat Bayern als Inhaber der Rechte an Hitlers Buch eine offizielle Neuauflage von „Mein Kampf“ verhindert. „Verbote machen attraktiv,“ (S. 9) schreibt Kellerhof und nennt die Folgen der „bayerischen Obstruktion gegen die seriöse Wissenschaft.“ (S. 11)

„Mythen umranken Hitlers Buch; sie wachsen glänzend auf dem Nährboden der Unwissenheit.“ (ib.) Als eine der ärgerlichen Folgen nennt die Fehler und Halbwahrheiten in Daniels Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker: „Das wäre kaum geschehen, wenn hierzulande eine kritische Auseinandersetzung mit Hitlers Buch gepflegt würde.“ (S. 12) Rund 80 Biographien zu Hitler berichteten kursorisch aus seinem Buch, überhaupt fehle eine eingehende Analyse von Hitlers Machwerk. Bei seinem Buch fällt der Gemeinplatz ein: Das habe ja kaum jemand gelesen… Kellerhof zeigt in seinem Kapitel „Leser“, dass das offenkundig nicht stimmt und dass nach dem Januar ’33 die Absätze des Bandes erheblich zugenommen haben.

Im Internet und in Antiquariaten war das rassistische, antisemitische und hasserfüllte Pamphlet immer zu haben. Jetzt am 1. Januar 2016 läuft nach 70 Jahren die gesetzliche Schutzfrist durch das Urheberrecht aus. Vor einigen Tagen das Münchner Institut für Zeitgeschichte seinen Band > Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (hrsg. im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel, unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser München 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1, ca. 2000 Seiten mit farbigen Abbildungen (2 Bände), gebunden, Leinen ohne Schutzumschlag, 59 EURO) vorgestellt.

Im Kapitel „Inhalt“ resümiert Kellerhoff Hitlers Auskünfte über die eigene Biographie und die Grundgedanken des Buches. Wien: „.. die wahren Ursachen für sein selbstgewählt beschiedenes Leben aber verschwieg er.“ (S. 23) Wen wundert es, will doch der Autor sich ins beste Licht stellen, genauso, wie er verschweigt, dass er sich vor dem Wehrdienst im österreichisch-ungarischen Heer gedrückt hat: „Zuverlässigkeit“ S. auch S. 99-129. Mehr Boden für Deutschland, notfalls auch mit einer Allianz mit England, kaum mehr als der Schein eines Wunschdenkens. Dann der „Kampf gegen den“/ und die „Vernichtung des Marxismus“ der die krude und differenzierungslose Ablehnung aller linken Ideen, zu denen auch Bismarcks Sozialgesetzgebung zählte, einschließt. Den Waffenstillstand von 1918 schrieb er Juden, gegen die sein Hass in jenen Tagen entstand, und Marxisten zu. „Volk und Rasse“ sind weitere Stichwörter, die Propaganda. Pressefreiheit, so Kellerhof sei für Hitler nicht mehr als „straflose Volksbelügung und Volksvergiftung“ (S. 37), Beschuldigungen die nur dazu dienten, den eigenen Wahn als zielführend darzustellen. Ablehnung des Parlamentarismus, wie sein unnachgiebiger Hass auf „die Juden“: Ein radikaler, bis zu Vernichtungsfantasien reichender Antisemitismus“, (S. 49) so Kellerhoff, stehen im Zentrum von Hitlers Schrift.

Dann folgen Kellerhoffs Kapitel „Entstehung“, Hitler schrieb das Buch „im Wesentlichen“ (S. 63) selbst, das Kapitel „Quellen“ seines Buches zeigt ein krudes Durcheinander aller möglichen meist Hetztexten von den > Protokollen der Weisen von Zion (Wikipedia), die auf Maurice Joly Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu, Brüssel 1864, zurückgehen bis zu diversen Büchern von Rassentheoretikern, ohne konkrete Quellenangaben. Im Zentrum von „Mein Kampf“ steht der wahnhafte Hass des Autors gegen die Juden. Niemand wird es wundern, dass Hitlers Angaben und Zahlen zu den Juden im Ersten Weltkrieg erfunden und unhaltbar sind. 1908 sei Hitler auf die „Judenfrage“ (A. Hitler) aufmerksam geworden und habe dann antisemitische Broschüren gelesen. Ein Judenhasser, so Kellerhoff, sei Hitler aber aber erst nach 1919 geworden. (S. 97 f.)

„Mein Kampf“ wurde nicht vorbehaltlos aufgenommen. Kellerhoff zitiert Autoren und Zeitungen vom Bayrischen Vaterland (S. 132) über den Simplicissimus bis zu Sefan Grossman in der Berliner Zeitung wurden dem Autor seine Fehler, seine Geschwätzigkeit oder „pathetischer Blödsinn“ (Grossmann, zit. v. Kellerhoff, S. 134) vorgeworfen. Diese Skizze der Rezeptionsgeschichte von „Mein Kampf“ ist aufschlussreich, wer kritisiert, wer bringt sich auf welche Weise in Stellung gegenüber Hitlers Buch, das Gerhart Hauptmann Ende 1933, so Kellerhoff als „sehr bedeutsame Hitler Bibel“ (S. 153) bezeichnet. Kellerhoffs Ergebnis: Nicht festgelegte Leser habe Hitlers Buch nicht für den Nationalsozialismus gewinne können. (vgl. S. 157) S. auch „Leser“ S. 225-241. Bis 1932, so rechnet Kellerhoff, wurden 225 000 Exemplare verkauft. Von 13. Millionen Mitgliedern der NSDAP konnten nur jeder 60. ein Exemplar des Buche besessen haben.

„Fortsetzung“. Es gibt ein Typoskript mit rund 100 Seiten, das Hitler offenbar im Juni und Juli 1928 diktiert hat und dann unvollendet beiseite gelegt hat. 1958 fand Gerhard L. Weinberg das Manuskript, das irrtümlicherweise von den Amerikanern als „Mein Kampf“ archiviert worden war und fertigte eine Edition an: Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, Stuttgart 1961.

Bücher generieren oft nicht unerhebliche Erträge für ihre Autoren. Hitler hat an dem Buch und seinen Auflagen gut verdient und verschwand 1935 zumindest für die deutschen Finanzbehörden: „Ertrag“ S. 209-224.

Zu den vielen stilistischen und inhaltlichen Fehlern des Buches passt, dass Hitler 1921 das Programm der NSDAP als unabänderlich bezeichnete: zunächst einmal. Hitler: „Jede weitere Veränderung des Namens oder des Programms wird ein für alle Mal zunächst auf die Dauer von sechs Jahren vermieden.“ (zit. v. Kellerhoff, S. 244, nach Jäckel/Kuhn (Hg.) Hitler 1905-1924, S. 436-438)

Kellerhoffs Fazit: „Mein Kampf“ enthalte kein ausformuliertes politisches Programm, sondern habe „die „Grundzüge seiner Weltanschauung“ dargelegt, die trotz mancher Abweichungen zur Basis seiner Politik ab 1933 wird.

Kellerhoffs Buch wendet sich auch an Schüler in der Oberstufe, denen hier wichtige Zusammenhänge erklärt werden, wodurch sie und Einblicke in das Denken und die verworrenen Ideen von Hitler und die Bedeutung seiner Propaganda, mit der vorgab, seine krude Ideensammlung zu ordnen, erhalten. Für Studenten und die Forschung ist aber die Rezeptionsgeschichte des Buches, die Äußerungen der Zeitgenossen in der Weimarer Republik, die dieses Pamphlet lächerlich machten oder andere, die später wie Gerhart Hauptmann das Buch nobilierten, von besonders großem Interesse. Für eine Vertiefung dieser Rezeptionsgeschichte liefert Kellerhoff sehr wichtige Grundlagen und Anregungen. Seine Angaben zur Geschichte des Buches, seinen Auflagen und Verkaufszahlen sind das Ergebnis einer intensiven und ausführlichen Archivarbeit (S. S. 353). Diese verschiedenen Ansätze seines Buches erlauben es ihm, den Einfluss von Hitlers Pamphlet zu beurteilen. Mit etwas Distanz betrachtet Kellerhof das Unternehmen des Münchner Instituts für Zeitgeschichte mit 2000 Seiten und rund 3500 Anmerkungen, (vgl. S. 315) das sich nicht an ein breites Publikum richten wird, diese Lücke hat er geschlossen.

Sven Felix Kellerhoff
> »Mein Kampf« – Die Karriere eines deutschen Buches
2. Aufl. 2015, 367 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94895-0

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