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Lesebericht: Hans Erhard Lessing, Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte

3. August 2017 von Heiner Wittmann

Hans-Erhard Lessing erzählt mit seinem Buch > Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte eine 200-jährige Erfolgsgeschichte. 12–14 Milliarden Fahrräder wurden seither weltweit gebaut und rund 72 Millionen gibt es allein in Deutschland. Hans-Erhard Lessing kommt aus Schwäbisch Gmünd. Er ist Physiker, Technikhistoriker und ein weltweit führender Fahrradexperte. Er machte auf den Zusammenhang zwischen der Zweiraderfindung und der Klimakatastrophe von 1816/17 aufmerksam: Hans-Erhard Lessing: What led to the invention of the early bicycle? In: Cycle History, 11, San Francisco 2000, S. 28–36.

Es war ein weiter Weg von der Draisine Karl Drais‘ (1785-1851) > www.karldrais.de bis zu den heutigen leichten Klappelektorädern. Ein jahrzehntelanger Kampf um Patente und immer wieder pfiffige Erfindern, die das Fahrrad auf die Zielgerade schickten. 1866 kam die Kurbel am Vorderrad dazu. Soziale Spannungen gab es beim Draisinieren schon damals: schnell und unbemerkt von einem zum anderen Ort. Nur ein Vorteil für die Männer? Bremsen gab es auch damals schon. Aber lizenzfreie Nachbauten, die sich an Stichen orientierten, ‚vergaßen‘ oder übersahen die Bremsen, weil sie in den Herstellerprospekten hinter dem Bein des Fahrers versteckt waren. Schon 1817 war das Radeln auf den Bürgersteigen in Mannheim verboten worden. Und heute?


StVO, § 2 Absatz 5 Stand: Dezember 2016

„(5) Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen, Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen mit Fahrrädern Gehwege benutzen. Ist ein baulich von der Fahrbahn getrennter Radweg vorhanden, so dürfen abweichend von Satz 1 Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr auch diesen Radweg benutzen. Soweit ein Kind bis zum vollendeten achten Lebensjahr von einer geeigneten Aufsichtsperson begleitet wird, darf diese Aufsichtsperson für die Dauer der Begleitung den Gehweg ebenfalls mit dem Fahrrad benutzen; eine Aufsichtsperson ist insbesondere geeignet, wenn diese mindestens 16 Jahre alt ist. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen. Der Fußgängerverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Soweit erforderlich, muss die Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr angepasst werden. Vor dem Überqueren einer Fahrbahn müssen die Kinder und die diese begleitende Aufsichtsperson absteigen.“


Um die Jahrhundertwende gab es in den USA schon „sidewalk traps“, wo Polizisten auf Radfahrer lauerten, die verbotswidrig auf den Gehsteigen radelten.

Pedalkurbeln, so erklärt Lessing, sei ein heißes Thema der Radfahrgeschichtsforschung. Balancieren und gleichzeitig Pedaltreten! Dann kam das Drahtspeichenrad hinzu und wurde bald unter Ausnutzung aller möglichen physikalischen Gesetze als Tangentialspeichenrad (S. 103) verfeinert. Wer hoch fährt, kann tief fallen, also kam man wieder auf Normalmaß. Das Verdeutschungs-Wörterbuch von Otto Sarrazin ersetzte 1886 Bicycle durch Fahrrad oder noch Zweirad. Was fehlt noch? Die Reifen. John Boyd Dunlop (1840-1921) entwickelte die pneumatischen Gummireifen, von denen auch die Autos profitierten.

Lessing stützt sich auf eine profunde Kennntnis der Literatur, die die Entwicklung des Zweirades begleitet und mit vorangetrieben hat: Louis Baudry de Saunier, Pierre Giffard, > Le Cyclisme théorique et pratique Paris 1891, Nachdruck: BnF collection ebooks, 03.07.2015 – 574 Seiten oder von
Gustav Steinmann, > Das Velocipede: seine Geschichte, Construction, Gebrauch und Verbreitung, Weber, Leipzig 1870 – 91 Seiten. Oder E. Bertz, > Philosophie Des Fahrrads, 1900, Nachdruck Рипол Классик, 1984.

Heute birgt das Zweirad weiterhin ein ganz enormes Potenzial zur Regulierung des Individualverkehrs, sowie ihnen angemessene Verkehrsräume und die Rücksicht der Vierradfahrer sicher sind. Statt Fahrradgipfel gibt es bei uns Dieselgipfel, wo die Schadstoffreduzierung per Software versprochen wird, wo doch gerade die Autoindustrie schon per Software den Behörden jahrelang angeblich saubere Motoren untergejubelt hat. Was waren das für unbeschwerte Sommertage von Cannstatt durch die grüne Lunge bis zum Opernhaus zu radeln. Lessings Buch gibt die Freude daran zurück: unbeschwertes Radeln. Aber die Verkehrsplaner in vielen unserer Städte tun nur so, als hätten sie schon mal ein Fahrrad gesehen.

Auch für sie ist die Lektüre von Lessings Fahrradgeschichte äußerst wertvoll, denn sie kann ihnen lehren, wie Politik ihren Beitrag für fröhliches Radeln schaffen könnte. Die Techniker übernehmen die Entwicklung bis hin zum E-Bike, die Politiker sorgen für den Verkehrsrahmen, aber nicht so wie auf dem > Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt, wo jeder Verkehrsteilnehmer ständig den ihm zugewiesenen Raum benutzen darf, aber die Radler bei der Konzeption des Platzes vergessen wurden. Aber die müssten auch das Ihre dazu tun, denn kaum einer von ihnen respektiert rote Ampeln und auf den Bürgersteigen radeln sie, weil die Autofahrer alles tun, um sie mehr oder weniger geschickt von der Fahrbahn zu verdrängen. Mit dem Radeln bis zum Opernhaus ist es schon seit vielen Jahren vorbei.

Parkende Autos: Wie wäre es, wenn der Griff zum Öffnen sofort den Warnblinker an der Seite der Tür aktivieren würde, dann würden Radfahrer merken, da reißt gleich jemand die Türe auf?

Hans-Erhard Lessing
> Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte
1. Aufl. 2017, ca. 272 Seiten, gebunden, Leinenband, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-91342-2

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