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Lesebericht: Jaroslav Kalfař, Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

5. August 2017 von Heiner Wittmann

Was schreiben andere über dieses Buch?

Kill Monotony – De Lust am Lesen > [Rezension] Jaroslav Kalfar: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Wer gerne wegfährt und eine > Sommerferienlektüre braucht, darf hier weiterlesen:

Auf so ein Buch und so eine Geschichte war ich überhaupt nicht vorbereitet. Klar, der Titel war bekannt, die Vorschauen mit den > Neuerscheinungen für TROPEN 2017 rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse durchgesehen. Aber Raumfahrt? und dazu noch aus Böhmen? Blogger sind von Prinzip aus neugierig. Setzten Sie sich auch mal in eine Buchhandlung und blättern Sie diesen Titel an, lesen Sie die ersten Seiten… was dann passiert? Vielleicht hören sie noch ein „Wir schließen jetzt,“ bevor das Licht ausgeht.

So erging es mir auf dem heimatlichen Balkon, Weißwein in der Nähe, lauer Sommerabend. Irgendwann musste ich dann eine Lichtquelle suchen: Jaroslav Kalfař, > Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt erzählt von Jakub Procházka, der von seinen Landsleuten ins All geschossen wird, um dort eine rätselhafte Wolke zu untersuchen. Im Raum herumfahren oder herumschweben ist gefährlich, und da kann einem allerhand begegnen und passieren. Die Außenhaut des Gefährts ist dünn.

Procházkas Start wird zum Volksfest, der Sitz vibriert, das ganze Ding wackelt, nur > Tatrancky darf er während des Aufstiegs auf Raten seines Psychologen verspeisen. Auf zu Chopra, so hat man die Wolke genannt, die sich zwischen Venus und Erde gebildet hat. Das Gleiten durch den Raum, wenn draußen die Sterne vorbei ziehen schenkt Procházka Zeit, seine Kindheit und sonstige Erinnerungen zu erzählen: „Ich bin ein Kind der Verliererseite,“ „Oder auch nicht,“ so beginnt der gleich folgende Absatz, schließlich ist Procházka ja doch ein bisschen stolz darauf das Weltraumprogramm Böhmens voranzutreiben. Procházka ist Professor für Astrophysik an der Karls-Universität und hat beste Erfahrungen in der Erforschung von interstellarem Staub. Was macht ihn eigentlich nervöser? Die Gespräche mit Lenka, seiner Frau oder die geplante Begegnung mit dem Staub der Chopras?

Nebenbei wird das Innere des Raumschiffes und seine Funktionen so gut beschrieben, dass auch Sie sich darin gut zurechtfinden würden. Petr passt da unten in der Kontrollstation auf Procházka, will aber gar nicht alles so genau wissen, was sein Raumfahrtzögling in seiner Alleinsamkeit gerade tun will. Er rät ihm zu Proteinriegel. Wahrscheinlich geht jetzt gerade das Licht in der > Buchhandlung aus.

Zwei Ereignisse auf seiner Reise möchte Ich Ihnen nicht en détail erzählen, sonst wäre die Neugier auf das Buch weg aber damit wäre auch dieser Beitrag schon zu Ende.

Halluzinationen? Wahnvorstellungen, TagNachtträume, Pseudohalluzination, Wahnwahrnehmungen, gar hypnagogen Halluzinationen, die von den Schlaftropfen herrühren, die Procházka sich gemehmigt? ALles verständlich, die Weite des Raumes entspannt das Denken und fordert es als wie in einer Extremsituation Zu neuen Höchstleistungen heraus. Die Schwerelosigkeit entzieht auch dem Denken allen Halt, die Eindrücke vermischen sich in Procházka Kopf mit seinen wissenschaftlichen Kenntnissen, seinen Methoden, die ihm sagen, was nicht ist, kann auch nicht sein. Kommt es bei ihm zu einer Modellpsychose? Er spricht ja nicht nur mit sich selbst. Aber was um ihn herum passiert, ist ja irgendwie reel, oder überwiegt der Traumanteil? Sauerstoffmangel? Die Leere, die Weite und die Stille des Raumes entziehen Procházka jegliche Orientierung. Er hat Angst: „Dr. Kuřáks Wahnsinnsprophezeiungen scheinen sich zu erfüllen.“ S. 61 Irgendwie führt der halbe Wahnsinn auch zu einer Überprüfung zu einem Vergleich mit der normalen Existenz, wo ist die Grenze? Sie sehen, wir kommen immer mehr zum Thema dieses Romans. Ein Rückblick auf die Zeit vor der Wende ist auch mit dabei. Dann verschwindet Lenka und wird staatlicherweise gesucht und dann überwacht. Procházka vermisst die Gespräche mit seiner Frau und fühlt sich da oben noch ein wenig einsamer. Tst er nun da oben alleine?

Dann kommt es zur Annäherung an die Chopra-Wolke und das Abenteuer bekommt eine neue Dimension, als sich der erste Kontakt mit der Staubmaterie als doch nicht ganz so harmlos erweist. Es fängt ganz anständig zu rumpeln an, die Sauerstoffversorgung bricht zusammen und Procházka kann die Stunden bis zu seinem Ableben auf der Uhr ablesen. Erinnerungen an zu Hause werden noch einmal wach in ihm, noch ein paar letzte Whiskey – wir wollten ja zwei Großereignisse hier nicht erzählen. Das eine betrifft die vermeintliche Einsamkeit im Raum und dann der Unfall und seine Folgen. Die bange Frage lautet: Muss Procházka da oben bleiben?

Mittlerweile ist die Weißweinflasche leer, es ist kühl geworden auf dem Balkon, fertig gelesen, morgen kommt mit dem Roman von Missiroli wieder eine total irdische Geschichte dran.

Jaroslav Kalfař
> Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Roman
Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller (Orig.: Spaceman of Bohemia)
1. Aufl. 2017, ca. 368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50377-7

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