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Lesebericht: Douglas Coupland, JPod

6. September 2011 von Heiner Wittmann

> JPod erinnert mich an frühere Zeiten, in denen ich als Produktmanger in einem Softwareunternehmen, die Herstellung Computerlernspielen betreut habe. Jede Änderung am Code verlangte stets von neuem das Durchprüfen aller Funktionen. Dabei ging das Spiel in Routine über, und die Wirklichkeit war immer nahe daran sich virtuell aufzulösen. Genau diesen Übergang zwischen den Geschichten des täglichen Lebens zur virtuellen Welt der Computerspiele nimmt Douglas Coupland ins Visier. Die Notwendigkeiten der internen Organisation des Unternehmens, das die Spiele herstellt, verlangt straffe Hierarchien und die Arbeitsorganisation färbt auf das soziale Verhalten der Mitarbeiter ab. Sie passen sich ihrem Arbeitsplatz an und den Produktionszyklen an. Eigene Initiative ist nicht gefragt, der Code des Spieles würde sich im Chaos auflösen. Coupland zeigt die Gradwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg des Teams, das nur in der Summe funktionieren kann. Neue Mitarbeiter merken bald, wie ihre Kollegen von „verschiedenen Formen eines leichten Autismus geplagt werden“ (S. 329) Das geht sogar so weit, dass man sie auch als „High-Functioning-Autisten“ (ib.) bezeichnen kann. Das ist keine Krankheit, sondern eine Art Teil ihrer Persönlichkeit. Eigentlich sind sie ganz normal, aber dann auch wieder in bestimmten Situationen irrsinnig leicht reizbar. Vielleicht hängt das mit der Reizarmut in den virtuellen Welten zusammen, die den verstärkten Ansturm irdischer Empfindungen als Bedrohung wahrnehmen. Ob das auf alle Bildschirmarbeiter zutrifft? Die virtuelle Welt, in der die Bewohner des JPod, der Produktionszelle in der Spielefirma leben, kann auch ein Symbol für die Excel und Wordarbeiter in allen Unternehmen sein, die ihre Aktivitäten jeden Tag dem PC anvertrauen und ihre Texte dort in die Textverarbeitung schicken. Coupland denkt wohl auch an dieses überbordende Vertrauen, dass die Computertechnik von uns verlangt. (A propos: > Schreiben Sie mit der Tastatur oder mit der Hand?

Das JPod, in dem die Produktmanager und Designer arbeiten, wird selber zum Bestandteil des Spieles. Der Roman verrückt die Grenze zwischen Realität und virtuellem Spiel ein bisschen mehr in Richtung des wirklichen Lebens. Mit diesem Kunstgriff der Übertreibung gelingt es Coupland die Folgen Vereinnahmung durch den Computer zu demonstrieren, die immer besonders in Auge fällt, wenn man zwei Menschen beobachtet, die zusammen ein Problem auf einem Bildschirm betrachten. Meist steht die Technik im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und die Sachprobleme, die inhaltlichen Themen werden zweitrangig.

Ethan und seine Kollegen haben Besprechungen – neudeutsch „Meeting“ -mit ihrem Chef, wie sie in vielen anderen Firmen stattfinden. Alle dürfen mitreden, bis der Chef nicht widerspruchsduldend zusammenfasst: „Fakt ist…“ Also kommt die Schildkröte in das PC-Spiel rein, und alle denken nur noch an die Schildkröte. Wer im Entwicklungszentrum, kurz JPod arbeitet, wird oder ist ein Teil des Systems. Eine bestimmte Sprache, die Schrullen der Kollegen, Habitüden, mit denen man sich noch ein rest an Selbständigkeit und Individualismus zu bewahren sucht eingeschlossen. Das ginge ja noch alles, wenn da nicht immer wieder die störende Realität der realen Welt erscheinen würde. Ethan hat mit einem Besuch bei seinen Eltern Riesenprobleme hätte. Und mit den vielen Chinesen in seiner eigenen Wohnung weiß er auch nicht so recht was anzufangen. Bleibt ihm manchmal nur noch das Mittagsschläfchen im JPod unter dem Schreibtisch mit den Gelben Seiten als Kopfkissen? Mit dem festen Einband und dem Cover von Coupland, die den Übergang der Entwickler-Crew zu Lego-Figuren andeutet, sie werden selbst Teil des Spiels, ahnt man, was auf die JPod-Bewohner zukommt.

Das Motto. Hier klicken. So fängt der Roman an. Die vielen groß und fett gedruckten Gedankensplitter klingen wie ein Aufblitzen der realen Welt in der virtuellen Einöde des JPods. Zwischendurch diese blöden Spam-Mails aus fernen Ländern, die Prozente für die Überweisung imaginärer Riesensummen anbieten. Dann kommen im Roman – ist das eigentlich ein Roman? – die Steckbriefe von Ethans Kollegen. Casper Jesperson mag Doom 3. Brianna Jyang arbeitet am liebsten bei 18,5 Celsius Raumtemperatur. Joe Doe bevorzugt Hausmaeister Willie bei den Simpsons. Brandon Marck Jackson gehört erst seit drei Wochen zum JPod. Kaitlin Anna Boyd Joyce isst dauern Kaugummi. Ethan Harrison Jarlewski hat, als er noch auf der Highschool war, ein Betriebssystem entwickelt. Das hieß Mentos.

Und sie sprechen über ihre Arbeit: Kaitlin: „Du musst zugeben, dass die Hälfte der Leute, die hier arbeiten, grenzautistisch sind…“ Ethan hat sowieso Probleme mit den Meetings, besonders wenn plötzlich die Namen des Spiels wieder geändert werden, nur weil Alistair mittlerweile das Sagen hat.

Kaitlin leidet an Prosopagnosie und kann Namen und Gesichter nicht richtig zuordnen und sie klagt über die Kollegin Bree mit ihrem Mikroautismus, der sie ständig auf die Jagd nach sexuellen Kontakten schickt. Ob die Umarmungsmaschine Abhilfe schaffen wird? Mehr Produktivität? Mehr Kreativität?

Auf der Rückseite steht, der Autor „zeigt sich einmal mehr als satirisch souveräner Exeget unserer heutigen Massenkultur.“ „Medienkultur“ würde ich sagen. Oder gar Computerkultur, die uns immer vorgaukelt, das sei die beste aller Welten, die aber hin und wieder Texte verschluckt oder verstümmelt und da immer weniger mit richtigen Texten arbeiten, Twitter mag sowieso nie mehr als 140 Zeichen, merken die meisten nicht, wie der PC uns unsere Freiheiten nimmt, und Google uns seine Ordnung der Welt suggeriert.

An wen wendet sich das Buch? An alle die meinen, PCs hätten nichts Verführerisches, Computerspiele machen nicht süchtig, sondern sind nur Zeitvertreib, die virtuelle Welt des Computerlebens sei auch ganz schön, werden hier eines Besseren belehrt. Die PC-Spielewelt hält nicht nur ihre Entwickler im Griff, sie beschädigt auch Imagination und Phantasie der Spieler, genauso wie im > virtuellen Spiel von Web 2.0 auch soziale Bezüge Schaden nehmen. Dieses und viele andere Themen lässt Coupland in seinem Buch geschickt verpackt und zugleich schonungslos offengelegt anklingen. Ich habe beim andere beim Durchblättern beobachtet, etwas erstaunte Blicke, Stirnrunzeln bei dem ungewohnten Druckbild. Die vielen Gedankensplitter, die unerwarteten Unterbrechungen, die Querverweise, das ist doch genau die PC-Arbeit, die uns immer jede Konzentration raubt. Wie oben gesagt und verlinkt: Der > PC kann nicht alles.

Lesung mit Douglas Coupland beim Sommerfest des literarischen Colloquiums in Berlin: 20 August 2011

Douglas Copland
> JPod
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann (Orig.: Jpod)
1. Aufl. 2011, 520 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50103-2

> Lesebericht: Douglas Coupland, Generation A

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