Verlagsblog

Ernst Jünger, Annäherungen Drogen und Rausch

21. September 2008 von Heiner Wittmann

Ernst Jünger, AnnäherungenIn 315 Abschnitten, die durch einige Kapitel (“Parerga”) ergänzt werden, berichtet Ernst Jünger in > Annäherungen über seine Erlebnisse, “Fahrten” und Erfahrungen mit Drogen und Rausch. Dieser Band erschien zum ersten Mal 1970, er ist in diesem Herbst bei Klett-Cotta neu aufgelegt worden.

Annäherungen sind eine Umschreibung für den essayhaften Ansatz dieses Buches. Das Thema wird nicht erschöpft (“Annäherung hat kein greifbares, kein nennbares Ziel…” S. 67) , es wird von vielen Seiten eingekreist und dabei entsteht eine Art Autobiographie, die Erlebnisse rund um Drogen nennt, beschreibt und analysiert, doch stehen dabei Drogen nicht beherrschend im Mittelpunkt. Gleichzeitig vermittelt Jünger aber auch doch Ansätze zu einer Kulturgeschichte des Tabaks, alkoholischer Getränke wie Wien und Bier und verbindet mit ihnen Erlebnisse aus Jugendtagen. Die Literatur (Beaumarchais, Dostojewski, Baudelaire, Rimbaud, S. 190 f., Maupassant, S. 175 ff., – wird er nicht überschätzt? – Poe, de Quincey u. v. a.) gibt immer wieder neue Stichworte (siehe auch “Bücher und Leser”, S. 444 f.: “Ich fuhr nicht von Leipzig nach Halle, sondern von einem Kapitel zum anderen.”)

“Im Grunde ist jeder Genuß geistig…,” (S. 19) schreibt Jünger und erinnert an den “Typus des geistigen Abenteurers”, (S. 20) den er in Gestalt des Antonio Peri, eines parsischen Buchbinders, der jahrelang seine Drogenexperimente dokumentiert, In Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt (1949) dargestellt hatte. Peri glaubte jede Droge enthalte eine Formel, die gewissen Welträstel deuten könne.

Es folgen wesentliche Begriffsbestimmugen, zum Einfluß der Drogen (Morphium, Äther, Kokain, Opium. Sie wirkt auf die Aktion und auf die Komtemplation. (S. 28) Das deutet u.a. auf die Kunst. Jünger vergisst darüber die Gefahren nicht. “Jede Konzentration, aber auch jede Entspannung muss bezahlt werden,” heißt es bei ihm und er warnt vor einem Risiko, das je höher sei, je weniger kalkuliert werde. Später weist er auch mehrmals daraufhin, daß unterschiedliche Charaktere ganz verschieden auf die Drogen reagieren: “… bis eines Tages der Waagbalken bricht.” (S. 40) Übergänge sind fließend und trennen kaum das Trinken vom Zechen, (S. 91) und manchmal ist “der Rausch eine der letzte Ressourcen, die geblieben sind.” (S. 117).

In subtiler Weise untersucht er mehrmals die Verstärkung des Rauschs durch höhere Dosierungen, es ist ein Vortasten, das sich der Grenzen bewusst bleibt, nach dem ersten Drogen-Schock damals in Halle. Rausch und Sucht liegen nah beieinander, (S. 143, auch S. 154). Das Cannabis-Erlebnis konnte er nur verheimlichen, indem der Mittagskarpfen die Schuld bekam (S. 268) Neben Meskalin-Fahrten hat er eine seiner LSD-Fahrten, nicht Trip, 1970 unternommen und protokolliert. (S. 396 ff)

Die Einteiltung in 315 Kapitel könnte auf Jüngers Erinnerungen einzelner Gespräche und bestimmter Erlebnisse zurückzuführen sein, die er meist unabhängig voneinader notiert hat und für diesen Band thematisch geordnet hat. Damit könnten diverse Zeitsprünge erklärt werden. Andererseits wird ein Erlebnis oder eine bestimmte Droge von verschiedenen Seiten als Vorgang und im Sinne einer Bewertung in aufeinanderfolgenden Abschnitte untersucht.

Es sind vor allem die vielen Anmerkungen zu Kunst, (S. 164 f., S. 190, S. 303 f., S. 307 f., S. 331 ff) die einen Einblick in Jüngers Denken geben und über seine Versuche mit und das Nachdenken über Drogen hinausweisen. Von der Fotografie verspricht er sich Neues, “wenn sie aus der veralteten Anithese von Kunst und Technik befreit ist.” (S. 252)

Das Nachdenken über den Rausch und die Erklärungen über Drogen können helfen manche der literarischen Werke, die Jünger zitiert, besser zu verstehen. Er legt keine Anleitung zum Drogenverzehr vor, das wäre als Verständnis in törichter Weise zu kurz gegriffen, aber er will die Beziehung von Genuß und Geist untersuchen. Und er weiß, dass jedes Abenteuer durch die Nähe des Todes [lebt], den es umkreist.” (S. 21)

Siehe auch: Frank Schirrmacher, > Mein Lieblingsbuch: „Annäherungen – Drogen und Rausch“, FAZ, 30. August 2004

> Ernst Jünger
Annäherungen. Drogen und Rausch
Stuttgart 2008
456 Seiten
ISBN: 978-3-608-93841-8


Ähnliche Artikel:

Schreiben Sie einen Kommentar

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 41 queries. 0,622 seconds.