Verlagsblog

Die aktuelle Lektüre: David Graeber, Schulden

8. Mai 2012 von Heiner Wittmann

Am 14. Mai 2012 erschient bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer das eindrucksvolle Buch > Schulden. Die ersten 5000 Jahre von David Graeber. Text + Anmerkungen + Bibliographie mit Index = 536 Seiten. Diesmal wird der Lesebericht zum Erscheinen des Buches wahrscheinlich ausnahmsweise nicht rechtzeitig fertig. Aber vom Inhalt und der packenden Darstellung mal ganz anders, grundsätzlicher und vor allem auch historischer – mit einem Blick auf die wirtschaftliche und politische Ideengeschichte – wahrlich getrieben, ist das vielleicht doch zu schaffen. Schulden haben wir alle in irgendeiner Form, und man darf fragen, wo sich wirklich die Grenze befindet, bei der Schulden nicht rückzahlbar sind? Aber auch dann kann man sich nicht einfach entschuldigen. Und wie ist das heute mitten in der Schuldenkrise? Helfen europäische Staaten anderen, um ihrer oder der gemeinsamen Währung zu helfen, oder garantieren die einen die Schulden oder die Zahlungsfähigkeit der anderen, um dann noch die eigenen Kassen wqieder aufzufüllen? Und wer vergeht sich an den Schulden der anderen, um sich an ihnen qua Spekulation und zum Unglück aller gesundzustoßen ? Der vergangene 6. Mai mit dem zweiten Wahlgang der > Präsidentschaftswahlen in Frankreich, das Wahlchaos in Griechenland und alle anderen düsteren Währungs-Wolken über Euroland werden das Thema Schulden ganz oben auf der Tagesordnung halten.

Da lohnt es sich schon, einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen, um was es denn überhaupt geht? Nach einer Bundestagsdebatte zu diesem Thema kann man leicht den Eindruck gewinnen, niemanden gesehen zu haben, der weiß, wie groß der gerade wieder beschlossenen Rettungsschirm ausgefallen ist, Millionen, Milliarden oder Billionen, sieht man diese Summe wieder, gibt es sie überhaupt? Ist das Geld ausgegeben, das ja eigentlich gar nicht da ist?`Bei diesen ungeheuren Summen sprechen die Kritiker von Sparzwängen? Bestimmt haben Mitglieder der Euro-Zone über ihre und damit über unsere Verhältnisse gelebt. Man hat im Eurogebäude einige Stahlstreben vergessen, die jetzt nachträglich als Reklamationsfall sofort eingebaut werden müssen und niemand möchte diese Baumängel so wirklich wahrhaben.

“Ein ebenso radikaler wie befreiender Blick auf die Wurzeln unserer Schuldenkrise.” steh auf der Seite von Klett-Cotta zu Graebners Buch > Schulden. Und da steht auch : “Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.” “Verbraucherschulden sind der Lebenssaft unserer Wirtschaft,” (S. 11) schreibt Graeber und zeigt damit die andere Seite der Medaille. Ohne Schulden geht es auch nicht.

Der Beginn der Lektüre bestätigt Frank Schirrmacher, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb: “»Graeber öffnet dem Leser die Augen für das, was gerade vor sich geht.« Es ist richtig wohltuend, einmal gründlich diese schwierige Materie an ihrer historischen Wurzel zu packen und nicht nur den Medienkommentaren jeder Art zuzuhören und gar unreflektiert zu glauben, die mit ihren Horrormeldungen den Börsen ihr Aufundab diktieren. Jetzt wird darüber spekuliert, ob François Hollande und Angela Merkel sich verstehen werden. Sie werden es, weil die deutsch-französische Kooperation eine Konstante der EU und des Eurolands ist, dennoch werden beide zusammen, nicht einzeln, einen Einfluss in Europa entwickeln können. Und jetzt kommt es darauf, wie groß dieser Einfluss werden kann. Keiner von beiden kann alleine handeln und schon gar nicht alleine Erfolg haben. Um ihren Handlungsspielraum zu erkunden, könnte man einen Blick auf die Bedingungen, Gründe der Krise werfen und mit diesem Wissen über Handlungsoptionen nachdenken: > Schulden ist ein guter Ansatz dazu, künftig die Berichterstattung ein bisschen kritischer verfolgen zu können und um darauf aufzupassen, dass unsere Politiker sich wirklich zugunsten der europäischen Idee einsetzen.

David Graeber (Jg. 1961) ist einer der Begründer der Occupy-Bewegung unterrichtete bis zu seiner Entlassung 2007 als Anthropologe in Yale und lehrt seitdem am Goldsmith-College in London. Er bezeichnet sich als Anarchist und ist Mitglied der »Industrial Workers of the World«. Sein Vater hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, und er selbst hat fast zwei Jahre in einer direkte Demokratie praktizierenden Gemeinschaft auf Madagaskar gelebt.

> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0

Lesereise:

> Lesereise: David Graeber mit »Schulden. Die ersten 5000 Jahre«

Fr 18.05., 16 h
Frankfurt am Main | Lesung und Gespräch
Schauspiel Frankfurt, Chagallsaal, Neue Mainzer Straße 17, 60311 Frankfurt am Main

Die erste Station der Lesereise von David Graeber führt ihn in die Hauptstadt der deutschen Occupy-Bewegung.
Moderation: Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich.
Gespräch in deutscher und englischer Sprache
Der Eintritt ist frei.

Mo 21.05, 20:00 h
München | Lesung und Gespräch, Moderation: Frank Schirrmacher
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München

Gespräch in deutscher und englischer Sprache
Eintritt: 9,- bzw. 7,- Euro
> www.literaturhaus-muenchen.de
Bücher zu dieser Veranstaltung:

Di 22.05, 20:00
Köln | Lesung und Gespräch
ZentralBibliothek, Josef-Haubrich-Hof 1, 50676 Köln

In der Reihe “Wissenswert – Themen am Puls der Zeit”.
Moderation: Ralph Bollmann (FAS)
8,- bzw 6,- Euro
Eine Veranstaltung der Stadtbibliothek Köln und der > Buchhandlung Klaus Bittner
> www.stadt-koeln.de

Mi 23.05, 19:00
Berlin | Lesung und Gespräch
Dussmann das KulturKaufhaus, Friedrichstraße 90, 10117 Berlin

Moderation: Ulrike Herrmann (taz)
Gespräch in deutscher und englischer Sprache

> www.kulturkaufhaus.de

Do 24.05, 18:00
Leipzig | Lesung und Gespräch
Centraltheater Leipzig, Bosestraße 1, 04109 Leipzig

Unser Autor David Graeber im Gespräch mit dem Hausphilosophen des Centraltheaters, Guillaume Paoli.
Eintritt: 5,- Euro
> www.centraltheater-leipzig.de

Do 31.05, 19:30
Fraktion kontrovers – Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit unserem Autor David Graeber und dem Philosophen Richard David Precht

Berlin | Podiumsgespräch
Weil die Steuerzahler Banken retten müssen, trudeln die Staaten tiefer in die Verschuldung und verlieren das Vertrauen der Märkte. Die Demokratie am Gängelband des Kapitals? Diese These wird heißer diskutiert als je zuvor: Denn durch die Krise der Finanzmärkte stellt sich die Frage des Verhältnisses zwischen Schulden und Gerechtigkeit auf dramatische Weise neu. Werden Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert? Wer soll wessen Schuld tilgen? Und ist das alles gerecht? Der Anthropologe Dr. David Graeber hat untersucht, wie und warum Menschen in den letzten 5000 Jahren Schulden gemacht haben. Mittlerweile, so der Vordenker der Occupy-Bewegung, bestimmt das Prinzip der Schuld alle gesellschaftlichen Sphären. Und es ist höchste Zeit, das zu ändern. Der Philosoph Richard David Precht sagt in seinen Büchern, dass es den meisten Menschen wichtig ist, moralisch gut zu handeln. Aber was heißt das angesichts von Euro-Krise, Schuldenschnitt und Rettungsschirmen? Wie weit sind wir bereit, für andere einzustehen – und für sie zu zahlen? Es geht bei diesen Fragen um das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. In Deutschland und in Europa.

Einlass ab 18:45 Uhr
Beginn: 19:30 Uhr
Eine Online-Anmeldung ist erforderlich: > www.spdfraktion.de

Robert Spaemann feiert seinen 85. Geburtstag

7. Mai 2012 von Heiner Wittmann

Robert Spaemann ist heute der bedeutendste konservative Philosoph im In­- und Ausland. Jahrgang 1927, Günter Grass, Martin Walser und Joseph Ratzinger. Robert Spaemann feiert an diesem Samstag seinen 85. Geburtstag. Rechtzeitig zu seinem Festtag erscheint bei lLett-Cotta der Band > Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen. Dieses Buch ist die Aufzeichnung eines langen Gesprächs mit Stephan Sattler, in dem Spaemann seine Suche nach dem »was in Wahrheit ist« erläutert. Seine Mutter tanzte bei Mary Wigman, und sein Vater war Kunsthistoriker. Seine Eltern lebten in der Berliner Bohème der Zwanziger Jahre, sie waren links und athetistisch. 1942, nach dem Tod seiner Mutter, wird der Vater zum katholischen Priester geweiht. Zwei Jahre später desertiert Spaemann und versteckt sich bei einem Bauer. Robert Spaemann studierte Philosophie, Romanistik und Theologie in Münster, München und Fribourg, und wurde 1952 bei Joachim Ritter in Münster promoviert. 1962 wurde er in den Fächern Philosophie und Pädagogik in Münster habilitiert. An der TH Stuttgart lehrte er Philosophie von 1962 bis 1992. Danach lehrte er an den Universitäten Heidelberg und München, wo er 1992 emeritiert wurde. Spaemann war Gastprofessor in Paris, Rio de Janeiro, Louvain-la-Neuve sowie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Er hat die Ehrendoktorwürde der Universitäten Fribourg, Pamplona, Washington sowie Santiago de Chile. Robert Spaemann hat viele Werke Werke über die Ideengeschichte der Neuzeit, über Naturphilosophie, Anthropologie, Ethik und politische Philosophie verfasst. Seien Bücher sind in 14 Sprachen übersetzt worden.

Robert Spaemann bei einer Podiumsdiskussion über > Jean-Jacques Rousseau am 25. April 2012 in der > Stuttgarter Stadtbibliothek

Von der Vielfalt seines Vaters Heinrich hat Spaemann sehr profitiert: “Nächst Gott verdanke ich, wie mein Vater mir erzählte, meine Existenz der Malerin Käthe Kollwitz. Sie muss den genialischen jungen westfälischen Kunstgeschichtsstudenten, Dichter und Bauhaus-Schüler Heinrich Spaemann als Mitarbeiter der legendären »Sozialistischen Monatshefte« kennengelernt und gemocht haben. Mein Vater war dort zuständig für Film und Varieté, also damals zum Beispiel für Charlie Chaplin, Buster Keaton, Sergej Eisenstein, Josephine Baker und den Mozart der Jongleure, Rastelli. Ich besaß als Kind einen der Bälle, die Rastelli nach der Vorstellung ins Publikum geworfen hatte.”

Im Haus den “Psychologen Alexander Mette (später Präsident des Psychologenverbandes der DDR) … ereignete sich später (es war der letzte Besuch) auch die Wende im Leben meiner Eltern, der Blutsturz meiner Mutter, der ihrer tänzerischen Laufbahn ein Ende setzte. Dass sie im Himmel wieder würde tanzen können, war ihr gewiss. Dies und ein gleichzeitiger Anfall dämonischen Wahnsinns bei Mette war der Beginn einer gänzlichen Neuorientierung meiner Eltern, die, beginnend mit der Lektüre Rousseaus über Jean Cocteaus Briefwechsel mit Maritain schließlich zum Weggang von Berlin nach Münster und am Ende in den Schoß der katholischen Kirche führte. … Ergänzend ist nur noch zu sagen, dass mein Vater sich Jahre nach dem Tod meiner Mutter entschloss, Priester zu werden. Er wurde 1942 vom Bischof von Münster, Graf Galen, geweiht.”

Die bewegenden Stationen seiner Biographie, die er in diesem Gespräch berichtet werden von Spaemann auch in seinem > Werk immer wieder reflektiert.

Ein Gespräch mit Robert Spaemann über die Atomenergie: > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter:

> Ein unstillbares Verlangen nach Wahrheit.Der Philosoph Robert Spaemann wird heute 85 Jahre alt.
Im Gespräch mit Stephan Sattler erzählt er “Über Gott und die Welt” Von Martin Mosebach,
in DIE WELT, 5. Mai 2012

> Robert Spaemann
Unter Mitarbeit von Stephan Sattler
> Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen
1. Aufl. 2012, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94737-3

Weitere Beiträge auf diesem Blog zu den Büchern von Robert Spaemann:

> Nachgefragt: Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze
> http://blog.klett-cotta.de/philoosophie/leseberichtrobert-spaemann-nach-uns-die-kernschmelze/

> Rechtzeitig abschalten: Das Ende der Atomkraft
> Rousseau – Mensch oder Bürger
> Robert Spaemann – Freiheit und Wahrheit
> Robert Spaemann feierte seinen 80. Geburtstag
> Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht
> Das unsterbliche Gerücht: Robert Spaemann, Michael Klett
> Das unsterbliche Gerücht: Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne

Nachgefragt: Michal Hvorecky, Tod auf der Donau

30. April 2012 von Heiner Wittmann

Der Lesebericht zu Michal Hvoreckys Roman > Tod auf der Donau ist auf diesem Blog schon erschienen. Eine ganzes Kreuzschiff voll amerikanischer Touristen ins Donaudelta begleiten, das hat Martin Roy sich vorgenommen. Zugegeben, das wäre sehr verführerisch, diese Reise baldmöglichst auch einmal zu machen. Roys Reiseführung, sein profundes historisches Wissen machen echt Lust auf diese Reise, wenn auch manche ihrer Umstände, die Roy aushalten und bewältigen muss, sich doch nicht so ganz zur Nachahmung empfehlen. Roman, Reiseführer? Michal Hvorecky, hat auf alle Fragen geantwortet:

Michal Hvorecky
> Tod auf der Donau
Roman
Aus dem Slowakischen von Michael Stavarič (Orig.: Dunai v Americe)
1. Aufl. 2012, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50115-5

Merkur, April 2012

17. April 2012 von Heiner Wittmann


Für das Aprilheft > Merkur 04/12 hat > Ralph Bollmann hat sich sehr eingehend mit der Bürokratie beschäftigt und findet sie äußert nützlich. Jede vorschnelle Kritik an ihr sei billiger zu haben als jede andere Kritik an irgendetwas. Helmut Fangmann untersucht Politik und Verwaltung unter dem Stichwort der schleichenden Kolonisierung.

Dann folgt ein Aufsatz von Benno Heussen über Europa als Fusionsprojekt, der dabei auch die deutsch-französischen Beziehungen in den Blick nimmt. Adam Krzemiński erinnert an Polens Erfahrung mit Europa und berichtet über interessanten Europaideen des polnischen Fürsten Adam Czartoryski (1770-1861), der Außenminister (1804–1806) unter Zar Alexander I. (1777-1825) war und weist ganz nebenbei eindrucksvoll auf die Bedeutung historischer Kenntnisse hin.

Birgit Reci untersucht in ihrer Philosophiekolumne ‘Blumenberg’ oder die Chance der Literatur und hat dafür die Sibylle Lewitscharoffs Bücher Blumenenberg (Berlin: Suhrkamp 2011) und Pong, (Berlin, Berlin 1998) gelesen. Jürgen Kaube hat die Soziologiekolumne Kapitalismus und Ökonomisierung gewidmet. Ob diejenigen, die uns in Berlin und Europa durch die Finanzkrise lenken, auch auf diesem Niveau über ihr Handeln nachdenken? – Michael Maar hat sich Wolfgang Herrndorfs Roman Sand vorgenommen. Ein schönes Beispiel für eine Rezension, deren Autor das zu besprechende Buch ganz genau gelesen hat. Ganz kritisch. Und die beiden letzten Sätze: “Herrndorf hat den größten, grausigsten, komischsten und klügsten Roman der letzten Dekade geschrieben. Er ist aimable; und sein Werk wir bleiben.” (S. 340) – Architektur: Rosten Woo erklärt den Zusammenhang zwischen einem Apollo-Raumanzug und der Architekturtheorie. – Martin Urmann hat Armen Avanessians Studie zur Phänomenologie ironischen Geistes gelesen.

Michael Esders hat in Google nach dem Begriff > “Echtzeit” gesucht und mokiert sich zu Recht über dessen inflationäre Verwendung im Internet: “Der Instantismus der neuen Medien schürt die Sehnsucht nach Zusammenhang, Kohärenz, integrierenden Erzählungen.” Stimmt! Wenn man auf ein Mail sofort antwortet und sich ein Kettenmailaustausch ergibt, der in kurzer Zeit zu vielen Antworten beider Seiten führt, ergibt sich daraus eine andere Form der Kommunikation als mit nur zwei Mails, die manchmal richtig produktiv sein kann, wenn beide einander richtig zuhören und ihre jeweiligen Assoziationen gewinnbringend einzubringen wissen. Das muss nicht unbedingt nur bloßes Storytelling sein und auch gar nicht als Schreiben nur beiläufig sein.

Wolfgang Marx hat sich mit Wittgenstein beschäftigt. Kai Spanke erzählt seine Erlebnisse aus Südkorea.

Lesebericht: Michal Hvorecky, Tod auf der Donau

16. April 2012 von Heiner Wittmann

Mal eben reingucken? Einmal durchblättern? Probieren Sie das aus, und Roy hat sie schon auf seine Reise mitgenommen. Bei dieser Lektüre lässt man sich einfach nicht mehr stören.

Der Übersetzer Martin Roy hat mit seinem umfangreichen geographischen und historischen Fachwissen bei der ADC angeheuert und darf als Reisebegleiter achtzig Senioren auf einem Kreuzfahrtschiff bis zum Donau-Delta begleiten. Die Fahrt wird von der Gesellschaft ADC zum ersten Mal unternommen, und Roy beruhigt die Reisenden mit dem Hinweis, die Reise hätte er schon oft gemacht. Auf alle Wünsche der ihm anvertrauten Touristen einzugehen und möglichst nie zu widersprechen, das gehört zu seinen Aufgaben rund um die Uhr. Nicht nur weil einige der Kreuzfahrer schon so betagt sind, auch aus anderen Gründen reist der Tod mit. Äußerst peinliche Situationen werden zu echten Herausforderungen für die Schiffsmannschaft.

Martin Roy empfängt die Reisegäste am Flughafen und verfrachtet sie in drei Gruppen in Busse, die sie zur America b ringen. Die ersten Beschwerden über den Fußweg zum Bus, beantwortet er mit seiner überbordenden Freundlichkeit und dem Versprechen, dass doch eine exzellente Reise bevorstände. Während der Donaureise ist Roy für die Organisation der Landgänge und das Besuchsprogramm zuständig. Immer wieder hängt er am Handy, um schon die Termine für die nächsten Landgang zu checken. Verkürzungen kommen nicht in Frage. Das Programm muss eingehalten werden; wenn allerdings der Wunsch von den Reisenden, der Landgang möge verkürzt werden kommt, wehrt sich Roy der Form halber und gibt dann nach einigem gespielten Widerstand (sehr gerne) nach. Die ewigen Nörgler sind auch mit dabei, William Webster findet die ganze Reise eine Unverschämtheit, und Roy kann nur noch nicken und dann die abschließende Bewertung der Reise denken.

Wie kann man eine achtzigköpfige Touristengruppe au dem engen Schiffsraum ertragen? Die immer alles wissen wollen und an den Antworten auf ihre Fragen nur mäßig interessiert sind? Mozart? “Vor drei Wochen gestorben…” verrät Roy und die Amerikanerin findet das schade. Genauso wie er sich den Spaß macht, Barock als eine “italienisch-politische Diktatur” zu verkaufen, “die noch vor der Gotik in Europa herrschte. Sehr böse, obskur und gefährlich!” (S. 49) Jeffrey denkt gleich an die Wirtschaft und ist dankbar, dass es so etwas in Amerika nicht gibt.
Michal Hvorecky hat eine wunderbar spannenden und aufregenden Roman geschrieben. Der Empfang der Touristen auf dem Flughafen und das Einschiffen illustriert schon die Strapazen, die sie freiwillig auf sich nehmen, und Roy ahnt irgendwie, das die gemeinsame Reise nicht gutgehen kann.

Mit seiner antrainierten Freundlichkeit überspielt er gekonnt jedes Problem und versichert seinen Kunden, das die Reise exzellent verlaufe, das Essen exzellent sei und gibt sich so exzellent wie möglich, damit die Reisenden auch ja später das stets gehörte Wort EXZELLENT in die Bewertungsbögen eintragen, um Roy und seinen Kollegen den Job zu sichern.

Ein Resümee der Geschichte würde die Lektüre des Buches verderben. Zu skurril sind die Begleitumstände unter denen einige der Mitreisenden die Donaufahrt vorzeitig beenden müssen.

Ein Reiseroman mit einer ordentlich Portion Krimi, versetzt mit einer Prise Liebesroman. Und zwischendurch überlegt sich Martin Roy, wieso er sich nicht mit dem Übersetzen zufrieden gegeben hat. Immer wieder fordern neue Situationen ihn heraus, er muss schnell reagieren und den Unmut mancher Reisenden durch die Hinweise auf das exzellente Schiff und das exzellente Essen beschwichtigen. Manchmal ist schnelles Handeln gefordert, damit nicht alle noch schlimmer wird. Eine völlig unerwartete Person taucht auf, die eigentlich gar nicht da sein dürfte. Und mit seinem gewohnten Geschick baut Roy sie in seine Reiseplanung ein. Man darf gespannt sein, in welcher Verfassung und unter welchen Umständen Roy seine Touristentruppe (fast) ans Ziel bringt.

Ach ja, noch was. Fahren Sie nicht S-Bahn mit diesem Buch. Sie verpassen keine Station? Mit diesem Buch sogar auch die nächste Station. Versprochen.

Michal Hvorecky
> Tod auf der Donau
Roman
Aus dem Slowakischen von Michael Stavarič (Orig.: Dunai v Americe)
1. Aufl. 2012, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50115-5

Im Literaturhaus photographieren:
Mark Z. Danielewski, Only Revolutions

28. März 2012 von Heiner Wittmann

> Am Montag, 24. März, war Mark Z. Danielewski mit seinem Buch >Only Revolutions. Die Demokratie von Zweien dargelegt & chronologisch angeordnet zu Gast > im Stuttgarter Literaturhaus. Seien Lesung wurde von Thomas Böhm moderiert. Das Buch erzählt die Geschuchte(n) von Sam und Buch rumdrehen Hailey. Übersetzt von Gerhard Falkner und Nora Matocza.

Thomas Böhm hat das Buch anhand seiner Typographie erklärt: Wie gesagt, dass Buch kann man und muss man von beiden Seiten lesen:

“Der Plymouth PG schüttelt alle, trägt UnS dahin, bis Rumtrödler unsere Eile fliehen.” (S. 128/233)

Mark Z. Danielewski
> Only Revolutions
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerhard Falkner und Nora Matocza (Orig.: Only Revolutions. The Democracy of Two Setout & Chronologically Arranged)
1. Aufl. 2012, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, farbig gedruckt
ISBN: 978-3-608-50123-0

Lesebericht: Mark Z. Danielewski: Only Revolutions

20. März 2012 von Heiner Wittmann

“Der Plymouth PG schüttelt alle, trägt UnS dahin, bis Rumtrödler unsere Eile fliehen.” (S. 128/233)

> Mark Z. Danielewski, der Autor von > Das Haus – House of Leaves hat 2006 das Buch Only Revolutions. The Democracy of Two Setout & Chronologically Arranged geschrieben, das jetzt bei Tropen unter dem Titel Only Revolutions. Die Demokratie von Zweien dargelegt & chronologisch angeordnet in der Übersetzung von Gerhard Falkner und Nora Matocza erschienen ist.

Die erste Daumen- und dann die erste Leseprobe. Es geht um die Liebesgeschichte zweier Teenagers – Haley (Buch einmal rundrehen:) und Sam – die amerikanischen Kontinent und die Zeit durchqueren. Wie schon angedeutet, das Buch geht von beiden Seiten los.

Sam und Haley versuchen ihrem Schicksal zu entkommen. Die amerikanische und die Weltgeschichte ist ihnen immer dicht auf den Fersen. So reisen sie immer weiter, und sie erleben 2 * 100 Jahre: vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Kalten Krieg und von der Bürgerrechtsbewegung bis zum Irakkrieg. Man muss sich einfach darauf einlassen. Das Vorlesen der ersten 8 Seiten wirkt auch hier. Danach soll man die andere Geschichte weiterlesen: Buchrumdrehen. Immer nach acht Seiten zwischen Haley (Buch rumdrehen) und Sam wechseln. Vier Cantos zu je 90 Wörtern bilden die volle Umdrehung eines Kreises. “Hi. Ich heiße Sam,” und der andere? “Mein Eselchen trottet weiter.” – “- Ich heiße Hailey. Hi.” (Buch rumdrehen).

“Un alle zittern und tasten.
bringen kaum den Mut auf,
davonzurennen, geschweige denn,
das Abschiedshallo zu verkraften.” (S. 14)

Lyrische Poesie, “Bis Sam auf schroffem Berg pausiert, eine Kokse zu brisen…” Wortspiele, Satzspiele. Man müsste das ganze Buch alleine entdecken, allein lesen, ohne jemals ins weite Internet zu gucken, ohne andere Erklärungen, sich einfach nur auf diese Geschichte einlassen, um herauszufinden, was man mit ihr machen kann. ganz egal, ob es das ist was der Autor uns vorlegen will. Die eigene Entdeckung zählt: “jetztganzstill.” Die Zweisamkeit der Beiden und dann wieder die Bewegung: “Mein Olsmobile Toronado fliegt, gleitet. Weite sogar die Straße. Ich bin die Straße. Ich raße.” Kein Wunder, dass es Sam so schlecht wird. “Reihert Pampe”. Die Kurverei und die Geschwindigkeit merkt sogar der Leser. Dann lässt der Pontiac GTO die Reifen qualmen, dann ist es plötzlich wieder ein Firebird 400. Sex und Raserei, daneben in der Randspalte die vorübereilende Geschichte. Jetzt ist dies kein Lesebricht mehr, eher ein Lebebericht, Entdeckungsbericht, Beobachtungen aus dem Leben vor dem Hintergrund der Geschichte, ganz unentschieden, was von beiden vorüberzieht: “während die Rennsportreifen meines BuickElectra con Asheville bis OakRidge brettern.” (S. 65/296) Atemlos, Haley kann gar nicht von Sam lassen oder umgekehrt (Buch rumdrehen- nicht vergessen) “Denn wir sind immer sechzehn und es ist immer deren Schaden.” Eine Romanpoetik, Romanpoesie. “Mit Sam natürlich, aber oft unruhig, erforsche ich eine Welt nur für zwei.” (S. 176/185). “Und beide sind wir gestresst, dass es so ist.” (ib.) “Der Plymouth PG schüttelt alle, trägt UnS dahin, bis Rumtrödler unsere Eile fliehen.” (S. 128/233)

Viel mehr als nur ein Spiel Worten. Hier wird alles von der Bewegung bis zu Wortspielen aller Art “Kotelettversessen”. Draußen kann passieren was will, beide leben ihr eigenes Dasein. Kein Ereignis kann sie beeindrucken: “Unsere genadenlosen Schindereien überholen immer alles.” Und dann “Radnaben nageln die Kurven unseres Dahinfloatens, vorbei an schulddurchtränkten Landschaften,” wenn wir Normalbürger sagen, “Nächste rechts”. Unaufhaltsam: “Unsrer Ford Pickup surrt nach Norden.”

Je länger ich dieses Buch durchblättere, ums o länger wird das Bloggen hierundjetzt. Bei Büchern kommt oft der Moment, aus der Hand legen, oder noch, nur ein bisschen weiterlesen, ganz unversehens ist die Schwelle schon passiert, von Steckenbleiben keine Spur, bringen Sie ein wenig Zeit mit, ach die kriegen Sie sofort, wenn Sie dieses Buch aufschlagen, dann brauchen Sie auch keines der beiden Lesebändchen. Sam weiß genau: “Ich könnte Hailey nie den Laufpass geben.” Stimmt das? “Wir sind alle Irregehende.” Am liebsten würde ich jetzt schnell mal ein paar Seiten lesen, laut vorlesen, weil der Text, so wie er im Druckbild hier auftaucht, dazu sich so eignet, muss man einfach mal laut lesenn. Dann merkt man warum diese Wörter an Ulysses erinnern: “Das süße Plötzlich zwischen etwas immer Ratlosen…”

Wir sehen uns am Montag, 26.03.12, 20.00 Uhr im > Stuttgarter Literaturhaus, wenn Thomas Böhn Mark Z. Danielewski dort empfängt?

Sie waren doch schon mal im > Stuttgarter Literaturhaus?

Mark Z. Danielewski
> Only Revolutions
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerhard Falkner und Nora Matocza (Orig.: Only Revolutions. The Democracy of Two Setout & Chronologically Arranged)
1. Aufl. 2012, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, farbig gedruckt
ISBN: 978-3-608-50123-0

Angekommen. Mark Z. Danielewski: Only Revolutions

20. März 2012 von Heiner Wittmann

“Wir halten nicht mehr an, bis wir es an einem Kreisverkehr doch tun.”

“Und Rattenschlangen vergehen, während Gafferschlangen weiterhin für alles bremsen, was aufzuhalten wir nicht mehr bereit sind.”

Neue Workshops mit David Schnarch: Intimität und Verlangen

15. März 2012 von Heiner Wittmann

Zur Erinnerung auf diesem Blog: Der Lesebericht über > Intimität und Verlangen über das Buch von David Schnarch > Intimität und Verlangen. Sexuelle Leidenschaft wieder wecken, das Klett-Cotta erschienen ist

Im April 2011 antwortete David Schnarch, Klinischer Psychologe und Sexualtherapeut. Diekto des Crucible Institute, Marriage ans Family Center in Colorado, USA, auf unserer Fragen im transportablen TV-Studio, blogmäßig improvisiert, aber mit interessanten Aspekten zu seinem Buch. Schnarch zeigte sich überzeugt, das alle normalen Menschen früher oder später Probleme mit ihren sexuellen Verhalten bekommen. Ist ganz normal und gehört zum Lauf der Dinge. Schnarch meint, das müsse so nicht bleiben:

Im Mai 2012 wird Dr. Schnarch die folgenden Programme durchführen:

Ein-Tages-Workshops für die breite Öffentlichkeit und Therapeuten in Ulm (6. Mai) und Hamburg (17. Mai).
Vier-Tage-Trainings-Workshops für Therapeuten in Ulm (6.-9. Mai) und Hamburg (17.-20. Mai).
Öffentlicher Vortrag am Abend (11. Mai), gefolgt von einer eintägigen Paare Workshop (12. Mai) am Stuttgarter Hospitalhof.
Vom 25.-28.Oktober 2012 wird Dr. Schnarch nach Berlin zurückkehren, um einen > eintägigen Workshop für die Öffentlichkeit und Therapeuten, und eine > 3-tägige klinische Ausbildung durchzuführen.

Intimität und Verlangen. Sexuelle Leidenschaft wieder wecken
Aus dem amerikanischen Englisch von Theo Kierdorf und Hildegard Höhr
(Orig.: Intimacy and Desire. Awaken the Passion in your Relationship)
1. Aufl. 2011, 487 Seiten,gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94662-8

> Frisch verliebt. Und was jetzt?
> Die unendliche Freiheit und das Ende der Liebe
> Sex im Buchladen

Nachgefragt: Christos Tsiolkas, Nur eine Ohrfeige

7. März 2012 von Heiner Wittmann

Gestern abend Christos Tsiolkasseine gerade eben bei Klett-Cotta erschienenes Buch >Nur eine Ohrfeige vorgestellt. Der > Lesebericht steht zu diesem Buch auch schon auf diesem Blog. Stuttgart war die erste Station der Lesereise von Tsiolkas in Deutschland, die ihn auch in die Schweiz führt.

Ist das richtig, wenn man die Geschichte seines Romans auf die Ohrfeige fokussiert, die sich Hektor einfängt? Möglicherweise ist die Ohrfeige nicht der wichtigste Punkt in seinem Buch. Hat er einen Roman, einen Essay oder eine soziologische Untersuchung über eine bestimmte Gesellschaftsschicht, der middle-classes, verfasst?

Will er ihre Selbstzufriedenheit untersuchen, die ihnen bald zum Problem werden dürfte? Der Roman hat acht Teile, will er damit die Darstellung der unterschiedlichen Perspektiven erleichtern? Auf meinem Fragezettel stand auch die Frage, ob er, Christos Tsolkias, Moralist sei. Er schreibe doch über Moral und Toleranz? Und er hat mir verraten, ob die Figuren reale Vorbilder im wirklichen Leben haben.

Die Lesung im Stuttgarter Literaturhaus wurde von Prof. Dr. Renate Brosch (Universität Stuttgart) moderiert. – Und dann wollte ich auch wissen, welche seiner Personen er wirklich mag, und ober zu ihrer Dinner-Party auch hingehen würde. Und welche Rolle spielen die Kinder in seinem Roman. Der überbehütete Hektor mit seinen fast vier Jahre, immer noch an der Brust der Mutter, ist es, der sich die Ohrfeige einfängt. Mutter Rosie überreagiert sie? Und dann noch die obligatorische Frage, wer soll sein Buch lesen?

> Weitere Stationen der Lesereise von Christos Tsiolkas

Christian Tsiolkas
> Nur eine Ohrfeige
Roman, aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Slap)
2. Aufl. 2012, 510 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93902-6

Lesebericht: Christian Tsiolkas, Nur eine Ohrfeige

5. März 2012 von Heiner Wittmann

Gerade ist das Buch von Christos Tsiolkas >Nur eine Ohrfeige bei Klett-Cotta erschienen. Tsiolkas wird sein Buch im > Literaturhaus Stuttgart am Dienstag, 6. März 2012 um 20 Uhr vorstellen.

Ein mehr oder weniger beschaulicher Barbecue-Empfang bei Hector und seiner Frau Aishia im Garten. Viele Freunde und Gäste sind gekommen. Die Kinder spielen Kricket. Plötzlich dringt von ihnen Geschrei herüber.

Rocco meint, Hugo müsse ausscheiden, weil er getroffen wurde. Hugo sieht das ganz anders, fängt an zu schreien, will seinen Kricket-Schläger um nichts in der Welt hergeben. Hector schaltet sich ein, aber der Junge reagiert nicht, hebt drohend den Schläger über Roccos Kopf. Gleich würde der Schläger… Harry, sein Vater und Hectors Cousin, war auf die unmittelbare Gefahr aufmerksam geworden, springt mit einem Schritt herbei, hebt Hugo in die Luft, der den Schläger nun endlich fallen lässt. Als Harry ihn wieder auf den Rasen gestellt hat, tritt Hugo mit aller Macht gegen sein Schienbein, worauf Harry dem Jungen eine klebt. Die Partystimmung ist weg, nachdem alle den Knall der Ohrfeige gehört haben.

Dieses Ereignis, das diesem Buch den Titel gegeben hat, wird zum Brennpunkt für den ganzen Roman, der aus acht Perspektiven der Hauptbeteiligten erzählt, wie die Ohrfeige das Verhältnis aller zueinander erheblich stört. Tsiolkas hat aus diesem Stoff einen spannenden Roman geschrieben, der mit Einfühlung und guter Beobachtungsgabe wiedergibt, wie Harry, der erfolgreiche Unternehmer mit seinem Haus am Strand mit Pool durch eine einzige Ohrfeige, seine ganze Existenz aufs Spiel setzt. Die Begleitumstände werden von den Beteiligten schnell vergessen. Nur die Erinnerung an den dreijährigen Hugo, der immer noch die Brust bekommt und sich beim Barbecue Harrys Ohrfeige einfängt, bleibt allen im Gedächtnis. Eine Entschuldigung reicht nicht aus. Hugos Mutter Rosie bleibt unerbittlich, eine Bestrafung Harrys muss her. Ihre Sturheit treibt einen Keil zwischen alle Freundschaften. Es kommt zum Verfahren, und sie kann der Realität nicht akzeptieren. Maolios kam aus Griechenland und steht auf der Seite der Verteidiger von Hugo. Aber das Gerichtsverfahren hält er für völlig überzogen. Die Unbeherrschtheit seines Neffens Harry kann er nicht gutheißen.

Neben der Affäre um die Ohrfeige gibt es auch eine richtige Affäre. Connie ist 17 und hat einen schwulen Freund Richie, den sie in arge Schwierigkeiten bringt, als sie ihm das Verhältnis zu Hector beichtet. Alle acht Personen, die hier ein Stück der Geschichte erzählen, haben eigene Interessen und können sich nie aus dem Verhältnis zu den anderen lösen, die meisten reagieren nur auf die anderen. Vielleicht hat auch die Overprotection von Hugo Harry irgendwie gereizt. Anouk ist 41 hat einen viel jüngeren Liebhaber Rhys. Sie ist mit Rosie und Aishia befreundet, im Gegensatz zu Aishia ist findet sie aber, Hugo müsse endlich mal seine Grenzen kennenlernen.

Bevor das Fest losgeht liegen sich die Kinder von Hector und Aishia schon mit lautem Geschrei in den Haaren. Melissa ist erbost, weil Adam sie ein fettes Schwein genannt hat und der parteiliche Erzähler, findet das auch. Der erste Teil des Festes verläuft so wie überall, wenn erwachsene Freunde mit ihren Kindern zum Sommerfest aufeinandertreffen. Nach der Ohrfeige darf Hector wieder an die Brust und in einer Nuckelpause macht er Hector eine klare Ansage, niemand dürfe ihn ohne Erlaubnis anfassen. Harry wird sich allmählich darüber im klaren, dass er wie seine Frau ihm das vorausgesagt hat, seinen Anwalt anrufen muss. Der Versuch einer Entschuldigung schlägt fehl. Der kleine Hugo wird zur treibenden Kraft, den er erklärt seiner Mutter, dass der Böse Mann, der ihn gehauen hat, sicher ins Gefängnis komme. Da aber schon die Verhältnisse zwischen allen so aufgewühlt sind, kommt auch gleich wie schon angedeutet, noch viel mehr raus. Und Connie weiß unter Tränen ihrem Freund zu berichten, dass Hector sie vor einem Jahr vergewaltigt habe.

Eine Zugfahrt nach Hannover hin und zurück. Dieses Buch aufschlagen und bei der Lektüre verschwinden die lauten Mitreisenden. Wird Harry verurteilt? Alles verrate ich nicht. Rosie wird auf ihre Weise schon dafür sorgen, dass ihrem Kleinen und auf Harry Gerechtigkeit widerfahren werden. Der Stoff für eine Fernsehserie ist komplett, nur der Roman wird mit seiner spannenden Vielfalt einem TV-Spektakel bestimmt überlegen bleiben. Findet man mit dem Roman seine Vorurteile über solche Familienkonstellationen bestätigt? Alle leben für sich und sind mit den anderen nur um den Willen des Vergleichs beschäftigt. Wie bei Hector geht es auch mal um einen Seitensprung. Aishia und Hector machen eine Fernreise nach Bangkok, die nicht so richtig erholsam ist und Aishia denkt sich, “Du hast mich an dich und dein Leben gekettet.” Zu Hause hält sie Adam und Melissa wieder in ihren Armen: “Das war das Leben, das war es , was wirklich zählte…” Niemand entkommt seinem Schicksal? Keine der Personen stellt sich dies Frage ernsthaft: “Innerhalb von ein paar Tagen war sie wieder in ihrem geregelten Vorstadtleben angekommen.”

Bleibt die Frage, ob man den Protagonisten dieses Romans zusammenleben möchte. Eher vielleicht doch nicht. Aber Tsiolkas ist es gelungen, mit der Konstruktion seines Romans eine spannende Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu schreiben.

Christian Tsiolkas
> Nur eine Ohrfeige
Roman, aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Slap)
2. Aufl. 2012, 510 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93902-6

Lesung in Stuttgart:
Jasmin Ramadan, Das Schwein unter den Fischen

29. Februar 2012 von Heiner Wittmann

Am Montag, 5.03, 20:00, las Jasmin Ramadan in Wurst&Fleisch, Rotebühlplatz 9, 70178 Stuttgart aus ihrem jetzt bei KLett-Cotta erschienenem Band > Das Schwein unter den Fischen. So wunderbar und herzlich sind die Famiienbande nicht immer. Stine konnte sich die Mitglieder ihrer Band nun wirklich nicht aussuchen. Ihr Vater hat sich nach dem Tod seiner so geizigen Mutter eine Imbissbude angeschafft.

Ihre Mutter hat nach der Geburt ihrer Tochter das Weite gesucht. Ihr Vater kann von seinen Mentholzigaretten nicht lassen und liebt Ramona, die Tochter eines Tankstellenpächters. Die Katze überfrisst sich an Zwiebelmett. Auch Stine wird mit Zwiebelmett gefüttert und großgezogen. In der zwölften Klasse sitzt dann Kassian neben ihr, verdreht ihr den Kopf und ist dann auch wieder weg. Später taucht Simon mit Koks auf, den sie aber nur für einen üblen und fiesen Grabscher hält, derweil brüllen sich Reiner und Ramon zu Hause ständig an und manchmal geht der Streit auch in eine Prügelei über, trotzdem finden beide ihre Selbständigkeit klasse.

Eines Tages, um Mitternacht, muss dann Friedrich, der als Sieben-Kilo-Kater zu ihnen gekommen war nach seinem Zwieblmettexzess – stimmt gar nicht, ein Regal war auf ihn und ein Sauerkrautfass gefallen – im Garten beigesetzt werden. Da ist auch noch Tante Trixi mit dem riesigen Linda-Evans-Tattoo auf dem Rücken. Nach Friedrichs Dahinscheiden trank Ramona noch mehr als sonst und Reiner wird immer unfreundlicher zu den Kunden. Stine muss für Ramona einspringen und verkauft kalte Frikedellen und tröstet alte Männer mit einer Zugabe Wodka in der Fanta. Nichts ist schlimmer als in der Hitze des Sommers neben der Hitze vom Frittenfett stundenlang arbeiten zu müssen.

Jasmin Ramadan (* 1974) kommt aus Hamburg. Sie hat Germanistik und Philosophie studiert. 2009 wird ihr Debüt »Soul Kitchen« zum gleichnamigen Kino-Hit von Fatih Akin ein Überraschungserfolg.

> www.jasminramadan.de

> Das Schwein unter den Fischen
Klett-Cotta, Roman
1. Aufl. 2012, 272 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50120-9

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