Lesebericht: Keigo Higashino, Unter der Mitternachtssonne

Unser > Krimipezialist Oliver W. Steinhäuser hat vor einige Tagen dieses Buch in unserer Redaktion abgeholt. Und dann hörten wir einige Tage nichts von ihm. Beim Telefongespräch gestern war er knapp angebunden… Noch ein paar Seiten übermorgen kommt der Lesebericht, sagte er noch schnell vor dem Einhängen. Eben brachte er seinen Lesebericht. Und? Wenn man drin ist, kommt man erst am Ende wieder raus, erklärte er.

Yukiho Nishimoto, die sich später aufgrund einer Adoption im Buch Yukiho Karasawa nennt, Makoto Takamiya und sein Freund Kazunari Shinozuka, Tomohiko Sonomura oder Ryo Kirihara sind nur einige der Namen, die in „Unter der Mitternachtssonne“ (TROPEN) eine wichtige Rolle spielen. Da erscheint der Name des Autors – Keigo Higashino – als reine Entspannung zwischen all den japanischen Namen. Doch trotz all dieser exotischen Namen schafft es der Autor auch diesmal wieder, seine komplexen Handlungen über mehrere Zeitebenen spannend zu erzählen.

Die Ereignisse dieses Romans ziehen sich über 19 Jahre hin. Macht man sich erstmal mit den vielen Erzählsträngen und den 19 relevantesten Personen vertraut, offenbart sich Keigo Higashinos Thriller als ein Sammelsurium verschiedener Altersgruppen und Gesellschaftsschichten Japans in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Er zeichnet das Abbild einer ganzen Epoche.

Es ist die Epoche der massentauglichen Computerspielentwicklung – ohne den Schutz von Copyright – wie wir ihn heute kennen, und der dadurch einsetzenden firmenübergreifenden Piraterie und des Schwarzhandels von Quellcodes. Eine von bahnbrechenden digitalen Entwicklungen geprägte Zeit, die, aufgrund mangelnden Wissens in den zuständigen Unternehmen, von vielen Kriminellen zur eigenen Bereicherung schamlos ausgenutzt wurde.

So auch von Ryo, dem Sohn des ermordeten Pfandleihers Yosuke Kirihara. Verdächtigt wurden damals viele, einen Täter konnte die Polizei nicht liefern. Der Fall bleibt ungeklärt und der Leser begleitet das Leben des damals 12-jährigen Ryo Kirihara, der auf den insgesamt 720 Seiten schließlich 31 Jahr alt wird.

Zunehmend rückt der ungeklärte Mord an dem Pfandleiher in den Hintergrund und andere kriminelle Akteure, Weggefährten und Detektive betreten die Bühne. Unter ihnen entwickelt auch die hübsche Yukiho, Tochter der damaligen Hauptverdächtigen, einen profitablen Geschäftssinn und eröffnet eine Boutique nach der anderen.

Obwohl der Mord bereits verjährt ist, beschäftigt sich der damalige Mordermittler Sasagaki selbst in seinem Ruhestand noch mit diesem Fall. Vor allem die abgebrühte und unberechenbare Yukiho lässt ihm keine Ruhe, vermutet er doch in ihr den Schlüssel, der ihm helfen könnte, endlich die Wahrheit aufzudecken. Erst ein plötzlich verschwundener Detektiv, der auf sie und Ryo angesetzt war, bringt den alten Ermittler allmählich auf eine verheißungsvolle Spur.
So wie Higashino seine Leser immer wieder an bekannte Stellen und Details aus der Vorgeschichte führt, fügt sich auch für den pensionierten Ermittler langsam ein Puzzleteil an das andere.

Für Sasagaki bleibt die hübsche und gewiefte Yukiho der Dreh- und Wendepunkt der Geschichte. Der Blick hinter ihre mystisch düstere Aura bleibt ihm und dem Leser jedoch konstant verwehrt.

Erst als die Witwe des vor 19 Jahren ermordeten Pfandleihers ihr Schweigen bricht, kommt der Ermittler wieder auf eine heiße Spur und Sasagakis privaten Ermittlungen nehmen Fahrt auf, auch wenn er weiß, dass sein Tun niemanden mehr rechtskräftig verurteilen kann.

Der letzte Akt wird eine Tragödie. Aber der Leser erfährt durch ihn doch endlich die Motive des damaligen Täters.

Keigo Higashino,
> Unter der Mitternachtssonne
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe (Orig.: Byakuyako)
1. Aufl. 2018, 720 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesezeichen
ISBN: 978-3-608-50348-7