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Lesebericht: Nicole Zepter, Kunst hassen

2. Dezember 2015 von Heiner Wittmann

Einfach nur, weil diese Idee


pfiffig ist, holen wir mal den folgenden Beitrag vom 29. August 2013 nach oben. Es stimmt, nichts nervt in einem Museum mehr, als das ständige Hantieren der Mitgucker mit allen möglichen elektronischen Geräten, der Tonband-Führer am Ohr, das Handy für Whatsapp in der Hand, zwei andere machen gerad ein Selfie vor Rembrandt, niemand interessiert sich wirklich für die Gemälde, alle gehen hier nur hin, weil es gerad nichts kostet, oder sie stehen gelangweilt vor einem Führer, der ihnen die Kunst näher bringen will. Jemand der lange vor einem Bild steht, ist den andren irgendwie im Weg. Was da (nicht) abgeht, hat Nicole Zepter auf den Punkt gebracht:

Ich mag Kunst und gehe oft in Museen. Nun erscheint ein Buch mit dem Titel > Kunst hassen? Der Untertitel Eine enttäuschte Liebe verriet doch schon, dass es hier ganz und gar nicht, dass hier eine Fundamentalopposition gegen die Kunst im allgemeinen und im besonderen in Stellung gebracht wird. Nicole Zepter, hat Philosophie und Kunst studiert. Sie ist Chefredakteurin des Monats-Magazins > The Germans und residiert in Berlin.

Wie schön könnte Kunst sein. Wann waren Sie zum letzten Mal im Museum? Keine Führung, mit kompetenten Referenten, die den Besuchern erzählen, was sie auf den Bildern sehen (sollten) hat sie gestört, überall war die Aufsicht nett und zuvorkommend, sorgte mit Öffnung der Jalousien für das richtige Fotolicht und wusste genau, in welchem Saal Sie das
bestimmte Bild finden, niemand fühlte sich gestört, als zwischen ihnen und Ihrer Freundin ein heftiger Streit über die Qualität eines der ausgestellten Kunstwerke begann, in vielen Sälen waren Bilder unterschiedlicher Epochen als Anregung zum Vergleich nebeneinander gehängt worden und das lange interessante Gespräch mit dem Herrn, der in Saal 7 die Aufsicht führt, über das Bild an der m-agegenüberliegenden Wand ging ihnen noch am Tag nach dem Museumsbesuch durch den Kopf. Er hatte mich angesprochen, weil ich aufgefallen war, wie lange ich schon vor dem Bild stand: Ihnen gefällt das Bild? Langsam verstehe ich das Bild, hatte der Herr gesagt. Wie lange er schon in diesem Museum sei, 4 Jahre, hatte der Herr geantwortet und gelächelt. – Schön wär’s. Das sind alles nur Ausnahmen. Oder Utopien. Die Kunstwirklichkeit in unseren Museen ist ganz anders.

In diesem Buch kommen die berechtigten Klagen von Nicole Zepter in geballter Form: Wenn die Zuhörer ihren Kunstführern lauschen, und man den ein oder anderen Satz mit aufschnappt, hat man oft das Gefühl, die stehen vor dem falschen Bild. Viele Führungen gewöhnen den Zuhörern das eigene Denken ab. So wie in Ausstellungen das Fotografieren immer verboten ist. Und wenn Sie nach einem Bild suchen, hören Sie oft, das weiß ich nicht, das nicht mein Bereich, oder es gibt nur eine vage Richtung. Museen und Ausstellungshallen sind für Zepter zu Ausstellungsräumen verkommen, in denen eine Auseinandersetzung mit der Kunst schon beim Aufbau der Schau gar nicht mehr stattfinden kann. Museumsbesuche werden zum Ritual, einige Sekunden pro Bild, ein Blick auf das kleine Schild, Namen des Malers und Titel des Bildes, Jahreszahlen, schon nach drei Minuten vergessen. Kaum jemals traut man sich, die Dame neben sich zu fragen, „Finden Sie das Bild auch so schrecklich?“ Oder „Sagt das Bild Ihnen (wenigsten) was?“

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Waren Sie schon mal im > Bode-Museum in Berlin?

In unseren Museen und Ausstellungsräumen sollen Besucher sich wohlfühlen und die Werke der wichtigsten und bedeutendsten Künstler unserer Zeit genießen. Wer kommt dabei schon auf den Gedanken, Kunst zu hassen? Den ganzen Kunstsystembetrieb in Frage zu stellen? Es ist ja auch nicht einfach, zu wissen, was im Museum nicht zu sehen ist. Museen und Galerien haben die Oberhoheit über die Auswahl der Kunst der Kunst gewonnen. Was sie zeigen ist Kunst und duldet keinen Widerspruch. Nee, Sie wollen widersprechen, ach, wissen Sie, Sie haben von der Kunst nichts verstanden.

Kunst wird mit Presseinfos und Katalogen (S. 16) vertrieben. Kopfhörer gibt es dazu. Gelangweilt schlendert man zum nächsten Bild, das eine Nummer trägt, die wird eingetippt und nach drei Minuten weiß man schon den Titel des just präsentierten Bildes nicht mehr: „Ausstellungen sind heute auf die Passivität des Besuchers angelegt.“ (S. 35) Sein eigenes Denken ist nur im Besucherbuch am Ausgang vorgesehen. Ansonsten gilt, „… eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kunst gibt es nicht.“ (S. 42)

Im Gespräch mit dem Kurator und Direktor des Hamburger Bahnhofs Prof. Dr. Eugen Blume über die Kunst in seinem Museum wird deutlich, wie wenig von den Besuchern ein Verständnis der Kunstwerke erwartet wird. Allerdings will er die Kunst als ein unerschöpfliches Reservoir von utopischen Anregungen verstanden wissen. Professor Blume stellt Kunst aus, „Weil in jeder Kunst ein wertvoller utopischer Gedanke liegt.“ (S. 58) Er kann natürlich nicht anders und betont die Notwendigkeit, Kunst zu Inszenieren. Sei es so. Die Kinder, die im Kunstmuseum von Dijon im Halbkreis vor dem Bild und um die Lehrerin herum auf dem Boden saßen, erzählten eines nach dem anderen was sie auf dem Bild sahen. Das war toll, die Inszenierung des Bildes, seine Hängung spielte keine Rolle. Die Kinder erzählten fast eine halbe Stunde lang nur über das Bild und störten sich nicht, dass ich mitten unter ihnen saß. Für sie war der Museumsbesuch Gewohnheit und Aufregung zugleich. Oder die Kinder die in der Giacometti-Ausstellung im Centre Beaubourg mit Daumen und Zeigefinger (und Feuereifer) nachmachen sollten, wie groß seine kleinen Statuen sind. Die heile Museumswelt, von der Zepter träumt, gibt es auch, die Welt, wo Kunst wirken darf, Anregungen gibt und als Kunst richtig gut ist, wenn der Besucher das Gefühl hat, er hat was gelernt und kann über sie hinausgehen. (Vgl. H. Wittmann, Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tintoretto bis Flaubert, Tübingen 1996, S. 183.) – Aber und da legt Nicole Zepter den Finger auf die offene Wunde: Soweit kommt es aber bei den heutigen Museumsinszenierungen nicht mehr: Der Kunstbetrieb hat seine Regeln gefestigt, Widerspruch, gar laute Kritik gehört sich nicht.

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Waren Sie schon mal im > Centre Pompidou in Metz?

Es kommt noch viel schlimmer: „Die Kunst hat sich schon immer mit dem Geld ins Bett gelegt.“ (S. 876) Da bleibt von der Sartreschen Freiheit des Künstlers, der Freiheit als conditio sine qua non, Kunst überhaupt schaffen zu können, nicht mehr viel übrig. Ist es ein Trost, dass er der unbedingten Überzeugung ist, dass Künstler sich mit neuer Kunst immer wieder durchsetzen werden und ihre Freiheit neu erringen und bestätigen können. Zepters Kunstpessimismus ist davon weit entfernt: „Der Kunstbetrieb ist das Opfer seiner eigenen Vermarktung geworden,“ stellt sie fest. „Einige wenige bestimmen, was die Öffentlichkeit als wertvolle Kunst wahrnimmt.“ Die permanente Vereinnahmung von Kunst und Künstler? Soweit würde sie wohl nicht gehen. Eher der Besucher, wie schon ausführlich geschildert. Ist das Publikum wirklich doof? (S. 96) Keineswegs, nur es erduldet mehr durch die Kunstinszenierung durch die Kunstwerke selbst, für die es dann keine Zeit mehr hat.

„Kunst wird nicht beschützt, sie wird regelrecht bewacht.“ (S. 109) „Spießrutenlauf“ und die Aufseher empfangen die Besucher mit bösen Blicken als ob Sie Messer oder Spraydosen in den Taschen hätten, und man fühlt sich als „pöbelnde Eindringlinge“. Und trotzdem kann geschickte Museumspädagogik viel aus diesen Häusern machen, zwei Beispiel stehen oben.

Nicole Zepter zitiert Ernst Barlach (1870-1938) „Zu jeder Kunst gehören zwei: einer der sie macht, und einer, der sie braucht.“ Noch besser passt Sartres Feststellung, ein Geisteswerk entsteht erst dann, wenn Autor und Leser zusammenarbeiten, das steht in Qu’est-ce que la littérature? (1947) und darf als Grundlegung der Rezeptionsästhetik gelten. Kunst richtet immer einen Appell an den Betrachter, der bleibt auch, wenn die Institutionen, die Aufseher, das Geld, das ganze Drumherum dem Kunstgenuss im Wege stehe. Den Appell der Kunst der Kunst wieder vorbehaltlos wahrnehmen, das ist der Appell, den Zeppelin an uns richtet, wir als Betrachter sollen wieder uns ganze Freiheit gegenüber der Kunst wahrnehmen, wodurch die Freiheit der Kunst auch wieder gestärkt wird. Kunst hat das Potenzial, den Kunstbetrieb wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Zeppelins Buch ist eine wunderbare Anregung, unter neuen Voraussetzungen ins nächste Museum zu eilen:

Waren sie schon mal im > Kunstmuseum am Stuttgarter Schlossplatz?

> Kunstmuseum, Stuttgart
Nicole Zepter
> > Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe
1. Aufl. 2013, 136 Seiten, broschiert, Leinenüberzug
ISBN: 978-3-608-50307-4

BR > Streitschrift „Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe“ – Ein Beitrag von: Cordsen, Knut Stand: 23.08.2013

daserste.de > Buchtipp „Polemik“

> ¿Kunst hassen – Eine enttäusche Liebe¿ – SWR II -Sendung vom Samstag, 24.8. | 8.10 Uhr | SWR2


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Ein Kommentar zu “Lesebericht: Nicole Zepter, Kunst hassen”

  1. 3. September 2013 00:00

    Lieber Kletten-Markus-Löwe, seit wann sind wir per Du?
    Gerne würde erst das Buch von Frau Szepter lesen und mich dann mit ihr gemeinsamen über den derzeitig überakademisierten und dürren Kunstbetrieb aufregen. Aber, wutsch, da ist das Buch bereits vergriffen.
    Schon als Jugendlicher habe ich nicht verstanden, warum man die „Nachtwache“ im Rijksmuseum und die „Mona Lisa“ im Louvre so wahnsinnig toll finden soll; toll fand und finde ich allerdings Rembrandts Radierungen und Leonardos Texte und Rötel/Silberstift-Zeichnungen.

    Der Künstler soll heute wieder eine akademische Ausbildung nachweisen (armer Gauguin), und Akademikerinnen bestimmen, was in der derzeitigen Kunst „spannend“ ist.So gab es auf der letzten documenta akademische Späße, die bald vergessen sein werden, neben emotionalen Hämmern, die in Erinnerung bleiben.
    Museen sind ja eigentlich nur Asylantenheime für Kunst,die Kunstwerke haben dort das Problem, keinen Nutzeffekt zu haben – anders als in Kirchen und Schlössern – vgl. auch das von Frau Zepter zitierte Barlach-Wort. Die zeichnenden Schulklassen in den Kunstmuseen in Frankreich oder Spanien zu sehen, – wie dies auch Herr Wittmann erwähnt – erfrischt, weil hier Kunst einen Nutzeffekt hat.
    Ich bin gespannt auf das Buch von Frau Zepter, wenn es denn wieder verfügbar sein wird. „Zepter“ ist ein Symbol der Herrschaft und Herr Wittmann ist wohl mit dieser nicht ganz einverstanden (wenn ich ihn richtig verstanden habe). So verwandelt er die Autorin flugs in einen entschwebenden Zepellin.

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