Verlagsblog

Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

23. Februar 2017 von

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen das Buch > Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse von Hans Hopf zu einer ganz besonderen Lektüre und einer Pflichtlektüre für alle die mit Flüchtlingen zusammenkommen und besonders für alle, die meinen, ihnen mit Abneigung begegnen zu müssen. Es geht nicht darum, die Situation der Kinder inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate in Deutschland mit Flucht und Vertreibung mit den Traumata der heutigen Flüchtlingskinder zu vergleichen. Hopf berichtet seine Erlebnisse als Kind, Schüler und Jugendlicher, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schicksalen von damals und heute zu erklären. Damals standen die entsprechenden psychoanalytischen Begriffe und Therapien noch gar nicht zur Verfügung. Aber den Fremdenhass, den gab es damals auch schon. Unumwunden erzählt er von seiner eigenen psychoanalytischen Behandlung, die ihm im Alter von 20 Jahren ein Verständnis für und eine Verarbeitung seiner persönlich erlittenen Traumata ermöglicht hat. Es war ein Glücksfall, dass seine Therapeuten damals ihm den Weg zu seinem Beruf als Psychotherapeut gezeigt haben, den Hopf so erfolgreich eingeschlagen hat.

Das Kriegs- und Vertriebenenkind Hans Hopf kommt mit seiner Mutter ohne Vater aus dem Sudetenland in die Nähe von Stralsund. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr ist er wohlbehütet aber getrennt von seiner Familie bei seiner Großmutter. Als schulpflichtiges Kind kommt er zu seiner Familie in eine Lager nach Nordhessen, später in die Oberrealschule nach Bamberg. Aus dem an harten Entbehrungen so gewöhntes Kind wird ein Einser-Schüler.

Dieses Buch hat den Untertitel „Eine Psychoanalyse“. In kurzer und sehr prägnanter Form, anhand einiger weniger exemplarischen Schicksale, erläutert der Autor hier die wesentlichen psychoanalytischen Begriffe, mit denen die Therapiebedürfnisse der zu uns geflüchteten Kinder verstanden werden können. Manche dieser Begriffe waren damals, als die Familie von Hopf aus dem Sudtenland floh, noch nicht beschrieben. Fehlentwicklungen waren bekannt, aber es fehlten die Methoden, um ihren Auswirkungen in Form von Therapien begegnen zu können. Gefahrensituationen, die Hemmung der „zentralen Ich-Funktion“ führen zu Traumata (vgl. S. 83) und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Angst, Wut und sexuellen Impulsen können die Folge sein (vgl. S. 88)

Die schnelle Erlernung der deutschen Sprache, die Wohnsitzzuweisung und eine Beschäftigung müssen durch „grundlegende Regeln des Zusammenlebens in Deutschland“ (S. 100 f.) ergänzt werden. Soll eine Integration erfolgreich sein, darf keine Zeit verloren werden. En passant erwähnt Hopf das Zusammengehörigkeitsgefühl (nach Mario Erdheim) als wichtige Komponente der Integration. (vgl. S. 108)

Traumatisierungen sind fundamentale Bindungsstörungen, deren Symptome auf keinen Fall mit Ritalin behandelt werden dürfen. Es geht nicht darum, die Kinder ruhigzustellen, sondern sie anzuhören und sie zu verstehen. (vgl. S. 111)

Jede pädagogische und psychotherapeutische Maßnahme glückt umso eher, wenn die Eltern eingebunden sind. (vgl. S. 120) Flüchtlingskindern zu helfen, das verlangt viele auf sich abgestimmte Maßnahmen. (S. 121)

Mit der eigenen Traumageschichte erklärt Hopf die Begriffe, mit denen Traumata erkannt und behandelt werden können: Ein Trauma verbunden mit Todesangst hat gravierende Konsequenzen: Der Reizschutz des Individuums wird durchbrochen.“ (S. 126) Depressive Störungen sind die Folge. Dissoziation (S. 133), die Gefahr des Wiedererlebens (Triggern), die Derealisation (S. 134), Hyperarousal oder Flashbacks (S. 135) sind weitere Symptome. Trifft das traumatisierte Kind auf eine vertrauenswürdige neue Bezugsperson, das es als „seelischen Container“ (S. 146) nutzen darf, ist Aussicht auf Besserung in Sicht.

> Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Das durch die eigene Erfahrung geschärfte Bewusstsein für die psychischen Probleme der Jungen ist für Hopf die Grundlage für das Kapitel „Väter, Männer und Jungen“ (S. 169-186). Danach erläutert er die Stellung des Jungen in den muslimischen Familien. „Prävention und Psychotherapie“ lautet die Überschrift des Kapitels, das den Bericht von Amal „Das schwarze Leben“ aus Somalia enthält.

www.france-blog.info::
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

„Das Virus der Fremdenfeindlichkeit“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels, das die Fremdenfeindlichkeit auch als eine Art der Persönlichkeitsstörung (vgl. S. 221 f.) deutet.

In einer konzisen Form stellt Hans Hopf hier die Begriffe Methoden der heutigen Psychotherapie vor, mit denen die erlittenen Traumata und Ängste der Flüchtlingskinder, die hilfesuchend zu uns kommen, behandelt werden können. Die Kürze dieses Buches kontrastiert mit der Nachhaltigkeit, mit der Hopf es versteht, uns allen Begriffe und Überzeugungen an die Hand zu geben, mit denen wir vielen Formen von aufkeimenden Fremdenhass begegnen können. In der Masse handelt der Mensch auch häufig anders als er es eigentlich vor hat. (vgl. S. 75) Zuerst sprachen wir von einer Willkommenskultur und unsere Politiker haben es 2016 versäumt, diesen Begriff zu interpretieren und zu vermitteln, heute werden unsere Medien von dem Wort „Abschiebung“ beherrscht. Es wird Zeit, dass die Akteure dieses Geschehens das Buch von Hans Hopf lesen.

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6

Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

16. Februar 2017 von

Zwei Autoren aus dem Progamm von Klett-Cotta wurden für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert:

kronauer-scheik-aachen-110Brigitte Kronauer, > Der Scheik von Aachen. Roman, Klett-Cotta 2016: „Anita kommt zurück, findet bei dem Antiquitätenhändler Marzahn ein Anstellung. Und da ist noch Mario, der Bergsteiger in den Anita sehr verliebt ist. Die Gespräch mit Marzahn kreisen um Liebe zwischen Tragik und Lächerlichkeit. Und ihre Tante lauscht den Geschichten Anitas in Anlehnung an Wilhelm Hauffs Zyklus »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven«,“ stand hier auf dem Blog: Lesebericht: Brigitte Kronauer, Der Scheik von Aachen. Roman (I).

Weiss, Autoritäre RevolteVolker Weiß legt mit einem Buch > Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017, eine Analyse des neuen rechten Denkens vor. Er stellt Akteure der rechtspopulistischen Bewegungen Pegida, AfD & Co mit ihren Strategien und Methoden vor. Wo kommen die Kader der neuen rechten Bewegungen her? Nationalistische Strömungen der Vergangenheit, die der Nationalsozialismus verdrängt hatte, kommen wieder an die Oberfläche. Wo sind die Übergänge von Konservativismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus? Er demaskiert die antiliberalen Phrasen der Rechten und erklärt, dass »Abendländer« und Islamisten in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung wie Waffenbrüder auftreten. Die Ergebnisse seines Buches zeigen die Dürftigkeit der neuen Bewegungen und rufen dazu auf, diesen neuen autoritären Strömungen und Zumutungen ganz entschieden entgegenzutreten.

Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

> Brigitte Kronauer
> Der Scheik von Aachen
Roman
1. Aufl. 2016, 399 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98314-2

Volker Weiß
> Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017
1. Aufl. 2017, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94907-0

Lesebericht: Kristina Pfister, Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

13. Februar 2017 von

pfister-dinosaurier-faltenKristina Pfister hat ihren ersten Roman geschrieben > Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.

So eindringlich erzählt: Es geht Annika, die gelangweilt die Wände ihres Wohnheimes anstarrt. Einziger Kontakt, ihre Mutter: „Isst Du auch genug?“ Dann ist da noch ihr Fenster und der Blick auf das gegenüberliegende Zimmer, gleiches Wohnheim, alles gleich, nur spiegelverkehrt und immer voller Besucher. Eines Abends klingelt es bei Annika: Es ist Marie-Louis von gegenüber. Annika lädt sie zur Abschiedsparty ein. Marie-Louis zögert duscht erst mal und lässt sich ein zweites Mal bitten. Der viel Alkohol, der Zigarettenqualm, der Sprung vom Bungalowdach, Marie-Louise schläft bis ein Uhr nachmittags und will nur noch heim.

Wieder zu Hause. Zusammen mit Bruder und Mutter. Dann kommt die Szene im Wald. Eine Bank für Spaziergänger: „Ich saß da, mit angewinkelten Beinen und atmete.“ und „Ich stellte mir vor, wie ich mit der Bank verschmelzen würde…“ klar, die Autorin kennt Sartres Roquentin in La nausée dt. Der Ekel nur zu gut, wo der Held sich auf eine Bank unter einem Kastanienbaum niederlässt. Heute sagt man dazu, Bewußtseinsklärung oder Selbstfindungsprozess. „Et puis voilà: tout d’un coup, c’était là, c’était clair comme le jour: l’existence s’était soudain dévoilée. – Die Existenz war aufeinmal aufgedeckt. – Elle avait perdu son allure inoffensive de catégorie abstraite : c’était la pâte même des choses, cette racine était pétrie dans l’existence.“ Es geht um die Kontingenz, das Abolute „L’essentiel c’est la contingence. Je veux dire que, par définition, l’existence n’est pas la nécessité. Exister, c’est être là, simplement; les existants apparaissent, se laissent rencontrer, mais on ne peut jamais les déduire. Il y a des gens, je crois, qui ont compris ça. Seulement ils ont essayé de surmonter cette contingence en inventant un être nécessaire et cause de soi. Or, aucun être nécessaire ne peut expliquer l’existence – Keine Notwendigkeit kann die Exisenz erklären.“ – : la contingence n’est pas un faux semblant, une apparence qu’on peut dissiper; c’est l’absolu, par conséquent la gratuité parfaite.“ Die Grundlosigleit des Seins, aber die Existenz kommt vor der Essenz, man ist einfach nur da und hat alle Möglichkeiten/die Verantwortung, etwas aus sich zu machen: „… ich selbst war Teil einer Leinwand, mit der ich mich nicht identifizieren sollte… „: (S. 57) „Solitaire et solidaire,“ hatte Jonas in der gleichnamigen Erzählung von Albert Camus auf seine Leinwand geschrieben.

Das Messen mit den Freundinnen. „Anja holte mich ab wie, pünktlich wie früher.“ Die meisten sind erfolgreich. Erinnerungen an früher.

Im Krankenhaus trifft Annika zufällig Marie-Louise wieder, die ihren Londonbesuch abgebrochen hat, warum auch immer.

In der Bibliothek hat Annika einen Job gefunden. Marie-Louise nimmt sie in ihrem Auto mit. Rummelbesuch.

Ob Marie-Louise für Annika eine Hilfe ist? Bestimmt gibt sie ihr Halt, wobei nicht ausgemacht wer von beiden die Andere mehr braucht. Aber das ist ein Roman, der sich zum Durchlesen in einem Zug (wortwörtlich) wunderbar eignet. Literatur führt eine andere Realität vor. Manches kommt bekannt vor und beide holen zusammen diese Jahre oder Monate zwischen Ausbildung und Berufseinstieg nach, Abschied und Einstieg zugleich. Es ist nicht einfach, sich einen so guten Schreibtstil anzueignen, wörtliche Rede und kurze Beschreibungen wechseln miteinander ab, und die Handlung zieht den Leser zum pfister-dinosaurier-faltenMiterleben in die Geschichte mit hinein. Kristina Pfitzer hat ihren Roman geschrieben, um den Leser miterleben und an der Geschichte teilhaben zu lassen.

Kristina Pfister,
> Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten1. Aufl. 2017, 253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50159-9

Lesebericht: Christopher Ryan, Cacilda Jethá, Sex. Die wahre Geschichte

10. Februar 2017 von

ryan-jetha-sex-110Wenn Sie das Buch > Sex. Die wahre Geschichte von Christopher Ryan, Cacilda Jethá in der Übersetzung von Birgit Herden im Zug lesen, dürfen Sie sicher sein, dass Ihre Mitreisenden tatsächlich ab und zu ihr Smartphone sinken lassen, um das Buch, dann Sie zu mustern… aber nichts sagen… aber irgendwie gucken sie, ein bisschen belustigt, aber auch eine Spur neugierig.

Das Vorwort von Ulrich Clement zur deutschen Ausgabe bringt die These der beiden Autoren auf den Punkt: „Frauen suchen ressourchenreiche Männer, die wiederum hinter attraktiven Frauen her sind“, und beide Geschlechter finden, es solle dabei halbwegs monogam zugehen. Diesem Modell erteilen die beiden Autoren eine Absage, denn ihrer Ansicht nach, sei es nur „für agrarische Kulturen mit langfristiger Erbfolge und Besitzregelungen“ geeignet. „Teilen und Gemeinsamkeiten“ sei in „früheren Jäger- und Sammler-Horde(n)“ viel wichtiger gewesen. Geteilte Vaterschaft ist ihr Stichwort. Elternschaft und Untreue müsse man nicht so ernst nehmen. Monogamie ist also das Ziel der „pfiffigen Attacke auf den verhaltensbiologischen Mainstream“ (S. 11 f.), den Clement aus diesem Buch herausliest.

Die Geschichte unserer Vorfahren, Primaten und Affen haben uns was anderes als Monogamie vorgemacht. Und es ist klar, wohin die beiden Autoren wollen, denn schon in ihrer Einleitung erklären sie uns, dass wir abstammungsmäßig über die Menschenaffen nicht sehr weit hinausgekommen sind. (vgl. S. 16) Und heute? esposas bedeutet Ehefrauen und … Handschellen im Spanischen. (vgl. S. 17) Und dann das Heer aller, die zu Rate gezogen werden, wenn es im Eheverkehr nicht so toll läuft; schizophren finden die Autoren unsere Versuche, das zu kitten. Wir interpretieren heute den Zusammenhang von Liebe und Sex falsch, eine solche Interpretation gibt unsere Entwicklungsgeschichte nicht her. Die Datenlage sagt was anders. Vielleicht beruht unseres heutiges Verständnis vor Sex nur auf den letzten 10.000 Jahren? Wollten wir nur Risiken minimieren, und alles marschierte in eine falsche Richtung? (vgl. S. 25) Unsere Vorfahren lebten früher in Gruppen statt in Zweierbündnissen. Der Zusammenhalt war in diesen Gruppen viel stärker und problemloser als in Zweisamkeiten.

Dann werden Details von Körperbau und -funktionen untersucht, die eher für das Hordenleben viel besser geeignet sind. Siedlungen und Landwirtschaft haben alles verändert. Das Kapitel Über die „Entstehung der Arten“ erklärt, was Darwin über Sex nicht wissen konnte. Die Geschichte soll zu heutigen Ehe geführt haben. Falsch, finden die beiden Autoren und bemerken nebenbei, dass der Kampf gegen die Natur schon immer gescheitert sei (vgl. S. 65).

Über die Wollust im Paradies. Wieder der Vergleich mit den Bonobos, die Hunderte, wenn gar Tausende von Geschlechtsakten vollziehen, bevor es zu einer Geburt kommt, nur machen sie es deutlich kürzer als der Mensch die „personifizierte Hypersexualität“ (S. 107). Bei der Diskussion um die Vaterschaft holt uns unsere Vorgeschichte wieder ein: „Kapitel 6. Wer sind deine Väter?“ Wäre uns Monogamie wirklich in die Wiege gelegt, so argumentieren beide Autoren, so würden die Menschen nicht dauern dagegen verstoßen. (vgl. S. 121)

Und dann werden die Vorteile der Promiskuität erläutert: S. 121-136. Klar, dass das folgende Kapitel vom „Schlamassel von Ehe, Partnerschaft und Monogamie“ handelt. Jetzt wird nochmal der Gedanke vom Kap. 6 fortgeführt: „Genetische Vaterschaft: Das Standardnarrativ bröckelt: „Freie Liebe am Lugu-See“ zwischen den chinesischen Grenzen Yunnan und Sichuan geht es ganz anders zu als bei uns, wo sexuelle und familiäre Beziehungen ganz strikt voneinander getrennt sind.

Teil III „Wie wir nicht waren“ zerstört einige hartnäckige Mythen und belegt, dass Malthus‘ Vorhersagen einfach komplett falsch waren. Er rechnete mit einer Verdoppelung der Bevölkerung vor der Landwirtschaft alle 25 Jahre, und unsere Autoren halten ihm entgegen, dass die Zahl 250 000 Jahre lauten müsste (vgl. S. 182).

Danach bieten Christopher Ryanu und Cacilda Jethá eine Revision gängiger soziologischer und biologischer Modelle an: um nur ein Beispiel unter vielen anderen hier zu nennen z. B. Gerret Hardins Aufsatz „The Tragedy of Commons“ (Die Tragödie des Allgemeinguts), dessen Modell wie das von Maltus in der Reialtät nicht funktioniere. Vgl. S. 197.

Im Teil IV wird der Körper des Menschen unter die Lupe genommen: „Was unsere Körper erzählen“: S. 245-306. Hier wird allerlei vermessen und verglichen und dabei werden allerlei Rückschlüsse gezogen.

Sind die Schlussfolgerungen von Christopher Ryan und Cacilda Jethá Auslegungs- oder Ansichtssache? Ihre Belege überzeugen, wenn auch Soziologen und Philosophen mit ihren Fachgebieten möglicherweise andren genauso gut überzeugende Aussagen zu dieser Diskussion beisteuern könnten. Aber der Ansatz der beiden Autoren gängige Ergebnisse der Evolutions- und Verhaltensforschung neu zu bewerten und anders, als wir es gewohnt sind, einzuordnen, machen dieses Buch sehr lesenswert.Vielleicht ist ja wirklich was da dran, dass viele Probleme der Menschen ryan-jetha-sex-110von ihrer gewohnten Zweisamkeit her stammen.

Christopher Ryan, Cacilda Jethá
> Sex. Die wahre Geschichte
Aus dem Englischen von Birgit Herden (Orig.: Sex at Dawn. The prehistoric origins of modern sexuality)
Mit einem Vorwort von Ulrich Clement
2. Druckaufl. 2016, 430 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98050-9

Lesebericht: Merkur 813

9. Februar 2017 von

merkur-813 Gestern war unser Blog im Zug unterwegs, eine gute Gelegenheit, die neue Ausgabe des > MERKUR 813 Februar 2017 zu lesen:

Martin Sabrow mit untersucht die verschiedenen Formen des Erinnerns, u.a. auch an den Holocaust: ist da manchmal die Hoffnung im Spiel Vergegenwärtigung könne von der Vergangenheit erlösen? Zum Stichwort Erinnerungskultur sollte hier auch die Zeremonie auf dem Hartmannsweilerkopf – > Hartmannsweilerkopf: Staatspräsident Hollande und Bundespräsident Gauck gedenken der Opfer des Ersten Weltkriegs – genannt werden, wo auf dem dortigen Soldatenfriedhof, Frankreich und Deutschland zusammen ein > Historial , ein gemeinsames Museum bauen, zu dem Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck am 3. August 2014 den Grundstein gelegt haben:

gauck-hollande-3-8-2016-c-h-wittmann

© Heiner Wittmann, 2014.

Gerade hat unser Kollege mit dem Frankreich-Blog > Pedro Kadivar interviewt, der wegen Heiner Müller von Paris nach Berlin gezogen ist und dort (perfekt!) Deutsch gelernt hat. Da passt es gut, dass wir jetzt den Beitrag von Dirk Baecker über Heiner Müllers »Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen« lesen. Der erste Satz ist ein Zitat von Heiner Müller: „Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich leben, die ich kenne.“ (S. 16) Baecker hat eine klug Diskussion dieses Satzes verfasst, einen richtigen Essai, der die Frage von allen Seiten beleuchtet und dessen Ergebnis ein Statement (S. 28) ist, das zu neuen Diskussionen anregt. Und Werner Plumpe denkt über Romantische Fiktionen nach und spricht über den Traum von der Welt ohne Geld. Man hätte etwas anderes, oder würde jeglichen Tausch einstellen. Mit seinem Aufsatz legt Plumpe eine interessanten Überblick der aktuellen Literatur zu diesem Thema vor. Christoph Menke schreibt in der Philosophiekolumne über „Kritik und Apologie des Theaters“.

Die Medienkolumne von Matthias Dell „Talkshowrhetorik, Medienkritik und ‚besorgte Bürger‘ vor pegida“ nimmt sich längst überfällig die desolaten Talkskhows vor, „die ideale()n Bühnen für Rechtspopulisten“ (S. 54) deren traurige Inhalt Tags drauf sogar eine Nachricht wert sind. Ulrike Jureit hat zwei Gesamtdarstellungen zur NS-Geschichte von Nikolaus Wachsmann und Timothy Snyder gelesen. Eine lokale Studie zur Geschichte des Kredits im 19. Jahrhundert in der Schweiz findet Catherine Davies äußerst lesenswert. Jörg Ostermeyer findet die Naziverstrickungen des Euthanasie-Arztes merkur-813Werner Catel genauso mies wie die Haltung seines eigenen Lehrers Paul Heintzen zu Catel, seinem einstigen Lehrer. Gerhard Drekonja-Kornat findet es zu Recht genauso mies, dass zwei Migranten in ihre Nazivorgeschichte immer verheimlicht haben. Andreas Dorschel kritisiert die“ Verstocktheit der Ungläubigen“. Reinhard Brandt erinnert uns an die Aufklärung. Harry Walter sieht in einer Fotoschachtel eine Quasi-Skulptur.

> MERKUR

Nachgefragt: Steve Ayan, Lockerlassen

7. Februar 2017 von

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt so lautet der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen.

> Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Wir haben Steve Ayan gestern bei seiner Buchvorstellung im Stuttgarter Hospitalhof getroffen, unser > transportables TV-Studio aufgebaut und nachgefragt:

Unser Fotoalbum:

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

31. Januar 2017 von

Lesung: Steve Ayan, „Lockerlassen“ – 6.2.2017 / 19:00 Uhr Hospitalhof Stuttgart

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt:Der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen, das schon in der zweiten Auflage 2016 bei Klett-Cotta erschienen ist, kann missverstanden werden. Es geht nicht um weniger Überlegung und Nachdenken sondern um die missliche Konzentrierung per dauerndem Nachsinnen auf das eigene Ich. Habe ich das richtig gemacht? Hätte ich nicht…? Oder sollte ich das oder das jetzt machen? Was denkt der /die über mich?

Bei manchen kommt das Gedankenkarussell überhaupt nicht zur Ruhe, dreht sich mal langsamer, mal schneller und wirkt – und das ist entscheidend – wie eine Fremdbestimmung über den eigenen Willen: „So paradox es klingen mag: In vielen Fällen habe wir tatsächlich mehr davon, wenn wir uns und unserem Tun weniger Aufmerksamkeit schenken.“ S. 15 Natürlich kann man das Nachdenken nicht einfach abschalten, so leicht geht das nicht. Aber, und davon ist der Autor dieses Buches überzeugt, man kann wieder die Herrschaft über sein Denken gewinnen und dieses (Selbst-)“Bewußtseinsfimmel“ S. 17 reduzieren. Die menschliche Natur will ja auch etwas ganz anders: Sartre erklärt in L’être et le néant (1943), der Mensch überschreitet ständig seine Situation (vgl. Gerhard Seel, > « La morale de Sartre . Une reconstruction », Le Portique [Online], 16 | 2005, Online since 15 June 2008, connection on 31 January 2017. URL : http://leportique.revues.org/737, Absatz 13 und 14) Der Mensch sei sich immer voraus und dadurch definiert er sich, lehrt der > Existenzialismus Sartrescher Prägung.

Kennen Sie das, wenn jemand ständig sagt, ich mache mir Sorgen, ich fürchte, dass… und dazu eine Unsicherheit ausstrahlt. Ist eine Perspektive erstmal gesichert oder hat die Person ihr Vergnügen an neuen Situationen und am Ausprobieren wiedergefunden, hören die Sorgen auf, und dahin will Ayan seine Leser bringe: „Die Krux am Zu-viel-Denken ist tatsächlich, dass viele es nicht für ihr Problem, sondern für ihre Lösung halten.“ S. 21 „Mut zur Selbstvergessenheit“ schlägt Ayan vor. Richtig gute Ideen gibt es beim Rasieren oder beim Umgraben oder bei einem Waldspaziergang oder man findet etwas, was man gar nicht gesucht hat: > Serendipität – oder bei Ayan, S. 31-33 – gibt es im ersten Kapitel. Dann kommt im zweiten Kapitel die Unterscheidung zwischen Geist und Körper dran, der mehr mitdenkt, als der Geist findet. Drittes Kapitel: Wird alles durch Abwägen besser? Am besten man lässt den Teig ruhen, die Angelegenheit präsentiert sich am andern Tag in einem ganz anderen Licht. Das vierte Kapitel erklärt das ständige Überschreiten. Assoziationen sind das Stichwort. Komischerweise kommen in den Pausen des Denkens oft die allerbesten Ideen, womit wir wieder beim ruhigen Moment des Rasierens sind.

ayan-lockerlassenSerendipität. Wann waren sie zum letzten Mal in einem > Buchladen und haben dort einfachmal geguckt und dies oder jenes Buch in die Hand genommen? Das muss man Ihnen nicht sagen, aber rund 40-50 % der Bücher, die Sie dort erwerben können, sind in der Lage Ihren Entscheidungen und damit Lebensumständen einen Kick wohin auch immer zu geben. Überraschende Begegnungen, ganz so, als ob sie rechts oder links herumgehen. Gedanklich lässt sich das alles nicht erzwingen, durch Nachsinnen und Nachdenken schon gar nicht, sondern durch ihr eigene Aktion. Sie fühlen sich unwohl und denken dauernd nach und hadern mit sich und der Welt. Ein Gespräch mit einem Freund, einer Freundin, der Besuch eines Cafés, der Gang ins Kino, die Verabredung zu einem Museumsbesuch, eine Kurzreise, ein Ausflug können alles auf den Kopf stellen, so als wenn sie einen spannenden Roman lesen und plötzlich merken, dass Sie ein paar Stationen zu weit gefahren sind. Wenn Sie das wegen etwaiger Folgen und Konsequenzen nicht besonders aufregt, dann haben Sie das Buch von Ayan richtig gut verstanden.

Sich auf neue Ideen einlassen. Neugierig sein. Das ist ein Modus, der Sie für die Serendipität empfänglich macht. Ziehen sie keine voreiligen Schlüsse, (vgl. S. 41) lassen Sie die Dinge auf sich wirken, genießen Sie Kunst und Literatur: „Serendipität heißt, Unsicherheit anzunehmen, statt sich davor zu fürchten und sich davon verrückt machen zu lassen,“ fasst Ayan diese Gedanken zusammen. Ablenkung ist ein eigener Abschnitt bei Ayan: S.48 ff.

Ayan meinte nicht weniger denken, sondern kreativer, abschweifender denken, Lust am Ausprobieren. Lesen Sie das „Intermezzo: Der Forscher“ S. 57 ff.

Embodiment: Wie reagiert der Körper auf Gedanken, was macht er aus ihnen und sie aus ihm? Lesen Sie bis S. 87 und es geht ihnen gleich ein bisschen anders. Übrigens Selbstaufmerksamkeit kann eingübte Mechanismen durcheinander bringen. So ist das auch, wenn zu viel nachgedacht wird: „Auf Analyse folgt Paralyse,“ zitiert Ayan Sian Beilock. Also schließen Sie die Tür ab und denken Sie darüber nach, ob Sie es auch wirklich tun. Rechts um, zweimal, Tür wirklich zu? Wenn Sie in der Garage im Auto sitzen: Ist die Tür zu? Wieviel Prozent der Nichtleser dieses Buches steigen nochmal aus,um nachzugucken, ob die Tür auch zu ist?

In Ayans Buch lernen Sie auch Nützliches über die Intuitionsforschung. (S. 96) „Das war Intutition,“ hat Ihnen sicher schon mal jemand gesagt. Bis S. 133 lernen Sie hier u.a, wie Entscheidungen zustande kommen. Gibt es Pausen im Gehirn? Das Unbewußte? Lesen Sie das 5. Kapitel über unsere graue Masse, die jedem SuperPC haushochüberlegen ist. Und wir machen so wenig daraus? Im 5. Kapitel geht es um „Epiphanie – („Berauschende Momente spenden Kraft und Sinn.“ S. 214) oder Die Macht der guten Momente“ S. 173 ff.

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Lesebericht: Josiah Ober, Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte

31. Januar 2017 von

ober-antike-grichenland-110Der Band von Josiah Ober > Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte, von Martin Bayer und Karin Schuler übersetzt, ist ein außergewöhnliches historisches Werk. Es beeindruckt durch die Präzision seine Methode, die der Autor in allen Einzelheiten erklärt. Und es ist in gewisser Weise auch Lehrbuch für die heutige Politikwissenschaft, weil der Autor den Zusammenhang von Demokratie und Wachstum in einem föderalen Staatenbund unter Berücksichtigung aller Dimensionen untersucht.

Wie kam es dazu, dass mehrere Jahrhunderte lang, Demokratie und Wachstum im klassischen Griechenland für die Bürger „normal waren“ (S. 9)? Das ist die Leitfrage dieses Buches. Fragen des Autors wie „Mit welcher Wahrscheinlichkeit können sich Demokratie plus Wohlstand als ebenso gängig wie normal etablieren?“ (S. 11) machen die Lehren dieses Buches auch für die heutige Zeit aktuell.

Ober hat eine spannende Geschichte der Wirtschaft und der Strukturen des klassischen Griechenlands vorgelegt. Beeindruckend, wie er mit seinen Quellen umgeht, sie offenlegt und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Zuerst erklärt Ober, warum die Ausnahmestellung des klassischen Griechenlands so rätselhaft ist. Die folgenden drei Kapitel beschreiben die „dezentralisierte Ökologie aus Hunderten kleiner Staaten“ (S. 18) – ober-antike-grichenland-11045 Regionen der griechischen Welt: S. 20 f. – und versuchen eine Deutung, wie sich in ihnen eine Zusammenarbeit „ohne zentrale Führungsinstanz“ herausbilden konnte. Das erinnert an moderne Schwarmtheorien kollektiver Intelligenz, aber Ober zeigt doch noch viele weitere Faktoren, die über dieses uns heute geläufige und bestaunte Erklärungsmuster hinausgehen. Interessant ist der Hinweis auf S. 101 auf Platons (-428/-427, -348/-347 )“Politeia“, der den „Mythos der Metalle“ einführte, das auf die Seele aus Gold oder Silber hinweist, wodurch die Loyalität der Einwohner gegenüber einer Zentralmacht gesichert werden sollte.

Das Kapitel 5 nennt die wichtigsten Faktoren des beeindruckende Wachstums dieses Staatenbundes: die Formulierung gerechter Regeln und Individuen und Staaten, die zu einander in Konkurrenz treten und für institutionelle und technische Innovation sorgen. Dann folgen drei Kapitel, die die Entwicklung der bürgerzentrierten Politik und das Wirtschaftswachstum von Homer (ca um 750 v. Chr.) bis Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) in den Blick nehmen, dabei werden die Vorteile der „dezentralen griechischen Sozialökologie“ deutlich. Im Kapitel 10 geht es um den Niedergang Griechenlands, den Philipp und Alexander von Makedonien vorantrieben. Kapitel 11 zieht ein Resümee und erklärt, wieso trotz der Bedrohungen von außen die Polis-Ökologie sich so erstaunlich lange als widerstandsfähig erweisen konnte.

Betrachtet man die Grafik S. 26 mit dem Entwicklungsindex für das griechische Kernland von -1300 bis 1900 fallen die Jahre 500 – 200 v. Chr. durch ihr außergewöhnliches Wachstum auf. Die Zahlen dazu liegen hier > polis.stanford.edu vor. Ober nutzt auch das Inventory of Archaic and Classical Greek Polis, das der Däne Morgens H. Hansen zusammengestellt hat: Es beschreibt 1035 grieichische Stadtstaaten in 45 Regionen zwischen dem 8. Jh. und dem späten 4. vorchristlichen Jh.: „Kleine Staaten, verteilte Autorität“. Ober fragt, „Wie konnte ein Kleinstaatensystem wie das griechische überleben, wenn es doch immer wieder von einem großen, gut organisierten und aggressiven Imperium wie das Achämenidenreich bedroht wurde?“ Die Antwort: „Spezialisierung, Innovation, kreative Zerstörung“ (S. 37-41). Ober entleiht den Begriff „kreative Zerstörung“
bei Joseph Schumpeter, der damit den reformerisch wertvollen Kreislauf von Innovationen bezeichnete. Als der Wissenstransfer den Gegnern dieses Staatenbundes zunutze kam, war es um das stabile Wachstum geschehen. Die Geschichte ist natürlich viel komplizierter. Aber Ober zeigt wie der Export von militärischen und finanziellem Fachwissen z. B. in Makedonien gerne aufgenommen wurde. (vgl. S. 47).

ober-antike-grichenland-110Kapitel 2 „Ameisen um einen Teich. Eine Stadtstaaten-Ökologie“ und Kapitel 3 „Politische Lebewesen. Eine Theorie der dezentralisierten Zusammenarbeit“ sind auch Reflexionen über den Aufbau und Struktur moderner Organisationsformen. Ober stützt sich in diesen Kapitel auf die Werke Aristoteles, der auch Naturforscher war. Besonders spannend ist hier der Vergleich der Werke von Hobbes (1588-1679) mit denen von Aristoteles. (S. 98-102) Aber auch Ober erkennt „Grenzen der Vergleichbarkeit: „Ameisen und Griechen“ (S. 108-110).

Ein eigenes Buch in diesem Buch: „Hellas war Reich“. Eine Blüte in Zahlen“ S. 115-154. Dann folgt eine Betrachtung über die Gründe für den Reichtum Griechenlands: „Faire Regeln und Wettbewerb“ S: 155 ff.: „Bürgerzentrierte Regeln und Normen begünstigen relativ offene Märkte, ermöglichen den ständigen Informationsaustausch“ unter vielen unterschiedlichen Menschen und förderten dadurch kontinulierlich Innovationen und Wissen,“ Mr. Trump. Bemerkenswert, wie hier immer wieder das Wissen im Vordergrund steht und nicht nur der Warenaustausch. Soviel dazu, wenn heute immer von der Wissensgesellschaft geschwärmt wird. Und das Kapitel ist auch eine Mahnung an die EU. Das nächste Kapitel „Bürger und Spezialisierung vor 500 v. Chr. ergänzt diese Ausführungen.

Kapitel 7 nimmt wieder den Faden der politischen Entwicklung wieder auf: „Von der Tyrannis zur Demokratie, 550-465 v. Chr.“, S. 229 ff., gefolgt vom „Goldenen Zeitalter des Imperialismus, 487-404 v. Chr., S. 273 ff. und Unordnung und Wachstum 403-340 v. Chr., S.317 ff. Mit dem politischen Niedergang 359-334 v. Chr. kam auch das Ende der Klassischen Zeit S. 367 ff. Aber: „immortal, though nor more! though fallen, great“ Byron 1812 steht über dem Kapitel 11 „Schöpferische Zerstörung und Unsterblichkeit“ S. 407 ff. Griechenland als der früheste Fall von Demokratie plus Wirtschaftsaufschwung hatte Langzeitwirkung. (vg. S. 409) Viele Stadtstaaten behielten bis zum 2. Jh. v. Chr. demokratische Ordnung.

Dieses Buch gehört in die Reihe der vielen Bücher auf dem > historischen Regal bei Klett-Cotta, die u.a. auch Studenten historisches Orientierungswissen anbieten. In diesem Sinne ist dieser Band eine Pflichtlektüre für angehende Historiker.

ober-antike-grichenland-110
Josiah Ober
> Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte
Aus dem amerikanischen Englisch von Martin Bayer und Karin Schuler (Orig.:The Rise and Fall of Classical Greece)
1. Aufl. 2016, 559 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Karten, Graphiken, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94928-5

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 27 queries. 0,267 seconds.