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Lesebericht: Urs Augstburger Als der Regen kam

22. November 2012 von Heiner Wittmann

Urs Augstburger Roman > Als der Regen kam ist ein besonders gelungenes Beispiel, wie ein sehr bedrängendes Problem in literarischer Form vorgestellt und untersucht werden kann. „Für sie, mit den weißen Haaren“ lautet die Widmung des Buches und ist vielleicht als Reverenz an diejenige gedacht, die ihn zu diesem Buch inspiriert hat? Das Buch ist auch ein Essay über Demenzerkrankungen. Helen Nesta ist an Alzheimer erkrankt und befindet sich in einem Pflegeheim. Aus Genua kommend steigt Mauro aus dem Zug, um nach zwei Jahren seine Mutter wieder zu besuchen.

Seine Mutter wird ihn nicht mehr erkennen. Er bekommt von der Stationsleiterin den Schlüssel für ihre Wohnung, wo er seltsame Entdeckungen machen wird.

Doch beim Spaziergang, im beginnenden Trubel des alljährlich stattfindenden Jugendfestes, ist sie plötzlich für einen Moment wieder ganz sie selbst. Es geht auch um die Macht der Erinnerung, die wie bei Proust durch bestimmte Momente und Ereignisse ausgelöst wird. War es bei Proust der Duft des Tees, der an den Garten von früher erinnert, so ist es bei Helen das geschäftige Treiben rund um die Vorbereitung um das Jugendfest, das sie für einen Moment in eine andere Zeit versetzt. Als wäre sie nicht krank, tanzt sie so wie sie wahrscheinlich auch damals getanzt hat: „Mauro war fassungslos.“ (S. 22) War es der gleiche Ort, oder einfach nur das Ambiente des Jugendfestes, das in ihr diese unwillkürliche Erinnerung ausgelöst hat? Nicht die Erinnerung als solche, sondern, ihr Tanz vermittelt ihrem Sohn Mauro, der sie bei ihren spontanen Tanzschritten beobachtet, dass es womöglich um die Erinnerung an jemanden oder gar Sehnsucht nach jemandem geht, der im Leben der Mutter eine Rolle gespielt hat, von dem er nichts weiß. Seine Mutter nimmt einen imaginären Tanzpartner in den Arm und tanzt. Auf subtile und einfühlsame Weise entsteht eine aufregende Liebesgeschichte, manchmal in Andeutungen, dann wieder mit konkreten Erlebnissen. Obwohl seine Mutter ihren eigenen Sohn nicht mehr erkennt, wird dieses Reise für Mauro eine Reise in (s)eine Vergangenheit: „Mit jedem Schritt tauchte Mauro Nesta in eine andere längst vergessene Welt ein.“ (S. 105) Aus der Erinnerung lassen sich Geschichten rekonstruieren. Als der Regen kam ist auch ein investigativer Roman. Mauro findet die Puzzleteile, die logisch zusammengesetzt, die Existenz einer Liebesgeschichte verraten: „Nun sang der Chor das Festlied, das seit Jahrzehnten dasselbe war, alle rundherum stimmten ein, Helen Nesta zu Mauros Verblüffung am lautesten.“ (S. 116) Und da ist noch Pius Kobelt, der ein Treuhandbüro gleich neben dem Pflegeheim besitzt. Mauro finet immer mehr Hinweise auf eine alte Geschichte. „Als der Regen kam.“ (S. 167)

Das Wiederlesen eines Romans, oder zumindest das Wiederlesen der angestrichenen Passagen lenkt den Blick auf viele neue Details, die die Spannung in diesem Roman herstellt. Die Erinnerungen und das Erzählen der Gegenwart bestimmen den Roman und das ist Urs Augstburger glänzend gelungen. Die Erinnerungen werden zu Momenten, die die Geschichte der Gegenwart vorantreiben. So ist die Erinnerung nicht nur unwillkürlich sondern auch ein Bestandteil der Identität, und sie kann so stark sein, dass auch die demenzkranke Mutter ihr nicht entzogen ist.

> www.ursaugstburger.ch

Auf der Frankfurter Buchmesse hat Urs Augstburger einige Fragen zu seinem Buch beantwortet:
> Nachgefragt. Als der Regen kam.

> www.als-der-regen-kam.com – Die Website zum Buch

Urs Augstburger
> Als der Regen kam
Roman
2. Aufl. 2012, 288 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-93974-3

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