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Lesebericht: Daniel Goetsch, NIEMAND

16. März 2016 von Heiner Wittmann

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Sie treffen jemanden irgendwo wieder… kennen Sie das Gefühl, ist er es oder nicht? Sie erinnern sich an ein Gespräch neulich… Etwas oberflächlich… Das ist doch, nein das ist er nicht, und Sie trauen sich auch nicht, nach seinem Namen zu fragen. Schließlich sprechen Sie ihn doch an, er ist es… Ist er es wirklich, oder hat er gerade eine ihm zugedachte Identität nur mal schnell akzeptiert? Vor vielen Jahren traf ich eine Kollegin aus einem unserer Verlage auf dem Bahnsteig in Köln. Wir saßen einmal vor noch längerer Zeit in einer Konferenz. Sie sind doch Herr W.? Schaute sie mich fragend an. Die Antwort kam so unmittelbar: Sie meinen meinen Bruder, der arbeitet bei Klett. Der Schalk oder… Jedenfalls war meine neue Identität weg, die neue sofort akzeptiert, und gottlob, ich bekam sofort nur Nettes über den Bruder in Stuttgart zu hören. Nach Vor der Stadtgrenze war ich wieder ich selbst. Man kann seine Identität tatsächlich im Nu verlieren… Heute kann sie einem auch im Internet geklaut werden, aber das ist ein ganz anderer Roman

Lesung: 18. März 2016 19 Uhr – Lesung. Moderation: Tino Dallmann (MDR). Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig

Tom Kulisch blickte auf „jenes dunkle Rinnsal“ (S. 27), das dem gerade vom LKW Überfahrenen, aus dem Ohr tropfte. Eine solche Situation macht befangen, besonders wenn man gleich merkt, dass die herbeigeeilte Notärztin nichts mehr für das Opfer tun kann. Ion Rebreanu hieß der Verunglückte, und als Tom an der Unfallstelle für dessen Bruder gehalten wird, der nicht vehement genug widerspricht, beginnt ein Verwirrspiel, dem er sich warum auch immer nicht entziehen kann oder will. In den Habseligkeiten des Opfers findet er eine Adresse in Prag. Anenská 15. Tom kauft eine Fahrkarte und Ion Rebreanu reist nach Hause? Toms Ähnlichkeit mit Ion, da nützt es ihm auch nichts, wenn er zuweilen trotzig sagt, I am not Ion. Je mehr die Geschichte fortschreitet, präzisieren viele Rückblenden das Kommende und steigern die Spannung.

Ion, ähm Tom, ist Doppelgänger, S. 62, oder einfach nur „Niemand“, S. 25, 83. Oder frei nach Rimbaud „Je est un autre,“ auch ein schöner Titel für dieses Buch, denn niemand ist keiner, aber Tom, pardon, Ion macht seine Sache gut. Und aus dem Buch macht er fast einen Krimi und deckt auf, wer Ion Rebreanu war, nein, IST, denn es gibt ihn ja, und allmählich lernt Tom eine ganze Menge über seinen toten Doppelgänger. Er lernt seine Liebschaften kennen, bekommt seine Rechnungen, hört einiges über seine Ideale, „Europa retten“, „dritter Weg“, kriegt Kontakt mit seinen Nachbarn und bekommt mit, dass die Wohnung eigentlich gar nicht die von Ion ist.

Zählen und nummerieren Sie die Passagen, in denen es um die Identität von Ion geht. Allmählich präzisiert sich so das Bild, das wir von Tom und Ion oder Jan zusammen bekommen. Tom will ja nicht unbedingt Ion sein, nur halbherzig nimmt er die Rolle an. Er kann ja der alten Rebreanu nicht die Wahrheit sagen? Neugier ist mit dabei, ein wenig Abenteuerlust, aber auch wieder ein bisschen Faulheit, die Dinge richtigzustellen. Nur Mascha durchschaut ihn, aber das ändert kaum etwas daran, dass Tom nicht Ion ist, Tom ist ja auch ganz nett.

Natürlich bekommen Iona und Tom bei der Einreise in Berlin-Tegel Ärger mit den deutschen Behörden. Falscher Pass? Wer reist nun eigentlich ein? Es kommt zum mehrtägigen Verhör, dass plötzlich durch neue Umstände abgebrochen werden muss.

In das Buch habe ich soviel markiert, das gebe ich nicht weiter, das kommt jetzt auch auf das Regal zu den gelungenen Erzählungen.

Daniel Goetsch
NIEMAND
Roman
1. Aufl. 2016, 222 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98021-9

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