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Lesebericht: MERKUR 808 – September 2016

Donnerstag, 1. September 2016

Irgendwie kann das andere neidisch machen. Hier am PC mit Vergnügen wieder ein Heft vom MERKUR besprechen. Wie früher im Studium, so auch heute. Immer wieder stehen im MERKUR Anregungen zu bekannten Themen, die aber darüber hinausführen, Hinweise auf Neues: haben Sie da was verpasst? Dann Politisches und Nachdenkliches.

merkur-808Der MERKUR 808, die Septemberausgabe 2016, ist angekommen. Gerade richtig zur Vorbereitung des Vortrags über > Frankreich, Deutschland und den Brexit am 13. Oktober in Stuttgart. Brexit: Auch wenn die Bundeskanzlerin immer wieder vom Austritt der Briten aus der EU spricht, ist das eigentlich noch keine so recht ausgemachte Sache. Unsere Umfrage in Form eines Blogartikels: > Wie sicher ist eigentlich der Brexit? Uns fallen mindestens >12 Argumente dagegen ein. Da kommt der Artikel von > Patrick Bahners, Eine Geschichte vom Brexit gerade richtig: Er konzentriert sich auf das britische Selbstverständnis und deutet die Umstände des Brexit-Votums in einer historischen Perspektive.



Er berichtet über den Roman von Kingsley Amis, The Alteration. London: Allen Lane 1976. Deutsche Übersetzung v. Walter Brumm: Die Verwandlung. München: Heyne 1986, der 1976 in England spielt, ohne dass zuvor ein Referendum über die Römischen Verträge stattgefunden hätte:“alternativhistorische Science Fiction“ (S. 7) Bahners meint, das Muster derr Brexit-Debatte folge einem Muster: Im Brexit-Wahlkampf schürten beide beide Lager auf ihre Weise Ängste vor einem Abstieg, beide Lager fabulierten, was die Zukunft bringen würde. Im Nachhinein gibt es Stimmen, die das Ergebnis als zu knapp beurteilen, oder die gar vermuten die EU-Gegner hätten nur die Regierung abstrafen wollen (vgl. S. 12). Interessant ist der Abschnitt über die Souveränität, auf die jeder Staat natürlich ein Recht hat, inwieweit sie aber eine Art Illusion sei. Genau diesen Punkt hat PM Cameron im Februar 2016 in den Antworten auf die Fragen von Boris Johnson geantwortet: »Dieselben Länder würden dann die Regeln machen, nur ohne uns.« (S. 17) Das Brexit-Votum hat alle beteiligten überrascht. Und mit Habermas weist Bahners daraufhin, das die Reaktion aus Berlin wieder einmal Beruhigung und Abwarten lautet. Bahners Schlussfolgerung: „Die Wähler im Vereinigten Königreich hatten die Wahl. Durch Abwendung von Europa haben sie ihren Horizont erweitert.“ (S. 20) Ist es wirklich eine „Wiedergewinnung der Parlamentssouveränität,“ (ib,) um die es hier geht? Bewertet man Bahners Darlegungen könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Brexit-Gegner nicht wirklich gesagt haben, was sie aus der Ablehnung machen wollen: „Die Abtretung parlamentarischer Rechte an Parlamente in allen Unterreichen außer England in den Jahren zwischen 1975 und 2016 hat einem Prozess den Weg bereitet, an dessen Ende man die Briten vielleicht als verschollen wird melden müssen: lost at sea.“ (S. 20)

Aleks Scholz, Der Supertanker von Philadelphia beobachtet als Fan ab November 2015 Spiele der amerikanischen Basketballliga beobachtete und weiß, wie durch strategisches Verlieren eine Mannschaft siegen kann, und das erklärt er hier. Ein spannender Aufsatz über Chancen, kluger Taktik und bitterer Niederlagen.

Dabei fällt die Begeisterung ein, mit der > www.france-blog.info #FRAGER in Rio beobachtet hat:

und geschätzte 20 Sek. später:

merkur-808Dirck Linck berichtet in einer spannenden Rezension über Schwulsein, Klassenattribute und dann wie der Front National um die früher kommunistisch wählende Arbeiterschaft wirbt: Linck hat Didier Eribon (* 1953 in Reims), Foucault-Biograph, Le retour à Reims (1990) / Die Rückkehr nach Reims, Berlin: Suhrkamp 2016, gelesen, in dem Eribon über den seltenen sozialen Aufstieg von Arbeiterkindern berichtet. So etwas ist Eribon gelungen. Er ist heute ein bekannter Autor und Philosoph in Frankreich. Linck weist auf die besondere Aufmerksamkeit hin, die dieses Buch erhalten hat: man könne über den Siegeszug der Rechten nicht sprechen, ohne das versagen der Linken zu erwähnen (vgl. S. 41). Rückkehr nach Reims ist eine politische Bestandsaufnahme, der Kontrast zu allem, was Eribon seit seiner Abreise erlebt hat: „Coming-out-Geschichten sind Migrationsgeschichte,“ schreibt Linck. Es geht aber auch um die Würde des Menschen (vgl. S. 47) und einen neuen Blick auf Rassismus, Gewalt und Homophobie, die Eribon bei seiner Rückkehr neu bewertet. Linck: In diesem Buch erscheinen alle als Opfer – und zugleich als Täter aneinander.“ (S. 43)

> Didier Eribon

Jonathan Freedman hat das Great American Songbook neu gelesen: „Das Great American Songbook ist in der Tat durch und durch amerikanisch. Wie die Ideale unserer Gründungsdokumente – »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden« – hat es keine physische Existenz. Es gibt dieses Liederbuch nicht, auf das Sänger, Musiker oder Komponisten verweisen könnten. Es handelt sich hierbei um eine ermöglichende Fiktion in einem rein konzeptuellen Raum, die aus einer großen Bandbreite höchst unterschiedlicher Volkslieder, Melodien aus Broadway-Shows und Filmmusik aus dem Zeitraum zwischen 1920 bis 1950 besteht.“ (S. 49) Ein Beispiel der von Freedman genannten Lieder, S. 49:

»Someone to Watch Over Me«

Dagmara Kraus „grammatickt mamal aus…“ schreibt über Poesie und Mutterschaft gelegentlich der Übersetzung Johann Müllers.

Holger Schulze bringt in seiner ersten Klangkolumne den »Resonanz«-Begriff auf den Punkt, über den schon Descartes 1618 im Compendium musicae geschrieben hat, und rezensiert damit Veit Erlmann, Reason and Resonance. A History of Modern Aurality. Brooklyn: Zone Books 2010. Der „Audiopietismus“, (S. 76 ff.) „Der Audiopietismus errichtet eine neue Hierarchie der Sinne. Jonathan Sterne, Kulturhistoriker in Montréal, umreißt das Credo dieser sensorischen Konfession in polemischer Absicht wie folgt: »Hören ist sphärisch, Sehen ist gerichtet; Hören umgibt sein Subjekt, Sehen gibt eine Perspektive vor; Klang kommt zu uns, aber
Sehen muss sich zu seinem Objekt hinbewegen; Hören befasst sich mit dem Inneren; Sehen mit Äußerlichkeiten und Oberflächen; Hören braucht den körperlichen Kontakt zur Außenwelt, Sehen verlangt einen gewissen Abstand davon; Hören platziert uns mitten in einem Ereignis, Sehen vermittelt eine Perspektive darauf; Hören neigt zum Subjektiven, Sehen neigt zum Objektiven; Hören bringt uns in die lebendige Welt, Sehen lässt uns verkümmern und absterben; Hören dreht sich um Affekte, Sehen um den Intellekt; Hören ist vor allem ein zeitlicher Sinn, Sehen dagegen ein räumlicher; Hören ist ein Sinn, der uns in die Welt eintauchen lässt, wohingegen das Sehen uns von ihr entfernt«. 2 Jonathan Sterne (Hrsg.), The Sound Studies Reader. London: Routledge 2012 (Übersetzung: H S). Anders ausgedrückt, wer mit zwei Knöpfen durch die Stadt marschiert, bekommt von ihrer Klangpoesie nichts mit. Städte habe ihre jeweils eigene Klangpoesie. Die Stadt als Resonanzkörper. Wo ist mein digitaler Rekorder?

Roman Köster denkt über die Folgen der digitalen Technisierung für den Arbeitsmarkt nach. Das mach ich seit dem Praktikum im Bonner PC-Laden jeden Tag und freue mich immer wieder, die Technik mir stets ohne Wenn und Aber untertan zu halten. Und den PC zur Kommunikation einzusetzen: 0,5% -1 % der Gesamtarbeitszeit für den Blog Technik der Rest ganz traditionell Recherche und Schreiben:> www.france-blog.info. Ohne die Technik ginge es nichts, und ohne die Inhalte wäre das alles nix.

merkur-808 < MERKUR 808 – September

Adrian Daub und Samuel Huneke beziehen sich auf Christopher Isherwood, Christopher and His Kind. New York: Farrar, Straus and Giroux 1976 Darryl Pinckney, Black Deutschland. A Novel. New York: Farrar, Straus and Giroux 2016.fragen unter dem Titel De unsichtbare Tradition „Wo war die schwule Literatur Nachkriegsdeutschlands?“

Andreas Zielcke findet das neue Kulturschutzgesetz gar nicht gut und findet, dass die Novellierung vor allem private Sammler benachteiligt..

Zum Schluss die Doppelbelichtungen von Harry Walter.

> Merkur 808 -September 2016

Lesebericht. Merkur 806 – Juli 2016

Donnerstag, 30. Juni 2016

merkur-806„Die Lobby der Tiere“ lautet die Überschrift des Aufsatzes von Reinhard Brandt, der Philosophie an der Universität in Marburg lehrt. Er erklärt Grundsätzliches zum Empfinden der Tiere und räumt mit alterhergebrachten Irrtümern auf, indem er erstmal die Begriffe klärt: „Es gibt, so zeigte sich, eine psychische Domäne der Tiere zwischen bloßen Sachen, einem Dachziegel etwa, und einer denkfähigen Person.“ (S. 16).

Barbara Wittmann, hat sich die Salonmalerei genauer angesehen: „Die Viktorianer – unserer Zeitgenossen“ und berichtet über ihren erstaunlichen Wiederaufschwung. Die „peinture académique“ ist auch eng mit dem Salon de peinture et de sculpture (1791-1881) verbunden, der vor allem auch im Zweiten Kaiserreich dokumentierte, wie die Künstler mit ihren Werken dem Regime eine internationale Bühne geboten haben: H. Wittmann, Napoleon III. Kunst und Macht, hrsg. v. D. Hoeges, Frankfurt/M. 1013, S. 62 ff, 124 ff. In diesem Zusammenhang hat B. Wittmann das Musée d’Orsay und dessen Raumeinteilung genauer angesehen. Sie lädt uns ein, wieder dorthin zu gehen und die Salonkunst neu zu entdecken.

Thomas Thiemayer hat die Etnhnologische und genealogische Erinnerungsultur unter die Lupe genommen: „Deutschland postkolonial“, und berichtet über die heftigen Diskussionen zum Thema Berliner Humboldt-Froum., S. 39 ff.

Christoph Menke erinnenrt im Zusammenhang mit de Flüchtling an Hannah Arendt. Gerade hat der > Défenseur des droits, Jacques Toubon,auf unsere Fragen zu den Flüchtlingen geantwortet. Er will das Wort „Krise“ in diesem Zusammenhang vermeiden, eine Krise habe einen Anfang und ein Ende, aber die Migrationsbewegungen werden uns noch auf lange Zeit beschäftigen

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Andreas Eckert porträtiert Achille Mbembe : „Der Ausgang aus der großen Nacht“: „Der postkoloniale Star“. Jan Wilm erzählt über den US-Comedian Louis C.K. Jan von Brevern fragt „Ist Kunst widerständig“. Er war im Museum in Los Angeles: The Broad: „Es ist, wie gesagt, ein wunderbares Museum.“ S. 77.

Kommen noch die Marginalien: Erika Thomalla denkt über die Präsenzpflicht in deutschen Hochschulen nach. Markus Knell hat sich die automatischen Regeln in der Wirtschaftspolitik angesehen. Hannes Böhringer DesKnaben Wunderhorn aufgeschlagen und liest das Gedicht mit „3 Gänsen“: Die „Komik der langen Stange“. Harry Walter betrachtet ein Foto mit zwei Frauen und einem Pudel.

> Merkur 806 Juli 2016


Ganz aktuell:

MERKUR 800 – Januar 2016

Mittwoch, 6. Januar 2016

Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Manchmal ist es ein besonderer Geburtstag, ein runder, jemand nullt zum 4. oder 5. Mal. Runde Geburtstage werden immer besonders begangen, > diesmal ist der MERKUR dran, seine Ausgabe nullt zum 80 Mal. Schon während des Studiums habe ich ihn gelesen, dank des Abonnements meines Bruders. Und dann immer wieder wertvolle Anregungen zu Studienthemen gefunden. Anregungen, die Themen meiner Fächer in einen größeren Zusammenhang stellten, Verbindungen zu anderen Fragen schärfen, das war das intellektuelle Rüstzeug, das nicht nur nebenbei bestätigte, dass die Romanistik nach einem Wort meines akademischen Lehrers von den mittelalterlichen Chronisten bis Sartre und Camus und an beiden Seiten weit darüber hinausragte. Nicht auf ein Jahrhundert konzentrierten wir uns in Bonn, die Vielfalt der Romanistik wurde uns demonstriert. Dazu Geschichte und Politikwissenschaft. Heute noch habe ich die MERKUR-Hefte aus jeden Jahren, auf deren Rücken die Themen der Hefte mit Kuli geschrieben standen, so wurde das Regalbrett mit diesen Heften zum Protokoll der Themen der Bonner Semester, denn im MERKUR gab immer Ergänzungen, neue Denkanregungen für den Verbund meiner drei Fächer – dazu noch Philosophie und Pädagogik, in dem die Romanistik mit ihrer Kulturwissenschaft den Ton angab. Soweit der heutige Geburtstagsglückwunsch an die Adresse des 800. MERKURS. Und weil er stets so anregend wie zu Zeiten meines Studiums geblieben ist, bekräftige ich gleich hier noch einmal den gerade ausgesprochenen Glückwunsch. Noch heute freue ich mich > jeden Monat auf die neue Ausgabe. Druckfrisch. Gleich lesen und das Vergnügen, hier immer gleich den Lesebericht abzuliefern, das können Sie > bei der Lektüre des MERKURS immer mit uns teilen.

Nun liegt also der MERKUR 800 vor uns auf dem Tisch. Heiner Klemme hat Heideggers antisemitische »Schwarze Hefte« genau gelesen. Nie wird man zu einer Entscheidung darüber kommen, ob Heideggers Antisemitismus das Urteil über sein ganzes Werk zu bestimmen hat. „Manches macht fassungslos…“, (S. 9) notiert Klemme. Und trotzdem meint Klenmme, solle man Heidegger lesen. Gerade seine Schwarzen Hefte vermitteln einen Einblick in den Irrationalismus und die klare Erkenntnis, Heidegger stehe für die Gegenaufklärung. (S. 23) „Heideggers Bedeutung für die Philosophie liegt in seinem Scheitern.“ (ib.) – Der Philosoph Michael Astroh lehrt in Greifswald. Er berichtet von seinen Aufenthalten in Kyoto, Hiroshima und anderen Städten in Japan. Fesselnde Berichte aus einer anderenWelt. Ein Umgang mit Mitmenschen, von dem wir einiges lernen könnten: „Jenseits des Vertrauten“ lautet die Überschrift seines Beitrags. Dann kommt David Graeber mit „Tote Zonen der Fantasie“. Ein Essay über strukturelle Dummheit = ein Kapitel aus seinem Buch über die > Bürokratie, das demnächst auf Deutsch vorliegen wird. Ob die Struktur der Büros in unseren Behörden Dummheit generiert? Auf dem Passamt kam ich neulich mit einem Morgengruß als erster Kunde hinein. Weit und breit kein andere Bürger. Ich solle bitte erst eine Nummer ziehen, wurde ich belehrt, draußen auf dem Gang, ca 12 m von der Tür entfernt, wo ich eben eintreten wollte. Wieder rausgehen, zurückgehen, Nummer ziehen, dabei klingelte sogar der Apparat: 001. Ein paar Sekunden später leuchte mit einem Piepston 001 über der Tür auf, nun durfte ich vorsprechen, wobei der kleine Zettel mit der 001 als Gesprächslegitimation betrachtet wurde. Graeber beschreibt, was alle so schon mal erlebt und erlitten haben.

Die Philosophiekolumne gibt Christoph Menke die Gelegenheit, mit Bezug auf Jan Assmann, Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München: Beck 2013, und auf Ottfried Höffe, Die Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne, München: Beck 2015, zu erklären, warum man über den Freiheitsbegriff des Liberalismus hinausgreifen muss. Richtig, sein Beitrag steht unter dem Zeichen des Liberalismus, und da muss der Autor dieser Zeilen trotzdem noch einen Literaturhinweis hinzufügen: Im 4. Teil, das II. Kapitel Freiheit und Faktizität: Die Situation in: > J.-P.Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuche einer phänomenologischen Ontologie, übers. v. T. König., Hamburg: Rowohlt 1991, S. 833-950: „Der Mensch begegnet Hindernissen nur auf dem Feld seiner Freiheit.“ Nun der Literaturhinweis passt nicht so recht zu dem Beitrag, er ergänzt ihn aber dennoch, denn die Klarheit dieses Kapitels korrespondiert so gar nicht mit dem Bild, das man heute von Sartre zu haben glaubt, der doch über die Freiheit grundsätzliches zu berichten wusste.

> Dieses Merkur-Heft digital (PDF, epub, mobi)
> Das Heft gibt es jetzt günstig im MERKUR-Probeabo.

Und jetzt die Popkolumne von Eckhard Schumacher, der neuere Publikationen zum »Sound der Stadt« gelesen hat. Anregungen > www.stuttgart-fotos.de mit Tönen zu füllen. Städte haben ihre eigenen Klänge und Töne. Schon am Dialekt der aufgespießten Wortfetzen auf dem Markt, in Geschäften oder im Bahnhof hört jeder, ob der Tönesammler sich in Stuttgart oder Köln bewegt. Hinzu kommt die Popszene, die das Klangbild prägt und präzisiert.

Monika Dommann kann über dreihundert Jahre Copyright-Kriege. berichten und rezensiert nebenbei Peter Baldwin, The Copyright-Wars. Three Centuries of Trans-Atlantic Battle, Princeton University 2014. vivant-bruguiere-droits-d-auteur-3-110. Dazu passt, dass der Verlag DALLOZ aus Paris mir gerade den Band > Droit d’auteur et droits voisins (3e édition) von Michel Bruguiere Michel Vivant, Paris 3/2015 zur Rezension geschickt hat. Auf unserem Blog haben wir schon öfters über das > Urheberrecht berichtet, das viele online so gerne in Frage stellen möchten. Das Eigentumsrecht der Kunstschaffenden und Schriftsteller ist immer bedroht, wenn Konsumenten glauben, sie könnten sich ohne Gegenleistung online oder auch offline so einfach an deren Werken bereichern. Das gilt für Texte, Fotos – wer bezahlt eigentlich unsere Fotos? -, das gilt für alle kreativen Erzeugnisse genauso wie für den Liter Milch, den wir ja auch nicht so einfach mitnehmen. Wenn jeder angeklickte und gelesene Beitrag auf unseren Blog > www.france-blog.info honoriert würde, müssten nicht mehr umständlich immer wieder Gründe für deren Existenzsicherung formuliert werden. Ach, auf S. 70 geht es schon wieder mal um > Open Access, den „Publikationen aus staatlich finanzierter Forschung“ (S. 70), die gibt es doch gar nicht. Keine Publikation entsteht nur aus staatlich finanzierter Forschung. Jeder Autor einer solchen Publikation hat ein Mehrfaches aus seinem Privatsäckel zu einer solchen staatlich geförderten Veröffentlichung schon viel früher dazugegeben, zumindest in Form seiner Investitionen zugunsten seines Studiums, und sie dadurch erst ermöglicht. Es gibt also überhaupt keinen Grund, Autoren, wenn der Staat ihnen die letzten 50 m vor der Publikation finanziert, die Rechte an ihrer Publikation zu entziehen. Die Autoren werden durch Open-Access unter Druck gesetzt, ein Weg zur ersehnten Publikation, sie wird ihnen durch diesen Trick in Aussicht gestellt.

Holger Schulze berichtet über kleine literarische Formen am Beispiel twitterarischer und anderer E-Books. Hannes Bajohr hat unter dem Titel Infradünne Plattformen Print-on-Demand als Strategie und Genre vorgestellt, das sind interessante literarische Experimente. Aber trotzdem wird jeder, der ein Buch in welcher Form auch immer zum Druck oder zu einer Online-Veröffentlichung vorsieht, beim Redigieren und beim Einfüllen in die PDF-Form schnell verstehen, was Verlage wirklich machen. Eben mal ein E-Book herstellen? On-Demand… das geht nur, wenn man vorher zumindest versucht, Verlagsaufgaben zu imitieren.

Kommen wir zu den Marginalien: Helmut König erklärt, wie Putin in der neueren russischen Propaganda immer wieder neue Form der Verdrehung von Tatsachen zulässt: Das Falsche wird hier zu Wahr definiert erklärt, die Unterscheidbarkeit von Wahr und Falsch selbst wird prinzipiell in Frage gestellt. Felix Heidenreich hat Navid Kermanis Friedenspreisrede genau und kritisiert dessen »politische Theologie«. Remigius Bunia hat sich im politischen Brüssel die europäische Sprachenpolitik angesehen: Ein Wildwuchs. Harry Walter betrachtet auf dem Flohmarkt und sonstwo gefundene Fotos. Das erste zeigt acht Frauen, und Walter ruft: »Prosit!«

Lesebericht: Merkur 797 Oktober 2015

Montag, 5. Oktober 2015

merkur-797

Das Oktoberheft mit der Nummer 797 bietet zuerst einen Beitrag von Burkhard Müller, in dem er seine Pilgerreise zum Grabtuch von Turin erzählt: > www.sindone.org: „Dein gemartertes Antlitz“. das in diesem Jahr wieder ausgestellte Grabtuch (um 1300 entstanden) „oszilliert zwischen Reliqiue und Ikone“ (S. 10). Marcus Twellmann, schlägt etwas zu einer „Archäologie der Digital Humanities“ vor: „Gedankenstatistik“. Genau recherchiert und man wundert sich, alles schon mal dagewesen. Twellmann zitiert u.a. aus Adolf Bastians > Der Mensch in der Geschichte. Zur Begründung einer psychologischen Weltanschauung (860), wo sich im >dritten Band, S. 428 ff.) der Titel seines Beitrags findet:

Thomas Etzemüller hat sich einem Bereich der Wissenschaft zugewandt, der kaum berücksichtigt wird: Es geht um die „Selbstdarstellung im Wissenschaftsbetrieb“: Ins „Wahre“ rücken. Wissenschaftler bei der Arbeit, so gezeigt, als sei ihre Lehre ständig eine Art Performance: Körper = Auftritt. Sprache und Handlungen werden inszeniert. Man könnte sagen, je besser der Auftritt, umso ruhiger die Klasse. Ein ganzes Forschungsfeld tut sich auf. Lesen Sie diesen Beitrag, und Sie erwischen sich dabei, wie Sie bei Ihrem nächsten Auftritt mit Sicherheit dran denken. Mit für den MERKUR so ganz ungewohnten aber tollen Fotos vom Auftritt Max Benses.

Simon Rothöhler hat sich Tom »Terrific« Cruise genau angesehen. > Lip Sync Battle with Tom Cruise:

Harald Bodenschatz berichtet in seiner Urbanismuskolumne Über das »Bauhaus« und seine Geschichte in Weimar und Dessau. Wolfgang Matz hat den Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Gerschom Scholem gelsen, in dem beide das schwierige Verhältnis zu Walter Benjamin thematisieren.

Marginalien. Hans Kundnani sieht hält die Eurokrise für einen Schatten auf der Wiedervereinigung. Thomas Mayer fühlt den diskreten Charm der Deflati. Paul Kahl war im Schillerhaus in Weimar. Stephan Herczeg setzt sein Journal fort.

Lesebericht: MERKUR 795 – August 2015

Montag, 24. August 2015

merkur-795-aug-2015

Urlaubshalber verspätet sich der Lesebericht über die August-Ausgabe des MERKUR, das wurde uns bewusst, weil die September-Ausgabe bereits angekündigt wurde und ihr Inhaltsverzeichnis wieder aufs Neue echten Lesegenuss mit Widerspruchspotential verspricht. Nun also erst das August-Heft:

Der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach greift die »Bildungsferne« auf. Bei ihm zu Hause brauchte man kein Bücherregal. Aber Reichenbach zitiert Albert Camus‚ Roman Der erste Mensch, in dem Camus berichtet, wie sein Lehrer Bernard ihm den Übergang auf das Gymnasium in Algier geebnet hat. Gleichheit ist nicht unbedingt das einzige Stichwort, mit dem der Bildungsferne – den Reichenbach mit Recht als verachtend bezeichnet – begegnen kann. Ungerechtigkeiten der Herkunft kann man nicht aufheben. Aber Lehrer wie Bernard bewirken viel mehr als die neuesten didaktischen Modelle. Mit Recht besteht Reichenbach in der seiner Zusammenfassung darauf, wie wenig die Lern- und Bildungsforschung sich den tatsächlichen Lern- und Bildungsprozessen zuwendet. Mit Schaudern denke ich immer noch an die Referendarzeit, in der mir gesagt wurde, das oder jenes sei zu schwer für die Schüler: z. B. just die Stimme von Camus (1) selbst, der die Stelle liest, wo Meursault seinen Beichtvater an der Soutane packt… ich weiß noch wie Schüler F. in der letzten Reihe neugierig aufguckte, auf einmal hellwach war, so hatte ihn seine Lehrerin – die saß hinten und sah das gar nicht – vielleicht nie gesehen… nach der Stunde wurde mir vorgehalten, viel zu schwer für die Schüler. Im Französischunterricht gipfelte diese Meinung in der Vorgabe nicht mehr als acht oder zehn Vokabeln pro Stunde, und ein Lehrer war nach dem Zugucken von hinten entsetzt, weil meine Schüler Fragen stellten – das hatte ich ihnen beigebracht, weil mit die 65 Fragen pro Stunde ihres Fachlehrers missfielen. Am schlimmsten fand ich die Bemerkungen im Lehrerzimmer über Schüler, die ein 4er oder gar 5er Kandidat seien. Genug, sonst wird dieser Blogbeitrag wieder zu lang.

In diesem MERKUR steht noch mehr. Joachim Fischer ist ein Soziologe aus Dresden macht erinnert daran dass seine Stadt schon immer eine Sonderrolle hatte: bei der Wiedervereinigung, dem Wiederaufbau der Stadt, dem Gedenken an die Bombardierung und auch in Sachen Pegida: „ein tiefer Schatten stadtgesellschaftlichen Versagens“ (S. 16): Hat Dresden Antennen? heißt der Titel seines Beitrags und fragt nach den Funktionen der Stadt für gesamtgesellschaftliche Debatten seit 1989. Pegida kommt aus Dresden, aber das Phänomen das diese Bewegung aufzeigt, ist keinesfalls nur in Dresden von Politikern unterschätzt worden, auch überhaupt fehlende politische Impulse auf Bundesbene können viel bewirken.

Der Politologe Jan-Werner Müller versucht den Begriff Populismus in Theorie und Praxis zu klären, Ja diesen Begriff gibt es und er zeigt, „dass manche Politiker, Parteien und Bewegungen zwischen Demokratie und Populismus changieren“ (S. 37).

Ute Sacksofsky untersucht in ihrer letzten Rechtskolumne ob die Ergebnisse der Gender Studies Eingang in das Recht finden. Christian Demand schriebt über den Gedenktags- und Jubiläumswahn und von neueröffneten Museen in Deutschland. Wolfgang Martynkiewicz hat das neue NS-Dokumentationszentrums in München besucht…

und fragt noch einmal nach der Rolle der bayerischen Hauptstadt beim Aufstieg des Nationalsozialismus. Jakob Hessing hat die erste Gesamtausgabe der Werke Ernst Tollers gelesen.

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Stefan Kleie untersucht, wie sich die ideologischen Grenzverläufe in der Neuen Rechten in Deutschland wandeln. Martin Sabrow erinnert an Orte und Landschaften, wo historische Verbrechen verübt wurden. Achim Landwehr präsentiert eine Theorie zur Dialektik von Erinnern und Vergessen. Martin Burckhardt erinnert an Utilitarismus Jeremy Bentham. Und Stephan Herczeg legt eine Fortsetzung seines Journal vor.

> MERKUR 795 – August 2015

(1) > Albert Camuswww.france-blog.info

MERKUR 794 – Juli 2015

Dienstag, 30. Juni 2015

merkur-794Mein ganzes Studium wurde vom monatlichen MERKUR im Briefkasten begleitet. Die Vielfalt der Themen war stets eine wunderbare Ergänzung des Studiums. Referate in > Romanistik, Geschichte, Politische Wissenschaften. Im MERKUR stand dazu immer irgendetwas oder er war das Sprungbrett, um stets eine wenig weiter über die anstehenden Themen darüberhinaus zu denken. Diese Vielfalt war überaus bereichernd. Und so ist das heute mit dem MERKUR immer noch. Gerade kam das Juliheft 2015 an.

Diesmal steht das Erzählen als Monatsthema im Vordergrund. Wolfgang Kemp erinnert an die Roman von Leo Tolstoi und die Verfilmungen des Werks von Rosamunde Pilcher und erwähnt dabei Sören Kierkegaard und Jacques Derrida („Ici Jaques,“ sagte er immer, wenn er einen meiner Freunde anrief). Helmut Müller-Sievers zeigt die Parallelen zwischen den neuen US-TV-Serien und dem Fortsetzungsroman im 19. Jahrhundert. David Wagner berichtet, nein erzählt vom Hochwasser in Venedig.

Michael Rutschky erzählt sein Jahr beim MERKUR. Thomas E. Schmidt macht einen Aufschrei: „Die Ausdehnung der vierten Gewalt“. Schon Mitterrand hatte einmal im Sinn, den Medien eine Art Status der vierten Gewalt in der Verfassung einzuräumen. (1) Schmidt sieht: „Presse und Politik: Eine Beziehungskrise“. Dazu passt es, dass die Bundeskanzlerin tiefgreifenden Kontroversen aus dem Weg gehe, immer auf „partnerschaftliches Miteinander“ bedacht sei. (vgl. S. 48) Was dabei herauskommt formuliert Schmidt so: „Diese Art der Metakommunikation signalisiert kontingenzreduzierte Binnenverhältnisse, Sperrbezirke auf den Bolzplätzen und Andachts wiesen der moralisierten Gesellschaft.“ In andern Worten medialer Stillstand, bei dem der > YouTube-Kanal der Bundesregierung die Politik erklärt. Ein Beispiel: > Digitale Agenda der Bundesregierung hier, wo der Bürger kommentieren darf, > Concertation numérique in Frankreich, wo 18.000 Beiträge gesammelt, ausgewertet, bewertet und in Empfehlungen für ein Digitalgesetz fließen. Bei uns: „Politik-Politik generiert einfach zu wenig Kommunikation.“ S. 51

Also doch? Christoph Menke schreibt in seiner Philosophiekolumne über die „Die Möglichkeit der Revolution“: „De Revolution ist das politische Hinausgehen über die gesellschaftliche Arbeit.“ Eckhard Schumacher führt eine Popkolumne: „Selbstverhältnisse, Autobiografie und Geschichtsschreibung“. Christian Schröder schreibt über Jahrhundertschurken: Professor Moriarty, Fantômas und Dr. Mabuse. In den Marginalien stehen Aufsätze von David Wagner, „Sie essen Aal, gehen tanzen“, wie gesagt, er schreibt über das Hochwassser in Venedig,

von Philipp Schönthaler über „Manager“ und von Tobias Schmidt „Kausalität und Interpretation: Zur Hybris makroökonomischer Progonosen“. Außerdem Paul Ford, „Höflichkeit“ *** = Am besten sind die Artikel, die ich für diesen Bericht ansehe und dann solange hängenbleibe, bis der ganze Artikel gelesen ist. Gunter Hack, „Ort und Kern des Grünfinks“ und Stephan Herczeg setzt sein Journal fort (XXVIII): Wohnungssuche in Köln, Zugfahrt nach Paris, Museumsbesuche und ein Konzert in der neuen Oper.

Jetzt muss ich wieder vier Wochen auf den nächsten > MERKUR warten.

(1) H. W., Wem nützt nationalstaatliche Kontrolle? Zur Medienpolitik in Frankreich, in: Lüsebrink, H.J., Röseberg, D. (Hrsg), Landeskunde und Kulturwissenschaft. Theorieansätze, Unterrichtsmodelle und Forschungsperspektiven, [Vorträge aus der Sektion Kulturwissenschaft auf dem Romanistentag in Potsdam 1993,] Gunter Narr Verlag, Tübingen 1995, S. 153-170.

Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen »
Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand

Dienstag, 13. Januar 2015

Die letzten 23 Jahre sah der MERKUR sich immer sehr ähnlich, fühlte sich gleich an, nun hat seine Redaktion sein Outfit überarbeitet, erneuert, verfeinert und das ist ihm bestens bekommen. „Ein offenporiger Karton“ wird in der Umschlag in „Zu diesem Heft“ genannt. Soooo fühlt sich so ein Karton also an, allein durchs Fühlen werden Sie merken, dass Sie den neuen MERKUR in Händen halten. Die Kurzbiographien der Autoren stehen nun vorne. Und diese erste Ausgabe im neuen Gewand hat gleich ein Oberthema mit auf die Reise bekommen: « Die Gegenwart des Digitalen » lautet das Heftthema im Januar. Kommt gerade richtig, nachdem wir am letzten Freitag im Europarat die Rede von Jacques Toubon, Défenseur des droits, zur > besonderen Bedeutung der Grundrechte im Internet gefilmt haben. Und die Begeisterung von > Benoît Thieulin, Präsident des Conseil national du Numérique über das Internet und seine Aufgabe, die von Premierminister Manuel Valls erbetene > Concertation national sur le Numérique zu leiten, gehört in die Bibliographie zum vorliegenden MERKUR.

merkur-788-1-2015

Geisteswissenschaften. Zunächst untersuchen Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches. Gründlich recherchiert! Sehr lesenswert. „Vier apokalyptische Reiter“, S. 6 f., haben sich auf den Weg gemacht, das geisteswissenschaftliche Buch zurückzudrängen, zu attackieren, und damit ist das Urheberrecht gemeint. Und schon werden wir sehr hellhörig. Die Reiter heißen Google-Books (> Rezension des Buches von J.-N. Jeanneney, Google défie le monde, Paris 2005), Uni-Scanner und E-Book-Piraterie, die ersten beiden nerven, der dritte ist kriminell, und ich finde es sehr ärgerlich, wenn eines meiner Bücher als Raubkopie weitergereicht wird. Der vierte Reiter heißt Open Access, und, wenn er „bald im staatlichen Auftrag“ (S. 6 f.) reitet, dann wird er richtig gefährlich. Die Grundidee seiner Anhänger ist, dass Aufsätze, die mit öffentlicher Förderung entstehen, folglich auch kostenlos zur Verfügung stehen sollten. Als ob ihre Herstellung, weil öffentlich gefördert, nichts kosten würde! Die Forscher haben unendlich viel(e) Finanzen selber investiert, bevor sie in den Genuss öffentlicher Förderung kommen, und die öffentliche Förderung muss auch irgendwo herkommen. Wir haben hier auf dem Blog schon öfters die Open-Access-Bewegung kritisiert, und tun es immer noch. Open Access würde gerne einen Sog entwickeln, nur wer bei mir veröffentlicht, verhält sich korrekt, glaubt man durchzuhören. Falsch meint und sagt Roland Reuss in seinem Heidelberger Appell, denn die Autoren sollten selbst bestimmen können, wo sie veröffentlichen. Sie besitzen das Urheberrecht an ihren Arbeiten und niemand anders. Es ist einzig und allein ihre Sache, wie sie damit umgehen. Wenn sie ihre Arbeiten als Opern Access verbreiten wollen, ist es ihre Sache.

Beide Autoren Hirschie und Spoerhase dokumentieren präzise die unerhörten Steigerungen der exorbitanten Preise für wissenschaftliche Publikationen: S. 8-10. Dann allerdings verweisen sie auf die S. Barluet, Édition des sciences humaines et sociales, Le cœur est en danger, Paris 2004, die die Absatzkrise für den Ausdruck einer Angebotskrise hält. C’est là que le bat blesse ?! Zu „spezialisiert“, zu „introvertiert“, sind die Geisteswissenschaften selber schuld am Rückgang ihrer Veröffentlichungen? Hirschi und Spoerhase raten den Verlagen zu mehr Klasse, zu mehr Reduktion. Zur Zeit werden schnelle und fixe Regaldreher produziert, die kaum ausgeliefert, bald wieder vergessen sind. Die beiden Autoren kennen die Bedeutung cleverer Lektorate.

Nullzins. Gerade wird die Welt wieder einmal auf den Kopf gestellt. Man bringt Geld zur Bank und muss gleich noch mehr mitbringen, damit die Bank die Finanzen auch annimmt. Früher bekam man ein paar Zinsen, heute schmilzt das Geld auf der Bank. Wer bedient sich eigentlich daran / an uns? Dirk Baecker erklärt die Tragweite der „Nullzinspolitik der Notenbanken“ und weiß, dass wir an der Schwelle zur nächsten Gesellschaft stehen.

Alexander Kluge hat elf politisch-historische Miniaturen verfasst: „Elf Geschichten“.

Übersetzen. Eva Guelen rezensiert Dictionary of Untranslatables. A Philosophical Lexicon. Hrsg. v. Barbara Cassin. Übers. v. Steven Rendall, Christian Hubert, Jeff rey Mehlman, Nathanael Stein, Michael Syrotinski. Hrsg. v. Emily Apter, Jacques Lezra, Michael Wood. Princeton University Press 2014: S. 38 „Auch mit der englischen Version könnte man jemanden erschlagen und fühlt sich förmlich erschlagen nach nur kursorischer Lektüre; eine andere ist jedoch kaum möglich, und selbst die überfordert planvoll: Was für eine Fülle (auch »copia« gilt ein Eintrag) von Perspektiven und unvermuteten Zusammenhängen, aber auch Brüchen und Differenzen in, unter und zwischen den verschiedenen Sprachen, vom Arabischen bis zum Russischen!“

merkur-788-1-2015Christian Demand widmet seine Memorialkolumne der Sichtbarkeit von Denkmälern.

Eckhard Schumacher untersucht die neuesten Entwicklungen der Popmusik: „Vergangene Zukunft: Repetition, Rekonstruktion, Retrospektion“.

Jetzt wird es wirklich ernst: Valentin Groebner fragt unter der Überschrift „Mit Dante und Diderot nach Digitalien“ „Wie viel will die Wissensgeschichte von sich selber wissen?“ Darin verbirgt sich ein Verriss von Peter Burke, Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia. Berlin: Wagenbach 2014, an dem Groebner keine gute Seite lässt. Kursorisches, Unvollständiges, Krauses soll Burke abgeliefert haben. Vielleicht ist das bei Wikipedia ja auch so. Natürlich gibt es dort glanzvolle Artikel, aber es gibt auch Lücken, die die kollektive Intelligenz einfach nicht zu beheben weiß. Nehmen wir ein Beispiel „L’Enfer c’est les autres („Die Hölle, das sind die anderen“): In der Kernaussage des Stückes übersetzt Sartre ein religiöses Motiv in die existentialistische Analyse der menschlichen Situation, deren grundsätzliche Ausweglosigkeit sich unter dem Blickpunkt der Ewigkeit erschließen soll,“ heißt es im Artikel > Geschlossene Gesellschaft (13.1.2015) Das ist das was man immer so aus > „Huis clos / Geschlossene Gesellschaft“ zitiert. Sartre meinte aber etwas anderes. Die Feinheiten von Wikipedia leiden unter der Anonymität der des Kollektivs, das intelligent sein möchte. Ohne aufgeklapptes Visier kommt es leicht zu Beschimpfungen, der zivilisierte Umgang leidet darunter. Das Digitale schadet dem Wissen, das will Groebner anmerken. Da denke ich wieder an diesen Blog und die Kellerarbeit damals bei der Schülerzeitung, als wir die Überschrift aus einzelnen Buchstaben zusammengeklebt haben und auf der Schreibmaschine die Text für den Offsetdruck geschrieben haben. Oder meine schicke kleine Reiseschreibmaschine von Olympia im Studentenheim mit der Pappkarte am Papierhalter, die präzise anzeigte, wieviele Zeilen Fußnoten noch zu Verfügung standen. Und heute: WORD & Co. Sind die Schülerzeitungen von heute besser? Oder die Seminarbeiten besser? Und schon wieder sind wir beim Beitrag von Hirschie und Spoerhase in diesem Heft.

Weiter geht es durch Digitalien. – Spüren Sie die Leselust, die dieses Heft vermittelt? Die will ich mit Ihnen teilen. – Ted Striphas schreibt eine kurzgefasste Phänomenologie des Internets Das Internet der Worte. Da ist eine ganze eigene, selbstreferentielle Diktion entstanden, die sich zum Gegenstand nimmt, von Absturz über Cloud und Twittern bis zu Zurückgekommene Nachricht, mit der ein Literaturwissenschaftler für ein gelungenes Werke nichts anzufangen wissen muss. Diese Digitaltechnik kann auch als ein Angriff auf das wissenschaftliche Handwerkszeug verstanden werden… die Form der Seminararbeiten ist ansprechend, aber wie die sich teilweise am „Internet inspirieren“… oder von Büchern in der Bibliothek nichts wissen, weil sie sie im Internet nicht gefunden haben. Es ist ja nun mal so, eine Seminararbeit kann man online im Netz nun mal nicht schreiben: > Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur?

merkur-788-1-2015Das ist keine Marginalie. Gunter Hack berichtet über Das Internet als militärisches System, das es in der Tat so schwer hat, sich von seinen Ursprüngen zu befreien. Roger A. Fischer schreibt über die „Gesellschaftliche Lage des Netzes“, und wie das Verhältnis von Anbieter – er wird Versorger S. 92 – und Kunden sich ändert. S. 90. Teilnehmer am Netz werden zu „Veranstaltern von Wettbewerbsprozessen“ (S. 94).

Paul Kahl und Hendrik Klavelage waren im Erinnerungsort Goethe-Nationalmuseum in Weimar. Ljudmila Belkin verortet die „Vielheit der Ukraine“ politisch und geographisch. Stphan Herczeg setzt sein Journal XXII fort.

Zu lang? Der Lesespaß, das Leseinteresse trieben diesen Lesebericht heftig an.

Auf zum > MERKUR.

MERKUR November 2014

Montag, 3. November 2014

Das > November Heft des MERKUR Martin Sabrow erinnert an den kommunistischen Widerstand gegen Hitler, den die Historiker nicht so recht gewürdigt haben, bzw. ihre Arbeiten sind in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik nicht so recht angekommen. Ingo Meyer sondiert den Bezugsrahmen eines Topos: „Niedergang des Romans?“ „Das Paradigma Artistik, Kunst des Romans, es ist ein Auslaufmodell, der Sinn für die Exemplarik dieser Großform zunehmend im
Schwinden,“ lautet sein ernüchterndes Fazit. – Patrick Eiden-Offe hat sich viele Berlin-Bilder angesehen.

Kai Althoetmar berichtet aus der Moldau und Transistrien. Friedrich Wilhelm Graf untersucht in seiner Religionskolumne „Die ‚Sozialdoktrin‘ der Russisch-Orthodoxen Kirche“ und stellt ihren bemerkenswerten politischen Einfluss zumindest in Fragen von Moral und Ethik vor. –

Ekkehard Knörer macht sich im Werk des französischen Autors Emmanuel Carrère auf die Suche nach der ersten Person. Hanna Engelmeier rezensiert Karl Ove Knausgårds „Mein Kampf“: Autobiografie oder Roman? Oder ein Austattungsroman? – Matthias N. Lorenz denkt über den „Provokationsgehalt der Figur ‚Christian Kracht'“ nach „Der freundliche Kannibale“. – Ulrich Gutmair hat die „Erzähldebüts von Katja Petrowskaja und Per Leo“ „Würdigt die Katastrophe in angemessener Weise“ gelesen. Haben wir auch gemacht: > Nachgefragt: Per Leo, Flut und Boden. – Helmut Heissenbütterl sagt etwas über den literarischen Expressionismus: „Der Zerfall der Fiktion der Realität“. – Günter Hack schreibt über die „Natur der Kohlmeisen“ – Stephan Herczeg hat in seinem „Journal XX“ weitergeschrieben.

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> MERKUR Heft 11 / November 2014

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