Verlagsblog

Lesebericht: David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek

Montag, 23. Februar 2015
Montag, 9. März 2015, 20 Uhr
Stuttgart | Lesung – Moderation: Thomas Klingenmaier
Lesung im roten Doppeldeckerbus
Buchhandlung Wittwer
Königstr. 30 – 70173 Stuttgart

Blogschau:

„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist ein Feuerwerk der Gefühle, die durch die Kuriosität seiner Protagonisten zu einer liebenswerten Lektüre wird, die man gar nicht weglegen möchte,“ schreit Oliver Steinhäuser unter dem Titel > Lesebericht zu “Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek” von David Whitehouse auf seinem Blog: > buchundmedienblog.com.

David Whitehouse, hat mit dem jüngst bei Tropen erschienenem Buch > Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek ein erstaunliches Buch geschrieben. Hauptperson ist Bobby Nusku mit einer unglücklichen Kindheit und schlechten Familienverhältnissen zu Hause. Er nutzt die erstbeste Gelegenheit zu einem „Ausflug“, dessen Dauer nie ein Thema ist.

Sein Freund Sunny macht mit allerlei dummen Aktionen auf sich aufmerksam und gibt vor, Bobby beschützen zu wollen. In der Nachbarschaft macht Bobby derweil Bekanntschaft mit Rosa Reed und ihrer Mutter Val(erie) Reed. Sie putzt in einem Bücherbus, den sie kurzerhand mit einer chaotischen Abfahrt entwendet, als Bobby wieder einmal dem Wüten seines Vaters gerade entkommen ist.

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Bei ihrer stürmischen Abfahrt geht wegen der mangelnden Übung der Fahrerin so einiges zu Bruch. – „Man kann nie von etwas weglaufen, was man nie gehabt hat“, erklärt Sunny später der Polizei, die nach Bobby sucht. Es beginnt eine Bücherbusoddyssee durch England bis Schottland und wieder zurück. Unterwegs nehmen sie Joe mit auf, der die Gefahren nur noch verschärft. Das Ende der Geschichte steht schon am Anfang und wird am Ende präzisiert.

Um es gleich zu sagen. Bobby hat, auch wenn ihm eventuell mildernde Umstände zuzubilligen sind, einen doch miesen Charakter; die Sache mit dem Brennspiritus, das geht gar nicht. Aber er hat durchaus auch die Fähigkeit, Systematik in sein Leben zu bringen. Seine Mutter ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Bobby kann das nicht so recht glauben und bereitet sich auf Ihre Rückkehr vor. Akribisch sammelt er selbst kleinste Erinnerungen in seinem Archiv, dem er eine perfekt Ordnung verpasst.

Bobby pflegt nicht nur das Archiv mit den Dingen seiner Mutter, er hat auch die Angewohnheit, sich seine Umgebung mit Zahlen zu merken, wieviele Stufen, wieviele Meter von hier nach dort, zu Hause konnte er sich so perfekt im Dunkeln bewegen. Das Lesen der Romane war für Bobby immer wieder ein Anlass, sich eine neue (Land-)Karte vorzustellen, wie sollte er auch sonst z.B. John Steinbecks Roman Von Menschen und Mäusen bewältigen können? (vgl. S. 175) Ganz ähnlich geht es ihm auch bei der Lektüre von Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz, von dem er glaubte, er sei nur für ihn geschrieben, aber das glauben ja sowieso alle Leser dieser Geschichte: „Male mir einen Elefanten.“

Diese Geschichte mit dem Diebstahl des Bücherbusses enthält eine kurzgefasste Ästhetik der Literatur, auch wenn Bobby sie theoretisch nicht so recht versteht, so war ihm die praktische Auswirkung der Literatur umso klarer. Roald Dahls Matilda hatte er gelesen und glaubt nun, auch er verfüge über besonderen Gaben. Vielleicht würde es wirklich nur reichen, bloß all die Geschichten zu lesen, damit sich die Wirklichkeit ändern würde. Ganz sicher war er sich nicht, wie und was sich ändern würde, aber das Prinzip schien ihm unerschütterlich.

Im Vordergrund dieses Romans steht die Frage nach der Wirkung der Literatur. Es sind die Geschichten, die die Bücherbusleser in ihren Bann ziehen: „Lies uns was vor,“ (S. 137) sagte Bobby und reichte Val die große Ausgabe von Moby Dick. „Bücher sind das Leben“ fügt Val hinzu: „So etwas wie ein Ende gibt es nicht,“ (S. 138) und „In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben,“ erklärt sie Bobby, der die Reise im Bücherbus zu extensivem Lesen nutzt. „…die Geschichten sind miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, such selbst erleben,“ (S. 73) lehrt sie Bobby ihre Vision der Literatur.

Bobby vernachlässigt sein Archiv und liest und liest: „Er wollte Teil eines Buches sein, ein Abenteuer erleben.“ (S. 74) Engagierte Literatur vermittelt nichts anderes, denn ein Autor, der über etwas schreibt, nimmt den Dingen die Unschuld, erklärte Raymond Aron einem Café seinem Freund > Jean-Paul Sartre. Benenne etwas, oder schreibe über etwas, und es hat für Dich und den Leser eine Bedeutung, es weist auf etwas hin, es obliegt dem Leser, daraus etwas zu machen. Das ist die Appelfunktion der Literatur, die Roquentin in Sartres La nausée in einem Satz zusammenfasst: Auf dem Heimweg von Bouville nach Paris stellt er sich vor, ein neues Buch zu schreiben, das so hart wie Stahl sei, und den Leuten wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibt. – Literatur verändert die Wirklichkeit nicht, sie schärft unseren Blick für die Wirklichkeit, sie rückt Dinge in einen neuen Kontext, öffnet neue Perspektiven, stellt Autor und Leser ständig vor ihre eigene Verantwortung.

So ist es auch mit den Die Geschichten um und in dem Bücherbus. Sie gehen mit den in seinen Büchern aufbewahrten Geschichten ineinander über. Whitehouse zeigt ganz nebenbei, dass die, die lesen das Leben leichter meistern, er lässt Fiktion, Geschichten und Erzählungen nebeneinander- und ineinanderlaufen, so wie Sunny auch Der Eisenmann von Ted Hughes sein könnte, das Buch, das Bobby ihm zum Wiedersehen mitbringt. Beide sind die Fortsetzuung von Tom Sawyer von Mark Twain, findet Val, und Bobby flitzt in den Bücherbus und kommt mit der alten gebundenen Ausgabe zurück. Tom und Huck sind völlig frei… weil alle Leute glauben, sie seien im Fluss ertrunken…, weiß Bobby mit Bestimmheit zu sagen. Val dachte an ihren Bus und die Bücher: „Die Bibliothek hatte ihre Geschenke in sie hineingepflanzt. Die Wörter.“ (S. 301) Und lesen Sie auf S. 301 weiter, dort wird die Literaturtheorie in diesem Buch vervollständigt.

David Whitehouse,
> Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
Roman, Aus dem Englischen von Dorothee Merkel (Orig.: Mobile Library)
1. Aufl. 2015, 315 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50148-3

Lesebericht: Per Leo, Flut und Boden

Mittwoch, 5. März 2014

| Merkur 778 – März 2014 ist erschienen | Lesebericht: Adam Hochschild, Der Große Krieg | Unser ambulantes TV-Studio

Per Leo hat eine Familiengeschichte und zugleich eine Betrachtung der Geschichte des 20. Jahrhunderts verfasst. Die Erzählung beginnt mit den Besuchen bei der Großmutter in der Weserstraße 84 in Bremen Vegesack. Und der Beschreibung der alten Familienvilla, Leos Beschreibung der Etagen und der Lage des Hauses geht in seine Erzählungen über, sie werden Bestandteil der Handlung. Fast ist es so, als könne man sich nach der Lektüre in diesem Haus bewegen und dort ihre schon vertrauten Bewohner kennenlernen. Es geht um die Erinnerung an den Großvater, dessen SS-Existenz als Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS er nach dessen Tod entdeckt und die ihn zum Historiker macht, ganz stimmt das nicht, er studiert schon Geschichte, aber die Erkenntnisse über den Großvater, die er eigentlich schon ahnte, verdoppeln seine historische Passion. Er geht allen Spuren nach, erzählt aber nur, was er aufdeckt, nicht was sein Großvater Friedrich alles gemacht hat. Und da ist noch sein Großonkel Martin, eher ein Schöngeist, der sich ganz anders entwickelt hat. Er wohnte in der Dedeär (S. 206) und Per hat ihn einmal, als er fünf Jahre alt war gesehen.

Die Erinnerung an die Familie besteht aus vielen Erinnerungen und Schicksalen, die Per Leo zu verschiedenen Erzählsträngen ordnet- mit deren Lektüre der Leser seine Nachforschungen miterlebt. Bedenkt man, dass das Porzellanservice seiner Ururgroßmutter 48 Gedecke gehabt hat, die an Festtagen aufgefahren wurde, kann man sich vorstellen, welche Bedeutung die Familie schon damals gehabt haben muss, als die Honoratioren in das Haus eintraten. Und dann gab es die beiden untersten Fächer des Bücherregals, dessen Vorhang man wohl aus guten Gründen jahrelang nicht angehoben hat. Als die Großmutter dessen Inhalt freigab, sicherte sich Per den Inhalt dessen, was sich als Giftschrank herausstellte. Das Haus, die Familie, Familienwappen, Bücher… „Da komme ich her,“ schreibt Leo am Ende des ersten Kapitels.

„Nazienkel“ (S. 37) wurde er und beschreibt, wie er nach Informationen über seinen Großvater forschte: Document Center und Bundesarchiv in Berlin, Zentrel Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, ein Stück kam zu andern, Namen wie > Werner Best tauchen auf und Leos Wunsch, Historiker zu werden ohne ein wirklich klares Ziel verfestigt sich. Die Geschichte prägt die Menschen und Per Leo wollte herausfinden, inwieweit die Menschen, und gerade im Fall seines Großvaters, bei der Gestaltung der Geschichte mithelfen. Es ist nicht alles nur Fatalität. Warum hat Martin sich so anders als sein Bruder Friedrich entwickelt, der sich mit seinem fehlerhaften Lebenslauf bei der SS beworben hatte?

1909, Friedrich war sechs, bezogen seine Eltern die „Villa mit der Hausnummer 84“. (S. 90) Aber es sind nicht Spuren, inwieweit hier tatsächlich die wahre Geschichte einer Familie erzählt wird, es sind die so gelungenen Bezüge zwischen der Familiengeschichte und der Zeitgeschichte, die den Leser in ihren Bann ziehen. Fast ein Staunen darüber, wie sich das alles ereignen konnte. Die Passion des Historikers, Funde zu machen und das Puzzle zusammenzusetzen wird mitgeliefert.

„Gewöhnlich ist der Mensch verwachsen mit dem, was nah ist: den zuhandenen Dingen auf dem Tisch, im Garten oder auf der Straße.“ (S. 107) Die Dinge, das Haus, die Örtlichkeiten sind die Vektoren für die Erinnerung. Als der Vater von Martin und Friedrich 1915 fällt, verändert sich das Haus und seine Bewohner. 1932 ohne Berufsabschluss kommt Friedrich immer mehr mit der Nazi-Ideologie in Kontakt. Wieder fallen Namen. Heinrich Himmler und > Walter Darré („zwei Stadtflüchtlinge mit Sympathien für die Hitler-Bewegung“ (S. 159) Als Neubauer tritt Friedrich 1934 in die SS ein.

Kurz nach Kriegsende erhält seine Familie seine moralischen und pädagogischen „Richtsätze“, die Friedrich in der Gefangenschaft verfasst und an die Familie adressiert hat: „Wie ist dieser Moralexzess der Moralbrecher zu verstehen?“ fragt Per Leo und „Möglicherweise hatten sie auch nicht mehr alle Tassen im Schrank.“

Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, gehen Sie in > die nächste Buchhandlung und rechnen Sie damit, dass Sie dieses Buch in einem Zug in einem Zug durchlesen werden. Das ist hier nur ein Lesebericht, eine Rezension über Bücher aus dem eigenen Haus werden hier nicht verfasst, aber dieses Buch ist eine Einladung, die Verbindung von persönlicher Geschichten mit der Zeitgeschichte genauer zu untersuchen. Einerseits erzählt Per Leo, und andererseits hat er ein Protokoll seiner Recherchen angefertigt.

Per Leo
> Flut und Boden.
Roman einer Familie

2. Aufl. 2014, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98017-2

Lesebericht: Douglas Coupland, Generation A

Samstag, 28. August 2010

Douglas CouplandDouglas Coupland hat mit > Generation A einen Roman verfasst, der ebenso auf das Fantasy- aber auch auf das Krimi-Regal gestellt werden könnte. Ein Ökokrimi? Ein Sachbuch über den medizinischen Wahnsinn? Bestimmt ein Buch, das sich nicht dazu eignet, hier detailreich resümiert zu werden, um Ihnen nicht die Lesefreude zu nehmen. Mein Tag war anders geplant, nur noch bis Seite 200. Und dann war das Buch plötzlich zu Ende.

Bei manchen Büchern braucht man eine längere Leseeingewöhnung. Manche legen einen Band schnell wieder aus der Hand, da komme ich nicht rein, sagen die dann. Mit diesem Buch ist das ganz anders. Fünf kurze Episoden erzählen von mehr oder weniger normalen Menschen, einer von ihnen in der Nähe von > Oskaloosa in Iowa, die in ganz unterschiedlichen Ländern bei ihren täglichen Beschäftigungen jeweils plötzlich von einer Biene gestochen werden.


Größere Kartenansicht

Man erfährt, warum Samantha ihr Weißbrot auf die Erde legt, fotografiert und daraus eine Kunstaktion, nämlich ein „Erdsandwich“ macht: > Route 52 auf Neuseeland, 30 km von der Küste entfernt und > Ecke Calle Gutenberg und Calle Poeta Esteban de Villegas in Madrid. Das Internet und die digitale Welt sind ein selbstverständlicher Bestandteil der Handlung, liefern aber nicht wirklich einen lebensnotwendigen Beitrag, immerhin Zarka kann sich ein bisschen was dazuverdienen, weil Charles ihn per Webcamera beim Nacktfahren auf dem Mähdrescher beobachten darf. Julien hat gerade 114 Tage World of Warcraft hinter sich, und er ist kein echter Parkbankhocker. Aber er sitzt da nun einmal im Parc de Vincennes in Paris und wird auch gestochen.

.Der Internet Explorer 7 oder das IPaD mag das Buch zum Blättern nicht anzeigen? Dann gibt es hier die > Leseprobe. Alle fünf Personen werden nach den Bienenattacken überfallartig isoliert und abtransportiert. Nach dem Verschwinden der Bienen – warum eigentlich? Das verrate ich hier nicht -, erregen diese Stiche sofort die Aufmerksamkeit der Wissenschaft, die mit Unterstützung der Behörden dieser fünf Bienenopfer sogleich und ohne Zögern habhaft wird. Warum und wieso die Wissenschaft an ihnen ein so großes aufgeregtes Interesse hat, wird erst später verständlich. Die Isolationshaft müssen sie und der Leser hinnehmen, auch ihre Entlassung bringt keine besondere Aufklärung.

Die Bienenopfer und ihre häusliche Umgebung einschließlich der Nachbarschaft werden peinlich genau untersucht. Jeder Gegenstand wird fünf mal rumgedreht, vieles wird auseinandergenommen und eingepackt, die Bienenopfer werden an einem geheimen Ort voneinander isoliert untergebracht, untersucht und verhört.

Später werden sie freigelassen, sind als Bienenopfer die umfeierten Stars des Tages, bis ein Wissenschaftler sie zu weiteren Forschungen an einem anderen Ort wieder zusammenbringt. Sie sollen sich Geschichten (Stichwort „Decamerone“) erzählen und Coupland liefert hier gleich an mehreren Stellen eine kleine Poetik des Geschichtenerzählens mit. Die Menschen, so lässt er Serge erzählen, erinnern sich nicht mehr daran, wie man mit Geschichten die Welt neu ordnet. Erst später wird deutlich, dass er mit diesem Satz einen Anspruch auf die Deutung seiner eigenen Geschichte vorlegt. (Vgl. S: 196) Später spielt Serge mit einem Perspektivenwechsel: „Anstatt mir Geschichten auszudenken, werde ich mein Leben zu einer interessanten Geschichte machen.“ (S. 204)

> Generation A ist für eine längere Zugfahrt bestens geeignet, eine den Leser vereinnahmende Lektüre, da man kein anderes Buch nebenher oder gleichzeitig lesen kann und die andern Fahrgäste vergisst oder überhört. Zu eigen sind Stil und Ausdrucksweise, mit der Coupland die fünf Personen dieses Romans vorstellt und mit denen er ihre Geschichte, ihre Wünsche, Befürchtungen und Absichten verfolgt.

Man neigt dazu, die ganze Geschichte für völlig überzogen zu halten – total konstruiert aber im positiven Sinne des Wortes, man könnte auch sagen, glänzend komponiert -, sie ist mit großem Sachverstand verfasst und trotz aller Phantasie irgendwie auch einleuchtend mit einer gewissen Ähnlichkeit zu unserer Welt, zumal wenn man an manchen technischen unsinnigen Fortschritt denkt, der manchmal keine Rücksicht auf die Folgen zu nehmen scheint.

> Douglas Coupland
> Generation A
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann (Orig.: Generation A)
1. Aufl. 2010
333 Seiten
ISBN: 978-3-608-50110-0

Lesebericht: Manu Joseph, Ernste Männer

Sonntag, 22. August 2010

Meyer, RostBücherlesen ist wie eine Weltreise. Kommen Sie mit. Mit > Ernste Männer hat Manu Joseph einen Roman aus Indien vorgelegt, den Anke Caoline Burger übersetzt hat. Der Chef von Ayyan Mani hat sich da was in den Kopf gesetzt und versucht ohne die Duldung von Widersprüchen, seinen Mitarbeitern die Suche nach Außerirdischen per Ballon zu empfehlen. Mani nutzt das wissenschaftliche Vakuum seines Instituts, um den dort versammelten Professoren weiszumachen, dass sein Sohn mehr als sie auf dem Kasten hat. Und Mani gelingt es, sich und seine Familie auf diese Weise über das Armenviertel von Mumbai hinauszuheben.

Es geht um den Mikrokosmos des Forschungsinstituts, in dem sich die Kastengesellschaft widerspiegelt, wo Ayyan Mani als direkter Untergebener seines Chefs immer ein bisschen mehr auf dem Laufenden ist, als er eigentlich sein soll, und wie er mit diesem Wissen ständig mit seinem Fortkommen beschäftigt ist. Außerdem ist er mit der Beobachtung und auch der Organisation der sozialen Beziehungen, auf die er wiederum kaum Einfluss nehmen kann, so sehr beschäftigt, dass für andere oder seine eigentlichen Aufgaben kaum Zeit bleibt. Aber er beginnt einer Eingebung folgend, seinen Sohn Adi zu coachen, der zunächst in der Schule durch seine intelligenten Fragen auffällt. Zuerst drohen Strafen, weil er den Lehrbetrieb durcheinanderbringt, dann kommt der Vater auf immer neue Ideen, und es gelingt ihm bestens seinen Sohn zu vermarkten. Schließlich kommen die Professoren des Instituts an die Reihe, die wegen der von ihrem Chef vorgegebenen Richtung sowieso gerade etwas ratlos sind und sich auch gerne mal mit anderen Fragen beschäftigen

(Der Internet Explorer 7 mag > das Buch zum Blättern nicht anzeigen?)Und wie das halt so auch in einer streng geregelten Ordnung wie in diesem Institut passieren kann, verstoßen auch hier manche gegen die political correctness, es kommt zu immer neuen Verwicklungen und Beziehungen, die eigentlich nicht stattfinden wollten, die Manu Joseph aber spannend erzählt. Adi macht alles mit und lässt gar nicht so recht erkennen, was er von den Erwachsenen hält, die er reinlegt. Irgendwie merkt er das aber schon und hat wohl offenkundigen Spaß daran, den Erwachsenen Grenzen zu zeigen: „Er nahm sein Hörgerät raus und steckte einen Finger ins andere Ohr,“ heißt es, immer wieder, wenn er vom Klamauk der Erwachsenen genug hat; „Ich bin elf, und elf ist eine Primzahl,“ belehrt er die Erwachsenen und fragt seine Mathelehrerin, warum sie das numerische Zahlensystem und nicht die Binärzahlen lernen. Oder er will mitten im Unterricht wissen, worin die Schwerkraft besteht. Ganz der Vater, der das im Institut auch macht, allerdings eher mit under-cover Methoden,als mit der Erfüllung seiner normalen Aufgaben.

Eine wundervolle Urlaubslektüre, die den Reiz eines ganz anderen Landes bietet, und die mit den Handlungen weniger Personen viel über die indische Gesellschaft von heute erzählt. Manis Ideen sind ein Versuch, der Enge ihrer kleinen Wohnung in dem Wohnblock zu entkommen. So schwer ihm das trotz seiner kleinen Erfolge fällt, so eng sind auch die anderen, z. B. auch sein Chef Achayra in ihre jeweiligen Beziehungen eingebunden, die diese auch nur kurzfristig und oft mit erheblichen Folgen verlassen können.

> Manu Joseph
Ernste Männer
Aus dem Englischen von Anke Burger (Orig.: Serious Men)
1. Auflage 2010
357 Seiten
ISBN: 978-3-608-93892-0

Das Sommer-Leseprogramm 2010:
Phillip Meyer, Rost

Mittwoch, 7. Juli 2010

Kaum waren die Verlagsvorschauen von Klett-Cotta für das > Sachbuch, > Tropen, > die Literatur und die Hobbit-Presse wie für das Fachbuch angekommen, werden die Bücherstapel für das Leseprogramm 2010 immer größer. Eben ist > Rost von > Philip Meyer als Leseexemplar angekommen. Zwei junge Freunde wollen auf das Provinznest hinter sich lasse, ihnen missglückt der Start, denn Isaac handelt in Notwehr, ein Mann ist tot, aber Poe wird an seiner Stelle verhaftet. Der Debütroman des Jahres 2009 in den USA spielt in einer sterbenden Stahlregion und erzählt ein Drama aus Schuld und Sühne, das nach und nach das Leben aller verändert. Isaac macht sich auf seinen Weg, aber er kommt in immer größere Schwierigkeiten. Gut, dass es die lebensrettende Kraft der Freundschaft gibt.

Mein Lesebericht soll erst nach dem Erscheinungstermin erscheinen. Es nicht einfach, diese Vorgabe zu beherzigen, gleichzeitig aber mit der die Lektüre anzufangen. Wenn die ersten Seiten den Leser in den Roman reinziehen, dann wird es spannend. Der Leser taucht in Rost mitten in der Geschichte auf. Beschreibung und Handlung sind eng miteinander verwoben. Der Daily Telegraph schrieb: „Gibt es den großen amerikanischen Roman noch, der den Zeitgeist einfängt? Ja, es ist Philipp Meyers ›Rost‹, an der Seite von Cormac McCarthy, Salinger und Kerouac.“ Beim lauten Lesen der ersten Seiten wird schon klar, dass Frank Heibert, der auch Don DeLillo, Richard Ford, Tobias Wolff und Tristan Egolf übersetzt hat, hier eine wunderbare Übertragung ins Deutsche gelungen ist. Mehr verrate ich aber nicht. Das Buch erscheint am 18.8. und kurz darauf treffen uns hier auf dem Blog zum Lesebericht wieder?

Es wird Lesungen mit Tom Schilling (»Elementarteilchen«) in Köln, Stuttgart, München, Berlin und Hamburg geben.


14.09. 2010 20:00 Uhr
Stuttgart
Lesung
Philipp Meyer liest aus seinem Debütroman Rost.
Deutscher Text: Tom Schilling.
> Literaturhaus Stuttgart, Breitscheidstraße 4, 70174 Stuttgart.


Puilipp Meyer
> Rost
Roman, aus dem Amerikanischen von Frank Heibert (Orig.: American Rust)
Auflage: 1. Aufl. 2010 – 460 Seiten – ISBN: 978-3-608-93893-7

Walter Veltroni, Die Entdeckung des Sonnenaufgangs

Montag, 22. Februar 2010

Der frühere Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni, legt mit
> Die Entdeckung des Sonnenaufgangs uns seinen ersten Roman vor. Mein PC war am Freitagmorgen kaputt, und als der Techniker kam, hatte ich erst 14 Seiten gelesen. Soviel kann ich guten Gewissens verraten. Sie werden auch auf Seite 20, 30, 40 usw. merken, dass dieser Roman keine Unterbrechung duldet. Der Autor zieht Sie in das Geschehen hinein. Eine Lesepause ist nicht angesagt. Soviel zum Inhalt.
Veltroni kann nicht nur schön erzählen, er hat auch skurrile Einfälle. Nein, ich verrate nichts über den Hergang, Verlauf noch über das Ende der Geschichte. Aber man kann auf diesen 152 Seiten wunderbar herausfinden, wie Veltroni die Spannung aufbaut. Wie macht er das? Jedenfalls werden Sie merken, dieses Buch legen sie nicht gleich wieder aus der Hand. „Damals lebten die Menschen kürzer, und die Dinge währten länger,“ heißt es einmal, und das ist ein Hinweis darauf, dass es hier um die Erinnerung geht. Auch bei Proust lösen Dinge die unwillkürliche Erinnerung aus.
„Und dann dieses Gefühlt unterdrückt und kontrolliert zu werden,“ lässt mit wenigen Worten die Angst erscheinen. Der Satz „Doch an diesem Tag lernte ich die Zähigkeit der Zeit kennen,“ ist ein weiterer Hinweis auf die Zeit, die hier in ihrem Ablauf unter verschiedenen Perspektiven untersucht wird. Und dann kommt so ein Satz: „Man hat uns jede Hoffnung genommen, die wir noch teilen könnten, und uns in einen glitzernden Supermarkt eingeschlossen, wo man alles kaufen kann, aus dem man aber nicht mehr herauskommt.“ Soviel zum Konsum, der überall auf uns lauert.
Vielleicht verrate ich doch etwas. Dieses Buch ist ein Roman, aber es hält auch weitere literarische Genres, die durch die Zeit und ihre Darstellung fest miteinander verbunden sind. S. 47- 60 eignen sich vielleicht am besten für eine Lesestunde. Beim Vorlesen kommt man Veltroni am besten auf die Spur. Wie hat er das gemacht? Er verleiht seiner Geschichte eine gewisse Strenge und liefert die Emotionen gleich mit. Das Spiel mit der Zeit ist auch ein Spiel mit der Erinnerung und ihrem Gewicht. Was war früher, und welche kleinen Entscheidungen hätten manches anders verlaufen lassen? Lesen Sie auf keinen Fall den Klappentext, die erste Umschlagseite. Sie verrät ein kleines Detail, was ich hier auch für mich behalte. Lesen Sie das Buch, und dann meinetwegen den Klappentext. Hab ich Recht?
Es ist überhaupt nicht einfach, den Grund für die Lesebegeisterung für dieses Buch wiederzugeben, ohne noch mehr über den Inhalt zu erzählen. Werde ich auch nicht machen. Ein bisschen skurril ist der eine Leseabschnitt. Aber auch wieder so schön in den Verlauf der Geschichte eingebettet, so dass er sehr plausibel erscheint. Man kehrt an einen Ort zurück, wo man früher schon mal länger gewesen ist, um dann in der Vorstellung noch mehr darin zu versinken. Die Dinge, die man dort wiederfindet, geben der Erinnerung ihre Struktur. Aber die Bedeutung der Struktur oder der Dinge wird erst mit dem Andenken, mit dem Nachdenken über die Personen wieder lebendig, die damals mit ihnen umgegangen sind. Und dieses Verhältnis zwischen den Dingen und den Menschen hat Veltroni so meisterlich in Szene gesetzt. Der Titel hat eigentlich nur wenig mit der Geschichte zu tun. Und doch kommt der Morgendämmerung in diesem Roman ein besondere Bedeutung zu, wenn der Sohn des Hauses mit der Lektüre in der Hand auftaucht.

Walter Veltroni
> Die Entdeckung des Sonnenaufgangs
Wollen Sie schon mal probelesen? > Ja!
Roman
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki (La scoperta dell’alba)

Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
156 Seiten
ISBN: 978-3-608-93704-6

Alan Pauls, Die Vergangenheit

Samstag, 24. Oktober 2009

Pauls, Die VergangenheitVor der Buchmesse habe ich angefangen, den Roman > Die Vergangenheit von Alan Pauls zu lesen. Nach zwölf Jahren trennen sich Rímini und Sofía. Je mehr sie um ihn kämpft, um so mehr versucht er, sie zu vergessen. Seine erste Freundin nach der Trennung kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Trennung war für Rímini keinesfalls die erhoffte Befreiung. Zuerst die ständigen Anrufe, die dann mit der Zeit abnehmen. Rímini stürzt sich in einen Drogenrausch und eine Arbeitswut. Auf einem Kongress verliebt er sich in seine Dolmetscherkollegin Carmen. Aus ihrer Beziehung stammt Lucio, der in einer dramatischen Geburt zu früh auf dieser Welt ankommt. „Ohne mich. Du bekommst ein Kind ohne mich“, sagt Sofía zu Rímini und schlägt zu… nicht kräftig, fügt hinzu „Du Dreckskerl“… und umarmt ihn. Sofía, lässt nicht locker, der von ihr spontan geplante Besuch in einem Hotel – für ein Stündchen – scheitert, weil der Buggy von Lucion sich in der Aufzugstür verklemmt. Sofía entführt für kurze Zeit den Kleinen: „Ich bin die Frau, die deinem Papa alles beigebracht hat, was er weiß.“ Durch einen Anwalt lässt Carmen Rímini vom Bruch ihrer Beziehung unterrichten. Eine weitere Liebschaft und ein tragisches Ende warten auf ihn.

„El pasado“, „Die Vergangenheit“ als Titel bezieht sich auf die zwölf Jahre, die Sofía und Rímini zusammengelebt haben. Keiner ihrer Freunde oder Anverwandten konnte ihren Trennungswunsch begreifen. Der Umzug? Das abgetriebene Kind? Mit Sicherheit war ihr Beziehungsgefüge ins Wanken geraten und wurde einvernehmlich durch Sofías farbige Markierungen im Immobilienteil der lokalen Zeitung beendet. Was folgt ist eine realistisch beeindruckende Erzählung vom Auf und Ab Ríminis Liebeslebens, das aber nur noch künstliche und keine dauerhaften Höhen mehr kennt. Sofía kämpft um ihn, läuft eigentlich nicht hinter ihm her. Fast 600 Seiten, die man aber auch am Stück lesen muss, denn lange Lesepausen bekommen der inneren Dramatik des Romans nicht. Manche Szenen, die das Entstehen der Liebe beschreiben, enden in diesem Roman schnell im Chaos, so Ríminis Versuch, Carmen seine Liebe zu erklären, und manchmal auch in zu viel Schilderungen von Sex. Alan Pauls (1959) hat schon mehrere Romane veröffentlicht, dies ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung.

> Gespräch mit Michael Zöllner über Alan Pauls, Die Vergangenheit

Hier können Sie in > Die Vergangenheit blättern.

Alan Pauls
> Die Vergangenheit
Roman
Aus dem Spanischen von Christian Hansen (Orig.: El Pasado)
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
559 Seiten
ISBN: 978-3-608-93705-3

Nachgefragt: Michael Wildenhain, Träumer des Absoluten

Sonntag, 19. Oktober 2008

Michael WildenhainAuf der Frankfurter Buchmesse habe ich Michael Wildenhain getroffen und konnte ihn nach seinem jüngst erschienenen Buch,
> Träumer des Absoluten fragen. Wir haben über die Hauptpersonen Tariq, Jochen und Judith gesprochen.Michael Wildenhain. Der Roman erzählt auch 35 Jahre bundesrepubli-
kanischer Geschichte aus der Perspektive derjenigen, die sich an Hausbesetzungen beteiligten. Judith ist zwischen Tariq und Jochen hin- und hergerissen, träumt von einer Liebe zu Dritt, wendet sich aber schließlich Jochen zu. Michael Wildenhain hat auch über die Aspekte der Erinnerung in diesem Band gesprochen:

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Und zum Herunterladen als Podcast: > Gespräch mit Michael Wildenhain MP3

> Michael Wildenhain
> Träumer des Absoluten
1. Aufl. 2008
335 Seiten
ISBN: 978-3-608-93757-2

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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