Verlagsblog

Sollen öffentlich geförderte Forschungsergebnisse wirklich kostenlos sein?

Montag, 7. Dezember 2009

Eine Petition fordert den Bundestag auf, den kostenlosen Zugang zu öffentlich geförderten wissenschaftlichen Publikationen sicherzustellen.

> https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=7922

„Text der Petition: Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen. Institutionen, die staatliche Forschungsgelder autonom verwalten, soll der Bundestag auffordern, entsprechende Vorschriften zu erlassen und die technischen Voraussetzungen zu schaffen.“

Im Grunde genommen ist das Anliegen dieser Petition leicht nachvollziehbar. Wenn der Staat mit der Unterstützung öffentlicher Gelder forschen lässt, dann sollten die Bürger die Ergebnisse dieser Forschungen kostenlos erhalten können.

Das klingt bestechend, einfach und fast schon logisch. Ist es aber nicht. Denn die Förderung von Forschung muss ja nicht notwendigerweise auch gleich deren Verbreitung abdecken. Tut sie es, werden bestimmt weniger Projekte gefördert, da der Topf nie für alle reicht.

Der Ruf nach kostenfreier Verbreitung der mit staatlicher Unterstützung geförderten Forschungsergebnisse hat aber auch noch eine andere Dimension. Aus welchen Gründen soll sich die Wissenschaft freiwillig in eine immer größere staatliche Bevormundung begeben? Wenn nicht nur die Erstellung wissenschaftlicher Publikationen, sondern auch deren Lektorierung, Herausgeberschaft, Digitalisierung, Bereitstellung, Katalogisierung, Vertrieb und Bekanntmachung mit öffentlicher Unterstützung erfolgen sollen, wird die Abhängigkeit der Wissenschaft vom Staat noch größer werden.

Die Zeit der Staatsverlage haben wir in Deutschland eigentlich überwunden. Die Institutionen, die staatliche Fördergelder verwalten, sollen sich als Forschungsinstitutionen betätigen und nicht zu Verlagen werden, die on- und vielleicht sogar offline veröffentlichen müssen. Woher kommt eigentlich das so grenzenlose Vertrauen in staatliche, halbstaatliche oder ähnlich öffentlich geförderter Institutionen, sie würden die ihnen anvertrauten Aufgaben schon sachgerecht verwalten? Eine Überantwortung der Forschung an die öffentliche Hand, beschwört doch auch die öffentliche Kontrolle über die Forschungsergebnisse geradezu herauf. Vielleicht haben solche Befürchtungen eher nur theoretischen Charakter. Dennoch, die Kontrolle über solche Institutionen ist kaum gegeben, abgesehen davon, dass diese Institutionen meist auch gar nicht wie Verlage ausgerichtet sind. Die Schaffung der technischen Voraussetzungen verschlingt ganz sicher Gelder, die der Forschung abgezogen werden, da Veröffentlichungen nun mal nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Dahinter steckt wieder einmal ein subtiler Angriff auf das Urheberrecht. Wie gesagt, öffentlich geförderte Forschung könnte in ihren Vereinbarungen bestimmte Absätze enthalten, die die kostenfreie Weitergabe der Forschungsergebnisse festlegen. Aber eine Verpflichtung für deren kostenfreie Publizierung, also die Bestimmung, der Staat oder die von ihm bezahlten Institutionen müssen dafür die Kosten übernehmen bringt die Wissenschaftler und das Urheberrecht in Bedrängnis. Wird einem solchen Ansinnen wie dieser Petition stattgegeben, findet auch bald der nächste Angriff auf das Urheberrecht, der Schriften Statt, die beispielsweise von Professoren verfasst werden, weil diese ja auch öffentlich besoldet werden.

Die Folge wäre eine Art Verstaatlichung der Forschung, der wir in in Deutschland mit der DDR vor 20 Jahren gerade entkommen sind.

Und was man mit den Erfolgen von Johann Friedrich Cotta, so wie er seinen Verlag und die Wünsche seiner Autoren und Leser zwischen den Untiefen der Zensur aber auch zum wohl der Literatur selbst hindurchgesteuert hat, kann man auch die Kritik an Open Access (2. Mai 2009) verbinden.

Ergänzung:

Lars Fischer: > Kurz zu meiner ePetition „Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen“, 11.11.2009, schreibt u.a. :
„Zuerst einmal bezieht sich die Petition ausschließlich auf wissenschaftliche Veröffentlichungen, die nach einem Peer Review in den einschlägigen Fachzeitschriften publiziert werden. Nicht gemeint sind populärwissenschaftliche Publikationen, Bücher, Berichte aus Tageszeitungen und andere Texte, die Verlage von Autoren einkaufen. Außerdem gibt es zwei sehr unterschiedliche Modelle des Open Access. „Goldener“ Open Access bedeutet, dass die Fachzeitschrift selbst kostenlos zugänglich ist.“

> Open Access. Akademisches Wissen soll im Netz kostenlos sein
Von Hendrik Werner, DIE WELT online 17. November 2009, 16:02 Uhr

Digital und kostenlos? Open Access

Samstag, 2. Mai 2009

Noch immer lese ich in Peter Kaedings Buch > Die Hand über der ganzen Welt. Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik, wie Cotta mit seiner Tätigkeit als Verleger zwischen Lesern und Autoren vermittelt und ganz ohne Internet deren Werke bekannt macht. Man muss schon eine starke Überzeugung von den Wohltaten des Internets haben, um Cottas Wissen und Erfahrungen unterschätzen zu können. Und mitten in dieser Lektüre über den Verleger von Goethe und Schiller taucht der > Heidelberger Appell auf, in dem Roland Reuß die Beibehaltung der Publikationsfreiheit anmahnt. In diesem Zusammenhang wurde auch Open Access erwähnt. Ein Vortrag von Christian Hauschke > Open Access an der Fachhochschule Hannover vermittelt einige notwendige Erklärungen. Zitat: „Was ist Open Access? „Open Access meint, dass diese Literatur kostenfrei und öffentlich im Internet zugänglich sein sollte, so dass Interessierte die Volltexte lesen, herunterladen, kopieren, verteilen, drucken, in ihnen suchen, auf sie verweisen und sie auch sonst auf jede denkbare legale Weise benutzen können, ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Barrieren jenseits von denen, die mit dem Internet-Zugang selbst verbunden sind.“ Der Autor spricht von „dieser Literatur“, die in der Kürze der hier zitierten Vortragsfolien nicht genauer umschrieben wird – möglicherweise sind nur bestimmte Schriften gemeint? Ich vermute mal, der Autor meint Schriften, deren Abfassung nicht von ihren Autoren selbst finanziert, sondern von z. B. einer Wissenschaftsorganisation (teil-)finanziert worden ist. Wie auch immer, man gewinnt den Eindruck, es geht um die Aufgabe des Urheberrechts und vielleicht auch um mehr, das von diesem Verfahren suggeriert wird. Nehmen wir an, ich würde eine finanzielle Unterstützung von einer Wissenschaftsorganisation für den Zeitraum erhalten, in dem ich > mein letztes Buch erstellt habe. Müsste ich dann dieses Buch der Wissenschaftsorganisation kostenlos mit allen Rechten übereignen? Ein Buch, das aufgrund eines Vorwissens und vieler anderer Fähigkeiten, Vorträge und Erfahrungen entstanden ist, die mit der Unterstützung einer Wissenschaftsorganisation – die ich im übrigen gar nicht habe – nichts zu tun hätte? Auch wenn ich eine Förderung für die Übersetzung erhalten hätte, wäre das noch lange kein Grund, die Urheberrechte für dieses Buch einfach freizugeben.

Vielleicht wird die digitale Kopierbarkeit und das Internet hinsichtlich der bessereren wissenschaftlichen Verbreitung von Forschungsergebnissen überschätzt? Solange Suchmaschinen sich anmaßen, durch Algorithmen die Qualität von Texten ausrechnen zu können, muß doch den Autoren vieler digital im Internet veröffentlichter Texte klar sein, das sie gegenüber der Technik noch ziemlich machtlos sind. Die allergrößte Gefahr ergibt sich durch die kollektive Intelligenz bei Webprojekten, wo jeder anonym hineinschrieben kann und wo Argumente, die sich an mehrheitlich vereinbarten Richtlinien orientieren, wissenschaftliche Argumente ersetzen.

Open Access wird eingerichtet, weil die Technik es erlaubt und nahelegt, obwohl die Autoren wissen, dass in ihren Werken viel mehr drinsteckt, als eine Wissenschaftsorganisation temporär finanzieren kann. Es wird auch das „Lizenzmodell „Creative Commons“ • Namensnennung • Keine Bearbeitung • Nicht kommerziell • Weitergabe unter gleichen Bedingungen“ ( > Christian Hauschke) gewählt. Aber auch hier fürchte ich, dass eines Tages eine Kontrolle der Texte, vielleicht erst eine Anpassung an die Orthographie und dann vielleicht noch andere Änderungen vorgenommen werden. Das ist ganz unmöglich wird man mir sagen. Meine Wikipedia-Erfahrungen lehren mich etwas anderes. Anonyme Kritiker haben dort meinen Beitrag zerpflückt, diskutiert und schließlich hat ihn ein anonymer Benutzer gelöscht. Wer in Wikipedia reinschreibt, kennt Kaeding: Johann Friedrich Cottadieses Problem, obwohl Freunde von mir total erstaunt waren, dass andere es sich anmaßen, in ihre Artikel einfach reinzuschreiben.

Genug. Ich lese jetzt Peter Kaedings Buch über > Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik weiter. Eine ganz andere Zeit als heute. Gerade hat Kurfürst Friedrich die Nummer 286 der Allgemeinen Zeitung verbieten lassen. Zensur nannte man das – bei Wikipedia heißt das nur „gelöscht“ -, und der Verleger sorgt dafür, dass die Zeitung weitererscheint – im Ausland, nämlich in Ulm.

Zu Open Access:

Christoph Drösser > Das Denken ist frei, DIE ZEIT, 9. April 2009

Uwe Jochum, „Open Access“ gepusht. Rösser und Reiter.

Rudolf Walther > Mythos digitale Bibliothek. Open Enteignung“ durch GoogleBooks „Wissen zum Nulltarif, Demokratisierung durch Google? Das Schlagwort ‚Open access‘ klingt gut, doch auf dem Spiel steht die Bewahrung des Wissens unserer Gesellschaft“, www.taz.de, 20.3.2009 mit bis heute 58 Kommentaren.

P.S. Nachdem dieser Beitrag als „besonders dümmlich“ bezeichnet wurde, möchte ich nochmal auf die bibliographischen Angaben zu diesem Beitrag hier hinweisen, und an die > Kommentare zum ersten Beitrag dieses Themas erinnern. Die Website der > Informationsplattform Open Access ist mir gut bekannt. Wer mir also nachsagt, mich nur bei C. Hauschke zu informieren, der im übrigen ziemlich viel zu diesem Thema schreibt, hat hier nicht genau gelesen oder sucht sich etwas, um meine Beiträge zu kritisieren. Die Sache verdient aber bessere Argumente.

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