Verlagsblog

10 Jahre Bologna ohne Feierlaune

12. März 2010 von Heiner Wittmann

Gerade ist hier auf dem Blog der Text „ich habe das Buch gelesen“ zu dem Band Tatort Universität Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung erschienen, da bringt Paul Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien, das, was mit dem Bologna-Prozess angerichtet worden ist auf den Punkt: „Nach zehn Jahren Bologna kann ich sagen: Den europäischen Hochschulraum gibt es nicht, die Mobilität der Studierenden ist sogar zurückgegangen, die sogenannte Vergleichbarkeit ist ein formal bürokratischer Nonsens, und um das zu erreichen, hat man in Gesamteuropa mit unglaublichen materiellen und immateriellen Kosten über Jahrhunderte gewachsene Strukturen zerschlagen.“ Zitiert nach > Ministerkonferenz zum Bologna-Prozess, Die Suche nach dem europäischen Hochschul(t)raum – tagesschau.de. Diese Seite ist möglicherweise bald nicht mehr verfügbar.

Man kann den Bologna-Prozeß nicht mehr rückgängig machen? Wer freut sich über eine solche Aussage? Mein Studienbeginn und die beiden Studienjahre in Paris an der Sorbonne-Nouvelle und Sciences Po waren das perfekte Sprungbrett für Romanistik, Geschichte und Politologie in Bonn. Das war nur ein kleiner Einblick in die Vielfalt Europas. Aber das war toll, eben weil es keine geregelten Äquivalenzen gab. Bei meiner Ankunft im Romanischen Seminar in Bonn wurden meine Pariser Studienleistungen bewertet und ich kam ins 5. Semester, holte dies und jenes nach und hatte so einiges an Themen im Studiengepäck, das es in Deutschland so nicht gab. Und nur weil es keine Kreativität und Verständnis bei der Bewertung von Studienleistungen im europäischen Ausland gibt, soll und muss alles vereinheitlicht werden? Und die Verschulung der Studiengänge führt dazu, dass kleine Module nicht mehr mit denen der Nachbarländer zusammenpassen, man braucht immer mehr Kommissionen, Evaluationen und Gremien, Bologna ist sich selbst im Weg. Bologna steht für ein hochschulpolitisches europäisches Monster. Eine Bürokratie, die vielleicht einst als eigener Studiengang kreiert werden wird, und bei jeder Evaluation durchfallen wird. Früher schrieb man nach einem Studienaufenthalt im Ausland einen interessanten Aufsatz, heute müssen alle Beteiligten die ECTS-Punkte zählen.

Auf dieser Seite > Module, ECTS-Punkte und Workload steht: „Für einen Bachelor- Abschluss sind 180-240 ECTS Punkte, für einen Master- Abschluss 60-120 ECTS-Punkte vorgesehen.“ Inhalte werden hier mit keinem Wort erwähnt, aber hier wird die bürokratische neue Vielfalt in Europa ganz gut zusammengefasst.

Wolf Wagner
Tatort Universität
Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung
1. Aufl. 2010
Ausstattung: broschiert
188 Seiten
ISBN: 978-3-608-94614-7

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