Verlagsblog

MERKUR – August 2011

Montag, 8. August 2011

Gerade ist das neue Heft MERKUR – August 2011 erschienen. In diesem Heft geht es laut den Herausgebern um “Lebenslügen des politischen Moralismus”. Karl Heinz Bohrer beobachtet den um sich greifenden Populismus der deutschen Politik mit allem was dazu gehört und vor allem mit dem bewährten Aussitzen. Dann kommen aber doch wieder plötzliche Entscheidungen, wie das Abschalten der Atomkraftwerke als späte Einsicht. Weniger wagemutig ist die Politik dann wieder in der Libyenfrage, aber den Vorsitz im Sicherheitsrat möchte man doch gerne haben. Ein ziemliches Durcheinander, das von Bohrers Titel Projekt Kleinstaat prima auf den Punkt gebracht wird. Man hat ja schon den Eindruck, dass unsere Regierung uns zuweilen unsere Welt so darstellt, wie sie gerade gar nicht ist. Dazu gehört auch die Beobachtung, dass sich in Berlin kaum jemand mit außenpolitischen Ideen hervortut. (Vgl. S. 665) Der Außenminister hat in seiner Partei jede Basis verloren, und er reist gerade noch geduldet durch die Welt. Bei jedem Gipfel mit Frankreich wir gebetsmühlenartig eine engere Kooperation versprochen, aber bei vielen Themen handelt die Bundesregierung so, als gäbe es Frankreich nicht. In der letzten Zeit scheint sich aber unter dem Druck der Schuldenkrise > ein verstärktes gemeinsames Reagieren zwischen Frankreich und Deutschland anzukündigen, das aber endlich wieder in eine Regieren münden müsste.

Egon Flaig fragt, Warum gibt es kein historisches Traum? und schlägt vor, dieses “Nonsense-Begriff” zu verabschieden: er fasst mit einem Satz sein Anliegen zusammen: “Eine gigantische Betroffenheitsindustrie ist am Werke, um diese Wunden zu schützen gegen jede heilende Einsicht in die Wahrheit.” (S. 681)

Konrad Adam hat seinem Beitrag die Überschrift Bildung lässt sich nicht umverteilen gegeben. Seiner Meinung geht es in der Schule nicht um Gleichheit, sondern um Bildung. Sein Beitrag erinnert mich an die fatale ideologische Gründungswelle der Gesamtschulen in NRW während der achtziger Jahre, die schließlich im Einstellungsstopp für Lehrer mündete. Oberstufenreform, Gesamtschulchaos, und später in Baden-Württemberg die Grundschulempfehlung als staatlich wohlgemeinte Lebenssteuerung haben aus meinen Kontakt zur Schule immer einen Schlingerkurs gemacht. Adam erklärt in einem Satz, worum es in der Schule geht: Es kommt auf den Lehrer an. (S. 691) Wie sagte mein Französischlehrer bei meinem ersten Referat? – Es ging um CamusMythos von Sisyphos “Du hast diese und die nächste Stunde…” und löste damit meine Frankreich-Passion aus. Mein Lehrer wurde von keiner Schulreform je übertroffen.

Nachgefragt :
Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze

Alfred Gulden hat fünf Skizzen unter dem Titel Müde Krieger versammelt. Sieben Gedichte von Joachim Sartorius: “Ich trat in die Bibliothek der Herzschläge…” Jens Bisky rezensiert in seiner Architekturkolumne Bücher über Schinkel. David Wagner hat Teju Coles Open City (New York: Random House 2011) gelesen. Peter Brown berichtet über Alana Camerons The last Pagans of Rome. Christian Schröder rezensiert den band von Hartmut Scheible; Giacomo Casanova. Ein Venezianer in Europa (Würzburg: Könighausen & Neumann 2009). Horst Meier fragt, gibt es das “Restrisiko” nicht tatsächlich? Ja, es wird immer unterschätzt. > Hervé Kempf von Le MONDE meinte auch, dass die Behörden und die Politiker diese Gefahr gerne ausblenden. Wie sagte die Bundeskanzlerin Angela Merkel in der > Bundestagsdebatte vom 9. Juni 2011? “Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima akzeptiert, weil ich überzeugt war, dass es in einem Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Jetzt ist es eingetreten.” Wir haben also alle gelernt, dass auch ein Restrisiko existiert, das durch Hoffnung oder Statistik nicht ausgeblendet werden kann und irgendwann eintritt.

10 Jahre Bologna ohne Feierlaune

Christoph Markschies hat über das Humboldtsche Universitätsideal und die gegenwärtige Probleme der deutschen Universitäten nachgedacht: Einheit in Vielfalt? Es folgen noch eine psychologischer Artikel über den Schmerz von Wolfgang Marx und Erkundungen (III). Von Lübeck nach München von Hans Dieter Schäfer. Mit einem Besuch bei den Buddenbrooks geht es los nach München in das Deutshe Museum mit seinen Maschinen.

Und jetzt dürfen wir gespannt sein auf das MERKUR-Doppelheft Sag die Wahrheit, das Mitte September eintreffen wird: “Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind”, lautet der Untertitel.

MERKUR – August 2011

MERKUR – Juni 2011

Donnerstag, 16. Juni 2011

Bernhard Schlink berichtet unter der Überschrift “Die Kultur des Denunziatorischen” über seine Lehrerfahrungen als Jurist und über die Besserwisserei mit heutiger Moral derjenigen, die aus der heutigen Zeit urteilen und sich nicht in die damals Handlenden hineinversetzen. Das macht aber auch den Reiz der Geschichtswissenschaft aus, und das war schon immer so, dass die Nachgeborenen sich ein besseres Bild als die Zeitgenossen, ja gar als der Augenzeuge mach können. Moral? Die alte Frage. Gibt es wirklich eine Moral in der Politik oder nur Macht?

Heinz Theisen sieht “Grenzen der Interkulturalität” und denkt über die “Koexistenz der Religionen” nach. Uwe Simson hat den “Fall Ägypten” untersucht und findet das der Umsturz mehr mit Ökonomie als mit Demokratie zu tun hat. Nidra Poller schreibt über die “Intifada in Frankreich” und fragt sich, ob die Integrationsbemühungen gescheitert sind.

In den Kolumnen beschreibt Wolfgang Kemp das Museum als therapeutische Anstalt, Karen Horn rezensiert Joseph Vogt, “Das Gespenst des Kapitals” (Berlin: Diaphanes 2010). Thomas Speckmann hat eine ganze Reihe von Büchern über den Krieg gelesen:und fragt “Wie unheroisch ist der Westen?” David Goodhart hat das Buch von Thilo Sarrazin, “Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen” (München: DVA 2919) gelesen und meint, dass dieses Buch trotz der Provokationen, denen der Autor nicht widerstehen konnte, für Deutschland einen wichtigen Schritt vorwärts bedeutet. Er kritisiert den Zustand in jedem Bereich der Politik. Kaum irgendetwas ist von ihm nicht angegriffen worden. Die Folge war, dass, wie so oft in der Politik, seine Kritiker sich erstmal mit dem Autor ausgiebig beschäftigt haben, als auch nur am Rande auf seine Thesen einzugehen. Sicher es sind keine Leitsätze, sondern Thesen, und über die kann man diskutieren, aber die politische Kultur in diesem Lande wollte das zunächst nicht und versuchte den Autor kaltzustellen. Bei so viel Zahlen entstehen Fehler, auch mal falsche Bewertungen, aber die Nüchternheit, mit der Goodhart über seine Lektüre berichtet, sagt den Kritiker, niedriger hängen aber auch sich über die Inhalte Gedanken machen.

Harald Seubert will wissen “Woher Europa kommt und woraus es lebt”. “Christlich-jüdische Wurzeln?” – dabei fällt mir ein, dass die Regierung in Berlin ihrer Europapolitik ein solides Fundament verpassen müsste. Es reicht nicht einen oder mehrere Rettungsschirme nacheinander aufzuspannen. Das friedvolle Zusammenleben der Völker unter dem Dach der EU ist ein Erfolgsmodell, vielleicht aus deshalb, weil es für die Mitlebenden so selbstverständlich ist. Fragen nach der Identitität und der historischen Mission helfen aber für Orientierungen und und sind eine Anregung, unsere europäischen Möglichkeiten besser in den Blick zu nehmen. Eine Energiewende ist national alleine nicht mehr möglich. Wenn in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin stehen würde: “Zusammen mit Frankreich haben wir….”; stattdessen kommt “Frankreich” nicht vor und Europa wird nur genannt, um zu betonen, wie toll wir in Europa sein wollen. Damit sei doch das Interesse, das man dem Beitrag von Harald Seubert entgegenbringen sollte, hinreichend unterstrichen.

Thomas Frahm berichtet aus dem “Kokon der Fremde. Zehn Jahre Bulgarien”. Joaquín García-Huidobro weiß etwas Erhellendes über “Barock und Aufklärung in Lateinamerika” zu berichten und erzählt, wie dort die europäischer Kultur ankommt. Jochen Rack erzählt über das fröhliche Vielvölkergemisch in München: “Neue Bilder aus der globalisierten Welt”.

> MERKUR Heft 06 / Juni 2011

Kennen Sie das das digitale MERKUR-Archiv?
Alle Artikel der Jahrgänge 1989 bis 2011 im Volltext zum Kaufen und Downloaden Mit (Volltext-)Suche und Benachrichtigungsdienst zu hinterlegten Suchinhalten:
> http://volltext.online-merkur.de/

Karlheinz Bohrer und Kurt Scheel hören nach 30 Jahren als Herausgeber der Zeitschrift Merkur auf:
> Das Ziel war immer, Gedanken zu verbreiten – Frankfurter Rundschau, 30.5.2011

Merkur – Februar 2011

Donnerstag, 3. Februar 2011

Das neue Heft des Merkurs für den Monat Februar ist angekommen. Diesmal geht es um Gewalt. Ein Thema mit viel Angst, Ohnmacht und nur allzu verständlicher Aufregung. Aber die Autoren versuchen der Gewalt ins Auge zu sehen. Wie kommt es zu Gewaltausbrüchen? Kann man die Ursachen, die bei jedem Vorgang immer so unterschiedlich sind, fassen? Auch das Unverständliche hat oft irgend eine Art von Beweggründen, auch wenn manchmal Erklärungen so hilflos erscheinen. Michael Rutschky schreibt über Krieger vom Stoßtruppführer über den Amokläufer bis zum Terroristen und versucht, ihre Motivation zu verstehen. Auch Aiman-al Sawahiri, der der zweite Mann hinter Bin Laden sein soll, wird mit seinem Ansinnen Ägypten in einen Gottesstaat zu verwandeln: “einen Hortus conclusus radikal-religiöser Kulturkritik an allen Erscheinungsweisen westlicher Lebensart”. (S. 105) Vielleicht ist diese Sichtweise auch im Rahmen der Unterdrückung in Ägypten im Rahmen einer Diktatur und aus dieser Sicht im Vergleich mit dem Westen entstanden? Rutschky schlägt eine Erklärung vor, die mit dem Zerfall dieses “Grand Design” (ib.) zusammenhängt. Andere Gewalttaten, wie der Überfall auf das Taj Mahal Palace hat “mit seinem Schrecken seinen Sinn in sich selbst.” (S. 107). Karl Heinz Bohrer geht dem Skandal einer Imagination des Bösen nach und stellt seinen Rückblick auf Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten, in dem ein perverser SS-Offizier die Verrohung dieser Epoche verkörpert. Horst Meier erklärt, wieso die Annahme, das Grundgesetz sei irgendwie pazifistisch, nicht stimmt. > Fortsetzung

Zu diesem Artikel passt auch der neue Band von Michael Günter, > Gewalt entsteht im Kopf, in dem es um ein Verständnis geht, wie Gewalt entsteht und wie wir sie wirksam begrenzen können. Günter fragt, was veranlasst Menschen, gewalttätig zu werden? Was sind das für Menschen, die andere zu Tode treten? und warum sind sexuelle Gewalt gegen Kinder und Vergewaltigungen so häufig?. Gewalt kann aus Leidenschaft entstehen; sie haben oft hat sie mit Rache-, Schuld- oder Schamgefühlen zu tun. Günter erläutert psychische Mechanismen, die zu Gewalt führen. In diesem Zusammenhang berücksichtigt er auch Lebenserfahrung, psychische Disposition, soziale und situative Einflussfaktoren.

Michael Günter
> Gewalt entsteht im Kopf
1. Aufl. 2011, 173 Seiten,broschiert, mit s/w-Fotos
ISBN: 978-3-608-94677-2 – Erscheinungstermin : 21. Februar 2011


Gerade eben lag in meinem Postfach auch die neue Ausgabe von > Trauma und Gewalt – Februar 2011, das diesmal als Themenheft zur Gewaltforschung hier ankommt. Vier Schwerpunkte bestimmen diese Ausgabe: Geschlechtsunterschiede in der Akzeptanz von Gewalt, Mediale Gewalt und Kriminalität, Gewaltdelinquenz und Gewaltaffinität bei jungen Menschen in verschiedenen sozialen Milieus sowie Gewalt und belastende Kindheitserlebnisse.

Zurück zum Merkur im Februar 2011:

“Leben machen und sterben lassen” lautet der Titel des Beitrags von Dietmar Voss mit dem Untertitel Facetten der Bio-Macht: Er meint, das höchste Ziel aller Macht ist die Regulierung des Lebens selbst und untersucht die staatlichen Zurichtungen von Tod und Leben, chronische Therapiesucht und Vorsorgewahn. Die viele gut gemeinte Hilfe und Fürsorge, die der Staats uns Bürgern mit seinen vielen Gesundheitsgesetzen, die viel komplizierter als der Vertrag zur Deutschen Einheit sind, uns angedeihen lassen will, ist nicht geeignet die Widersprüche unseres kranken Gesundheitssystems zu erklären. Warum muss ich die professionelle Reinigung beim Zahnarzt selbst bezahlen, wobei das für die Krankenkasse die allerbeste Investition wäre? Das ist nur ein kleiner Aspekt, Voss geht viel weiter und untersucht die “Unterwerfung unter die ästhetisch-medizinischen Körpertechnologien” (S. 117) mit allen ihren Folgen. Die Gesundheitsreform kommt erst dann auf die Zielgerade, wenn der Bürger selbst wieder in den einschlägigen Gesetzen auftaucht und der Gesetzgeber sich nicht nach den einschlägigen Interessengruppen guckt, die auf ihren Pfründen sitzen. Zu diesem Beitrag passt bestens Das Chamäleon und der Wechselbalg. Zum Verhältnis von Ökonomie und Technik – der wichtigste Beitrag in diesem Heft – von Ernst-Wilhelm Händler: “Der Mensch wüsste gerne, wer er ist und wo er ist,” lautet sein erster Satz. Die Biowissenschaften mit ihren Ergebnissen entsprechen so gar nicht dem, was wir erwarten. Die Hirnforschung erklärt, was passiert wenn der Mensch denkt, nicht wie er denkt.” (S. 121)” Also, folgert Händler, wird ein Richter keinen Hirnforscher für eine Verhaltensprognose heranziehen. Es geht um nichts anderes, als die Angst des Menschen, in einer Ökonomie seine Identität zu verlieren, weil andere ihm oder Technik seine Autonomie in Frage stellen. Man kann Fingerabdrücke abnehmen und speichern, die Retina vermessen und speichern, die DNA analysieren aber den Menschen mit seinen Handlungen hat man damit noch nicht. “Der Mensch hat – bis jetzt – überlebt. Unter anderem weil er erst in einem Trial-and-error verfahren-Verfahren und dann geplant seine Umwelt für seine Zwecke eingespannt hat.” (S. 121) Dieses Gleichgewicht zugunsten des Menschen muss auch vom Markt übersehen werden, der sehr gut das Wirtschaften aus dem Umgang mit knappen Gütern erklären kann, aber keine Prognosen für reale Situationen (vgl. S. 123 f,) der Handelnden bieten kann.

Die Ökologiekolumne von Hansjörg Küster untersucht den Begriff Heimat. Jürgen Osterhammel fragt, weshalb sind die Chinabücher des Historikers Jonathan Spence Klassiker geworden? Soegfried Kohlhammer rezensiert zwei Werke des französischen Soziologen Frédéric Martel, De la culture en Amérique, Paris: Gallimarr 2006 und Mainstream. Enquête sur cette culture qui plaît à tout le monde, Paris: Flammarion 2010. – Wo bleiben die Übersetzungen dieser Bücher?

Michael von Prollius, hat einen etwas zweideutigen Titel “Entpolitisieren als Herausforderung unserer Zeit” für seinen Beitrag bekommen oder gewählt: Die Herausforderung besteht nicht in weniger Teilhabe am Gemeinwesen, sondern in der Rückgewinnung unserer Autonomie. Und man müsste die Politik wieder für unser Leben gewinnen. Sie sind viel zu sehr vom wirklichen Leben abgekoppelt. “Durchleuchtung unserer Bankkonten” und “Glühbirnenverbot” bestimmen unser Leben als Zukunftsentwurf. Die Finanzierung und Wohlstandssicherung der Interessengruppen rund um unser Krankheitssystem führt uns nur zu deutlich vor Augen, wofür wir täglich arbeiten müssen. Von Prollius darf aber nicht nur die Politiker im Blick hinsichtlich unserer Gängelei haben, die Medien tun auch das Ihre dazu, s. die FAZ, die sich heute mit einem Artikel aus der Feder von Jochen Hieber zur Recht über das öffentlich-rechtliche Fernsehen beklagt, das gestern nicht in der Lage war, über die Lage in Ägypten wirklich zeitnah zu berichten. Woran ist die Regierung und die Parteien zuerst interessiert? Am Wähler? An unserem Wohlergehen? An ihrem eigenen Einfluss? An ihrem Machterhalt? (vgl. S. 175) Und dann schreibt von Prollius: “Der historische Erfolg des Westens beruht wesentlich darauf, dass die Macht von Menschen über Menschen kontinuierlich beschränkt wurde.” Stattdessen kam das Recht. Entpolitisieren bedeutet für von Prollius auch Entsagen. (S. 176) Der Staat müsste uns weniger gängeln. Mehr Steuerreformen. Eine Novellierung des Steuerrechts und kein Ansinnen der Regierung, der Bürger solle sich schon mal über > drei eingesparte Euros freuen. Schließlich berichtet Erik Zyber über eine “Phänomenologie des Jenseites” Man stirbt nur zweimal, und der Abschluss Erkundungen stammt von Hans Dieter Schäfer.

Nachdem ich hier auf dem Blog schon > so oft über ein Merkur-Heft berichtet habe, darf ich meine grundsätzliche Anerkennung, dass die Herausgeber dieser Zeitschrift es verstehen, die Beiträge in jedem einzelnen Heft so hervorragend aufeinander abzustimmen, hier noch einmal mit Nachdruck wiederholen, weil dies gerade in diesem Heft so besonders gut gelungen ist.

> Merkur – Februar 2011

Der Merkur 738 November 2010 ist erschienen.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Der – anklickbare -Bücherstapel ist vor und nach der Buchmesse ständig gewachsen. Und das sind bei weitem nicht alle Neuerscheinungen von Klett-Cotta dieses Herbstes, aber es sind die Bücher, die demnächst hier auf dem Blog einen Lesebericht bekommen werden. Als nächstes kommt der Band > Schlachtfeld Erde von Gwynne Dyer dran, da liegt mein Bleistift schon auf Seite 45 drin. Und dann? Das Doppelheft vom MERKUR Die Grenzen der Wirksamkeit des Staats ( September-Oktober 2010). Das ist eine spannende Lektüre. Und das Heft, nein das Buch lässt sich auch nicht eben mal in zwei Tagen lesen. Hier wird europäische Ideengeschichte ausgebreitet und diskutiert: 32 Aufsätze. Das dauert noch ein bisschen. Ich hänge also leider aus gutem Grund hier etwas hinterher, zumal heute morgen schon der neueste MERKUR in meinem Postkasten lag. Und damit gehts jetzt los.

Im Novemberheft (738) geht es um politische und philosophische Fragen.

Rainer Hank macht den Anfang und lobt die Knappheit: Warnung vor dem Schlaraffenland. Der Überfluss ist kein Glück, sondern eine Bedrohung von Lebensqualität und Freiheit. Hier wird ein Thema der Wirtschaftstheorie auf spannende Weise präzise und kompakt erklärt. Bei der Lektüre dieses Textes denke ich an die Preisgestaltung hinsichtlich meiner > Fotos. Wenn das Literaturhaus > jeden Abend 350 EUR bezahlen müsste, würde das Gut Foto einen höheren Wert bekommen und natürlich vom Literaturhaus als Werbezweck viel mehr eingesetzt werden. Der Überfluss an Fotos verhindert es, dass das einzelne Foto seinem Aufwand entsprechend honoriert wird. Gäbe es die Digitalkamera nicht, und müsste das Literaturhaus wie bei der ersten Veranstaltung vor 10 Jahren auf die Entwicklung der Fotos warten, wären die Fotos wohl kaum 10 Jahre lang kostenlos geblieben.

Bernhard Schlink beschäftigt sich mit der Zukunft der Verantwortung. Jeder ist für seine Wahl verantwortlich, erklärte > Sartre. “Die Gegenwart der Verantwortung ist gekennzeichnet durch eine große Bereitschaft zur Eigenverantwortung,” schreibt Schlink. Ist das wirklich so? Trifft das zum Beispiel auf unsere Politiker so zu? So, wie sie durch die Medien dargestellt werden? Oder wie sie wirklich handeln? Ein sehr anregender Artikel, der eine Anleitung zum Weiterdenken enthält. Diese Art von Anstößen, das kann der MERKUR besonders gut.

Hans Theisen ist sich sicher “Die Europäische Union muss ihre Grenzen neu definieren”: Überdehnungsschmerzen. Die Stichworte Verschuldungsgemeinschaft und Transferunion fallen hier. Ein Artikel für das Handgepäck unserer Kanzlerin, wenn Sie zum nächsten Europäischen Gipfel reist! Der konzentrierte Blick auf die Finanzprobleme verstellt den Blick auf die politischen Probleme der EU. Die Ausweitung der EU vor einer Neuordnung ihrer wirtschaftspolitischen Fragen zwingt die Staats- und Regierungschefs zum Nachsitzen. Je größer die EU ohne eine gemeinsame Zielsetzung wird, umso größer werden ihre Probleme werden. Integration ist vielleicht nie richtig definiert worden: Theisens Satz “Weder ein Binnenmarkt noch eine gemeinsame Sicherheitspolitik erfordern ein Gleichheit der Bildungssysteme,” trifft den Nagel exakt auf den Kopf. Mit welchen Folgen: > 10 Jahre Bologna ohne Feierlaune! Und er schreibt auch: “Der europäische Bürger wird solange eine Schimäre bleiben, bis sich eine gemeinsame identifikationsfähige Werteordnung herausgebildet hat.” So ist es. Und diese Werteordnung ist keine Organisationsform nach der EURO-Währung, da gehört ja wohl doch ein bisschen mehr dazu.

Wann ist Appeasement nicht verwerflich? fragt Paul Kennedy und damit resümiert bestens seinen Beitrag. Viellicht ist das auch ein Mittel, um dem Krieg in Afghanistan endlich zu entkommen?

Thomas Krüger trägt Sechs Sonette vor. Lesen Sie die mal laut vor, am besten zweimal hintereinander. das kommt richtig gut.

In der Soziologiekolumne denkt Jürgen Knaube über Integration und Assimilation nach und ist damit auf der Höhe der aktuellen politischen Diskussion. Pflichtlektüre für alle, die da mitreden. Otfried Höfe geht es in seiner Philosophiekolumne um Religion im säkularen Zeitalter. Er rezensiert den Band von Taylor, der 2009 bei Suhrkamp erschienen ist. Michael Rutschky erinnert an den Kunstwissenschaftler Michael Fried. Christian Schröder hat den Band von Wolfgang Kemp, Foreign Affairs. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900-1947 (München, Hanser 2010) gelesen. Wolfgang Marx schreibt über Wörter für Dinge, die es nicht gibt, und David Klett erinnert an Philippe Ariès’ Entdeckung der Kindheit. Er erkennt Ariès’ Thesen und Verdienste an, fragt sich aber zu Recht, ob ihnen nicht doch ein “gewisser gesellschaftstheoretischer Außenhalt” fehlt. Derlei Zweifel begründet Klett mit dem methodischen Ansatz des Buches: “Die These von einer ‘Entdeckung der Kindheit’ gewinnt ihre Plausibilität erst in Bezug auf gesellschaftliche Konditionen, die diese Entdeckung möglich machten.” (S. 1115)

Schließlich fragt Sabine Beppler-Spahl Können Schulen gesellschaftliche Problem lösen? Ist das überhaupt ihre Aufgabe, könnte man als Frage hinzufügen. Jens Soentgens hat zum Abschluss dieses Heftes ein Minidrama über das ökologisch korrekte Trinken eines Glases Sprudel verfasst.

> Merkur

MERKUR – August 2010

Donnerstag, 5. August 2010

Gerade rechtzeitig zum Urlaubsanfang ist das Augustheft mit Themen aus der Soziologie und der Politik erschienen. Niels Werber hat einen interessanten Aufsatz über den Ansatz und die Entwicklung der Systemtheorie Niklas Luhmanns (> Niklas-Luhmann-Gymansium in Oerlinghausen) verfasst und dabei den von André Kieserling jetzt aus Luhmanns Nachlass herausgegebenen Band Politische Soziologie besprochen. Dabei erklärt Werber, wieso die moderne liberale Demokratie ist eine Demokratie des Wartenkönnens und der Verzögerung ist.

Remigius Bunia erkennt den Individualismus der westlichen Gesellschaften als seine Stärke an, aber er warnt auch vor dem Schitern des Konzepts des Individualismus. Der erste Satz seines Beitrags: “Individuelle kreative Leistung ist unpopulär, stattdessen lobt man lieber ‘Schwarmintelligenz’”. Das erinnert an die > Macht der sozialen Netzwerke, die keineswegs so sozial sind und durch vorgeplante Kontaktaufnahmeprozesse den Teilnehmern ein bisschen Individualität wegnehmen. Außerdem konstatiert Bunia eine “Krise der Gleichheit” (En passant, darüber kann man auch viel Nachdenkenswertes in Alexis de Tocquevilles De la démocratie en Amérique, 1835, 1840, nachlesen.) “…nicht in der Ungleichheit der Einkommen, sondern in der Ungleichbehandlung unterschiedlicher Lebensentwürfe liegt die Ursache für die Spannungen, die wir beobachten…” (S. 664) Die Kritik an der kollektiven Intelligenz wie z.B. Wikipedia sie repräsentiert, fasst Bunia in einem Satz zusammen: “Individualität aber besteht in der öffentlichen Förderung der bestmöglichen individuellen Fertigkeiten, nicht in der Erfindung neuer Funktionärseliten.”

Ego Flaig zeigt das der Hautfarbenrassismus keineswegs eine Erfindung Europas ist: “Wie die Hautfarbe zum Rassismus fand”. Algis Valiunas erinnert an den Meinungsstreit zwischen der Bloomsbury-Gruppe und Winston Churchill über die Frage, für welche Werte der Zivilisation man kämpfen soll.

Michael Rutschky lässt uns in sein Tagebuch anlässlich der deutschen Wiedervereinigung hineingucken. In der Literaturkolumne fragt sich David Wagner, was habe ich eigentlich gelesen? “Ich serendipitiere”. Jens Bisky berichtet über die die Diskussion über “schrumpfende Städte” und die Internationale Bauaustellung. Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010. Rainer Paris porträtiert den französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann “Das zersplitterte Ich” und dessen Identitätstheorie. Christian Demand hält die Säkularisationsthese für einen Mythos. Thomas E. Schmidt, “Das Dilemma des gerechten Zorns” legt uns kritische Anmerkungen zur aktuellen Missbrauchsdebatte vor.

Schlachtfeld Erde < Gwynne Dyer, > Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert.
Erscheint am 18. August 2010 bei Klett-Cotta.
Zwei weitere ganz unterschiedliche Aufsätze fragen nach unseren Reaktionen auf den Klimawandel und beleuchten die Frage von zwei ganz entgegengesetzten Seiten: Eduard Kaeser glaubt nicht, dass wir in das Klimageschehen wirklich eingreifen können. Aber Bjørn Lomborg nennt über die Kohlendioxidemissionsreduzierung hinaus andere Strategien, mit denen wir die klimatischen Veränderungen einwirken können.

> www.online-merkur.de/

MERKUR – Juli 2010

Dienstag, 27. Juli 2010

merkur-734Gerade noch rechtzeitig vor dem Monatsende kommt der Lesebericht zur Juli-Ausgabe des MERKUR über Bildung und Erziehung. Zuerst der Beitrag von Karl Heinz Bohrer. Er fragt, welche Macht Philosophie heute noch hat? Ulrich Oevermann nimmt die aktuelle Diskussion um Missbrauch in Erziehungsanstalten in den Blick und erkennt dabei die “Diskursdynamik der deutschen Feuilletons” (S. 571). Walter Hollstein hat sich Gedanken über den Feminismus gemacht: Der entwerte Mann, lautet die Überschrift seines Beitrags.

Jochen Hörisch hat Bernhard Schlinks “Der Vorleser” und Jonathan Littells “Die Wohlgesinnten” wiedergelesen und in ihnen “unkorrekte Konstellationen” ausgemacht: Nazis, Sex und Religion. Detlev Schöttker, Der Beobachter des Parterres hat einen sehr lesenswerten Aufsatz über Franz Kafka und die Architektur verfasst. Jürgen Osterhammel wundert sich über den erneuten Gebrauch des Konzeptes “Imperium”. Hansjörg Küster zeigt die Perspektiven einer Wissenschaft von der Landschaft. Stefan Willer bespricht den Band von Georg Klein, “Roman unserer Kindheit” (Rowohlt 2010) und nennt Klein den Stimmenbeschwörer. Thomas Oberender schreibt unter dem Stichwort Gelebte Frivolität über das Verhältnis von Demokratie und Theater, und Kai Spanke fragt, was ist aus Gary Cooper geworden? Und er erklärt, warum er amerikanischenTV- Serien wie “The Sopranos” so gut findet. Patrick Hofmann erinnert an den Tod in Tschernobyl, und Dörthe Kaiser-Hondrich schreibt einen traurigen Beitrag über das Danach.

> www.online-merkur.de/

MERKUR- Juni 2010

Dienstag, 8. Juni 2010

Kaum war der Lesebericht für die Nr. 732 des MERKUR online, lag schon die nächste Ausgabe in meinem realen Postkasten. Und weil er auf meinem Lesestapel ganz oben gelandet ist, kommt er auch gleich dran.

Das Juni-Heft steht unter der Überschrift “Evolution”: der Biologen Hubert Markl, hat bei Darwin nachgelesen und lässt die Schöpfung sich selbst betrachten: Es geht um den Menschen und seine Kultur als Reflexionsagent der Natur: Durch den menschlichen Geist sieht die Natur sich selbst an. Henning Ritter diskutiert das Fortleben des Lamarckismus in der Kulturtheorie und fängt mit einer Neulektüre von Paul Kammerers “Das Gesetz der Serie an”. Peter N. Miller hat einen interessanten Aufsatz über ein faszinierendes Buch von Barry Cunliffe Facing the Ocean, The Atlantic and Its People, 8000 CC – AD 1500 (Oxford 2001) geschrieben. Es geht um Archäologie, was man aus den Funden lesen kann und überhaupt über die europäische Geschichte als Labor humaner Evolution. Mateusz Stachura hat sich Gedanken über den Traum der liberalen Demokratie gemacht und meint Das Zeitalter des Wertekonsens geht zu Ende. In sehr differenzierter Form betrachtet er aus heutiger Sicht die Zeitenwende von 1989. Wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie wir damals die Wende erlebt haben und wenn man jetzt den Aufsatz von Stachura liest, dann kann man schon erkennen, wie zu bestimmten Momenten Entscheidungen unserer Politiker den Lauf der Dinge beeinflusst haben. Aber der Autor geht viel weiter und versucht, Interpretationsmuster für Perzeptionstheorien bezüglich des Kapitalismus und der Freiheit auf der Seite des Osten zu entwickeln: “Der Westen hat zwar den Wettbewerb gewonnen, der Osten hat aber mit seiner Deutung recht behalten: Es ging doch mehr um den Kapitalismus als um die Freiheit.” (S.203) Also freuen wir uns darüber, wenn uns unsere Politiker heute die gute Nachricht verkünden: Der Soli wird nicht erhöht. Auf diese Ebene der Diskussion begibt Stachura sich erst gar nicht. Aber immerhin kann man sich nach der Lektüre seines Artikels schon sagen, unserer politischen Klasse müsste hinsichtlich des Zusammenwachsens von Ost und West mehr als der Soli einfallen. Und dann erweitert der Autor seinen Blick auf die osteuropäischen Länder: Interessante und vielfältige Anregungen für alle, die sich mit der Europäische Geschichte nach 1989 befassen.

Udo Di Fabio ist Bundesverfassungsrichter und Professor für Öffentliches Recht an der Universität Bonn. Unter der Überschrift Die Freiheit des Geldes schreibt er über selbst regulierende und verändernde Systeme als das Modell liberaler Demokratie und die Institution des Geldes. Sein wichtigstes Stichwort ist Vertrauen, das bei allen Formen des Geldverleihs nicht nur in der Finanzwirtschaft und im Bankensystem eine grundlegende Rolle spielt. Geld, das man nicht hat, kann man auch nicht ausgeben. Und der Staat? Macht er aus sich einen “genuinen Wirtschaftsakteur” (S. 518) mehr als das Verfassungsrecht dies jemals vorgesehen hat? Wenn man bedenkt, an wie vielen Stellschrauben prozentualer Natur in Berlin hier und da ein bisschen gedreht wird, ohne dass eine einsichtige Betriebsanleitung gelesen, geschweige denn befolgt wird, dann ist der Aufsatz von Udi di Fabio auch ein interessanter Lektürestoff für die Koalitionsrunde vom letzten Wochenende. Das Verhältnis zum Geld seitens der Politik und der Bürger zeigt sich auch in der Beantwortung der Frage “Wer lebt denn hier über seine Verhältnisse?”, die Stephan Ueberbach, SWR, für sich in einem offenen Brief an die Bundesregierung und die Bundeskanzlerin beantwortet hat. Der Staat hat unglaubliche Privilegien aller Art (nicht nur an Rennpferde und Hunde mittels billigem Hundefutter) verteilt und sammelt jetzt notgedrungen hier und da wieder etwas ein, spart überhaupt, sondern will sich weniger Geld leihen, damit er nicht soviel ausgeben kann. Aber ein schlüssiges Konzept ist nicht erkennbar. Der Staat oder die Koalition ist operativ tätig, um für sich das Beste herauszuholen, anstatt sich nur auf eine Aufsichtsrolle zu beschränken. (Vgl. immer noch S. 518). Zu seinen Pflichten, seiner Aufsichtspflicht, würde es gehören, dem Bürger das Leben zu erleichtern und ihm nicht mit der Steuererklärung wichtige Lebenstage zu nehmen. – Nebenbei bemerkt: Paul Kirchhof hält am Donnerstag, 10. Juni 2010 um 20 h im Wirtschaftsclub, der im Stuttgarter Literaturhaus zusammenkommt, einen Vortrag: Gerechtigkeit ist unteilbar. – Und dann betont Udo Di Fabio noch die “Autonomie und die Funktionsfähigkeit der Geldwirtschaft” ( S. 521). Und die Regierung muss in diesenTagen auch erklären, wieso sie sich um einzelne Unternehmen wie z. B. Opel so intensiv kümmert. Deutschland hat in bezug auf Europa und die Austarierung einer neuen Finanzordnung keine schlechte Startposition, aber der Autor warnt davor, dass der Staat sich immer mehr als Wirtschaftsakteur betätigt.

Karen Horn unterrichtet uns über Konsequenzen, die die akademische Ökonomie aus ihrer schlechten Performance uns bislang vorenthalten hat. Wolfgang Ullrich beobachtet, wie große Wirtschaftsunternehmen Kunst und Künstler manipulieren. Ingo Meyer hat “Ein Klotz von Buch” (S. 533) gelesen. Die neue Biographie Walter Benjamins von Jean-Michel Palmier. 1300 Seiten. Das ist zu lang und zu dick. Sartres Flaubert Studie hat sogar 2801 Seiten, das ist aber ein fulminantes Feuerwerk aller möglichen Ansätze Literatur zu interpretieren. Ob Palmier da irgendwie rankommt? Meyer scheint nicht überzeugt zu sein.

Horst Meier versteht die Wunsiedel-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts als Einführung eines Sonderrechts gegen Neonazis und einen Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Fußball-WM. Yvonne Wübben erklärt uns rechte und linke Spielkultur. Dietmar Voss erzählt von den Abenteuern eines deutschen Lehrers in Italien: Capricci salernitani. Ein komischer Bericht, ein bisschen nachdenklich, aber sehr realistisch erzählt.

> MERKUR

MERKUR: Mai 2010

Dienstag, 1. Juni 2010

Die Verspätung dieses Leseberichts ist ganz einfach zu erklären. Die Artikel dieses Heftes vertragen kein einfaches Überfliegen. Erst nach der Lektüre aller Beiträge kann darüber angemessen berichtet werden. Henning Ritter zeigt anhand von Schopenhauers Ethik wie nahe “Philantropie und Grausamkeit” einander sind. Und dann die Erinnerungen von Alfred Gulden ans Origen-Mysterien-Theater mit der einfachen Überschrift Nitsch proben: “Aktionen kann man in Aktionen erleben”. Dirk von Petersdorffs legt einen Essay, der die romantische Ironie – 1789 – mit der historischen Ironie (1989) verbindet, vor. Martin Urmanns erklärt Die Transformation des Tragischen mit Formen des Dionysischen bei Nietzsche und Hofmannsthal.

Man kann es dem Schreiber dieser Zeilen gar nicht ankreiden, dass er erst drei Wochen nach dem Erscheinen dieses Heftes darüber berichtet. Der MERKUR hat die wunderbare Eigenart, Themen aufzugreifen oder zu setzen, die nicht unmittelbar mediengerecht den tagesaktuellen Hype aufgreifen, sondern daran zu erinnern, dass auch ganz andere andere Themen unser Denken bereichern müssen. Diese einfache Horizonterweiterung ist vielen unserer Medien verloren gegangen.

Thomas Frahm beglückt diese Ausgabe mit acht Gedichten:

“Am Morgen, still und noch fast unzerstört,
die Tasse auf das Wachstuch abzustellen,
bevor dein Kopf entschieden hat, wem er gehört,
genügt.”

Dann kommen die Kolumnen. Horst Dreier beschäftigt sich mit dem Recht: Staatsbildung als Vorgang der Konfessionalisierung. Kathrin Passig hat ihrer Internetkolumne die Überschrift Abschied vom Besten gegeben. Hier geht es um Produktempfehlungen. So schön und pfiffig viele Tweets auch sein mögen, der ganze elektronische Aufwand kommt an gute Leseberichte sowieso nicht ran. Andererseits ist das in technischer Hinsic, und sie mir gleich ein paar CDs zeigt, die ich gerne hören würde. Einerseits freue mich mich darüber, aber ich ärgere mich auch, dass man meine Vorlieben behalten, gefiltert und gespeichert hat, und die Technik mich auf bestimmte Produkte reduziert.

Markus Knell rezensiert die Autobiographien zweier Ökonomen János Kornai und Vernon L. Smith. Karl Heinz Bohrer schreibt über Kurt Flasch Agonales Denken und Sanford Schwatz hat sich die Bilder von Luc Tuymans Graue Magie angesehen. Wolfgang Marx hat einen interessanten Beitrag über das Gewicht der Sprache Die Sprache ist eng wie das Bewußtsein mitgebracht. Und dann zu guter Letzt noch Helmut Niemeyer mit seiner Rückschau auf die Matrosenanzüge.

Und der Lohn für diesen etwas zu späten Lesebericht? Das Juniheft müsste bald in meinem realen Postkasten liegen. Über Evolution und Natur.

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MERKUR – April 2010

Donnerstag, 15. April 2010

Im Aprilheft des MERKUR geht es um eher unangenhme Erbschaften: Chaim Noll berichtet über die Persistenz der kommunistischen Nomenklatura, die erst ihre Staaten ruiniert hat und nun wieder Oberwasser hat. Helmut König aht darüber nachgedacht, wie man in Deutschland mit dem Erbe der Diktaturen umgeht: Aufarbeitung oder Integration? Alan Johnson, Ein bisschen Terror darf dabei schreibt über über Slavoj Zizek der wieder den Kommunismus anpreist.

Dann folgen zwei interessante Beiträge zur Stadtarchitekur. Theodore Dalrymple erinnert an das Totalitäre im Schaffen von Le Corbusier. Aber es gibt auch das > Le Corbusier-Haus in der > Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Ich finde, Dalrymple geht mit Le Corbusier sehr kritisch, vielleicht eine Spur zu kritisch um.

Hans Stimmann, der bis bis 2006 Senatsbaudirektor in Berlin war, zeigt sich sehr enttäuscht: Die moderne Stadtplanung, darunter versteht er die der Sozialdemokraten, ist seiner Ansicht nach nach missraten. Das ist auch kein gutes Zeugnis für viele andere Städte, deren Stadtplanung zwar das grundsätzlich Nützliche zeigen mag, aber eine -mit Bezug auf Wolfgang Braunfels “ästhetische Überhöhung” vermissen lässt. Es geht um die Qualität des Wohnens und der Bewegung in der in der Stadt,und eine Stadtplanung, die überfällige Stadtreparaturen nicht in den Blick nehmen mag oder kann.

Dann folgen Kolumnen zur Musik und Philosophie. Richard Klein beschäftigt sich mit dem Fall Hans Heinrich Eggebrecht und klagt in diesem Zusammenhang über die Rolle der deutschen Musikwissenschaft. Otfried Höffe fragt Wie stark ähneln wir unseren biologischen Verwandten?

Siegfried Kohlhammer fragt Das Ende Europas? und trägt seine Ansichten zur Integration der Muslime vor. Walte Laqueur fragt isch , ob Europa doch noch irgendwie eine Weltmacht werden wird, oder bloßer Anhängsel Anderer bleiben wird?

Ralph Bollmann untersucht den Zusammenhang von Wetter, Klima und Politik. Stephen T. Asma, Grüne Schuld, fragt ob Umweltschutz auch eine Relgion werden kann. Michael Esders beklagt den Aphorismus im politischen Marketing, mit dem das politische Spiel gedeutet werden kann. Auch wenn er manchmal Wahrheiten akzentuieren kann, so ist doch die zunehmende Gewohnheit vieles verkürzt auszudrücken, nicht immer ein Beweis für Weitblick.

Wolfgng Schömel hat mit Rotenfels eine sehr traurige Geschichte verfasst.

> MERKUR

Das Doppelheft des MERKUR.
Gibt es heute noch Helden?

Montag, 12. Oktober 2009

MERKURDas neue Sonderheft des > MERKUR beschäftigt sich mit Helden: Heldengedenken. Über das heorische Phantasma lautet sein Titel.

In Ihrer Einleitung bestätigen die Herausgeber, dass das Heroische nicht gerade aktuell ist. Aber es werden zunehmend die “Helden des Alltags” genannt, die die etwas Gutes tun, aber ncht immer Helden im strengeren Sinn sein müssen. Das Unalltägliche macht den Helden aus. “Es ist eher die Abweichung, die das Heroische kennzeichnet, nicht die Erfüllung einer vorgegebenen moralischen Norm. Und es ist auch nicht nur die Tat als solche, sondern der Gestus, die Kühnheit des Tuns, die uns das Heroische erkennen lässt.”

Die erste Abteilung des Heftes stellt die Vielfalt des Temas vor: Helden im Alltag, Helden in der englischen und deutschen Geschichte (Giles MacDonogh) und Helden in der “postheroischen” Epoche (Niels Weber). Oder wie sehen Jugendliche heute Helden? Sven Tetzlaff schreibt über den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Josef H. Reichholf widmet sich grundsätzlichen Fragen: “Zur Soziobiologie des Heroischen”.

Im zweiten Teil werden die unterschiedlichen Typen der Helden betrachtet: Achill (Arbogast Schmitt) und Don Quijote (Hans-Ulrich Gumbrecht), Satan (Peter-André Alt) und der Dandy als Held (Karin Westerwelle). Und Siegfried Kohlhammer untersucht Dichter und Denker als Helden: “Der Hammer redet”, obwohl Heinz Schlaffer ihn daran erinnert: “Die Vorstellung, ein Schriftsteller sei ein Held entbehrt nicht der Komik.” Heinrich Detering untersucht Brechts Helden.

Im dritten Teil geht es um – die Kriegshelden sind verschwunden – den Helden im Western: Ritus und Geste (Karl heinz Bohrer): “Lakonie ist die Kennmarke des Verhaltens des Westernhelden.” Martin Seel hat sich den Film The Searchers von John Ford noch einmal angesehen: Ethan Edwards und einige seiner Verwandten und Josef Früchtl denkt über die Selbstreflexion der Heldenfigur im Film nach: Und diesen Unsinn glauben wir. schließlich hat der Comiczeichner Andy Bleck aus Köln “den verwundeten Sokrates” nach einer Geschichte von Bertold Brecht illustriert.

Held sein liegt einem nicht so recht. Mit den Durchblättern habe ich auch etwas gezögert und es nicht gelich oben auf meinen Bücherstapel gelegt. Das Heft scheint auch nicht so recht zu den gegenwärtigen Themen zu passen. Aber die Art und Weise, wie das Thema aufgefächert, von verschiedenen Seiten diskutiert wird, und dann auf den Punkt gebracht wird, macht es zu einer interessanten Lektüre für alle, die über den Tellerrand des politisch Gewöhnlichen und über das Alltagsgeschehen gerne mal hinausschauen, um sich Anregungen zu holen, sich inspirieren zu lassen oder ganz einfach um mal nachzusehen, wie die Herausgeber und die Autoren sich der Helden angenommen haben. Die Vielfalt der Themen in diesem Heft passen vorzüglich zusammen und sind von den Herausgebern einleuchtend geordnet worden.

> MERKUR

Merkur: August 2009

Montag, 3. August 2009

MerkurDas Augustheft beginnt mit einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Rainer Paris hat sich des Begriffs der Gleichheit angenommen und wendet sich gegen seine übliche politische Instrumentalisierung. Es geht ihm um die “regelmäßige Verkehrung von hochmoralischen Motiven in Skrupellosigkeit und Selbstgerechtigkeit”, und er kommt zu dem Schluss, “der strukturell auferlegte Zwang einer ständigen Explizierung und Messung erfolgreich hergestellter Gleichheit erweist sich so als untergründige Mechanik von Aggressionssteigerung und Bösartigkeit.” Intelligenz steht den Gleichmachern oft im Weg: Heiner Rindermann untersucht die “Intelligenz als bürgerliches Phänomen”.

Volker Ullrich blickt auf das deutsche Kaiserreich zurück: “Kraftgefühl und Zukunftsangst” und meint damit die “die widerspruchsvolle Verbindung von Beharrung und Modernität, von Rückschritt und Fortschritt” (S. 677), die niemand bei der Untersuchung des Kaiserreichs von 1871 übersehen kann. Terry Eagleton schreibt unter der Überschrift “Kultur und Barbarei” über die “Metaphysik in den Zeiten des Terrorismus”: “Warum reden die Leute, von denen man es am wenigstens erwartet hätte, darunter auch ich, plötzlich über Gott?”

Matthias Messmer, der Kulturkorrespondent der Neuen Züricher Zeitung mit Sitz in Shanghai ist in Xinjiang (ein Sechstel von China, dreimal so groß wie Frankreich) unterwegs gewesen: “Das Gesetz des Stärkeren”. Geschichte, Geographie und Politik, ein Reisebericht mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen.

Die Architekturkolumne “Sehnsucht nach Verbrechen” von Jens Bisky beklagt und prangert die “Eliminierung des Ornaments” an und erinnert an Karl Philipp Moritz “Vorbegriffe zu einer Theorie des Ornaments”, 1793. Recht hat er. Man schaue sich doch nur mal in unseren Straßen um. Ein Fotogang durch eine unserer Städte und schon man hat diese Collage vor Augen: Glatte Flächen dominieren, einige Flächenabschnitte wollen selber ein bisschen Ornament sein, was aber daneben geht:

Dabei fällt mir der Vortrag ein, den Professor Roland Ostertag am 22. Juni 2009 in Stuttgart gehalten hat: > Was zeichnet eine lebenswerte Stadt aus?

In der Literaturkolumne berichtet Lothar Müller über “Nachbilder des 9. November 1989″. Christian Schröder rzensiert “Gilbert Adairs postmoderne Krimis in der Tradition von Agatha Christie und Arhtur Conan Doyle”: “Der Mörder ist immer der Autor”. “Vom schönen Sterben” heißen die Erinnerungen an Joseph Roth von Ingo Meyer. Hanns-Josef Ortheil hat alte Familienbilder hervorgekramt: “Familienbilder. Eine Erzählung”.

Joseph Rack erzählt von seinen Flugreisen: “Immer nach Hause. Bilder aus der globalisierten Welt” flog von Dubai nach Dehli, von Kalkutta nach Dhaka und von Pudong nach München. Ulrich Schacht hat die Gräfin “Ilóna” in Schweden besucht.

Die Herausgeber schreiben über dieses Heft: “Das Augustheft versammelt literarische Essays, deren Kunst darin besteht, die wirkliche Welt nicht in Literatur verschwinden zu lassen, sondern die Realität zum Strahlen und vielleicht sogar auf den Punkt zu bringen.” Das ist wohltuend und erinnert daran, dass der Merkur nicht unbedingt den Mainstream der Nachrichten und Themen der Feuilletons rezitiert, sondern Autoren die Möglichkeit gibt, relevante Fragen zu stellen, die zum Nachdenken anregen. Geschichte, Literatur, Soziologie, es ist immer ein Monatsumblick.

Merkur Juli 2007

Freitag, 17. Juli 2009

Merkur Juli 2009Die Juli-Ausgabe des MERKUR ist genauso interessant wie das letzte Heft. Es ist wunderbar zusammengestellt. Erst wird von Bernhard Schlink die Perspektive auf die Moral und das Moralische geöffnet, dann werden wichtige Einzelaspekte untersucht, und der Leser kann selbst entdecken, wie diese zusammenhängen. Wieder eine treue Begleitung für einen ganzen Monat.

Also diesmal geht es um Tugenden, und beim Lesen merkt man hier, wie schnell auch Tugenden trügerisch werden können. Berthold Franke hat über Treue geschrieben. Hält man sie im Guten wie im Bösen oder bleibt man, Franke es glaubt, am Ende doch immer nur sich selbst treu? Bernhard Schlink denkt mit einem Zitat von Vischer über das Moralische nach: “Das Moralische versteht sich von selbst” (Friedrich Theodor Vischer, Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft. 40. Auflage. Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt, 1908. S. 33.).

In diesem Aufsatz, der diesem Heft als Einleitung dient, geht es um alles, um den Anspruch einer Moral, > die Camus Ende der 50er Jahre aufgeben wollte. Er kritisierte damit eher festgefügte Moralsätze statt die Suche nach einer Moral, wie schon Sisyphos zeigte.

Harry Nutt hat ein Lob über die Lässigkeit “Starke Schwäche” aufgeschrieben. Ist sie wirklich cool und schön?

Michael Schröter hat Freunds memorandum Soll die Psychonalyse an der Universität gelehrt werden? in der Berliner Zeitschrift Das Argument (1969) wieder aufgefunden und stellt es hier vor. (Schröter erinnert daran, dass damals einige glaubten, Freud und Marx verbinden zu können: Das glaubte einst auch Sartre – der Autor des Drehbuchs von Jean Huston über Freud! – , als er seine Mallarmé-Studie schrieb und einen marxistischen und dann eine psychoanalytischen Ansatz prüfte, um dem Werk Mallarmés auf die Spur zu kommen. Die Studie ist unvollendet, vielleicht auch deshalb, weil Sartre in diesem Text > Sartre und Mallarmé (Paris, Sorbonne, 21. Juni 2008) beide Ansätze verwarf. Traugott König erzählte mir bei einem Ttreffen, die ganze Studie läge in Paris in einer Schublade…).

Bernd Rebe bezeichnet die Reformation als ein unvollendetes Projekt und verleiht dem Wunsch Ausdruck, hofft, dass man auch die dunklen Seiten Martin Luthers und des Protestantismus bei den Jubiläumsfeierlichkeiten würdigen werde.

Und dann noch die Kolumnen: Jürgen Kocka schreibt über den deutschen Umgang mit Diktaturerfahrungen, Cord Riechelman über die Konstruktion der Rassen. Klaus Birnsteil ruft nach der Lektüre Paul Venynes dazu auf, Foucault doch noch einmal zu lesen, und Ann Marie Rasmussen referiert neueste Forschungsergebnisse über das Frauenleben im Mittelalter. Patrick Keller möchte den amerikanischen Konservatismus nicht allzu schnell abschreiben und Richard Utz warnt vor Angebern: “Taktlos demonstrativ”. Helmut Niemeyer schreibt zum Schluß über Totenköpfe.

> Merkur

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