Lesebericht: Peter Heather, Die Wiedergeburt Roms

heather-wiedergeburt-romsSind wir mal ganz ehrlich, nach den Römern zumindest bis Karl dem Großen und dann noch weiter bis zur Renaissance ist aus der Schule nicht so viel hängengeblieben. Mit Rom war es irgendwann zu Ende. Sehr verworren, dunkles Mittelalter, viele Kriege, man weiß nicht so recht. Dann kam die Renaissance. Wir haben schon öfters auf diesem Blog auf die > Geschichtsdarstellungen bei Klett-Cotta hingewiesen, die ein Überblickswissen anbieten, keine Thementiefbohrungen, sondern eine ganze Epoche in einem Buch erklären. > Peter Heather hat mit seinem Band > Die Wiedergeburt Roms. Päpste, Herrscher und die Welt des Mittelalter so ein Buch vorgelegt.

Mit der Hinrichtung des Onkels des Romulus, (um 460; gest. nach 476) Kaiser des Weströmischen Reiches, durch Odoaker, einem Offizier der römischen Armee in Italien, am 4. September 476 und dem Ende des Römischen Reiches beginnt dieses Buch. Es war derselbe Odoaker (um 433; gest. 493), der bereits Roulus‘ Veater hatte hinrichten lassen. Nachdem Onkel und Vater, die die Regierungsschäfte für den minderjährigen Kaiser führten, beseitgt waren, übernahm Odoaker die Herrschaft und bot Konstantinopel eine gemeinsame Regierung für das östliche und westliche Territorium an.

Drei Herrscher haben nach Odoaker versucht, das römische Erbe in Westeuropa wiederzubeleben. Jeder von ihnen zu unterschiedlichen Epochen, jeder unter anderen Voraussetzungen, jeder von ihnen hat als Herrscher trotz des Scheiterns die Geschichte Ihrer Zeit in entscheidender Weise mit bestimmt. Die Geschichte dieser drei Herrscher, der implizite Vergleich hinsichtlich ihrer Machtbasis, ihrer Erfolge und ihrer Niederlagen, machen aus diesem Buch trotz der ungeheuren Fakten- und Namensfülle ein wohlstrukturiertes Lernbuch, dessen Struktur sich leicht behalten lässt. Eben eine gut durchdachte Einführung, die den Leser von 467 bis zur Herrschaft > Karl des Großen führt. Erst die „Neuerfindung des Papsttums“ (S. 16) im 11. Jh. begründete wieder ein Römisches Reich für 1000 Jahre.

heather-wiedergeburt-romsTheoderich der Große (451-526)schrieb 507 an den oströmischen Kaiser Anastasios (430-518): „Unsere Herrschaft ist eine Nachahmung der Euren, ein Abguss der guten alten Vorlage, eine Kopie der einzigartigen Kaisermacht.“ (S. 19). Blogberichte, auch unsere Leseberichte sollen nicht besonders lang sein, ein Grundsatz, der als Klebezettel an den Bildschirm gehört, wenn ein 550 Seiten langes Buch vor uns liegt. Die nächsten 5 Seiten dieses Leseberichts in einem Satz: Es ist der abwägende und erklärende Umgang mit den Quellen, ihre Einordnung und Bewertung, die unter der Feder Heathers immer wieder in Quellenkunde übergeht und zeigt, wie aus dem Befund der Quellen Geschichtsschreibung wird, so auch hier beim Brief Theoderichs an Anastasios. Theoderich weilte als Knabe von ca. 459 1o Jahre lang am Hofe Leo I. (401-474) in Konstantinopel: Ein politisches Praktikum: S. 21-39. Heather geht allen Spuren nach und erzählt die Ankunft Theoderichs in Konstantinopel, der Anlass zu dieser Reise hängt mit einem Abkommen zusammen, das sein Onkel mit Leo I. geschlossen hatte. Unsere Kenntnisse über Theoderich werden im Wesentlichen durch seinen Biographen Cassiodor (um 485-580) bestimmt. Auch hier kommen die exzellente Kenntnisse Heathers im Umgang mit den Quellen zum Tragen; er zeigt wie die Quellen gelesen und interpretiert werden. Noch heute wird durch das präzise Nachlesen der Quellen manche immer schon tradierte Auffassung korrigiert: „Ein Philosoph in Purpur“, schrieb Cassiodor und gab dem Kapitel so seine Überschrift: S. 75-132. Letztendlich scheitert dieser zweite Versuch, das Imperium Westen wiederherzustellen.

Ein Jahrhundert nach Justians Tod beschloss Konstantinopel auf einem schmalen Plateau eine neue Stadt zu errichten: Justiniana Prima. (S. 135 ff.)

> Iustiniana Prima (Wikikpedia) wurde im Nordwesten der Provinz Dacia weit ab von den Hauptverkehrswegen nahe zu Dardanien gegründet. Warum wurde hier eine Stadt errichtet? Die Stadt, so Heather, sei ein Monument für Kaiser Justinian I. (482-565), der 527 auf den Thron kam. Sein Biograph Prokop aus Caesarea hat in drei Werken die Kriege Justinians von 527-553 und seine Bauten wie die Hagia Sophia beschrieben. Dazu gehört auch die Anekdota, die Geheimgeschichte, die zunächst verloren gegangen war und in der Vatikanischen Bibliothek wiederentdeckt und in Lyon 1623 veröffentlicht wurde. Lesen Sie selbst, die Art, wie Heather aus den Quellen ist wirklich spannend. Justinians Lebenswerk ist die Reform des spätrömischen Rechts. S. 148-188. Justinians Vermächtnis, S. 241-246: Es war der Aufstieg des Islams, der dazu führte, dass aus dem östlichen Mittelmeerraum kein Kandidat für die Wiederherstellung des Weströmischen Reiches in Frage kam. Justinian kann zwar mit seiner Rechtsreform ein sehr bedeutendes Lebenswerk vorweisen, mit der Restauration des Reiches war er aber gescheitert.

Am 25. Dezember 800 wird der Frankenkönig Karl der Große (747/8-814) „früh am Morgen“ in Aachen, S. 249, von Papst Leo III. gekrönt. Sein Biograph Einhard (775-840) war nicht amüsiert und versicherte, er hätte die Kirche nicht betreten, wenn er die Ansicht des Papstes gekannt hätte. (ib.) Viellicht war es ihm unheimlich soviel Macht vereinigt zu sehen, schließlich ging es darum dass das Römische Reich in der Person des Frankenherrschers wiedergeboren wurde. Die Folgen des Weihnachtstages 800: S. 249-293. „Die Mitte hält es nicht“ lautet die Überschrift des Kapitels, das die Folgen des Todes von Karl dem Großen am 28. Januar 814 erzählt. Zwar zerfällt sein Reich, es wird unter seinen Söhnen aufgeteilt, zugleich kündigt sich der Aufstieg des Papsttums an: Karl der Große und Papst Leo: S.: 351-407, was im letzten Kapitel von Heather „Habemus Papam: Das Papsttum startet durch“ (S. 408-469) bestätigt wird.

Wie liest man so ein dickes Buch, und wie behält man einige seiner Fakten? Am besten man blättert es einmal durch, schaut sich das Inhaltsverzeichnis an, liest die Einleitung, den Epilog, S. 470-480: sehr lesenswert. Wenn man die Struktur durchschaut hat, blättert man das Buch nochmal durch, nun hat man ein Gerüst für die Epoche, man kennt die Hauptpersonen, Theoderich, Justinian und Karl den Großen. Nun kann die Lektüre losgehen. Hinterher ist die Zeit von 400 bis 1000 keine unbekannte Epoche mehr.


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heather-wiedergeburt-romsPeter Heather
> Die Wiedergeburt Roms
Päpste, Herrscher und die Welt des Mittelalter

Aus dem Englischen von Hans Freundl und Heike Schlatterer (Orig.: The Restoration of Rome)
1. Aufl. 2014, 544 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit einem farbigen Tafelteil, Karten, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94856-1