Verlagsblog

Lesebericht: Wolfgang Hantel-Quitmann, Die Othello-Falle

25. April 2017 von

Wenn was schiefläuft, jede Art von Konflikt, schuld sind immer die Anderen. Fast ohne Ausnahme sehen sich viele immer als Opfer: „Wir leben scheinbar in einer Welt von Tätern und Opfern,“ schreibt Wolfgang Hantel-Quitmann, Die Othello-Falle, S. 11. „Scheinbar“ deutet seine These schon an. Immer Opfer der Anderen? Wie wäre es denn, wenn diejenigen, die sich so beklagen „Opfer ihres eigenen Denkens“ (ib.) wären? > Othello, der Mohr von Venedig von Shakespeare (1603/04) ist der Pate dieses Buches. Der eifersüchtige Held, der falsch denkt, falsche Denkweisen verinnerlicht hat, fühlt sich überzeugt von der Untreue seiner Desdemona und tötet sie. Es ist nicht so gut, dass zu glauben, was man sich so vorstellt oder denkt. Manchmal nehmen wir etwas für die Realität, weil wir so bequem denken, es müsste oder könnte so sein. Und so ein verqueres Denken kann schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Beziehungen und auf uns selbst haben. Also untersuchen wir Fehler unseres Denkens und passen künftig ein bisschen mehr auf unsere Schlussfolgerungen auf, denn die könnten sehr fehlerhaft sein.

Die Othello-Falle wird in vier Kapiteln abgehandelt: 1. Verwirrungen der Gefühle – Eifersucht und Schuld, 2. Verwirrungen des Verstandes – Irrtum und Denkfehler, 3.Verwirrungen der Beziehungen – Täuschung und Intrige. Und dann die Schlussfolgerung: Du sollst nicht alles glauben, was Du denkst! – Wege aus der Othello-Falle.

Manchmal legt man sich etwas zurecht, so dass es einem in den Kram passt, man schämt sich, der Realität ins Auge zu sehen, es könnte einem ja ein Zacken aus der Krone brechen. Scham wehrt die eigene Schuld ab. (Nebenbei bemerkt: Populisten machen das auch so, sie setzen Behauptungen in die Welt, falsche Fakten und leiten dann flugs ein Programm daraus ab, das die Wähler überzeugen soll.) Freud sagt aber dazu: „Jeder Mensch ist für sein eigenes Unterbewusstsein verantwortlich.“ (S. 12) Auch wenn in es in diesem Buch um „Fallen und Verwirrungen, die uns in intimen Beziehungen begegnen können“ geht, so sind Parallelen zur ungeprüften Übernahme von Fakten in der Online-Welt nicht zu übersehen. Man glaubt so gerne das, was gerade in das eigene Weltbild passt. (vgl. S. 20) Überwiegt das eigene Wunschdenken, klappt es nicht so recht mit der Realitätsprüfung, (vgl. S. 22) und Othello erliegt der Intrige Jagos.

In diesem Zusammenhang ist Eifersucht ein echtes Hindernis, Misstrauen gegenüber anderen abzubauen. Eifersucht und Phantasie gehören zusammen. Das mit der Eifersucht ist echt kompliziert, weil sie als (falsche) Projektion erlebt wird: „Nicht ich bin eifersüchtig, sondern du!“ (S. 27) Also werden die Fehler beim Anderen gesucht: Achterbahnfahren ist vorprogrammiert und der Streit nicht mehr fern. Zum Thema Phantasie rät Hantel-Quitmann zur Lektüre von Lewis Carrrolls
Alice im Wunderland (1865). (S. 40 f.)

Kann man seinen Gefühlen trauen? Und ist die Ehe eine Möglichkeit dem Misstrauen und der Eifersucht zu entfliehen, (vgl. S. 49) fragt der Autor vor dem Kapitel Die Ehe-Falle (S. 49-54), der Titel verrät seien Einstellung zu dieser Institution. Die nächsten Kapitel „Die ideale Ehe ist auch keine Lösung“ und der gute Vorschlag „Die Ehen nur auf fünf Jahre abschließen“ stammt aus Goethes Wahlverwandtschaften, wo der Graf erklärt: „Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine schöne, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen.“ Die Vertragsverlängerung müssten sich die beiden Partner verdienen. Also, so eine Art TÜV.

Schuldgefühle hat oft derjenige, der die Beziehung beenden möchte, und Hantel-Quitmann fügt hinzu, er halte die Verteilung von Schuldgefühlen oft für ungerecht. (vgl. S. 61) Das hängt damit zusammen, das man oft die Realität nicht wahrnimmt, darüber nicht nachdenkt, sondern nur Informationen mit den vorhandenen vergleicht, und sich nur ungerne der Gefahr aussetzt, vorhandene Überzeugungen revidieren zu müssen. (vgl. S. 77.)

Meinungen, Ansichten, Überzeugungen, Vergessen, Irrtümer das alles gehört zur einer Psychopathologie des Alltagslebens (vgl. S. 121-130)

Die Menge der literarischen Titel, die Hantel-Quitmann besonders im Kapitel über die Täuschungen als Beispiele angibt, verleitet zu einer strenge Prüfung der eigenen Bibliothek oder zu einem Gang in die Landesbibliothek.

Im letzten Kapitel stellt der Autor die Strategien vor, mit denen man der Othello-Falle entgehen kann. Lesen Sie dieses Kapitel aber nicht zuerst, denn die Kenntnisse aus den vorhergehenden drei Kapitel sind notwendig, um die folgenden Strategien gewinnbringend in ihr Weltbild einbauen zu können. Nochmal, es geht darum, dem zu entgehen, was wir immer schon gedacht haben. Mut zur Wahrheit und die Überwindung von Angst gehören u.a. auch dazu. Wenn ich den Autor fragen würde, wer das Buch lesen solle, wird er bestimmt antworten: Alle. Alle können von sich sagen, dass sie am liebsten den für sie persönlich bewährten Denkmustern vorzugsweise vertrauen. Einen Sachverhalt mal aus einer anderen Perspektive ansehen und Schlussfolgerungen darauszuziehen, kann äußerst heilsam sein. Und das bringt Hantel-Quitmann ihnen hier bei.

Nochmal, keines der Bücher zum Beziehungsstress jeder Art, das ich bisher gelesen habe, enthält so viele so nützliche Hinweise auf die Weltliteratur, auf größere und kleinere Werke.

Wolfgang Hantel-Quitmann,
Die Othello-Falle.
Du sollst nicht alles glauben, was du denkst
1. Aufl. 2017, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98068-4

PM May kündigt Neuwahlen am 8. Juni 2017 an

18. April 2017 von

> 15 Argumente für den NonBrexit, gemeint sind die Gründe, die jetzt noch den Brexit verhindern könnten: „7. Vielleicht gibt es Neuwahlen in Großbritannien? Die könnten auch das Ende des Brexit bedeuten.“

Vielleicht liest Bois Johnson bis dahin sein Buch nocheinmal. In unserem Lesebericht zu diesem Buch hieß es: „So jetzt kommen wir zu der Frage, warum hat Boris Johnson dieses Buch geschrieben?

Erstmal natürlich um diesen erstaunlichen Politiker und seine Karriere zu würdigen. Loyal, integer, auch wenn er manchmal nicht nur für die Opposition sondern auch für die eigenen Gefolgsleute über die Stränge schlug, immer nicht nur im Krieg an vorderster Front, zweimal musste der König ihn schriftlich bitten, die Landung am D-Day nicht von einem der ersten Schiffe aus zu beobachten. Ein ungeheurer Sprachschatz stand Churchill zur Verfügung, der ihn zu einer beeindruckenden Produktion von Texten verleitete. Aber nochmal, warum schrieb Johnson dieses Buch?

Europa lautet das Stichwort. Gerade hadert England mal wieder mit der EU, und es steht sogar ein Volksentscheid an. Da kommt es wie gelegen, dass Johnson mit dem Kapitel 20 „Churchill, der Europäer“, an das „sperrige Thema der britischen Beziehungen zu ‚Europa’“ (S. 334) erinnert.“ >
Bitte Weiterlesen.

Boris Johnson,
> Der Churchill-Faktor
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und
Werner Roller (Original: The Churchill Factor. How One Man Made History)
2. Druckaufl. 2015, 472 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen s/w Abb. und 3×8 Seiten Tafelteil

Das Fahrrad wird 200 Jahre alt

6. April 2017 von

Lesung: Do., 6 April 2017, 19 Uhr 30 in der Stadtbücherei Heidelberg
Hilde-Domin-Saal, Poststraße 15, 69115 Heidelberg

Wir hätten da etwas zu diesem Anlass:

Hans-Erhard Lessing hat eine Abhandlung über > Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte verfasst und erzählt, wie das Fahrrad vor 200 Jahren weltweit eine nie gekannte Euphorie auslöste, die bis heute andauert. Das »Glück auf zwei Rädern«, das ist bis heute so geblieben, auch wenn wir mittlerweile manchmal schon still drauf sitzen, weil der Strom es nach vorne treibt. Das Fahrrad: Was für eine Erfolgsgeschichte!

Man schätzt, das etwa 12–14 Milliarden Fahrräder wurden weltweit gebaut wurden und 72 Millionen werden allein in Deutschland bewegt.

Hans-Erhard Lessing stammt aus Schwäbisch Gmünd. Er ist Physiker, Technikhistoriker und ein weltweit führender Fahrradexperten. Er machte auf den Zusammenhang zwischen der Zweiraderfindung und der Klimakatastrophe von 1816/17 aufmerksam: Hans-Erhard Lessing: What led to the invention of the early bicycle? In: Cycle History, 11, San Francisco 2000, S. 28–36.

Hans-Erhard Lessing
> Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte
1. Aufl. 2017, ca. 272 Seiten, gebunden, Leinenband, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-91342-2

Zur Erinnerung: Boris Johnson, Der Churchill-Faktor

4. April 2017 von
> 16 Argumente für den NonBrexit, gemeint sind die Gründe, die jetzt noch den Brexit verhindern könnten:

Am 18. Januar 2016 erschien der folgende einer unserer längsten – Lesebericht(e) auf unserem Blog – lang auch deshalb, weil das Buch so gut ist:

boris-johnson-churchill

Hm, ein bisschen lang, aber der Autor dieses Beitrags hat sich nur auf die auf die allerwesentlichsten Leseergebnisse aus diesem Buch beschränkt; aber die Anregungen durch Johnsons Buch, Quellen nachzulesen, konnte der Autor sich nicht verkneifen und schließlich beantwortet er als Zusammenfassung dieses langen Artikels die Frage, warum Boris Johnson dieses Buch verfasst hat. > Lesebericht: Boris Johnson, Der Churchill-Faktor.

Darin hieß es u.a.: “ So jetzt kommen wir zu der Frage, warum hat Boris Johnson dieses Buch geschrieben?

Erstmal natürlich um diesen erstaunlichen Politiker und seine Karriere zu würdigen. Loyal, integer, auch wenn er manchmal nicht nur für die Opposition sondern auch für die eigenen Gefolgsleute über die Stränge schlug, immer nicht nur im Krieg an vorderster Front, zweimal musste der Konig ihn schriftlich bitten, die Landung am D-Day nicht von einem der ersten Schiffe aus zu beobachten. Ein ungeheurer Sprachschatz stand Churchill zur Verfügung, der ihn zu einer beeindruckenden Produktion von Texten verleitete. Aber nochmal, warum schrieb Johnson dieses Buch?“ … „Also, aus diesem Buch können Europakritiker in England lernen, wieso die EU und der Gedanke der Vereinigten Staaten von Europa wichtig ist, und die Befürworter können lernen, wie sie ihre Position noch besser vertreten können.“

Heute ga es eine gute Gelegenheit, diesen Lesebericht Boris Johnson in Erinnerung zu rufen, nachdem Sigmar Gabriel das wunderbare Foto von ihm und Boris Johnson heute auf Twitter gezeigt:

Nachgefragt: Stefan Lehnberg, Durch Nacht und Wind

30. März 2017 von

Wir sind in Weimar. Der Großherzog von N. hat eine seltsame Nachricht erhalten, die ihn in tiefe Unrufe stürzt. Sein wunderbarer und kostbarer Smaragdring soll verflucht sein. Der Ring soll unweigerlich den Tod seines Besitzers herbeiführen. In großer Sorge und Angst werden Goethe und Schiller gerufen und mit dem Fall beauftragt. Andere Zeiten, andere Sitten und sie bewähren sich fast noch besser als das Ermittlerduo vor Sherlock Holmes und Dr. Watson! Die die Mutter von Weimars Regenten Carl August, Anna Amalia, bittet Goethe und Schiller, den Großherzog, der mit seiner Familie im Lustschloss Belvedere bey Weimar residiert, zu besuchen, und ihn davon zu überzeugen, dass die Geschichte mit dem Fluch erfunden sei und kein Anlass zur Sorge bestehe. Goethe und Schiller verabreden sich aber, um dem so unsympathischen Großherzog noch ein bisschen mehr Angst einzujagen. Aber schon in der Nacht schließt der Großherzog für immer die Augen. Weder eine natürliche Todesursache, weder Mord oder Selbstmord kommen in Frage. Der Fall ist voller Rätsel. Goethe und Schiller werden gebeten, sich ganz diskret dieser Angelegenheit anzunehmen:

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 haben wir Stefan Lehnberg getroffen und ihn gefragt, wie er auf die Idee kam, Goethe und Schiller mit diesem Fall zu beauftragen:

Stefan Lehnberg
> Durch Nacht und Wind
Die criminalistischen Werke des Johann Wolfgang von Goethe. Aufgezeichnet von seinem Freunde Friedrich Schiller. Herausgegeben von Stefan Lehnberg
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50376-0

Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017

28. März 2017 von

Spannend, aufregend, vielfältig, Bücher, wo man man nur hinguckt, ach ja, wo war eigentlich das E-Book… ? Digitaltechnik? Unheimlich viele Besucher, die immer genau bis 10 Uhr warten mussten, viele Medienvertreter, viele Autoren. Warum fängt die Messe eigentlich erst Donnerstag an? Und es gibt entschieden zu viele Veranstaltungen. Alles so wie im letzten Jahr? Nein, die Ereignisse der Buchmesse in Frankfurt kündigen sich immer deutlicher an: > Pressekonferenz zu #FRAFRA2017 – Frankreich als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Und von der Warte des Bloggers und Interviewers ging es diesmal politischer zu: > Nachgefragt: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte und > Nachgefragt: Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten. Gleich zwei wichtige Bücher mit dem notwendigen Handwerkszeug, um den Populisten entschieden entgegentreten zu können.

Wählen wir aus unserem Buchmessenfundus einige Fotos aus:

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Nachgefragt: Arno Frank, So, und jetzt kommst du

28. März 2017 von

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Wir haben in unserem Lesebricht zu dem Buch von Arno Frank festgestellt: Wenn Sie den Roman > So, und jetzt kommst du zur Hand nehmen, sollten Sie keine unmittelbaren Termine vor sich haben und möglichst eine Zugverbindung ohne Umsteigen gebucht haben. > Bitte weiterlesen.

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 hatten wir die Gelegenheit, Arno Frank nach den beiden Lesarten seines Buches zu befragen:

Es gibt zwei Lesarten dieses Buches, die sich überschneiden:

1. Wie hat der Autor es angestellt, dass dieses Buch so unglaublich spannend ist?
2. Lesart: War es an der Zeit, dass Frank sich diese haarsträubende Geschichte seiner Kindheit jetzt endlich mal von der Seele schreiben?

1. Lesart: Welche Mittel hat der Autor eingesetzt, um diese Spannung zu erzeugen?

Jutta, die Muttermit ihren Kindern, der Erzähler, Jeany noch im Kinderwagen, Fabian zügelt nach, halten zu ihrem Mann und Vater Jürgen, auch als er auf die schiefe Bahn gerät und seine Familie unbarmherzig, kompromisslos immer mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft mit sich führt. Ist das ein Erziehungsroman?

Tragisch und komisch zugleich?

2. Lesart:
Arno Frank hat – so der Klappentext – eine wahren Geschichte aufgeschrieben. Wann wurde, jetzt kommt die Erinnerung des Autors – der biographische Aspekt – dran, ihm und seiner Familie klar, dass mit dem Vater etwas nicht stimmte? Die Ratschläge, die er ihnen gab, Jetzt kommst Du dran, hat er immer wieder gesagt, waren ja nicht so doll.

In unserem Lesebericht steht: „Das Geheimnis ist das alle bescheißen. Alle.“ Jürgens Lebensweisheiten sind etwas dürftig und sein Sohn mag ihm nicht so recht trauen.
Wie es um die Geschichte aus ihrer Erinnerung bestellt? „Soviel Kaltblütigkeit auf einmal gibt es doch gar nicht, sagt sich der Leser, wenn er die Familie auf ihrer Hatz durch Europa begleitet und mit den Kindern mitleidet. Ob der Vater glaubt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben? Sein Kampf gegen alle?“ Welche Motive hatte er?

Wir müssen hier weg, wäre auch ein guter Titel gewesen.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2

Nachgefragt: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte

27. März 2017 von

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Kürzlich haben wir auf diesem Blog einen Lesebericht über das Buch des Historikers Volker Weiß > Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes verfasst.

Auf der Leipziger Buchmesse ergab sich eine Gelegenheit, mit Volker Weiß über sein Buch zu sprechen:

Der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, kam am Donnerstag 23.3., auf den Stand von Klett-Cotta und hat 30 Minuten mit Volker Weiß und auch mit dem verlegerischen Geschäftsführer von Klett-Cotta, Tom Kraushaar gesprochen. Über das Gespräch hat Volker Weiß in unserem Gespräch berichtet.

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Im Untertitel wird die „Neue Rechte“ genannt, aber das ist doch eher alter Wein in neuen Schläuchen? Das ist doch eher so, dass jetzt Personen und Gruppen, die politische Entwicklungen oft auf fragwürdige Weise interpretieren und ausnutzen, um sich als „neu“ zu profilieren? Außerdem wollten wir von Volker Weiß wissen, was das mit dem Abendland damit zu tun? „Der Untergang des Abendlandes“ klingt dramatisch, aber was steckt hinter dem Begriff „Abendland“ in der neurechten Sichtweise? Die neu auftauchende „Abendländer“ und Islamisten seien „in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung Waffenbrüder“, so resümiert der Klappentext eine der Thesen von Volker Weiß, wie meint er das? Mit welchen Strategien haben die rechtspopulistischen Parteien die meisten Erfolge?

Wie schafften die Anhänger der AfD es, aus ihrer ganz rechten Schmuddelecke heraus, in Landtage zu gelangen? Das Phänomen beschränkt sich keineswegs auf Deutschland: „die Rückkehr von Autorität und Religion von Politik vollzieht sich überall mit enormer Geschwindigkeit.“ (S.11) Was kommt da noch auf uns zu?

Weiß nennt als Gründe die Euro-Krise, aber „die künstliche Schöpfung einer neuen rechten Tradition unter der Flagge einer ‚Konservativen Revolution‘ die sich nach 1945 vom Nationalsozialismus abgegrenzt wissen wollte…“, (S. 12) aber auch nationalstaatliche Gedanken, die vom „Verfallsprozess bürgerlich-konservativer Politik“ (ebd.) zu profitieren, dies gehört doch zur Kernthese seines Buches? Die „Neue Rechte“ hofft darauf, dass Anhänger aus dem rechten bürgerlichen Lager ihren Sirenenrufen (blind) folgen.

„Archäologische Arbeiten“ nennt Weiß sein Vorgehen, die Entwicklung der neuen Rechten aufzudecken. Jede seiner Seiten ist spannender als jeder landläufige Artikel über die AfD. Der „zwischentag“ am 6.10.2012 in Berlin ist ein Glied der Kette? Sie zeigen Argumentationsmuster, die sich später in der AfD wiederfinden. Er schreibt „Die politische Agenda der Neuen Rechten ist seit Jahrzehnten ausformuliert.“ (S. 27) Haben wir da etwas übersehen?
Es folgt eine historische Analyse, faktenreich aber vor allem kenntnisreich, auf der Basis einer präzisen und geduldigen Recherche: „Das theoretische Gerüst der neurechten Bewegung ruht auf einem ausgeprägten Antirationalismus und die aristokratische Haltung ist nichts anderes als Pose,“ stellt Weiß fest. Schon Anfang der 70er Jahre stand die Neue Rechte „in einer faschistischen Bündnistradition“, (S. 31) so lautet ihr Ergebnis.

Volker Weiß
> Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes
1. Aufl. 2017, 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94907-0

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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