Verlagsblog

Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus (III)

Montag, 22. September 2008

Gerhard SchweizerAufstrebende Parteien einer „Islamischen Moderne“

Zu den Paradoxien der letzten drei Jahrzehnte gehört es, daß ausgerechnet „islamisch“ orientierte Politiker mit deutlicher Kritik an den Positionen der Kemalisten heute ideologisch beweglicher und pragmatischer sind als viele der betont säkularen Nationalisten. Zwar gab und gibt es auch in der Türkei radikale Islamisten, die sich mit ihrer Intoleranz und dogmatischen Härte kaum von radikalen Gruppierungen arabischer und iranischer Islamisten unterscheiden, aber sie finden nur bei einer verschwindend kleinen Minderheit der türkischen Bevölkerung Zustimmung. In den Vordergrund schieben sich mehr und mehr Gruppierungen, die sich von den totalitären Vorstellungen einer religiös-politisch durchstrukturierten Gesellschaftsordnung distanzieren und sich ausdrücklich zum „Laizismus“, zur strikten Trennung von Religion und Politik, zur Religion als „Privatsache“ bekennen.
Diese moderat „islamisch“ orientierten Politiker fordern im Unterschied zu den meisten säkularen Nationalisten einen demokratischen Pluralismus nicht nur für religiöse, sondern auch für ethnische Gruppierungen. So kommt es, daß heute die „konservativ islamische“ Partei AKP unter Recep Tayyip Erdogan den Maßstäben einer westlichen Demokratie näher kommt als die maßgebenden Parteien eines strikt säkularen Nationalismus. Nicht die CHP, die Partei Atatürks, plädiert heute nachhaltig für mehr Demokratie und eine Machtbeschränkung des Militärs, sondern die AKP. Nicht die CHP ist heute die entschiedenste treibende Kraft für einen Beitritt zur EU, sondern wiederum die AKP.
Immer mehr wird deutlich, daß die Ideologie des säkularen Nationalismus – die doch aus Europa importiert wurde – mit ihrer Radikalisierung eines intoleranten Türkentums weniger in die „europäische Wertegemeinschaft“ zu integrieren ist als eine reformbereite und pragmatisch bewegliche „islamische“ Bewegung. Andererseits muß auch die politische Praxis des Ministerpräsidenten Erdogan kritisch beobachtet werden. Es ist immer noch eine offene Frage, inwieweit die mit absoluter Mehrheit regierende AKP ihren „Weg nach Europa“ tatsächlich konsequent fortsetzt oder ob sie nicht – wie zuvor die säkularen Nationalisten – eigene Grundsätze unterläuft.

Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus

Freitag, 29. August 2008

Gerhard SchweizerVerwestlichung und säkulare Gesellschaft – dies sind über viele Jahrzehnte die Markenzeichen, mit denen sich die Republik Türkei um die Mitgliedschaft in der EU bewirbt. Die Türkei schien bisher geradezu das ideale Vorbild für einen islamisch geprägten Staat zu bilden, in dem ein religiös-politischer Fundamentalismus keine Chance hat. Aber inzwischen gewinnen islamisch geprägte Parteien mit deutlicher Kritik an „Verwestlichung“ beträchtlich an Einfluß. Gerät damit die Türkei in das Fahrwasser eines radikalen antiwestlichen Islamismus, wie er in etlichen arabischen Staaten und im Iran immer explosiver wird?

Der Autor zeigt, daß die Situation viel komplexer ist.

„Türkische Moderne“, eine zunehmend umstrittene Entwicklung

Bei uns im Westen sind die Begriffe „Verwestlichung“ und „Säkularisierung“ durchgehend positiv besetzt – mit dem Ergebnis, daß beide Entwicklungen manchmal allzu undifferenziert als „Fortschritt“ gepriesen werden, ohne negative Begleiterscheinungen ebenfalls zu berücksichtigen. Dagegen werten wir eine religiös geprägte Kultur und erst recht eine „islamisch“ orientierte Politik oft von vornherein pauschal als „rückständig“, ja als „fortschrittsfeindlich“ ab. Aber auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche der Türkei bezogen, passen diese landläufigen Zuordnungen längst nicht mehr.

Die von Atatürk verordnete Revolution der „Verwestlichung“ hat ihren einst revolutionären, zukunftsweisenden Charakter eingebüßt und ist dogmatisch immer unbeweglicher geworden. Die oft auch als „Türkische Moderne“ bezeichnete Bewegung ist, wenn wir sie an unseren westlichen Maßstäben messen, nur eine „halbe Moderne“. Denn ihr fehlt ein wesentliches Element: der Pluralismus. Zwar ist die türkische Gesellschaft faktisch in zahlreiche verschiedene religiöse, ethnische, politische und soziale Gruppierungen aufgespalten, aber dieser Pluralismus ist letztlich nicht politisch gewollt, vielmehr versuchen die Kemalisten bzw. die säkularen Nationalisten seit vielen Jahrzehnten, durch rigorose Verbote die Vielfalt mehr oder weniger zu unterdrücken. Verboten ist bis heute fast jede kulturelle und erst recht jede politische Autonomie von Kurden, Armeniern, Griechen und Arabern zugunsten eines radikalen türkischen Nationalismus. Stark eingeschränkt ist auch die religiöse Vielfalt.

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 22 queries. 0,347 seconds.