Verlagsblog

Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden

8. Mai 2012 von Heiner Wittmann

Am 14. Mai 2012 erscheint bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer das eindrucksvolle Buch > Schulden. Die ersten 5000 Jahre von David Graeber. Text + Anmerkungen + Bibliographie mit Index = 536 Seiten. Diesmal wird der Lesebericht zum Erscheinen des Buches wahrscheinlich ausnahmsweise nicht rechtzeitig fertig. Aber vom Inhalt und der packenden Darstellung mal ganz anders, grundsätzlicher und vor allem auch historischer – mit einem Blick auf die wirtschaftliche und politische Ideengeschichte – wahrlich getrieben, ist das vielleicht doch zu schaffen. Schulden haben wir alle in irgendeiner Form, und man darf fragen, wo sich wirklich die Grenze befindet, bei der Schulden nicht rückzahlbar sind? Aber auch dann kann man sich nicht einfach entschuldigen. Und wie ist das heute mitten in der Schuldenkrise? Helfen europäische Staaten anderen, um ihrer oder der gemeinsamen Währung zu helfen, oder garantieren die einen die Schulden oder die Zahlungsfähigkeit der anderen, um dann noch die eigenen Kassen wieder aufzufüllen? Und wer vergeht sich an den Schulden der anderen, um sich an ihnen qua Spekulation und zum Unglück aller gesundzustoßen ? Der vergangene 6. Mai mit dem zweiten Wahlgang der > Präsidentschaftswahlen in Frankreich, das Wahlchaos in Griechenland und alle anderen düsteren Währungs-Wolken über Euroland werden das Thema Schulden ganz oben auf der Tagesordnung halten.

Da lohnt es sich schon, einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen, um was es denn überhaupt geht? Nach einer Bundestagsdebatte zu diesem Thema kann man leicht den Eindruck gewinnen, niemanden gesehen zu haben, der weiß, wie groß der gerade wieder beschlossenen Rettungsschirm ausgefallen ist, Millionen, Milliarden oder Billionen, sieht man diese Summe wieder, gibt es sie überhaupt? Ist das Geld ausgegeben, das ja eigentlich gar nicht da ist?`Bei diesen ungeheuren Summen sprechen die Kritiker von Sparzwängen? Bestimmt haben Mitglieder der Euro-Zone über ihre und damit über unsere Verhältnisse gelebt. Man hat im Eurogebäude einige Stahlstreben vergessen, die jetzt nachträglich als Reklamationsfall sofort eingebaut werden müssen und niemand möchte diese Baumängel so wirklich wahrhaben.

„Ein ebenso radikaler wie befreiender Blick auf die Wurzeln unserer Schuldenkrise.“ steht auf der Seite von Klett-Cotta zu Graebers Buch > Schulden. Und da steht auch : „Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.“ „Verbraucherschulden sind der Lebenssaft unserer Wirtschaft,“ (S. 11) schreibt Graeber und zeigt damit die andere Seite der Medaille. Ohne Schulden geht es auch nicht.

Es ist richtig wohltuend, einmal gründlich diese schwierige Materie an ihrer historischen Wurzel zu packen und nicht nur den Medienkommentaren jeder Art zuzuhören und gar unreflektiert zu glauben, die mit ihren Horrormeldungen den Börsen ihr Aufundab diktieren. Jetzt wird darüber spekuliert, ob François Hollande und Angela Merkel sich verstehen werden. Sie werden es, weil die deutsch-französische Kooperation eine Konstante der EU und des Eurolands ist, dennoch werden beide zusammen, nicht einzeln, einen Einfluss in Europa entwickeln können. Und jetzt kommt es darauf, wie groß dieser Einfluss werden kann. Keiner von beiden kann alleine handeln und schon gar nicht alleine Erfolg haben. Um ihren Handlungsspielraum zu erkunden, könnte man einen Blick auf die Bedingungen, Gründe der Krise werfen und mit diesem Wissen über Handlungsoptionen nachdenken: > Schulden ist ein guter Ansatz dazu, künftig die Berichterstattung ein bisschen kritischer verfolgen zu können und um darauf aufzupassen, dass unsere Politiker sich wirklich zugunsten der europäischen Idee einsetzen.

David Graeber (Jg. 1961) ist einer der Begründer der Occupy-Bewegung unterrichtete bis zu seiner Entlassung 2007 als Anthropologe in Yale und lehrt seitdem am Goldsmith-College in London. Er bezeichnet sich als Anarchist und ist Mitglied der »Industrial Workers of the World«. Sein Vater hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, und er selbst hat fast zwei Jahre in einer direkte Demokratie praktizierenden Gemeinschaft auf Madagaskar gelebt.

> David Graeber
> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0


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3 Kommentare zu “Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden”

  1. 20. Mai 2012 19:46

    Die Sache ist nicht neu. Die Ursachen der wachsenden Schulden hatte bereits Helmut Creutz in „Das Geldsyndrom“ 1994 beschrieben. Die Ursache ist, dass sich das Kapital vom Kapitalmarkt zurrückziehen kann sollten Renditeaussichten zu gering ausfallen. Da aber in einer arbeitsteiligen Gesellschaft Vorfinanzierungen notwendig sind, fallen dadurch die Kreditzinsen zu hoch aus. Das Wirtschaftswachstum reicht nicht aus diese zu erwirtschaften mit der Folge der Überschuldung. Eine Liquiditätsabgabe (Umlaufgebühr) würde den Zins bei einem gesättigten Markt gegen Null drücken und das Problem beheben. Mehr Infos auf inwo.de

  2. J.S.
    5. November 2012 14:06

    @ Frankura: Graeber ist _kein simpler Gesell-Aufguss. Er geht das Thema sozialwissenschaftlich-philosophisch-theologisch-ethnologisch-historisch an. Sprich: er bedient den tiefen Bagger gegen das heimliche Fundament von so genannten „Schulden“ im scheinbar Moralischen. Graeber geht aus der rein (liberal)ökonomischen Logik heraus.
    Sehr interessantes (wie jetzt sehr zeitraubend inhaltsvolles) Buch.

  3. 17. Oktober 2013 11:56

    […] die sich am 15.Oktober in Luxemburg getroffen haben, hätten keinen Fortschritt erzielt. Es gebe jetzt noch Divergenzen zwischen den Staaten, besonders zwischen Frankreich und Deutschland. […]

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