Verlagsblog

Gelesen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

14. September 2017 von

Gerade erschienen, aufgeschlagen und sofort ohne aufzuhören gelesen. Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben. Haben wir gestern noch den Anfang dieses Romans, die Fakten hier vorgestellt > Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, so können wir hier nur daran erinnern, Rémi, der kleine Nachbarjunge ist tot. Im Wald von Saint-Eustache.

Der Leichnam wird gefunden werden, es wird Nachforschungen geben. In der kleinen Stadt Beauval kennt jeder jeden. Da bleibt eigentlich nichts verborgen. Schaut man genauer hin, gibt es so manches, von dem man beim Spaziergang durch dieses Städtchen nichts ahnt. Ob das überall so ist? Lemaitre stellt ihre Bewohner nacheinander vor, sie sind alle in irgendeiner Form im sozialen Netz von Beauval gefangen, es gibt aber auch Konventionen, die verletzt werden. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet und empfindsame Naturen müssen sich nicht hineindenken in die Ereignisse, der Sog der Geschichte, des Dramas belegt sie mit Beschlag.

Ein Bericht der Fakten würde hier so viele Seiten füllen wie dieses Buch vorzuweisen hat. Dazu kommt natürlich die Ebene, auf der die Spannung geschaffen wird. Aber auch auf dieser Ebene werden wir hier kein Wort über den Fortgang der Ereignisse verlieren. Wenn es ein Mord war, wird der Mörder auch gefunden werden. Es gibt noch eine weitere Dimension dieses Romans. Außer der Handlung, der Aufbau der Spannung gibt es auch die Art und Weise, wie die Gespräche der Protagonisten der ersten Reihe mit denen der Nebenfiguren verknüpft werden. Da wird man sich schon täuschen lassen und die Ordnung dieser Personen bald wieder revidieren. Ein Trick des Autors, und um aus dem Leser einen Einwohner von Beauval zu machen. Bald kennen sie die Personen und erwarten dies oder jedes von ihnen. Die einen brechen plötzlich aus, warum und wieso wird gar nicht immer gesagt. Sind es die Verhältnisse im Städtchen, die sozialen Beziehungen, die dazu die Motive liefern? Oder sind es die stets bekannten Versuchungen, die, wenn ihnen nachgegeben wird, und nicht nur in Beauval, den Lauf der Dinge immer ändern, sans appel? Wendungen drehen im Leben nicht immer nur aufgrund von Ereignissen, Entscheidungen einzelner, oft kommt ein ganzes Bedingungsgefüge zusammen, das über das Schicksal Einzelner entscheidet, ein Schicksal, über das ihnen die Kontrolle entgleitet. Auch in diesem Roman gibt es Entscheidungs-, Handlungsmöglichkeiten für die Protagonisten. Sie können dies und jenes tun. Und warum sie es tun? Verantwortung, Angst, Furcht, Gier, Selbstlosigkeit, Sorgen, Stolz. Was treibt die Bewohner von Beauval und sonst irgendwo an?

Sie kennen das schon, spannende Bücher lassen Sie an Ihrer Zielstation vorbeifahren. Sich Zeit nehmen für diesen Roman? Fangen Sie einfach an zu lesen, Sie werden vor der letzten Seite nicht aufhören.

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar 2015

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 2014

Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

13. September 2017 von

Wir hatten in letzter Zeit schon öfters Bücher, diie man vor der letzten Seite nicht aus der Hand Legt. Die gerade erschienene Übersetzung von Tobias Scheffel, des Romans von Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben gehört auch zu ihnen. „Roman“ steht hinter dem Titel, das ist aber nicht alles. Auf der französischen Wikipedia zu diesem Roman, der 2016 in Frankreich erschien, steht „Trois jours et une vie est un roman psychologique et noir de…“, der ihre Aufmerksamkeit allerspätestens total in dem Moment vereinnahmt, als Antoine im Wald auf den Nachbarsjungen Rémi Desmedts trifft, dessen Vater den Hund Odysseus der eigenen Familie, nachdem er überfahren worden war, mit einer Kugel erlöst und in einem Sack hinten im Garten zum Bauschutt legt.

Der Einzelgänger Antoine ist total verstört und fühlt sich von dem Bild des Sacks mit dem toten Hund im Garten verfolgt. Nichts geht mehr für ihn. Die Einkäufe, die als Aufgabe auf dem Mitteilungsbrett zu Hause ihm aufgetragen werden, erledigt er, ohne die Verkäufer anzusehen, noch mit ihnen zu sprechen. Er geht in den Wald, wo er alleine eine Baumhütte gebaut hat und zerstört sie und weint fassungslos. Dann steht auf einmal Rémi vor ihm.

Jeder Leser wird die Geschichte bis hierhin wahrscheinlich genauso erzählen. Das sind die Fakten, die Ereignisse und die Einsamkeit von Antoine. Der Fortgang der Geschichte ist keineswegs zwingend. Es gäbe verschiedene Szenarien. Aber Antoine ist zu aufgewühlt und als er dann noch merkt, dass Rémi seine Wut irgendwie nicht teilt, sondern sich nur irrsinnig erschrocken über die so offenkundige Wut von Antoine zeigt – der Erzähler fügt hinzu, Rémi glaube, Odysseus sei nur gerade mal wieder weggelaufen, schlägt Antoine zu.: „Blind vor Zorn packte er einen Stock…“ und versteckt dann die Leiche.

à suivre

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 16th 2014

Lesebericht und Nachgefragt: Jón Gnarr, Der Outlaw

13. September 2017 von

Was macht man am besten, wenn man in einer Schule für schwer erziehbare Jugendliche landet, kaum raus darf, und die Schule ziemlich weit abgeschnitten von der nächsten Stadt liegt? Die Schule ist in dem Flecken > Núpur am Fjord mit dem Namen > Dýrafjörður isländischen Region Vestfirðir (Westfjorde). Perfekt für eine ausgedehnte, erholsame und beeindruckende Island-Rundreise mit tollen Fotomotiven in einer aufregenden Landschaft. Aber als Schüler dort auf die kargen Hänge zu gucken und zu wissen, hier darf man erst einmal nicht wieder weg? Dann sieht das doch schon anders aus. Gerade ist bei Tropen die Autobiographie seiner Jugend von Jón Gnarr, > Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft erschienen.

Der Neue wird kritisch gemustert, er mustert die anderen, Die einen sind Punks, die anderen Anarcho-Punk und Crass-Punk, eingeordnet wurde man weniger nach dem Charakter, sondern nach dem Musikgeschmack. Der Schnee um das Haus herum ist drei Meter tief. Eine natürliche Barriere, dahinter oder mit dem Blick aus dem Fenster, dahinten ist erst mal lange nichts. Wundert man sich, dass der junge Gnarr sich bald für den Anarchismus interessiert? (vgl. S. 37 ff) Jeder kleine Zwischenfall lehrt ihn mehr fürs Leben als der Unterricht. Er entwickelt für sich eine Strategie, um zu überleben. Er nennt sich Jónsi Punk und steigt zum Klassenclown auf. Findet man keinen Übeltäter wird ohne Umschweife Jónsi Punk verwarnt, er darf aber auf der Schule bleiben. Irgendwie zeichnet sich das schon ab: Komödiant und Verantwortung. Aber er ahnt noch nicht, dass später seine Idee, mal eben eine Partei zu gründen, ihn ganz schnell ins Stadtparlament von Reykjavík und sogleich auch auf den Stuhl des Bürgermeisters führen wird. Politiker oder Komödiant, wo sind die Grenzen haben wir Jón Gnarr am letzten Samstag in Berlin gefragt:

Und er findet einen Trick, um sich einen Besuch in > Ísafjörður zu genehmigen, > 33 km mit dem Bus. Es genügt, wenn die imaginäre Tante im Sekretariat der Schule anruft, und den geliebten Neffen nach > Ísafjörður einlädt, dann steht dem Diskothekenbesuch nichts mehr im Wege. Jónsi Punk reist in die Stadt und bald steht dort an vielen Stellen der Name seiner Lieblingsband „Nefrennsli„. Später kommt der Ausreißer nach Núpur zurück. Erleichtert und fast wieder zu Hause. Er liest Tao Te King, hört > Crass . Nach den Sommerferien zurück in Núpur: Erste Liebschaften und ein Schauspiellehrer, der einen Theaterkurs gab. Pétur Gunnarssons Grünschnabel steht auf dem Programm. Der Durchbruch, Jón bekommt viel Lob für seine Rolle. Ein Zwischenfall beendet die Schauspielerkarriere erst einmal. Aber Gnarr weiß jetzt, wo es für ihn lang geht: Er formuliert für sich Ideale. Jón Gnarrs Erzählung ist mitreißend: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Trotz ist das allerbeste Mittel, um mit der entsprechenden Willenskraft, Misslichkeiten zu überstehen. Und er hat Erfolg, wenn er sich selber vertritt und ins Spiel bringt. Sich nicht alles gefallen lassen, das kann man bei Gnarr lernen: Komödiant oder Politiker? > .

Hätte er sich auch nicht träumen lassen, dass er bald seine Memoiren als Politiker schreiben wird: Jón Gnarr, der Bürgermeister von Reykjavík (2010-2014) > Lesebericht: Jón Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! erzählt hier die Jahre seiner düsteren Jugendzeit.

> /twitter.com/Jon_Gnarr

Jón Gnarr
> Der Outlaw
Aus dem Isländischen von Tina Flecken (Orig.: Útlaginn)
1. Aufl. 2017, 287 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50153-7

Nachgefragt: Tom Drury, Grouse County

12. September 2017 von

Bevor wir den letzten Roman von Tom Drurys > Grouse County. Romantrilogie ganz gelesen hatten, konnten wir den Autor am letzten Wochenende in Berlin besuchen und nach seinem neuen Buch und vor allem auch nach den Personen seiner Geschichten befragen. Drury erlaubte uns einen faszinierenden Einblick in seiner Schreibwerkstatt. Eine Triologie ist dabei herausgekommen. Nein, daran hatte er am Anfang bei der ersten Zeile überhaupt nicht gedacht. Er habe erst einmal angefangen. Somit gehört Drury zu den Autoren, die abwarten und zusehen, wie seine Charaktere sich entwickeln. Allerdings kommt mit den Jahren bei ihm eine weitere Komponente hinzu, die die Lektüre seiner drei Romane so spannend macht. Seine Personen machen Entwicklungen durch und obwohl Drury, ihr Fortkommen nur mit der Feder verfolgt und protokolliert, schaut er doch schon genauer hin, was machen sie aus ihrem Leben? Weniger in dem Sinne von, was wird aus ihnen, sondern es geht um die Frage, welche Chancen haben sie genutzt oder welche haben sie vertan.

Klar, der Autor lässt somit dem Leser alle Freiheiten, in die Beurteilung der Charaktere (mit) einzusteigen. Hält er uns einen Spiegel vor? Das darf jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Klar, der Autor lässt somit dem Leser alle Freiheiten, in die Beurteilung der Charaktere (mit) einzusteigen. Hält er uns einen Spiegel vor? Das darf jeder Leser für sich selbst entscheiden. Doch mir fiel während unseres Gesprächs – in einem Bistrot in Berlin mit ungewöhnlicher Beleuchtung ein, wie > Sartre am Ende von Der Ekel seine Literaturtheorie und damit ihre Bemessungsgrundlage von Roquentin formulieren lässt: Er müsse, so sagt sich Roquentin auf der Zugfahrt nach Paris, ein Buch schreiben, das so hart wie Stahl sei und den Leuten wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibe. Also es geht um alles, was sie nicht gemacht haben oder noch nicht gemacht haben. Geht es immer um verpasste Chancen? Man verpasst immer irgendwas. Aber es geht darum, immer wieder neu anzufangen und zu lernen, n’est-ce pas?

Tom Drury,
> Grouse County. Romantrilogie
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
1. Aufl. 2017, 795 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-98025-7

Jón Gnarr kommt nach Berlin: Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft

7. September 2017 von

Gerade ist Tropen die Autobiographie seiner Jugend von Jón Gnarr, > Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft erschienen.

Jón Gnarr, der Bürgermeister von Reykjavík (2010-2014) > Lesebericht: Jón Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! erzählt hier die Jahre seiner düsteren Jugendzeit. Er kommt in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche am nordwestlichen Rande Islands. Dort bleibt er zwei Jahre von der Außenwelt abgeschnitten. Er fühlt sich nicht nur, er wird auch missverstanden und ist einem Unrechtsystem schutzlos ausgeliefert. Musik ist eine seiner Strategien, dem Elend zu entfliehen. Und immer wieder eigene Initiative. Er formuliert für sich Ideale: Er bekämpft Ungerechtigkeiten und wendet sich entschieden gegen jede Form von Gewalt. Außerdem entdeckt er die die Ideen des Anarchismus für sich und die Anderen: man muss sich nur trauen, etwas Neues zu machen und eingefahrene nutzlose Regeln zu überwinden.

Jón Gnarrs Erzählung ist mitreißend: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Trotz ist das beste Mittel, um mit der entsprechenden Willenskraft, Misslichkeiten zu überstehen. Und er hat Erfolg, wenn er sich selber vertritt und ins Spiel bringt. Sich nicht alles gefallen lassen, das kann man bei Gnarr lernen: Komödiant oder Politiker?

>/twitter.com/Jon_Gnarr

> 19. Internationales Literaturfestival 6. – 19. September 2017

Wir treffen Jón Gnarr auf dem Literaturfestival in Berlin:

Sa 09.09 2017 – 19:00
Jón Gnarr, Die Macht des Machens – Berlin | Lesung

Veranstaltung des »Internationalen Kongresses für Demokratie und Freiheit« im Rahmen des Internationalen Literaturfestival Berlin

Das Wahlverfahren ist nach wie vor die zentrale Form politischer Teilhabe, jedoch zweifeln viele Bürger zunehmend an seinem Wert und verweigern sich der Stimmabgabe. Welche anderen Formen von Partizipation gibt es und welche Räume existieren dafür? Werden diese gegenwärtig kleiner? Wie können neue Möglichkeiten geschaffen werden? Wie viel politische Verantwortung wollen die Menschen wirklich? Wie können aus Bürgern Demokraten werden?
Oberes Foyer – Haus der Berliner Festspiele, Berlin

Mo 11.09.2017 – 11:30
Jón Gnarr, Der Outlaw – Berlin | Lesung

Veranstaltung des »Internationalen Kongresses für Demokratie und Freiheit« im Rahmen des Internationalen Literaturfestival Berlin
Gartenbühne, Haus der Berliner Festspiele, Berlin

Mo 27.11.2017 – 19:30
Jón Gnarr, Der Outlaw – Hamburg | Lesung

Eröffnungsveranstaltung der Nordischen Literaturtage 2017
Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38, 22087 Hamburg

Jón Gnarr
> Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft
Aus dem Isländischen von Tina Flecken (Orig.: Útlaginn)
1. Aufl. 2017, 287 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50153-7

> Indianer und Pirat
Kindheit eines begabten Störenfrieds
Aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl (Orig.: Indjáninn)
1. Aufl. 2015, 253 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50141-4

Jón Gnarr
> Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!
Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte
Aus dem Isländischen von Betty Wahl
7. Druckaufl. 2016, 175 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50322-7

Lesebericht: Edgar Wolfrum, Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts

29. August 2017 von

Für Schülerinnen und Schüler, die in den nächsten Jahren Abitur machen und dann studieren werden, ist das 20. Jahrhundert längst vorbei. Kalter Krieg? Mauerbau? Drittes Reich? Weimarer Republik? Novemberrevolution? Erster Weltkrieg? DDR? Alles längst vorbei und überhaupt mit Geschichtsdaten ist das so eine Sache. Da wird manches vergessen und Bezüge gehen verloren. Und da es bei uns mit dem Politikunterricht eher düster aussieht kommen manche Schülerinnen und Schüler manchmal mit eher dürftigen Kenntnissen des 20. Jahrhunderts aus der Schule heraus. Und dennoch ohne eine profunde Kenntnis der politischen aber auch kulturellen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind die internationalen Beziehungen von heute kaum zu verstehen. Man sucht also Bücher über das 20. Jahrhundert, um peinliche Lücken zu füllen

Jetzt hat der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum bei Klett-Cotta eine Gesamtdarstellung des 20. Jahrhunderts vorgelegt:> Welt im Zwiespalt. Der Untertitel „Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts“ erklärt seine Absicht, sich von den üblichen Ansätzen, die Geschichte des letzten Jahrhunderts zu erzählen, abzusetzen und einen neuen Zugriff zu versuchen.

Unsere Kurzinfo: Viele Fakten, sehr geschickt und einleuchtend durch gut begründete Einsichten miteinander verbunden. Eine gute Grundlage, um sich mit diesem Buch ein Gerüst an Wissen und historischen Daten zum 20. Jahrhundert zu erarbeiten.

Weltkriege und Genozide, Demokratie und Diktatur – diese Begriffe stehen im Mittelpunkt der Geschichte des 20. Jahrhunderts = Teil 1: Die Väter und Mütter aller Dinge. Umweltkatastrophen, Vertreibung, Genozid und Völkermord, Aids gehören in Teil 2 zu den Dramen des Lebens. Teil 3 Vom Wahren, Schönen, Guten berichtet über die künstlerische Avantgarde, über die Entwicklung der Geschlechter zueinander, über die Säkularisierung der Religionen und über die Entwicklung des Wissens, schließlich werden in Teil 4 Die Ökonomie als Schicksal demographische Entwicklungen, Wirtschaftswachstum, Hunger und Wohlstand, wo wie die Entwicklung von Hight-Tech-Produkten theatisiert.

Entsetzliche Katastrophen wie der 1. Weltkrieg oder der Massenmord in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches prägten das 20. Jahrhundert. Es kannte aber auch Triumphe im medizinischen Fortschritt und die „Freiheit bahnte sich ihren Weg“ (S. 7). Die Globalisierung setzte ein, die Vereinten Nationen übernahmen in ihren internationalen Organisationen Aufgaben zum Wohle der Menschheit. Aber zwischen Kriegen und Fortschritt gab es einen ständigen Zwiespalt, daher der Titel diese Darstellung. Zu den Erfolgen zählen auch 200 staatlich getragenen internationalen Organisationen und die 2300 nichtstaatlich getragenen internationalen Organisationen (NGOs) (vgl. S. 39), deren Existenz vielen gar nicht bekannt sind. Diese Bemerkung genügt erstmal, um die Fülle der Anregungen in diesem Buch hervorzuheben. Die Form der Kriege hat sich im 20. Jahrhundert dramatisch verändert mit immer neuen Dimensionen, die die Zivilbevölkerung immer neue und heftigerer Leiden zufügt, bis zur Ausrufung des Bündnisfalles in der NATO nach dem Angriff vom 11. September 2001 auf die USA. Auf der Habenseite sind dann wieder die Menschenrechte, die wie Wolfrum darlegt mehr Gewicht gegenüber der Souveränität der Staaten erlangte. (vgl. S. 43) Ein interessantes Thema für ein Hauptseminar. Ich würde mit den Studenten alle Krisenherde der Welt betrachten und herauskäme eine katastrophales Ergebnis, das eine Bedrohung der Menschenrechte wie nie zu vor zeigt.

Das Unterkapitel Demokratie und Diktatur zeigt die Prägung des 20. Jahrhunderts als ein besonderes Zeitalter der Ideologien, denen sich Albert Camus, wie kaum ein anderer mit Entschlossenheit und besten Argumenten entgegenstellte: Keine Fatalität, das Absurde nur als Diagnose, danach standen > Kunst und Freiheit im Mittelpunkte seines Werkes. Wolfrum ordnet das Epochenjahr 1989 ein, das die Bipolarität der Welt ad acta legte. Wieder müssten meine Studenten diskutieren. Ist die Welt heute wirklich multipolar geworden? Oder gibt es neue Ideologien, die als Resultat der Geschichte des 20. Jahrhunderts die Politik unserer Tage prägen? Meine Studenten müssten auch den Satz „Die Zäsur von 1989 war so tief wie die von 1789,“ (S. 67) untersuchen, einordnen und diskutieren.

Auf den ersten Blick ist die Einteilung der Kapitel ungewohn
t, es handelt sich ja auch um eine andere Darstellung, lässt man sich drauf ein, kann man, wie hier bereits angedeutet, eine interessante Liste von Themen für Seminare formulieren, weil schon die Kapiteleinteilung von Wolfrum Stoff zu wichtigen Diskussionen liefert.

Edgar Wolfrum, > Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte. Band 23
Die Bundesrepublik Deutschland (1949-1990)

Geschichtsunterricht vermittelt Jahreszahlen, vergisst aber manchmal das fundamentale Leiden der Menschen: Teil 2 In den Dramen des Lebens geht dem Leiden der Menschen, ja ganzer Völker nach. Das Jahrhundert der Flüchtlinge, nennt Wolfrum die Zeit seines Buches und demonstriert nebenbei, wie wenig viele Beteiligte der Diskussionen von heute um das Los der Flüchtlinge im letzten Jahrhundert wissen (vgl. > Nachgefragt: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute – 4. Mai 2017 von Heiner Wittmann) abgesehen davon, dass die Menschenrechte (> Der Vergleich (XIII) : Die Menschenrechte in Frankreich und Deutschland – 19. Juli 2016 von H. W.) und die Flüchtlingsfrage in unserer Zeit ein ganz heißes Thema für ein äußerst spannendes Hauptseminar wäre.

8. Genozide und Völkermordkonvention. Was hat die Welt daraus gelernt? Sie sehen, wie einfach dieses Buch es macht, meine Liste der Hauptseminarthemen zu erweitern. Jeder Leser wird sich die hier formulierte Frage stellen. Nicht nur an sich, er muss sie auch unseren Politikern stellen. Tun wir/sie genug, um das Elend um uns herum zu mildern? Es gibt Ansätze, wie die gestrige Sitzung in Paris > Réunion de travail avec les chefs de gouvernement allemand, espagnol, italien, tchadien, nigérien, libyen et en présence de Mme Federica Mogherini, haute représentante de l’Union pour les affaires étrangères et la politique de sécurité. Reicht das? Beruhigen wir nur unser Gewissen oder wird zugunsten der Krisenregionen, die die Flüchtlingsbewegungen auslösen, endlich gehandelt? In Die Pest erklärt Journalist Rambert, der von dem Arzt Rieux überzeugt wurde, in der von der Pest heimgesuchten Stadt auszuharren und zu helfen, seine Einsicht : „Ja, sagte Rambert, aber man kann sich schämen, wenn man ganz allein glücklich ist.“ (Albert Camus, Die Pest (La peste), üb. v. U. Aumüller, Reinbek bei Hamburg 1998, S. 236],“ Wikipedia, Camus, aufgerufen am 29.8.2017 und > Rupert Neudeck überreichte jedem seienr seiner Crew auf der Cap Anamur die Bibel der NGOs: Camus, Die Pest.) Kennt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts, so wie Wolfrum, sie hier vermittelt und betrachtet man die heutige Diskussion um die Flüchtlinge und die Hetze der AfD > Nachgefragt: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte – 27. März 2017), dann ergeben sich neue Handlungsperspektiven (vgl. dazu > Lesebericht: Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten. Eine Anleitung – 13. März 2017) und immer drängendere Fragen an die Politik und harsche Antworten an die Adresse der Rechtsextremisten, die politische Gegner und Landsleute das Wort „nach Albanien entsorgen“ wollen.

9. Künstlerische Avantgarde und Repression der Kunst Wieder zwei Seiten. Das Bauhaus in Weimar und Dessau und seine Zerstörung durch die Nazis, die so heftig und erbarmungslos war, dass wir heute nur davon träumen könnten, wenn wir uns vorstellen, das Bauhaus hätte sich bis heute ohne die Katastrophe des Dritten Reiches weiterentwickeln können. Aber wiederum gilt trotz aller Niederlagen, es ist die Kunst, die die Freiheit immer von neuem durchsetzt: H. W. > romanistik.info/sartre-kunst. Es ist ein besonderes Verdienst von Wolfrum, der Kultur und der Kunst einen in seinem Band vergleichsweise so großen Raum zu widmen. Ein Geschichtsbuch, das nebenbei den Leser anregt, in die Museen zu gehen. Der Bildteil ab S. 225 kommt gleich auf die Liste meiner Hauptseminarthemen.

Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient das Kapitel 11 „Säkularisierung und Rückkehr der Religionen“. Die Laizität, wie sie 1905 in Frankreich durchgesetzt wurde > Le 110e anniversaire de la loi de 1905 de séparation des Églises et de l’État – 9. Dezember 2015 von H. W. enthält als Idee den Respekt gegenüber allen Religionen, soweit sie sich nicht in staatliche Belange einmischen.

12. Wissen und Analphabetismus, wieder ein Medaille mit zwei Seiten: „Ein Dilemma der Moderne“ fügt Wolfrum hinzu. Nein. Der Begriff der „Wissens- und Informationsgesellschaft“ als Signum des Übergangs vom 20.-21. Jh teile ich nicht. Alle früheren Jahrhunderte waren auch Wissensgesellschaften, das war die Bedingung eines jeden Fortschritts, dessen Basis Informationen jeder Art waren. Die digitale Welt von heute ist überhaupt kein Grund und noch weniger ein Maßstab, die Zunahme von „wissensbasierte(n) Tätigkeiten“ anzunehmen. „Die Bedeutung von Wissenschaft und Technik, aber auch grundlegender Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben war für Ökonomie, Politik und Sozialstruktur nie größer als im 20. Jahrhundert.“ (S. 281) Die Aussage gilt für jedes Jahrhundert. Aber „Lesen und Schreiben“ gewinnen als Kompetenzen neues Gewicht, wenn man die vielen auf ihren Smartphones daddelnden Mitmenschen beobachtet und darüber nachdenkt, ob Schülerinnen und Schüler heute in der Lage sind, auf zwei oder drei Seiten mit dem Füller ohne viel Streicherei konzentriert ihre Gedanken niederzulegen: > Tippen Sie auf der Tastatur oder schreiben Sie mit der Hand? – 15. Januar 2015 von H. W.

Blogartikel dürfen nicht so lang werden. Aber hier darf die Wortzahl eines Beitrages doch den hier bemerkenswerten Anregungsfaktor des gelesenen Buches wiedergeben.

Prof. Dr. Edgar Wolfrum, Jg. 1960, ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur deutschen und europäischen Geschichte.

Edgar Wolfrum
> Welt im Zwiespalt
Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts
1. Aufl. 2017, 447 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Abbildungen, 16 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94306-1

Lesebericht: Mons Kallentoft, Markus Lutteman, Die Fährte des Wolfes. Thriller

25. August 2017 von

Dieses Buch hat unser Spezialist für harte Fälle, Krimis und Thriller gelesen. Oliver W. Steinhäuser hat auch einen eigenen Blog:
> Buch-und Medienblog:

Der brutale und symbolträchtige Mord an vier asiatischen Frauen in dem thailändischen Massagesalon Sawattdii ruft eine Sondereinheit für Gewaltverbrechen der Stockholmer Kriminalpolizei auf den Plan. Eine Truppe aus Ausnahmetalenten, deren Kernkompetenzen sich zu einem fast perfekten Zusammenspiel ergänzen. Die Kommissare vermuten zunächst einen sexuellen Hintergrund der Tat. Dann wird jedoch die Betreiberin des Massagesalons mit abgefressenen Beinstumpfen vor einem Stockholmer Krankenhaus aus einem Fahrzeug geworfen. Sie lebt, aber ihr Körper kämpft mit einer gefährlichen Infektion, die das Anfressen ihrer Beine offenkundig durch Wölfe verursacht hat. Zack Herry und seine Partnerin Deniz stehen vor einer komplizierten Ermittlung, bei der sie auf Rassismus, Frauenhass, Prostitution und Zuhälterei sowie Bandenrivalität treffen: Mons Kallentoft, Markus Lutteman, >Die Fährte des Wolfes. Thriller.
Schnell kommen die Ermittler darauf, dass die Massagesalons auch sexuelle Dienste anbieten. Ein klares Indiz dafür ist das Fehlen einer Buddha-Statue im Fenster ein klares Zeichen für: Wir verkaufen alles.
Während Zack und Deniz draußen ermitteln, sitzt die Computernerd Sirpa in ihrem Büro und forscht mit Hilfe der im Salon Sawattdii sichergestellten E-Mailadressen im Internet nach verräterischen Anhaltspunkten. Dabei stößt sie auf ausländerfeindliche Blogs und Foren zur Misshandlung von Frauen. Aufgrund hetzender Onlinebeiträge und E-Mails gelangen zwei Männer und ein Motorradclub in den Fokus der Ermittlungen. Zack und Deniz gehen den beiden Spuren nach und werden beim Betreten des Klubgeländes mit einem infernalen Kugelhagel empfangen. Wer dermaßen brutal auf die Beamten losgeht, hat definitiv etwas mit den Morden zu tun, urteilen die Polizisten. Allerdings registrieren die Ermittler zu spät, welche Panik die Mitglieder des Klubs bei der Gegenwehr antreibt. Eine Kopflosigkeit, die nicht der Angst vor dem Gesetz geschuldet ist, sondern eine irrsinnige Angst ums Überleben ist. Doch wer lässt die Männer des Motorradklubs so straucheln?
Neben der Aufklärung des Falls erfahren wir spannende Details über die Herkunft Zack Herrys. Wie seine Familie durch den Tod seiner Mutter, während eines Polizeieinsatzes, auseinanderbrach und er den Entschluss fasste, selbst Polizist zu werden und in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten. Der Leser kann Zacks Antrieb und Ehrgeiz perfekt nachvollziehen, weil dieser sich in kurzen Sequenzen während des Plots auf seine Herkunft und Lebensumstände besinnt. Aus dieser Zeit kennt der 27-jährige Polizist auch seinen besten Freund Abdula, der sein Leben auf der Seite, die dem Gesetz gegenüberliegt, bestreitet. Die beiden Männer bieten einen sympathischen Gegensatz und können vor allem für kommende Episoden ein wichtiges Bindeglied zweier Gesellschaftsideale ergeben.
Die zerrütteten Verhältnisse, aus denen Zack wie auch Deniz stammen, macht sie zu einem starken Team mit ausnahmsloser Loyalität und gegenseitigem Schutz. Sie kämpfen beide den Kampf gegen Gesetzesbrecher. Dabei fechten sie jedoch auch einen inneren Kampf aus. Zack gegen die Ungerechtigkeit bei der Aufklärung des Todes seiner Mutter, Deniz gegen die ihr widerfahrene Skrupellosigkeit und Vorverurteilung. Beide geben ihr Bestes beim Versuch, Gerechtigkeit und Objektivität bei ihrer Ermittlung zu wahren. Sie merken jedoch immer wieder, dass auch sie dem Sog aus lähmenden Rückschlägen und Vorverurteilungen nicht vollkommen gewachsen sind.

Mons Kallentoft & Markus Lutteman
> Die Fährte des Wolfes. Thriller
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt (Orig.: Zack)
1. Aufl. 2017, 458 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50371-5

Lesebericht: Jörg-Uwe Albig, Eine Liebe in der Steppe

24. August 2017 von

Jörg-Uwe Albig nennt seine Geschichte > Eine Liebe in der Steppe eine Novelle. Das ist also eine kurze literarische Form, kein Roman, eine Betrachtung, die Erinnerung evoziert, sich auf präzise Beobachtungen stützt, oft einen kürzeren Zeitraum in den Block nimmt, oder aber auch eine Entwicklung thematisiert, in jedem Falle bietet sie mehr als eine Kurzgeschichte. Hintergründiges? Schwer zu interpretieren? Eine Geschichte, die oft auf einen überraschenden Schluss zusteuert?
Albig spielt mit den Dingen. Oder vielmehr spielen die Dinge mit Gregor Stenitz, der dies zulässt. Er ist Paläontologe, für ihn definieren sich Dinge hauptsächlich über die Zeit ihrer Existenz. Bei genauem Betrachten offenbaren sie ihr Sein, ihre Herkunft, ihre Zusammensetzung, gar ihre Bestimmung. Es ist der Dialog mit den Dingen, die Gregors Umgebung konstituieren. Es gibt für ihn kein besonderes Erstaunen, für ihn ist es selbstverständlich, dass die Dinge irgendwie zu ihm sprechen, so wie Architekten sagen, ein Gebäude spreche zu einem anderen, oder eben gar nicht. So wendet sich auch die Kapelle St. Maria Magdalena als Ding an ihn. Ontologie ist die Lehre vom Sein. Und die Lehre von den Dingen ist hier Sache von Stenitz.
Wenn Sie 50 Seiten gelesen haben, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Dinge um Sie herum Ihre Aufmerksamkeit reklamieren, sie wollen benutzt, geordnet oder in Ruhe gelassen werden: „Die Kapelle empfing ihn mit einer Zurückhaltung, die er verstand.“ (S. 54) Geht es Albig um den Respekt gegenüber den Dingen, die die Abrissarbeiter in der Steppe, in der sie die Plattenbauten zurückentwickeln, der kleinen Kapelle verweigern werden? Lehrt Albig uns, unsere Umgebung genauer zu betrachten, ihr mehr Respekt entgegenzubringen?
Stenitz, der Kustos für die Fossiliensammlung im Stadtmuseum von Zinnroda, hat eine Freundin Judith, die aber, ohne dass Stenitz das wirklich ausdrücklich will, hinter der Kapelle zurückstecken muss. Ist Stenitz‘ Zuneigung zu der kleinen Kirche größer? Sören Jespersen, der Museumsdirektor, sagt schon mal „Du sbinns ja,“ zu Gregor Stenitz.
Der Abrisslärm, der über die Steppe hallt, hat Stenitz völlig den Kopf verdreht Er weiß, dass Gegenstände keine Seele haben, aber Judith erklärt ihm auch, dass Menschen und die Dinge gut füreinander seien… (vgl. S. 30) Die Dinge in Maria Magdalena haben vielleicht Beziehungen untereinander, das solle Judith entscheiden, denkt sich Stenitz. In jedem Falle sind die Dinge alt. Und sein Gang durchs Museum in sein Büro dauerte nicht einmal „hundertfünfzig Millionen Jahre“ (S. 47) Kann man sich in Dinge verlieben? Und was die Dinge wohl zu einem solchen Verhältnis sagen werden? Dazu kommt auch noch die Evolution und überhaupt bestehe der Mensch nur aus 60 % Wasser, 16 % Eiweiß und 17 % Fett, Hormone gibt es auch noch dazu. Die einzige Liebesszene mit Judith führt zur Verausgabung auf „Gregors Bastteppich“.
Dann geht er auch jeden zweiten Sonntag zum Gottesdienst in seine kleine Kapelle. Und ihre Gefühle? „Ein fühlendes Wesen muss nicht unbedingt wissen, wie es fühlt, hatte Judith gesagt.“ (S. 65) Maria Magdalena wird für Stenitz eine Person, ein handelndes Ding: „Er würde Madeleine bei der Arbeit sehen, wie eine Kellnerin im Café, die es allen recht machte, aber die ganze Zeit über zu ihm gehörte.“ (S. 73) ist es richtig, dass Stenitz aus seiner Zuneignung zu dem kleinen Kirchlein auch Besitzrechte für sich reklamiert? Stenitz entdeckt immer neue Facetten in seinem Verhältnis zu seiner Kapelle oder sie zu ihm: „Dann verstehen wir auch die Sprache der Dinge, und die verstehen uns.“
Ist es eine Ästhetik der Sachen, die Albig uns hier erklärt? Ihr ständiges Angebot, aus ihnen etwas zu machen, mit ihnen zu machen, sie ernstzunehmen, das würde Stenitz alles ganz zweifellos bejahen. Pfarrer Dornkamp stört irgendwie nur die Kreise Stenitz‘, vor allem ärgert sich dieser, dass er Marias Magdalena für sich arbeiten lässt.
Diese Novelle lesen Sie am besten wenn Sie viel Zeit haben und wo niemand sie stört, auch die Dinge nicht. Wie gesagt, kein Erstaunen begleitet die Erzählung, für Stenitz ist das alles ganz selbstverständlich, dass er als Paläontologe, immer auf dem Grund der Dinge lebt, da muss mehr dahinter sein, als ihr bloßes Sein.

Jörg-Uwe Albig
> Eine Liebe in der Steppe
1. Aufl. 2017, 175 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96157-7

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