Verlagsblog

Lesebericht: Joris Luyendijk, Unter Bankern

22. Juli 2015 von Heiner Wittmann

Der Untertitel von Joris Luyendijks Untersuchung Unter Bankern „Eine Spezies wird besichtigt“ ist vom Verlag TROPEN bestens gewählt worden. Das ist es, worum es hier geht, eine Phänomenologie der Banker, der niederländische Titel ist genauso gut: „Dit kan nit waar zijn. Onder Bankiers“. Das Buch erklärt einige Schattenseiten des Bankenwesens in London, Sonnenseiten scheint es außer dem vielen Geld, was einige dort verdienen können, kaum wirklich zu geben. Das Buch will gar keine Erklärung des überaus komplizierten Bankensystem vermitteln, es will nur berichten über rund 200 Gespräche, die der Autor mit Bankern geführt hat, um, das Bankendickicht etwas zu durchstöbern. Auf seinem Blog > www.guardiannews.com/jfbankingblog S. 263, jetzt > www.theguardian.com/commentisfree/joris-luyendijk-banking-blog hat Joris Luyendijk seine Untersuchungen und Gespräche dokumentiert. Letztendlich beim Zuklappen nach der Lektüre weiß man immer noch nicht genau, wie das Banken-Geld-System in London eigentlich funktioniert. Aber Luyendijk vermittelt einen faszinierenden Einblick in die Denkweise seiner Interviewpartner. Kaum einer möchte seine Identität preisgeben, alles eine große Geheimnistuerei in einem Wirtschaftssektor, wo Wissen genausoviel wert zu sein scheint, wie Geld. Luyendijks wichtigste Erkenntnis: „Der Sektor ist gegen Aufdeckungen immun.“ (S.248) Sagt er das nur, um sich zu rechtfertigen, weil er seinen Leser ohne eine wirkliche Erklärung des Londoner Geldviertels entlassen muss oder stimmt diese Erklärung?

Über keinen anderen Wirtschaftssektor wird so viel geschrieben und gerätselt, wie über die Geheimnisse dieses Bankenplatzes. Sind die Banken eigentlich hierarchisch organisiert? Schaut man sich die Bezeichnungen ihrer Mitarbeiter an, so gibt es eigentlich nur den Weg nach oben, ein großes Wirrwarr vieler verschiedener Titel sind Kennzeichen für großartige Karrieren, die jäh abbrechen. Oft darf der Mitarbeiter plötzlich nicht zu seinem Schreibtisch, oder er muss zusehen, wie sich seine Abteilung eines Tages plötzlich leert, bis auch sein PC oder Schreibtisch und dann er selber plötzlich verschwunden ist.

Geldgier? Nein, das scheint es nicht zu sein. ( vgl. S. 184 !) Eher ein Kampf ums Überleben. Ob die hohen Gehälter Einzelner ihr Risiko be- oder entlohnen sollen? Statt Hierarchien „ein Inselreich im Nebel, das von Söldner bevölkert wird“ (S. 151)? Ohne diese „Söldner“ würde es die hohen Gehälter und Boni gar nicht geben. Nach Luyendijk war es dennoch das vorherrschende / falsche Denken, es sei alles Gier, das den Londoner Bankenplatz antreibt, was zur Lehmann-Krise geführt hat.

Aus den vielen Gesprächen ergibt sich kaum ein gemeinsames Denken. Aber auch das ist ein Indiz, das sind viele Indizien wie die City als Dorf (S. 17 ff.) funktioniert – überhaupt funktionieren kann. Anonymität und eine panische Angst, den Job zu verlieren kontrastieren mit dem Bedürfnis endlich mal so richtig ablästern zu können.

Investmentbanker und Privatkundenbanker haben sich nicht viel zu sagen (S. 34) SO muss Luyendijk immer wieder von vorne anfangen, aber er bekommt auch Hinweise, wie er sein Netz an Interviewpartner ausbauen kann. Anstatt viel zu verraten, geben ihm seine Gespächspartner Tipps, mit dem müssten Sie sprechen, auch eine markante Weise, endlich mal etwas loswerden zu können, und dieses Metier beherrscht Luyendijk. Und so kommt doch ein Mosaiksteinchen zu einem anderen, und langsam verschwinden die weißen Stellen des Puzzlebildes, auch wenn es am Ende an vielen Stellen noch merkwürdig flou bleiben.

Der September 2008 mit dem Zusammenbruch von Lehmann-Brothers ist der Dreh- und Angelpunkt. Er wäre beinahe ein Crash unserer Gesellschaft geworden. (vgl. S. 44) Ob alles überspannt wurde, um einfach mal zu sehen, wie weit man im Risiko gehen kann? Die Hauptwährung heißt Vertrauen. Wenn die angeknackst ist, und das ist sie eigentlich ständig, weil kaum jemand dem anderen traut, wo war diese Art der Währung im September 2008 einfach mal viel mehr angeknackst als sonst. Und dann kam noch eine unvorhergesehene Verkettung aller möglichen unglücklichen Umstände hinzu, gegen die sich die ingeniös ausgedachten Finanzierungsmodelle eigentlich absichern sollen. Das war eine Marktbereinigung, die kaum noch einer beherrschte, danach ging es mit der gleichen bekannten Kraft weiter, weil die Strukturen nur die schwachen Mitglieder fallengelassen hatten.

Funktionieren die Investmentbanken nur, weil es dort nur Einzelgänger gibt? Vgl. S. 64 ff. und S. 76 ff. Und Luyendijk entdeckt die Strukturen der Risiko- und Compliance-Abteilungen. Vieles muss man dort erst erforschen, um überhaupt Fragen stellen zu können, aber eines lernt man gleich, es gibt überhaupt keinen Kündigungsschutz (vgl. auch S. 107). Alle Finanzierungsmodelle sind abgesichert, nur die eigenen Karrieren nicht; wenn nicht der nächste Arbeitgeber für eine neue Stelle sorgt.

Banken? „Eine Ansammlung von Individuen in Machtpositionen,“ (S. 109) sagt ihm ein Banker.

Joris Luyendijk fragt auch nach der Moral (vgl. S. 116). Geld, und soviel Geld verdient man eigentlich nur, wenn andere etwas dafür etwas hergeben müssen. Derivate, Hochfrequenzhandel und Transaktionen sind die Stichwörter. Luyendijk sucht vergeblich nach moralischen Grundsätzen. Eher könnte er das kalte Verhältnis von Mensch-Maschine untersuchen. Gewinne und Verluste sind im voraus berechenbar, und erst wenn die Wirklichkeit damit nicht mehr übereinstimmt, empfinden die Banker ein Problem. 2008. (vgl. S. 139).

Manche Bücher blättere ich im Buchladen einmal durch, dann kommt das nächste dran. Dieses Bücherbloggen hier ist so gut, weil man sich dazu zwingt, ein Buch nicht gleich wieder auf den Stapel zu legen, sondern es beim „Be-„Schreiben doch vorher ganz zu lesen. Und den Gewinn bei der Lektüre dieses Buches, hätte ich mir entgehen lassen?! Also endlich mal hier wieder ein richtiger Lesebericht. Wie gesagt, unsere > Rezensionen stehen woanders.

Was lernt man hier? Wie unterschiedliche Typen von Menschen mit den so verschiedenen Finanzmodellen, Collateralized Debt Options CDO u v. a. jonglieren. Dabei identifizieren sie sich mit ihren Geldmodellen, werden zu Rädern im Finanzsystem, wo Kreativität beim Aufspüren und Absichern von Risiken bei der Gewinnmaximierung verlangt werden. Das System ist so, weil es nur so funktionieren kann, würde es gekappt werden, würde es allen Reformen zum Trotz genauso wieder entstehen. Nur eine neu DNA (S. 248) könnte es wirklich reformieren. Was will man eigentlich reformieren? Es wirkt wie eine Spielwiese eines exklusiven Clubs, der wenn er nicht da wäre… ja, was wäre dann?

luyendijk-unter-bankernJoris Luyendijk
Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt
Aus dem Niederländischen von Anne Middelhoek (Orig.: Dit kan niet waar zijn. Onder bankiers)
1. Aufl. 2015, 267 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50338-8


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