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Lesebericht: Christopher Ryan, Cacilda Jethá, Sex. Die wahre Geschichte

10. Februar 2017 von Heiner Wittmann

ryan-jetha-sex-110Wenn Sie das Buch > Sex. Die wahre Geschichte von Christopher Ryan, Cacilda Jethá in der Übersetzung von Birgit Herden im Zug lesen, dürfen Sie sicher sein, dass Ihre Mitreisenden tatsächlich ab und zu ihr Smartphone sinken lassen, um das Buch, dann Sie zu mustern… aber nichts sagen… aber irgendwie gucken sie, ein bisschen belustigt, aber auch eine Spur neugierig.

Das Vorwort von Ulrich Clement zur deutschen Ausgabe bringt die These der beiden Autoren auf den Punkt: „Frauen suchen ressourchenreiche Männer, die wiederum hinter attraktiven Frauen her sind“, und beide Geschlechter finden, es solle dabei halbwegs monogam zugehen. Diesem Modell erteilen die beiden Autoren eine Absage, denn ihrer Ansicht nach, sei es nur „für agrarische Kulturen mit langfristiger Erbfolge und Besitzregelungen“ geeignet. „Teilen und Gemeinsamkeiten“ sei in „früheren Jäger- und Sammler-Horde(n)“ viel wichtiger gewesen. Geteilte Vaterschaft ist ihr Stichwort. Elternschaft und Untreue müsse man nicht so ernst nehmen. Monogamie ist also das Ziel der „pfiffigen Attacke auf den verhaltensbiologischen Mainstream“ (S. 11 f.), den Clement aus diesem Buch herausliest.

Die Geschichte unserer Vorfahren, Primaten und Affen haben uns was anderes als Monogamie vorgemacht. Und es ist klar, wohin die beiden Autoren wollen, denn schon in ihrer Einleitung erklären sie uns, dass wir abstammungsmäßig über die Menschenaffen nicht sehr weit hinausgekommen sind. (vgl. S. 16) Und heute? esposas bedeutet Ehefrauen und … Handschellen im Spanischen. (vgl. S. 17) Und dann das Heer aller, die zu Rate gezogen werden, wenn es im Eheverkehr nicht so toll läuft; schizophren finden die Autoren unsere Versuche, das zu kitten. Wir interpretieren heute den Zusammenhang von Liebe und Sex falsch, eine solche Interpretation gibt unsere Entwicklungsgeschichte nicht her. Die Datenlage sagt was anders. Vielleicht beruht unseres heutiges Verständnis vor Sex nur auf den letzten 10.000 Jahren? Wollten wir nur Risiken minimieren, und alles marschierte in eine falsche Richtung? (vgl. S. 25) Unsere Vorfahren lebten früher in Gruppen statt in Zweierbündnissen. Der Zusammenhalt war in diesen Gruppen viel stärker und problemloser als in Zweisamkeiten.

Dann werden Details von Körperbau und -funktionen untersucht, die eher für das Hordenleben viel besser geeignet sind. Siedlungen und Landwirtschaft haben alles verändert. Das Kapitel Über die „Entstehung der Arten“ erklärt, was Darwin über Sex nicht wissen konnte. Die Geschichte soll zu heutigen Ehe geführt haben. Falsch, finden die beiden Autoren und bemerken nebenbei, dass der Kampf gegen die Natur schon immer gescheitert sei (vgl. S. 65).

Über die Wollust im Paradies. Wieder der Vergleich mit den Bonobos, die Hunderte, wenn gar Tausende von Geschlechtsakten vollziehen, bevor es zu einer Geburt kommt, nur machen sie es deutlich kürzer als der Mensch die „personifizierte Hypersexualität“ (S. 107). Bei der Diskussion um die Vaterschaft holt uns unsere Vorgeschichte wieder ein: „Kapitel 6. Wer sind deine Väter?“ Wäre uns Monogamie wirklich in die Wiege gelegt, so argumentieren beide Autoren, so würden die Menschen nicht dauern dagegen verstoßen. (vgl. S. 121)

Und dann werden die Vorteile der Promiskuität erläutert: S. 121-136. Klar, dass das folgende Kapitel vom „Schlamassel von Ehe, Partnerschaft und Monogamie“ handelt. Jetzt wird nochmal der Gedanke vom Kap. 6 fortgeführt: „Genetische Vaterschaft: Das Standardnarrativ bröckelt: „Freie Liebe am Lugu-See“ zwischen den chinesischen Grenzen Yunnan und Sichuan geht es ganz anders zu als bei uns, wo sexuelle und familiäre Beziehungen ganz strikt voneinander getrennt sind.

Teil III „Wie wir nicht waren“ zerstört einige hartnäckige Mythen und belegt, dass Malthus‘ Vorhersagen einfach komplett falsch waren. Er rechnete mit einer Verdoppelung der Bevölkerung vor der Landwirtschaft alle 25 Jahre, und unsere Autoren halten ihm entgegen, dass die Zahl 250 000 Jahre lauten müsste (vgl. S. 182).

Danach bieten Christopher Ryanu und Cacilda Jethá eine Revision gängiger soziologischer und biologischer Modelle an: um nur ein Beispiel unter vielen anderen hier zu nennen z. B. Gerret Hardins Aufsatz „The Tragedy of Commons“ (Die Tragödie des Allgemeinguts), dessen Modell wie das von Maltus in der Reialtät nicht funktioniere. Vgl. S. 197.

Im Teil IV wird der Körper des Menschen unter die Lupe genommen: „Was unsere Körper erzählen“: S. 245-306. Hier wird allerlei vermessen und verglichen und dabei werden allerlei Rückschlüsse gezogen.

Sind die Schlussfolgerungen von Christopher Ryan und Cacilda Jethá Auslegungs- oder Ansichtssache? Ihre Belege überzeugen, wenn auch Soziologen und Philosophen mit ihren Fachgebieten möglicherweise andren genauso gut überzeugende Aussagen zu dieser Diskussion beisteuern könnten. Aber der Ansatz der beiden Autoren gängige Ergebnisse der Evolutions- und Verhaltensforschung neu zu bewerten und anders, als wir es gewohnt sind, einzuordnen, machen dieses Buch sehr lesenswert.Vielleicht ist ja wirklich was da dran, dass viele Probleme der Menschen ryan-jetha-sex-110von ihrer gewohnten Zweisamkeit her stammen.

Christopher Ryan, Cacilda Jethá
> Sex. Die wahre Geschichte
Aus dem Englischen von Birgit Herden (Orig.: Sex at Dawn. The prehistoric origins of modern sexuality)
Mit einem Vorwort von Ulrich Clement
2. Druckaufl. 2016, 430 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98050-9

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