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Lesebericht und Nachgefragt: Jón Gnarr, Der Outlaw

13. September 2017 von Heiner Wittmann

Was macht man am besten, wenn man in einer Schule für schwer erziehbare Jugendliche landet, kaum raus darf, und die Schule ziemlich weit abgeschnitten von der nächsten Stadt liegt? Die Schule ist in dem Flecken > Núpur am Fjord mit dem Namen > Dýrafjörður isländischen Region Vestfirðir (Westfjorde). Perfekt für eine ausgedehnte, erholsame und beeindruckende Island-Rundreise mit tollen Fotomotiven in einer aufregenden Landschaft. Aber als Schüler dort auf die kargen Hänge zu gucken und zu wissen, hier darf man erst einmal nicht wieder weg? Dann sieht das doch schon anders aus. Gerade ist bei Tropen die Autobiographie seiner Jugend von Jón Gnarr, > Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft erschienen.

Der Neue wird kritisch gemustert, er mustert die anderen, Die einen sind Punks, die anderen Anarcho-Punk und Crass-Punk, eingeordnet wurde man weniger nach dem Charakter, sondern nach dem Musikgeschmack. Der Schnee um das Haus herum ist drei Meter tief. Eine natürliche Barriere, dahinter oder mit dem Blick aus dem Fenster, dahinten ist erst mal lange nichts. Wundert man sich, dass der junge Gnarr sich bald für den Anarchismus interessiert? (vgl. S. 37 ff) Jeder kleine Zwischenfall lehrt ihn mehr fürs Leben als der Unterricht. Er entwickelt für sich eine Strategie, um zu überleben. Er nennt sich Jónsi Punk und steigt zum Klassenclown auf. Findet man keinen Übeltäter wird ohne Umschweife Jónsi Punk verwarnt, er darf aber auf der Schule bleiben. Irgendwie zeichnet sich das schon ab: Komödiant und Verantwortung. Aber er ahnt noch nicht, dass später seine Idee, mal eben eine Partei zu gründen, ihn ganz schnell ins Stadtparlament von Reykjavík und sogleich auch auf den Stuhl des Bürgermeisters führen wird. Politiker oder Komödiant, wo sind die Grenzen haben wir Jón Gnarr am letzten Samstag in Berlin gefragt:

Und er findet einen Trick, um sich einen Besuch in > Ísafjörður zu genehmigen, > 33 km mit dem Bus. Es genügt, wenn die imaginäre Tante im Sekretariat der Schule anruft, und den geliebten Neffen nach > Ísafjörður einlädt, dann steht dem Diskothekenbesuch nichts mehr im Wege. Jónsi Punk reist in die Stadt und bald steht dort an vielen Stellen der Name seiner Lieblingsband „Nefrennsli„. Später kommt der Ausreißer nach Núpur zurück. Erleichtert und fast wieder zu Hause. Er liest Tao Te King, hört > Crass . Nach den Sommerferien zurück in Núpur: Erste Liebschaften und ein Schauspiellehrer, der einen Theaterkurs gab. Pétur Gunnarssons Grünschnabel steht auf dem Programm. Der Durchbruch, Jón bekommt viel Lob für seine Rolle. Ein Zwischenfall beendet die Schauspielerkarriere erst einmal. Aber Gnarr weiß jetzt, wo es für ihn lang geht: Er formuliert für sich Ideale. Jón Gnarrs Erzählung ist mitreißend: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Trotz ist das allerbeste Mittel, um mit der entsprechenden Willenskraft, Misslichkeiten zu überstehen. Und er hat Erfolg, wenn er sich selber vertritt und ins Spiel bringt. Sich nicht alles gefallen lassen, das kann man bei Gnarr lernen: Komödiant oder Politiker? > .

Hätte er sich auch nicht träumen lassen, dass er bald seine Memoiren als Politiker schreiben wird: Jón Gnarr, der Bürgermeister von Reykjavík (2010-2014) > Lesebericht: Jón Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! erzählt hier die Jahre seiner düsteren Jugendzeit.

> /twitter.com/Jon_Gnarr

Jón Gnarr
> Der Outlaw
Aus dem Isländischen von Tina Flecken (Orig.: Útlaginn)
1. Aufl. 2017, 287 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50153-7

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