Verlagsblog

Lesebericht: Kevin Barry, Dunkle Stadt Bohane

30. April 2015 von Heiner Wittmann

barry-bohaneWir haben schon öfters angemerkt, dass hier keine > Rezensionen stehen, die schreiben wir woanders, Autoren und Verlage kennen wir dann nicht, also können > dort wirkliche Rezensionen erscheinen. HIER stehen schon über 300 Leseberichte, die wir so genannt haben, da wir für den Klett-Cotta Verlag und damit auch für TROPEN bloggen, nicht in einem der beide Verlag selber sind, aber offenkundig eine enge Verbindung zu beiden Verlagen pflegen. Diese Vorrede steht hier deshalb, weil wir wirklich sehr gerne eine Rezension zu diesem Buch > Dunkle Stadt Bohane von Kevin Barry geschrieben hätten, das Bernhard Robben so perfekt übersetzt hat. Sicher, in einem Buchladen liegen stets so viele Neuerscheinungen auf, so dass die Wahl nie einfach ist, zu viele Cover bieten sich an. Ohne das Bloggen für Klett-Cotta, hätten wir möglicherweise dieses Buch nicht gelesen. Und von diesem Leseerlebnis handelt der folgende Lesebericht. Diese Gattung macht mittlerweile die Runde im Internet, seitdem wir ihn für diesen Blog erfunden haben, so um 2008 oder 2009, just, um diesen Blog gegen > Rezensionen abzugrenzen.

Wir empfehlen folgende Schritte: 1. „Une épreuve du gueuloir“ gemäß > Gustave Flaubert, der seinen Freunden aus seinen Werken LAUT vorgelesen hat, um zu hören, wie der Text klingt, wie er rollt. Also lesen Sie bitte die Seiten 9 f., 18 f., 38 f., S. 106-113, S: 158- 162 ***, bsds. S. 158: „Adrenalin pulste in heißen Schüben…“ (das passte gestern auf zuviel Kaffeekonsum allerbestens), die Fehde kann beginnen: „Angie (d. Hund, n.l.d.r.) hatte absichtlich seit drei Tagen nichts zu fressen gekriegt.“ (ib.) „Der Gemeinderat gab seine Zustimmung“ auf bohane „Der stadträtliche Hühnerstall schnäbelte sein Einverständnis.“ (S. 171), ach, ja noch S. 177, So, jetzt haben Sie und Ihre Zuhörer den Klang aus Bohane auf und in den Ohren. Die nächste Seite verrät auch wann wir uns in Bohane befinden: 2053.

Bohane, eine dunkle Stadt, mit verschiedenen Stadtteilen, die sich mehr oder weniger (nicht) mögen. Die Weg der Hauptpersonen offenbaren dem Leser einen Stadtplan, während das Schicksal von Grant („Ich wurde auf das große Schicksalsrad des Lebens geflochten.“ S. 215) wie von den anderen Protagonisten sich zu einer Geschichte der Stadt und ihre Einwohner zusammenfügen lassen. Dass die Stadt mit ihren Straße und besonderen Gegebenheiten, die Schrullen und Marotten der Einwohner prägt, das ist woanders in Hamburg oder Iserlohn bestimmt auch so. Nur in > Bohane ist dieses Verhältnis zwischen der Stadt und ihrer Geschichte ganz besonders, denn der Dialekt in den verschiedenen Stadtteilen bildet eine ganz besonderen sozialen Kitt. Bernhard Robben, der Übersetzer, hat in einem unbedingt zu lesenden Nachwort erklärt, in wieviel Phasen er diesen Roman übersetzt hat, und wie er die verschiedenen dialektalen Schichten aufgedeckt und ins Deutsche übertragen hat. Das ist linguistische und philologische Feinmechanik, der Sie, wie gesagt, beim LAUTlesen der oben angezeigten Seiten ganz besonders gut nachspüren können.

Alles ist in der Stadt vertreten, alle möglichen Arten von Verbrechen oder kurz davor sind in vielen der Protagonisten bestens repräsentiert, und ihr Erscheinungsbild wird präzise beschrieben. Jede Vorstellung wird eingeleitet mit: Er/sie trug. Und dann folgt eine präzise Beschreibung des Outfits. Die Person steht vor uns.

Grant kommt nach 25 Jahren wieder in die Stadt, ob er um 12 Uhr mittags ankommt? Gerüchte eilen seiner Rückkehr voraus, ganz so als ob die Ladenbesitzer ihre Schaufenster verrammeln werden. Kein Vertun: „Also zog ein Winter der Zwietracht auf.“ (S. 37)

So richtig weggewesen ist Grant nicht. Manche Personen, mit denen er damals unterwegs war, sind noch da; die Geschichte war nur mal kurz unterbrochen. Die alte Fehde bricht wieder auf. Alles steuert unweigerlich auf eine neue Konfrontation zu, die irgendwie zu der dunklen Stadt dazu gehört, deren Alltagsleben auch keineswegs von Gewalt frei ist: „Der Grant war Anfang August zurückgekehrt und wurde gleich Opfer unserer Erinnerungen.“ (S. 69)

In unserer Rezension würden wir Schritt für Schritt exemplarisch mindesten ein paarmal verfolgen, wie Bernhard Robben, die Dialekte der Stadt ins Deutsche, in die deutschen Dialekte überträgt. Geht eigentlich gar nicht, aber Robben hat es geschafft, uns einen äußerst spannenden, erlebnisreichen und obendrein oft witzigen Lesestoff anzubieten.

In der Bar wurde beim Eintreten von Wolfie und Fucker die Musik abgestellt, die Nadel hochgehoben. Die Cusacks standen da = „Der Cusack-Abschaum krächzte und pfiff wie Gossenvögel…“ (S. 110) uns „Überall auf den Klippen um Bohane grölten die Nories ihre Kampfgesänge.“ (S. 115)

Balthazar Mary Grimes dokumentiert den Zusammenprall mit seiner mittelalterlichen Leica. Der Kampf wird aus der Distanz in Form seiner Abzüge beschrieben, die aber dann doch den Leser mitten in das Schlachtgewühl versetzen: Rauch, Eingeweide, Messer, Blut. Danach geht der gewohnte Gang der Stadt weiter in Bohane, der dunklen Stadt.

Danach gibt es noch ein Nachwort von Kevin Barry, S. 297-301: „Die Geschichte ist in Technicolor geschrieben,“ perfekt, das passt wunderbar auf den Stil dieses Romans; „eine merkwürdige Art Neo-Western“ bis zu einer „Komödie“ (ib.).

Haben Sie inzwischen die vorgeschlagenen Seiten laut vorgelesen?

barry-bohane

Kevin Barry
> Dunkle Stadt Bohane
Roman, aus dem Englischen von Bernhard Robben (Orig.: City of Bohane)
1. Aufl. 2015, 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50145-2

Schreiben Sie einen Kommentar

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 32 queries. 0,324 seconds.