Verlagsblog

Frank Schmiechen meint, Jaron Lanier würde „ziemlichen Unsinn“ reden

Sonntag, 19. Oktober 2014

Das > Die Reform des Urheberrechts in Europa (I) www.france-blog.info passt zu diesem Beitrag.


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> Dieser Zausel redet ziemlichen Unsinn ist der Titel des Kommentars von Frank Schmiechen in DIE WELT (18.10.2014) zu Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Jaron Lanier. Wie bitte? F. Schmiechen hat das Buch von Jaron Lanier vielleicht gar nicht gelesen: Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft. Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist Ihr Produkt (Joffmann und Campe, Hamburg 2014). F. Schmiechen schreibt: „In Zeiten des Internets, sagt Lanier in seiner Rede weiter, seien geistige Arbeit, Kultur und Patente nichts mehr wert,“ das stimmt so nicht. Natürlich sind sie viel wert, aber sie werden in Zeiten des Internets nicht entsprechend der erbrachten geistigen Arbeit gewürdigt.


Der Bericht über die Preisverleihung an Jaron Lanier in der Frankfurter Paulskirche steht hier > Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels > Contribuez à l’ambition numérique de la France (I), weil er als Anregung so gut zu dem Projekt des französischen Premierministers Manuel Valls passt, die Bürger nach den Grundlagen für ein neues Digitalgesetz zu befragen, passt. Eine Rezension des Buches von Jaron Lanier folgt.


> „Technologie ist eine Religion geworden“ – Gespräch der WELT mit Jaron Lanier – 11.10.2014


Geärgert: Frank Schmiechen, Chefredakteur der „Gründerszene“, hat sich über den Auftritt von Jaron Lanier geärgert: „Mit hüftlanger Dreadlockfrisur, bunter Brille, Zauselbart spielt er auch noch ein kleines Lied auf der laotischen Flöte aus Bambusröhren. Wie aus einem Fantasyfilm entsprungen.“ Urteilen wir lieber nicht nach dem Aussehen, sondern nach dem Inhalt.


>Die Aktualität der Meldungen im Internet oder: Kann das Internet Aktualität vermitteln?
3. April 2013 von Heiner Wittmann
Beim gestrigen Themenabend von ARTE wurde über Google und sein Buchprojekt berichtet. Es ging immer wieder um das ganze Wissen, das eingescannt werden soll. Als ob das Wissen der Welt lediglich in Büchern sei! Was ist mit den Archiven in allen Orten von allen Institutionen aus allen Zeiten. Da stecken die Informationen, von denen durch Bücher erst ein kleiner Prozentsatz gehoben ist.

Bei diesen Statements über die Qualität des Internets klingt auch immer die Vorstellung mit, im Internet könne alles gefunden werden. Weiterlesen…


Lanier, so hat Schmiechen ihn verstanden, “ warnt er vor den Gefahren einer neuen „Bewusstseinsindustrie“, die die Schöpfung „zerlegen, berechnen und programmieren“ wird.“ Das stimmt, das macht Lanier mit Nachdruck. Schmichen wendet sich an die Wissenschaftler und fragt sie, was sie zu so einem Aufruf sagen? das Wort „Wissenschaftler“ soll dem folgenden Satz wahr machen. „Mit Zerlegen, Berechnen und Optimieren hat die Menschheit bis heute ziemlich gute Erfahrung gemacht. Das ist das bewährte Instrumentarium der Aufklärung – und trotz einiger Rückschläge ein Erfolgsmodell.“ O je, jetzt geht alles durcheinander. Die Epoche der Aufklärung wird in die Nähe der digitalen Welt gerückt, um deren Gefahren es hier geht.

„Er (i. E. Lanier, H.W.) ärgert sich vor allem über Netzgiganten wie Google, Amazon und Facebook, die mit unseren persönlichen Daten sehr viel Geld verdienen, weil sie in der Lage sind, passgenaue und reichweitenstarke Werbung zu schalten. „Wir leben in gruseligen Zeiten“, sagt Lanier. Weil sich das Geld in den Händen weniger Milliardäre konzentriert.“ Recht hat, bei jedem Wort, dass von mir in Facebook oder Twitter erscheint, oder jedes Foto von mir das Google unrechtmäßig in seiner Bildersuche anzeigt, wundere ich mich immer wieder, daß ich dafür nicht anständig honoriert werde. Lesen wir weiter? Schmiechen stellt fest: „Seine Forderung nach mehr Menschlichkeit und Liebe zur Schöpfung bekommt an dieser Stelle eine leichte Schlagseite. Geht es ihm eigentlich um gerechtere Verteilung von Kapital?“ Nein, Herr Schmiechen, darum geht es nicht oder nur ganz am Rande. Es geht um den Anspruch, den Autoren geistiger Inhalte haben, wenn ihre Werke veröffentlicht werden. Sicher mein Honorar auf diesem Blog ist u. a. Die Aufmerksamkeit mit der ich bei der Lektüre der Artikel auf diesem Blog rechnen darf. Und vielleicht verlinkt jemand meinen Artikel… Bezahlen wird er dafür nicht, – sollte er nach Lanier – aber er gibt mir ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, in dem er diesen Artikel mit anderen teilt.



> Lesebericht: William Gibson, Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack
6. Mai 2013 von Heiner Wittmann

William Gibson > Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack. Gedanken über die Zukunft als Gegenwart hat hier einer Auswahl seiner Texte eine Phänomenologie der digitalen Welt , die uns heute umgibt, vorgelegt. Er lädt zu einem sachgerechten Umgang mit den Medien ein. Er lässt durchblicken, dass er von ihren Möglichkeiten durchaus fasziniert ist, aber er hat sich auch einen vernünftigen Abstand zu ihnen bewahrt. …

William Gibson schreibt über Literatur, Musik, Mode, Film, die japanische Kultur und berichtet aus der digitalen Zukunft vieles, was sich bei uns schon längst bemerkbar macht. … Weiterlesen

Mit der > Stichwortsuche „Internet“ auf diesem Blog finden Sie ca. 35 Artikel, in denen das Wort Internet vorkommt.


Honorare: Würde jeder Leser 20 Cent für jeden gelesenen Artikel auf diesem Blog entrichten, könnte ich ab morgen jemanden dafür honorieren, für die Tippfehlerfreiheit auf diesem Blog geradezustehen, und ich hätte eine Lösung für das Problem der Reisekosten, die für diesen Blog entstehen.

„Wir sind heute trotz der etwas unbeholfenen Algorithmen, die uns mehr oder weniger sinnvoll Produkte vorschlagen, trotz Facebook, das unsere Einträge sortiert, viel freier in unseren Kauf- und Informationsentscheidungen als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte.,“ jubelt Schmiechen ganz zu Unrecht. Jede Website einer Zeitung raubt uns durch das Übermaß an Werbung die Konzentration auf die Fakten dessen, was uns interessiert. So schnell und leicht kann geklickt und gekauft werden! Wieviel Prozent der Online-Einkäufe entsprechen einem vorformulierten Kaufwunsch?

F. Schmiechen wirft alles durcheinander: Er schreibt: „Lanier spricht vom „Ende der Freiheit“. Das Gegenteil ist der Fall. Wir erleben gerade den Anfang einer neuen Freiheit. Es ist sinnlos, an Berufen und Branchen festzuhalten, die durch Computer überflüssig werden.“ Nein, wir erleben eben keine neue Freiheit, sondern die Knechtschaft des Zwangs zum Verschenken, die Weigerung der der Surfer für die Nutzung von geistigen Inhalten zu bezahlen. Das ist der Punkt. Open-Source gaukelt vor, alles sei kostenlos.


Digital und kostenlos? Open Access
2. Mai 2009 von Heiner Wittmann

Noch immer lese ich in Peter Kaedings Buch > Die Hand über der ganzen Welt. Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik, wie Cotta mit seiner Tätigkeit als Verleger zwischen Lesern und Autoren vermittelt und ganz ohne Internet deren Werke bekannt macht. Man muss schon eine starke Überzeugung von den Wohltaten des Internets haben, um Cottas Wissen und Erfahrungen unterschätzen zu können. Und mitten in dieser Lektüre über den Verleger von Goethe und Schiller taucht der > Heidelberger Appell auf, in dem Roland Reuß die Beibehaltung der Publikationsfreiheit anmahnt. In diesem Zusammenhang wurde auch Open Access erwähnt… Weiterlesen

> Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum – 22. Juli 2009 von Heiner Wittmann


Jean-Paul Sartre oder Albert Camus ihn in ihren Werken bezüglich der Kunst und der Freiheit ausgedrückt und gefordert haben. Aber die digitale Welt mit ihren Möglichkeiten als neuen Humanismus zu feiern? Er wird durch die digitalen Perspektiven nicht mächtiger, er hat als Idee mit ihnen vielleicht gar nichts zu tun. > Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur? Sicher es gibt unglaubliche Segnungen und Fortschritt aller Art durch die digitale Technik. Aber auch mit den Weiten des Internets und einem Laptop kann kein Student eine Arbeit über Albert Camus oder Jean-Paul Sartre schreiben, wenn er seine Nase nicht in Bücher steckt und den Gang in die Bibliothek scheut. Das gilt so ziemlich für alle geisteswissenschaftlichen und viele naturwissenschaftliche Themen. F. Schmiechen schreibt: „Zur liebenswerten Schöpfung gehören übrigens auch Computer, Smartphones und die sozialen Netzwerke, in denen Millionen Menschen täglich unterwegs sind. Und zu all den Geräten und digitalen Anwendungen, die uns umgeben, gehört immer noch ein Mensch, der sie benutzt und Schlüsse aus den Daten zieht.“ Er zieht nur Schlüsse aus den im Netz vorhandenen Daten, die immer noch nur einen winzigen Bruchteil von den mengen an Informationen abbilden, die in Bibliotheken und Archiven ruhen. Kein Historiker wird für noch sehr lange Zeit ein Buch nur mit Hilfe des Internets schreiben können.

Grundsatzkritik: Lanier schreibt auch: „Warum ist die Idee des freien Informationsaustauschs gescheitert? Weil sie die Natur der Informationstechnologie ignorierte.“ S. 20 – Ich beschäftige mich mit dem Problem, dass die Art und Weise , wie wir wirtschaftliche und kulturelle Tätigkeiten digitalisieren, letztendlich zu einer schrumpfenden Wirtschaft und einer neuartigen Konzentration von Macht und Reichtum führt, die nicht nachhaltig ist.“ S. 86

„Die Menschheit kann mit Hilfe von Computern und Internet viel mehr sein – viel freier, kreativer und gerechter, als es sich Jaron Lanier vorstellen kann,“ behauptet Frank Schmiechen. Ob der Siegeszug der Computertechnik die Freiheit und die Kreativität der Menschen befördern können, das muss erst noch nachgewiesen werden. Mehr Gerechtigkeit durch den Computer? Wie soll das funktionieren?

Klar, mit Hilfe des Internets kann ich meine Blogs schreiben und der PC hilft mir beim Formatieren der Druckunterlegen meiner Bücher. Ganz ohne Zweifel ist die weltweite Kommunikation in Echtzeit ein toller Fortschritt. Aber bin ich dadurch freier? Kreativer? Vor der Internetzeit habe ich Fotos gemacht… Im Französischunterricht haben wir uns in der Schule auf lange Texte konzentriert. Hätte ich damals mit dem PC auch soviel gelesen?

Lanier stellt einige Betrachtungsweisen auf den Kopf, und der Ärger von Schmiechen beweist, dass Lanier den Finger dahin gelegt hat, wo le bat blesse: Wir werden durch das Internet unfreier, weil Andere mit unseren Inhalten Geld verdienen, ohne im Traum daran zu denken, uns dafür gerecht zu honorieren. Urheberrecht, gerechte Autorenhonorare, Freiheit der Kunst und des Schreibens, das sind Laniers Themen.

P.S.
Meine Internet- und Medienbegeisterung:


Lesebericht: McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage -17. Juni 2011 von Heiner Wittmann

Ungefähr ab der Mitte des letzten Jahrhunderts haben die neuen elektronischen Medien die Schrift mit ihrer Leitfunktion bei der Übermittlung von Botschaften und Inhalten abgelöst, will man Marshall McLuhan und der Einleitung von Regine Buschauer in das Werk von McLuhan (> NZZ, 19. Januar 2001) Glauben schenken. In Bezug auf die elektronischen Medien ist das sicher richtig, aber Fotos und Bilder, Gemälde aller Art haben schon viel früher der Schrift ihren Rang streitig gemacht. Beschränken wir uns aber tatsächlich auf die elektronischen Medien, dann stimmt die Beobachtung von McLuhan, und Klett-Cotta hat eine gute Idee gehabt, sein Buch > The Medium ist the Massage (1967/1969) auf deutsch zu veröffentlichen.

Aber an Warnungen darf es nicht fehlen:

>Lesebericht: Paula Bleckmann, Medienmündig -13. Februar 2012 von Heiner Wittmann
Paula Bleckmann möchte in ihrem Buch > Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen nicht wieder der schon immer viel beschworenen Medienkompetenz das Wort reden, sondern sie hat die Erziehung zur Freiheit und zur Autonomie im Blick. Sich und die Kinder nicht von den Medien vereinnahmen lassen, darum geht es in ihrem Buch, und dazu gehört mehr als nur Know-how für den Umgang mit den Medien. Ihre Botschaft ist eindeutig. “Zu früher Medienkonsum führt in die Abhängigkeit, nicht in die Mündigkeit.” (Klappentext) – Fragen wir doch mal: Woran liegt es eigentlich, dass Schülerinnen und Schüler in erster Linie nur Konsumenten im Internet sind? Web 2.0 bedeutet für sie wie für alle anderen FBler sich nur auf ausgetretenen Pfaden zu bewegen ohne einen besonderen Erkenntnisgewinn. Also was läuft in der Medienpädagogik schief?…
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Die Aktualität der Meldungen im Internet
oder: Kann das Internet Aktualität vermitteln?

Mittwoch, 3. April 2013

Beim gestrigen Themenabend von ARTE wurde über Google und sein Buchprojekt berichtet. Es ging immer wieder um das ganze Wissen, das eingescannt werden soll. Als ob das Wissen der Welt lediglich in Büchern sei! Was ist mit den Archiven in allen Orten von allen Institutionen aus allen Zeiten. Da stecken die Informationen, von denen durch Bücher erst ein kleiner Prozentsatz gehoben ist.

Bei diesen Statements über die Qualität des Internets klingt auch immer die Vorstellung mit, im Internet könne alles gefunden werden. Und folglich existiert etwas nicht, was nicht im Internet auffindbar ist. Eben gerade erzählte mir noch ein Freund, Studenten würden heute schon einen großen Teils ihres Wissens aus E-Books und Dokumente ziehen, die über die elektronischen Medien abrufbar seien. Vielleicht ist das ein Grund für ein schwindendes Interesse an der Literatur oder den Literaturwissenschaften. Trotz aller Bewunderung für die Rasanz und die Fülle im Internet, ein Student, der über ein geisteswissenschaftliches Thema schreiben will und nur auf die im Internet verfügbaren Materialien angewiesen ist, bräuchte gar nicht erst anzufangen. Zugegeben es gibt manche Themen, da könnte das Internet als Grundlage heute ausreichen, z. B. in Wirtschaftsinformatik wenn man Forschungen zum Web 2.0 anstellt. Historiker und Literaturwissenschaftler, um ein andere Beispiel zu nehmen, können das Internet bestimmt zum Abfragen bibliographischer Daten ganz gut nutzen, um an den vielen Fehlern und den Riesenlücken in Google-Books irgendwann zu verzweifeln. Ja, wenn man mit > www.gallica.fr – meiner Lieblingsseite – arbeitet, ist das natürlich etwas anderes.

Wie entsteht Wichtiges und Aktuelles im Internet? Die Ergebnislisten bekannter und unbekannter Suchmaschinen gaukeln uns eine Wichtigkeit der gefundenen Seiten, die ihnen nur durch die Suchalgorithmen verliehen wird, vor. Das Ergebnis: > Das Ende der Aktualität, so wie Wolfgang Hagen seinen Beitrag im Merkur (April 2013): „Es (i.e. Das Internet, H. W.) hat zwar ‚Publizität‘ und ‚Universalität‘ (aber nur, wenn die Zugangsfragen geklärt sind), jedoch keine »Periodizität« oder »Aktualität« (außer sie wird per Software simuliert).“ Und: „Durch das lineare Nadelöhr einer massenmedialen Aktualität kommt die vielfach angeschwollene Informationsflut nicht mehr hindurch, und das heißt für jeden Einzelnen: Ihn erreicht nicht mehr der richtige Stoff.“ (S. 314) Wenigen Websites von großen Zeitungen eigentlich keinen gelingt es, durch die Struktur ihrer Website das morgendliche Durchblättern der Zeitung nachzubauen. Websites haben die Eigenart wie das TV dauernd und überall unserer Aufmerksamkeit abzulenken, für etwas anderes zu beanspruchen. Eine Zeitungsseite kann man lesen und umblättern, auf einer Zeitungswebsite sind oft bis zu 78, 80, ja noch mehr Links nach Überall und Nirgendwo. Die Abonnenten von LE MONDE haben es gut, die können ihre Zeitung von morgen um 13 h frisch in HTML gesetzt ohne viel Ablenkung durchblättern und die Artikel in virtuellen Ordnern ablegen. Einfach Spitze.

Würden wir von Wolfgang Hagens Artikel noch mehr berichten, würden unsere Leser möglicherweise zu dem Schluss kommen, das Internet wird überschätzt? Ja, so ist es. Das schon oft geübte Spiel wirkt immer wieder: Die linke Hälfte des Seminars konzentriert sich auf die traditionelle Papierarbeitsweise n und bibliothekarischen Arbeitsmittel, die rechte Seite arbeitet nur „im oder mit dem Internet und den darin gefundenen Informationen.“ Welche Hälfte kann hinterher überzeugender an einer Diskussion teilnehmen? Oder die eine Hälfte liest zwei Tageszeitungen, die andere Hälfte daddelt, wie es ihr beliebt, im Internet. Welche Hälfte weiß hinterher mehr über die aktuellen Ereignisse und ihre Bewertungen oder Einschätzungen? Meine Vermutungen geben der Papiertagespresse den eindeutigen Vorzug. Wieso denn hier eigentlich gebloggt wird? Die Frage ist berechtigt. Weil es Spaß macht zu schreiben und zu veröffentlichen und weil bei dem Gesamtaufwand für diesen Blog nur 2-3 % der Technik zu widmen ist. Und weil es Spaß macht hier einiges auszuprobieren, was mit Büchern nicht möglich ist, was sie bestens ergänzt, aber ohne Bücher gäbe es diesen Blog auch nicht.


> Schreiben Sie mit der Hand oder mit der Tastatur?


Das > Aprilheft des MERKUR enthält noch einen weiteren Artikel von Lothar Müller > „Deadline“ zur wie sein Untertitel lautet lautet „Zur Geschichte der Aktualität“. Zwei interessante Artikel, die, wie es die Autoren vom MERKUR immer so gut können, dieses Thema in Form von Essays von allen Seiten besonders auch in historischer Perspektive betrachten und interessante Schlüsse daraus ziehen. > „Aktuelle Nachtrichten“ steht in der blauen Zeile ganz oben auf dieser Website: > http://tagesschau.de/. Was ist auf dieser Seite wirklich aktuell oder wird nur durch das Medium Internet und Website dazu gemacht?


Nichtsdestotrotz ist der MERKUR überall im Web 2.0 präsent:

> Online! Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken – 2.0


Anke t Heesen berichtet im Aprilheft über eine „Naturgeschichte des Interviews“ – da denken wir auch an die eigenen Interviews: > Blog Klett-Cotta: >
Mehr als fünf Stunden Video in 24 Sendungen oder > Frankreich-Blog: Acht Stunden Video in 42 Sendungen und die > Interviews als Video und nur mit Ton auf diesem Blog, auch schon nach einigen wenigen Jahren gewinnt man beim Wiederbetrachten dieser kleinen Filme einen ganz anderen Eindruck als der der in der Erinnerung geblieben ist.

Niels P. Petersson hat sich mit der „Schifffahrt und der Globalisierung beschäftigt“: Dabei ist ein spannender Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte entstanden.

Kolumnen zur Soziologie und zum Design, ein Aufsatz von Klaus Birnstiel zur Gelehrtenexoterik. Einige akademisch-intellektuelle Erinnerungs- und Notizbücher“ und ein Beitrag Walter Kempowskis frühe Aufzeichnungen von Gerhard Henschel ergänzen die Aprilausgabe des MERKUR. Jens Soentgens Aufsatz „Zur Eschatologie des CO2“, die Rezension von Helmut König des Films über Hannah Arendt und das „Journal II“ von Stephan Herczeg beschließen das Heft.

> MERKUR
Jahrgang 68, Heft 767, Heft 04, April 2013
broschiert
ISSN: 0026-0096

Lesebericht: Paula Bleckmann, Medienmündig

Montag, 13. Februar 2012

Paula Bleckmann möchte in ihrem Buch > Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen nicht wieder der schon immer viel beschworenen Medienkompetenz das Wort reden, sondern sie hat die Erziehung zur Freiheit und zur Autonomie im Blick. Sich und die Kinder nicht von den Medien vereinnahmen lassen, darum geht es in ihrem Buch, und dazu gehört mehr als nur Know-how für den Umgang mit den Medien. Ihre Botschaft ist eindeutig. „Zu früher Medienkonsum führt in die Abhängigkeit, nicht in die Mündigkeit.“ (Klappentext) – Fragen wir doch mal: Woran liegt es eigentlich, dass Schülerinnen und Schüler in erster Linie nur Konsumenten im Internet sind? Web 2.0 bedeutet für sie wie für alle anderen FBler sich nur auf ausgetretenen Pfaden zu bewegen ohne einen besonderen Erkenntnisgewinn. Also was läuft in der Medienpädagogik schief?

Eine moderne Medienerziehung darf keine „Maschinensklave[n]“ (S. 17) ausbilden. Ihr Buch ist eine Kritik an der aktuellen Medienpädagogik, die „die Anpassung des Menschen an die Medien“ (vgl. ebd.) vorsieht. Ihr Ansatz macht neugierig, denn sie legt ihr Buch genau zum richtigen Zeitpunkt vor, wenn auf der diesjährigen Didacta in Hannover die Digitalisierung des Unterrichts auf vielen Ständen gefordert und manchmal auch demonstriert wird. Man darf auch fragen, Medienkompetenz wofür? In einer Stadt kann man sich nur bewegen, wenn man ungefähr das Ziel kennt, zumindest aber neugierig, einen neuen Weg zu entdecken. Kinder, die im Internet etwas suchen sollen, sind heillos überfordert, und es wird für sie noch schwieriger, wenn sie mit den modernen Medien mehr machen sollen, als sich nur bunte Inhalte anzugucken.

Kinder brauchen Zeit, so wie der > Flaneur sich in seiner Bewegung vortastet und orientiert. Erst ein gewisses Orientierungswissen erlaubt dem Kind, mit den Medien etwas anfangen zu können. Man sieht nur, was man weiß, hat mir mal ein Architekt gesagt. Keine Lauflernhilfe, meint Bleckmann, und erwähnt die Auswüchse in den USA; die Neugeborenen so schnell wie möglich vor der ersten Flasche mit einem PC versorgen – mein Lieblingsgeschenk für Neuankömmlinge, war immer das achtseitige Stoffbuch.

Paula Bleckmann ist von Berufs wegen mit der Suchtprävention vertraut. Ihre Anmerkungen zu den Medien als Suchtauslöser sind ganz praktisch fundiert. Und sie meint, es gehe nicht um Abstinenz, sondern um den kontrollierten Konsum (S. 80). Ihr 4. Kapitel „Medienmündig – Schritt für Schritt“ enthält wichtige und sehr lesenswerte Abschnitte zu Rezeptions- und Produktionsfähigkeiten. Der PC soll ein Knecht werden und kein Meister, so darf man ihren Ansatz interpretieren. Systematisch entwickelt Bleckmann ihre Alternative zu einer unreflektierten Medienkompetenz. „Selektionsfähigkeit“ soll zu der Frage führen, „was macht der Mensch mit den Medien?“ (S. 105) statt die Medien den Menschen verbiegen zu lassen.

Bleckmann stützt ihre Ausführungen auf Umfragen, außerdem kennt sie die Basisarbeit und kann die Ergebnisse der von ihr zitierten Umfragen sachgemäß lesen und auswerten. Und sie nimmt auch das Problem der Kinder aus privilegierten Familien in den Blick und zeigt wie auch eine Medienpädagogik helfen kann „Bildungsklüfte“ zu erkennen und zu überwinden. Mir gefällt der gesunde Menschenverstand von P. Bleckmann: Abenteuer, Langeweile, Freud und Leid in der richtigen realen Welt lösen manches Medienproblem oder pädagogisch gesprochen, in der realen Welt erarbeitet man sich das nötige Orientierungswissen. Medien konsumieren kann jeder mehr oder weniger kompetent, aber etwas mit den Medien machen, sie sich Untertan machen, das ist eine Kunst. Von hundert Studenten, die ich danach fragte, wer schon mal in Wikipedia etwas geändert hat, wollte es nur einer gewesen sein. Schreiben die anderen nur ab? Oder konsumieren sie nur?

Im 2. Teil werden die Erwachsene aufgefordert zuzuhören. Hier können sie etwas lernen über die Wirkung von Medien in Kinderzimmern. Sie zitiert Nicholas Carrs Buch Die neue Seichtigkeit – was das Internet mit unserem Hirn macht – man kann sich denken, das das Internet dabei nicht gut wegkommt, wie z. B. Günther Anders in seinem Band Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, 7. Aufl. 1987 die „Verbiederung“ der Welt so einleuchtend und zutreffend beschrieben hat: S. 99-128: „Massenkonsum findet heute solistisch statt“ (S. 101) titelte er und setzte gleich hinzu, ohne das Internet zu kennen: „Jeder Konsument ist ein unbezahlter Heimarbeiter für die Herstellung des Massenmenschen“ (ebd.) und zeichnete so den Facebookteilnehmer von heute. Alles schon mal dagewesen: „Da die Geräte uns das Sprechen abnehmen, verwandeln sie uns in Unmündige und Hörige,“ (S. 107) lautet die nächste Überschrift, gefolgt von „Die Ereignisse kommen zu uns, nicht wir zu ihnen.“ (S. 110) Aber es gibt doch Web 2.0 wird man wir antworten – aber doch nicht im Rahmen der Medienpädagogik? Mag sein, dass es noch Nachholbedarf gibt, und dass daraus noch etwas werden kann: z. B. > Fremdsprachenunterricht 2.0. Die Gretchenfrage wird aber immer so lauten: Lernt der Schüler mit dem digitalen Medienverbund, der ihm angeboten wird mehr? Welche Lehr- und Lern-Szenarien gibt es, die ihn anleiten, einen Blog zu schreiben, eine Website zu entwerfen, den richtigen Mix zwischen Twitter, Facebook und seinem Blog zu begründen? Konsumiert er? Oder lernt er im Internet zu schreiben?

Im dritten Teil vermittelt Bleckmann Tipps und Tricks für den Alltag. Es geht um Familien, wo der Bildschirm-Babysitter nie kommt, und wenn der Kasten schon mal da ist, kann man Regeln finden: „frühes Nichtfernsehen führt zu weniger Fernsehen.“ (S. 179), aber das stumme TV-Gucken fördert die Konsumhaltung vor dem PC, so darf man Bleckmann verstehen. Und am Schluss gibt es drei pfiffige Tests, mit deren Bestehen, sich die Kinder von nacheinander von derCD zum TV und dann weiter zum PC hangeln dürfen.

Der Drang zur totalen Digitalisierung der Schule berücksichtigt nicht, dass die Kinder sich vorher am besten selber einen Eindruck davon verschaffen sollen, was sie digitalisieren sollen. Ansonsten werden sie nur kompetent im bloßen Knöpfendrückchen, aber sie lernen nicht oder erst spät, selber Inhalte über ihre Erlebnisse anderen mitzuteilen.

Paula Bleckmann,
> Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen
1. Aufl. 2012, 251 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94626-0

Douglas Coupland: Marshall McLuhan

Dienstag, 5. April 2011

»Das Medium ist die Botschaft« Das ist wohl eines der berühmtesten Zitate aus Understanding Media (1964) – und dann in The Medium is the Message: An Inventory of Effects (1967) – von > Marshall McLuhan (1911-1980). Im Frühjahr ist bei Klett-Cotta die Biographie von > Douglas Coupland über McLuhan erschienen. Wenn wir heute uns manchmal erstaunt zeigen, dass wir durch alle elektronischen Geräte, Tischcomputer, Laptops, Handhelds und Social networks jeder Art von Xing bis Facebook rund um die Uhr total vernetzt sind, so erinnern wir uns wohl nicht mehr an die Arbeiten McLuhan der uns dies nicht nur voraussagte sondern auch gleich die Folgen beschrieb, die manche Surfer und Networker auch heute noch nicht immer im Blick haben.

> Gewinnspiel auf bilandia de

Couplands Inhaltsverzeichnis ist mager und aus gutem Grund: return, command, shift, escape, control. Ein Hinweis auf das,was die Medien uns mit ihrer vorgespiegelten Vielfalt angetan haben. Dahinter steckt eine Erinnerung an McLuhan, der schon Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts darlegte, wie unsere visuelle Druckkultur durch die Abhängigkeit elektronischer Medien aller Arten ersetzt wird. Nichts anderes ist eingetreten. Wo früher eine feiner Briefbogen und mein geliebter Füller die Verbindung zu meinen Freunden sicherte, ist es heute ein flüchtiger Facebookeintrag, der mich daran erinnert, dass einer meiner 120 Freunde, bei denen ich manchmal nur einer von 489 bin, gerade mal wieder mehr an sich als an alle anderen gedacht hat. > Soziale Netzwerke sind im Begriff uns die Organisation unserer Freundschaften abzunehmen, sie rechnen elektronisch aus, wer oder was uns gefallen könnte. Es gibt keine zufälligen Bekanntschaften mehr, sondern der Facebookxingalgorithmus protokolliert, wer uns anspricht, wenn wir liebhaben und zeigt unsere Kontakte der ganzen Welt. Ist das das Globale Dorf, was manche ersehnen oder andere fürchten?

Es lohnt sich, bei McLuhan einmal nachzulesen, und wir werden viele Aussagen entdecken, mit denen wir heute einen neuen Blick auf das entwickeln können, was die vorgeblichen Segnungen des Netzes gerade mit uns anstellen. Coupland kommt gerade richtig, um uns diesen neuen Blick auf das Werk von McLuhan zu ermöglichen. Kaum etwas ist unpersönlicher, als ein schnelles Antwortmail mit Tippfehlern auf der Tastatur zu klimpern. Und wie schön ist es doch, wenn der Adressat nach 4 Minuten schon zurückschreibt und seine Freude über die schnelle Antwort verkündet und mich auch gleich noch geschwind übertrumpfen will. Nie enthält eine solche Lobhymne eine Bemerkung über den Inhalt meines Mails. Kein Widerspruch, kein Lob. Die Technik wird zum Inhalt der Botschaft.

Und dann noch der Begriff Wissensgesellschaft, der das Volk der heutigen Surfer bezeichnen soll. McLuhans Die Gutenberg-Galaxis (1962) war ihrer Zeit um viele Lichtjahre voraus, so wie heute in ganz umgekehrter Weise der hochgelobte Begriff der Wissensgesellschaft kaum mehr verrät, als dass ihre Protagonisten so technikverliebt sind, dass sie sich noch nie wirklich gefragt haben, ob nicht frühere Gesellschaften nicht vielleicht sogar in viel bessere Wissensgesellschaften als heute lebten? Mc Luhan legte schon in den sechziger Jahre den Finger in unsere heutige Wunde: Wir lassen heute die technische Welt die soziale Welt bestimmen und überantworten der Technik die Kontrolle über unser Gemeinwesen. Früher gab es > Feste, heute werden die Fellower unpersönlich zu Events geladen und sagen der Welt komme/komme nicht. Die automatische Steuerung des Terminkalenders durch die > kollektive Intelligenz ist nicht mehr weit.

McLuhans Satz „Das Medium ist die Botschaft“ zeigt die ganze Krux des Web 2.0. Twitter, Facebook, Yutobe, Blogs, und alle anderen 236 Socialmedia wollen jede für sich die ganze Aufmerksamkeit und versuchen alles, allen anderen die Besucher abzujagen. Je mehr Bytes an persönlichen Infos ein Netzwerk kriegt, umso wichtiger nimmt es sich, während die politisch wirklich relevanten Informatioonen über unsere Gesellschaft in Facebook gegen 0 tendieren.

> Leseprobe *.pdf

Douglas Coupland
> Marshall McLuhan
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner(Orig.: Marshall McLuhan)
1. Aufl. 2011, 222 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50306-7

Nachgefragt: Alex Rühle, Ohne Netz

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Das Internet hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Ferrnsehen. Beide elektronische Veranstaltungen braucht man zum Lesen eigentlich überhaupt nicht. Sie lenken nur ab,und wenn ein Autor einen Internet-Anschluss auf seinem PC hat, der ihm auch als Schreibknecht dient, ist die Versuchung riesengroß, eben mal ins Netz zu gucken, die E-Mails zu checken und dabei zu merken, dass Peter oder Mareike wieder was in Facebook geschrieben haben. Wieder sind 10 Minuten weg. Ach, vielleicht geschwind noch was in Google nachgucken. Und wieder merkt unser Autor nur in seinem fernem Unterbewußtsein, dass die Google-Such-Ergebnisse mit seinem Suchwunsch überhaupt nichts zu tun haben, aber die Ergebnisse trotzdem irgendwie interessant sind. Das Anklicken beginnt, die Surf-Session ist eröffnet, die Uhr tickt, derweil das neue Buch wieder mal in einen Dornröschenschlaf versinkt, bis der Autor sich daran erinnert, dass er ja gar nicht surfen will. „Nützt Ihnen das Internet beim Schreiben?“ kann man ihn fragen, o ja!, wird er antworten.

Aber bei der nächsten Frage: „Werden Sie mit dem Internet schneller fertig?“ zögert mancher schon. Und die Frage „Wird ein Buch mit dem Internet besser?“ können wir einfach schon mal verneinen. Ein Student, der sich in der Literaturwissenschaft auf die Auskünfte im Internet beschränkt, ist hoffnungslos verloren. Das Fernsehen könnte mehr Leser an sich ziehen, wenn es mehr Raum der Präsentation von Büchern widmen würde und Buchvorstellungen sich nicht auf die Starpflege und die Produktion und die Geburtshilfe von Bestsellern beschränken würden. Verführen E-Books zu mehr Lesen? Auch die ausgefeilteste Technik wird das Lesepensum selbst von Power-Lesern nicht steigern können. Aber alle Art von Apps, die das Buch zum Multimedia-Event machen unter Einbeziehung aller möglichen Hyperlinks in alle Richtungen können eigentlich nur, wie das Fernsehen es schon immer macht, vom Inhalt des Buches ablenken und dazubeitragen die Konzentration auf den Buchinhalt nachhaltig zu beschädigen. Die Digitialisierung ist keine Gedächtnishilfe und nimmt uns jede Konzentration. Das ist so, und da halte ich es mit Günther Anders, dessen Fernsehkritik wunderbar auch aufs Internet passt: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution (Beck`sche Reihe: bsr;319, 2. Auflage 2002. C.H.Beck ISBN 978-3-406-47644-0 – 3. Auflage 978-3-406-60171-2 ist in Vorbereitung.) (Vgl. auch auf diesem Blog: > Die Intellektuellen und das Netz).

Das IPad mag keinen Flash, dafür gibt es die > Leseprobe als PDF-File auf > www.ohne-netz.de.

Alex Rühle sieht das alles ganz ähnlich, und eines Tages beim täglichen Surfen, fragte er sich, was da eigentlich mit ihm passiert? Das war der Tag, an dem er sich dazu entschloss, das Internet aufzugeben, wenigstens für sechs Monate. Das war eine persönliche Befreiung. Nicht die seiner Mitmenschen, weil die nicht mehr mit ihm kommunizieren konnten. Vom 1. Dezember 2009 bis zum 31. Mai 2010 war > Alex Rühle offline. Auf dem Stand von Klett-Cotta bei der Frankfurter Buchmesse habe ich ihn nach den Erfahrungen seines Entzugs befragt:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

14 Minuten

> Alex Rühle
> Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
Auflage: 1. Aufl. 2010 – 220 Seiten – ISBN: 978-3-608-94617-8

Der Lesebericht:
Alex Rühle, Ohne Netz

Donnerstag, 22. Juli 2010

Vom 1. Dezember 2009 bis zum 31. Mai 2010 war > Alex Rühle offline. Kein Internet, kein Blackberry, keine Mails, kein digitales Leben mehr. Rühle stieg für ein halbes Jahr einfach aus, und seine Kollegen der Zeitungsredaktion mussten unweigerlich mitmachen. Fax, Telefon, Brief: Willkommen in der analogen Welt. Nun liegt sein Tagebuch vor: > Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline.

Den Grund für seinen zeitweisen Ausstieg aus dem Netz fasst er in einem Satz zusammen: „Ich habe das Gefühl, dass ich mir darin selbst abhanden komme.“ (S. 19) Jeder kann sich und seine PC-Tätigkeit selbst prüfen: Kaum ein zusammenhängendes Schreiben ist mehr möglich, weil jeder PC sein Eigenleben führt, das er uns immer wieder aufdrücken will, hier ein Update, dort ein automatischer Download. Ein Programm meldet, dass es im Hintergrund irgendwas tue, dann trudelt wieder eine E-Mail ein. Rühle war sich darüber klar geworden, dass er sich manchmal am Tag nicht mehr daran erinnern konnte, was er noch just zwei Minuten vorher getan hatte oder tun wollte. Übertreibt er? „… das Internet grillt unser Hirn zu Neutronenbrei, in wenigen Jahren werden wir eine Gesellschaft aus Barbaren und funktionalen Analphabeten sein.“ (ebd.)

Rühles Ausstieg ist auch ein Selbstversuch, der mit der bangen Frage, ob er nach dem Netz süchtig sei, zusammenhängt. Kaum jemand der einen beruflichen E-Mail-Account hat, beschränkt sich wie früher beim Briefkastenleeren auf einen bestimmten Moment am Tag, um seine Elektrobriefkasten zu leeren. Nur eben mal die Mails abchecken, geht auch ganz schnell. Und Mails als Kommunikationsform dulden keinen Aufschub. Das Warten auf die Mails vermittelt immer auch den Eindruck, der Absender warte genauso gespannt auf eine Antwort, also eben mal schnell eine Antwort tippen, die man nie in so kurzer Form in einem Brief oder auf einer Postkarte schreiben würde. Der höfliche verbindliche Satz am Ende der Mitteilung weicht oft einem „Gruß jo“. Das elektronische Leben hat die Herrschaft in unseren Büros übernommen: „Richtige Pausen macht keiner,“ schreibt Rühle, allenfalls schiebt man sich ein „digitales Bounty“ (S. 53) in Form eines YouTube-Streifens rein.

Die Orientierung im Netz ist nur was für „zerstreute Texthopper“, die keinen langen Texte vertragen, und die sich jede Konzentration durchs Netz nehmen lassen. So ist es, denn selbst Produzenten rechnen damit, dass lange Texte nicht gelesen werden, und sie zerkleinern alles zu digitalen kleinen Häppchen, was ihnen das Fernsehen bereits schon lange vorgemacht hat. „Aufmerksamkeitszerstäubung“ (S. 75) nennt Rühle die Zerstörung der Konzentration. Er hat Recht und sein Insistieren auf den durch das Surfen erlittenen Verlust von Zusammenhängen ist ein Hinweis auf die perfekte Kunst der Manipulation durch Internetwerbung jeder Art. Der Kopf wird durch die vielen bunten Bildchen und das Übermaß an Informationen auf einer Seite, die man gar nicht aufgerufen hat, die sich einem aber immer aufdrängen, zum Überdruss gefüllt. Auch wenn die Internetwerbung gar nicht mehr wahrgenommen wird, ist doch der Blickkontakt entscheidend, und er reicht, um eine Marke zu positionieren.

Rühle notiert in seinem Tagebuch die Erfahrungen seines Selbstversuches, seine Einsichten und seine Erfahrungen vom Rückkehr in die analoge Welt. Er hat jetzt endlich einmal Zeit, um über die Rundumdieuhr-Erreichbarkeit nachzudenken. Früher schlossen Fabriken abends. Heute dehnt das Netz die Arbeitszeit auf den ganzen Tag aus. Früher brachte einem ein Kollege einen interessanten Zeitungsausschnitt, noch früher kam er persönlich mit einer seiner eigenen guten Idee, heute kommt oft nur ein Linktipp per Mail. Rühle ist sich sicher, „die Nonstopinformiertheit hat mich regelrecht vergiftet,“ (S.111) Und dann zitiert er die Studie der University of California, derzufolge ein Büroarbeiter sich nur 11 Minuten der derselben Aufgabe widmen könne, bevor der PC wieder irgendwas für ihn macht, oder ihm ein Mail ankündigt. Und die Probanden brauchten wieder 25 Minuten, um zu ihrer Tätigkeit zurückzukehren.

Da ist was dran, von so vielen Seiten betrachtet Rühle seine neue Konzentrationskraft, wenn er morgens an seinem Buch schreibt. Seine wiedergewonnen Freiheit will er aber doch bald wieder aufgeben, weil er stets und ständig an die Segnungen des Netzes denkt. Ach könnte ich doch eben mal… zweimal wird auch schwach, schämt sich ganz gehörig und versucht jedes Mal ganz schuldbewusst, sich mit einem dringenden Notfall herauszureden.

Rühles Buch korrigiert behutsam aber auf überzeugende Weise unser digitales Leben. Wie wenig kriegt der digitale Surfer bei einer Sitzung von der großen weiten digitalen Welt überhaupt mit. Online vermittelt den Eindruck, dabei zu sein. Web 2.0 verspricht die Partizipation, während die sozialen Netzwerke nur dafür geeignet sind, die sozialen Bezüge aufzulösen statt sie zu intensivieren: Wer hat in seinem Internet-Netzwerk mehr Freunde als im realen Leben? Die Qualität des sozialen Zusammenseins ändert sich durch die digitale Herausforderung. Mitmachen heißt bereit zu sein, sich einem vorgegebenen Format anzupassen. Alles was man dort macht, wird entspricht der Art und Weise, wie Rühle das Mailen (S. 189) beschreibt, es wird „unverbindlich“ (ebd.). Es ist die „Verbiederung“, von der Günther Anders so treffend spricht. (1)

Das Netz ist ein praktisches Hilfsmittel und Rühle ist es gelungen, den Kern und Unsinn des Internetmonadentums unmissverständlich zu identifizieren: Wer sich den Ergebnissen einer bekannten Suchmaschinen anvertraut, ist verloren. Er findet irgendwas und hat schon vergessen, was er suchen wollte, weil er irgendwas gefunden hat. (vgl. S. 202). Es ist gar kein Informationsüberfluss, wie viele immer wieder behauten; das Internet ist nichts anderes als eine große Bibliothek, in der die Betreiber vergessen haben, ihre Inhalte zu ordnen und es nun obskuren Algorithmen überlassen müssen, die Bücher nach dem Grad der Aufmerksamkeit zu ordnen, die diese oder jene, ganz egal wer, ihnen ganz zufällig hat zukommen lassen. Jedes Schlagwortverzeichnis einer Bibliothek hilft bei einer Hauptseminararbeit mehr als das Netz. Zumindest war das früher so, wo man die liebevoll beschrifteten Karteikärtchen durchblättern konnte. Heute werden die Schlagwortverzeichnisse automatisch generiert…

< Ohne Netz gibt es auch als > Hörbuch.

An keiner Stelle erklärt Rühle überzeugend, wieso er ins Netz zurückkehren möchte. Bleibt da nur seine Sucht und die 5644 ungelesenen Mails, die dort auf ihn warten? Und da ist auch sein Geständnis, sich in einem Hotelfoyer gleich viermal auf den Hotel-PC nach seinen Mails geguckt zu haben. Aber in seinem Tagebuch der Internetabstinenz entwickelt er präzise und eindeutig die digitalen Gefahren des Informationschaos, das überall auf uns lauert, das uns knechtet, das uns mal hier und da mal dies und das finden lässt. Auch noch als Tagebuch wirkt sein Buch wie eine Untersuchung, die systematisch die analogen Höhen den digitalen Niederungen gegenüberstellt. Nicht nur die digitale Praxis auch das analoge Himmelreich kann dazu beitragen, die Grundlagen einer modernen Medienkompetenz zu definieren. Rühle erwähnt in seinem Tagebuch keinmal, wieso und ob ihm das Netz überhaupt fehle. Doch, er vermisst die Bequemlichkeit der Recherche; er weiß aber auch, dass die im Netz zufällig gefundenen Infos von irgendjemandem stammen, und man spürt, dass die Bibliotheksarbeit der analogen Welt etwas vom zielbestimmten Finden hat. Nur mit dem Vergleich von traditioneller Bibliotheksarbeit und moderner Recherche, das im Netz immer nur ein Stöbern ist, lernen Schüler und Studenten die Grundlagen einer modernen Medienlehre.

Jeder kennt um sich herum viele, die ständig ihren Blackberry zücken, viele die nach Mitternacht noch putzmunter mailen, die die oben stehenden Suchbegriffe für die Wahrheit halten, die auf SEO mehr schwören als auf guten (neudeutsch) Content. Sie alle würden verwundert gucken, wenn Sie ihnen Alex Rühles > Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline schenken würden. Offline ist ein schrecklicher Gedanke, obwohl doch ein handgeschriebener Brief mit Füller der schnell getippten Mail so unendlich weit überlegen ist. Offline ist heute die Steigerungsform von Urlaub.

> Alex Rühle auf www.facebook.com/offlinegehen

> Blättern im Buch

> Alex Rühle
> Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
Auflage: 1. Aufl. 2010
220 Seiten
ISBN: 978-3-608-94617-8

(1) Günther Anders. Die Antiquiertheit des Menschen. 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industrielllen Revolution, München 7/1987, S. 116-120.

Veranstaltungen von Alex Rühle:

München
Premiere

27.07. 2010 20:00
Alex Rühle stellt sein Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. vor.
Die Veranstaltung wird von Dirk von Geelen moderiert.
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München.

Würzburg

Lesung
30.09. 2010 20:00
Alex Rühle stellt sein Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. vor.
Stadtbücherei Würzburg, Haus zum Falken, Marktplatz 9, 97070 Würzburg.

Stuttgart
Buchvorstellung
19.11. 2010 20:15
Alex Rühle stellt sein Buch vor: „Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline.“ Eine Veranstaltung des Klett-Cotta Verlags und des Buchhandelsverbandes Baden-Württemberg im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen. Haus der Wirtschaft, Willi-Bleicher-Straße 19, 70174 Stuttgart

Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline

Montag, 5. Juli 2010

Wenn man unterwegs ist, wenn man kein mobiles Endgerät mit UMTS-Anschluß in die weite Welt mit sich führt und höchsten vielleicht einen Laptop in der Tasche hat, das immer eine WLAN-Verbindung braucht, ist man in so manchem Hotel aufgeschmissen, wenn es keinen Netzzugang gibt. Das nennt man offline, und für manche ist das ein ganz furchtbarer Zustand. Da sitzt man nun, und draußen braust die Welt vorbei, man ist nicht mehr mit dabei, keine E-Mails mehr, kein soziales Netzwerk, man kann seinen Freunden nicht mehr spontan zuwitschern, was einen gerade bewegt oder beschäftigt. Wenn dieser bedauernswerte Zustand wegen widriger Umstände sogar einige Tag dauerrn sollte, kommt schnell die Befürchtung auf, bald aus allen (sozialen) Netzen herauszufallen.

> Alex Rühle hat im letzten halben Jahr sich ganz freiwillig aus dem Netz abgemeldet. Und sozusagen zum Entzug angemeldet. Früher war der Blackberry schnell noch seine letzte Einschlaflektüre und tagsüber und meistens auch nachts die stete Verbindung zur Welt. Mails machen süchtig, und die meisten merken das gar nicht. So wie manche mit Knöpfen in den Ohren sich von den Stadtgeräuschen abschotten, in ihrer eigenen Welt herumlaufen, so schaffen die E-Mails eine Art Parallelwelt als Ersatz für die realen Bezüge. Man sieht sich, sagte man früher, heute heißt es nur noch, ich mail Dir. Früher schrieb man einen schönen Brief mit Füller und wartete geduldig mehrere Tage auf die Antwort, heute wechselt man immer öfters hektisch 4,5 oder mehr Mails mit seinen Korrespondenzpartnern in immer kürzerem Takt aus. Rechtschreibung, Stil und Formen gehen dabei unter. Briefe werden zu Informationen und Botschaften, die leisen Zwischentöne auf dem Briefpapier weichen der Aufmerksamkeit, die der Erwartung auf die schnelle Antwort gezollt wird. Vor einem halben Jahr Alex Rühle hat die Notbremse gezogen. Zurück in die analoge Welt, lautete seine Entscheidung. Und wie überlebt man heute diesen Offline-Zustand, zumal wenn man seine Pflichten als Journalist und Vater nicht vernachlässigen will? Die Anworten auf diese Fragen stehen in seinem Buch > Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline, das am 19. Juli 2010 bei Klett-Cotta erscheint.

Am vierten Tag seiner Entziehungskur fragt sich Alex Rühle, warum er sich freiwillig vom Netz verabschiedet:

„Ich will einfach wissen, wie es ohne ist, gerade weil ich mir ein Leben ohne Netz schlichtweg nicht mehr vorstellen kann. Die Welt wird eine Google, das Netz dringt wie Wasser in alle Lebensbereiche ein (weshalb es auch so elend lächerlich ist, diese Neuerung mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks oder mit dem Telefon zu vergleichen). Ja, es gehört für die, die drin sind, so selbstverständlich zum Lebenshintergrund wie die Schwerkraft oder die Luft zum Atmen. Da ist es doch mal interessant, sich für eine Weile danebenzustellen und zu schauen, was das für Konsequenzen hat. Werde ich selber ruhiger dadurch oder, im Gegenteil, unruhiger? Erholt sich mein Gedächtnis oder hat meine phänomenale Schussligkeit gar nichts mit dem Leben am Computer zu tun? Bin ich tatsächlich süchtig und tue mir dementsprechend schwer mit dem Entzug oder schreite ich nach drei Tagen munter in mein analoges Leben aus und sage achselzuckend, das ganze Sucht-Gerede war doch wieder nur unbedachte Journalistenmetaphorik? Ist überhaupt ein Leben ohne Netz noch möglich, ohne aus allen Bezügen zu fallen? “

Sich Ausklinken aus der digitalen Welt. Das ist ja eigentlich gar nicht so einfach. Einfach wegbleiben reicht ja nicht. Würde ein Blogautor für 6 Wochen die Biege machen, würden manche seine Pause vielleicht erst nach nach zwei Wochen merken sagen, der schreibt im Augenblick aber wirklich nicht viel. Nach drei Wochen würde die Verwunderung schwächer, und nach vier Wochen hätten auch die RSS-Feeds seinen Blog vergessen. Aber es ist schon was dran, das Ausknipsen der digitalen Welt stürzt zuerst nur den Ausknipser in eine neue Einsamkeit, die der bekannten, alten, guten analogen Welt. Das einzige was er seinen Mitmenschen antut, ist, dass diese sich wieder an Fax und Briefmarken gewöhnen müssen. „Ich habe aber das Gefühl, dass ich mir darin selbst abhanden komme,“ sagt Alex Rühle zum Internet, ohne dass dies nach einer Fundamentalkritik am Internet klingen soll. Er will sich nur dagegen wehren, vom Netz total vereinnahmt zu werden. Und damit muss man ihn ernstnehmen. Auf die Lektüre seines Buches bin ich gespannt. Der Lesebericht folgt hier.

> Blättern im Buch

> Alex Rühle
> Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
Erscheinungstermin: 19.07. 2010
Auflage: 1. Aufl. 2010
220 Seiten
ISBN: 978-3-608-94617-8

Veranstaltungen von Alex Rühle:

München
Premiere

27.07. 2010 20:00
Alex Rühle stellt sein Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. vor.
Die Veranstaltung wird von Dirk von Geelen moderiert.
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München.

Würzburg

Lesung
30.09. 2010 20:00
Alex Rühle stellt sein Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. vor.
Stadtbücherei Würzburg, Haus zum Falken, Marktplatz 9, 97070 Würzburg.

Stuttgart
Buchvorstellung
19.11. 2010 20:15
Alex Rühle stellt sein Buch vor: „Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline.“ Eine Veranstaltung des Klett-Cotta Verlags und des Buchhandelsverbandes Baden-Württemberg im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen. Haus der Wirtschaft, Willi-Bleicher-Straße 19, 70174 Stuttgart

Die Intellektuellen und das Netz

Mittwoch, 27. Mai 2009

„L’intellectuel est un suspect“, schrieb Jean-Paul Sartre zu Beginn seines Portraits über André Masson (1) und meinte damit, alles was der Intellektuelle hervorbringe, werde gegen ihn verwandt. Dabei geht es nicht um das, was er sagt, sondern seine Gegner haben vor allem seine Unabhängigkeit im Visier. Der Intellektuelle nach Sartres Konzeption lässt sich nicht klassifizieren.

Adam Soboczynski hat sich letzte Woche in einem Artikel der ZEIT über die Beziehungen der Intellektuellen zum Internet geäußert: > Das Netz als Feind (DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22).

Seine pessimistische Schlußfolgerung teile ich nicht:

„So untüchtig er scheint – er wird nicht aussterben. Der Intellektuelle wird untertauchen wie der Taucher in die Tiefe, er wird Internetrandzonen bewohnen, Foren, die nur von seinesgleichen aufgesucht werden. Wie ja auch die Bullenzüchter der Welt sich heute in geschlossenen Zirkeln austauschen oder die Hebammen über ihr Wirken. Jedoch als der, der er bislang war, Störenfried des Konsenses, Vermittler von Wissensbeständen, Korrektiv des Staats, wird er verschwinden. Seine Spur ist eine, die bald schon Wellen glätten.“

… wohl aber seine Argumentation, mit der er das Niveau vieler Internetangebote kritisiert und dabei vor allem die Bewertung von Webangeboten qua Anzahl im Auge hat. Eine bekannte Suchmaschine macht uns das allen täglich vor: nur die viel verlinkten Angebote erscheinen oben. Das ist simple und ärgerliche Gleichmacherei durch mathematische Algorithmen, die die kollektive Intelligenz errechnen, ohne dass dabei noch richtig nachgedacht werden darf. Warum lassen wir uns das eigentlich gefallen? Und ich muß der Suchmaschine sogar noch Nachhilfe geben, damit sie in ihrer französischen Version unseren > Frankreich-Blog zur Kenntnis nimmt. Und dann ist da auch das bekannte Schlagwort von der „Demokratisierung des Wissens“, das vorgaukeln will, erst das Internet könne Informationen an alle vermitteln, und gleichzeitig soll dadurch die Qualität des Wissens aufgewertet werden. Zugleich schleicht sich so eine Legitimierung von Informationen oder Wissen ein, deren schlimme Folgen noch kaum in den Blick geraten sind.

Man darf das Internet auch nicht überschätzen. Es ist ein Hilfsmittel, ein sehr gutes Hilfsmittel – von oft sehr unterschiedlicher Qualität. Der Hype um Google-Books wird stillschweigend von der > französischen Nationalbibliothek getoppt. Für mein neues Buch war das Internet nur ein Auskunftsmedium für englischsprachige Bibliographien, nicht mehr. Es gibt eben immer noch manche Bereiche des wissenschaftlichen Austauschs, die sich nicht im Internet abspielen. Zum Beispiel kann auf der einer Website die > Veranstaltungen des Stuttgarter Literaturhauses prima dokumentieren und zeigen, mit wie vielen Themen die riesige Zahl aller Besuche seit 2001 erreicht worden sind, ohne dass das Internet eine besonders nennenswerte Rolle dabei gespielt hat.

Soboczynskis Bemerkungen lassen erahnen, wohin die Reise gehen könnte:

„Nun herrscht das Diktat der Mehrheit ausgerechnet im Mantel des Demokratiezugewinns: Breite Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs sei egalitär, ergo sei sie demokratisch. Wer so argumentiert, übt Verrat am formalistischen Kern der Demokratie: Er hat weder die Übertragung von Souveränität auf Vertreter im Blick noch robuste Institutionen, die Partizipation strukturieren und begrenzen. Vielmehr wird das Mehrheitsprinzip nach marktwirtschaftlichem Vorbild geltend gemacht.“

Ich denke immer noch an meinen ersten Wikipedia-Versuch, einen Artikel zu verfassen, der von fachfremden Korrektoren nach einer Löschdiskussion (sic!) schließlich dann auch gelöscht wurde, das Ziel hatte ja schon vorher einen Namen. Verfasst man einen Beitrag für einen Sammelband, kennt man den Verlag, den Herausgeber und oft auch die Mitautoren. Jeder Beteiligte an einem solchen Buchprojekt hat eine bestimmte verantwortliche Rolle. Bei Wikipedia ist das anders, dort möchte die anonyme Mehrheit dem Autor die Verantwortung abnehmen, löscht seinen Beitrag oder schreibt ihn um. Der intellektuelle wird in ein Schema gepresst, so wie bei uns im Versand Briefgrößen mit einer Schablone gemessen werden. Passt der Brief nicht durch, bleibt er eben liegen. > Soziale Netzwerke sind manchmal auch mehr vernetzt als sozial, weil sie ihren Anhängern eine unendliche Bewegungsfreiheit auch eher nur vortäuschen.

Ulrike AckermannEingangs schrieb ich, die Schlußfolgerung Soboczynskis nicht zu teilen. Er schreibt: „Jedoch als der, der er bislang war, Störenfried des Konsenses, Vermittler von Wissensbeständen, Korrektiv des Staats, wird er (i. e. der Intellektuelle, W.) verschwinden.“ Das ist nicht wahr, und das wird auch so nicht kommen. Seine Aufgaben werden bleiben: protestieren, nicht alles einfach hinnehmen, neue und auch mal unbequeme Gedanken in die Diskussion miteinbringen, sich keinesfalls vereinnahmen zu lassen, unabhängig und frei zu bleiben. Niemand braucht von ihm zu verlangen, er solle sich der Mehrheit beugen. Er wird es nicht tun. Und Wikipedia wird auch weiterhin funktionieren, weil vielleicht mehr Intellektuelle dort mitarbeiten, als seine Ansätze zum Mehrheitsprinzip dies vermuten lassen. Das eigentliche Problem von Wikipedia ist es, dass ein Autor der dort publiziert, nicht mehr frei ist, gibt er doch seinen Text mit der Veröffentlichung in andere Hände, nicht nur zum lesen, sondern auch zum Überarbeiten.

(1) Jean-Paul Sartre, Masson, in: ders., Situations IV, Portaits, Paris 1964, S. 387. Vgl. dazu das Kaiptel über Sartres Defnition des intellektuellen: Heiner Wittmann, Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tintoretto bis Flaubert, Tübingen: Gunter Narr, 1996, S. 165-180.

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