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Lesebericht: Johanna Sinisalo, Finnisches Feuer

29. September 2014 von Heiner Wittmann

Blogschreiben für Klett-Cotta oder Tropen, > c’est le pied. Ob ich das Buch im Buchhandel angesehen hätte? Nachdem ich neulich beim Radiohören und Kochen, ein wenig zuviel an der Chilimühle gedreht hatte? Das Titelbild verrät diesen scharfen Anschlag auf den Gaumen, das Verlangen nach Wasser, das nichts helfen wird. Die Augen tränen, und ich muss versprechen, demnächst mit Chili vorsichtiger zu sein. Aber vielleicht hätte mich das Titelbild doch angemacht, ein wenig geblättert, man liest sich so schnell fest: „Kann ich Ihnen helfen?“ sagt eine Stimme hinter mir.

Bei Tropen ist ein ganz schräger Roman erschienen, auf den ersten Blick schräg. Diktatur, Frauenfeindlichkeit, reguliertes Paarungsverhalten, Maskodominanz, Abgrenzung von den Verfallsstaaten, die immer noch ihren Demokratien hinterherjammern. Finnland hat vor einiger Zeit eine tiefgreifende Revolution erlebt. Es ist das Amt, das Gesundheitsamt, das jetzt das Sagen hat. Meinungsfreiheit scheint es nicht mehr zu geben. Die Angst regiert mit. Aber noch sind nicht alle Lebensbereiche erfasst.

Johanna Sinisalo, > Finnisches Feuer in der Übersetzung von Stefan Moster: Die Menschen, zumindest einige von ihnen können sich das Leben mit Hilfe vom Naschen eines bisschen > Chili verschiedener Konzentrationen erträglicher machen. Allerdings muss man diesen Konsum schon gewöhnt sein, sonst sind die Folgen fatal. Vera und ihre Schwester Mira versuchen alles, um sich dem Regime nicht unterordnen zu müssen. Vera hat Glück. Sie hat einen Geliebten, der im Untergrund mit anderen verbotenerweise Chili anbaut. Es wird gedealt und ausprobiert. Vera schreibt ihrer verstorbenen Schwester…

Der Roman wirkt authentisch, wie ein Bericht, weil Dokumente , z. B. aus dem Wörterbuch der finnischen Umgangssprache den Leser über den Begriff „ELOI, die; -s, -s,“ aufklären, d.s. Femifrauen, „die auf dem Paarungsmarkt“ (S. 28) aktiv sind, im Gegensatz zu „Morlock“ oder „Neutifrau“, die“ aufgrund physischer Einschränkungen (z. B. Unfruchtbarkeit) außerhalb des Paarungsmarktes“ (S. 42) bleibt. Auslese, also ein Persiflage auf Diktaturen mit rassenwahnähnlichen Vorstellungen. Elois versuchen sich zu behaupten. Und als Vera auf dem Debütantinnenfest Erfolg hat, kommt es zur Krise in der Beziehung zu ihrer Schwester. Da gibt es noch die „Maskos“ und die „Minusmänner“ (S. 52). In folge dieser Definitionen und Unterscheidungen wird der Paarungsmarkt im Sinne der optimalen Auslese stark reguliert. Alles steht unter Strafe, sogar die Verschwendung von Behördenzeit. (vgl. S. 60) Vera ist am Eloi-Institut und wird planmäßig auf das Paarleben vorbereitet. Aber sie glaubt selber nicht, dass die Maskos auf die Tricks des weiblichen Charmes unter Zuhilfenahme der Kosmetika wirklich hereinfallen.

Finnland ist eine Euristokratie (S. 739 geworden, die die hedonistischen und dekadenten Demokratien hinter sich gelassen hat. Koffein, Alkohol und Nikotin sind erfolgreich verbannt worden. Beim Chili sind noch nicht alle Quellen erwischt worden. Und es gibt Codewörter, geheime Treffen, nichtssagende mit einem Symbol versehene Aushänge, die den Weg zum nächsten Fix ebnen. „Unsere Aufgabe besteht darin, der Menschheit das Feuer zurückzugeben, “ sagen die Friedensaktivisten. (S. 120)

Vera hat offensichtlich Wahnvorstellungen und eine Heidenangst davor, dass es im Keller finster ist und dort das schwarze Wasser steigt. Sie hat auch Angst davor, nie eine richtige ELoi zu werden. Vera fixt, um die Kellertür geschlossen zu halten. Chili auf jede Art von Schleimhäute. Manchmal ist für uns eine Umdrehung schon zuviel. Bei Vera kommt Chili großzügig in den Gemüseeintopf: S. 122 f.

Geschlechtererziehung: Die „Domestizierung der Frauen“ (S. 129 f) schien in Finnland eine Staatsaufgabe geworden zu sein. Vera steht kurz vor ihrem Erfolg. Aber es gibt soviel zu beachten, wenn eine Eloi heiraten und dann ins Haus kommen will: „Unerwünschtes Verhalten kann man ausrotten, indem man die Belohnungen einschränkt.“ (S. 145) Eine andere Wahl hat sie kaum, weil das „unbegründete Geben eines Korbs“ mit Bußgeld (vgl. S. 163) bestraft wird. Und Vera wehrt sich gegen die von Maskos dominierte Gesellschaft. Nicht nur mit Chili kämpft sie gegen das omnipräsente und eigentlich auch unsichtbare Amt. Sie lässt sich auch von den Maskos nichts gefallen. Ihre Opposition treibt sie anscheinend in den Wahnsinn oder zur Lösung des Geheimnisses um ihre Schwester.

Diktaturen können leicht entstehen, wenn staatliche Ämter sich durch Revolution oder durch schleichende Prozesse Rechte erwerben, die ihnen nie zustanden. Solche Unrechtsregime werden durch ihren eigenen Wahnsinn oder ihre Pervertierungen getrieben. Diktaturen entstehen, wenn ihnen nicht gleich bei ihren ersten Ansprüchen Widerstand entgegengestellt wird.

Johanna Sinisalo
> Finnisches Feuer
Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster (Orig.: Auringon ydin)
1. Aufl. 2014, 318 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50144-5

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