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Lesebericht: Mark Z. Danielewski: Only Revolutions

20. März 2012 von Heiner Wittmann

„Der Plymouth PG schüttelt alle, trägt UnS dahin, bis Rumtrödler unsere Eile fliehen.“ (S. 128/233)

> Mark Z. Danielewski, der Autor von > Das Haus – House of Leaves hat 2006 das Buch Only Revolutions. The Democracy of Two Setout & Chronologically Arranged geschrieben, das jetzt bei Tropen unter dem Titel Only Revolutions. Die Demokratie von Zweien dargelegt & chronologisch angeordnet in der Übersetzung von Gerhard Falkner und Nora Matocza erschienen ist.

Die erste Daumen- und dann die erste Leseprobe. Es geht um die Liebesgeschichte zweier Teenagers – Haley (Buch einmal rundrehen:) und Sam – die amerikanischen Kontinent und die Zeit durchqueren. Wie schon angedeutet, das Buch geht von beiden Seiten los.

Sam und Haley versuchen ihrem Schicksal zu entkommen. Die amerikanische und die Weltgeschichte ist ihnen immer dicht auf den Fersen. So reisen sie immer weiter, und sie erleben 2 * 100 Jahre: vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Kalten Krieg und von der Bürgerrechtsbewegung bis zum Irakkrieg. Man muss sich einfach darauf einlassen. Das Vorlesen der ersten 8 Seiten wirkt auch hier. Danach soll man die andere Geschichte weiterlesen: Buchrumdrehen. Immer nach acht Seiten zwischen Haley (Buch rumdrehen) und Sam wechseln. Vier Cantos zu je 90 Wörtern bilden die volle Umdrehung eines Kreises. „Hi. Ich heiße Sam,“ und der andere? „Mein Eselchen trottet weiter.“ – „- Ich heiße Hailey. Hi.“ (Buch rumdrehen).

„Un alle zittern und tasten.
bringen kaum den Mut auf,
davonzurennen, geschweige denn,
das Abschiedshallo zu verkraften.“ (S. 14)

Lyrische Poesie, „Bis Sam auf schroffem Berg pausiert, eine Kokse zu brisen…“ Wortspiele, Satzspiele. Man müsste das ganze Buch alleine entdecken, allein lesen, ohne jemals ins weite Internet zu gucken, ohne andere Erklärungen, sich einfach nur auf diese Geschichte einlassen, um herauszufinden, was man mit ihr machen kann. ganz egal, ob es das ist was der Autor uns vorlegen will. Die eigene Entdeckung zählt: „jetztganzstill.“ Die Zweisamkeit der Beiden und dann wieder die Bewegung: „Mein Olsmobile Toronado fliegt, gleitet. Weite sogar die Straße. Ich bin die Straße. Ich raße.“ Kein Wunder, dass es Sam so schlecht wird. „Reihert Pampe“. Die Kurverei und die Geschwindigkeit merkt sogar der Leser. Dann lässt der Pontiac GTO die Reifen qualmen, dann ist es plötzlich wieder ein Firebird 400. Sex und Raserei, daneben in der Randspalte die vorübereilende Geschichte. Jetzt ist dies kein Lesebricht mehr, eher ein Lebebericht, Entdeckungsbericht, Beobachtungen aus dem Leben vor dem Hintergrund der Geschichte, ganz unentschieden, was von beiden vorüberzieht: „während die Rennsportreifen meines BuickElectra con Asheville bis OakRidge brettern.“ (S. 65/296) Atemlos, Haley kann gar nicht von Sam lassen oder umgekehrt (Buch rumdrehen- nicht vergessen) „Denn wir sind immer sechzehn und es ist immer deren Schaden.“ Eine Romanpoetik, Romanpoesie. „Mit Sam natürlich, aber oft unruhig, erforsche ich eine Welt nur für zwei.“ (S. 176/185). „Und beide sind wir gestresst, dass es so ist.“ (ib.) „Der Plymouth PG schüttelt alle, trägt UnS dahin, bis Rumtrödler unsere Eile fliehen.“ (S. 128/233)

Viel mehr als nur ein Spiel Worten. Hier wird alles von der Bewegung bis zu Wortspielen aller Art „Kotelettversessen“. Draußen kann passieren was will, beide leben ihr eigenes Dasein. Kein Ereignis kann sie beeindrucken: „Unsere genadenlosen Schindereien überholen immer alles.“ Und dann „Radnaben nageln die Kurven unseres Dahinfloatens, vorbei an schulddurchtränkten Landschaften,“ wenn wir Normalbürger sagen, „Nächste rechts“. Unaufhaltsam: „Unsrer Ford Pickup surrt nach Norden.“

Je länger ich dieses Buch durchblättere, ums o länger wird das Bloggen hierundjetzt. Bei Büchern kommt oft der Moment, aus der Hand legen, oder noch, nur ein bisschen weiterlesen, ganz unversehens ist die Schwelle schon passiert, von Steckenbleiben keine Spur, bringen Sie ein wenig Zeit mit, ach die kriegen Sie sofort, wenn Sie dieses Buch aufschlagen, dann brauchen Sie auch keines der beiden Lesebändchen. Sam weiß genau: „Ich könnte Hailey nie den Laufpass geben.“ Stimmt das? „Wir sind alle Irregehende.“ Am liebsten würde ich jetzt schnell mal ein paar Seiten lesen, laut vorlesen, weil der Text, so wie er im Druckbild hier auftaucht, dazu sich so eignet, muss man einfach mal laut lesenn. Dann merkt man warum diese Wörter an Ulysses erinnern: „Das süße Plötzlich zwischen etwas immer Ratlosen…“

Wir sehen uns am Montag, 26.03.12, 20.00 Uhr im > Stuttgarter Literaturhaus, wenn Thomas Böhn Mark Z. Danielewski dort empfängt?

Sie waren doch schon mal im > Stuttgarter Literaturhaus?

Mark Z. Danielewski
> Only Revolutions
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerhard Falkner und Nora Matocza (Orig.: Only Revolutions. The Democracy of Two Setout & Chronologically Arranged)
1. Aufl. 2012, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, farbig gedruckt
ISBN: 978-3-608-50123-0

2 Kommentare zu “Lesebericht: Mark Z. Danielewski: Only Revolutions”

  1. 24. März 2012 23:27

    Ein interessanter Ansatz mit der Wechseln der Story durch das Wenden des Buches. Macht das Lesen einfach intensiver…

  2. Tom
    28. März 2012 18:46

    Tolles Buch, habe es vor einiger Zeit im Orgininal gelesen. Hierzulande gibt es derart wunderbar „irre“ Literatur ja kaum mehr. Mir fallen im Moment nur Dietmar Dath und – weil gerade gelesen – Francis Nenik ein.
    Danielewski arbeitet übrigens inzwischen an einem Riesenwerk mit 27 oder so Bänden. Bin gespannt.

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