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Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen »
Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand

13. Januar 2015 von Heiner Wittmann

Die letzten 23 Jahre sah der MERKUR sich immer sehr ähnlich, fühlte sich gleich an, nun hat seine Redaktion sein Outfit überarbeitet, erneuert, verfeinert und das ist ihm bestens bekommen. „Ein offenporiger Karton“ wird in der Umschlag in „Zu diesem Heft“ genannt. Soooo fühlt sich so ein Karton also an, allein durchs Fühlen werden Sie merken, dass Sie den neuen MERKUR in Händen halten. Die Kurzbiographien der Autoren stehen nun vorne. Und diese erste Ausgabe im neuen Gewand hat gleich ein Oberthema mit auf die Reise bekommen: « Die Gegenwart des Digitalen » lautet das Heftthema im Januar. Kommt gerade richtig, nachdem wir am letzten Freitag im Europarat die Rede von Jacques Toubon, Défenseur des droits, zur > besonderen Bedeutung der Grundrechte im Internet gefilmt haben. Und die Begeisterung von > Benoît Thieulin, Präsident des Conseil national du Numérique über das Internet und seine Aufgabe, die von Premierminister Manuel Valls erbetene > Concertation national sur le Numérique zu leiten, gehört in die Bibliographie zum vorliegenden MERKUR.

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Geisteswissenschaften. Zunächst untersuchen Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches. Gründlich recherchiert! Sehr lesenswert. „Vier apokalyptische Reiter“, S. 6 f., haben sich auf den Weg gemacht, das geisteswissenschaftliche Buch zurückzudrängen, zu attackieren, und damit ist das Urheberrecht gemeint. Und schon werden wir sehr hellhörig. Die Reiter heißen Google-Books (> Rezension des Buches von J.-N. Jeanneney, Google défie le monde, Paris 2005), Uni-Scanner und E-Book-Piraterie, die ersten beiden nerven, der dritte ist kriminell, und ich finde es sehr ärgerlich, wenn eines meiner Bücher als Raubkopie weitergereicht wird. Der vierte Reiter heißt Open Access, und, wenn er „bald im staatlichen Auftrag“ (S. 6 f.) reitet, dann wird er richtig gefährlich. Die Grundidee seiner Anhänger ist, dass Aufsätze, die mit öffentlicher Förderung entstehen, folglich auch kostenlos zur Verfügung stehen sollten. Als ob ihre Herstellung, weil öffentlich gefördert, nichts kosten würde! Die Forscher haben unendlich viel(e) Finanzen selber investiert, bevor sie in den Genuss öffentlicher Förderung kommen, und die öffentliche Förderung muss auch irgendwo herkommen. Wir haben hier auf dem Blog schon öfters die Open-Access-Bewegung kritisiert, und tun es immer noch. Open Access würde gerne einen Sog entwickeln, nur wer bei mir veröffentlicht, verhält sich korrekt, glaubt man durchzuhören. Falsch meint und sagt Roland Reuss in seinem Heidelberger Appell, denn die Autoren sollten selbst bestimmen können, wo sie veröffentlichen. Sie besitzen das Urheberrecht an ihren Arbeiten und niemand anders. Es ist einzig und allein ihre Sache, wie sie damit umgehen. Wenn sie ihre Arbeiten als Opern Access verbreiten wollen, ist es ihre Sache.

Beide Autoren Hirschie und Spoerhase dokumentieren präzise die unerhörten Steigerungen der exorbitanten Preise für wissenschaftliche Publikationen: S. 8-10. Dann allerdings verweisen sie auf die S. Barluet, Édition des sciences humaines et sociales, Le cœur est en danger, Paris 2004, die die Absatzkrise für den Ausdruck einer Angebotskrise hält. C’est là que le bat blesse ?! Zu „spezialisiert“, zu „introvertiert“, sind die Geisteswissenschaften selber schuld am Rückgang ihrer Veröffentlichungen? Hirschi und Spoerhase raten den Verlagen zu mehr Klasse, zu mehr Reduktion. Zur Zeit werden schnelle und fixe Regaldreher produziert, die kaum ausgeliefert, bald wieder vergessen sind. Die beiden Autoren kennen die Bedeutung cleverer Lektorate.

Nullzins. Gerade wird die Welt wieder einmal auf den Kopf gestellt. Man bringt Geld zur Bank und muss gleich noch mehr mitbringen, damit die Bank die Finanzen auch annimmt. Früher bekam man ein paar Zinsen, heute schmilzt das Geld auf der Bank. Wer bedient sich eigentlich daran / an uns? Dirk Baecker erklärt die Tragweite der „Nullzinspolitik der Notenbanken“ und weiß, dass wir an der Schwelle zur nächsten Gesellschaft stehen.

Alexander Kluge hat elf politisch-historische Miniaturen verfasst: „Elf Geschichten“.

Übersetzen. Eva Guelen rezensiert Dictionary of Untranslatables. A Philosophical Lexicon. Hrsg. v. Barbara Cassin. Übers. v. Steven Rendall, Christian Hubert, Jeff rey Mehlman, Nathanael Stein, Michael Syrotinski. Hrsg. v. Emily Apter, Jacques Lezra, Michael Wood. Princeton University Press 2014: S. 38 „Auch mit der englischen Version könnte man jemanden erschlagen und fühlt sich förmlich erschlagen nach nur kursorischer Lektüre; eine andere ist jedoch kaum möglich, und selbst die überfordert planvoll: Was für eine Fülle (auch »copia« gilt ein Eintrag) von Perspektiven und unvermuteten Zusammenhängen, aber auch Brüchen und Differenzen in, unter und zwischen den verschiedenen Sprachen, vom Arabischen bis zum Russischen!“

merkur-788-1-2015Christian Demand widmet seine Memorialkolumne der Sichtbarkeit von Denkmälern.

Eckhard Schumacher untersucht die neuesten Entwicklungen der Popmusik: „Vergangene Zukunft: Repetition, Rekonstruktion, Retrospektion“.

Jetzt wird es wirklich ernst: Valentin Groebner fragt unter der Überschrift „Mit Dante und Diderot nach Digitalien“ „Wie viel will die Wissensgeschichte von sich selber wissen?“ Darin verbirgt sich ein Verriss von Peter Burke, Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia. Berlin: Wagenbach 2014, an dem Groebner keine gute Seite lässt. Kursorisches, Unvollständiges, Krauses soll Burke abgeliefert haben. Vielleicht ist das bei Wikipedia ja auch so. Natürlich gibt es dort glanzvolle Artikel, aber es gibt auch Lücken, die die kollektive Intelligenz einfach nicht zu beheben weiß. Nehmen wir ein Beispiel „L’Enfer c’est les autres („Die Hölle, das sind die anderen“): In der Kernaussage des Stückes übersetzt Sartre ein religiöses Motiv in die existentialistische Analyse der menschlichen Situation, deren grundsätzliche Ausweglosigkeit sich unter dem Blickpunkt der Ewigkeit erschließen soll,“ heißt es im Artikel > Geschlossene Gesellschaft (13.1.2015) Das ist das was man immer so aus > „Huis clos / Geschlossene Gesellschaft“ zitiert. Sartre meinte aber etwas anderes. Die Feinheiten von Wikipedia leiden unter der Anonymität der des Kollektivs, das intelligent sein möchte. Ohne aufgeklapptes Visier kommt es leicht zu Beschimpfungen, der zivilisierte Umgang leidet darunter. Das Digitale schadet dem Wissen, das will Groebner anmerken. Da denke ich wieder an diesen Blog und die Kellerarbeit damals bei der Schülerzeitung, als wir die Überschrift aus einzelnen Buchstaben zusammengeklebt haben und auf der Schreibmaschine die Text für den Offsetdruck geschrieben haben. Oder meine schicke kleine Reiseschreibmaschine von Olympia im Studentenheim mit der Pappkarte am Papierhalter, die präzise anzeigte, wieviele Zeilen Fußnoten noch zu Verfügung standen. Und heute: WORD & Co. Sind die Schülerzeitungen von heute besser? Oder die Seminarbeiten besser? Und schon wieder sind wir beim Beitrag von Hirschie und Spoerhase in diesem Heft.

Weiter geht es durch Digitalien. – Spüren Sie die Leselust, die dieses Heft vermittelt? Die will ich mit Ihnen teilen. – Ted Striphas schreibt eine kurzgefasste Phänomenologie des Internets Das Internet der Worte. Da ist eine ganze eigene, selbstreferentielle Diktion entstanden, die sich zum Gegenstand nimmt, von Absturz über Cloud und Twittern bis zu Zurückgekommene Nachricht, mit der ein Literaturwissenschaftler für ein gelungenes Werke nichts anzufangen wissen muss. Diese Digitaltechnik kann auch als ein Angriff auf das wissenschaftliche Handwerkszeug verstanden werden… die Form der Seminararbeiten ist ansprechend, aber wie die sich teilweise am „Internet inspirieren“… oder von Büchern in der Bibliothek nichts wissen, weil sie sie im Internet nicht gefunden haben. Es ist ja nun mal so, eine Seminararbeit kann man online im Netz nun mal nicht schreiben: > Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur?

merkur-788-1-2015Das ist keine Marginalie. Gunter Hack berichtet über Das Internet als militärisches System, das es in der Tat so schwer hat, sich von seinen Ursprüngen zu befreien. Roger A. Fischer schreibt über die „Gesellschaftliche Lage des Netzes“, und wie das Verhältnis von Anbieter – er wird Versorger S. 92 – und Kunden sich ändert. S. 90. Teilnehmer am Netz werden zu „Veranstaltern von Wettbewerbsprozessen“ (S. 94).

Paul Kahl und Hendrik Klavelage waren im Erinnerungsort Goethe-Nationalmuseum in Weimar. Ljudmila Belkin verortet die „Vielheit der Ukraine“ politisch und geographisch. Stphan Herczeg setzt sein Journal XXII fort.

Zu lang? Der Lesespaß, das Leseinteresse trieben diesen Lesebericht heftig an.

Auf zum > MERKUR.

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