Verlagsblog

Lesebericht, Hans Hopf, Die Psychoanalyse des Jungen

2. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Klett-Cotta kündigt das Buch > Die Psychoanalyse des Jungen von Hans Hopf so an: „DIE erste psychoanalytische Gesamtdarstellung über Jungen. Die Jungen sind zum Problem geworden. Sie sind aggressiv, bewegungsunruhig, unaufmerksam, risikobereit, gelten als Störer. Vom ersten Tag an sind sie anders als Mädchen und entwickeln viel häufiger psychische Auffälligkeiten. Auf der Website von Klett-Cotta steht auch: „Die These von Hans Hopf, einer der renommiertesten Kinderanalytiker Deutschlands mit 40-jähriger Erfahrung: Die Jungen sind die »Emanzipationsverlierer«, sie wachsen überwiegend »vaterlos« in einer feminisierten Welt auf.“ Ist da was dran? Also wenden wir uns hier auf dem Blog einmal einem Fachbuch zu. Das Titelfoto zeigt einen ca.7-8 jährigen Jungen, die Fäuste vor dem Gesicht, ein Auge etwas zugekniffen, das andere – blau – hellwach. Fast wirkt es gestellt, das spielt keine Rolle.

Es drückt Bewegungsfreude, Aufmerksamkeit, Risikobereitschaft, Aktivität, eine gewisse Aggressivität aus, die keinesfalls missverstanden werden soll, alles als Ausdruck der eigenen Identität. Damit wird das resümiert, was der Autor sich in seinem letzten Absatz (S. 374) für Jungen in der Zukunft wünscht. Wie schon so oft gesagt, hier folgt keine > Rezension sondern ein Lesebericht, mit dem der Leser dieses Buches, also der Autor dieses Beitrags, seine Leseeindrücke wiedergibt. Dieser Bericht ist auch eine Vorbereitung auf das Interview mit dem Autor, das nächste Woche hier unter dem Titel Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychoanalyse des Jungen erscheinen wird.

Der Leseberichtschreiber ist kein Psychologe, aber ein Literaturwissenschaftler, der sich – außer mit und durch seine eigenen Erfahrungen als Junge – mit Berichten über das Heranwachsen von Jungen – auch im Dialog mit den Ideen von Sigmund Freud – mittels der Künstlerporträts im Werk von Jean-Paul Sartre beschäftigt hat.

„In den neunziger Jahren begannen Jungen zum Problem zu werden,“ schreibt Hans Hopf und berichtet, wie ihm als Leiter eines psychotherapeutischen Kinderheims immer häufiger Jungen mit der Diagnose ADHS vorgestellt wurden. (S. 13, s. a. 16 f., 105, 109, 342 f. et passim). Was als ADHS daherkam waren „altbekannte soziale Störungen“ (S. 13), allerdings waren „immer häufiger massive Probleme mit der Beherrschung ihrer Affekte zu beobachten“ (ib.). Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) beschreibe zwar die Symptome, aber die Ursachen wurden vergessen, vernachlässigt oder übersehen, unterbewertet mit allen Folgen für die Behandlung. Hopf will diesen Jungen die Seele zurückgeben, sie sollen wieder ihre männliche Identität entwickeln können, und ihre Eltern und Erzieher müssen wieder lernen, „die psychischen Ursachen von Aggression und Affektregulierung“ zu verstehen. Störanfälligkeit der Jungen, so Hopf, darf nicht länger mit der Verschreibung von Methylphenidat (s. auch S. 28) beantwortet werden. (S. 14) Das ist der Ansatz dieses Buches, und wer das Buch in drei oder vier Tagen gelesen und durchgearbeitet hat, hat ein echtes Leseerlebnis hinter sich. Das Buch richtet sich keineswegs nur an Spezialisten, eigentlich an alle, die aufgrund ihrer Erziehungsaufgaben etwas mit Jungen zu tun haben.

Hans Hopf: „Ich bin der Meinung, dass Psychoanalyse helfen soll, uns und die Welt besser zu verstehen, und sie sollte helfen, Leiden dort zu mindern, wo es entsteht und besteht. Dann wird sie auch nicht zur Diskriminierung, Polarisierung oder Pathologisierung beitragen, sondern zur Freiheit des einzelnen und der anderen.“ (S. 225)

Hans Hopf verfügt über eine ausgeprägte Erfahrung aus der langen Zeit seines Berufslebens und kann Kinder der Kriegsgeneration am eigenen Beispiel mit den Zappelphilipps der heutigen Bildschirmgeneration prima vergleichen. Unsere nachmittagelangen km-weiten Fahrten immer wieder halbrund um Köln herum durch den Stadtwald – statt Hausaufgaben – sind mir noch wohlvertraut. Hopf geht ausführlich auf die Geschlechtsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen ein, er streift die biologischen Unterschiede, die man nicht so recht wegdisktuieren kann und beschäftigt sich mit den Unterschieden (S. 26 f. et passim), die heute in der Gesellschaft manchmal einer gewissen Einebnung nicht widerstehen sollen: Mädchen und Poesiealbum im Kindergarten ja, Wasserpistole und Jungen nein. Das ist natürlich nicht alles, aber Hopf deutet zu Recht die Problematik eines durch und durch weiblich organisierten Erziehungsystems an.

Er kennt die Lernstörungen bei Jungen (S. 29), will sie nicht unterbewerten, versteht sie aber als Gründe für mehr Handlungsbedarf. Sein Ansatz berücksichtigt die Wechselwirkungen zwischen Leib und Seele, (S. 31) der Interaktion von „biologischen und soziokulturellen Faktoren“ (S. 36, vgl. S. 39).

Mutter und Sohn (S. 40 ff) stehen im 1. Kapitel im Zentrum seiner Überlegungen. Der Leser staunt über die Vielfalt der Sekundärliteratur, die Hopf nennt, prüft, verwirft oder bestätigt. Sein Buch erklärt, wie der Säugling und dann der Junge eine spezifische männliche Identität erwirbt. (S. 47 ff.) Kapitel 2 untersucht das Verhältnis zwischen Vater und Sohn und erklärt, wieso er für die Entwicklung der Geschlechtsidentität so wichtig ist. (S. 75 ff.) Stichwort Kerngeschlechtsidentität (S. 78) und die Folgen, je nachdem ob die Mutter strahlt oder entsetzt guckt, wenn der Kleine sein Anhängsel entdeckt. (ib. und S. 117 ***) Jungen haben mehr Probleme „Jungen und Männer sind sich ihrer Männlichkeit weitaus unsicherer als Mädchen und Frauen ihrer Weiblichkeit, und das bleibt so bis ins hohe Alter,“ (S. 84) schreibt Hopf.

Jetzt geht es in die Details: Kapitel 3: „Schaltstellen der Triebentwicklung“. Psychologische Feinmechanik. Hier geht es um den Kastrationskomplex (S. 99 ff.) und den Ödipuskomplex (S. 119 ff.) (… den habe ich woanders noch sie gut erklärt gefunden). Nebenbei bemerkt, die Fälle und Beispiele beweisen, um es noch einmal zu sagen, die besondere Erfahrung, mit der Hans Hopf dieses Buch verfasst hat. Die Verweiblichung unseres Erziehungswesens: „Den Rückzug, ja, die Flucht der Männer können wir immer wieder und überall beobachten. (S. 110). Es kommt noch schlimmer „Die männliche Identität ist fragil und erschütterbar.“ (ib.) Es folgt eine Beschreibung der Entwicklungsphasen: „Das Phallische befähigt den Jungen zur gutartigen Aggression, zum gesunden Rivalisieren, Oppponieren und gelegentlich zum notwendigen Risikoverhalten.“ (S. 177) Aber bitte nicht ruhigstellen mit „Entwertung oder Medikation“. (S. auch S. 148)

Hans Hopf: „Unsere Gesellschaft produziert unruhige Kinder, aber sie erträgt sie nicht. Es besteht kein Interesse, die zugrundeliegenden familiären und gesellschaftlichen Ursachen für die Symptomatik zu erkennen oder zu behandeln, die Symptome werden zumeist einfach weggedrückt.“ S. 370 f.

Auf der vorhergehenden Seite wird Hans Hopf sehr deutlich: „Die Frage, was männlich ist, wurde vor allem vor dem Hintergrund des Feminismus in Frage gestellt und ’neu definiert‘. …. Die Frage, was denn männlich ist, führte zur Erschütterung einer Identitätsentwicklung des Jungen und ist bis heute nicht ausreichend beantwortet worden.“ (S. 118) Und dann kommt der entscheidende Satz, der auf die Banderole für dieses Buch prima passen würde: „Die Leistungen der Jungen scheinen immmer schlechter zu werden [alle Zuhörer nicken! Unsere Väter habe sich sicher auch die Klagen ihrer Väter anhören müssen, aber heute sind die Jungen kaum zu bändigen, H.W.] und allerorts wird ihnen Sand ins soziale Getriebe getragen [alle Zuhörer würden am liebsten weggucken, niemand will es gewesen sein, H.W.]. Es ist offensichtlich, unserer Gesellschaft produziert den störenden Jungen, aber sie erträgt ihn nicht.“ (S. 118, S. 370)

In den Kapiteln 4: „Die Latenz heute„, Kapitel 5 Adoleszenz und Kapitel, 6 Die Mutter – zwischen Ernähren und Begehren und Kapitel, 7 Das Elternpaar entwickelt Hopf seine Vorstellungen von der Entwicklung der Jungen: Im Grunde genommen geht es hier um den Platz des Vaters in der Triade. (S. 187) Und wieder um Fallbeispiele: S. 192: Paul, drei Jahre, Lea, fünf Jahre, die sich gerade die Fingernägel lackiert und auf Zuspruch und Lob der Mutter hofft, die wird aber abgelenkt, weil die Küchentür donnerartig aufgerissen wird und Paul total verdreckt seinen Auftritt hat. Was passiert? vgl. S. 192. Beziehungs- und Bindungsprobleme aller Art werden hier erläutert. Und wenn der Vater fehlt? Hopf lässt erkennen, dass er dies einen „Faktor der Vulnerabilität unter vielen“ (S. 203) hält. Und er kennt auch die Probleme „Zu lange und zu nahe dem Körper der Mutter ausgesetzt.“ (S. 204 ff)

Das Kapitel 9 Die Aggression des Jungen beginnt schon ein Resümee aus der Darstellung der Psychoanalyse des Jungen in diesem Band zu ziehen: „So gut wie immer sind Gewalttätigkeit und Aggressivität bei männlichen Jugendlichen Begleitsymptome von sogenannten dissozialen Störungen.“

Eine > Rezension wäre viel ausführlicher, sie würde prüfen, ob der Autor sein Versprechen, seinen Ansatz eingelöst hat. Der Autor des Leseberichts hat es leichter. Er freut sich auf das Gespräch mit dem Autor: Nachgefragt…, um zu prüfen und nachzufragen, ob er seine Absichten richtig verstanden hat. Das die Lektüre dieses Bandes richtig spannend ist, braucht er aber hier nicht zu verbergen.

Hans Hopf, Die Psychoanalyse des Jungen
1. Aufl. 2014, 404 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-94775-5


Ähnliche Artikel:

Schreiben Sie einen Kommentar

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 48 queries. 0,349 seconds.