Nachgefragt: Thomas Oberender, Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen

Thomas Oberender Empowerment Ost„Die Dicke eines Buches hat mit dem Gewicht seiner Argumente oft nicht so viel zu tun. Hier ist es so: relativ dünn aber umso mehr mit vielen sehr guten Argumenten!  Am 21. Juli 2019 hat Thomas Oberender in der 2015 von Joulia Strauss in Platons Garten gegründeten Avtonomi Akadimia einen Vortrag gehalten, in dem er Erfahrungen vor und nach der deutschen Wiedervereinigung Revue passieren ließ, sie einordnete und bewertete. Der auf Englisch gehaltene Vortrag erschien unter dem Titel „Occupy History. Decolonisation of Memory. The East German Revolution and the West German Takeover“ bei Krytyka Polityczna Athens, 2019, und jetzt auf Deutsch übersetzt von Benjamin Mildner als > Empowerment Ost mit dem Untertitel „Wie wir zusammen wachsen“ bei Tropen.“ So begann unser  > Lesebericht: Thomas Oberender, Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen

Heute hatten wir das Glück, Thomas Oberender in unserem Homeoffice per Video-Fernübertragung empfangen zu können:

Thomas Oberender  studierte Theaterwissenschaft und Szenisches Schreiben in Berlin. Er ist Dramatiker, Kritiker, Essayist und Publizist. Seit 2012 ist er Intendant der Berliner Festspiele und Künstlerischer Leiter der Programmreihe Immersion. Zuletzt erschienen: Leben auf Probe (2009) und Haupteingang oder Nebeneingang (2015).

In seinem Vortrag erinnert Thomas Oberender an die kurze Phase in der DDR vor und nach der Maueröffnung wie vor und nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erinnert, und die Alternativen zu der sich abzeichnenden Wiedervereinigung, die aber im Sog der immer rasanter verlaufenden Entwicklung auch selbst schnell Geschichte wurden. Haben wir um 1989 was verpasst?

Oberenders Buch ist eine wohldurchdachte Standortbestimmung, mit der er erklärt, wieso es wieder an der Zeit ist, darüber nachzudenken, welche Folgen die so rapide Verdrängung des Ostens aus dem Osten für den Verlauf der bundesdeutschen gemeinsamen Geschichte gehabt hat. Warum ist die ostdeutsche Geschichte heute so wenig präsent. Es war ja keineswegs nur die Geschichte eines Unrechtsstaates, da waren ja auch noch die Bürger…

Es gibt ganz verschiedene Ansichten, zu welchem Zeit die Bürger der DDR erkannten, dass demnächst die Deutsche Einheit bevorsteht. Im Westen war es der beherzte und mutige Griff durch das offene Fenster in einer bestimmten internationalen Konstellation, mit dem Helmut Kohl die Einheit erreichte. Wurde der Osten überrrumpelt? Mit Folgen für die ostdeutschen Biographien?

An wen wenden Sie sich mit diesem Vortrag? An die folgenden Generationen, für die 1989 so weit zurückliegt, wie für uns die Gründung der beiden deutschen Staaten. Und diese unterschiedlichen historischen Erfahrungen lösen abweichende oder neue Bewertungen aus?

Im Osten entstand zudem das Gefühl zurückgesetzt, unreif zu sein, weil das Führungspersonal für Wirtschaft und Politik weitgehend vom Westen aus in den Osten importiert wurde. Die Folge: Oberender vergleicht den Verlauf der Wiedervereinigung als Blaupause, wie die EU Griechenland geholfen hat. Würden Sie diese These präzisieren?
„Die Angst vor Kontroll-, Identitäts- und Besitzverlust“ verhalf der AfD im Osten zu ihrem Aufschwung: S. 71.

Zwei Gefühlslagen beherrschten 1989 u.a. die Bürger der DDR: „Dieses zu uns gelangte Aroma des Westens erzeugte auf magische Weise eine Erfahrung von Freiheit,“ im Gegensatz zum DDR-Staat, „diese Angst, ständig für etwas bestraft zu werden.“ (S. 9)

Die Angst schwand und da die Sowjet nicht angriffen, wurden die Bürger sehr schnell mutiger: „Diese repressive DDR war über Nacht ein Phantomstaat geworden,“ (S. 13) notiert Oberender im Absatz, in dem er über den Fall der Mauer berichtet. War das der entscheidende Anstoß zu allen dramatischen Veränderungen?

Im Nachhinein darf man sich im Westen schon wenig darüber wundern, wieso man damals so unsensibel war… selbst den Bewohnern der DDR ging alles zu schnell oder nicht schnell genug. Zum Nachdenken blieb ohnehin nicht viel Zeit: „Etwas hat sie verletzt, aber sie merkten es kaum.“ (S. 16) Was war das?

Manche später Geborene haben Recht, wenn sie über die Zeit zwischen Herbst 1989 und die Volkskammerwahl im März 1990 (S. 30 ff) staunen: Maueröffnung am 9.9. Schon am 28. November 1989 hatte Helmut Kohl seinen 10-Punkte-Plan im Deutschen Bundestag bekanntgegeben mit der Ankündigung der Deutschen Einheit, war sie ersehnt im Osten?

Thomas Oberender Empowerment OstDie fälligen Neuorientierungen der deutschen Außenpolitik infolge von Klimawandel und den Veränderungen im internationalen Wirtschaftsgefüge (Stichwort: China) verlangen einen Politikwechsel vom Produktionssystemen zu Erzeugersystemen… werden die abgebrochenen Gespräche von 1990 bekommen wieder eine neue Bedeutung (S. 72) bekommen?

Thomas Oberender
> Empowerment Ost
Wie wir zusammen wachsen
1. Aufl. 2020, ca. 112 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50470-5


Ines Geipel hat mit ihrem Band > Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass ein sehr beeindruckendes Buch geschrieben: Hier geht es um aktuelle deutsche Politik und die historischen Grundlagen, auf denen sie sich bewegt. Sie berichtet, wie in der DDR Geschichtsklitterung betrieben wurde – das klingt hier so leicht gesagt – und dahinter verbergen sich schwerwiegende Familiendramen und heute sind es Umschreibungen, ganz so als ob man den Realitäten nicht direkt ins Auge schauen wolle,“ so begann auf unserem Blog der > Lesebericht: Ines Geipel, Umkämpfte Zone Mein Bruder, der Osten und der Hass – 14. März 2019 zu ihrem Buch.