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Lesebericht: Jörg-Uwe Albig, Eine Liebe in der Steppe

24. August 2017 von Heiner Wittmann

Jörg-Uwe Albig nennt seine Geschichte > Eine Liebe in der Steppe eine Novelle. Das ist also eine kurze literarische Form, kein Roman, eine Betrachtung, die Erinnerung evoziert, sich auf präzise Beobachtungen stützt, oft einen kürzeren Zeitraum in den Block nimmt, oder aber auch eine Entwicklung thematisiert, in jedem Falle bietet sie mehr als eine Kurzgeschichte. Hintergründiges? Schwer zu interpretieren? Eine Geschichte, die oft auf einen überraschenden Schluss zusteuert?
Albig spielt mit den Dingen. Oder vielmehr spielen die Dinge mit Gregor Stenitz, der dies zulässt. Er ist Paläontologe, für ihn definieren sich Dinge hauptsächlich über die Zeit ihrer Existenz. Bei genauem Betrachten offenbaren sie ihr Sein, ihre Herkunft, ihre Zusammensetzung, gar ihre Bestimmung. Es ist der Dialog mit den Dingen, die Gregors Umgebung konstituieren. Es gibt für ihn kein besonderes Erstaunen, für ihn ist es selbstverständlich, dass die Dinge irgendwie zu ihm sprechen, so wie Architekten sagen, ein Gebäude spreche zu einem anderen, oder eben gar nicht. So wendet sich auch die Kapelle St. Maria Magdalena als Ding an ihn. Ontologie ist die Lehre vom Sein. Und die Lehre von den Dingen ist hier Sache von Stenitz.
Wenn Sie 50 Seiten gelesen haben, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Dinge um Sie herum Ihre Aufmerksamkeit reklamieren, sie wollen benutzt, geordnet oder in Ruhe gelassen werden: „Die Kapelle empfing ihn mit einer Zurückhaltung, die er verstand.“ (S. 54) Geht es Albig um den Respekt gegenüber den Dingen, die die Abrissarbeiter in der Steppe, in der sie die Plattenbauten zurückentwickeln, der kleinen Kapelle verweigern werden? Lehrt Albig uns, unsere Umgebung genauer zu betrachten, ihr mehr Respekt entgegenzubringen?
Stenitz, der Kustos für die Fossiliensammlung im Stadtmuseum von Zinnroda, hat eine Freundin Judith, die aber, ohne dass Stenitz das wirklich ausdrücklich will, hinter der Kapelle zurückstecken muss. Ist Stenitz‘ Zuneigung zu der kleinen Kirche größer? Sören Jespersen, der Museumsdirektor, sagt schon mal „Du sbinns ja,“ zu Gregor Stenitz.
Der Abrisslärm, der über die Steppe hallt, hat Stenitz völlig den Kopf verdreht Er weiß, dass Gegenstände keine Seele haben, aber Judith erklärt ihm auch, dass Menschen und die Dinge gut füreinander seien… (vgl. S. 30) Die Dinge in Maria Magdalena haben vielleicht Beziehungen untereinander, das solle Judith entscheiden, denkt sich Stenitz. In jedem Falle sind die Dinge alt. Und sein Gang durchs Museum in sein Büro dauerte nicht einmal „hundertfünfzig Millionen Jahre“ (S. 47) Kann man sich in Dinge verlieben? Und was die Dinge wohl zu einem solchen Verhältnis sagen werden? Dazu kommt auch noch die Evolution und überhaupt bestehe der Mensch nur aus 60 % Wasser, 16 % Eiweiß und 17 % Fett, Hormone gibt es auch noch dazu. Die einzige Liebesszene mit Judith führt zur Verausgabung auf „Gregors Bastteppich“.
Dann geht er auch jeden zweiten Sonntag zum Gottesdienst in seine kleine Kapelle. Und ihre Gefühle? „Ein fühlendes Wesen muss nicht unbedingt wissen, wie es fühlt, hatte Judith gesagt.“ (S. 65) Maria Magdalena wird für Stenitz eine Person, ein handelndes Ding: „Er würde Madeleine bei der Arbeit sehen, wie eine Kellnerin im Café, die es allen recht machte, aber die ganze Zeit über zu ihm gehörte.“ (S. 73) ist es richtig, dass Stenitz aus seiner Zuneignung zu dem kleinen Kirchlein auch Besitzrechte für sich reklamiert? Stenitz entdeckt immer neue Facetten in seinem Verhältnis zu seiner Kapelle oder sie zu ihm: „Dann verstehen wir auch die Sprache der Dinge, und die verstehen uns.“
Ist es eine Ästhetik der Sachen, die Albig uns hier erklärt? Ihr ständiges Angebot, aus ihnen etwas zu machen, mit ihnen zu machen, sie ernstzunehmen, das würde Stenitz alles ganz zweifellos bejahen. Pfarrer Dornkamp stört irgendwie nur die Kreise Stenitz‘, vor allem ärgert sich dieser, dass er Marias Magdalena für sich arbeiten lässt.
Diese Novelle lesen Sie am besten wenn Sie viel Zeit haben und wo niemand sie stört, auch die Dinge nicht. Wie gesagt, kein Erstaunen begleitet die Erzählung, für Stenitz ist das alles ganz selbstverständlich, dass er als Paläontologe, immer auf dem Grund der Dinge lebt, da muss mehr dahinter sein, als ihr bloßes Sein.

Jörg-Uwe Albig
> Eine Liebe in der Steppe
1. Aufl. 2017, 175 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96157-7

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