Lesebericht: Michael Kröchert, Autobahn. Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum

Wie entrückt die Autobahn in Zeiten von > Corona wirkt.

Jeder von uns war schon mal auf der Autobahn. Als Kinder fragten wir „Wie lange noch?“- heute fragen wir: „Wann ist der Stau zu Ende?“ Oder lauschen dem Navi, das endlich die Ausfahrt ankündigt. Früher reisten wir auf der Autobahn, heute werden wir von schwarzen, großen SUVs mit ihren verdunkelten Scheiben gejagt, solange die noch schneller als 130 km/h dahinbrausen dürfen. Autobahn hieß früher Ferienzeit, Wegfahren und Urlaub, heute Verkehrsdichte, Baustelle, wie gesagt Stau und Ungeduld.

> Nachgefragt: Michael Kröchert, Autobahn. Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum – 20. April 2020

Dreizehntausend Kilometer Autobahnen gibt es in Deutschland und Kröchert entschlüsselt diesen Mythos, der so oft an einem Alptraum grenzt. Keine Frage. Die Landschaft verändert sich, wenn die Autobahn ausgerollt wird: „Die Autobahn war ein Monstrum, sie hatte die Landschaft völlig entstellt.“ (S. 144)

Michael Kröchert hat sich für sein Buch > Autobahn. Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum ein Jahr lang auf bundesdeutschen Autobahnen umgesehen, einfach mal um herauszufinden, was die Autobahn mit ihren Reisenden und ihren Anliegern macht. Herausgekommen ist dabei ein Buch mit spannenden Reportagen, die auch verraten, wie man als Journalist sich so einem Stoff annehmen kann. Autobahn klingt heute nach Stau, Warten und Vollsperrung. Was machen dann die Fahrer in ihren Autos, wenn auf der A57 stundenlang sich nichts bewegt. Manche halten ihr Lenkrad fest, andere drehen an den Knöpfen ihres Radios oder schauen einfach nur aus dem Fenster.

Ein Journalist darf dann auch mal im Polizeiauto mitfahren. Auf Streife und plötzlich geht das Blaulicht an, festhalten, jetzt fährt es schneller als alle anderen, um woanders sofort zu helfen. Es gibt auch Autobahnen, die verlegt werden, wie die beim Hambacher Forst, wo die Bagger, die Hälfte der Kohle, die er fördert, für seinen eigenen Betrieb braucht. Die Autobahn als Orientierung, da geht es lang. Erinnerungen an Unfälle, wie der, der Jörg Fauser das Leben gekostet hat. Ohne eine echte Truckerreise kann niemand über die BAB erzählen. Trucker Bodo hat Kröchert und 21 Tonnen Zinnschlacke in den Süden kutschiert. Und dann ging es wieder Richtung Kassel. Erinnerungen an die erste Liebe.

Staus entstehen, wenn der Erste trödelt, einige unbedingt dauernd die Spur wechseln müssen oder immer mehr Autos von der Auffahrt kommen oder einfach nur eine neue Bahn gebaut wurde. Baustellen sind auch Stauquellen.

Nirgends auf der Welt darf so hemmungslos gerast werden wie durch Deutschland. Mehr als in jeder Schlange lassen sich selbst die ansonsten friedfertigsten Menschen zum Drängeln und zur Ungeduld verleiten. Aber Kröchert hat keine Sozialschelte im Sinn, er erzählt uns das Phänomen Autobahn. Die einen wollen schnell wieder runter, die anderen wohnen ihr ganzes Leben lang fast auf der Fahrbahn. Die meisten wollen nur ankommen, und doch ist für alle die Autobahn geradezu ein mythischer Ort. Fällt im Smalltalk das Wort Autobahn, hat jeder dazu sofort ein Erlebnis parat. Panne, Stau, Unfall, Baustelle, Lichthupe, Rettungsgasse und dann und wann mal jemand, der einen vorlässt.

„Die Autobahn war die Antithese zur Landschaft,“ (S. 130) resümiert in einem Satz, dass das Band mit den Betonbahnen eigentlich in keine Landschaft passt. Tiere werden beim Queren überfahren, alles steht und auf beiden Seiten fahren die Radler durch die wogenden Kornfelder. Und dann gibt es hin und wieder einen Ort der Stille, eine Autobahnkapelle – 45 gibt es davon in Deutschland – die zu stiller Andacht einlädt. Mehr Kontrast zwischen dem Lärm draußen und der Stille beim Schreiben und dem Lesen im Anliegenbuch gibt es nirgends.

Natürlich denken die laut dahinrasenden PS-Schlitten nie an die Menschen in den Häusern, die direkt an der Autobahn wohnen. Niedrige Schallmauern helfen wenig denen, die irgendwie resigniert haben. Der Krach nimmt jedes Jahr zu. „Die Autobahn war immer das Abbild der Menschen, die die bauen ließen und befuhren.“ (S. 13) Und was die Leute beim Fahren auf der Autobahn vor ihrem Steuerrad alles machen! Viele können die Hände einfach nicht von ihrem Smartphone lassen: Bei einem Unfall würden sie es mal loslassen. Dann wird es teuer: 200 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot.

Mit der Autobahn kommt in manchen Winkel auf einmal der wirtschaftliche Segen oder nur Ungemach, wenn der Bauer einige Äcker hinter seinem Haus für das Betonband hergeben muss. Dann ist es mit der Ruhe vorbei.

Michael Kröchert
> Autobahn. Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum
1. Aufl. 2020, 248 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50448-4