Lesebericht: Eberhard Straub, Wagner und Verdi. Zwei Europäer im 19. Jahrhundert

Von > Eberhard Straub ist in diesem Herbst die Doppelbiographie > Wagner und Verdi. Zwei Europäer im 19. Jahrhundert erschienen. Jubiläumsjahre sind immer besondere Anlässe. > Albert Camus wurde 1913 geboren. Am 19. März 1813 wurde David Livingstone geboren. Am 20. 1. 2013 jährt sich der Todestag von Christoph Martin Wieland zum 200. Mal. Und 2013 wird auch zum 200. Mal der Geburtstage von Richard Wagner (*22. Mai 1813) und Giuseppe Verdi( *10. Oktober 1813) gedacht. Beide haben auf ihre Weise das Genre der Oper revolutioniert und auf neue Höhen geführt. Ihre Lebenswege führen uns nach Leipzig und Dresden, Mailand, Wien, Bologna, Bayreuth, Venedig und vor allem auch nach Paris.

Straubs Doppelbiographie erklärt die Lebenswege der beiden Komponisten und zeigt vor allem auch die Beziehungen zwischen der Musik und der Politik ihrer Zeit. Besonders interessant ist das Kapitel, das den Einfluss der Musik als gemeinsame „Sprache“ auf zerrissene Italien vor seiner Einigung 1861 schildert, (S. 30-63): „Die einzige gemeinsame Sprache, die bislang von Catania bis Venedig jeder verstand, war die Sprache der Musik…“ (S. 33) „Die Geburt des radikalen Antibürgers Richard Wagner“ (S. 69 ff.) lautet eine Kapitelüberschrift, die den Takt für seine Biographie vorgibt. Sein politisches Erwachen ist mit der Julirevolution 1830 in Paris verknüpft, die Stadt, die ihn nicht mehr loslassen wird: S. 93 ff. Er lernt sich und sein Werk zu verteidigen: „In Paris entwickelte sich Wagner zum routinierten Journalisten.“ Der Fliegende Holländer, aber 1849 wendet sich Wagner gegen die Preußen, muss fliehen und wird bis 1862 steckbrieflich gesucht. Ihm bleibt nur die Wahl, Deutschland zu verlassen. Die Einbettung in die Kulturgeschichte ihrer Zeit macht den besonderen Reiz dieses Vergleichs aus. In Paris wurde Wagner zum Star und zum Konkurrenten Verdis, der auch in Paris versuchte zu reüssieren. Wagners Schirmherr in Paris war > Napoleon III., der die Aufführung des Tannhäusers gegen alle Widerstände anordnete. Aber die Gegner des Kaiser (S. 156 ff.), Royalisten und Republikaner ließen die Aufführung nach drei Versuchen scheitern.

Verdi kommt Ende Juli 1847 nach Paris. Mit Jérusalem versucht er am 26. November Giacomo Meyerbeer herauszufordern. Die Februarrevolution 1848 war für Verdi ein wichtiges Studienobjekt, aber Straub erklärt, wie er von der Republik enttäuscht wurde. AM 4. August unterschrieb er einen Appell italienischer Emigranten an die französische Regierung, der aber keine besondere Wirkung zeigte. Dann wurde in Paris > Louis-Napoléon zum Staatspräsidenten gewählt und sein dritter Staatsstreich am 2. Dezember 1851 glückte, und er konnte ein Jahr später wieder das Kaiserreich erneuern. Im August 182 wird Verdi das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. Am 27. Januar 1849 wird in Rom seine Oper La battaglia die Legnano aufgeführt, die an die Niederlage von Kaiser Friedrich Barbarossa 1176 erinnert.

Bemerkenswert ist, wie Straub das europäische Engagement der beiden Komponisten hervorhebt: Verdi nennt er in einer Überschrift „Komponist für das junge Europa“ (S. 132 f), ein entscheidender Vorteil gegenüber Meyerbeer. Les Vêpres siciliennes aufgeführt als Festoper zur Weltausstellung in Paris 1855. Versöhnung und Freundschaft sind die Stichworte für Verdi, der das junge Europa repräsentieren will. Straub erinnert an den Ausspruch Napoleons III: „L’Empire c’est la paix.“

Wagners Verhältnis zu Paris ist die Geschichte eines langen Kampfes gegen Niederlagen und Missstimmungen. Trotzdem kehrt er immer wieder nach Paris zurück, am liebsten mit dem Ziel, sich dort dauerhaft zu etablieren. Straub nennt auch seine Unterstützer von Charles Baudelaire bis Villier de l’Isle Adam. Schließlich wurde der „Wagnérisme“ in Paris ein europäisches Ereignis. (S. 157)

Beim Stichwort Oper darf hier der Hinweis auf Ralph Bollmanns Buch, Walküre in Detmold (Klett-Cotta, 2012) nicht fehlen.

Leseberichte auf diesem Blog sollten nicht so lang sein. Die Lektüre dieses Buches ist so anregend, und für diesen Blog könnte ein noch viel längerer Beitrag entstehen, der weil mein Bücherstapel immer weiter waschen würde.


> Eberhard Straub
> Wagner und Verdi
Zwei Europäer im 19. Jahrhundert

1. Aufl. 2012, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 8-seitiger Tafelteil mit s/w und farb. Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94612-3