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Merkur: August 2009

3. August 2009 von Heiner Wittmann

MerkurDas Augustheft beginnt mit einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Rainer Paris hat sich des Begriffs der Gleichheit angenommen und wendet sich gegen seine übliche politische Instrumentalisierung. Es geht ihm um die „regelmäßige Verkehrung von hochmoralischen Motiven in Skrupellosigkeit und Selbstgerechtigkeit“, und er kommt zu dem Schluss, „der strukturell auferlegte Zwang einer ständigen Explizierung und Messung erfolgreich hergestellter Gleichheit erweist sich so als untergründige Mechanik von Aggressionssteigerung und Bösartigkeit.“ Intelligenz steht den Gleichmachern oft im Weg: Heiner Rindermann untersucht die „Intelligenz als bürgerliches Phänomen“.

Volker Ullrich blickt auf das deutsche Kaiserreich zurück: „Kraftgefühl und Zukunftsangst“ und meint damit die „die widerspruchsvolle Verbindung von Beharrung und Modernität, von Rückschritt und Fortschritt“ (S. 677), die niemand bei der Untersuchung des Kaiserreichs von 1871 übersehen kann. Terry Eagleton schreibt unter der Überschrift „Kultur und Barbarei“ über die „Metaphysik in den Zeiten des Terrorismus“: „Warum reden die Leute, von denen man es am wenigstens erwartet hätte, darunter auch ich, plötzlich über Gott?“

Matthias Messmer, der Kulturkorrespondent der Neuen Züricher Zeitung mit Sitz in Shanghai ist in Xinjiang (ein Sechstel von China, dreimal so groß wie Frankreich) unterwegs gewesen: „Das Gesetz des Stärkeren“. Geschichte, Geographie und Politik, ein Reisebericht mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen.

Die Architekturkolumne „Sehnsucht nach Verbrechen“ von Jens Bisky beklagt und prangert die „Eliminierung des Ornaments“ an und erinnert an Karl Philipp Moritz „Vorbegriffe zu einer Theorie des Ornaments“, 1793. Recht hat er. Man schaue sich doch nur mal in unseren Straßen um. Ein Fotogang durch eine unserer Städte und schon man hat diese Collage vor Augen: Glatte Flächen dominieren, einige Flächenabschnitte wollen selber ein bisschen Ornament sein, was aber daneben geht:

Dabei fällt mir der Vortrag ein, den Professor Roland Ostertag am 22. Juni 2009 in Stuttgart gehalten hat: > Was zeichnet eine lebenswerte Stadt aus?

In der Literaturkolumne berichtet Lothar Müller über „Nachbilder des 9. November 1989“. Christian Schröder rzensiert „Gilbert Adairs postmoderne Krimis in der Tradition von Agatha Christie und Arhtur Conan Doyle“: „Der Mörder ist immer der Autor“. „Vom schönen Sterben“ heißen die Erinnerungen an Joseph Roth von Ingo Meyer. Hanns-Josef Ortheil hat alte Familienbilder hervorgekramt: „Familienbilder. Eine Erzählung“.

Joseph Rack erzählt von seinen Flugreisen: „Immer nach Hause. Bilder aus der globalisierten Welt“ flog von Dubai nach Dehli, von Kalkutta nach Dhaka und von Pudong nach München. Ulrich Schacht hat die Gräfin „Ilóna“ in Schweden besucht.

Die Herausgeber schreiben über dieses Heft: „Das Augustheft versammelt literarische Essays, deren Kunst darin besteht, die wirkliche Welt nicht in Literatur verschwinden zu lassen, sondern die Realität zum Strahlen und vielleicht sogar auf den Punkt zu bringen.“ Das ist wohltuend und erinnert daran, dass der Merkur nicht unbedingt den Mainstream der Nachrichten und Themen der Feuilletons rezitiert, sondern Autoren die Möglichkeit gibt, relevante Fragen zu stellen, die zum Nachdenken anregen. Geschichte, Literatur, Soziologie, es ist immer ein Monatsumblick.


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