Verlagsblog

Wir Copyright-Zombies helfen den Autoren und den Lesern

13. April 2016 von Heiner Wittmann

Ja, wir lauern an jeder Ecke, wie Eric Steinhauer dies am Mittwoch, 12.4.2016, in der FAZ unter der Überschrift „Die Copyright-Zombies helfen keinem“ mit dem Untertitel „Warum Open-Access verteufeln? Seine schärfsten Kritiker profitieren selbst davon“ feststellt.

Auf unserem Blog:

> Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können.

> Zahlt Google? Die Arbeit der Autoren und das Urheberrecht

> Nicolas Sarkozy und das Urheberrecht

> Der Google-Welt-Buchladen und das Urheberrecht

> Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum

> Digital ist nicht gleich kostenlos. Verleger dringen auf das Urheberrecht auch im Internet

> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos

> Google darf auch geschützte Bücher zum Durchsuchen bereitstellen – So beginnt die Aushöhlung des Urhebrrechts. N.d.l.r.

> Erklärung „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ von Deutscher Kulturrat, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Syndicat national de l’édition und Syndicat de la Librairie Française

> Sollen öffentlich geförderte Forschungsergebnisse wirklich kostenlos sein?

Die Befürworter von Open Access, dem freien Zugang zu den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung, glauben, meinen oder hoffen, dass die „als beschlossene Sache geltende digitale Transformation des wissenschaftlichen Arbeiten und publizieren, insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften,“ jeder Kritik entzogen werden kann.

Die Absage an Open Access als „Störfeuer“ könnte für die Verlage gefährlich werden, schreibt Steinhauer und führt als Argument das Internet mit seinen „zu fast allen Themen legale, frei zugänglichen Publikationen“ an. Dieses Argument zählt in der Debatte um Open Access überhaupt nicht, denn wissenschaftlich betrachtet ist das Internet eine große Wüste, oder kann man ein Buch über Sartre, über Camus und dann noch über > Napoleon III nur mit Hilfe des Internets schreiben? Der Student, der sich auf seinen Laptop verlässt, ist verloren.

> Gare à la gratuité scientique ! von Heiner Wittmann, 9. März 2016

Ergänzung:

Roland Reuß > Reform des Urheberrechts. Was freie Autoren brauchen, FAZ 13.04.2016

Die Arbeit der Verlage, die Koordination von Herausgebern, Autoren und Übersetzern und allen anderen, die an einer Publikation, sei es ein Buch oder eine Zeitschrift, mitarbeiten, das sachgerechte Herstellen einer Publikation, die Betreuung der Autoren, die Arbeit des Graphikers, die Hilfe der Korrektoren, die Pressearbeit, die Honorare, das alles kann eine Online-Publikation dem Autor, der zu Hause alleine mit der Formatierung seines Textes und seinem PC kämpft, nicht geben. „Neue Strukturen“, an die Eric Steinhauer denkt, sind noch in weiter Ferne. Aber Steinhauer glaubt, dass der „Medienwandel hin zu mehr Digitalität“ „praktisch“ unumkehrbar sei. Das mag auf alle PC-Hilfsmittel, Scannen, Internet-Recherchen, Textverarbeitungsprogramme und alle anderen digitalen Unterstützungsprozesse jeder Art zutreffen, aber mit dem Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten hat das alles nichts zu tun. Sicher, es gibt wunderbare Online-Bibliotheken, wie > www.gallica.fr oder > Fachportale und Online-Bibliotheken für Geschichte wie auch für andere Fächer. Der Student, der sich bei seiner Arbeit auf Internet-Ressourcen verlässt, wird sehr wahrscheinlich digitalen Schiffbruch erleiden. Es gibt überhaupt gar keinen Grund dafür, dass er darauf hoffen darf, dass alle Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten kostenfrei im Netz abrufbar seien. Open Access. Aus welchem Grund? Weil digital so einfach zu kopiert werden kann? Weil der Medienwandel in Richtung ganz modern und digital in diese Richtung zeigt? Wissenschaftliche Forschung soll frei im Netz verfügbar sein? Und sein Autor darf nicht mehr darüber bestimmen, wo, wie und wann sein Werk erscheint?

Man fügt gerne das Argument an, öffentlich geförderte wissenschaftliche Arbeiten sollen kostenlos frei verfügbar sein. Als ob der Forscher nie private Investitionen getätigt habe, um diesen Artikel verfassen zu können. Und wenn öffentlich geförderte wissenschaftliche Arbeiten nur im öffentlichen Raum verwertet werden dürften, hätten wir ein staatlich reguliertes Publikationswesen.


Dieser Beitrag ist wieder eine wunderbarer Anlass, an den Verleger Friedrich Cotta zu erinnern, dem Peter Käding 2009 eine Biographie gewidmet hat, und die wir hier auf diesem Blog in einem Lesebericht besprochen haben > Lesebericht: Johann Friedrich Cotta, Ein Leben für die Literatur Darin heißt es u.a.: „Die Autoren verlangen zur Recht ihr Honorar und kennen sehr wohl den Wert ihrer Werke, die Lieferanten wollen Geld sehen, die Buchhändler sind an ihren Rabatten interessiert und der Verleger wiederum kämpft für alle zusammen gegen die Raubdrucke und den Druckfehlerteufel: Hier die korrigierte Fassung mit neuen Druckfehlern schrieb er einmal. Kein Glied der ganzen Produktionskette, mit der das Wissen verbreitet wird, arbeitet kostenlos.“

Peter Kaeding
> Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik
1. Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen
496 Seiten
ISBN: 978-3-7681-9712-0


Open Access für die Leser. Online ist es einfach, alles zu kopieren und zu verschicken. Das lästige Honorar brauchen wir auch nicht mehr. Online will man immer weniger verstehen, dass ein Wissenschaftler jahrelang für ein Buch geforscht und gearbeitet hat, bis es endlich in welcher Form auch immer gedruckt oder als E-Book im Regal steht oder gespeichert werden kann. Wie hoch sind die Kosten für dieses > Buch gewesen? Und wenn es dann als PDF kopiert, verschickt, weitergegeben, entwendet wird, ohne dass der Autor und der Verlag rechtmäßig entlohnt werden, dann stimmt etwas nicht.

Die Argumente der Open-Access-Liebhaber sind Stückwerk, hier und da zusammen gesucht, ergeben sie noch immer kein überzeugendes Konzept. Steinhauer meint, „das romantische Bild einer harmonischen Autor-Verleger-Beziehung mit engagierten Lektoren und Enthusiasmus für das hochwertige Buch“ „hat leider nichts mit der Welt der allermeisten Wissenschaftsautoren zu tun“. Dann sind die vielleicht beim falschen Verlag. Unser Blog ist hier allerbestens aufgehoben, da wir ganz dicht durch die täglichen Gespräche mit den Lektoren und aller anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Klett-Cotta und Tropen verfolgen und beobachten können, wie Autoren- und Programmbetreuung professionell ins Werk gesetzt wird. „Potentiell unbegrenzte Sichtbarkeit“, „einfache Nutzung in digitalen Arbeitsumgebungen“ sollen, so Steinhauer weiter Argumente zugunsten von Open Access sein. Aber es wird immer noch kein Argument zugunsten der wissenschaftlichen Publikation mit Hilfe von Open Access angeführt. Wie oben bereits angedeutet, geht das vielleicht noch oder noch lange nicht. Sicher man kann mit online durchsuchbaren Online-Bibliotheken schöne Zitate finden, aber wissenschaftliches Arbeiten ist davon Lichtjahre entfernt.

> Ecrivez-vous à la main ou tapez-vous au clavier ? Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur?

8 Kommentare zu “Wir Copyright-Zombies helfen den Autoren und den Lesern”

  1. AndreasP
    13. April 2016 15:50

    „Arbeit der Verlage, die Koordination von Herausgebern, Autoren und Übersetzern und allen anderen, die an einer Publikation, sei es ein Buch oder eine Zeitschrift, mitarbeiten, das sachgerechte Herstellen einer Publikation, die Betreuung der Autoren, die Arbeit des Graphikers, die Hilfe der Korrektoren die Pressearbeit, die Honorare“

    All das gibt es bei dem bei weiten überwiegenden Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen doch gar nicht. Da gibt es öffentlich bezahlte Lehrstuhlmitarbeiter, die für den Professor das Buch wenn nicht schreiben, dann doch druckreif machen, und die Datei wird dann an einen Verlag verschickt, der ihn dann druckt und für tausende von Euro an die Universitätsbibliotheken zurückverkauft. Nur Geld drucken ist schöner.

  2. 13. April 2016 16:20

    Leider kann man dem nicht widersprechen, aber das ist auch kein wirklicher Grund, eine Kostenloskultur für wissenschaftliche Arbeiten einzuführen. Z. B. könnten die Zeitschriften, wie der MERKUR oder PSYYCHE von Klett-Cotta ohne die oben genannte Verlagsarbeit nicht produziert werden.

  3. Roland Reuß
    13. April 2016 18:47

    Man kann dem widersprechen. Es gibt solche und solche Fälle. Die meisten Verlage, mit denen ich zu tun habe, strengen sich an und verdienen schlecht. Die Verteilung von solchen und solchen ist in anderen Branchen wahrscheinlich auch nicht anders. Man kann aber *prinzipielle* Probleme des Wissenschaftspublikationssystems nicht durch Hinweis auf empirische Fehlleistungen klären (weil sich eben auch positive verbuchen lassen). Mit demselben Argument könnte man nämlich auch fordern, Wissenschaftsförderinstitutionen dicht zu machen. Abgesehen davon: Das freie wissenschaftliche Verlagswesen abschaffen zu wollen, ist ein tendenziell freiheitsfeindlicher Akt. Gegeben hat es verlagsfreie Zonen nur in Zonen und anderen staatskontrollierten Gebieten. Und die wissenschaftlichen Autoren zu entrechten, damit dann die Entrepreneure, die von nichts eine Ahnung, aber einen Mikrokredit von der Sparkasse für »irgendwas mit digital« haben (und natürlich auch Google), mit den sozialisierten Werken Geld verdienen können, dat isset denn auch nicht.

  4. 15. April 2016 14:48

    1. Warum Open Access?
    Weil es mittlerweile keine einzige nationale Forschungsförderungsagentur und keine EU Projektförderschiene mehr gibt, die Projekte fördern, die ihre Ergebnisse nicht Open Access veröffentlichen!
    OA ist ein Fakt – und eine Erfordernis – wissenschaftlicher Forschungs- und Publikationstätigkeit.

    2. Man kann sehr wohl mittlerweile ausschließlich auf Basis digital verfügbarer Quellen, Forschungsdaten und Literatur forschen und studieren: in den Digitalen Geisteswissenschaften ist das ganz alltäglich.

    3. Warum sollte ein Autor der Open Access publiziert, keine Kontrollle mehr über die Verwendung seines Werkes haben? Creative Commons und vergleichbare Lizenzen widersprechen OA nicht und bieten alle Möglichkeiten, mit dem Effekt, dass die Kontrolle darüber beim Autor bleibt – im Gegensatz zu so gut wie allen Verlagsverträgen, die ein exklusives Werknutzungsrecht fordern…

    Wenn schon eine Diskussion über OA und die Rolle von Verlagen – die auch in der „freien Wissensgesellschaft“ natürlich ihre Daseinsberechtigung haben – dann bitte nicht auf diesem Niveau…

  5. 15. April 2016 17:19

    Dank für Ihre Anmerkungen:

    1. Wenn staatliche Institutionen nur Projekte förden, unter der Bedingung, dass deren Ergebnisse später als Open Access veröffentlicht werden, werden diese Projekte im Staatsauftrag angefertigt und der Wissenschaftler hat nicht mehr die gleiche Freiheit wie vorher, wo er darüber bestimmt, wo er seine Arbeiten veröffentlichen will. Wie man es dreht und wendet, der Zwang zu Open Access ist eine ärgerliche Einschränkung seiner Freiheit. Außerdem, da wiederhole ich mich, ein Wissenschaftler bringt ein ganzes wissenschaftliches wissenschaftliches Gepäck mit, das er für ein Projekt braucht und das durch eine Finanzierung nie abgedeckt werden kann: mit dem Gedanken,d ass der Staat aus der Finanzierung Eugentumsansprüche herleitet, mag ich mich nicht anfreunden.

    zu 2. online studieren? bei bestimmten Themen, die wirklich kein Buch aus der Bibliothek oderr Dokumente aus Archiven brauchen kann das u. U, möglich sein, bei keinem meiner Studiensthemen aus der Romanistik, Geschichte, Pol. Wissenschaften, Philosophie, Kunst oder Pädagogik ist das heute und auch nicht in einer mehr oder weniger nahen Zukunft möglich.

    3. Es geht mir um den Ort der Veröffentlichung, da möchte ich frei bleiben.

  6. Walter Scholger
    15. April 2016 20:00

    Die Open Access Verpflichtung bei staatlichen und europäischen Förderungen mag man philosophisch nicht gutheissen können, dennoch ist sie Fakt und ein unverrückbares Argument für Open Access.
    Und ich muss insofern widersprechen, dass es sowohl im Bereich Romanistik als auch Kunst(wissenschaft und -geschichte) konkrete Forschungsbereiche gibt, die das rein digitale Forschen ermöglichen.

  7. 16. April 2016 17:43

    Wenn man den Zwang zu Open Access nicht gut heißt, kann man daraus kein Argument für Open Access ableiten, im Ggenteil, der Zwang müsste noch mehr Gegner von OS und Verteidiger der Freiheit der Wissenschaft auf den Plan rufen.

    Möglicherweise kann man in Romanistik eine HA schreiben, wenn alle Quellen online vorliegen, aner schon bei der Darstellung seines Ansatzes für eine solche Arbeit dürfte jeder Student arge Schwierigkeiten bekommen, wenn er sich auf bekannte Duchmaschinen verlässt.

  8. P. Molitor
    18. April 2016 07:51

    Ich verstehe nicht wieso hier imemr wieder von Raubkopiene etc. gesprochen wird. Anscheinend wurde das Konzept und das Geschäftsmodell Open Access noch nicht wirklich verstanden. In keinem befürworteten Artikel/Bericht, den ich bisher gelesen habe, wird bei Open Access verlangt, dass die Verlage ihre Dienste umsonst anbieten sollen.
    In reinen Open Access Zeitschriften werden im Schnitt 1.100€ APC von dem/n Autor/en verlangt. In Subskriptions-Zeitschirften ca. 2.700€ pro Artikel. Diese Kosten sollte der Autor direkt beim Antrag der öffentlichen Fördermittel mit einberechen.
    Mich würde mal eine öffentliche Kostenaufstellung eines Verlags interessieren der 2.700€ Bearbeitungsgebühr für einen Artikel rechtfertigt. Wie es bei wissenschaftlichen Publikationen zgeht berichtet der Artikel:
    Hilty, Lorenz M. 2015. Was leisten Wissenschaftsverlage heute eigentlich noch? In: Informatik-Spektrum 38 (4), S. 302–305.DOI: 10.1007/s00287-015-0896-7

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