Verlagsblog

Orhan Pamuk im Stuttgarter Literaturhaus

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Noch ein Beitrag zu unserem > Türkei-Schwerpunkt:

Orhan Pamuk

Am Dienstag, 21. Oktober 2008, war Orhan Pamuk mit seinem Buch Das Museum der Unschuld (München, Hanser 2008) zu Gast im > Literaturhaus in Stuttgart. Wegen des großen Interesses fand die Veranstaltung im benachbarten Mozartsaal der Liederhalle statt. Hubert Spiegel (FAZ) moderierte die Veranstaltung und Recai Hallaç übersetzte und las aus dem Buch von Orhan Pamuk.
Die Kurzfassung: Kemal, der aus den besseren Kreisen in Istanbul stammt, verliebt sich in Füsun, eine verarmte Verwandte und gibt dennoch die Beziehung zu der Frau, die er heiraten möchte, nicht auf. Nachder Verlobung erscheint Füsun nicht mehr. Es ist ein Sittengemälde, in dem ganz persönliche Sorgen, Melancholie, Liebe und Leidenschaft in der modernen Türkei vorgeführt werden. Was diese Lesung so auszeichnete, war die geschickte Moderation, die das Buch des Autors in den Mittelpunkt stellte und darum herum auf eine sehr spannende Weise alle wichtigen Themen des Abends anordnete. Es geht um die Libe als Verkehrsunfall, die einen unvorbereitet trifft, erhebliche, jahrelange Folgen auslöst, um die Dinge, die Erinnerungen (Cf. Proust und die Madeleine) an die eigene Vergangenheit und an die anderer in sich bergen. Und es ging um den Trost, die die Dinge spenden können. Orhan Pamuk hat ein Haus gekauft, in dem er ein Museum für diese Dinge einrichten will.

Orhan Pamuk

Alle drei Hubert Spiegel, Orghan Pamuk und der Übersetzer haben an diesem Abend eine gelungene > Veranstaltung, ja sogar eine Art Literaturseminar, vorgeführt, in dem die Romankunst, der ästhetische Ansatz dieses Buches offengelegt wurde, oder anders gesagt von verschiedenen Seiten aus – die Personen, die Dinge, die Obsessionen erschlossen wurden. Die Lesung präsentierte ausgewählte Passagen, die zum Beispiel die Verknüpfung der Erinnerungsstücke (die Krawatte des Vaters, der gelbe Krug einer Tante) mit den Personen im Roman demonstriert wurde.

> Orhan Pamuk im Stuttgarter Literaturhaus, 21. Oktober 2008

> Orhan Pamuk im Stuttgarter Literaturhaus, 7. Mai 2007

Orhan Pamuk

Ein Gespräch mit Zülfü Livaneli, Glückseligkeit

Sonntag, 19. Oktober 2008

Zülfü LivaneliZülü Livaneli, GlückseligkeitVor kurzen habe ich hier über das neue Buch von Zülfü Livaneli
> Glückseligkeit berichtet und mir meine Fragen für das Interview auf dem Stand der Buchmesse bei Klett-Cotta mit dem Autor überlegt – auf Deutsch. Nun, das Gespräch wurde dann doch auf Englisch geführt. Aber auch ein Französischlehrer kann sich auf die neue Situation einstellen. Wir haben über die Hauptpersonen Meryem, ihren Cousin Cemal und Professors Dr. İrfan Kurudal gesprochen, die alle bestimmte Entwicklungen der Türkei zwischen Tradition, Aufbruch und Moderne repräsentieren: “Kann ein Mensch sein Wesen abstreifen und zu einer ganz anderen Persönlichkeit werden, kann er eine neues, anderes Leben beginnen?” (S. 58) fragt sich Kurudal in einem Fischrestaurant und resümiert damit die zentrale Frage dieses Buches in einem Satz.

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11 Minuten

Und zum Herunterladen als Podcast: > Gespräch mit Zülfü Livanelli MP3

Zülfü LivaneliZülfü Livaneli

Von links: Zülfü Livanelli mit den beiden verlegerischen Geschäftsführern von Klett Cotta, Michael Zöllner und Tom Kraushaar. Rechtes Foto: Zülfü Livaneli und sein Übersetzer Wolfgang Riemann (Fotos: N. Retlich)

Am Donnerstag, 23.10.2008, um 20.00 Uhr ist Zülfü Livanelli zu Gast im > Literaturhaus Stuttgart.

> Zülfü Livanelli
> Glückseligkeit
Roman
Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann (Orig.: Mutluluk)
1. Aufl. 2008, 313 Seiten
ISBN: 978-3-608-93792-3

Nachgefragt: Gerhard Schweizer, Die Türkei

Sonntag, 19. Oktober 2008

Gerhard SchweizerGerhard Schweizer > Gerhard Schweizer, der auf unserem Blog bereits mehrmals über die
> Türkei berichtet hat, veröffentlicht in diesem Herbst bei Klett-Cotta den Band > Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus. Die Türkei in der Modernitätskrise. Auf dem Stand von Klett-Cotta bei der Frankfurter Buchmesse hat er auf meine Fragen zu diesem Buch geantwortet. Wir haben über Atatürk, die Kemalisten, die Traditionen und die Moderne in der Türkei gesprochen und haben zusammen diesen Entwicklungssträngen in seinem Buch nachgespürt :

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10 Minuten

Und zum Herunterladen als Podcast: > Gespräch mit Gerhard Schweizer MP3

> Gerhard Schweizer
Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus. Die Türkei in der Modernitätskrise
1. Aufl. 2008
2 Karten, 16 S. Farbtafeln
368 Seiten
ISBN: 978-3-608-94112-8

Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus (V)

Dienstag, 14. Oktober 2008

Gerhard SchweizerWelche Barrieren zu „Europa“ noch abzubauen sind

Weil die Entwicklung zu einer „Türkischen Moderne“ auf halbem Weg stehen geblieben ist und das Ideal einer pluralistischen Demokratie nicht verwirklicht wurde, ist die Situation so schwierig. Die Türkei hat noch immer nicht den Ausgleich zwischen religiöser Tradition und Modernisierung gefunden. Daß es zu einem lebendigen Dialog auf Augenhöhe zwischen den einzelnen Gruppierungen kommt, ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Entwicklungsprozeß von einer autoritär „gelenkten Demokratie“ hin zu einer echt liberalen, pluralistischen Demokratie.
Solange solche Probleme nicht gelöst sind, ist ein Beitritt der Türkei zur EU nahezu unmöglich. Es fehlt als Vorbedingung die Angleichung an das europäische – oder genauer gesagt: westeuropäische – Rechtssystem. Nicht der Islam als die „andere“, angeblich „zutiefst fremde“ Religion ist der entscheidende Hinderungsgrund, sondern ein noch nicht ausgereiftes pluralistisches Gesellschaftssystem. Europäische Staaten sind aufgerufen, weiterhin glaubhaft für die Türkei eine Perspektive zu einem EU-Beitritt zu liefern, denn gerade dies kann einen Anreiz bieten, daß die Türkei den Reformprozeß in Richtung Pluralismus beschleunigt.
Ein solcher Schritt hätte Signalwirkung nicht nur für die ohnehin schon 15 Millionen in Europa lebenden Muslime – und die schon 3 Millionen Muslime türkischer Herkunft in Deutschland – sondern auch für die islamische Welt insgesamt. Die Türkei könnte sich zu einem Modellfall dafür entwickeln, daß Islam und westliche Kultur, unter dem Vorzeichen eines kulturellen Pluralismus, vereinbar sind.
Es bleibt allerdings die Frage, ob sich die EU nicht damit überfordert, ein wirtschaftlich so labiles Land wie die Türkei in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Aber diese Frage stellt sich ebenfalls bei vielen Ländern in Osteuropa. Was dagegen die religiös-politischen sowie kulturellen Entwicklungsprozesse der Türkei angeht, besteht – wenn wir im Zeitraum von Jahrzehnten denken – Anlaß zu vorsichtigem Optimismus.

Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus (IV)

Montag, 6. Oktober 2008

Gerhard SchweizerTürkischer Islam genauer betrachtet

Türkische Muslime betonen meist die koranisch vorgeschriebene Toleranz gegenüber Christen. Im Widerspruch dazu steht allerdings, daß die Christen in der Türkei theoretisch zwar volle Glaubensfreiheit genießen, aber in der Praxis weniger Entfaltungsfreiheit und Rechtssicherheit wahrnehmen können als etwa in Ägypten, Syrien, Jordanien. Diese Einschränkungen haben mit den traumatischen Erinnerungen der Türken an den Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun, als von den Griechen und Armeniern eine starke politische Bedrohung ausging: Damals wollten sich diese Völker aus dem geschwächten Osmanischen Reich lösen. Die Türken unterstellen bis heute mehrheitlich ihren christlichen Minderheiten, eher nationalistisch denkende „Griechen“ und „Armenier“ als loyale „Türken“ zu sein. „Christlich“ wird in diesem Zusammenhang immer noch mit „anti-türkisch“ gleichgesetzt.
Ein weiteres Problem kommt hinzu: Die Türkei ist kein wirklich säkularer und erst recht kein konsequent laizistischer Staat. Denn der türkische Staat verhält sich nicht religiös wertneutral, sondern begünstigt seit dem Erstarken islamischer Strömungen in den siebziger Jahren einseitig den sunnitischen Islam, zu dem sich nahezu 80 bis 85 Prozent der Türken bekennen. Nur den Sunniten ist es erlaubt, neue Moscheen zu bauen und Religionsunterricht an öffentlichen Schulen abzuhalten. Der sunnitische Islam besitzt inzwischen mehr oder weniger inoffiziell die Funktion einer „Staatsreligion“, was in krassem Widerspruch zu den Intentionen Atatürks steht. Sunnitischen Muslimen ist es seither möglich, mit ihrer großen Mehrheit sämtliche andere religiöse Strömungen zu unterdrücken, ohne daß der Staat einschreitet.
Aber nicht nur christliche, sondern auch muslimische Minderheiten haben unter dieser gewandelten Situation zu leiden. Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang der religiös-politische Konflikt zwischen Sunniten und Aleviten. Den Aleviten, einer schiitischen Konfession, wird von Seiten orthodox sunnitischer Kreise noch immer jedes Existenzrecht abgestritten; sie gelten aus deren Sicht als „unislamisch“. Die Aleviten sind bis heute gezwungen, den sunnitisch -nationalistischen Religionsunterricht zu besuchen, der seit 1983 an allen türkischen Schulen Pflichtfach ist. Diese schroffe Form religiöser Diskriminierung wurde bisher von jeder türkischen Regierung – ob nun strikt „säkular“ oder „islamisch“ orientiert – geduldet. Die Spannungen zwischen Sunniten und Aleviten sind auch unter den in Deutschland lebenden Türken spürbar.
Gegen diesen „verfälschten Islam“ und dessen Machtmißbrauch gibt es in der Türkei intellektuell gewichtige Gegenströmungen, am auffälligsten sind hier Reformtheologen wie Yasar Nuri Öztürk und Ömer Özsoy. Besonders Öztürk ist bei der türkischen Ober- und Mittelschicht ein äußerst populärer Theologe geworden, weil er publikumswirksam im Fernsehen zwischen der Ideologie des „Laizismus“ und einer „islamischen Moderne“ zu vermitteln versucht.
Eine zweite bemerkenswerte Strömung gegen religiös-politische Verhärtungen kommt von der islamischen Mystik, die gerade in der Türkei trotz des Verbots durch Atatürk 1925 noch immer eine Rolle spielt. Der Sufismus mit seiner religiös grenzüberschreitenden Toleranz – besonders markant durch die Mevlevi-Bruderschaft des Mystikers Celaleddin Rumi vertreten – gewinnt sogar zunehmend an Einfluß. Ähnliches gilt allerdings auch für die Naqshbandi-Bruderschaft, die in Abweichung vom ursprünglichen Sufismus zu einer ideologischen Stütze konservativ islamischer Parteien in der Türkei geworden ist. Erbakan und Erdogan sind Sympathisanten dieser Bruderschaft.

Zülfü Livaneli, Glückseligkeit in 3sat

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Zülü Livaneli, GlückseligkeitAm 2. Oktober können Sie in > 3sat-Kulturzeit (19:20 Uhr) das Porträt unseres türkischen Autors Zülfü Livaneli sehen.

> Zülfü Livaneli
> Glückseligkeit

Roman
Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann (Orig.: Mutluluk)
1. Aufl. 2008, 313 Seiten
ISBN: 978-3-608-93792-3

Donnerstag, 23. Oktober, 20 Uhr
GLÜCKSELIGKEIT
Zülfü Livaneli
Musik: Jocelyn B. Smith & Band
Einführung: Claudia Roth
Lesung und Konzert
> Literaturhaus Stuttgart

> Stuttgarter Literaturhaus, 23. März 2011: Zülfü Livaneli, Der Roman meines Lebens

Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus (III)

Montag, 22. September 2008

Gerhard SchweizerAufstrebende Parteien einer „Islamischen Moderne“

Zu den Paradoxien der letzten drei Jahrzehnte gehört es, daß ausgerechnet „islamisch“ orientierte Politiker mit deutlicher Kritik an den Positionen der Kemalisten heute ideologisch beweglicher und pragmatischer sind als viele der betont säkularen Nationalisten. Zwar gab und gibt es auch in der Türkei radikale Islamisten, die sich mit ihrer Intoleranz und dogmatischen Härte kaum von radikalen Gruppierungen arabischer und iranischer Islamisten unterscheiden, aber sie finden nur bei einer verschwindend kleinen Minderheit der türkischen Bevölkerung Zustimmung. In den Vordergrund schieben sich mehr und mehr Gruppierungen, die sich von den totalitären Vorstellungen einer religiös-politisch durchstrukturierten Gesellschaftsordnung distanzieren und sich ausdrücklich zum „Laizismus“, zur strikten Trennung von Religion und Politik, zur Religion als „Privatsache“ bekennen.
Diese moderat „islamisch“ orientierten Politiker fordern im Unterschied zu den meisten säkularen Nationalisten einen demokratischen Pluralismus nicht nur für religiöse, sondern auch für ethnische Gruppierungen. So kommt es, daß heute die „konservativ islamische“ Partei AKP unter Recep Tayyip Erdogan den Maßstäben einer westlichen Demokratie näher kommt als die maßgebenden Parteien eines strikt säkularen Nationalismus. Nicht die CHP, die Partei Atatürks, plädiert heute nachhaltig für mehr Demokratie und eine Machtbeschränkung des Militärs, sondern die AKP. Nicht die CHP ist heute die entschiedenste treibende Kraft für einen Beitritt zur EU, sondern wiederum die AKP.
Immer mehr wird deutlich, daß die Ideologie des säkularen Nationalismus – die doch aus Europa importiert wurde – mit ihrer Radikalisierung eines intoleranten Türkentums weniger in die „europäische Wertegemeinschaft“ zu integrieren ist als eine reformbereite und pragmatisch bewegliche „islamische“ Bewegung. Andererseits muß auch die politische Praxis des Ministerpräsidenten Erdogan kritisch beobachtet werden. Es ist immer noch eine offene Frage, inwieweit die mit absoluter Mehrheit regierende AKP ihren „Weg nach Europa“ tatsächlich konsequent fortsetzt oder ob sie nicht – wie zuvor die säkularen Nationalisten – eigene Grundsätze unterläuft.

Glückseligkeit

Sonntag, 14. September 2008

Zülü Livaneli, GlückseligkeitDieses Buch ist ein echt interessantes Beispiel für einen Roman, der seine Leser über die Verhältnisse im Land des Autors aufklärt. Ohne Zweifel. enthält Livanelis Roman > Glückseligkeit auch viel Kritik des Autos an überkommenen antiquiert wirkenden Traditionen wie besonders die Absicht der Familie Meryems, die vergewaltigte Tochter, die die Ehre der Familie beschädigt hat, nicht weiter leben lassen zu wollen. Die Geschichte beginnt in einem Dorf in Ostanatolien und führt auf einer langen Reise in einen Vorort von Istanbul, wo Tradition und Aufbruch heftigst aufeinanderstoßen. In Ostanatolien entdeckt der Leser die Geschichte der Familie Meryems, ihr traumatisches Erlebnis, das die Stellung der Frau in der Gesellschaft ihres Dorfes und damit auch die Widersprüche, die daraus entstehen, nur noch krasser hervortreten lässt.

Der Roman enthält wie in einer Form des Cross-Cut zwei weitere Geschichten, die des Professors Dr. İrfan Kurudal, der wie Jean-Bapiste Clamence im Roman La Chute (1956), alles zurücklässt und sich auf eine Reise begibt. Was für Clamence die Bar Mexiko-City in Amsterdam ist für Kurudal ein Boot, mit dem er aus Meer hinausfährt, um über sein bisheriges erfolgreiches erfolgreiches Berufsleben und dessen Abbruch und seine > Metanoia nachzudenken. Und dann ist da die dritte Geschichte von Cemal. Im Gabar-Gebirge im Osten der Türkei kämpft Meryems Cousin Cemal gegen die PKK. Die Soldatenwitze meist um Frauen zeigen auch hier die feste Verankerung in ihren Traditionen und wie sehr diese ihr Leben bestimmen. Während Cemal unter der Kälte leidet, ständig den Tod vor Augen, ist seine Schwester zu Hause im feuchten Keller eingesperrt. Nach seiner Rückkehr wird er sofort wieder in die Familienpflichten eingebunden, für die kein Widerspruch geduldet wird.

Drei unterschiedliche Personen, die im Verlauf der Geschichte mit ihren individuellen Erlebnissen, im Fall des Professors die Entwicklungen der letzten Jahre und deren Folgen, in bezug auf die beiden Geschwister das Haften an der Überlieferung und der Tradition zeigen. „Kann ein Mensch sein Wesen abstreifen und zu einer ganz anderen Persönlichkeit werden,kann er eine neues, anderes Leben beginnen?“ (S. 58) Ist diese Frage, die sich Kurudal in einem Fischrestaurant stellt, die Schlüsselfrage dieses Romans? Und er bringt seine Analyse der türkischen Gesellschaft auf den Punkt: „Wäre der gute Professor Sigmund noch am Leben, könnte ihm die Türkei als riesiges Laboratorium zum Beweis seiner Theorien dienen.“ (S. 59) Sein Nachdenken stellt dem Leser interessante Einblicke in den Aufbruch der Türkei, in ihre beginnende Moderne mit allen ihren Hindernissen vor. Woran halten sich die Menschen, wenn es mit den Veränderungen ernst wird: Religion, Nationalismus, Kurdentum oder Nihilismus ? (vgl. S. 95) hatte der Professor sich einst auf einer Flugreise notiert. Wenn Livaneli andere Personen einführt, werden weitere Themen vorgestellt, wie zum Beispiel der Hungerstreik politischer Gefangene, deren Angehörige auf dem Weg zu ihnen sind.

Dieser Roman ist eine Aufforderung mehr über die Türkei zu lesen. Er weckt Verständnis für die Probleme dieses Landes, die mit der Öffnung und mit seinem religiösen Konservativismus verbunden sind. Livaneli ist es gelungen, in seinem Roman genau diesen Zusammenstoß zwischen Moderne und alther gebrachten Traditionen vorzustellen und zugleich die Chancen dieses Landes anzudeuten.

> Zülfü Livaneli
> Glückseligkeit
Roman
Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann (Orig.: Mutluluk)
1. Aufl. 2008, 313 Seiten
ISBN: 978-3-608-93792-3

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