Verlagsblog

Ungleichheit im 21. Jahrhundert – Symposium mit Atkinson, Deaton, Graeber und Hudson

29. August 2016 von

Die Soziale Ungleichheit ist das Grundproblem unserer Zeit. Die globale Finanzwirtschaft zerstört und spaltet die Gesellschaft. Die Schulden werden den Bürgern aufgebürdet. Kapitalismus und Bürokratie haben einen verhängnisvollen Pakt geschlossen. Was kann getan werden, um den Verlierern in unserer Gesellschaft und auf globaler Ebene aus ihrer Misere zu helfen? Vier weltweit bekannte Ökonomen und Anthropologen stellen ihre Thesen vor:

Das Symposium »Ungleichheit im 21. Jahrhundert. Fortschritt, Kapitalismus und globale Armut« findet am 12. und 13. September im Haus der Berliner Ferstspiele ein Symposium statt. Vier weltweit bekannte Ökonomen und Anthropologen Anthony Atkinson, Michael Hudson, David Graeber und Angus Deaton werden ihre Thesen vorstellen.

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Neben einer Auftaktveranstaltung am Montag 12.09. um 19.30 Uhr und einer Abschlussdiskussion am Dienstag 13.09. um 19.00 Uhr wird es mit jedem der vier Wissenschaftler eine Einzelveranstaltung geben.

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>> Flyer und Programm zum Download

Was: Symposium: »Ungleichheit im 21. Jahrhundert«

Wann: 12. und 13. September 2016

Wo: Haus der Berliner Festspiele

Eine Veranstaltung vom Internationalen Literaturfestival Berlin und dem Klett-Cotta Verlag.

Michael Hudson
Der Sektor
> Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört – Erscheint im November 2016
Aus dem Amerikanischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt (Orig.: The Bubble and Beyond / Fictious Capital, Debt Deflation and the Global Crisis)
1. Aufl. 2016, ca. 600 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94748-9

Anthony B. Atkinson
> Ungleichheit. Was wir dagegen tun können – Erscheinungsdatum: 27.08.2016
Aus dem Englischen von Judith Elze (Orig.: Inequality. What Can Be Done)
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94905-6

David Graeber
> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0

David Graeber
> Bürokratie. Die Utopie der Regeln
Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl und Henning Dedekind (The Utopia of Rules)
1. Aufl. 2016, 329 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94752-6

> Lesebericht: David Graeber, Bürokratie. Die Utopie der Regeln

Bei Klett-Cotta gibt es noch mehr Bücher über Geld, Kapital, Finanzen und Schulden:

hudson-sektor lanchester-schulden lanchester-kapital braudel-dynamik-kapitalismus
focke-kayser-scheferling-macht-geld gleeson-white-soll-haben lanchester-sprache-geldes

Und! noch was:

pauls-geschichte-geldAlan Pauls
> Geschichte des Geldes. Roman

Erscheinungsdatum: 27.08.2016

Roman aus dem Spanischen von Christian Hansen (Orig.: Historia del dinero)
1. Aufl. 2016, 271 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98005-9

Ein Stahlunternehmer kommt bei Absturz seines Helikopters ums Leben. Sein Aktenkoffer mit Geld verschwindet ohne jede Spur. Unfall oder Überfall? Im letzten Teil von Alan Pauls Argentinien-Trilogie geht es nur ums Geld: Großzügigkeit und Gewalt, Kapitalflucht und Strafe, Traum und Korruption. Der Erzähler muss ständig für den Saus und Braus seiner Mutter büßen. Schulden, undokumentierte Darlehen, absurde Investitionen und geheime Geschäfte. »Geschichte des Geldes« ist dokumentiert menschlichen Verlust, finanzielle Desaster – alles wegen des Geldes.

Lesebericht: Kris van Steenberge, Verlangen. Roman

28. August 2016 von

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Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst.

In dem belgischen Dörfchen Woesten, in der Nähe von Ypern, erwarten die Duponselles Zwillinge. Valentijn kommt gesund und munter zur Welt, aber sein Bruder hat ein verunstaltetes Gesicht. Einen Namen bekommt er nicht, man nennt ihn Namenlos. Valentijn kommt überall gut an, aber Namenlos wird von allen geschnitten, er versteht sehr wohl, dass sein eigener Vater ihn möglichst nicht sehen will. Der Erste Weltkrieg verändert in Woesten alles. Elisabeth wird ermordet und dieses Ereignis macht Van Steenberges Roman zu einem spannenden Krimi. Falsche Verdächtigungen aufgrund des Dorfflurfunks zerstören Existenzen, und nur weil der Autor die Protagonisten reihum aus über die Jahre hinweg aus ihrer Perspektive erzählen lässt, kommt allmählich die Wahrheit ans Licht. Die Wahrheit kommt immer irgendwann ans Licht.

Kris Van Steenberge ist es gelungen, einen ungemein fesselnden Roman zu verfassen. Elisabeth würde gerne ihr Dorf verlassen. Bei einem Diner lernt sie den jungen Arzt Guillaume Duponselle kennen. Er fasziniert sei: „Er erzählte von Brüssel und Lüttich, wo er Praxiserfahrung bei bekannten Ärzten erworben hatte. Er erzählte ihr, wie genial der menschliche Körper eigentlich sei und wie die neuesten Untersuchungsmethoden die Welt der Medizin grundlegend verändern werden.“ S. 53. Elisabeth spürt die große weite Welt und glaubt, dass Guillaume ihr helfen wird, ihrer Welt zu entkommen, dabei ahnt sie nicht, dass er sie mehr brauchen würde, als sie ihn. Als er noch Student war: „Alle kannten ihn. Aber niemand wusste, wer er war.“ S. 127 Das weiß sie aber noch nicht, jedenfalls will sie sich diese Chance jetzt nicht entgehen lassen. Alles weiß sie nicht von ihm, aber sie heiraten und nachdem Namenlos erscheinen ist, scheint für Guillaume die Ehe zu Ende sein. Er zieht sich von Elisabeth zurück, will von dem zweiten Kind am liebsten nichts wissen. Später erfahren wir durch geschickte Rückblenden mehr über seine Herkunft, seine Erlebnisse und seine Obsessionen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Psychosen während seiner Berufsausbildung.

Der Besuch des jungen Paares bei ihrer Mutter in Brüssel in Brüssel zwecks einer Erkundung, ob sie den beiden finanziell helfen wolle, wird zum Fiasko. Sie spricht vom „Plebs in den Bauerndörfern“, (S. 62) keinen Cent gibt es von ihr, und das war das einzige Treffen Elisabeths mit ihrer Schwiegermutter. Der Geburt Valentijns folgt Namenlos. So wie der Arzt sich von seiner Frau abwendet, gibt sie auch der Versuchung nach als der Jugendfreund Hendrik am Fenster erscheint. Dann ist da noch der eher etwas obskure Herr Funke, der Elisabeth lange mit Lesestoff versorgt, ohne andere Absichten. Nebenbei: „In Europa zerbrach die Welt.“ S. 108. „Krieg ist ein seltsames Tier. Es kriecht langsame in den Menschen hinein.“ S. 214 Die kurzen Sätze gehören zum Stil Van Steenberges. Manchmal geradezu feine präzise Aperçus, die die Handlung auf den Punkt genau kommentieren und zugleich die Spannung noch mehr erhöhen. Eine Art, die der Geschichte und damit dem Erzähler eine Art Objektivität verleihen. Nichts wird atemlos erzählt, ganz so als ob er sich Zeit nehmen würde, genau zu berichten. Das wird besonders deutlich, wenn sich Namenlos an seine Kindheit erinnerte, die später der Pfarrer verpfuschte. Aber er, der Namenlose, den alle für beschränkt hielten, lernte ungeheuer viel durch Beobachten und Zuhören: „Wenn es so vieles gibt, was man nicht kann, schult man den Rest umso mehr.“ S. 233 Ein Satz: „Niemand wusste, dass ich alles mithörte.“ S. 251 Seine Mutter hat ihm das Schreiben beigebracht: „Das fand ich immer sehr edelmütig von ihr.“ S. 240

Die verschiedenen Perspektiven, die mehr oder weniger Bekanntes also gar nichts bekanntes zu anderen Zeiten wiedererzählen, das ist es, was diesen grandiosen Roman so besonders auszeichnet, den Leser in die Geschichte hineinzieht, ihn nicht bis zur letzten Seite loslässt. Es ist ein Vergnügen, diesen Lesebericht zu verfassen und nur wenig über die eigentliche Handlung zu sagen. Bei einem ordinären Krimi, verrät man nicht, dass es der Gärtner war, hier schwanke ich zwischen dem Lob auf die Erzähltechnik, ja geradezu ein Räderwerk, eine Mechanik oder der Handlung selber, die durch die Blickwinkel und die Erinnerungen der Protagonisten so ungemein spannend präsentiert wird; beide zusammen sind der Schlüssel zum Verständnis dieses Buches, das aber durch die Empfindlichkeiten, Überzeugungen und Ticks der Personen gar nicht einfach auf einen Nenner zu bringen ist.

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Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Lesebericht: J. R. R. Tolkien, Der Schmied, der Bauer und Tom Bomadil

4. August 2016 von

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Drei wunderschöne Märchen von J. R. R. Tokien. Drei bibliophil ausgestattete Ausgaben im kleinen Format stellen sie neu vor. Am besten selber lesen oder vorlesen, oder die drei Ausgaben verschenken, die werden für viele Kinder zu Lieblingsbücher werden.

> Der Schmied von Großholzingen erzählt in Tolkiens Fassung ein englisches Volksmärchens über einen Bäcker, der einen Feenstern in einen Kuchen einbackt. Und es komt, wie es kommen musst, der Sohn des Schmieds verschluckt den Feenstern. Man muss wissen, das Dorf Großholzingen hat eine alte Tradition. Dort wird alle 24 Jahre zu einem Fest geladen, aus dessen Anlass ein großer Kuchen gebacken wird, den sich 24 Kinder teilen dürfen. Ein riesiger Kuchen, vollständig in Zuckerguss getunkt. Es gilt nun, die in ihn verbackenen Dinge zu finden. Und eins von ihnen ist was ganz Besonders . Sein Finder bekommt den Zutritt in Land der Eleben. Der Schmied von Großholzingen war das letzte erzählerische Werk, das von Tolkien zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.

> Die Abenteuer des Tom Bombadil erzählen von einem der geheimnisvollsten und und zugleich auch schönsten Figuren aus dem > Herrn der Ringe. Hier gibt es auch viele spielerische Gedichte, die die Hobbits selber erdacht haben sollen. Die Abenteuer des Tom Bombadil enhält diese in einer zweisprachigen Ausgabe mit Gedichten, die im Auenland am Ende des Dritten Zeitalters spielen. In diesem Band gibt es auch ein Fragment eines unbekannten Textes zu Tom Bombadil.

drache-bauer-gilesDer gefährliche > “ target=“_blank“>Drache Chrysophylax bedroht das Dorf Ham. Der Mut seiner Einwohner reicht nicht, um sie von dem Ungeheuer zu befreien. Aber der Bauern Giles, einer der echten Helden Tolkiens, kann Großes vollbringen und möchte doch so gar kein Held sein.

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Bauer Giles sieht kein bisschen wie ein Held aus. Von runder Statur, einen flammend roten Bart und im Grunde genommen macht er nichts lieber, als das ruhige und bequeme Leben zu genießen. Sein Sieg über den Drachen, macht ihn schlagartig im ganzen Land bekannt. Als der listige Drache Chrysophylax das Königreich heimsucht, muss der Bauer Giles anrücken. J.R.R. Tolkien veröffentlichte dieses klassische Märchen zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe.

J. R. R. Tolkien,
> Der Schmied von Großholzingen
Aus dem Englischen von Karl A.Klewer und Lisa Kuppler
1. Aufl. 2016, 249 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96093-8

tolkien-tom-bombadilJ. R. R. Tolkien, >
> Die Abenteuer des Tom Bombadil
Aus dem Englischen übertragen von Ebba Margaretha von Freymann
1. Aufl. 2016, 195 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
zweisprachig, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96091-4

tolkien-bauer-gilesJ. R. R. Tolkien,
> Bauer Giles von Ham
Aus dem Englischen übersetzt von Angela Uthe-Spencker und Susanne Held
1. Aufl. 2016, 241 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96092-1

Weiterlesen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik

2. August 2016 von

Sommerpause? Angesichts der dringenden Probleme um uns herum müsste die eigentlich ausfallen. Alles dreht sich um > Syrien. Zu Recht mahnt Navid Kermani den Frieden für diese Region an, zu dem die > Türkei beitragen könnte, wenn sie nur nicht mit sich selbst so beschäftigt wäre. Und dann muss einiges zurechtgerückt werden, wenn vom > Islam gesprochen wird. Gerhard Schweizer erklärt dessen historische Grundlagen, die braucht man auch, um dessen Situation in Frankreich einschätzen zu können, zu der sich Manuel Valls geäußert hat:

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

> Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik

Wir lesen weiter im Buch von Gerhard Schweitzer > Islam verstehen. Und wir empfehlen gleichzeitig auch den Beitrag von Navid Kermani, Was uns in dieser Lage möglich ist, FAZ, 2. August 2016, der die „weltpolitische Dringlichkeit einer Friedenslösung für Syrien und den Irak“ mit Recht unterstreicht: Dazu: > Gerhard Schweizer, > Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion.



Zur Türkei: > Arrival and doorstep DE (Steinmeier) 18.7.2016


Zum Thema Islam schlagen wir auch den Beitrag von Manuel Valls, der französische Premierminister, Ihnen zur Lektüre vor, dessen Artikel im Journal de Dimanche vom letzten Sonntag ein wichtiges, ein programmatisches Dokument ist:

Liest man Reaktionen in Frankreich und Deutschland nach den jüngsten Anschlägen wird zwar hier und dort Solidarität versprochen, man will einanderbeistehen, und dann die Sommerpause? Da kommt das Buch von Schweizer über den > Islam genau im richtigen Moment, etwas zurücklehnen und erstmal die Geschichte des Islam verstehen. Und dann die Ansatzpunkte für einen Friedensprozess finden.

> Sainte-Étienne de Rouvray

> Terror in Nizza

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Gerhard Schweizer

> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register

ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,

> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion

2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert

ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

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Gerhard Schweizer
> Türkei verstehen. Von Atatürk bis Erdogan

1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, broschiert
Erscheinungsdatum: 24.09.2016
ISBN: 978-3-608-96201-7

Der Blick ins Archiv:> Nachgefragt: Gerhard Schweizer, Die Türkei – 19.10.2008

Lesebericht: Merkur Heft 08 / August 2016

28. Juli 2016 von

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In diesem Monat kommt der MERKUR mit dem Schwerpunkt: China heute:

Dominic Sachsenmaier berichtet Chinas Metropolen im Wandel: „Wie in einem Brennspiegel verdichtet sich in Chinas Metropolen ein dezidiertes Modernisierungsprogramm.“

Alec Ash erzählt von Fred: Die Einzelkinder: und ihre Ausbildung in der Schule und auf der Universität: Die Politik war überall im Studium präsent. Ash gelingt es, mit der Geschichte von Fred einen bewegenden Einblick in das Studentenleben in China zu geben: „Der Staat war auf dem Campus spürbar präsent; hier war der Parteisekretär mächtiger als der Hochschulpräsident. […] Freds Professoren wussten, wo die rote Linie verlief: kein unverhohlenes Diktat, sondern ein stillschweigendes Einvernehmen darüber, was man besser nicht sagte. Sie befand sich am Geburtsort der Bewegung des Vierten Mai und der Tiananmen-Proteste, dem Ursprung der Bewegung für Neue Kultur und des chinesischen Kommunismus. Aber ihre Altersgenossen waren eine andere Art »neuer Jugend« und eine Generation, die sich nicht mehr wirklich für Geschichte interessierte. Die Tradition studentischer Proteste war abgebrochen.“ S. 27

Sheng Yun berichtet mit ihrem Beitrag über ihre Erlebnisse als Einzelkind Kleine Kaiser und die Folgen der Ein-Kind-Politik, die erst 2015 beendet wurde.

Hans Steinmüller hat den Wa-Staat. besucht: Steinmüllers Artikel ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts zur Geschichte und Gegenwart lokaler Politik in der Grenzregion von China und Burma. Seit 2013 hat der Autor, wie er in einer Fußnote anmerkt,insgesamt fünf Monate Feldforschung in den Wa-Bergen betrieben. „Der Wa-Staat ist ein Staatsgebilde von der Fläche Oberbayerns im Nordwesten Burmas, das von einer Rebellenarmee regiert wird.1 Offi ziell ist der Wa-Staat ein Teil der Union von Myanmar; in Wirklichkeit wird die Region jedoch von einer unabhängigen lokalen Armee regiert; der burmesische Staat und seine Armee haben kaum Einfluss darauf, was im Wa-Staat passiert. Direkt an der Grenze zur Volksrepublik China gelegen, ist der Wa-Staat in vielerlei Hinsicht China näher als Burma.“ S. 28 Steinmüller vermittelt uns einen faszinierenden Einblick mit den Stichwörtern Maoismus und Autoritärer Kapitalismus in Chinas »Bergfestung« im Hochland Burmas: „Die Bewohner des Wa-Staats haben sich durchweg pragmatisch verhalten. In einem Umfeld, das von Krieg und Gewalt geprägt war, haben es manche Wa verstanden, gezielt ihren Nutzen zu ziehen, sei es in ihrer Positionierung zwischen China und Burma, in ihrer Politik gegenüber der lokalen Opiumproduktion oder in ihrem Verhandeln mit chinesischen Geschäftsleuten.“ S. 38 Sein Fazit: „»Wir sind die Afrikaner Chinas«, sagte mir ein Offizieller des Wa-Staats im Sommer 2015. Tatsächlich ist der Wa-Staat in vielerlei Hinsicht eine »Neokolonie« Chinas.“ S. 38

Sonntag, 31. Juli 2016:

David Kuchenbuch denkt über das Aufessen nach und erinnert sich daran, wie eine »Fernmoral« entsteht: Zur Genealogie des glokalen Gewissens. Ein achtlos weggeworfenes Pausenbrot und die darauf folgenden Ermahnungen der Lehrerin waren der Auslöser für das Nachdenken über die globalen Folgen von Hunger und Unterernährung. „Selbstbegrenzung im Raumschiff Erde“ und die „Aktivierung im Nahbereich“ sind die Folgen: „Ein Schritt zur Rückgewinnung unserer ethischen Souveränität wäre jedenfalls die Arbeit am Unterscheidungsvermögen zwischen dem, was wir tatsächlich im Supermarkt, am Esstisch,merkur-newsletter auf dem Pausenhof ändern können und sollten – und dem, wozu wir gezwungen zu werden bereit sein müssen, damit auch andere dazu gezwungen werden können.“ S. 51

Gertrude Lübbe-Wolff nimmt sich in ihrer Rechtskolumne die Geheimniskrämerei bei TTIP vor. s ist ja schon richtig schwer, die Abkürzungen zu verstehen: TTP, das Transpazifische Partnerschaftsabkommen zwischen den USA, Kanada, Mexiko, Chile und weiterer Pazifikanrainer, unter anderem Japan, außer Indien oder China, ist abgeschlossen. Kanada und die EU bereiten ein »Comprehensive Economic and Trade Agreement« (CETA) vor, und USA und die EU verhandeln immer noch und der EU wird über eine »Transatlantic Trade and Investment Partnership« (TTIP) verhandelt. Lübbe-Wolff beroichtet über Vertraulichkeiten, mit denen die Partner die Geheimniskrämerei rechtfertigen wollen und sie fragt Mit recht nach Demokratiekomptabilen Rolle des Gesetzgebers?. Sie konzediert „Im Zuge internationaler Verhandlungen kann es legitime Geheimhaltungsinteressen
geben.“ S. 61 Aber ihr Fazit ist eindeutig: Aber wenn es um Vertragsverhandlungen in Gesetzgebungsdingen geht, gibt es unter den heutigen Bedingungen von Demokratie und Technik keinen, jedenfalls keinen im Gewaltenteilungsprinzip liegenden Grund mehr, fällige Abwägungen zwischen solchen Interessen und dem gegenläufigen Interesse an öffentlicher Diskussion und informierter parlamentarischer Willensbildung gerade der Exekutive zu überlassen sein muss. ebd.

Christian Demand nimmt in seiner Memorialkolumne über Denkmäler die Reise der russischen Bikertruppe „Nachtwölfe“ 2015 zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin zum Anlass darüber nachzudenken, wie die tatsächliche Nutzung von Denkmälern sich von den Intentionen ihrer Stifter unterscheiden kann.

Jakob Hessing hat die Briefe von Joseph Roth (1894-1939) und Stefan Zweig (1881-1942): Zwei Welten von gestern gelesen, die beide sich elf Jahre lange zwischen 1927 und 1938 geschrieben haben. Beide österreichische Juden spüren schon, „ihre prekäre Existenz am Abgrund“. S. 79

Lyrik von Erín Moure, O Cadoiro: „Bist du das, aus der ferne, blendest mich?“ S. 87 und ein Essay von
Uljana Wolf, Translantische Tapisserien. Zu Erín Moures »O Cadoiro« und zum Übersetzen mehrsprachiger Lyrik.

In den Marginalien schreibt Philip Manow Das Parlament, der Filibuster und die politische Romantik und Günter Hack über Zeit und Zaunkönig. Harry Walter sagt uns, was Schrankwände verbergen: Total Recall. Schrankwand mit Aussicht

> MERKUR – Heft 08 / August 2016

Wann haben Sie zum letzten Mal den > Blog vom MERKUR besucht?

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Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen

27. Juli 2016 von

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

Abu Bakr al-Baghdadi, das Oberhaupt der Terror-Organisation »Islamischer Staat« rief 2014 den Dschihad den „heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ in aller Welt aus.

Im 7. Jh. eroberten arabische Muslime in kurzer Zeit Nordafrika und weite Teile Asiens. Türkische Muslime kamen seit dem 11. Jahrhundert siegreich nach Anatolien, 1453 eroberten sie Konstantinopel und standen 1529 und 1683 vor Wien, um ihre Eroberungen bis weit nach Europa hinein auszudehnen.

„Der Blick auf die islamische Welt von heute..,: Von Libyen über Syrien, Irak und Jemen bis Afghanistan und Pakistan gibt es etliche politisch, kulturell und sozial zerrissene Staaten. Mehr noch: Die konfessionellen Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten gewinnen an Schärfe, soziale Konflikte entwickeln sich verstärkt entlang der religiösen Grenzlinien, nicht minder die
politischen Rivalitäten.“ S. 15

Schweizer beschreibt die Terror-Organisation wie der „Islamische Staat“ als ein Symptom einer Krise: Ihre „Glaubenskämpfer“ trügen dazu bei, „die islamische Welt in unversöhnliche Fronten von »Gläubigen« und »Ungläubigen« zu spalten.“ Aber, so Schweizer, „die Mehrheit der Muslime fürchtet das proklamierte Kalifat des „Islamischen Staates“, lehnt es vehement ab, ja verachtet dessen religiös- politische Anmaßung. Entsprechend instabil ist die Tyrannei derartiger »Glaubenskämpfer«, entsprechend geschwächt ist die islamische Welt insgesamt.“

Nur durch Wissen kann man die dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten übersehen und einschätzen. Schweizer kann sich vorstellen, das die Terrororganisation in ihrer Bedeuung wieder abnehmen, gar verschwinden wird: „Aber diese Organisation bildet ein exemplarisches Beispiel einer tiefergehenden
Krise der islamischen Welt, und dieser Aspekt macht sie über die momentan auffällige Wirkung hinaus interessant. Es gilt die religiösen, kulturellen und politischen Zustände zu analysieren, die eine solche Radikalisierung erst ermöglichen.“ S. 16

Natürlich kann man den Islam nicht mit den kriminellen Auswüchsen des „IS“ erklären. Liest man Schweizer, so befindet dich der „IS“ auch in einem Kampf nach innen um das die ihm bevorzugte Interpretation des Islams, die er zu seiner eigenen Herrschaftssicherung missbraucht:. „Im vorliegenden Buch versuche ich zu zeigen, dass „Islam“ für viele Hundert Millionen Gläubige etwas völlig anderes bedeutet als das, was radikale Splittergruppen als den „wahren Glauben“ und die einzig richtige Gesellschaftsform propagieren. Die islamische Welt weist ähnliche vielschichtige Varianten von Religion, Kultur und Gesellschaft auf wie das christlich geprägte Abendland – auch eine ähnliche Ambivalenz. Die Neigung zu Gewalt und Intoleranz findet sich gleichermaßen hier wie dort, ebenso die Tendenz zu Weltoffenheit und die Fähigkeit zur Modernisierung erstarrter traditioneller Strukturen.“ S. 21

„Was ist Islam? Wie schon angedeutet: Den Islam gibt es nicht. Feindbilder orientieren sich überwiegend an Klischees, die alle historisch bedingten Gegensätze, alle Vielfalt negieren. Solche Feindbilder von westlicher Seite entsprechen in der Struktur völlig denen von islamischer Seite. Hier wie dort droht gleichermaßen die Gefahr, das unbekannte Fremde zu dämonisieren.“ S. 21

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Gerhard Schweizer
> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

Boris Johnson und der #NONBrexit

26. Juli 2016 von

Manchmal ist auch eine Tweet-Unterhaltung ein guter Anlass für einen neuen Artikel auf diesem Blog: Thomas Brasch hat uns per Twitter gefragt, ob er das Buch von Boris Johnson, dem ehemaligen Londoner Bürgermeister und Brexit-Befürworter und jetzigen Außenminister im neuen Kabinett von Theresa May lesen sollte. Und ob! Unbedingt. Ganz bestimmt. Ein richtig wichtiges Buch. Leider hat sein Autor einige Argumente von Churchill übersehen oder kann sie nicht mehr richtig gewichten.

In unserer Antwort steckte natürlich der Link zum Lesebericht: > Boris Johnson, Der Churchill-Faktor auf unserem Blog.

Unsere Redaktion bleibt bei ihrem ersten Eindruck. Boris Johnson hat ein wunderbares Buch über > Winston Churchill geschrieben. Nach der Lektüre wären wir nicht auf die Idee gekommen, dass Johnson, um es seinem Vorbild gleichzutun und Premierminister zu werden, sogar die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU aufs Spiel setzen würde. Damit hat er sich aber so gründlich verzockt. Vieles spricht dafür, dass er selbst nicht an den Erfolg der Brexit-Befürworter geglaubt hat. Auch war der Wahlkampf viel zu überspannt, viel zu viele falsche Zahlen wurden als Argumente genannt. Genauso wie die Gegner auf die Unwissenheit der Wähler gesetzt haben, lautet die Lehre aus dem Referendum wieder einmal, mit der Demokratie spielt man nicht.

Aus Johnsons Churchill-Buch kann man lernen, wie Churchill Europa unterstützt hat, und die Gegner Europas finden dort auch viele Argumente gegen Europa, aber auf dass sie genau lesen, das sind konstruktive Argumente, nie eine prinzipielle Ablehnung. Nach der Lektüre von Johnsons Buch über Churchill hatten wir gar nicht daran gedacht, dass Johnson sich als überzeugter Gegner der EU präsentieren würde.

Nach der Referendum pro-Brexit haben dessen Befürworter das Weite gesucht, ganz so als wenn sie sich der daraus resultierenden Verantwortung nicht stellen wollten. Johnson erklärt überraschend, er stehe für das Amt des Premierministers nicht zur Verfügung. Und Nigel Farrage verkündete seinen Rücktritt von der Spitze seiner Partei. Mittlerweile hat Theresa May, die neue Premierministerin Boris Johnson wieder eingefangen und ihm das Foreign Office übertragen. Am erstauntesten war vielleicht Johnson selbst. PM May hat versprochen, den Brexit zu organisieren. Sie gab auch zu verstehen, dass es ihr um den Erfolg des Brexit ginge. Da aber der Brexit gar nicht so sicher ist, wie viele glauben, und für alle Beteiligten nur der #Non-Brexit ein wirklicher Erfolg wäre, schauen wir uns doch mal die Argumente gegen den Brexit genauer an:

1. Das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni 2016 ist nur eine Empfehlung an die Adresse der britischen Regierung. Sie ist nicht gehalten, diese Empfehlung zu befolgen.

2. Premierministerin Theresa May hat nicht für den Brexit gestimmt und hat nun die Aufgabe > den Art. 50 des EU-Vertrags zu aktivieren, um so die zweijährigen Austrittsverhandlungen zu starten. Ob sie das machen wird? Oder fällt ihr ein Ausweg ein? Sie wird bestimmt nicht mit Absicht ihr Land in ein dann unvermeidliches Finanz- und Wirtschaftschaos führen wollen.

> Nach Brexit-Votum: Großbritannien steuert auf Rezession zu SPIEGEL s.d. (aufgerufen am 3.8.2016)

4. Schon signalisiert die Regierung, sie würde gerne weiterhin vom Freihandel mit der EU profitieren, aber lässt erkennen, dass sie die Freizügigkeit, also den Aufenthalt von Arbeitnehmern in England stärker kontrollieren, gar einschränken möchte. Das passt natürlich nicht zusammen. Scheint aber logisch zu sein, weil PM May sich vor allem hinsichtlich der Zuwanderung wie alle Brexit-Befürworter kritisch geäußert hatte. Zitieren wir dazu unsere > Frage an den Défenseur des droits, Jacques Toubon: „Kann heute eine Regierung die Zuwanderung per Referendum stoppen? „Das ist eine Illusion“, hat er uns geantwortet.

5. Die EU muss Reformen auf ihre Agenda schreiben. Vor allem hinsichtlich ihrer Institutionen, die den EURO verwalten…. man hatte ihn eingeführt, ohne wirklich dafür gemeinsame Institutionen bereitzuhalten. Das ständige Nachbessern, ohne dem EURO ein institutionelles Fundament zu geben, kann nicht mehr lange gut gehen. Eine reformierte EU kann Großbritannien einen neuen Anreiz bieten. Gleich zu 6.:

6. Noch hat die EU nicht so richtig damit begonnen, für einen Verbleib Großbritanniens in der EU zu werben.

7. Vielleicht gibt es Neuwahlen in Großbritannien? Die könnten auch das Ende des Brexit bedeuten.

8. Die Regierung könnte nach der zweijährigen Verhandlung mit der EU das Ausstiegsabkommen wieder zum Gegenstand eines Referendums machen, das dann möglicherweise beim Wähler durchfallen wird.

9. Als Außenminister hat > Boris Johnson eine Gelegenheit bekommen, seinen Faux-pas zu reparieren. Eingestellt, damit er neue Chance bekommt?

10. Statt sich auf zweijährige Ausstiegsverhandlungen vorzubereiten, sollten die EU-Mitgliedsländer die Gründe der Brexit-Befürworter analysieren, allerdings müssten sie dabei auch die Fehlinformationen berücksichtigen, die die Brexit-Gegner für bare Münze genommen haben:

„Nigel Farrage, der seine ganze Politikerkarriere dem Brexit gewidmet hat, musste mittlerweile eingestehen, dass die im Brexit-Wahlkampf so vollmundig versprochene Umlenkung der wöchentlichen 350 Millionen Pfund der britische EU-Beiträge in das britische Gesundheitssystem doch nicht so einfach sei, tatsächlich ist diese Summe sogar nur halb so groß… im Wahlkampf wurde übertrieben. Seinen Bus neu und ehrlich bemalen und mit ehrlichen Zahlen noch einmal abstimmen?“ > Frankreich-Deutschland und der #Brexit (I) und > Frankreich-Deutschland und der #Brexit (III)Jean-Marc Ayrault und Frank-Walter Steinmeier. Ein starkes Europa in einer unsicheren Welt

11. Frankreich und Deutschland sind noch damit beschäftigt, eine tragfähige visionäre Zukunft für eine reformierte EU zu finden: > #Brexit (V) – > Premier ministre Manuel Valls parle devant l’Assemblée nationale. Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt eine Regierungserklärung ab. In beiden Ländern stehen nächstes Jahr Wahlen an. Man könnte sich vorstellen, dass ein runderneutes französisch-deutsches Tandem neue Impulse für die EU und besonders für Großbritannien bereithält.

12. Großbritannien hatte eigentlich schon immer eine Sonderrolle (weniger Mitgliedsbeiträge als die anderen, gemäß des Kompromisses, den PM Thatcher ausgehandelt hatte, kein Euro) in der EU innegehabt. Mit dem Brexit soll diese Sonderrolle noch mehr verstärkt werden? Wie wäre es denn, wenn sich aus den Ausstiegsverhandlungen und einer parallelen Reform der EU eine neue Gemengelage ergibt, die lautet, EU-Mitglied oder kein EU-Mitglied?

> Frankreich-Deutschland und der #Brexit (II) Die Twitter-Analyse – 28. Juni 2016

Boris Johnson,
> Der Churchill-Faktor
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und
Werner Roller (Original: The Churchill Factor. How One Man Made History)
2. Druckaufl. 2015, 472 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen s/w Abb. und 3×8 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94898-1

Lesebericht . Patrícia Melo, „Trügerisches Licht“

26. Juli 2016 von

melo-truegerisches-licht

Mord ist etwas Schlimmes, etwas zutief Abgründiges. Während des Aktes macht man sich die Hände schmutzig, strengt sich an, währenddessen Adrenalin die Blutbahnen des Mörders flutet. Ganz zu schweigen von den stürmischen und emotionsüberladenen arteriellen Sturzbächen aus Angst des Opfers. In der Regel klebt der Schmutz des Täters an seinen Händen, nicht nur in seiner Seele!

Wer allerdings eine als Selbstmord inszenierte Tötung plant, bei dem sich das Opfer im Schlussakt seiner theatralischen Aufführung auf der Bühne selbst richtet, dem scheint Schmutz an einer nicht sichtbaren Hülle abzuperlen.

Der Prolog offenbart den inszenierten Suizid des Theaterschauspielers Fábbio Cássio vor dem Publikum. Noch im aufbrandenden Applaus stellen die Besucher erschrocken fest, dass ihr geliebter Künstler nicht perfekt spielt, sondern tatsächlich tot inmitten der Kulisse liegt.

Abrupt wird der Leser aus dem Schauspiel gerissen und befindet sich inmitten eines Rückblicks, erfährt intimste Details zum getöteten Schauspieler und dessen öffentlich zur Schau gestellten Leben. Die Gesellschaft ist voller Stigmata, die Prominenten bedingungslose Funktionalität auferlegt und keine Fehltritte zu toleriert. In der Realität also. Patrícia Melo zieht den Leser in den Bruch der Liebe zwischen dem Schauspieler Fábbio und dessen Ehefrau Cayanne, in dessen Zentrum verblasstes Temperament und die Sehnsucht nach dem Abenteuer steht.
In einem Parallelstrang nähert sich langsam die Geschichte der Leiterin der Spurensuche, Azucena, dem Mord an Fábbio an. Durch ihre Untersuchungen und die damit verbundenen polizeilichen Ermittlungen stößt sie eines Tages auf Cayanne, die nunmehr geschiedene Frau des Schauspielers und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Ex-Mannes. Auch dieser Erzählstrang steckt voller familiärer Tragödien, in dessen Bewältigungsprozess der Leser eingebunden wird.

Wer nun vermutet, dass diese sehr detaillierten Charakterisierungen den Plot verlangsamen und den Spannungsaufbau erschweren, der irrt. Es ist Teil des Konzeptes, das konsequent emotionsgeladen ausgearbeitet ist. Dem Leser ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Charakteren auf einem ebenbürtigen Level zu begegnen, sich mit deren Gefühlswelten zu identifizieren und Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen.

Um die Aufklärung des Falls bemüht, begibt sich Azucena in den Kreis krimineller Männer, die weder Skrupel vor sexuellen Übergriffen auf sie als Polizistin haben, noch vor kinderpornografischen Machenschaften zurückschrecken.
Patrícia Melo präsentiert einen von persönlichen Tragödien durchzogenen Kriminalroman, denen auch der Protagonist, Fábbio Cássio, nicht gefeit war und sich plötzlich inmitten einer erpresserischen Bande befand, die ihn zuerst ausnahm und schließlich in den Tod schickte.

melo-truegerisches-lichtPatrícia Melo,
> Trügerisches Licht
Kriminalroman aus dem brasilianischen Portugiesisch von Barbara Mesquita (Orig.: Fogo-Fátuo)
1. Aufl. 2016, 320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50215-2

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