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Wissen und Nicht-Wissen im digitalen Zeitalter und das Ende der Zeitung

5. Februar 2016 von Heiner Wittmann

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War es seriös genug, die letzte Ausgabe des MERKUR 801 per Tweets mit dieser Zwitschermaschine zu besprechen? Die 140 Zeichen zwingen zu einer wohltuenden Präzision, und es macht Spaß aus eigenem Anlass zu zwitschern und den Nachhll der Tweets zu bebachten. Wenn auch es auch ein wenig nach Spielerei aussah.

Man muss ja doch schon zugeben, dass so der Leser sich dazu zwingt, den Kern jedes Artikel auf den 140erPunkt zu bringen. Wie auch immer dieses Tweet-Format lässt vielleicht sogar schützen und wenn nicht:

Lesen wir nochmal die Artikel von Andreas Bernhard, Das totale Archiv. Zur Funktion des Nicht-Wissens in der digitalen Kultur und von Stefan Schulz, Das Ende der Zeitung in den Marginalien. Beide Artikel gehören zusammen und schnüren den roten Faden um das ganze Heft.

Wie wohltuend ist es, wenn man seine eigenen Überzeugungen woanders wieder findet. Bernhard berichtet vom schmalen Grat, auf dem der Surfer wandelt, links das Wissen, rechts das Nicht-Wissen, eine Unterscheidung, die den Adepten der Wissensgesellschaft so gänzlich fremd ist. Wenn wir was wissen wollen, genügt es doch, eine Suchmaschine anzuwerfen, und schon verfügen wir über Wissen und Orientierung in der Welt. Was die Suchmaschine, eigentlich eine Findmaschine, uns nicht sagt, gibt es nicht, wird uns nicht bekannt. Findmaschinen zeigen das Wichtigste oben und verraten natürlich nicht, wieso das Oberste gut sein soll. Unsere Faulheit macht es für uns wichtig. Studenten und Schülern, die sich per Suchmaschinen über ein Thema orientieren, geht es dann so ähnlich, wie als wenn sie nur mit Navi unterwegs sind, wie sie dahinkommen, fällt ihnen gar nicht mehr auf, und Umwege werde ihnen gar nicht bewusst. Digitales Wissen (vgl. S. 15) von dem die Digital Humanities sprechen ist eine technisch ästhetisierte Umschreibung von gespeicherten Texten, die andere oder uns unbekannte Algorithmen für uns in eine Ordnung bringen, der wir uns beim Surfen bereitwillig unterwerfen. Das ist doch nur vorverdaute Kost, von der man normalerweise nichts wissen will. Viele Didaktieraugen leuchgten, wenn es um den PC im Unterricht geht. Laptop-Klassen ist das Modestichwort. Da fällt uns der Artikel vom 14. Juli 2014 über den > Computer im Französischunterricht. Teilen wir die Klasse in zwei Hälften, links wird mit dem PC gearbeitet, rechts traditionell. Welche Hälfte hat die besseren Ergebnisse?

Andreas Bernhard erwähnt die Freiheit, die grenzenlose Freiheit im Internet, die Weite des Raums möchte man hinzufügen. (vgl. S. 16) Und dann fällt sein Fazit wie ein Schlachtbeil, genau und präzise: „Wer das Verhältnis von Wissen und Nicht-Wissen, das dieser Raum produziert, aber genauer untersucht, könnte auch zu dem Ergebnis kommen, dass genau jene 250 Jahre alten Elemente einer bürgerlichen Öffentlichkeit angesichts der Funktionsweisen digitaler Kultur auf die Probe gestellt sind.“ Da fällt uns Richard Sennett, den wir hier in einem Artikel einmal erwähnt haben: „> Richard Sennett hat 1977, ohne dass es soziale Netzwerke gab, schon über sie geschrieben: > Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität (S. Fischer, Frankfurt/M. 1983). Der Originaltitel The Fall of Public Man ist viel treffender für seine Thesen. In Anlehnung an sie kann man sagen, dass die sozialen Netzwerke keinesfalls sozial sind, sondern zum Niedergang der Öffentlichkeit gerade durch die Vorspiegelung der Öffentlichkeit erheblich und entscheidend beitragen. Je mehr gemeinsame Identität festgestellt oder entwickelt wird, je gleicher alle werden, so möchte man hinzufügen, so unmöglicher wird die Verfolgung gemeinsamer Interessen, erklärt Sennett (dt. S. 295). Das ist nicht unbedingt so paradox, wie es klingt. Nur die Unterschiede lassen die Neugier entstehen und führen zum Entdecken von Neuem.“ > Wo führen uns soziale Netzwerke hin? oder Sind soziale Netzwerke wirklich sozial? – 29. Dezember 2008.

Würde für unseren Blog der Korridor in die Öffentlichkeit nur Facebook heißen, wäre der Blog bald am Ende. Das System FB mit seinen Regeln beschädigt das soziale Miteinander, es reduziert alles auf eine sehr niedrige Ebene, auf den Humus, wo FB seine Werbemaßnahmen züchtet. Warum nutzen wir FB dennoch? Das ist ehrlich gesagt, gar nicht so einfach und schnell zu beantworten. Für unsere Blogs ist Twitter eindeutig wichtiger. Eine Besprechung des MERKUR 801 auf FB würde dort einfach in der Flut der Texte und Bilder versinken.

Irgendwie ist das noch nicht alles. Bernard meint am Schluss, „Die Analyse des Nicht-Wissens… kann … einen Beitrag zur Analyse
von Machtstrukturen im digitalen Zeitalter liefern.“ Es geht um viel mehr, es geht gar um Ansätze von totalitären Strukturen, die uns vereinnahmen wollen, um alle nur denkbaren Werbe-Tricks, die ständig um unsere Aufmerksamkeit buhlen, da ist die Beschädigung der Freiheit nicht mehr fern.

merkur-801-febuar-2016Und dann kommt der Artikel von Stefan Schulz über Das Ende der Zeitung, das deren Redakteur einläuten, die auf die sozialen Netzwerke mit allen eben angedeuteten Defiziten schielen, anstatt ordentliches journalistisches Handwerk zu betreiben. Die Redakteure können sicher nichts dafür, wenn ihre Zeitungswebsite zu 80 % mit Klickverlockungen gefüllt ist. Ist das wirklich so, die 100e von Millionen Facebook-Anhängern sollen, wie Schulz behauptet „die Schmiermasse der neuen Medienwelt“ (S. 80) sein? Ob sie wirklich über eine solche Macht verfügen, und von FB aus nur kurz mal in die Medien hineingucken, bevor sie ihren Infohunger wieder in FB stillen? (vgl. S. 81) Und FB entscheidet, was sichtbar ist, (vgl. 83) Bernard köntne sagen, FB steuert unser Wissen und generiert auch Nicht-Wissen. Und Schulz schreibt: „Reichweite kann heute nur noch digital gewonnen werden.“ Stimmt nicht ganz. Würde eine geduckte Zeitung über die 2500 Artikel, von den rund 2000 zweisprachig sind, auf dem in diesem Jahr 20 alten > www.france-blog.info, dann würden die Besucherzahlen noch mehr steigen. Man darf sich nicht so überschätzen, die digitale Welt, ach, da fällt mir Jaron Lanier, dessen Buch noch zu Hause auf meinem Rezensionsstapel wartet: „„Wie sich die Zeiten ändern,“ schreibt er, „Vielleicht missfällt Ihnen die Idee einer allgemeinen Online-Identität, aber wenn sie nicht von amtlicher Seite eingeführt wird, wird sie irgendwann von einem Unternehmen wie Google oder Facebook durchgesetzt.“ (S. 322) Dahinter steckt die Idee, dass jeder, der Inhalte ins Internet hochlädt, dafür bezahlt werden soll, sei es für das Hochladen, oder für die Nutzung anderer durch Verlinken der hochgeladenen Inhalte, was schon in die Nähe unserer Leistungsschutzrechtes (> Le bilan des discussions avec Google en Allemagne : „Leistungsschutzrecht“) kommt.“ hieß es in unserem Artikel: > Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Contribuez à l’ambition numérique de la France (I).

„Chartbeat“ (S.85) lässt Klickzahlen über die Bedeutung der Inhalte entscheiden, genauso wie alle, die erfahren, dass ich den ein oder anderen Blog habe, wissen möchten, wie viel Beuscher haben Sie? Jede aufgerufene Seite könnte mit 50 Cebt honoriert werden, dann würde ein weiterer Mitarbeiter für Fehlerfreiheit einstehen und Rechercheaufgaben übernehmen. Geht wahrscheinlich nicht, dann freue ich mich weiter daran, dass die Blogarbeit aus 40 % Lesen, 35 % Schreiben 10 % Video, 10 % Fotos und nur 5 % Technik besteht.

> MERKUR 801 – Februar 2016

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