Verlagsblog

Nachgefragt: Wolf Wagner über das Versagen der deutschen Hochschulen

Freitag, 16. Juli 2010

In Ihrem neuen Buch Tatort Universität (Klett-Cotta) sprechen Sie vom Versagen deutscher Hochschulen. Warum?

Gegenwärtig klagen alle Beteiligten, also auch die Hochschulen, die Professoren, selbst die Hochschulleitung, was aus der gestuften Hochschulreform geworden ist. Wenn man aber genauer hinsieht, sind die, die am lautesten klagen, diejenigen, die das Ganze verursacht haben: Die extreme Verschulung, die vielen Klausuren, die Unbeweglichkeit, dass man Leistungen, die im Ausland erbracht werden, nicht richtig anerkennt – das sind Dinge, die alle lautstark beklagt werden, aber verantwortlich dafür sind die Professoren. Unter dem Namen Bologna haben sie Etikettenschwindel betrieben und genauso weitergemacht wie bisher. Sie haben in ein sechssemestriges Studium, das bisher acht oder zehn Semester dauerte, alles an Fachwissen reingepackt – und wundern sich dann, dass die Studierenden klagen.

Das ganze Interview stand im Klett Themendienst 49/März 2010:
> Diagnose: scheintot – Vom Versagen deutscher Hochschulen

Der Lesebericht: > 10 Jahre Bologna ohne Feierlaune
Wolf Wagner
Tatort Universität
Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung
1. Aufl. 2010 – Ausstattung: broschiert – 188 Seiten
ISBN: 978-3-608-94614-7

10 Jahre Bologna ohne Feierlaune

Freitag, 12. März 2010

Gerade ist hier auf dem Blog der Text „ich habe das Buch gelesen“ zu dem Band Tatort Universität Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung erschienen, da bringt Paul Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien, das, was mit dem Bologna-Prozess angerichtet worden ist auf den Punkt: „Nach zehn Jahren Bologna kann ich sagen: Den europäischen Hochschulraum gibt es nicht, die Mobilität der Studierenden ist sogar zurückgegangen, die sogenannte Vergleichbarkeit ist ein formal bürokratischer Nonsens, und um das zu erreichen, hat man in Gesamteuropa mit unglaublichen materiellen und immateriellen Kosten über Jahrhunderte gewachsene Strukturen zerschlagen.“ Zitiert nach > Ministerkonferenz zum Bologna-Prozess, Die Suche nach dem europäischen Hochschul(t)raum – tagesschau.de. Diese Seite ist möglicherweise bald nicht mehr verfügbar.

Man kann den Bologna-Prozeß nicht mehr rückgängig machen? Wer freut sich über eine solche Aussage? Mein Studienbeginn und die beiden Studienjahre in Paris an der Sorbonne-Nouvelle und Sciences Po waren das perfekte Sprungbrett für Romanistik, Geschichte und Politologie in Bonn. Das war nur ein kleiner Einblick in die Vielfalt Europas. Aber das war toll, eben weil es keine geregelten Äquivalenzen gab. Bei meiner Ankunft im Romanischen Seminar in Bonn wurden meine Pariser Studienleistungen bewertet und ich kam ins 5. Semester, holte dies und jenes nach und hatte so einiges an Themen im Studiengepäck, das es in Deutschland so nicht gab. Und nur weil es keine Kreativität und Verständnis bei der Bewertung von Studienleistungen im europäischen Ausland gibt, soll und muss alles vereinheitlicht werden? Und die Verschulung der Studiengänge führt dazu, dass kleine Module nicht mehr mit denen der Nachbarländer zusammenpassen, man braucht immer mehr Kommissionen, Evaluationen und Gremien, Bologna ist sich selbst im Weg. Bologna steht für ein hochschulpolitisches europäisches Monster. Eine Bürokratie, die vielleicht einst als eigener Studiengang kreiert werden wird, und bei jeder Evaluation durchfallen wird. Früher schrieb man nach einem Studienaufenthalt im Ausland einen interessanten Aufsatz, heute müssen alle Beteiligten die ECTS-Punkte zählen.

Auf dieser Seite > Module, ECTS-Punkte und Workload steht: „Für einen Bachelor- Abschluss sind 180-240 ECTS Punkte, für einen Master- Abschluss 60-120 ECTS-Punkte vorgesehen.“ Inhalte werden hier mit keinem Wort erwähnt, aber hier wird die bürokratische neue Vielfalt in Europa ganz gut zusammengefasst.

Wolf Wagner
Tatort Universität
Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung
1. Aufl. 2010
Ausstattung: broschiert
188 Seiten
ISBN: 978-3-608-94614-7

Wolf Wagner, Tatort Universität
Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung

Dienstag, 9. März 2010

Zuerst kommt das Buch von Wolf Wagner, > Tatort Universität. Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung dran. Dem Titel und dem Untertitel dieses Buches ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wagners Buch ist eine herbe Kritik am Zustand der deutschen Hochschulen. Er wirft den deutschen Universitäten ein Verharren auf einem niedrigen Niveau in Bezug auf die Bildungsbeteiligung der Bevölkerung vor und kritisiert die damit zusammenhängende Begrenzung der Innovationsfähigkeit. Die deutsche Universität, so Wagner, „weigert sich in weiten Bereichen, die wissenschaftliche Berufsbildung der nächsten Generation zu übernehmen und gefährdet damit auf Dauer das Kreativitätspotential der deutschen Wirtschaft“ (S. 19) das ist einer der Kernsätze, der darauf hinweist, das die Hochschulen in Deutschland sich mit anderen Dingen beschäftigen als mit ihren eigentlichen Aufgaben. Der Bologna-Prozess und die Einführung der Bachelor-Studiengängen mit dem ungeheuren Aufwand der Akkreditierung von Studiengängen (> Akkreditierungsrat) gehören zu den Entwicklungen, die das Studium immer mehr reglementieren und folglich nicht geeignet sind, das Kreativititätspotential der Studenten zu fördern. Vielleicht wird man zu der Einsicht kommen, dass die Normierung der Studiengänge in Europa kein besonderer Geistesblitz war. Gerade die Vielfalt der unterschiedlichen Studiengänge macht(e) den Reiz aus, an eine andere Universität im europäischen Ausland zu gehen.

Aber Wolf Wagner wird noch deutlicher, er wirft der deutschen Universität vor, zu einer „Selbstbezüglichkeit“ zu neigen, „die sie dazu treibt, sich immer mehr von einander und er Wirklichkeit“ abzuschotten, sich in „immer stärker spezialisierte Fachkulturen aufzuspalten, die untereinander weder kommunikationsfähig noch kommunikationswillig sind.“ (ebd.)

Ein wichtiges Stichwort des Autors ist Kreativität. Sie kann in der Tat gar nicht erst aufblühen, wenn die Studenten einen Stundenplan diktiert bekommen, der wie die Verlängerung der Schule wirkt. Selbständigkeit, Lust an individueller Problemlösung, Neugier statt theoretischer Tiefbohrungen, die das Denken verengen und jede Horizonterweiterung scheitern lassen, sind für das, was Wagner das „verrückte Denken“ nennt, notwendig. Der aufgeblähte Bürokratismus der Bachelor-Studiengänge,der den Professoren und Studenten an der Universität Kraft und Zeit raubt, bringt die Studenten nicht dazu, für ihr Fach zu „glühen“. Mit Bologna ist auch der Bildungsbegriff der Universität verändert werden. Jetzt geht es um Kompetenzen und um abfragbare Inhalte (Stichwort „Module“, „Leistungspunkte“, „ECTS“), die sich wunderbar evaluieren lassen: „Mit dem Verlust der Humboldtschen Menschenbildung als zweckfreies Realisieren der eigenen besten Möglichkeiten wurde auch der letzte Rest an verrücktem, kreativen Denken aus der deutschen Hochschule eliminiert, und übrig blieb alleine das exakte Denken.“ (S. 87)

Nachdem die Kultusministerkonferenz (KM) am 15. Oktober 2009 die Hürden für ein 8-semestriges Bachelor-Studium beseitigt hat, plädiert Wagner für das Angebot eines „Kreativjahres“, (S. 99-101)mit dem das Verhältnis von Bachelor und Master überdacht und modifiziert werden kann.

Und dann noch ein Wort zur Mobilität, die durch den Bologna-Prozess in Gang gesetzt werden sollte. Wagner meint, der Rahmen dieses Prozesses würde dem nicht widersprechen, aber er macht die Modularisierung und die Prüfungsausschüsse dafür verantwortlich, „dass nur mit den eigenen Modulen identische Veranstaltungen anerkannt werden“, (S.108) die die Mobilität ersticken. Wer hat sich eigentlich den Begriff „Modul“ ausgedacht, und ist man sich bewusst, was man damit angerichtet hat? da werden doch möglicherweise Lehrinhalte gestutzt und zurecht geschnitten, damit sie in ein Modul passen?


< duz – Unabhängige Deutsche Universitätszeitung 3/2010:
10 jahre Studienreform durch Bologna:
Stadtführer durch Bologna


Wolf Wagner hat ein kritisches Buch verfasst, aber er beweist auch seine Sachkenntnis und ist mit den Problemen, z.B. des Verhältnis von Lehre und Forschung bestens vertraut. Er legt keine Kritik oder Ablehnung in Bausch und Bogen vor, sondern analysiert detailgetreu die Schwachstellen des Bologna-Prozesses und zeigt Lösungsansätze auf. Das Buch richtet sich an Hochschullehrer, an alle, die irgendeiner Form mit der Organisation der Hochschullehre betreut sind und an die Studenten, denen hier auch Wege aufgezeigt werden, das Beste aus ihrem Studium zu machen.

Wolf Wagner stammt aus Tübingen. Nach dem Studium in Tübingen, Bonn und Berlin wurde er an der Freien Universität Berlin 1976 Dr. rer. pol. promoviert und habilitierte sich 1979. Bis 1992 war wer Freier Therapeut in Tübingen und Berlin. Bis 2009 war er Professor für Sozialwissenschaften und Politische Systeme am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Erfurt, dort Prorektor und Rektor bis 2005. Seit September 2009 lebt er in Berlin.

Wolf Wagner
Tatort Universität
Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung
1. Aufl. 2010
Ausstattung: broschiert
188 Seiten
ISBN: 978-3-608-94614-7

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