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Lesebericht: Albert Cohen, Die Schöne des Herrn

8. August 2012 von Heiner Wittmann

Sie haben Ihr Büro hinter sich gelassen? Ihren Urlaub noch vor sich? Dann nehmen Sie dieses Buch mit seinen fast 900 Seiten mit und beginnen Sie ein wahres Leseabenteuer. Mit Albert Cohens > Die Schöne des Herrn legt Klett-Cotta einen der wichtigsten und schönsten französischen Romane des 20. Jahrhunderts in einer überarbeiteten Übersetzung durch Michael von Killisch-Horn wieder vor. 1983 erschien die erste Auflage in der Übersetzung von Helmut Kossodo.

1968. Albert Cohen veröffentlicht seinen Roman Belle du seigneur. Solal ist Diplomat beim Völkerbund, Jude, und begegnet Anfang der 30er Jahre Ariane Deume. Er befördert ihren Mann, Adrien, und schickt ihn auf eine zwölfwöchige Dienstreise. Am Abend vor seiner Abreise, lädt Solal beide zu einem Essen ein. Nur Adrien erscheint, dem Solal ankündigt, er wolle eine Dame aus dem Himalaya verführen. Adrien, der zunächst alleine gekommen war, zögert nicht, vermutet ncihts, zieht sich zurück. Ariane erscheint doch noch und Solal erklärt ihr:

»Und jetzt werde ich es Ihnen erklären. Als man mir Ihr Kommen meldete, hat Ihr Mann angeboten, mich mit dieser Dame aus dem Himalaya allein zu lassen. Ich bat ihn zu bleiben, aber er wollte diskret sein und versicherte mir, er habe noch eine dringende Arbeit zu erledigen. Ich wiederholte meine Bitte, er möge bleiben, aber da sagte er, er erlaube sich, mir nicht zu gehorchen. Was sollte ich tun? Nguyen hat ihn hinausgelassen, ohne dass er Ihnen begegnete. Und da wir nun allein sind, werde ich Sie verführen.« – »Sie sind widerwärtig,« (S. 302) antwortet Ariane. Solal realisiert seine Plan, lässt sich durch nichts aufhalten, nicht einmal durch eigene Bedenken: „Aber der wichtigste Grund für seine Verführungswut ist die Hoffnung auf eine Niederlage, dass eine Frau ihm endlich widersteht.“ (S. 306) Es folgt eine Verführung mit allen Details, langsam, jeden Moment auskostend, nähert sich Solal Ariane. „O Anfänge, Nacht der ersten Küsse.“, (S. 361). Diese sechzig Seiten bleiben für beide nicht folgenlos, sie sind erst der Auftakt zu einem Liebesverhältnis, das mit einer ungeahnten Intensität in den folgenden Wochen beide zur äußersten Leidenschaft treibt.

> Leseprobe: Die Schöne des Herrn (*.pdf)

Am 25. August kehrt Solal von einer Dienstreise vorzeitig zurück, Adrien verkürzt auch seine Mission und will auch am 25. abends bei seiner Frau erscheinen. Solal gelingt es, Ariane zu entführen und Adrien begeht am nächsten Tag mit seiner Browning einen Selbstmordversuch oder spielt zumindest mit dem Gedanken. Die beiden Liebenden reisen nach Südfrankreich, bleiben dort ein Jahr. Solal verliert seinen Posten beim Völkerbund. Schließlich erfährt er, dass Ariane vor ihm einen anderen Geliebten hatte. Seine und damit auch ihrer beiden Leidenschaft schlägt in Hass und grenzenlose Eifersucht um. Am 9. September 1937 betäuben sich beide im Hotel Ritz in Genf mit Äther, dreißig Tabletten, dann verbringen ihre letzte Nacht zusammen.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der Kritik am Scheitern und Versagen des Völkerbunds, die auch mit der Mittelmäßigkeit von Arien illustriert wird: „… und ein wenig später höre ich sie in ihrem Zimmer singen der große Kummer ist verschwunden, ich empfinde ein solches Mitleid mit meinem Kind das so rasch zur Hoffnung zurückgefunden hat immer bereit Glück zu empfinden, Geliebte dein Geschlechtsorgan macht mir Angst hat mir Angst gemacht als du dich nackt gebückt hast um etwas aufzuheben, heute früh bist du aus dem Haus gegangen um Einkäufe zu machen und als ich allein war habe ich deinen hübschen grauen Blazer geküsst er hing im Vestibül ich habe ihn mehrmals geküsst sogar das Futter habe ich geküsst, ich will dir alles sagen ohne fürchten zu müssen an Ansehen zu verlieren da du mich nicht hörst leider muss ich ja mein Ansehen bewahren damit du stolz sein kannst mich zu lieben aber wenigstens einmal will ich dir vielleicht von Silbersteins Keller erzählen, ich wollte lange bei ihnen bleiben aber sie haben mich gebeten sie zu retten und da bin ich am vierten Tag fortgegangen ich habe mich vergeblich bemüht in den Hauptstädten vergeblich in London vergeblich in Washington vergeblich vor dem Rat ihres Vaube, als ich die wichtigen Hanswurste bat meine deutschen Juden aufzunehmen und sie auf ihre Länder zu verteilen haben sie mir gesagt mein Plan sei utopisch wenn man sie alle aufnähme würde der Antisemitismus in den Gastländern überhandnehmen kurz nur aus Abscheu vor dem Antisemitismus haben sie sie ihren Henkern überlassen, und da habe ich sie angeklagt sie und ihre Nächstenliebe o Verrat an Jesus Christus und es gab einen Skandal kurz ich wurde mit Schimpf und Schande entlassen wie die Forbes gesagt hat fristlose Entlassung wegen meines den Interessen des Völkerbundes zuwiderlaufenden Betragens hieß es im Brief des alten Cheyne und dann das Dekret das meine widerrechtlich erworbene Einbürgerung rückgängig gemacht hat und jetzt vor einigen Tagen mein idiotischer Versuch das Dekret widerrufen zu lassen…“ (S. 778 f.) Solal, durch eine Dummheit, bewirkt die Annullierung seiner Einbürgerung und verliert dadurch jede Chance, seinen Posten beim Völkerbund zurückzubekommen.

Die Kapitel 26 -52 ziehen den Leser in einen Liebestaumel, der in der Literatur seinesgleichen sucht. Mit wenigen Worten kann dieses überdrehte und so meisterhaft geschilderte grenzenloses Liebesverlangen nicht zusammengefasst werden. Die Heftigkeit ihrer Liebe, die Entschlossenheit Solals, die Schöne kompromisslos zu erobern, wird vielleicht auch durch ihre Ungleichheit provoziert, die Ariane dazu verleitet, sich Solal vollständig zu unterwerfen. Gegen jede Vernunft zieht er sie keinen Widerspruch duldend in ein Abenteuer, in dem beide untergehen. Solal, der Eroberer, lässt sich treiben, kann gar nicht mehr rational handeln. Als er erfährt, dass sie einen andern Geliebten hatte, ist es um seine Fassung endgültig geschehen. Sein total unkontrolliertes Ausrasten unterwirft ihm Ariane nur noch mehr.

Innere Monologe kommen immer wieder vor und bilden die Struktur des Romans. Ohne Punkt und Komma. Jedes Wort wirkt wie einzeln geschrieben, manchmal gewinnt der Leser den Eindruck, jedes Wort werde wie ein Nagel eingeschlagen. Tragik, Kritik am Bürgertum, Entsetzen vor dem Antisemitismus, ein lähmendes Entsetzen vor den politischen Perspektiven ihrer Zeit, auf die die Menschen jeden Einfluss verlieren, scheint es so, als würden die beiden Liebenden sich in ihre Scheinwelt retten, deren Verfall sie aber auch nicht aufhalten können, obwohl sie an ihrem Scheitern nicht ganz unschuldig sind.

Es gibt Romane, die kann man überall lesen, in einem lauten Ferienzug, in einem Café, wo die anderen Gäste sich laut unterhalten, mit diesem Roman verschwindet alles um Sie herum. Cohen hat eine ganz eigene Art, den Leser unaufdringlich, aber der Leser kann sich gar nicht wehren, allein schon durch den Sog der inneren Monologe vollständig in die Geschichte hineingezogen zu werden, so dass ihm keine andere Wahl bleibt, als ohne Unterbrechung weiterzulesen. Hier muss man nicht lange erklären, es gebe viel Spannung im Buch, allein schon die vorsätzliche Verführung Arianes hält den Leser in Atem, jedes einzelne Gefühl, jede Überlegung und jede Beobachtung tragen ihren Anteil zu einer Erregung bei, der der Leser sich nicht entziehen kann. Nach ihrer ersten Nacht steigern sich die beiden noch mehr in ihre Beziehung hinein, wobei Ariane Solal verfällt und er zunächst berechnender erscheint, dann aber sich als unfähig erweist, den Umschlag seiner Liebe in Eifersucht und die finale Zerstörung noch zu kontrollieren.

Die ungestellten Frage am Schluss lauten, waren es die Jahre und ihre politische Entwicklung um 1937, deren politischer Untergang auch den Untergang der beiden Liebenden bewirkt hat? Konnten sich die Zeitgenossen dieser Jahre der Katastrophe nicht entgegenstellen? War im Keim ihres Verhältnisses, das Scheitern der beiden Liebenden bereits angelegt?

Natalia Vodianova spielt in der > Neuverfilmung von Albert Cohens Roman „Belle du Seigneur“ (VOGUE) neben Jonathan Rhys-Meyers die Hauptrolle.

Albert Cohen, > Die Schöne des Herrn
Aus dem Französischen von Helmut Kossodo in einer Überarbeitung durch Michael von Killisch-Horn (Orig.: La Belle du Seigneur)
1. Aufl. 2012, 891 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-93939-2

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