Verlagsblog

Wo führen uns soziale Netzwerke hin? oder
Sind soziale Netzwerke wirklich sozial?

29. Dezember 2008 von Heiner Wittmann

in einem > Verlagsspezial Human Network berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Netzwerke, Mobiles Arbeiten, Unified Communication und Mobiles Arbeiten. Diese Beiträge beschreiben, was man unter diesen Begriffen versteht, lassen aber auch eine gewisse Zurückhaltung erkennen: „Doch die Qualität der zu vielen Freundschaften ist zweifelhaft,“ ist im Beitrag Geben und Nehmen über soziale Netzwerke zu lesen.

Der „Netzökonom“ Holger Schmidt hat auf seinem FAZ-Blog Netzökonom gerade erst im Beitrag > Soziale Netzwerke und Spiele sind Gewinner des Jahres im Internet das weiterhin steigende Interesse an sozialen netzwerken dargelegt. Allerdings weist er auch auf > Große Überschneidung[en] zwischen StudiVZ und SchülerVZ hin.

Eine derartige Ermittlung der Anzahl der Bewohner die in parallelen Online-Welten leben, belegt einmal mehr, wie sehr soziale Netzwerke ein Ausdruck einer neuen Art von Unverbindlichkeit sind und man darf auch nach dem Datenschutz fragen, der anscheinend keine Hindernisse denjenigen bietet, die nach Doppelanmeldungen in diesen Onlinewelten fahnden. Überhaupt steht diese freizügige Vergabe von Daten jeder Art, eine richtige Online-Schwemme von Daten in sozialen Netzwerken in einem merkwürdigen Mißverhältnis vor der berechtigten Sorge, wie Unternehmen mit den Daten der Kunden, und wie der Staat mit den Daten seiner Bürger umgehen. Bald sagt der Schalterbeamte, nein, blickt streng auf den Bildschirm und fügt hinzu, die Fahrkarte kann ich nicht ausstellen, ich sehe gerade Sie haben Ihre Bücher noch nicht zurückgebracht, und außerdem stehen noch Mahngebühren aus.

Kuscheln, anbeamen, Freundschaften vorschlagen, Kontakte knüpfen und Herzchen verteilen, dies alles führt zu öffentlich dokumentierten Beziehungen, die aber mit einer Öffentlichkeit oder öffentlichen sozialen Beziehungen nichts zu tun haben, weil die elektronische Kontaktaufnahme flüchtig ist, jederzeit einen sicheren Rückzug bietet und nur wenig Maß an Verantwortung erfordert. Die Website mit einem sozialen Netzwerk erlaubt es, sich vor der Kontaktaufnahme ein Bild der Person zu machen. Ist aber nicht eine Person gerade deshalb so interessant, weil sie in einer bestimmten Situation so wunderbar individuell und unverwechselbar, einmalig reagiert, etwas das ihr Profil nie wiedergeben wird?

Die Menschen stellen ihr Profil ins Netz, fördern so selbst eine Vernetzung ohne Grenzen und werden dabei seltsam anonym. Kein Profil in sozialen Netzwerken erlaubt eine Gewichtung der persönlichen Interessen in einem Profil. Ist auch nicht nötig, denn das Profil gibt für alle die gleiche Form der Einträge vor, schließlich will sich jeder Besucher gerne usability-gerecht auf jeder Seite gleich gut zurechtfinden, was dann dabei herauskommt ist eine Uniformisierung und Zerstörung der Öffentlichkeit (frei nach Richard Sennett), deren Folgen noch im Dunkeln liegen.

Und die FAZ zitiert in ihrem Beitrag >Geben und Nehmen in bezug auf soziale Netzwerke Sebastian Erlhofer, Medienwissenschaftler an der Universität Trier, der der Ansicht sei, die Zahl der Verbindungen erhöhe das Prestige. Solche quantitative Freundschaftssuche beschäftigt nicht nur den Begriff der Freundschaft, sondern er erinnert auch an eine bekannte große Suchmaschine, die die Qualität von Informationen zu bewerten vorgibt, in dem die Links auf sie gezählt werden. Das ist wissenschaftlich gesehen der größte Unfug, und alle machen mit.

Die Art, wie > Stadtplanung und Soziale Netzwerke Kommunikationsformen vorgeben, haben viel mit der Schaffung städtischer Gemeinsamkeiten und folglich auch mit sozialen Umgangsformen zu tun. Soziale Netzwerke geben in unseren Zeiten eine trügerische Sicherheit vor. Sie täuschen Bindungen vor,und ihre Teilnehmer merken nicht, wie Bindungsfähigkeit und Verantwortungsbewußtsein in Mitleidenschaft gezogen werden. > Richard Sennett hat 1977, ohne dass es soziale Netzwerke gab, schon über sie geschrieben: > Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität (S. Fischer, Frankfurt/M. 1983). Der Originaltitel The Fall of Public Man ist viel treffender für seine Thesen. In Anlehnung an sie kann man sagen, daß die sozialen Netzwerke keinesfalls sozial sind, sondern zum Niedergang der Öffentlichkeit gerade durch die Vorspiegelung der Öffentlichkeit erheblich und entscheidend beitragen. Je mehr gemeinsame Identität festgestellt oder entwickelt wird, je gleicher alle werden, so möchte man hinzufügen, so unmöglicher wird die Verfolgung gemeinsamer Interessen, erklärt Sennett (dt. S. 295). Das ist nicht unbedingt so paradox, wie es klingt. Nur die Unterschiede lassen die Neugier entstehen und führen zum Entdecken von Neuem.

Unternehmen BabylonIn seinem Buch > Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet hat Peter Winterhoff-Spurk gerade die möglichen Folgen für die Psyche der Menschen angesichts der ökonomischen Globalisierung untersucht. Die immer größere Geschwindigkeit der Veränderungen ist in sich nichts Neues; in anderen Epochen gab es in kürzeren Zeiträumen auch schon erhebliche Umwälzungen. Aber die Zeitgenossen empfinden das Miterleben der Veränderungen schon zu Recht auch als eine Bedrohung. Winterhoff-Spurk will mit Peter Breughels berühmtem Gemälde »Der Turm von Babylon« zeigen, wie Menschen psychisch auf soziale Veränderungen reagieren. Der Autor warnt vor einer ähnlichen ökonomischen und mentalen Gemengelage und fordert uns zu gesellschaftlichem Engagement auf.

Du bist doch auch da drin, sagte mir kürzlich ein Freund. Klar, es gibt ja auch Vorteile und man darf ja trotz aller Kritik auch zugeben, dass das Ausprobieren Spaß macht, wenn auch der Spaß an seine Grenzen stößt. Beim Versuch die Daten zu löschen, sagte eines der Netzwerke, geht nicht, wird nur deaktiviert.

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