Verlagsblog

MERKUR 800 – Januar 2016

6. Januar 2016 von Heiner Wittmann

Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Manchmal ist es ein besonderer Geburtstag, ein runder, jemand nullt zum 4. oder 5. Mal. Runde Geburtstage werden immer besonders begangen, > diesmal ist der MERKUR dran, seine Ausgabe nullt zum 80 Mal. Schon während des Studiums habe ich ihn gelesen, dank des Abonnements meines Bruders. Und dann immer wieder wertvolle Anregungen zu Studienthemen gefunden. Anregungen, die Themen meiner Fächer in einen größeren Zusammenhang stellten, Verbindungen zu anderen Fragen schärfen, das war das intellektuelle Rüstzeug, das nicht nur nebenbei bestätigte, dass die Romanistik nach einem Wort meines akademischen Lehrers von den mittelalterlichen Chronisten bis Sartre und Camus und an beiden Seiten weit darüber hinausragte. Nicht auf ein Jahrhundert konzentrierten wir uns in Bonn, die Vielfalt der Romanistik wurde uns demonstriert. Dazu Geschichte und Politikwissenschaft. Heute noch habe ich die MERKUR-Hefte aus jeden Jahren, auf deren Rücken die Themen der Hefte mit Kuli geschrieben standen, so wurde das Regalbrett mit diesen Heften zum Protokoll der Themen der Bonner Semester, denn im MERKUR gab immer Ergänzungen, neue Denkanregungen für den Verbund meiner drei Fächer – dazu noch Philosophie und Pädagogik, in dem die Romanistik mit ihrer Kulturwissenschaft den Ton angab. Soweit der heutige Geburtstagsglückwunsch an die Adresse des 800. MERKURS. Und weil er stets so anregend wie zu Zeiten meines Studiums geblieben ist, bekräftige ich gleich hier noch einmal den gerade ausgesprochenen Glückwunsch. Noch heute freue ich mich > jeden Monat auf die neue Ausgabe. Druckfrisch. Gleich lesen und das Vergnügen, hier immer gleich den Lesebericht abzuliefern, das können Sie > bei der Lektüre des MERKURS immer mit uns teilen.

Nun liegt also der MERKUR 800 vor uns auf dem Tisch. Heiner Klemme hat Heideggers antisemitische »Schwarze Hefte« genau gelesen. Nie wird man zu einer Entscheidung darüber kommen, ob Heideggers Antisemitismus das Urteil über sein ganzes Werk zu bestimmen hat. „Manches macht fassungslos…“, (S. 9) notiert Klemme. Und trotzdem meint Klenmme, solle man Heidegger lesen. Gerade seine Schwarzen Hefte vermitteln einen Einblick in den Irrationalismus und die klare Erkenntnis, Heidegger stehe für die Gegenaufklärung. (S. 23) „Heideggers Bedeutung für die Philosophie liegt in seinem Scheitern.“ (ib.) – Der Philosoph Michael Astroh lehrt in Greifswald. Er berichtet von seinen Aufenthalten in Kyoto, Hiroshima und anderen Städten in Japan. Fesselnde Berichte aus einer anderenWelt. Ein Umgang mit Mitmenschen, von dem wir einiges lernen könnten: „Jenseits des Vertrauten“ lautet die Überschrift seines Beitrags. Dann kommt David Graeber mit „Tote Zonen der Fantasie“. Ein Essay über strukturelle Dummheit = ein Kapitel aus seinem Buch über die > Bürokratie, das demnächst auf Deutsch vorliegen wird. Ob die Struktur der Büros in unseren Behörden Dummheit generiert? Auf dem Passamt kam ich neulich mit einem Morgengruß als erster Kunde hinein. Weit und breit kein andere Bürger. Ich solle bitte erst eine Nummer ziehen, wurde ich belehrt, draußen auf dem Gang, ca 12 m von der Tür entfernt, wo ich eben eintreten wollte. Wieder rausgehen, zurückgehen, Nummer ziehen, dabei klingelte sogar der Apparat: 001. Ein paar Sekunden später leuchte mit einem Piepston 001 über der Tür auf, nun durfte ich vorsprechen, wobei der kleine Zettel mit der 001 als Gesprächslegitimation betrachtet wurde. Graeber beschreibt, was alle so schon mal erlebt und erlitten haben.

Die Philosophiekolumne gibt Christoph Menke die Gelegenheit, mit Bezug auf Jan Assmann, Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München: Beck 2013, und auf Ottfried Höffe, Die Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne, München: Beck 2015, zu erklären, warum man über den Freiheitsbegriff des Liberalismus hinausgreifen muss. Richtig, sein Beitrag steht unter dem Zeichen des Liberalismus, und da muss der Autor dieser Zeilen trotzdem noch einen Literaturhinweis hinzufügen: Im 4. Teil, das II. Kapitel Freiheit und Faktizität: Die Situation in: > J.-P.Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuche einer phänomenologischen Ontologie, übers. v. T. König., Hamburg: Rowohlt 1991, S. 833-950: „Der Mensch begegnet Hindernissen nur auf dem Feld seiner Freiheit.“ Nun der Literaturhinweis passt nicht so recht zu dem Beitrag, er ergänzt ihn aber dennoch, denn die Klarheit dieses Kapitels korrespondiert so gar nicht mit dem Bild, das man heute von Sartre zu haben glaubt, der doch über die Freiheit grundsätzliches zu berichten wusste.

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Und jetzt die Popkolumne von Eckhard Schumacher, der neuere Publikationen zum »Sound der Stadt« gelesen hat. Anregungen > www.stuttgart-fotos.de mit Tönen zu füllen. Städte haben ihre eigenen Klänge und Töne. Schon am Dialekt der aufgespießten Wortfetzen auf dem Markt, in Geschäften oder im Bahnhof hört jeder, ob der Tönesammler sich in Stuttgart oder Köln bewegt. Hinzu kommt die Popszene, die das Klangbild prägt und präzisiert.

Monika Dommann kann über dreihundert Jahre Copyright-Kriege. berichten und rezensiert nebenbei Peter Baldwin, The Copyright-Wars. Three Centuries of Trans-Atlantic Battle, Princeton University 2014. vivant-bruguiere-droits-d-auteur-3-110. Dazu passt, dass der Verlag DALLOZ aus Paris mir gerade den Band > Droit d’auteur et droits voisins (3e édition) von Michel Bruguiere Michel Vivant, Paris 3/2015 zur Rezension geschickt hat. Auf unserem Blog haben wir schon öfters über das > Urheberrecht berichtet, das viele online so gerne in Frage stellen möchten. Das Eigentumsrecht der Kunstschaffenden und Schriftsteller ist immer bedroht, wenn Konsumenten glauben, sie könnten sich ohne Gegenleistung online oder auch offline so einfach an deren Werken bereichern. Das gilt für Texte, Fotos – wer bezahlt eigentlich unsere Fotos? -, das gilt für alle kreativen Erzeugnisse genauso wie für den Liter Milch, den wir ja auch nicht so einfach mitnehmen. Wenn jeder angeklickte und gelesene Beitrag auf unseren Blog > www.france-blog.info honoriert würde, müssten nicht mehr umständlich immer wieder Gründe für deren Existenzsicherung formuliert werden. Ach, auf S. 70 geht es schon wieder mal um > Open Access, den „Publikationen aus staatlich finanzierter Forschung“ (S. 70), die gibt es doch gar nicht. Keine Publikation entsteht nur aus staatlich finanzierter Forschung. Jeder Autor einer solchen Publikation hat ein Mehrfaches aus seinem Privatsäckel zu einer solchen staatlich geförderten Veröffentlichung schon viel früher dazugegeben, zumindest in Form seiner Investitionen zugunsten seines Studiums, und sie dadurch erst ermöglicht. Es gibt also überhaupt keinen Grund, Autoren, wenn der Staat ihnen die letzten 50 m vor der Publikation finanziert, die Rechte an ihrer Publikation zu entziehen. Die Autoren werden durch Open-Access unter Druck gesetzt, ein Weg zur ersehnten Publikation, sie wird ihnen durch diesen Trick in Aussicht gestellt.

Holger Schulze berichtet über kleine literarische Formen am Beispiel twitterarischer und anderer E-Books. Hannes Bajohr hat unter dem Titel Infradünne Plattformen Print-on-Demand als Strategie und Genre vorgestellt, das sind interessante literarische Experimente. Aber trotzdem wird jeder, der ein Buch in welcher Form auch immer zum Druck oder zu einer Online-Veröffentlichung vorsieht, beim Redigieren und beim Einfüllen in die PDF-Form schnell verstehen, was Verlage wirklich machen. Eben mal ein E-Book herstellen? On-Demand… das geht nur, wenn man vorher zumindest versucht, Verlagsaufgaben zu imitieren.

Kommen wir zu den Marginalien: Helmut König erklärt, wie Putin in der neueren russischen Propaganda immer wieder neue Form der Verdrehung von Tatsachen zulässt: Das Falsche wird hier zu Wahr definiert erklärt, die Unterscheidbarkeit von Wahr und Falsch selbst wird prinzipiell in Frage gestellt. Felix Heidenreich hat Navid Kermanis Friedenspreisrede genau und kritisiert dessen »politische Theologie«. Remigius Bunia hat sich im politischen Brüssel die europäische Sprachenpolitik angesehen: Ein Wildwuchs. Harry Walter betrachtet auf dem Flohmarkt und sonstwo gefundene Fotos. Das erste zeigt acht Frauen, und Walter ruft: »Prosit!«


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